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Nr. bl Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Nlontag, 12. März (928

Nordamerikas Einwanderung einst und jetzt.

Don unterem A. G. A.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Neuhork, Februar 1923.

Das Recht eines Landes, der Einwanderung von Ausländern gewifse Grenzen zu ziehen und zu bestimmen, wen es als Bevölkerungszuwachs willkommen heißen will und wen nicht, ist un­bestreitbar Wenn die Vereinigten Staaten z. B. drei kleinen Ländern Europas mit insgesamt 800 000 Seelen gestatten, jährlich die gleiche Zahl Einwanderer herüberzu chicken wie China, Japan und Indien mit der tausendfachen Bevölkerung, so hat dies feine guten Gründe. Oeffncte Amerika den Ueberzähligen der ganzen Welt Tür und Tor, so wäre es zweifellos in turger Zeit s e I b st übervölkert. Denn, wenn es auch zutrisft, daß Nordamerika Platz hat zur Aufnahme eines Mehrfachen feiner gegenwärtigen Bevölkerung, so sind doch die Raumverhältnifse keines­wegs der Maßstab für die Aufnahmefähigkeit eines Landes. Wäre dem so, dann konnten ja die Curopamüden sich Afrika zuwenden. Es unterliegt allerdings keinem Zweifel, daß faktisch das ganze Gebiet der Bereinigten Staaten be­wohnbar ist und ertragsfähig gestaltet werden könnte, dies könnte aber nur dann geschehen, wenn die Einwanderung sich gerade dorthin lenken ließe und die Einwanderer genügend Mittel hätten. um Pionierarbeit zu verrichten. Aber sie gehen nach der Ankunft am ameri­kanischen Gestade ihre eigenen Wege, und alle Bemühungen der Behörden, den Zustrom zu verzweigen und zu verteilen, haben glatt versagt. Die Gründe hierfür sind so zahlreich und so offensichtlich, daß sie der Erörterung überhaupt nicht bedürfen.

Ganz abgesehen vom wirtschaftlichen Gesichts­punkte, spielt hier auch die Raffenfrage mit, die natürlich vom Kongreß nach Möglichkeit übertüncht und vertuscht wird. Wenn internatio­nale ,Höflichkeit" gebietet, daß Amerika an­standshalber China, Japan, Indien ein Iahres- kontingent von 100 Einwanderern zugesteht, ist dies Grund genug dafür, daß das gleiche Zu­geständnis auch ganz kleinen afrikanischen oder asiatischen Ländern gemacht wird, deren Völker vom amerikanischen Standpunkte aus bedeutend wenigerbegehrenswert" find als die des Fernen Ostens? Es ist nicht einzusehen, warum der amerikanische Kongreß nach wie vor behauptet, er wolle nurwünschenswerte" Einwan­derer, solange das auf solche Länder ent­fallende Kontingent von dem Europas abgezogen wird und jeweils 100 Weiße zurückbleiben müssen, um Zuwanderern auÄ afrikanischen Aegerstaaten Platz zu machen.

Tatsächlich lassen die Vereinigten Staaten jähr­lich große Mengen Farbiger aus den briti­schen Besitzungen in Westindien herein, um die ständig zusammenschrumpfende Zahl der Holz­fäller, Handlanger usw. wenigstens einigermaßen zu ergänzen, während im Südwesten die Mexi­kaner in Scharen über den Rio Grande kom­men, um die von Italienern und Irländern ge­bauten Bahnstrecken instand zu halten, auszu­bessern, zu erneuern. Der immer stärker wer­denden Bewegung, auch die Einwanderung auS Wittel- und Südamerika zu lontingen- ttcren, opponieren vor allem die Großunter­nehmer, die Dahnen, die Besitzer riesiger Weide­ländereien usw., mit dem Hinweis darauf, daß der Mexikaner und der Reger mit geringem Lohn zufrieden ist, daß der Farbige, dessen An­spruchslosigkeit ihn in bezug auf Lebenshaltung auf eine niedrige Stufe stellt, gewöhnlich im Lande bleibt, während auch der mexikanische Sachsengänger die Frucht seiner Arbeit und dazu noch einen beträchtlichen Teil seines verdienten Geldes in den Vereinigten Staaten zurückläßt, wenn et wieder heimwärts zieht.

