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Nr. 37 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, (3. Hebruar (928

Oer widerspenstige Bauer.

Don unserem Moskauer Mitarbeiter.

Moskau. Februar 1928.

Schon sind die Vertreter der Opposition einzeln oder in kleinen Gruppen nach dem mehr oder weniger fernen Osten gebracht. Trotzki, Rad.l und Zinowjew toehr hätte noch vor einem ^>ahre geglaubt, daß man diese Helden der Oktober­revolution einfach als gemeine Gegenr«wolutio- näre nach Sibirien und Mittelasien verbannen könnte? Kein Wunder, daß der sensationslustige europäische Zeitungsleser, wenn er von diesen Begebenheiten liest, in seinem Gedächtnis nach Analogien aus der groben französischen Devo­lution sucht und sich beeilt, den russischen Vor­gängen einen Zettel mit einer entsprechenden französischen Aufschrift, sei es:Termidor", oder Q3rumairc" oder sonst was. aufzukleben.

Inzwischen zeigt es sich jedem aufmerksamen Deobachter immer deutlicher, daß dieser Kampf derTitanen", der letzten Endes doch nichts als ein Kampf der verschiedenen Parteigruppen um die Macht ist, herzlich wenig mit dem zu tun hat. was sich gegenwärtig in den untersten Schichten der Sowjetunion abspielt. Eben glaubte die siegreiche Parteigruppe mit Stalin an der Spitze sich nach dem monatelangen Kampfe, in dem nicht von Revolvern und Bomben, aber um so mehr von Leninzitaten von beiden Seiten ausgiebigster Gebrauch gemacht wurde, sich eine kleine Erholung gönnen zu können, ilnb schon kommen von den zuständigen Wirtschaftsorganen Alarmrufe und Gefahrsignale mit einem Dachdruck und einer Schärfe, wie wir es in den vergangenen Fahren auch bei den vielenKrisen", die merkwürdigerweise zu einer Art Dauererscheinung in dieserPlanwirtschaft" geworden sind, nicht erlebt haben.

Zur nüchternen Wirklichkeit aus dem Debel der Parteistreitigkeiten zurückkehrend, müssen Stalin und seine Wasienträger d'e unangenehme Feststellung machen, daß der Widerstand eines namenlosen ..Jwanosf" oderPetroff" aus dem Lande für das gegenwärtige Regime viel ge­fährlicher ist, als eine noch so starke und durch große Parteinomen vertretene Oppo ition inner­halb der Partei. Denn ein Parteistrcit läßt sich schliehlich im Wege des Ausgleichs oder der Ausstoßung des unterlegenen Teiles erledigen. Der Gegensatz aber, der an der Wurzel aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten liegt, die sich jetzt mit einem so plötzlichen Dachdruck melden, ist der unüberbrückbare Gegensatz des russi­schen Bauern zum kommunistischen Staate, oder vielmehr zur kommunistischen Stadt. Dieser Staat möge sich wohl bei jeder Gelegenheit alsdie Republik der Arbeiter und Bauern" nennen, seine Führer mögen noch so viele schöne Reden über die Solidarität der Ar­beiter- und Bauerninteressen halten, es hilft alles nichts: der Bauer fühlt sich von der Stadt übervorteilt und handelt danach. Er er­innert sich immer noch an diegute alte Zeit", wo er für ein Pud Roggen 6 oder mehr Arschin Baumwollwaren kaufen konnte: und wenn er bei der jetzigen Preisrelation von der nationali­sierten Industrie nicht mehr als 1 bis 2 Arschin bekommen kann, dann schimpft er nicht nur. sondern bleibt eben zu Hause und ver­füttert den Roggen dem Dieh was er früher fast nie getan hat.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich mit solcher Wucht etwa seit Anfang Dezember offenbarten, haben ihren Ursprung darin, daß der Bauer mit den Getreideverkäusen trotz der dritten guten Ernte derart zurückhält, daß nicht nur der Getreideexport vollständig dar- niederliegt, wodurch der gesamte Ex- und Im­portplan für das laufende Jahr mit einem Schlage umgeworfen wird, sondern auch die Versorgung der Städte und übrigen Zuschuhgebiete in Frage gestellt ist. Haben doch einige nördliche Gouvernements im Dovember- Dezember nur ein Sechstel, ja sogar noch weniger der ihnen durch die Versorgungspläne zugewie- fenen Menge Brotgetreide erhalten. In Moskau und Leningrad sind vom 15. Ianuar ab Höchst-

