Ausgabe 
11.12.1928
 
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Nr 291 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Oer Bankier Europas.

5>U? traiyoftf^ Oeffentlichkeit hat feit den Be­schlüssen der Genfer Sechs-Mächt«.Kons«ren- vom September dieses Jahres die Bereinigten Staaten unter ein wahres Trommelfeuer von Deeinilussungsversuchen genommen, um die Mei­nung des Grobgläubigers der ganzen Well von vornHerein in eine bestimmt« Richtung zu lerrten. Den Auftakt bildeten verschieden« Artikel Seh- doux' über di« Leistungsfähigkeit Deutschlands, die vor Zusammentritt der Expertenkommission den Glauben erwecken sollten, a£fc sei Deutschland in der Lage, Deparations- jahreSleistungen im bisherigen Umfange, also elwa 2,5 W-lliarden, auch wetterhln aus- zubringem Di« Manöver wurden dann fort- ge'etzt durch di« Haltung der französischen Re­gierung zur Frage der sachlichen und personellen Ausgestaltung der Expertenkommission, und sie haben vor wenigen Tagen eine Art Höhepunkt durch di« Behauptung deSMatin" erreicht, wonach Amerika seinerseits vorgeschlogen haben soll, die Benennung von Sachverständigen aus den Bereinigten Staaten der Reparations- kommt,sion zu überlassen.

Aus die geschickte Einschaltung der Repko in den Gang der Berhandlungen über den Experten- ausschuß brauchen wir hier im einzelnen nicht mehr einzugehen. Bur soviel kann festgestellt werden, daß sich die alliierten Regierungen mit diesem Modus in eklatanten Wider­spruch zu den Genfer Vereinbarun­gen setzen, in denen von unabhängigen Experten d«r «inAelnen Mächte, nicht aber von einem durch bi« ReparationSlommission zu bildenden Ausschuh die Rede war. Bei der Zurückhaltung, di« die »Bereinigten Staaten im bisherigen Gang der Dinge an den Tag gelegt haben, ist es auch durchaus unwahrscheinlich, daß sie von sich aus den erwähnten Vorschlag gemacht haben sollten, so daß wir die Meldung desMatin" wohl als Versuchsballon zu be­werten haben. Dis zum Beweis« des Gegen­teils möchten wir auch annehmen, dah das Rechts­empfinden der Amerikaner sich als stark genug erweist, um gegenüber den französischen Unter­stellungen bestehen zu können.

Aber schließlich dürsten für die Vereinigten Staaten nicht nur Rechtsgründe, sondern auch und vor allem eminente wirtschaftspolitische Erwägungen dafür maßgebend sein, daß man sich in Washington nicht gerade die Auswahl und den Kurs der Sachverständigen durch die Reparationslommission vorschreiben läßt. Auf den ersten Blick, so geben wir zu, könnte das französische Ansinnen vom Standpunkt der ameri­kanischen Regierung aus, die sich jetzt noch nicht allzu sehr mit den Reparationsverhandlungen identifizieren möchte, bestechend erscheinen. Eine einzig«, ganz nüchtern« Erwägung aber scheint unS durchschlagend für die Auffassung, die von führenden amerikanischen Wirtschaftskreisen ver­treten wird, daß Amerika sich die Auswahl der Persönlichkeiten, die eS in die Dachverständigen- kommission zu entsenden gedenkt, nicht a u S den Händen nehmen läßt. Die Bereinigten Staaten sind nämlich durch die Geldhergabe an Deutschland in einem so großen Maß an der Aufrechterhaltung der deutschen Leistungsfähig­keit und weiterhin auS Prestigegründen an dem reibungslosen Funktionieren einer vernünftigen Reparationsregelung interessiert, daß st« sich nicht ihr maßgebendes Mitwirkungsrecht an der end­gültigen Gestaltung der ReparationSfrage durch ein« Instanz entwinden lasten können, die in den Iahr«n von 1919 bis 1923 ihre Unfähig- Zeit aus diesem Gebiete bewiesen hat.