Merkwürdig ist es aber, daß gerade die Leute, deren Opposition gegen eine freizügige Cin- wanderungspolitik sich auf die Furcht vor der Gefahr einer Senkung des amerikani­schen Lebenshaltungstandards grün­det, niemals von sich hören lassen, wenn die britischen Schwarzen und die mexikanischen Halb-

blütler der einheimischen Arbeit Konkurrenz machen. Man sieht, die amerikanische Cinwande- rungsp'olitik läßt alle möglichen Schlüsse zu. nur keinen einheitlichen. Die Fiktion, daß Amerika jemals als Zufluchtstätte der aus politischen Gründen Verfolgten und Verfemten aller Welt gedacht war, ist nachgerade als das erkannt, was sie in Wahrheit immer gewesen ist. teils die Halluzination von Träumern, größtenteils ober kra ser Schwindel. Allerdings hat sich zuweilen der oder jener, der sich alter Ordnung nicht an- pa'sen wollte, nach Amerika gewandt, aber er wurde nicht alspolitischer Flüchtling" zuge- laifen, sondern als ganz schlichter Einwan­derer, den man zufällig brauchen konnte. Denn damals war die Einwanderung noch gering. Die europäischen Regierungen wol ten ihre Landes­kinder nicht so ohne weiteres einem ungewissen Schick'al entgegenziehen lassen. Das Reisen war kostspielig, die Reisegelegenheiten waren spär­lich, und die neue Wett jen eits des Atlantik hatte wenig Verlockendes zu bieten.

Aber mit dem Lauf der Iahre, als ein Gebiet ums andere hinzuerworben wurde durch Kauf oder aber durch Krieg, wenn nötig, um die europäischen Regierungen der Rordhälste der westlichen Hemisphäre fernzuhalten, ward es klar, daß die räumliche Ausdehnung des Landes nutzlos war, solange nichts zur Besiedlung dieser riesigen Gebiete geschah. Mnb die Folge war eine Einwanderungspolitik, die nur ein einziges Ziel im Auge hatte: die größtmögliche Zahl Einwanderer in der kürzest- möglichen Zeit. Aber auf Iahre hinaus floß der Einwandererstrom trag in einem seichten Bett einher. England hatte andere Kolonien zur Erschließung und Besiedlung. Die kontinen­talen Regierungen erschwerten die Auswande­rung andauernd. Erst als die Bevölkerungs­dichtigkeit die räumliche Enge zu fühlen begann, öffnete man die Schranken, wie z. D. in D e u t s ch- l a n d nach der dem deutsch-französischen Kriege folgenden Depression. Oesterreich-Ungarn begün­stigte die Auswanderung erst viel später, so daß das Iahr 1890, auf dem die gegenwärtige Ein­wanderungs-Kontingentierung beruht, überhaupt nicht, wie es manche fälschlich behaupten, als Spitzenjahr angesehen werden kann, sondern ledig­lich als Rormaljahr einet großzügigen Ein­wanderung.

Seit den frühesten Sagen der dreizehn eng­lischen Kolonien hatte sich ununterbrochen ein schwacher Auswandere, ström nach Nordamerika ergossen; als Faktor im Aufbau der amerikani­schen Ration aber blieb er bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts bedeutungslos. Der jungen Regierung der Vereinigten Staaten drängte sich die Frage auf, welcher Art die Folgen fein würden, wenn die Bevölkerung des Landes nicht rascher zunehme als bis dahin. Die neuen amerikanischen Staaten waren noch nicht imstande gewesen, eine feste Grundlage zum ungestörten Aufbau ihres nationalen Eigenlebens zu errichten, ihre Unabhängigkeit war noch immer fremder Bedrohung ausge.etzt, und die Monroe- Doktrin war noch kaum eine Maßnahme zum Schutze Lateinamerikas (als welche sie jetzt ge­meinhin aufgelegt wird) sondern zu dem der Vereinigten Staaten selbst. Im Bürgerkriege erwies es sich, daß zumindest England und Frankreich sich den Teufel um diese Doktrin scherten Mexiko erhielt einen ihm von der französischen und der englische» Regierung aus- erforenen Kaiser. Infolge der Differenzen zwi­schen Preußen und Oesterreich mußte Rapo- leon III. Maximilian im Stich lassen, der Habs­burger lieh sein Leben, die Monroe-Doktrin halte eine böse Schlappe erlitten.