Ein Kalbsbraten für Herrn van Beethoven.

Von Else Arnhei«.

Als es vom Mödlinger Kirchturm die zwölfte Mittagsstunde schlug und mit dem letzten Glocken­ton die Tür des Mödlinger Wirtshauses auf­sprang. um einen Gast hereinzulassen, den jedes Kind im Orte kannte, einenHerrn von mitt­lerer Gröhe und starkem Knochenbau, von kurzem Racken und breiten Schultern, aus welchen ein großer, runder Kopf mit starkem Haarwuchs, verwirrt, emporstrebte", fuhr in das Herz der biederen Frau Wirtin ein eisiger Schreck, die­weil ihr allsogleich einfiel, daß das letzte Stück Kälberne" vor einer Viertelstunde den Weg allen Fleisches gegangen war, und in ganz Mödling auch nicht das winzigste Teilchen dieses sanften Tieres aufgetrieben werden konnte, so sehr sie das im Augenblick auch wünschen mochte.

Denn akkurat das wollte der Herr van Beet­hoven, der wieder einmal von einer durchge­gangenen Wirtin hauswirtschaftlichen Röten überlassen war, wie das nicht selten vorkam.

Verwirrt, und in der Furcht vor einem Wut­ausbruch des Meisters zitternd, wagte die gute Wirtin nicht, die Wahrheit zu gestehen und rettete sich zunächst, diensteifrig knicksend und unverständliche Worte murmelnd, in die Küche, den Gast sich selbst überlassend, der knurrenden Magens und übelster Stimmung sich einzureden versuchte, daß nur ein saftiges Stück gebräun­ten Kalbsbratens das gestörte leibliche und see­lische Gleichgewicht wiederherstellen könne, ein Unterfangen, das die unausbleibliche Enttäu­schung denn wie gesagt, es gab nichts Käl­bernes in Mödling ins Ungeheure steigern mußte.

Indessen stand vor Beethovens Haus, das der Gastwirtschaft gerade gegenüber lag, ein gutgekleideter Herr, seines Ramens Moritz Schle­singer, seines Zeichens Musikverleger in Ber­lin, und überlegte, wie es wohl anzufangen sei, sich bei dem berühmten Meister bestens einzuführen, hatte er doch nichts geringeres im Sinn, als ihn um die Lieberlassung einiger Werke für seinen Verlag zu bitten. Herr Moritz Schlesinger war sich völlig darüber klar, daß er unter Umständen eine vergebliche Reise nach

preise für Mehl und Brot eingeführt, was nach den üblen Erfahrungen der Kriegs- und Dach- kriegszeit an sich schon genügt, um bei den Ver­brauchern eine Art Panik hervorzurufen.

Sucht man in der Sowjet-Wirtschaftspresse nach einer Erklärung für die Ursachen dieser plötzlichen Krisenerscheinung, so muß man zu­nächst die überraschende Feststellung machen, daß für die eigenartigen Wirtschoftsverhältnvse dieses Landes der bekannte Sah:Hat der Bauer

Geld..anscheinend keine Gültigkctt hat. Denn wenn man den Sowjetzeitungen glauben soll, so münden diese Erklärungen in dem paradox klin­genden Satze aus. daß der Bauer z u v i e l Geld hat. Dun, allzu viel dürfte es nicht sein, es stimmt aber, daß er nicht weih, was er mit diesem (Selbe anfangen soll, er hat jeden­falls kein Interesse daran, noch mehr Geld zu bekommen. Er wartet daher mit dem Berkaus seines Roggens und seines Weizens ab, speichert

Was geht tn Indien vor?