Di« est«Itiv« Berfchuldung Deutsch­lands an die Bereinigten Staaten geht ohne Zweifel weit über das hinaus, was bisher an Ziffern genannt worden ist. Es mag richtig fein, daß di« gesamt« kurz- und langfristige Verschuldung Deutschlands an Amerika, so weit

Auch eine Literaturgeschichte.

Eduard Engel:WaS bleibt?"

Professor Eduard Engel, der in weiteren Kreisen durch seine recht brauchbareDeutsche Stilkunst" und durch eine sehr anfechtbare Deutsche Literaturgeschichte" bekannt geworden ist, hat vor kurzem ein umfangreiches Werk über die Weltliteratur') erscheinen lassen die Frucht jahrelanger fleißiger Arbeit: schon um deswisten ist es betrübend, von vornherein fest­stellen zu müssen, daß dieses Buch zwar als Waierialsammlung wie auch um einzelner Hin­weise willen bemerkenswert erscheint, im übrigen und als Ganzes aber auf das Entschiedenste ab­zulehnen ist. Lind zwar vor allem der außerordentlich zahlreichen, völlig schiefen, ver- fehlten und unzuverlässigen Urteile, der oft ge­radezu unmöglichen Wertsehungen wegen, die in den Köpfen kritikloser Leser phantastisch ent- Rente Bilder unseres Schrifttums zu schaffen leider sehr geeignet sind.

Der ObertitelWas bleibt?" deutet die Grundeinstellung an: den Versuch, die (nach menschlichem Ermessen) dauernden Werte der Weltliteratur zusammenfassen. Wir haben den Eindruck, daß der gleiche oder ähnliche Versuch schon früher und eigentlich in jeder gediegenen Literaturgeschichte wiewohl mit weniger an­spruchsvoll betonter Originalitätssucht unter­nommen wurde: ja, dies muß im Grunde die zielsetzende Betrachtungsweise aller ernstzuneh­menden Literaturdarstellung sein. Dies ver­pflichtet aber auch-, vor allem zu möglichst voll­kommener Objektivität und Leidenschaftslosigkeit, außerdem aber eben zur Weglassung alles Reben­sächlichen und im großen Gesamtbilde Unwesent­lichen: beide- ist in der vorliegenden ßiteratur» geschichte bedauerlicherweise durchaus zu ver­missen.

Um nur einiges herauszugreifen: was sollen z.D. Ramen wie die der Gräfin Hahn, von Red- wih, Karl Deck, Anastasius Grün, Fanny Le« Wald, Ottilie Wildermuth, Angely, Birch- Pfeiffer und Roderich Benedix in einer Welt- nteratur? Eie machen in solchem Zusammenhang höchstens eine lächerliche Figur, und der ihnen zugcwiesene Raum hätte überdies manchem mehr als stiefmütterlich behandelten Größeren und

) Eduard Engel: Was bleibt? Die Weltliteratur. 700 Seiten Text, 26 Sa- fein, Ganzleinenband 15 Mk. Derlag Koehler & Amelang, Leipzig C 1, 1928. (520)

sie auf dem Anleiheweg« vorgenommen wurde, etwa 10 Milliarden beträgt. Der tatsächlich« Derschuldungsprozeß hat aber sicher sehr viel höhere Grade erreicht, jedenfalls werden von sachkundigen Leuten Zahlen genannt, die ein Mehrfcn^s dieser zehn Milliarden betragen. Wollen di« Bereinigten Staaten ihre Renten aus allen diesen Kapitalinvestitionen nicht ge ährden, so müssen sie dafür Sorge tragen, daß die po­litische Schuld Deutschlands auf ein Maß herabgesetzt wird, das die Ausrechterhaltung einer angemessenen privatwirtschaftli- ch e n Rente gewährleistet. Sie können das nur, wenn ihre Sachverständigen nicht von vornherein durch die Reparationskommission mattgeseht sind.

Endlich aber wird man sich jenseits des Ozeans Wohl auch einige Gedanken darüber zu machen haben, welche Rolle di« übrigen euro­päischen Schuldner in dieser Sachverstän- digenkonserenz spielen werden. Amerika ist ja nicht nur der Bankier Deutschlands geworden, sondern es war in der ganzen Kriegszeit der große Kapitalgeber der Alliierten, und die Ansprüche nach dieser Seite hin sind nicht weniger groß als die an Deutschland. Wenn nun auch

Großen (Hölderlin, Kleist!) sehr zustatten kom­men können.

