Nr. 10 Zweiter Blatt
SietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Donnerstag, (2. Januar 1928
Soldaten und Staatsmänner.
Aus den Memoiren des britischen Zeldmarschatts Robertson. - Politik und ÄriegSführung im Lager der Alliierten.
Der Streit über den Zusammenhang und die Wechselwirkung von Politik und Kriegführung tu em lehr alter. Schon Blücher beklagte sich, bah die Zeder verdorben habe, was das Schwert gewonnen, und selbst im Hauptquartier eines Wilhelm I. rangen Feldherr und Staatsmann miteinander Dielet Widerstreit ift grundsätzlich barau! zuruckzuführen. daß Politik undKricg- suhrung sich nity! gegeneinander abgrenzen lassen, daß Kriegsüyrung - Politik ist. Am einprägsamsten Hai Elauiewitz diese Wahrheit in die Worte ge atzt: .Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Zwischen Politik und Kriegsührung. Kriegführung und Politik gibt eS keme 3ä|uren. Aber diese Tatsache darf nicht au dem Glauben verleiten, daß es das Amt des Feldherrn sei, die politischen 3iele zu bestimmen. die er erkämpfen soll, und daS Amt des Staatsmannes, die operativen Wege zu seinem Ziele zu bezeichnen. Niemals ist es ohne Aeberlchreitung dieser Kvinpetenzen abgegangc.i. es se> denn, daß an der Spitze der Heere al- Staatsmänner und Feldherren gleich bebrüten be Herrscher standen.
Im Weltkriege konnte die Flüssigkeit der sogenannten Grenzen zwischen den beiden Gebieten katastrophale Auswirkungen haben. Die Mittelmächte haben die Schwierigkeiten des Problems sattsam fcnnengclerni. ihre Gegner aber noch um viele» mehr, denn sie zählten in ihrem Verbände die heterogensten, geographisch meist weit auSeinandersiegenden Partner, waren durch Verträge und Zusagen gesesselt und liehen ihre Armeen von Feldherrn führen, die in starker Abhängigkeit von wechselnden Regierungen und launischen Parlamenten waren. Wie durch den Spalt eines Vorhanges tonnte man bei der Lektüre eines bescheidenen Büchlein» De3 Eap- tains Peter Wright aus das militärisch-politische Durcheinander im Lager der Westmächte bilden. Weit öffnet sich nun der Vorhang in den •ttimerungen. die der Weltkriegs-General- stabschef der Engländer. Feldmarschall Sir William Robertson, kürzlich unter dem Titel ^Soldaten und Staatsmänner" veröffentlicht hat. (Sine von Doronin Else und Baron Karl Werkmann besorgte deutsche Ausgabe ist dieser Tage bet der Deutschen VerlagS- gesellschaft für Politik und Geschichte. Vertin, erschienen.»
S» gab un Weltkrieg auf der Seite der Entente kaum eine grohere operative Handlung, die nicht politische Rücksichten oder einfach da» Vesferwissenwollen der Minister angeregt, beeinflußt oder gar verdorben hätte, ilm die Russen nicht untontrolliert nach Äonftantinobel zu lassen gingen die Engländer nach Dallipvli. Den Balkanfeldzug betrieb der französische Ministerpräsident au» parteipolitischen Gründen. Rach Bagdad und Mossul zielten „Petroleum"- Vorftöhe. die militärisch zweckwidrig und sogar schädlich waren. Der Entscheidung de» Weltkrieg» an der Westfront wollte Lloyd George ausweichen, teils weil er von Strategie nicht» verstand, gewlh aber auch, weil er Frankreich nicht die .Dloire" des kriegsentscheidenden Schlage» und damit den Aufstieg zur kontinentalen Vormacht gönnte Richt weniger oft hat die Kriegführung auf öle Politik abgefärbt. Die Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen gestatteten die Heranziehung Italien» und vereitelten den Anschluß Bulgarien». Da» Durch- und Gegeneinander militärischer und politischer Erwägungen. Interessen und Bedenklichkeiten feierte schließlich einen wahren Herensabbath bei den Beratungen über die Vereinheitlichung des Kommandos, Und der Mangel an Verständnis für die personellen und materiellen Bedürfnisse der militärischen Führer brachte die Westmächte im Frühjahr 1918 an den Rand de» Abgrunds.