Von Major £. Orees, Abieilungovorsiand im Michswehrministerium.

Das englische Imperium hat bekanntlich in recht erheblichem Maße unter den Dachwehen des Weltkrieges zu leiden: die ganze Struktur des ehemals so sestgesügten Weltreiches macht augenblicklich eine Krise von recht beachtlichem Ausmaß durch. Die ganzen durch den großen Krieg in nachhaltiger Weise geänderten Ver­hältnisse auf politischem und wirt'chastlichem Ge­biet tragen das ihrige dazu bei. Es sei nur erinnert an die Selbständigkeitsbestrebungen der Dominions, an die durchaus noch nicht be­hobenen Schwierigkeiten in Aegypten und schließlich an die zur Zeit im Vordergründe stehenden Unruhen i m Kaiserreich Indien. Cs ist gewiß nicht zuviel gesagt mir der Behauptung, daß nichts das Mutterland Eng­land unmittelbarer berührt als Schwierigkeiten in Indien, der Perle des britischen Weltreiches, denn mit dem Erhalt dieses Besitzes steht und fällt das stolze Imperium, daran ist nicht zu zweifeln. Was geht nun zur Zeit in Indien vor. was ist der Grund zu den augenblicklichen Un- ruhen?

An sich gewiß dem Fernstehenden nicht recht ersichtlich, denn es handelt sich doch anscheinend darum, daß das Mutterland Schritte unternimmt, den Eingeborenen gewissen dauernden E i n- sluß auf die Regierung einzuräumen, mithin doch ein Entgegenkommen, das bei den Indern eigentlich auch Entgegenkommen aus- lösen müßte. Die Sachen liegen jedoch etwas anders, und man kann nicht umhin, die ab­lehnende Haltung der Inder wohl zu verstehen. Bereits im Iahre 1917, anläßlich der Krsigs- wirren, waren den Indern die sogenannten Montagu-Shelmssordschen Refor­men versprochen. 3m Iahre 1919, als England vor gewissen Schwierigkeiten im Orient stand, sah sich die Regierung gezwungen, unter dem Druck der. indischen Dationa bewegung diese Re- formen durchzuführen. Es geschah dies zu­nächst als Provisorium für ein Jahrzehnt. Die Reformen schufen eine Fürstenkammer, einen Staatsrat und eine gesetzgebende Versammlung. Dach Ablauf des Provisoriums sollten die Re­formen ihre endgültige Fassung erhalten. Das Dezennien ist noch nicht abgelaufen, erst im Iahre 1929 ist es soweit und doch hat die englische Regierung bereits eine Korn m i s s i o n ernannt, und diese ist Anfang Februar in Bom­bay eingetroffen, wo ihr ein keineswegs be­geisterter Empfang bereitet wurde. Was ist der Grund, einmal für das anscheinende Ent­gegenkommen der englischen Regierung, die Ver­fassung vor Ablaus der Frist schon endgültig einzusehen und andererseits für die durchaus ablehnende, ja feindselige Haltung der Inder?

Der Grund ist in Wahrheit darin zu suchen, daß es der augenblicklich in England am Ruder befindlichen Konservativen Partei daran gelegen ist, noch vor den, spätestens zu Anfang des Jahres 1929 stattfindenden Deuwahlen, die Verhältnisse in Indien derart zu regeln, wie sie den Absichten der Konservativen und ihren Anschauungen über die Erhaltung des Welt­reiches entspricht. Daß diese Anschauungen von denen der ' beiterpartei erheblich abweichen, hat sich ja .reifs anläßlich der Frage des Ausbaus des Flottenstützpunktes Singapore zur Evidenz erwiesen. Selbstverständlich wird auch hier wie immer in heiklen Situationen das Kind nicht beim richtigen Damen genannt, son-

Wien gemacht habe, denn die Verleger Peters und Breitkopf & Härtel, mit denen Beethoven in bestem Einvernehmen stand, waren eine starke und nicht zu unterschätzende Konkurrenz.

