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Dienstag, 15. März 1928

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 62 Drittes Blatt

Turnen, Sport und Spiel.

Gauturntag

des Turngaues Hessen (O.T.) bpw. G i e s; e n, 12. Marz.

.Untere Stadt war am Sonntag der Treffpunkt , zahlreicher Lurnerabgeordneten, die sich zum 96. Gauturntag des Turngaues Hessen der D. L. im Saale des Cafe Leib, versammelten. QH8 der 1. Gauvertreter. Fabrikant 21. Pfeif­fer (Wetzlar), den Turntag eröffnete, konnte er rund 200 Turner begrüßen, darunter 159 Stimmberechtigte vom Gauvorstand, Gauturn- ausschuß und Gauausschuh und aus 85 Gau­vereinen, unter welch letzteren auch entlegene Orte von der Eder und vom Vogelsberg Verhältnis- mäßig gut vertreten waren. Außer den Gießener Turnern, die führend in der Gauleitung stehen (Gauoberturnwart W. Will. Gauschrist.ührer Carl Wenzel, Gausrauenturnwart R. Paul, Gauschwimmwart Sauer. Deziri svertre ter

Erle), nahmen aus unserer Stadt die folgen­den 21bgeordneten an den regen Aussprachen und Abstimmungen teil: vom Turnverein 1 846: Erb. Müller. Reining, Laudon, Dellof, <5cj)nei° der. Loh: vom M ä n n e r t u r n ver ein: Kling, Otautenbetg, Hebstreit, Müller.

Ein weihevolles Gedenken an dreToten des Jahres 1927 ging den Verhand- hingen voraus. Der Vorsitzende beklagte den Herden 2)erlust, den die Deutsche Turnerschaft durch das viel zu frühe 20)leben ihres Ober- turnwarts Max Schwarze erlitten. Auch den entschlafenen Getreuen des Gaues, die über das gewöhnliche Maß hinaus für die Turnsache ge­arbeitet haben, galt ein herzliches Gedenken. Besonders genannt wurden die Heimgegangenen Turnerführer Peter M a r g o l f (Mtv. Gießen), Christian Vater (Tv. Lich), August Becker (Tv. Dieder-Wöllstadt), Heinrich Franke (Tv. 1860 Bad-Aauheim).

Die Berichte über die vielseitige, von Er­folg gekrönte Tätigkeit des Gauss im abge­laufenen Jahre lagen im Druck vor. Was Gau­vertreter Pfeiffer, Gauoberturnwart Will. Gausrauenturnwart Paul, Gauschwimmwart Sauer. Gauvollstumwar't L u ck h a r d t und Gaufechtwart G r o o s in statistischen Angaben und durch Schilderung des Verlaufs der Ver­anstaltungen mitteilen, zeugt im allgemeinen von einer stetigen Fortentwicklung des Gaues, der mit 15 342 Angehörigen (darunter 12 145 steuerpflichtigen Mitgliedern in 160 CBereinen) den Bestand des Vorjahres trotz der sich be­sonders in vielen Landvereinen auswirkenden Wirtschaftlichen Rotlage gut behauptet hat. Dar­über hinaus enthalten die Berichte wertvolle Gedanken über die Pflege echten Turnerturns, und sollten daher in den Mitgliederversamm­lungen aller Vereine zur Kenntnis gegeben Werden. Auch der Bericht deS neuen Gau­rechners, Steueroberinspektor O e r t e l (Rie- der-Wöllstadt), zeigt, obwohl leider immer noch säumige 2kreine mit Beiträgen aus früheren Jahren im Rückstand sind, nach dem anerkennen­den Urteil der Rechnungsprüfer (Gießener Turnerschaft) ein wohlgeordnetes Bild, vor allem dank der sparsamen Verwaltung des Gaues, die im Laufe der Tagung wiederholt die be­sondere Billigung der Versammlung fand. Die Rechnung schließt ab mit 31 056,70 Mk. in Einnahme imd 29 329,03 M . in Ausgaben. Der Voranschlag für das Rechnungsjahr 1 9 2 8 sieht in Einnahmen und Ausgaben, ohne daß der seitherige Gaubeitrag erhöht wird, 18 824 Mk. vor. Unter den Ausgaben stehen die an Kreis und D.T. abzuführenden Beträge mit 15 788 Mk. voran. .