Dies alles erzählt Robertson, einer der erbittertsten Gegner einer geradezu lächerlich organisierten Obersten Kriegsleitung in London, mit gewöhnlich klaren, harten, gelegentlich aber auch mit dunkeln, verschleiernden Worten. Seine Erinnerungen sind eine wahre Fundgrube von Material, da» un» die politische und militärische
Lage bei den Westmächten grausam deutlich enthüllt Grausam deutlich — denn das Licht, da» Robertson verbreitet, zeigt un» mehr al» eine versäumte Gelegenheit für die Mittelmächte
2m Rahmen eine» Zeitunasausiatzes ist es ausgeschlossen. auch nur das Welenllichste biefeä hochinteressanten Buches zu besprechen. Wir beschränken uns daher au’ eine kurze Betrachtung von zwei Punkten, der Versuche Lloyd Georges, die Hauptanstrengungen von der West- an die Cüdfront zu verlegen, und die organisatorische und operative Minderleistung der Westmächte knapp vor der Frühjahr»osfensive der Deutschen im Iahre 1918.
Wr. Lloyd George ging von dem Wahne aus. daß dem Äricg ein Ende bereitet werden könnte, wenn man die ..Stützen" Deutschland» — Oeflerrei<b-U ngatn, Bulgarien, die Türkei — zerschlüge Schon auf der interalliierten Konferenz zu Ro 1 Januar 19-7. überraschte er seine Derbünbet.ni und feine eigenen militärischen Berater mit c;ncm Plan, der eine englisch» französisch-italienischeOs» fensive durch die Iulischen Alpen aus Laibach und Wien vvrsah. Die Italiener waren von diesem Diane begreiflicherweise erbaut, die Franzosen leynten ihn aber ab. da er ihre Front geschwächt und in Gefahr gebracht Hütte. AIS sich die englischen und sranzösischen Delegierten nach Hause begaben, schloß sich ihnen in der Rähe von Pari» der neue französische oberste Befehlshaber. General Ri veile an. der eine gewaltige Offensive au der Westfront beabsichtigte. Der wankelmütige englische Premier war für iyn sofort gewonnen. Die Rivelle-Offen- sive scheiterte bekanntlich wenige Tage nach .hrem Beginn und hatte eine Dertrauenstoise im französischen Heere zur Folge, die sich in recht bedenklichen Meutereien kundgab. Bald (am nun Lloyd George aus seinen Feldzug gegen Oesterreich zurück. Gegen b\c Einsprache feines Genera lstabe» ließ er ihn xiuf der Pariser Kon- serenz in der zweiten Iulihälfte Wiederaufleben. Da gab der italienische Generalftadschef Gadorna — unter dem Eindruck gegenüber feiner Front aufgetauchter deutscher und österreichischer Verstärkungen — den Gedanken an eine Offensive auf. Er brach sogar die zehnt« Isonzoschlacht vorzeitig ab. Damit war Lloyd Georges Plan abgetan Die österreichisch-deutsch« Offensive konnte beginnen, ohne auf ein im Aufmärsche ober gar schon im Vormärsche begriffenes englisch- französisch-italienisches Heer zu flogen Wi« wir heute wissen, hätte daS englifch-iranzösische Eingreifen in Venetien wahrscheinlich nur d.e Folge Sßabt, daß Engländer und Franzosen in da» ißgeschid der Italiener mitverwidelt worden wären.