Was die oben erwähnte Objektivität angeht, so wäre der durchaus kriegerische, beißende und bittere Ton, der das ganze Buch beherrscht und besonders in den ersten Abschnitten durchklingt, gerade in einer auf das Große und Bleibende gerichteten Darstellung zu vermeiden gewesen. Die germanistische Wissenschaft z. B. wird (S. 64 ff.) heruntergepuht, daß einem Hören und Sehen vergeht. Und das gesamte deutsche Zei­tungswesen kann sich beim Verfasser für die aus­gesuchtesten Liebenswürdigkeiten bedanken. (73 ff., 90 f.) Wir verzichten darauf, uns in eine Pole­mik einzulassen, möchten aber doch das Eine zu bedenken geben: wie verträgt es sich mitein­ander, daß ein Autor, der gegen die mißbrauchte Macht, dieRuhmesversicherung" und falschen Lobeserhebungen der Presse in den schärfsten Ausdrücken wettert, derselben Presse sein Buch zur freundlichen Besprechung überreicht mit einem Waschzettel, auf dem EngelsWeltliteratur" als einabschließendes",einzigartiges",Aufsehen erregendes" Werk angepriesen wird, welches zum unentbehrlichen Grundstock jedes Bücher­schrankes" gehöre? Darüber sollte man Nach­denken.

Die folgenden Proben sind den Kapiteln über neuere deutsche Literatur entnommen und ließen sich mühelos vermehren. Für Hölderlin (435) werden 18 Zeilen einer dürftigen Schätzung be­willigt. Dafür ftndet man über Rückert eine volle Selle (447 f.). Büchner 9 Zeilenist zu jung gestorben, um ein Urteil über sein dichterisches Vermögen zu erlauben (455). Aus­führlicher lieft man über Heine (461 f.),den be­kanntlich ebenso schlechten Menschen wie un­bedeutenden Dichter". Höchst unerfreulich ist die Würdigung Kleists (82 f., 442 f.), die von Mißver­ständnissen und Fehlurteilen wimmelt: man lese selbst nach. Don Fontane (480 f.) läßt Engel allenfalls die Gedichte gelten; die Romane zählen kaum. 3n sieben Zeilen wird Rilke (487) fol­gendermaßengewürdigt":Er dichtete auf zwei Arten: auf die sinnlose und auf die sanft säu­selnde ...", wofür dann noch zweiProben" an­geführt werden.Rilke ist soeben gestorben, so­gleich ist der Lärm um ihn verstummt; er wird nie wieder laut werden." Abgesehen davon, dah nie Lärm um Rilke gewesen ist: dies ist das Unglaublichste, was wir seit langem in einer Literaturkritik, die auf Ernst und Würde An­spruch erhebt, gelesen haben. (Dafür werden aber in einem sväteren Kapitel (624) zwei ly­rischeMusterbeispiele" abgedruckt ... von Frei­

em« geschickt« französische Propaganda den Ame­rikanern begreiflich zu machen sucht, daß die Höhe der alliierten Annuitäten an Amerika von der Höhe der deutschen Reparationszahlungen an Frankreich und sein« Kriegsverbünd«t«n ab- hinge, «ine These, die ja übrigens auch durch Balfour unterstützt worden ist, so wird man in Washington und in Reu York doch gegenüber den wirklichen Tatsachen nicht blind sein. Denn wenn Frankreich heute schon wieder in der Lage ist, drei Milliarden Franc in Auslandwerten anzulegen, dann kann es selbstverständlich auch scrr.en Schuldverpflichtungen gegen di« Vereinig­ten Staa «n ohne Rücksicht auf den Eingang der deutschen Reparationszahlungen nachlommen. Würde man sich in Washington den jetzigen französisch-englischen Standpunkt zu eigen machen, dann würde man letzten Endes nicht nur den deutschen Tribut, sondern auch die Gesamt­heit der interalliierten Schulden ge­fährden, in dem Augenblick nämlich, wo der Dawes-Plan in seiner jetzigen Gestalt wegen der zu geringen Leistungsfähigkeit Deutschlands zusammenbrechen muh.

ligrath und von Geibel!) Hofmannsthal steht nicht einmal im Register.