Wie er also noch überlegend vor dem Hause auf und ab wanderte und sich noch immer nicht getraute, hineinzugehen, vernahm er plötz­lich einen kräftigen Fluch, das heftige Zuschlägen einet Tür und sah, wie Iemand, den mäch­tigen Oberkörper vornübergebeugt, zornig geröte­ten Gesichts, das von lockigen, zerzausten Haaren umwallt war, hastig die Straße überquerte.

Fast wäre er mit ihm zusammengestohen und einen Augenblick lang sah er in das Gesicht des an ihm vorüber Stürmenden, sah eine breite, hochgewölbte Stirn, ein Paar scharfe Helle Augen unter buschigen, finster zusammengezogenen Brauen, eine breite, kurze Olafe, zwei fest auf* einandergepreßte Lippen und ein kräftiges, vier­eckiges Kinn und wußte: das war Beethoven.

Der Eindruck, den er empfing, war fo stark, daß er es nicht über sich gewann, den Meister cmzurufen, der in fein Haus stürzte und ihn wohl kaum beachtet hatte. So wartete er noch eine geraume Weile, ehe er ihm folgte, nicht gerade zuversichtlicher Stimmung, denck die Laune es Meisters schien ihm nicht dazu angetan, ihn seinen Bitten geneigt zu machen.

Zwar wurde er empfangen, aber Beethoven grollte, und da er nun in Herrn Moritz Schle­singer einen willigen und teilnahmsvollen Zu­hörer fand, entlud sich sein Zorn vor dem Fremden, der mit Erstaunen vernahm, daß der große Komponistder unglücklichste Mensch von der Welt sei, weil er im Wirtshaus, aus dem et eben komme, ein Stück kälbernen, wozu er Lust verspürte, nicht erhalten hätte."

Daß Moritz Schlesingers Gefchäftsvorschläge in diesem Kummer untergingen, war voraus­zusehen, aber der. kluge Mann gab noch nicht alle Hoffnung auf. Eiligst nahm er sich einen Wagen, fuhr nach Wien zurück und ließ in seinem Gasthof einen herrlich braunen Kalbs­braten auf einer Schüssel anrichten, die er mit ehrerbietigsten Grüßen auf schnellstem Wege nach Mödling sandte.

Lind was geschah? Herr Schlesinger hatte es nicht mehr nötig, andern Tags noch einmal in Mödling vorzusprechen, denn Beethoven kam selbst nach Wien. Lieberglücklich und gerührt von so viel Aufmerksamkett, wollte er dem

dem ihm em Mäntelchen umgehangen. Das vor­zeitige Aufgreisen der Frage wird also von der englischen Regierung damit motiviert, daß die Llnsicherheit über die Gestaltung der zukünftigen Verfassung dazu beitrage, die inneren Gegen­sätze erheblich zu verschärfen, toertr der ruhigen Entwicklung des Landes abträglich sei, und dieser Llmstand könne nur durch baldige end­gültige Regelung der schwebenden Frage behoben werden.

Die Inder aber denken anders, sie durch­schauen die augenblicklichen 'Absichten, sie wollen durchaus nicht unter Einwirkung der jetzigen Regierung einen bindenden Dauerzustand vor­zeitig schaffen, sie erwarten für ihre nationa­listischen Bestrebungen erheblich günstigere Lösung von der zukünftigen . Regierung. Von jeder anderen Regierung versprechen sie sich jedenfalls mehr Entgegenkommen für ihre Wünsche als von der jetzigen. Lim so unverständ­licher ist es von der Londoner Regierung, daß sie die Kommission lediglich aus englischen Par­lamentariern zusammengesetzt, also die Inder selbst ausgeschlossen hat. AIS in Sonderheit die Erregung darüber' recht offensichtlich wurde, be­schwichtigte England die Gemüter dahin, daß die Kommission zunächst nur Vorarbeiten zu leisten habe und falls hierbei von feiten Indieirs das erforderliche Entgegenkommen zutage trete, das Ergebnis der Feststellungen einer paritätisch zusammengesetzten größeren Kommission vorgelegt werden würde.