Dix' Entwicklung der Ereignisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen hatte dazu geführt, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn im Ausgang des IahreS 1917 wohl den Italienern einen schweren Schlag versehen konnten, bk Frag« aber ungelöst blieb, wie der ganze Strieg mut-- körifch xu beenden sei. Der Zusammenbruch Rußlands und da» Ausscheiden Rumänien» aus dem Krieg schien aber für das Iahr 1918 einen Weg freizumachen. SS konnten Truppen auS dem Osten nach dem Westen gebracht und darauf gebaut werden, daß die Südwestfront keiner Stutze bedürfte. Die deutsche Oberste Heeresleitung entschloß sich daher zu einem großzügigen Früh- jahrSangriff im Westen
Robertson darf für sich die Voraussicht in Anspruch nehmen, dies« Offensive ziemlich genau oor- ßerge (agt und alles versucht zu haben, um ihr erfolgreich entgegentreten zu können. Seine Bemühungen sind aber vergeblich gewesen, denn in Downing Street begriff man in diesen schicksalsschweren Stunden nicht das Gebot von der Einheit der Politik und Kriegführung.
Die Warnungen auf Grund des fortwährenden Eintreffens deutscher Verstärkungen an der West- front und die Vorhersage ein - wahrscheinlichen oer- zweifelten Versuches des Feindes, seinen Gegnern den Sieg vor der Rase wegzuschnappen, wurden, was alle praktische Zwecke anbetrifft, unbeachtet gelaßen. Der wiederholte Antrag, von den
Kriegsschauplätzen im Orient alle Truppen, die nicht für Veneibi^ungszwecke gebrauch, wurden, abzu- ziehen, um dem im Westen drohenden Angnss so stark al» nur möglich entgepenttet.n ju können, wurden gleichfalls mißachtet, in Palästina sollte ein Offensivkrieg ntrrnommen werden D,e Anforderung von 6OUO0U Mann die im Jahre 1918 dem Heere gegeben werden sollten, wurde von dem Komitee für Fragen des Menschenmaterial» durchführbar und unnötig verworfen, undurchführbar mit Rücksicht auf den brinccnberen Bedari anderer Dienste, unnötig mit Rücksicht auf d.e defensive Politik, die für die Westfront oorges.-' .agen worden war Der Veschluf'. die VcrLigimg über die Reserve einem französisch • britisch italienisch amerikanischen Exekutivausschuß zu i ber- trogen. machte das Kommandosyftem der Alliierten noch unbefriedigender denn je zuvor, denn es vermehrte die Zahl der bereits bestehenden Autoritäten und teilte die Armeen in zwei Teile — einen
• Darmstadt, 11. Ian.
Auch am heutigen zweiten Tage der Hess. Landwirtschaftlichen Woche waren wieder zahlreiche Vertreter von Ministerien und anderen Behörden anwesend. Präsident H e n - f e l eröffnete die Tagung um 9 llßr mit einer Begrüßung der Gäste. Dr W. Pfaff vom landwirtschaftlichen Institut der älniversität Gießen sprach hierauf über
„Neuzeitliche betriebswirtschaftliche Fragen".