Ter Teil der Tagesordnung, der im Zeichen der Wahlen stand, wickelte sich recht flott ab. Die Zusamn^nsetzung der Gauleitung er­fährt in diesem Jahre nur eine kleine Der- änderung, indem für den verdienten Gauvolks- turntoart Luckhardt. der aus Gesundheits­rücksichten von seinem Amte zurücktrat. Lehrer Briel (Ockershausen), Jugendpfleger des Krei-

ses Marburg, in den Turnausschuh eintritt. Ausgesetzt wurde die Wahl des G a u - I u - gendturn-Wanderwarts, da ein geeig­neter Führer zur Zeit nicht zur Verfügung steht und auch nur der Turnverein 1 8 4 6 Gie - ß e n und die Turngemeinde Friedberg eine or- ganifierte Turnerjugend haben. Die Wahl des Ortes für das Gauturnfest 1929 fiel in erfreulicher Einmütigkeit auf Alsf e l d, nach­dem die Bad-Rauheiw.er Turnerschaft ihre Mel­dung zurückgezogen. Für das Gau s rauen - wetturnen 19 2 8, um das sich die 2kreine Laubach, Lauterbach, Lich und Ridda beworben hatten, hatten Lich und Laubach die meisten Aussichten. Die Wahlzettel entschieden für L a u- b a ch. Die Veranstaltung findet am 26. 21 u g u st statt. Gausrauenturnwart Paul teilte dazu mit, daß als volkstümliche Uebungen für die Wett­kämpfe der Turnerinnen Kugelstoßen 8 Pfund, 75°Meter°Laus und Hochsprung bestimmt sind, ferner daß eine Gaufrauenvorturner­stunde am 1. April in Gieße n, u. a. auch der Vorbereitung für Laubach gilt In Zukunft soll, wie auf Antrag des Gauvorstandes ein­stimmig beschlossen wurde, der Ort für das ®au­frauenturnen auf dem Turn tage des vorher- gegangenen Jahres bestimmt werden, wie das auch mit dem ©autumfeft seit Jahren geschieht. Der nächstjährige Oauturntag hat also für 1929 und 1930 über das Frauenwetturnen zu ent­scheiden. Das Gauwettschwimmen wurde einstimmig dem Tv. Wetzlar übertragen, der für den 15. Juli die Vorbereitungen trifft. Gauschwimmwart Sauer ermunterte zu regerer Betätigung amTurnen im Wasser" und for­derte zur Schaffung geeigneter Sch wimm- Hätten auf. wozu der Kreis-Bäderaus­schuß gern mit Rat und Tat zur Seite steht.

Zu den Gauveranstaltungen dieses Jahres teilte Gauoberturnwart W. Will einiges Wis­senswerte mit. Für das Gauturnfest. das die alte Turnerstadt Butzbach in emsiger Vor­arbeit für die Tage vom 30. Juni bis 2. Juli zurüstet, wurden als volkstümliche Hebungen der Wehrkämpfe bestimmt: Oberstufe: Weityoch- sprung. Kugelstoßen 7i/t Kilo. 100-Meter-Lauf: Mittel- und Unterstufe: Hochsvrung, Kugelstoßen 7'/« Kilo. 100-Meter-Lauf: Altersturnen 1. Klasse (35 bis 45 Jahre): Kugelstoßen 10 Kilo. 75- Meter-Lauf: Altersturnen 2. Klasse (über 45 Jahre: Kugelstoßen 10 Kilo, Weitsprung mit Brett. Bei den volkstümlichen Bezirksturn­festen dieses Jahres ist wieder ein Fünfkampf auszutragen, der eine Freiübung und die volks­tümlichen Geräte Hochsprung. Kugelstoßen. Lauf, Weitsprung umfaßt. Die Gauturnsahrt fällt in diesem Jochre aus.