3n der gesamten Deutschen Literatur ... gibt es keinen Dichter von solcher Gedankenleere, sol­cher geistigen Richtigkeit, wie Hauptmann." (Ger­hart.) »In Hauptmanns Werk gibt es nicht eine im Sinne der bleibenden Kunst wertvolle Men­schengestalt." (497, 495) Zum Schluß ein kleiner Auszug aus der Beurteilung Thomas Manns (537 f.):Der Gegenstand der Buddenbrooks Verfall einer Familie" ist wertlos bis zur ödesten Richtigkeit. 3n den zwei dicken Bänden mit ihren mehr als tausend Seiten werden uns dir wertlosen Geschicke wertloser Menschen in wertlosem Gerede vorgeführt." DerZauber­berg ist für Engelder Roman von der Schwindsucht" und laugt angeblich ebensowenig wie alles andere. Und der Kernpunkt man staune! ist der:die Ohnmacht der Sprache. Thomas Mann kann rundheraus nicht Deutsch, seine Muttersprache versagt ihm für die ein­fachsten Begriffe." 3«tzt wissen wir endlich Bescheid.

Dies ist nur eine kleine Blütenlese. Wir wol­len niemanden ärgern und niemanden langweilen. Aber wir bedanken uns dafür, uns dieses Buch, das derartige und viele ähnliche Ansichten ver­tritt, dessen Verfasser so anmaßend um sich und so treffsicher daneben haut, als einzigartig, ab­schließend und unentbehrlich aufreden zu lassen.

Dr. Hans T h y r i o t

Hochschulnachrichten.

Am 9. Dezember feierte der Direktor des Kaisev-Wilhelm-3nstituts für physikalische und Elektrochemie in Dahlem, Robelpreisträger für Chemie, Ehrenmitglied des Vereins Deutscher Chemiker, Geheimrat Prof. Dr. Fritz Hader, seinen 60. Geburtstag. Wenn er sich auch allen persönlichen Feiern durch eine Ausland- reife entzogen hat, so wurde doch dieser Tag von der Fachwelt und ihren Organen dazu benutzt, Habers Großtaten für die chemische Wissenschaft und Technik, und feine Persönlichkeit als Lehrer und Laboratoriumsleiter zu würdigen. Aber auch die große breite Oeffentlichkell hat allen Anlaß, der schöpferischen Persönlichkeit ihren Dank aus­zusprechen. Hat Haber doch neben vielen an­deren wissenschaftlichen Leistungen durch die Ge­winnung des Ammoniaks aus dem Luftstickstvff, die er in theoretischen Arbeiten lln Ladoratorium durchführte, und von dort in die Wirklich! tt der chemischen Großtechnik übertrug, den Rah- runtzsspielraum der Menschheit erweitert.

Gelbe Milliardäre.

Oie Fugger des Ostens. - Oer japanische Perlenkönig. - Vom Mscherjungen zum Multimillionär. Oie reichste Krau der Welt.

Von George Croppen.

Erstaunlicher als der Aufstieg der Vereinigten Staaten, weltpolitisch bedeutsamer als mancher Wct kämpf europäischer Mächte ist die rasche, in toenigen Jahrzehnten vol'zo'ene Umü a dlung des japanischen Feudalreiches in einen modernen kapitalistischen Staat, die mit europäisch-amerika­nischer Hilfe begonnen, aber längst von tatkräf­tigen 3Omanern fortgeführt und fast vollendet worden ist. Die Europäer wissen nicht, daß 3a- paner, mögen sie nun aus uralten Geschlechtern der Daimyos ober aus einfachsten proletari­schen Fami'ie.a stammen, he-^rcagenb. Großindu­strielle und vor i d iche WlrtschaftZorganisa oren geworden sind, fähig, Trusts von ameii anischem Ausmaß aur8ub:u n. g?wal ige Unt rnehmungen zu leiten, di« Reklametrommel zu rühren und überhaupt all die großen und kleinen Mittel mit Geschick anzuwenden, die ihre w.i'zen Konkurren­ten großgeinacht haben. Da die Welt mit dem Er­wachen der gelben Rasse rechnen mutz, vst es wichtig, über die größten Wirlschafts ührer des fernen Inselreiches Bescheid zu wissen, die, ebenso wie die Finanzmagnaten des Abendlandes, die im Verborgenen wirkende, aber dennoch aus­schlaggebende politische Kraft ihres Landes bilden.