Eines der für Einrichtung und Aufrechterhal­tung der englischen Herrschaft in Indien wesent­lichsten Momente ist ja ber religiöse Zwie­spalt zwischen Hindus und Mohammedanern. Als vorübergehend zwischen diesen eine gewisse Einigung erziett wurde, standen bekamtlich die Sachen für England nicht günstig, es kam daher diesem sehr ge.egen, daß diese Gegensätzlichkeiten wieder auf lebten; nun wurde aber im ver­gangenen Dezember auf dem Dationalkongreh in Madras die Aussöhnung zwischen Hindus und Mohammedanern erneut vollzogen und damit der antienglischen Bewegung erst der nötige Rückhalt gegeben und die Unterlage für den Boykott der K o m m i s s i o n s a r b e i t e n geschafsen. Kurz gesagt, augenblicklich dürsten sich in Indien wieder ähnliche Zustände finden wie zu Beginn der 20er Iahre, die damals von Eng­land in recht geschickter Weise durch den Datio- nalkongreß in Kanpur 1925 beseitigt wurden.

Daß Eng'ands unversöhnlicher asiatischer Geg­ner Rußland hier nicht müßig, ist selbst­verständlich, die kommunistische Propaganda hat in letzter Zeit wieder sichtlich zugenommen, es sei nur daran erinnert, bah erst im vergangenen Monat bavon die Rede war, daß die Regierung einer groß angelegten revolutionären Verschwö­rung in Bengalen auf die Spur gekommen, die sichtliche Anzeichen sowjetistischer Machenschaften zeigte. Was weiter wird, muh die Zukunft lehren, für die indischen Bestrebungen dürfte es darauf ankommen, die Einheitsfront zu halten, für England hier Bresche zu schlagen wie damals im Iahre 1925. Daß ihm dies noch­mals gelingen wird, liegt jedenfalls nicht außer­halb des Bereiches der Möglichkeit, und Eng­land hat ja schon öfters seine Geschicklichkeit in Behandlung schwieriger politischer Probleme be­wiesen.

freundlichen Spender persönlich danken und über­reichte ihm das WidmungsblattGlaube und Hoffnung."

So war es also ein Kalbsbraten, der eine Verbindung einleitete, die dem klugen Verleger in der Folge das Verlagsrecht für fünfund­zwanzig schottische Lieder, drei Klaviersonaten und zwei Quartette eintrug, ein Kalbsbraten, der eine der hübschesten Anekdoten um den Meister entstehen ließ und eine jener Seiten aufbedte, in denen Beethoven, der Unsterb- liche, sterblich war.

Oaö Porträt

Von Liesbet Dill.

Ich bin in Wasserfarben gemalt und mehr­mals gezeichnet, mit Kohle und mit Röthel, aber das größte Bild ist in Oel gemalt und hat einen prachtvollen goldenen Rahmen. Dieses schönen Rahmens wegen hing es lange über meinem Flügel und jeder sagte:Ach, find Sie das?", und bettachtete das Bild lange und ernst. Oder man fragte:Was ist denn das für eine Dame?" Einer fragte:Wer hat Ihnen denn das ge­rne len? Also derartige ilrteite war ich satt und eines Tages wanderte das Bild dorthin, wo es hin gehörte, nämlich in die Rumpel­kammer.