Jetzt begann im amerikanischen Einwande­rungswesen die Politik der offenenTüt. Je mehr, desto besser. Amerika mußte Leute haben, die es verteidigen konnten. Die nahm man, wo immer und wie immer man sie fand. Man fragte nicht viel, wenn sie tarnen, fragte sie auch später nicht, als sie sich einbürgern ließen. Die bereitwillige Ausnahme dieser Scharen war nicht nur eine Sache der Landesverteidigung im militärischen Sinne, sie geschah auch in Rück­sicht auf internationale Beziehungen. Denn die Vereinigten Staaten wuchsen auch deshalb in ihre ete.lung als Weltmacht hinein und erfreuten sich hoher allgemeiner Achtung, weil alle Welt

so viele Stammesgenossen hier wußte. Dazu war jeder (singeiDanbc.te ein ganz bestimmter nai o- naler A.tive osten, und wenn er an irdischer Habe auch nichts mitbrachle. seine Hände auch leer toaren. so brachte er doch f i ch selber, seine Arbc.t-.ust und all die geistigen Güter seiner Heimat mit herüber.

Damals war nicht England und nicht Rord- Jrland der vereinigten Staa.en bester Freund. Es ist unrnög ich, im Rahmen dieses Au iatzes auch nur in den flüchtigsten Umrissen d>e vielen Versuche der Engländer zu f iz ier:n, den in­zwischen um Louisiana, die Floridas, Oregon, Te.as und Ka i omien vergrößerten Kolo.nen Schwierig e ten zu machen o.er sie, trenn möglich, zurückzucrolem. Während Eng a d um Haa.es- breite daran war, d e Süd.aa.en°..onsöderation als selbständiges Staaliwe en anzuer en e., war es der aus Süd-Jrmnd, aus Deutschland Zu- getoanbeite, der die Sch achten schlug, die Eng­land von einem Begehr tarierten, das die Männer in Washingto . notgebrunge : a sKriegs- Handlung hätten betrachten müssen, und das sich in tausend Schikanen o fenoarte.

Mit dem Inkrafttreten der nationalen A b st a in m u n g s k l a u s e l würde England 39 032 Einwanderer gewinnen, Deutschland und der irische Freistaat wurden 42104 verlieren. Entspricht dies den amerikanischen Begrif en von Recht und Gerechtigkeit? hört man fragen. Leider aber ist Gerechtigkeit nicht immer und unbedingt das Ziel aller Gesehgeoung, noch hält sie sich an das, was historisch begründet und angebracht ist. Das beste, was im 69 Kongreß erreicht werden konnte, war ein einjähriger Aufschub, und dies trotz der Tatsache, daß die mit der Ang l'genheit betrauten Regierungs­stellen, das Staats-, Handels- und Arbeitsamt, nicht imstande waren, günstiger zu berichten als hier auszugsweise wiedergegeben:

Obgleich dies die beste erlangbarc Infor­mation ist. möchten wir doch erklären, daß nach unserer Ueberzeugung die erhältlichen statistischen und historischen Daten (über die Abflammung des amerikanischen Dölier- g'm schs) starke Zwei el an dem ganzen Wert e A s eil n'en und Er ebangen als Unter» läge ü. de geöa t n Zwecke (Q ejfon.ingcntie» ruag der Ei.-wanoecung) cctocaen. Wir Oer» m gen unter diesen Um änden keine Berank» Wortung >ür etwaige Schlußfolgerungen zu übernehmen."