Ein Kreis turn tag des Mittelrheinkreises der D.T. findet in diesem Jahre am 22. April in Hanau statt. Der Gau Hessen hat dazu außer dem Gauvertreter, der dem Kreisaus­schuh angehört. 2 4 Abgeordnete zu ent­senden. Es wurden nach längerer Aussprache bestimmt: Gauoberturnwart W. Will als Ver­treter deS Gauvorsihenden und dann die Turner C Wenzel (Gießen), Rektor Bach kGroßen- Linden), Schüler (Wetzlar), W. Erle (Gie­ßen), Erb (Gießen), Bopf (Groß-Eichen). R. Paul (Gießen). Dr. Koch (Ridda). Oertel (Rieder-Wöllstadt). T e x t o r (Marburg), G r o o s (Marburg). Dern (Rieder-Ohmen), Ludwig Schmidt (Heuchelheim), Schuchmann (Fried­berg). Kling (Gießen). Lang (Gießen). He­tz e r I e i n (Marburg). Wolf (Unter-Schmitten), Weih (Bad-Rauheim). Dr. Rern (Butzbach). : Thierolf (Friedberg). Reining (Gießen), : Dr. Stier (Marburg). Komder (Wetzlar).

Dazu kommen noch Pfeiffer (Wetzlar) in seiner Eigenschaft als Kreisvertreter und Oh- wald (Bad°Rauheim) als Mitglied des Kreis- 1 Presseausschusses.

> Eine längere Aussprache entspann sich um > einen Antrag der GiehenerTurnerschaft.

- der innere Verwaltungsangelegenheiten des

Gaues berührt, während ein Antrag des Turn- und Sportvereins Marburg und des 1. Bezirks

einmütiger Zustimmung begegnete, da er die unerschütterliche ©autreue der alt- hessischen Gebiete zum Gau zum Aus­druck bringt. Der Antrag hat folgenden Wort­laut:Der Gauturntag wolle beschließen, dah der 1. und 6. Bezirk bei einer Grenzregulierung zwischen dem 7. und 9. Kreis ungeteilt Bei dem Gau Hessen verbleiben. An­nahme fand auch ein beachtenswerter Dringlich­keitsantrag der Gauleitung, der den Abbau der Ueberorganisakion für notwendig hält und daher die Aushebung der Gau- verbände fordert. Der Antrag wird den Kreisturntog beschäftigen.

Das Deutsche Turnfest in Köln be­schäftigte naturgemäß auch den Gauturntag. Bis jetzt sind aus 29 Gauvereinen 666 Meldungen eingelaufen, so daß mit einem Sonderzug von Gießen aus bestimmt gerechnet werden kann. Der Gauvorstand wird die nötigen Schritte in nächster Zeit unternehmen. Gauvertreter Pfeiffer und Dr. Koch (Ridda) warben ein­dringlich und begeistert für die große vater­ländische Kundgebung am deutschen Rhein und gaben beherzigenswerte Ratschläge jedem, der in der Feststadt Tage ungetrübter Freude und Begeisterung verleben möchte.

Rach fünfstündiger fruchtbringender Arbeit wurde der sehr gut beschickte Gauturntag mit einemGut Heil" und einem Turnerlieo be­schlossen. nachdem Studienrat Thierolf (Fried­berg) der Gauleitung noch den Dank für ihre opferbereite Tätigkeit unter dem lebhaften Bei­fall der Versammlung übermittelt hatte.

Zechten im Turnqan Hessen (O. T.)

= Wetzlar, 11. März. Heute sand hier das Alt mannen - Ausscheidungssechten der Fechterriegen des Turngaues Hessen statt. Zwanzig der besten Fechter stellten sich dem Kampfgericht, das sich aus dem zweiten Krcisfechtwart E i ß n e r (Mainz), Schiebelhut h (Mainz), Gaufechtwart Groos (Marburg), dem ehemaligen Gaufechtwart N i e tz f ch (Bad-Nauheim) und Kühn (Friedberg) zufammensetzte und einwandfrei seine Entscheidun- gen traf. Oberturnwart Schneider begrüßte im Auftrage des hiesigen Turnvereins Kampfrichter und Fechter. Die letzteren, zwanzig an der Zahl, boten äußerst spannende und scharfe Kampfe, die von einer größeren Zuschauerzahl mit Interesse verfolgt wurden. Im allgemeinen wurde sehr schön und ruhig gefochten. Nachfolgend die Sieger liste:

Florett: 1. Sieg Hahn, Tv. 1860 Bad-Nau­heim ; 2. Gerhardt, Tv. 1846, Gießen; 3. Pfeffer, Tv. 1860 Bad-Nauheim; 4. Mulch, Turn­verein Wetzlar; 5. Schaust, Tv. Wetzlar; 6. Berlich, To. 1860 Bad-Nauheim.