Roch am meisten mit japanischer Tradition verbunden ist das Williardargeschlecht der M i t- s u i s, dessen Stammbaum bis in daS sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurückrcichen soll. Das Familienarchio enthält freilich erst Doku­mente vom 12. Jahrhundert an; «S dauerte dann noch fast fünfhundert'Jahre, bis die Mitfuis einen großen Ramen als Handelsleute bekamen. Ihre Firma bildete vor drei Jahrhunderten in 3apan den ersten Scheckverkehr aus, sie führte die Ge­winnbeteiligung der Angestellten ein, sie ent­wickelte so viel fruchtbare wirtschaftliche 3deen, dah sie in dem Feudalstaat allmählich eine Rolle spielt«, die nur mit derjenigen d:r Familie Fugger im mittelalterlichen Deutschland verglichen werden kann. Einen gewal igen Aufschwung erlebte das alte Familienunternehmen dann mit dem Eintritt Japans in die moderne Wirtschastswelt, genau gejagt: von dem Jahre 1839 an, in dem die Mit- suis die staatlichen Kohlenbergwerke aufkauften und damit den Grundstock für einen neuen, blü­henden Geschäftszweig des Unternehmens schu'en. Die Firma verfügt über ein Milliardenkapital

und dehnt sich unter der Führung deS Barons Mitsuis, der eine verblüffende Aehnlichkmt mit dem Filmschauspieler M e n j o u hat. und der ein persönliches Vermögen von 420 Mi Honen Mark besitzen soll, immer weiter aus. Zu dem Konzern gehören nicht nur führende japanisch« Banken, sondern auch Spinnereien, elek.ro «chnische Werke, Elektrizitätsgesell cha t n. landwirt chaf litte Un­ternehmungen und Handelsfirmen, die sich mit dem Verkauf von Baumwolle. Maschinen jeder Art. Schiffe, Flugzeuge, Baumaterialien. Kohle, Papier, Chemikalien befassen. Tie Mitsuis be­schäftigen sich also überhaupt mit allem, was ge­handelt werden kann. Sch'iehlich muß man noch erwähnen, daß Baron Mllsuis 31 Dampfer und eine eigene Schiffswerft besitzt: er ist ferner an der aufblühenden japanischen Kunstfeiden- erzeugung beteiligt und kontrolliert mehrere Der- siche rungsge. ellfchaf ten.

Lange Zeit glaubte man, daß dies Haus mächtig genug sei, um alle Rebenbuhler niederzuhalten. Aus einem verhält-isrnäßig k einen Unternehmen, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ge­gründeten Firma Mitsubishi, ist ihm aber doch ein ernsthafter Konkurrent entstanden, der ihn in diesem Augenblick vielleicht schon überflügelt hat. Ein Haus Mitsubi hi hat es nie gegeben; dieses Wort ist vielmehr der Rame für das Wappen des HauseS 3 w a s a k i. 3wasaki war ein einflußloser Mann ohne großes Vermögen, der auS unbekannten Gründen von dem Regierungs­chef der japanischen Provinz Tosa in den Adels­tand erhoben wurde. Mit diesem Regierungschef ührte er dann zusammen eine Anzahl von Reis- befulottonen durch: 'ein bestes Geschäft war aber zweifellos der Ankauf eines Teiles der Stadt Tokio. 3m Jahre 1883 bezahlte er der Regierung für dieses Terrain ll/t Mil Ionen Ben, ein Ge­lände, auf dem heute das Geschäftszentrum der japanischen Hauptstadt liegt. Wenige 3ahre vor­her hatte Iwasali von der Regi:rung das Schiff­fahrtsprivileg erhalten: bald gliederte er eine Schiffswerft, ein Wechselgefchäft, einen Dank­betrieb an. Heute ist es ebenso unmöglich, alle Erwerbszüeige dr Mitsubishis aufzu^ählen wie die der Mitsuis zu nennen. Üm den Einfluß des Hauses Iwasali zu verstehen, braucht man nur zu wissen, dah der verstorbene japanische Mi-