Dieser Brief vom 3. Januar 1927 an Prä» fLent Coolidge war von den Herren Kellogg. Hoover unb Davis unterzeichnet uni) war \ er Geleitbrief zu den früljer erwähnten Reueontin» genticrungü i fern auf Grund dernationalen Herkunft". Was die drei Reg e-.-ungschefs da» mit sagen wollten, ist, daß sie nicht einzusehen vermögen, aus welcher Que.e die Herren Sta­tistiker eigentlich ihre Information le ehen. Und mit dieserInformation", für die nicht einmal ihre Entdecker einst ehen, die zumindest den Herren Kellogg, Hoover und Davis nicht genügt, will man nun eine Verschärfung der Ge ehe be­gründen.

Wenn irgendein triftiger Grund das - "or* liegt, warum England und Nord-Irland 3.) 00 mehr, Deutschland und der Irische Freistacn a.?er um fast 43 000 weniger Einwanderer nach Ame­rika schicken dürfen, so läßt sich allenfalls darüber reden. Nickt aber über Fin e i und Täuschungen, die darauf berechnet sind, e nem Betrug das Mäntelchen historich becrü..d..er Berechtigung umzuhängen. Das sollten sich die Herrscha ten im Kongreß noch einmal reiflich überlegen. Das sollen und werden vor allem d i e großen Verbände der Fremdgeborenen in diesem Lande, mit der deuisa)-amerikanischen Steuben-Gesellschaftander Spitze, ihnen noch einmal nachdrücklich zu Gernüte führen.

Tumen, Sport und Spiel.

Am die westdeutsche Fußballmeisterfchafi.

Preutzcn Krefeld- Kurhcssen Kassel 2:1.

Das Spiel um die westdeutsche Fußball- Meisterschaft in Krefeld geüxum Preußen Krefeld gegen Kurhessen Kassel mit 2:1 Toren. Die Krefelder zeigten zwar nicht mehr als die Kurhessen, aber durch ihre Platz» kenntnis gelang es ihnen, den Sieg zu erringen. Das Spiel der Kurhessen hinterlieh einen recht guten Eindruck.

Km die süddeutsche Fußballmeisterschaft.

In der Runde der Weister toaren am gestrigen Sonntag sämtliche Mannschaften auf dem Plan. Das weitaus meiste Intereffe kon­zentrierte sich auf die Begegnung der beiden Spihenvereine, die in München zwischen Bayern München und EintrachtFrank- furt vor 25 000 Zuschauern stattsand. Eintracht war durch die Verletzung dreier Spieler stark benachteiligt, htnterlieh aber doch einen Über­zeugenden Eindruck und kam nur durch Pech um einen nicht unverdienten Sieg. Sie lag bereits acht Minuten nach Spielanfang mit 2:0 in Führung. Halbzeit 2:1 für Frankfurt, und hielt dann mit geschwächter Elf mit 2:2 wenigstens den Gewinn eines Punktes fest. Der Karls­ruher Fuhballverein empfing in bester Form die S p. V g. F ü r t h, der er sehr lebhaften Widerstand leistete und ebenfalls ein 2:2 abrang. Fürth versuchte vergeblich zum Sieg zu gelangen, muhte sogar zweimal den Gegnern einen Vor­sprung überlassen, den auszugleichen viel Mühe kostete. Deutlich überlegen erwiesen sich die Stuttgarter Kickers gegen Wormatia Worms. Die Schwaben siegten mit 5:3 Toren, wodurch ihre im ersten Spiel erlittene Riederlage wettgemacht wurde. Deutlicher als es das Spiel-

ergebnis von 4:1 Toren besagt, war der Sp o r t- verein Waldhof dem Fuhballverein Saarbrücken überlegen. Saarbrücken trat allerdings ohne Zeimet an und war trotz aller Anstrengungen fast durchweg macht os. An der Tabelle ändert sich durch die beiden Unent­schieden nur wenig. Kickers Stuttgart hat Wor­matia Worms vom 5. auf den 6. Platz verdrängt.