Aber selbst dort störte es die Ruhe bes Hauses, da der Rahmen sehr groß war unb bas Bilb selbst Lebensgröße hatte unb ich Garbegröhe habe. Ieber, ber etwas dort oben suchte, stieß sich an bas große Bilb. Eines Tages staub eine Annonce in ber Zeitung. Iemand suchte einen großen Biiberrahmen. Ich meldete mich. Am nächsten Morgen würbe mir gesagt, ein Mann sei heute bagew-esen, der freu Rahmen kaufen wolle. Er sei Anstreicher unb an freien Tagen male er Landschaften und dazu brauche er einen schonen Rahmen. Da nun die Leinwand so teuer fei, bäte er, ihm doch die Leinwand mit zu über­lassen.

Aber doch nicht das Bild?" sagte ich entsetzt.

Dein, das würde er schön überstreichen, er brächte morgen Pinsel und Farbe mit. Ich erlaubte es und ging zur Stadt.

Als ich heimkam, war das Llnglück geschehen. Der Mann war dagewesen und hatte den Rah­men abgeholt.

sein (Schreibe auf haben ihm doch auch die kommunistischen Redner so Viel von dem kom­menden Krieg eingeredet.

Hieraus ziehen die Sowjetwirtschaftler den praktischen Schluß: Lim den Bauern einen An­reiz zum erneuten Berkaus ihrer Produkte zu geben, muß man vor allem ihre Taschen von demüberflüssigen" (Selbe entleeren. Das weitere Anziehen ber Steuerschraube hilft hier nichts, alles, was auf biete Weife burch bic er- brüdenben birclten Steuern herauszuholen war, ist herausgeholt worden. Das natürlichste Mittel wäre ja: dem Bauer die von ihm so arg benötigten Industriewaren zu vernünfti­gen Preisen anzubieten. Das ist aber auch das Schwierigste. Lim von den Verkaufspreisen der staatlichen Industrietrusts, die allen Befehlen zum Trotz nicht heruntergehen wollen, gar nicht zu reden - es fehlt auch an den Waren selbst.

In den Monaten OktoberDezember ist die industrielle Produktion zurückgegangen. Teilweise aus QHangel an Rohstoffen, die von der Land­wirtschaft geliefert werden sollten (Flachs, Wolle, Häute, Oelfamen usw.). Also eine Art circulus viciosus... Außerdem gelangen die Waren, bic aus ben staatlichen Fabriken herauskommen, nicht an bic Bauern, oder wenigstens nicht in dem Maße, wie es sein sollte. Wir haben ja so oft in den letzten Monaten von dem glänzenden Sieg gehört und gelesen, den der Sowjetstaat über den'Tschastnik", über den Privathandel, soweit er noch bestand, Errungen hat. Die Pri­vathandelsfirmen sind auch tatächlich, den hoff­nungslosen Kanrpf um ihre Existenz aufgebend, zu zehntaufenden in Liquidation gegangen (die Kehrseite der Medaille ist, dah etwa 40 Millio­nen Rubel rückständiger Einkommensteuer, die die liquidierten Privathändler schuldig geblieben sind, nicht eingetrieben werden können). Aber diese Privathändler waren es gerade, die durch ihre Arbeit ben wirtschaftlichen Dlutwechsel zwischen ber kommunistischen Stadt und dem privatwirtschaftlichen, bäuerlichen Lande vermit­telten und einigermaßen aufrecht erhielten. Der unzureichende und schwerfällige staatliche Han­delsapparat vermag nicht den Privathändler zu ersetzen. Der Pyrrhussieg über den Privat­handel hat den Riß zwischen Land und Stadt vertieft, den Aerger des Bauern verschärft.