Säbel: 1. Mulch, Tv. Wetzlar; 2. Hahn, Turn­verein 1860 Bad-Nauheim; 3. Gerhardt, Turn­verein 1846 Gießen; 4. Lemke, Tgrn. Friedberg; 5. Seibert, To. Wetzlar; 6. Kramer, Turn- u. Sport­verein Butzbach.

Die drei Er st en jeder Waffe sind berechtigt, an dem im Mai in D a r m st a d t stattfindenden Ausscheidungsfechten des Mittelrheinkreises für das Deutsche Turnfest In Köln teilzunehmen.

Handball der O. T.

Turnverein Wetzlar I Tv. 1846 I 10:3.

Wer dieses Ergebnis liest, der wird sehr er­staunt sein und die Wetzlarer eine Klasse höher einschätzen. Dem ist aber nicht so. Beide Mann- schasten hatten gleichviel vom Spiel. Was die Wetzlarer gefährlich machte, war der Sturm. Er verstand sich glänzend und zeigte sehr gutes Können. Besonders die Mitte spielte ausge­zeichnet. Die Taktik der Gießener Hintermann­schaft, einem solch schnellen Sturm gegenüber, war vollkommen falsch. Dazu kam noch die schwache Leistung des Torhüters, der den Wetz­larern zu billigen Erfolgen verhalf. Die Gie­ßener Stürmer waren gut, konnten sich aber gegen die Wetzlarer Hintermannschaft, im Der- I ein mit dem guten Tormann, nicht durchsetzen. I Alles in allem war es ein schönes Spiel. Die

Wetzlarer werden in der kommenden Spielrunde einen ernsthaften Gegner abgeben.

Treis a. d. Lda. l.Mannsch. Gr. Linden 3gb. 0:1.

Am Sonntag trafen sich diese Mannschaften auf dem Treifer Sportplatz. Treis stellte die körperlich stärkere Mannschaft, die sich jedoch gegen die jün­gere technisch bessere Mannschaft Großen-Lindens beugen mußte. Nachdem der eine Verteidiger von Treis ein Vergehen im Strafraum verschuldete, wurde der vom Schiedsrichter gegebene Dreizehn- meter sicher verwandelt. Dem Spielverlauf nach wäre ein höheres Resultat zugunsten Graßen-Lin- dens gerecht gewesen.

T. V. Heuchelheim.

Die erste Elf der Handballabteilung weilte am Sonntag in Butzbach und trug gegen die zweite Mannschaft des dortigen Turnvereins ein Gefell- fchaftsfpiel aus. Die Heuchelheimer traten mit Ersatz an, aber auch die Einheimischen konnten keine elf Spieler zusammenbringen. Nach schönem Spiel konn­ten die Gäste mit einem 5:2-Sicg den Platz verlassen.

Spielvereinigung 1900 Gießen.

Großer Erfolg der Ligamannschaft.

ö. Der vergangene Sonntag brachte die Begeg­nung mitSport" Kasse l. 1900s L i g a e l f, zur 2. Bezirksklasse gehörig, konnte den Gästen, die bekanntlich zur 1. Bezirksklasse in Hessen-Hannover gehören und darin auch eine große Rolle spielen, eine beachtenswerte 3 :0-Niederlage beibrin­gen und verschoß obendrein einen vom Schiedsrichter verhängten Handelfmeter.

Dem korrekt und sicher amtierenden Schiedsrichter Grünewald (V. f. B., Gießen) stellten sich die Kasselaner mit Ersatz für Kellner und Muth, wäh­rend man beim Platzverein Dietrich und Schwarz ersetzt hatte.(Sperr Kassel hatte Wahl, so daß die Einheimischen in der ersten Hälfte gegen den scharfen Nordwind kämpfen mußten. Dies brachte natürlich mit sich, daß die Gäste zunächst das Tref­fen überlegen gestalten konnten, doch konnte ihr schußschwacher Sturm nichts Zählbares erreichen. Allmählich -den sich auch die Blauweißen mehr zu einheitlicyen Aktionen zusammen. Das Spiel war jedoch durch die hohe Spielweise sehr beeinträch­tigt, so daß die schnellen Flankenläufe der Gießener Außenstürmer immer wieder zerschellten. Bei einem Durchbruch des Rechtsaußen wehrte ein Kasseler mit der Hand im Strafraum. Bönig, der über- ragende Torhüter der Gäste, schlug aber den Elf­meterschuß ins Feld, und der Nachschuß ging über das Tor. Dann erzielte 1900 kurz hintereinander zwei Ecken, die obwohl gut getreten, nichts ein­brachten. Das Spiel wurde dann ausgeglichener. 1900 erzielte auf Flanke des Rechtsaußen das Füh­rungstor, dem kurz vor dem Seitenwechsel nach schönem Zusammenspiel, ein zweites folgt.