Der Redner schilderte kurz die Lage der Landwirtschaft irn vergangenen Iahre. indem er her günstigeren Konjunktur der Industrie die Absatzschwierigkeiten der Landw rtichaft entgegerft eilte. Die Landwirtscha't müsse vor einer lleb rschwem- mung mit auSländi'chen Produkten bewahrt und es müßten ihr auch genügend Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt werden. Schon seit Iahren warte man auf das Ende der Agrarkrisis. ES hat keinen Zweck, sich Illusionen hinzugeben, sondern man muß den Tatsachen fest in» Auge sehen Es fehlen der Landwirtschaft ausreichende Preife, sie leidet unter den hohen Steuern und den sozialen Lasten. Man hat wegen der Rotlage die Frage der intensiven und der extensiven Wirtschaft vielfach erörtert. Eine Umstellung von der intensiven Wirtschaft»!orrn zur anderen erfordert aber wieder Kapital Der Redner erläuterte dann eingehend die Frage der intensiven und der extensiven Wirtschaftsweise, besprach im Anschluß hieran da» Themas Ra- ttonalisierung der Wirtschaft: damit fei namentlich dem kleinen Landwirt wenig geholfen. Die landw. ProdukttonSfaktoren [äffen sich in drei Gruppen gliedern. 1. die unabänderlichen: eS find dies. Boden. Klima. Wasser, auch die Eigenschaften de» Betriebsleiters selbst: 2. die beeinflußbaren Faktoren, dazu gehören daS lebendige und das tote Inventar, die Vorräte usw.; 3. in beschränktem Maße beeinflußbare Faktoren sind: die Arbeiter, Gebäude usw. Der Vortragende empfahl u. a. Akkordlöhne und Prämien: den Werkzeugen und Maschinen sei die größte Aufmerksamkeit zu schenken, ebenso der richtigen Verteilung von Arbeiten im Sommer und Im Winter, sowie der sachgemäßen Anwendung von Saatgut und Kunstdünger In einem neuzeitlichen Betrieb müßten die Fähigkeiten de» Betriebsleiters wesentlich mitsprechen. Im weiteren Verlaufe feine» VortrageS wies der Redner auf einer Tabelle nach, wie die Lebensmtttelein- fuhr In den letzten Iahren stark zugenommen hat und worauf diese verstärkte Einfuhr zurückzuführen ist. Er sprach sich für die Qualität»- crzeugung auS, damit sich die deutschen Erzeugnisse wieder den Markt erobern. Zum Schluß empfahl der Redner den Zusammenschluß der Landwirte, damit so die Absahfrage geregelt werden tonn.
Den zweiten Vortrag hielt sodann Dr. Georg Wilh. Schiele, Raumburg a. d Saale über
»Industrie und Landwirtschaft in ihrer Stellung zum Weltmarkt".
Zunächst wies der Redner auf verschiedene Zusammenhänge der deutschen Wirtschaft mit der Weltwirtschaft hin Der heutige Zustand sei nichts Bleibendes, er müsse sich bald ändern. Bor hundert Iahren war Deutschland ein Agrarstaat:
Teil, der unter den Befehlen der Obersten Befehl». Halder verblieb, und einem andern, über den dcr Ausfchust oerfügte. Mit den Folgen diese» unglückseligen Stande» der Dinge batte Robertson nicht» mehr zu tun. denn er stürzte am 19. (Vebruar 1916 über seinen Einspruch gegen militärisch hörnst anfechtbare Skriugungrn de» Premier».
Darum schließlich doch die Weltmächte den Sieg an ihre Fahnen hesten konnten, soll biet nicht ein- gebender erörtert werden. Sie verdanken den Sieg ledensall» nicht nur ihrem Reichtum an technischen und personellen Mitteln (3m
und noch viel mehr dem Umstande, daß sie in elfter etunbe die Scheidetnauer zwischen Politik und Kriegführung fallen ließet, das, alle politischen Aibanfen und Mittel der operativen Kriegführung bi» zu dem Augenblicke untergeordnet wurden, da die Bitte der Minelmächte um Waffenstillstand und Frieden wieder den Staatsmännern den Vorrang einräumte. H-g.