Da man dem Bauer keine Waren bieten kann, ist man im Kreml auf die glückliche Idee ge- tommen, ihm statt dessen um ihm zu Helsen, sein Geld los zu werden eine Staats­anleihe anzubieten. Anfang Januar ist eine Anleihefür die Befestigung der Landwirtschaft" in Höhe von 100 Millionen Rubel aufgelegt worden, die nach dem Plane des Finanzkom- missariats auf dem Lande untergebracht werden soll. Wie sind die Aussichten für d e Unter­bringung. dieser Anleihe. Es genügt wohl, zwei Zahlen anzuführen. Erstens haben in den fünf Jahren, seitdem die Sowjetregierung die Staats­sparkassen wieder geöffnet hat, die Spareinlagen ber 100 Millionen russischer Dauern die lächer­liche Summe von 10 Millionen Rubel erreicht (Ende 1927). Dicht viel besser steht eS mit den ländlichen Kreditgenossenschaften, die auch gänz­lich unter kommunistischer Leitung stehen unb kein Vertrauen der Dauern genießen. Hier haben die Einlagen in der gleichen Zeit 30 Millionen Rubel erreicht (vor der Revolution war der ®tn- lagebeftani) unter Berücksichtigung der ver­änderten Kaufkraft des Rubels nahe an eine halbe Milliarde). Bedenkt man ferner, daß tS der Sowjetregierung gegenüber den Bauern an jenen wirtschaftlichen Druckmitteln fast gänzlich fehlt, dank deren es ihr gelang, die neuer­licheJndustrialifierungsanleihe" zum großen Teile bei den Arbeitern und Sowjetbeamten unterzubringen, so finA die Aussichten, durch dieses Mittel dem Bamkr sein Geld abzunehmen und seiner Verkaufssabotage gegenüber dem Staate ein Ende zu machen, die denkbar un­günstigsten.

Diese Bauernopposition ist für das ganze politische und wirtschaftliche Gefüge des Sowjetstaates viel gefährlicher, als es eine Parteiopposition fein kann. Zwar ist diese

Das Bild auch?"

v3a, das hat er auch mitgeholt."

Aber er hat es doch überstrichen, 5 off ent < sich?"

Ach nee," sagte das Mädchen,er sochte, bas wäre doch schade um so e schcenes Bild, das ginnte er nid) iwers Herze bringen. Lin et yat's mit dem Rahmen mitgenommen.

Da ich nicht wußte, woher dieser Mann kam, noch wie er hieß, noch wo et wohnte, so hänge ich nun in Lebensgröße in einem gelben Ball­kleid über bem Sofa in ber guten Stube eines mir unbekannten Anstreichermeisters zwischen sei­nen Landschaften, die er an Sonntagen malt.

Sowas kann auch nur dir passieren," sagte meine Freundin Katharina.

HochschulnachnchLen.

Die Preußische Akademie der Wissenschaften hat den Professor an der Llniversität Madrid, Dr. Hugo Obermaier, ben Professor an ber Universität Kopenhagen, Dr. Hans Ostenfelbt-Lange, ben Präsidenten der Akademie ber Wissenschaften in Wien, Hof rat Prof. Dr. Oswalb Re blich unb ben Präsi- benten ber Ungarischen Akademie bet Wissen­schaften in Dubapest, Geheimrat Prof. Dr. Albert Berzeviczh von Betzevicze zu forte« spvnbierenden Mitgliedern ihrer philvsvphisch- historischen Klasse, ben Professor an der Llni­versität und Direktor ber Llniversitätssternwarte zu Leipzig, Dr. Julius Bauschinger zum korresponbierenben Mitglied ihrer physikalisch- mathematischen Klasse gewählt. Amtlich wird die Ernennung des v. Professors Geh. Me­dizinalrats Dr. Erich Lexer in Freiburg i. D. vom 1. April 1928 an zum ordentlichen Professor für Chirurgie an der Llniversität München bestätigt. Geheimrat Lexer tritt in München an die Stelle des nach Berlin über» gesiedelten Prof. E. Sauerbruch.

Der a. o. Professor für Volkswirtschaftslehre Dr. rer. pol. Wilhelm Röpke in Jena hat einen Ruf als Ordinarius an dip Llniversität Graz als Dachfolger von E. Lukas erhalten. Prof. Dr. Robert Schwarz in Freiburg L B. hat den Ruf als Abteilungsvorsteher am chemischen Institut der Llniversität Frankfurt am Main als Dachfolger von Prof. A. Sieverts angenommen.