Nach der Pause spielte der Platzverein mit Rückenwind. Kassel ließ Immer mehr nach, daran halfen auch Umstellungen nichts mehr. 1900 be­herrschte das Spielfeld, und nach schöner Einzel­leistung des Halbrechten fiel der dritte Treffer, damit Kassels Niederlage besiegelnd. Alle drei Tore der Einheimischen erzielte der erst 17jährige Mittel­stürmer Heilmann. Die Gästemannschaft fiel nun vollständig auseinander, und Gießen erzielte bis zum Schlußpfiff noch über zehn Eckbälle, denen Sport" Kastel nur drei entaegenfteüen konnte. Vielbeinige Derteidiguna ließ aber feinen weiteren Erfolg der Platzmannschaft zu. |_

Der Sieg 1900s war verdient und dem Spiel­verlauf nach eher noch zu niedrig ausgefallen. Die Elf spielte mit selten gezeigter Energie und war auf allen Posten gut besetzt.Sport" Kassel hat sehr enttäuscht.

Dem Ligaspiel voraus ging ein Gesellschaftsspiel 1900 Ligareseroe gegen Ballspielclub Sinn 1. Mannschaft, das 1900 knapp mit 3:2 zu seinen Gunsten gestalten konnte. Der Platzverein war durch das Fehlen drei der Besten stark ge­schwächt. so daß die Elf nicht zu der seither ge­meinten Form auflaufen konnte.

Die 1. und 2. Jugend kombiniert verlor in Niedergirmes gegen die dortige 1. Jugendelf knapp 1:2

Bre gowenen Berge.

Vornan von Clara Diebig.

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

12. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Maria Bremm stand am Ufer und lieh flache Steine hinflitzen übers Wasser. Sie machte das sehr Öickt, die Steine hüpften erst viele Male über den

-rspiegel, ehe sie versanken.Können Sie bat auch?" fragte sie lachend, als sie die Näherin er­kannte.So haben mir et als Kinder immer ge­macht zu Haus, ach ja, da war't doch auch chön!" Eine plötzliche Sehnsucht schien in ihr auf­geweckt. War die erwacht durch das «Piel mit den Steinen, durch den Duft des Flusses, der an ihrem Elternhaufe vorbei glitt, oder kam es daher, weil sie hier stand und wartete? Da oben lag der Moseltal. bahnhof, bald kam der Zug ob er den Kaspar mitbrachte? Maria fing an zu erzählen vorn Dorf, von Vater und Mutter und von den Geschwistern.

Wieviel Kinder sind Sie?"

Wir waren unserer neun, jetzt sind wir noch sieben."

Sieben Geschwister sieben Kinder noch glückliche Eltern! Das bleiche Gesicht der Einsamen färbte sich, oh, das mußte schön sein! Und sie bat: Erzählen Sie doch noch was von zu Haus!"

Aber Maria wurde jetzt unruhig. Sie wandte sich mehrmals um nach dem Bahnhof, spähte und schien ganz aufgeregt. r

Nettchen war feinfühlig, sie spurte, die andere hatte jetzt anderes im Sinn als die Unterhaltung mit ihr.Warten Sie auf jemand?"

Ja ach ja, ich glaube, et kömmt einer von uns zu Haus. Er hat mich als lang nit besucht. Da ah, da kömmt jetzt der Zug, auf Wiedersehn! Sie gab hastig die Hand und rannte davon.