In der Runde der Zweiten und Drit­ten. Gruppe Rordwest fanden nur zwei Spiele statt. Der Tabellenführer, F. Sp. V. Frankfurt, lieferte Rotweiß Frankfurt ein teilweise sehr schwaches Spiel. Ramentlich in der ersten Halbzeit konnte F. Sp. V. gac nicht zur Geltung kommen und muhte dem Gegner mit 0:2 die Führung überlassen. Erst gegen Ende des Sviels fielen die drei Tore für F. Sp. D., das dritte sogar erst fast gleichheitigl mit dem Schlußpfiff. Ergebnis 3:2 für F. VP. Eine große Ueberraschung vollbrachte Saar 0 S Saarbrücken, der als vorletzter der Tabelle den F. Sp. V. 0 5 M a i n z 1:0 schlug. Hierdurch wurde Mainz aus seiner bedrohlichen Lage ge­genüber dem glücklicheren F. Sp. V. Frankfurt verdrängt und folgt diesem nunmehr mit sieben Punkten Abstand bei zwei Spielen weniger. Da- Treffen V. s. L. R e d a r a u gegen Borussia Neunkirchen wurde beim Stande von 9:1 für Reckarau wegen schlechter Platz» unb Wit- terungsverhältnisse abgebrochen. In der Gruppe Südost fand in Nürnberg der unge­mein wichtige Kampf zwischen dem 1. F. C. Nürnberg und dem mit 3 Punkten führenden F. C. Wacker München statt. 15000 Zu­schauer konnten die Feststellung machen, daß die Münchener durchaus gleichwertige Gegner waren. Trotzdem schien der Club mit 2:1 gewinnen zu wollen, doch lieh seine leichtsinnig gewordene Verteidigung kurz vor Schluß den linken Flügel des Gegners durchbrechen und den Ausgleich mit 2:2 erzielen. Der Sp. CI. Freiburg hatte sich seinen Kamps gegen den V. f. B. Stutt­gart auf eigenem Platze zweifellos leichter vorgestellt. Die Stuttgarter waren in guter Form und rangen dem Freiburger ein 3:3 ab.

Die gowenen Berge.

Roman von Clara Diebig.

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.

11. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Ein schönes Gesicht! Der Landrat klemmte das Augenglas ein.

Sieh einer den alten Schlemmer an! Wo hatte der sich so was nur aufgetrieben? Viel Blicke rich­teten sich auf das errötende Mädchen. Herr Douse- mont hatte leise kommandiert:Immer von links 'ran Maria! Don links anbieten!" Sie machte an­fänglich viele» verkehrt, aber das tut nichts, wenn eine so hübsch ist.

Wie heißen Sie, Kind?"

Maria."

Na, prost, Mariachen!" Man tränt ihr zu.

.Hochmut kömmt vor den Fall," sprach grimmig die alte Lena.Bild dir beileib nur nix ein!"

Bildete sie sich denn etwas ein? Maria war sich keiner Einbildung bewußt. Ueber die Grimmigkeit der Lena war es das beste, zu lachen. Aber es machte sie glücklich, daß die Gäste so freundlich zu ihr waren, und daß der Herr Dousemont sagte: Bring du mir immer den Kaffee, dann schmeckt der mir besser" und daß der Sohn des ersten Metzgers am Ort, und der Herr Polizeisergeant, und der junge Kaufmann am Marktplatz sie immer wie­der aufforderten, sich Sonntags doch ausführen zu lassen. Sie hatte aber niemals daran gedacht. Sie hatte Sonntag um Sonntag gewartet: ob der Kas­par heute wohl kam?

Leichten Schrittes ging Maria Bremm durch die Enge der Kreisstadt. Eigentlich ist eine einzige Straße die ganze Stadt. Und diese Straße hat kaum so viel Brette, daß zwei Gefährte sich ausweichen tonnen; von ihr 'liegen ein paar noch schmalere Gasten ab, die einen führen hinab zur Mosel, dun­kel und still, die anderen steigen gleich über die Stufen hinaus in die Weinberge. Marias Fuße spurten das spitzige Pflaster nicht, ihr Gang war heute noch leichter, der Gang einer Jugend, die von

Freude zu Freude eilt. Sie ging wie beschwingt: Herr Dousemont hatte ihr ein Kleid geschenkt. Schön, wunderschön war das, ganz rosa. Das ging sie jetzt anprobieren. Herr Dousemonts Sohn, der Herr Doktor, kam auf Besuch nach Haus, da sollte sie es anziehen, das wollte Herr Dousemont. Herr Dousemont freute sich mächtig, ein ganzes Jahr war fein Sohn nicht bei ihm.