Diensfaa, N. Dezember 1928

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nisterpräsident Kato sowie ein japanischer Außenminister Schwiegersöhne des Barons 3wa- saki gerne en sind: die Regierung, die vor zwei Jahren das Inselreich beherrschte, wurde im VolkSmund kurz daSKabinett Mitsubishi ge* nannt.

Wenn dieses mächtige Handelshaus auch noch lein« so lange Geschichte wie das Geschlecht der Mitsuis aufzuweisen hat, so muß man es doch alt und durch Tradition aefestigt nennen, ver­gleichen nut den übrigen Machthabern des japa­nischen Wirtschaftslebens, unter denen noch vor kurzem der Suzuki-Konzern der bedeutendste war. Die Gesch.chte der Firma Suzuki ist wohl einet der bemerkenswertesten Geschäftsromane der Gegenwart, am interessantesten durch die Persön­lichkeit, die in ihrem Mittelpunkt stand. 3m 3ahrs 1905 begann die Witwe des kleinen Zuckerckaori- fairten Suzuki mit dem Aufbau ein:s riesenhaften Konzerns, zu dem schließlich Schiffe, Werften, Stahlwerke, Zuckerraffinerien, Mühlen, Baum­wollspinnereien, Gummifabriken, Brauereien und Verficherungsoescllschaften gehörtem Der Handel mit dem japanischen Volksnahrungsmittel, mit Reis, Weizen. Zucker, Bohnen lag zum großen Teil in ihrer Hand, und in Kampfer verfügte sie sogar beinahe über eine Art Weltmonopol. 3ns- gesamt gehörten ungefähr 70 große Unterneh­mungen zu öcm Trust, dessen Aktienkapital zwar nur 50 Mill.onen Ben betrug, der aber tatsäch­lich über eine Kapitalmacht von rund 800 Mil­lionen Mark verfügt«. Das alles gehörte der genialsten Geschäftsfrau der Welt, Bone Suzuki, die das Unternehmen selbst geschaffen hat. Wäh­rend des Krieges wuchsen ihre Einkünfte vor allen Dingen durch großzügige Reisspelulationen, die das wichtigste Äahrungsmittel der 3apaner gewaltig verteuerten. Ratürlich machte sie sich damit sehr unbeliebt, und vor mehreren Jahren wuchs die Empörung über das Geschäftsgebaren dieser Frau so sehr, dah die Menge ihre Bu­reaus in Tokio stürmte. 3n ganz 3apan gab es kein Hotel, das gewagt hätte, sie aufzunehmen. Schließlich mußte sich Frau Suzuki verkleidet in einem Dors verstecken, bis sich der Sturm des Unwillens gelegt hatte. 3n den darauffolgenden 3obren verschlechterte sich dann die Lage des Unternehmens, die wiederholten Erdbeben zer­störten einen Teil ihrer Besitzungen, die japa­nische Wirtschaftskrise verschärfte diese ungünstige Lage noch, und im April vorigen Jahres ging die reichste Frau der Welt in Konkurs. 800 Millionen Mark waren verloren; aber Frau Suzuki braucht noch immer nicht betteln zu gehen, da ihr ein Privatvermvgen von ungefähr 400 Mill.onen Ben geblieben ist.