Nettchen sah ihr enttäuscht nach, sie tfatte gehofft, länger mit dem Mädchen zusammen zu sein. Run sah sie, daß ein junger Mann eilig vom Bahnhof herunterkam, und daß das Mädchen ihm entgegen- lief, winkend und lachend. Wie, hatte die auch schon einen Schatz, vielleicht sogar einen Bräutigam schon?! Nettchen sah zu, wie sich die beiden begrüß­ten. Sie küßten sich aber nicht, sie schüttelten sich nur bie Hände. Jetzt kamen sie auch hier zum Wasser

herunter, sie suchten gewiß diesen einsameren Weg; oh, da wollte sie lieber nicht stören! Und schon drehte Nettchen rasch um. Als sie aber nach einer Weile verstohlen umfdjaute, sah sie, daß das Paar nicht Diel weiter gegangen war, es stand ungefähr noch am selben Fleck, das rosa Kleid ganz nah dem dunklen Rock. Und nun lehnte auf einmal das Mäd° djen seine Stirn an die Schulter des dunklen Rockes, und der Mann beugte seinen Kops herunter. Wollte er sie jetzt küssen? Ei, waren die so verliebt, daß sie nicht einmal acht gaben, wenn andere zusahen?!

Eine Nöte war im Gesicht der Spähenden aufge­flammt. Ah, jetzt, aber jetzt gingen sie fort! Nahmen die andere Richtung. Das Bahnhofsgebäude schob sich nun zwischen jene und sie. Die gingen jetzt wohl in den Weinberg, stiegen zur Höhe empor, setzten sich nieder dort oben, wo Wald war. Ach, ach! Ein tie­fer Seufzer stieg aus Nettchens Brust. Ach, das rosa Kleid, das sah sie im Geiste noch immer, es wehte wie lauter Freude. Sa jung war die und hatte doch schon einen Bräutigam, und sie, die so viel ätter war, hatte nichts, gar nichts!

Eine große Bitterkeit war in der Einsamen auf« gequollen. So wie heute, so wie jetzt, glaubte sie es noch niemals. empfunden zu haben, wie einsam sie war, wie leer ihr Leben. Und wie leer cs stets bleiben würde. Sie setzte ihre Füße schneller, sie lief. Jetzt achtete sie nichl mehr auf die Fähre, die, lang­sam über dem blauen Wasserspiegel schwebend, Spa­ziergänger hinüberfetzte zum Dörfchen am jenseiti­gen Ufer, das mit schönen, alten Fachwerkhäusern an obstbepflanzten Hügeln liegt, die nicht so stell anfteigen wie die Weinberge hinter der Stadt.

Sie sah nicht die sanfte Lieblichkeit brühen, vom Sonntagsfrieden noch verklärt, sie sah nur überall Paare Liebesleute und Mann und orau und Mutter, die ihre Kinder an der Hand führten. Ueber- all Menschen, die zueinander gehörten. Der ganze Sonntag war voll von ihnen ad), der ganze Äll- tag auch, die ganze Woche, das ganze Leden! Und sie, würde sie wirklich immer und ewig so allein bleiben müssen?! Ihle heißen, trocken brennenden Augen zwinkerten, ein unsagbares Gefühl schmerz­hafter Sehnsucht beengte sie, sie rannte noch schnet- (er, rannte wie auf der Flucht nach Hause zurück.

Gott sei Dank, jetzt war sie in ihrer ütube!

Vorm Spiegel, in dem sich vor nicht langen Tagen die blühende Jugend im rosa Kleid gespiegett hatte,

spiegelte sich die bleiche Näherin jetzt. Sie hatte auch ein helles Kleid an, hatte einen Sonntagshut mit Blumen auf den Flechten, hatte ein Gesicht darunter, das nicht unangenehm war aber was dann kam o Gott, was kam dann?! Mit einem Aechzen schloß sie die Augen. Und dann zerrte sie plötzlich den Hut vom Kops und schleuderte ihn in eine Ecke: weg, was sollte ihr der Blumenkranz?! Heftig zerrte sie auch an ihrem Kleid: weg, herunter damit! Es verbarg ja doch nichts. Sie riß die Augen weil auf, unbarmherzig bohrten' sich ihre Blicke ins Spiegel­glas: hier, hier, war die hohe Schulter, eine Schul­ter, die sich so wölbte, daß sie den ganzen Rücken rund machte und schief. Und hier die Hüfte war auch verschoben, trat zu stark vor o Jesus Maria! Sie schlug beide Hände vors Geficht und weinte laut. Nein, sie fand nie einen, der Sonntags mit ihr längs der Mosel spazierte und in die Weinberge hin­aufstieg, der den Arm um sie legte, an dessen Schul- ter sie lehnen konnte, wenn sie müde vom Alltag war! Und sie hatte nichts, für das sie sich mühen konnte, sorgen mit Liebe für wen, für was ver­diente sie eigentlich? für sich selber lohnte es ihr ja gar nicht.