Der Stoff war nichts Kostbares, ein rosa Wasch- toff, aber als Maria jetzt darin vor dem Spiegel >er Näherin stand, dachte die bleiche Person: wie chön macht sich der Stofs! Es kommt eben nur wrauf an, wer das Kleid an hat. Und das Gesicht erhebend, das neben der Frische der anderen noch fahler erschien, sagte Fräulein Schmitz neidlos:Es kleidet Sie gut." Aber ihre Finger, die an dem schlanken Rücken des Mädchens noch Stoff wegneh- men muhten, zitterten leicht. Sie hatte den Rücken viel zu weit und zu breit gemacht.

Als Hütt' ichn Puckel," lachte Maria.

Die blaffe Näherin lächelte stumm und ließ em paar Stecknadeln fallen.

Nettchen Schmitz war eine Schneiderin, die viel zu tun hatte; sie nähte Kleider und Wäsche, Besseres und Einfacheres, Feines und Grobes, sie nähte alles. Sie saß den ganzen Tag am Fenster ihrer kleinen Stube bei der Arbeit; der Zeigefinger chrer linken Hand war schon ganz zerstochen, sie mußte ein Schutzhütchen darauf setzen. 2ns Surren der Nähmaschine hinein schrie der Kuckuck der geschnitz­ten Schwarzwälder Uhr Stunde um Stunde, aber sie hob nicht den blonden Kops, sie arbeitete ohne Pausen meist durch bis zum Abend. Alle Dienstmäd­chen im Ort wollten jetzt Kleider für den Sommer gemacht haben aus buntem Musselin; auch Bürger- töchter beehrten sie mit ihrer Kundschast, und für der Frau Bürgermeister ihre Jungen hatte sie Hemden 5u machen. Sie hastete, die Maschine schnurrte ohne Unterlaß, die blassen Hände schoben eine Naht nach der anderen unter den Stepper, der Kops mit dem vielen fahl blonden Haar blieb immer in der gleichen gesenkten Haltung. Nur daß sie einen Blick zum Fenster hinauswarf, wenn draußen die Kinder spielten.

Das Haus, in dem Fräulein Schmitz unten Zim- mer und Küche hatte, war alt und verwohnt, aber es lag so sehr still; es war das letzte der Gasse, kein

ratterndes Fuhrwerk kam hier vorbei, es war recht abgelegen. Wenige Schritte nur, und man war an der Mosel; die floß auch ruhig und sacht, und die Kinder, die hier am User spielten, konnten nicht in die Gefahr kommen, von einem Ochsengespann, einem Auto oder einem Motorrad überfahren zu werden. Und doch fuhr Nettchen Schmitz erschrocken auf, wenn zuweilen ein besonders laut gellender Schrei ertönte; dann streckte sie sogar hastig den Kopf zum Fenster heraus und nahm mit einem er­leichterten Aufseufzen ihre Arbeit erst wieder auf, wenn sie gesehen hatte, daß es nur Lustgeschrei war und keinem der Kinder etwas passiert war.

Sie hätten Kinder haben müssen," sagte die Frau von oben. Die schob, wenn sie weggehen mußte, ihre Kinder einfach dem Fräulein in die Stube.Sie verstehen sich arg gut auf Kinder!"