Märchenhaft war auch der Aufstieg des Barons Oura, der heule 91 3ahve alt ist und einer der reichsten 3apaner sein soll. Kihachiro Ohira ist der Sohn eines armen Fischhändlers. In seiner Jugend hausierte er mit Fischen, die er in Holz­trögen an einer Stange trug. Mit siebzehn Jah­ren gab er dieses Gewerbe auf, ging nach Tokio und verdiente sich auf die abenteuerlichste Weiss so viel Geld, daß er sich schließlich selbständig kaufmännisch betätigen konnte. 3m 3ahre 1869 gründete Ofura dann eine Finna für Waffen- und Munitionshandel, und das war in den un­ruhigen Zeiten ein glänzender Gedanke. Er be­gnügte sich aber nicht mit diesem Geschäft, son­dern war z. B. auch der erste, der in Japan einen Schneiderladen für europäische Kleidung aufmachte. Rach einigen Jahren hatte er genug Geld erworben, um em« Reise durch Europa und Amerika unternehmen zu können. Er eröffnete eine Filiale seines japanischen Geschäftes in Lon­don und erhielt dadurch die beste Möglichkeit. Waffen und Munition für die vielen militärischen Unternehmungen 3apans einzukaufen. Er wurde geadelt, aber der Titel eines Barons verleiht noch keine Bildung, und so ist er bis in fein hohes Alter ein Emporkömmling geblieben.

Ein anderer Mann, der aus dem einsamen! Fischerdorf Toba stammt und in seiner Jugend vom Handel mit Früchten gelebt hat, ist M i k i-

Alt-Heidelberg" als Zirm.

Im Lichtspielhaus Bahnhof st raße wird seit gestern ein großer amerikanischer Film (der Metro-Goldwyn-Meyer) gezeigt, den der deutsche Regisseur Ernst L u b i t s ch nach einem Manuskript von Hans Kraely geschaffen hat. Das Manuskript geht seinerseits auf Meyer-Försters berühmtes Schauspiel zurück. Und es ergibt sich hier ein Fall, der nach allen bisherigen Experimenten ähnlicher Art als eine Ausnahme bezeichnet werden kann; der Film ist nämlich besser als das Stück. Vielleicht kann man überhaupt für literarische Filme die Regel aufstellen: je schlechter das Drama, desto besser der Filmnach" ihm. Und vor allem um­gekehrt, wie viele Beispiele mit mehr ober minder erlauchten Namen deutlich bewiesen haben. Meyer- Försters trink» und tränenseliges Rührstück mit seinen faustdicken Sentimentalitäten ist, wie jede neue Begegnung im Theater dartut, überaltert, ver­staubt und ungenießbar geworden. Der Film ist, dank der Kunst des Regisseurs und einer außer­ordentlich glücklichen Besetzung der Hauptrollen ein Spielfilm wie er sein soll, er hält sich eng an die Vorlage, verzichtet aber zum Glück fast ganz auf den Text, ist aus sich heraus verständlich, bringt eine ganze Anzahl geschickt eingeführter und ausgc- sponnener Teilmotive, er sucht die menschliche Linie der Fabel herauszuarbeiten und ist bestrebt, die ver­wässerte Kitschpostkartenromantik des Schauspiels, soweit das in den gegebenen Grenzen angeht, über Bord zu werfen. Mag das ganze Thema auch in gewissem Sinne dem amerikanischen Publikumsgc- schmack entgegengekommen sein: man spürt 'iberall die liebevolle und feinfühlige Hand eines '.ms sehr talentierten und erfahrenen Spielleiters und man empfindet die im tiefsten Grunde eben doch heimat­liche Kreszenz des Werkes, wenn es auch in Holly­wood gewachsen und mit amerikanischen Schauspie- lern besetzt ist. Ramon N o v a r r o, aus demBen- Hur"-Fllm bereits bei uns bekannt, ist feit jener Rolle, in der er im wesenllichen gut auszusehen hatte, barftcUerifrf) erheblich gewachsen und reifer gewor- den, fein Karl Heinz ist eine sympathische und glaubwürdige Leistung. Norma Shea re r, hier leider nicht sehr häufig zu sehen, eine feine und hübsche Erscheinung, aber keine transatlantisch« Puppenschönheit, mit einem natürlichen Spiel und einer anmutigen Jugendlichkeit begabt, gibt eine ausgezeichnete Käthi. Von den übrigen sind Hers- holt (Iüttner) und S e y f f e r t i tz (der alte Fürst) zu nennen. Die musikalische Begleitung ist stimmungsvoll und stilsicher.r