40 Iahre fpäter war das deutsche Volk noch ein Agrar-Industrievolk, dann aber kam eine stürmische Entwicklung der Industrie. 0 igenlltd) maßte die Landwirtschaft aufblühen, well ftc den größten Verbraucher, die Industrie, unmittelbar vor sich bat. aber der Weltmarkt hat dieses Verhältnis geändert. Der Austausch der l'kr ist seit 18>?. und namentlich feit dem Weltkrieg rückläu'lg geworden. ES ift die Umßellung von der Industrie- und Erportpolitlk auf die Agrarpolitik notwendig: die bisherige Dntwidlung muß also rückläufig werden. Warum haben wir aber eine Rahrungsnutleleinsubr?! Ss ist eine Einfuhr von Fertigfal'rifa'.en (Molkereiprodukt. n. Gemüsen. Obst usw), nicht mehr in Futtermitteln sie ist völlig ungesund, geborgt und kommt nur auf dem Wege der AuSlandkredito herein. Solange e» Arbeitslose gibt, dürfen wir eigentlich keine Feriig'abrUiite yercim'asscn Die Umstellung zur Agrarpolitik ist notwendig au» Gründen der Ernährung, der Wahrung und der Erwerbslosigkeit Die Blockademöglichkeit besieht immer noch, und sie muß beseitigt werden Wenn wir un» immer auf Kredit ernähren, so werden wir schließlich untere Währung zerstören Wenn z. B. der Hacksruchibau mehr aufged hnt werden könnte, wäre e» möglich. Hunderttaufenden von Menschen Arbeit zu verschaffen. E» muß jetzt Bauernpolitik getrieben tocrt>en. ,
Beide Vorträge wurden von der stattlichen Versammlung mit lebhasiem Beifall ausgenommen.
Tagung
der hessischen Raiffeisengenossenschaften RachmittogS fand im Fürstenfaal eine Tagung der Hessischen Raiffeisengenossenschaften statt, die sehr gut besucht war.
Der Vorsitzende Dr. Rolden (Frankfurt) führte in seiner Begrüßungsansprache au«, die heutige Tagung sei Die zweite Zusammenfassung der sämtlichen hessischen Ralfselfengenosfcncha ten. Besonder» begrüßt wurde Präsident Hensel von der Landwirtschaftskammer, sowie die Vertreter der Landwirtschaftlichen Ver ud)»ftation Professor Dr. Rößler. Dr Schmidt ferner Finanzrat Dr. Gronlnger und Cberregie» rungötat Peter». Präsident Hensel dankte für die Ehrung und Anerkennung, die von dem Vorsitzenden In seiner Ansprache der Landwirtschaftskammer erteilt worden sei. Die Landwirt- fchastskammer lege großen Wert daraus, daß in dieser Rotzeit der Landwirl'chaft alle landwirt- schastllchen Organisationen sich hier zufammcn- sinden. Professor Dr Rößler (Darmstadt) betonte in einer Ansprache u. a . daß die Ver'uchS- station gerne allen Wünschen wegen landwirtschaftlicher Vorträge entsprechen werde.
Der Vorsitzende berichtete sodann u.a.: Starkenburg und Rheinhefien gehören zum Ludwigshafener, Oberhessen zum Frankfurter Verband der Raiffeisen - Gen os'e.i schäft en. In Rheinhessen sind 45 Genossenschaften mit 7400 Mitgliedern. Rheinhessen sei eine Hochburg der Raifseisen-Genossenschasten nicht nur der Zahl, sondern auch der Qualität nach Heute zählen wir in Starkenburg 51 Genossenschaften mit 6500 Mitgliedern. In Oberheffen bestehen gegenwärtig 178 Genossenschaften mit 9000 Mitgliedern: Lagerhäuser sind in Gießen, Büdingen,
Hessische Landwirischastliche Woche
Von unserer Darmstädter Redaktion.
Der Spiegel der Diana.
Don Gustav W (Jrberlein, Zfiom.
Stellen Sie sich vor. Sie seien von Beruf Feuerspeler. und nun geht einer her und stopft Ihnen den Mund. Mit Wasser! Wie to.ire Ihnen zumute? Kaum anders als einem städtisch angc- stellten Wasserspeier, dem Lau-buben Feuerwerk in die unrechte Kehle stopfen. Raffiniert. fo etwas — die Polizei würde sich einmengen.