Die Kleinen von oben spielten Nachlaufen und Derstecken zwischen den bunten Stoffen, die auf Tisch, Bett unb Sofa lagen, sie rissen auch wohl einmal einen leichten Musselin auf den Boden; sie brachten alles in Unordnung, aber Fräulein Nett­chen behielt immer das gleich geduldige, zärtliche Ächeln. Wenn die kleine Katharina sie zu arg quälte, sagte sie sanft und hauchte dabei einen Kuß auf die Kinderstirn:Sei brav, Kachrinchen. Dann näh ich auch deiner Pupp en schön Kleid!" Und wenn das Kachrinchen dann längst schlief, ihre Mut­ter auch, alle Menschen im Haus schliefen, dann saß das Nettchen noch bis lange nach Mitternacht auf und staffierte das zerlumpte Wechjelbalg der kleinen Katharina neu aus. Reine Nacht lüft und Wafferduft tarnen durchs Fenster, sie hatte das offenstehen, es kam schon keiner herein.

Nettchen Schmitz lebte allein; sie hatte keine El­tern mehr, und im Ort auch niemand Verwandtes. Sie hatte nicht einmal eine Freundin, denn sie war aus den Jahren heraus, in denen man schnell Freundschaften schließt und was sollte sie auch wohl mit den jungen Mädchen? Die ließen sich bunte Kleider machen, die sprachen mir von Vergnü­gen und von ihren Schätzen. Die Schneiderin war nicht liebenswürdig, sie war wortkartz und erschien oft unfreundlich, und doch batte sie eine Sehnsucht, sich mit^uteilen; eine Sehnsucht wie eine Flamme, die heimlich brennt und darum um fo schwerer äu löschen ift Einsam, ach, immer so einsam! Denn sie

doch nur eine Seele hätte, die zu ihr gehörte, zu der sie sprechen könnte:Du bist mein."

Heute war es Sonntag. Ein Frühlingssonntag mit goldenem Licht und schmeichelnder Lust, der alle herauslockte. Nettchen hatte nach den Kindern oben gerufen, aber die waren leider nicht da. Niemand war da, die Gasse wie ausgejtorben. Mit einem Seufzer sah sie sich im Zimmerchen um: Lappen und Läppchen aufgefegt, über die bunten Stoffe ein Tuch gebreitet, alles so leer. Ihre Stube gähnte sie an. Ach, der einsame Sonntag war schwerer noch zu er­tragen als der einsame Alltag. An dem hatte man wenigstens Arbeit, aber jetzt, was hatte man jetzt?! Zweimal schon war sie heute in der Kirche gewesen, zur Frühmesse, zum Hochamt sollte sie nun noch zum drittenmal hingehen? Ach nein! Es fröstelte sie plötzlich, sie spürte den kühlen Hauch der steinernen Wölbung. Draußen war Sonne, draußen war Leben. Sie stülpte den Hut auf und ging au« der Stube.

Dielen begegnete sie, Frauen mit Männern und Kindern, Mädchen, ledigen Burschen, hellen Klei­dern, Lachen und Fröhlichkeit; aber alle streiften Nettchen nur ein Wehen, ein flüchtiger Augen- blick, und sie waren vorbei. Sie empfand es jetzt doppelt, daß sie allein war. Es tut nicht gut, wenn man am Sonntag spazieren geht und hat nichts, gar nichts bei sich. Nettchen tat die Helle des Tages weh, sie empfand die fast grausam an ihren überange- ftrengten Augen. Ihre schweren, etwas entzündeten Lider brannten trocken. Sie ging zur Mosel hin­unter, da wehte es kühl; und hier blieb sie eine Weile stehen. Sie sah zu, wie die große Fähre nach der anderen Seite des Wassers hinüberfchwebte; auf ihren Planken Männer, Frauen und Kinder trug, sogar ein Auto. Es war nicht viel Strömung jetzt, die Mosel fast seicht, langsam ging es, sehr langsam, es schläferte ein. Planlos gin^ sie dann wieder zu- rück: was sollte sie hier noch langer? Da sah sie ein Kleid aus rosa Musselin wehen, ein Kleid, das sie genau kannte, hatte sie doch erst vor wenigen Tagen den letzten Stich daran genäht.

Herrn Dousemonts Maria hatte Nettchm von allen Mädchen am besten gefallen, mm war fte er­freut, die beute zu treffen.

(Fortsetzung folgt)