Ihr Schluchzen erstickte sie fast, ihr runder Rücken schütterte, zwischen den Fingern liefen die Tränen durch. Sie tat die Hände nicht weg, sie mochte sich jelber nicht mehr sehen. So stand sie lange, versun­ken in ihr Leid.

Etwas ließ Nettchen plötzlich doch aufmerken. Es kraspelte draußen an ihrer Tür. Jetzt rief eine Kin­derstimme, und eine kleine Faust klopftean:Auf­machen, aufmachen, mach mir doch auf!"

Da ließ Nettchen Sd)mitz die Hände herunter­sinken. Wie Sonne nach Regen, so huschte ein freund­licher Schein über ihr vergrämtes Gesicht, sie wischte sich rasch über die Augen: sah mans auch nicht, daß sie so dumm gemeint hatte? Sie lief zur Tür und schloß auf: Gott sei gedankt, das Kind, das Kind kam zu ihr!

Sie hob es hoch in die Höhe, und bann hielt, sie es fest im Arm und küßt« es viele Male.

7. Kapitel.

Bei Herrn Dousemont waren es jetzt vergnügte Wochen. Sein Sohn, ber Doktor, war da. Sämtliche Honoratiorentöchter beschäftigten sich in Gedanken

mit dem jungen Arzt; auch die Mütter. Doktor Hein­rich Dousemont wurde viel eingeladen. Ader er hatte schon im geheimen gewählt.

Mir soll et recht fein. Wenn bu sie wirklich so liebst, wie du sagst, hab ich nix einzuwenden", sagte der . Alte, obgleich es ihm lieber gewesen wäre, der Sohn hätte sich bei seiner Wahl ein wenig beraten taffen. Es gab fo viele hübsche und auch sonst nette Mädchen hier, die insofern vorzuziehen gewesen wären, als sie hier beheimatet waren und einen großen Verwandten- und Dekanntenanhang hatten. Und da der Heinrich sich hier niederlassen wollte, hätte ihm so eine gleich Praxis mitgebracht.

Der junge Arzt lächelte: sein guter alter Herr, der hatte gewiß schon eine für ihn in Aussicht gehabt. Aber Praxis würde er auch schon bekommen; er war nicht umsonst ein paar Jahre Assistent in einem großen Donner Krankenhaus und nachher noch Leiter der Gynäkologischen Abteilung gewesen, er kannte sein Fach. Und es gab so viele abseitige Mo­selnester, die für äjtere Kollegen zu beschwerlich zu erreichen waren, die fielen ihm sicher zu; auf seinem Motorrad konnte er überall hin. Vielleicht schasste er sich, wenn er verheiratet war, ein Auto an, bann konnte ihn seine junge Frau immer begleiten. Er sah sich im Geist schon mit ihr fahren. Wie würbe sie staunen über die Schönheit der Landschaft! Sie kannte die Mosel nicht. Ihre blauen Augen würden sich verdunkeln vor innerer Bewegung, sie würde vor Entzücken jauchzen, in vollster Glücksempfin- dnng sich zärtlich noch dichter an seine Schulter schmiegen. In ihm selber zitterte es heiß, wenn er sich das ausmalte.

Ob. daß er sie nickst jetzt schon hier haben konnte! In Bonn hatte er sie täglich sehen können; nun war sie bei ihren Eltern in Berlin und würde auch da bleiben, bis es so weit war, daß er sie holen konnte. Wie lange, ach, wie lange dauerte bas denn noch?! Er glaubte es kaum mehr aushalten zu können. Eine nervös machende, immer mehr und mehr zunehmende Bräutigamsungebuld hatte ihn . befallen. Und die Nächte an der Mosel steigerten diese Bräuttgomsungeduld noch. Es waren erst Mainächte und doch schon überaus warm, Nächte von einer Lindigkeit, bie ansahten wie mit Samt- Händen und doch das Blut mit heimlichem Feuer zum Sieden brachten.

(Fortsetzung folgt.)