Daß man aber den vierfchlündigen römischen Feuerspeler so behandelt bat, das findet die Welt ganz in der Ordnung Als Rom geboren wurde, zeigte er noch seine Künste und durfte ab und zu die Wiege fchütteln. ja. die römischen Priester schreckten mit seinem gewaltigen Feuerschein die Kinder, jetzt aber kommen die Fremden und betrachten die zugestopften vier Mäuler — zwei mit Erde, zwei mit Wasser — durch das Monokel. Indigniert. Sie würden, sagten Sie vorhin, eine derartige De- einttächttgung Ihre» Berufe» nicht ruhig hin- nehrnen. Sie würden innerlich kochen und immer danach trachten, doch einmal unversehens nach Herzenslust herauszutpucken. Sie würden mit den Deinen strampeln und wenn dabei der Boden in Trümmer ginge. Lehen Sie, was tun aber die Fremdenführer? Sie stellen sich bin und sagen Das ist das Albanergebirge, ein isoliert aus der römischen Steppe aufsteigendes Ringgebirge, bis zu 956 Meter hoch dessen vier Krater Sie hier vor Augen haben, älnd mit einer wegwerfenden Handbewegung: Erloschen•
So steht es in ihrer amtlichen Anweisung. Amtliche Anweisungen wissen niemals, wie es einem Menschen innerlich zumute ist. nun gar einem Vulkan!
Die Zeit, so werden nun vielleicht geschulte Historiker einwerfen, hat ihnen ja auch Recht gegeben, feit zwei Jahrtausenden ist keine Eruption mehr zu verzeichnen und die beiden Krater
becken, der Albaner- und Remisee, find immer ruhig gewesen wie Drunnenschalen. Das ist wahr. Im Führer kann man sogar folgendes lesen: .Rur selten kräuselt ein Windstoß die Wasserfläche des RemiseeS, die einem klaren Spiegel gleicht und daher schon im Altertum Spiegel der Diana hieß."
Wie eS zugintz, weiß ich auch nicht, jedenfalls hat an Weihnachten der verstovsie Feuer- speier, der Lausebengel, mit den Beinen gestrampelt und dabei den Spiegel zerbrochen.
Da haben wir nun die Bescherung Ich bin hingefahren und hahe sie mir angesehen.
* Das unartige Strampeln spürte man. Vie Sie gelesen haben, bis Rom. Ich lag. quietschvergnügt über den zertungslosen Tag, auf der Ottomane, in der Rechten einen Nürnberger Lebkuchen, im linken Arm meinen Fox. in der Mitte eine solide Festzigarre, der zufriedenste Feuerfpeier. den man sich denken kann. Auf einmal, es war vier Uhr zehn, wie ich als ordentlicher Iournalist schon im Hochgeworfenwerden feststellte, kugelten Fox und Lebkuchen durcheinander, die Zimmerwinde schlotterten und draußen gab es ein großes Geschrei. II terremoto! II terremoto!
Terremoto, so heißt der Sttampler von Re- mi. Dort war das Ev'Zentrum des Erdbebens. Der Lümmel hat die Zinnen vom Schloß geworfen, dem uralten Schloß der Orsini, hat den Eampanile angerempelt, ein paar Häuser zu Schutt zertreten, allen andern mindestens ein Loch in den Bauch gerannt, eine Srdlawine in den See hinabsausen lassen und sich überhaupt so unanständig benommen, daß es ihm die Historiker nie verzechen werden.
In Scherben ging der Spiegel der Diana aber nicht wegen der Erdlawine, die auf ihn herabkrachte, die Sache muß eine tiefere llr'ache haben. Tief wie jenes Menlcheninnere, von dem fchon die Rede war. Es scheint, daß es im Innern des erlo'chenen Feuerspeiers gekocht hat. Iahrtausende hin, Iahrtaufendc her. so eine Kraftnatur vermag ja wohl ihren Zorn lange
zu meistern, eine- Tage» aber geht eS eben nicht länger. Genug, der Wasserspiegel — so erzählen die Fischer, und sie sind gute De- obachter, denn außer dem Zuschauen gibt es in dem Kratersee, den man in einer Stunde umwandern tonn, nicht viel zu tun —. der Wasserspiegel wurde plötzlich von einer unsichtbaren. furchtbaren Gewalt gehoben, es war al» blähe er sich in feinem zu eng gewordenen Rahmen auf, ein merkwürdige», niegehörtes Rollen kam au» der Tiefe herauf — es schien ihn wegrollen zu wollen — und da stieß er an die Kräterwände und riß und spritzte auseinander — hohe Dellen warfen unsere Boote ans Land das Wasser war wie wild, es schäumte nur fo. e» gurgelte ganz böSarsig —
»Wit Verlaub"", konnte ich mich nicht enthalten einzuwenden, „toieto bösartig? Ich würde auch gurgeln, wenn mir jemand, während ich auf der Ottomane liege, den Mund mit Wasser füllen würde, statt mich rauchen zu lassen""
Der Fischer verstand mich nur halb, schloß aber ganz logisch: .DaS wissen wir von den Bergen. In Rapoli drunten kommen ftc au» der Sorge gar nicht heraus. Wir treiben ja nur auf einer Planke —“
Unb dabei war der Remisee vor zweitausend Iahren tatsächlich nichts weiter als ein Tempel der völligen Ruhe Dort auf dem Tust-Fellen, auf dem jetzt lotrecht daS altersgraue Städtchen aufsteigt, dort stand da» Heiligtum der Diana, umgürtet von dem namengebenden Hain, dem Nemus Dianae, in dem der römische Hof freilich lieber anderen Göttern huldigte. Eros und seiner wellenschaumgcboreTren Mutter.
Die raulchendstcm Feste, sah dieser Liebeszirkus, den zweihundert Meter hohe, fast senkrechte natürliche Mauern umschließen, als sei die vulkanische Glut nicht erloschen nur verdrängt gewesen in d.e lustbere.ten Menschen einer Epoche, die in der blutjubelnden Sinnlichkeit keine Untugenb, fonßerö ein Geschenk der Götter sah, das zu verbergen oder gar zu verleugnen niemand Veran'attung fühlte. 6a-
ligula und TiberiuS. der tolle Wüstling wie der tteffliche Regent bauten hier ihre Prunkschiffe, schwimmende Lasterstädte von beispiellosem LuxuS, überfüllt mit erhabensten Kunstwerken. treibende Gärten der Bacchant n schwebende Throne der Imperatoren, blühende Terrassen wandelnder Aphroditen. . .
So ruhig war der See, daß niemals der Wein im Decher sich bewegte. Dis eines Tages die Orgienschiffe untergingen, man weiß nicht, wie.
Immer wieder versuchte man im Laufe der Iahrhunderte. sie zu heben, immer vergeblich. Rur Bruchstücke, freilich Meisterwerke schon in einem Dalkenkopf, in einem Ketten träger, kamen anS Licht. Dor einiger Zeit aber hat sich Mussolini anS Werk gemacht. Schon sind die Vermessungen im Gange, der See soll g senkt, da» Wasser in den benachbarten Aloaneriee geleitet werden, bis die Schifse aufs Trockene zu liegen kommen. Der Liebessirkus wird zu einem natürlichen Theater werden, in dem die Zuschauer die allmähliche Bergung der Schätze veriol- gen können.
Man weiß ja haargenau, wo und wie sie liegen. daS eine Schiff zehn. daS andere fünfzehn Meter tief, am Seehang gleich beim Fnfcher- yau». Bei schönem Wetter kann man vom Rachen auS einen Blick hinunterwerfen, wie in da» versunkene Dineta yinein.
Die aber, wenn das Seebeben vom zweiten Weihnachtsfeiertag —I Der Gedanke quält die Leute von Remi, unh nicht nur sie Der Grund kann aufgewühlt, durchschüttelt und durchrüt:elt worden sein, mehr als das Städtchen Das Grab. daS die Schiffe schon zur Hälfte umschließt, das Sandgrab kann sich vollends geschlossen haben.
Zürnst du. schlanke Diana? Dir wissen, daß du zu strafen verstehst. Aber schau, unS die Schiffe wegzunehmen, nur wegen eines zerbrochenen Spiegels, das wäre zu hart. Sei lieb, schöne Dianal


