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Nr. 135 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

Montag, U. Juni 1928

Oer neue Reichstag.

Don D. Dr. Or. 3. D. Brett, o. Professor der Rechte an der Universität Marburg, M. d.

TBcth brr neue Reichstag Mitte Juni Zu­sammentritt. werden seine ersten Verhandlungen völlig im Zeichen der vorangegangenen Wahlen ftehcn Deren Au-satt ist so gewesen, daß unter keinen Umständen die Regierungskoalition und die Regierung selbst erhalten bleiben können <36 hat gar feinen Wert, die Tatsache einer großen Verschiebung des Schwerpunktes von rechts nach links in Abrede stellen ober auch nur ab­schwächen \ä wollen Die Rechte ist am stärksten geschwächt worden, aber auch die Witte hat ihre Verluste zu verzeichnen AndererleltS ist Die Stärke der Linken nicht einheitlich. Sozialdemo­kraten und Äommuniften haben bisher in lo bitterer Feindschaft «lebt, daß man kaum auf ein Zusammengehen wird rechnen können. Rur eine Folge wird sich vermutlich Herausstellens die Sozialdemokraten werden radikaler vorgehen als bisyer, um sich gegenüber der Agitation Der Kommunisten halten zu können. An ein einhcit- liches Zusammengehen der bürgerlichen Parteien gegenüber der Sozialdemokratie wird man auch kaum denken können, denn dazu sind die einigen- den Gedanken nicht stark genug Es wird sich also nur darum handeln, welche bürgerlichen Par­teien bereit sind. mit der Sozialdemokra- tlc zusammen eine Koalition zu bilden. Diese Frage ist von außerordentlicher Wichtigkeit deshalb, weil es sich danach entscheidet, wieweit Mp Sozialdemokratie in solcher Koalition die Vorherrschaft hat, und welche Zugeständ­nisse sie machen muh.

Wenn der neue Reichstag Zusammentritt, wer­den diese ganzen Fragen noch in der Schwebe sein. AuS diesem Grunde wird der Reichstag aber auch in den ersten Tagen noch zu keiner sachlichen Arbeit kommen. Solange keine ver- fassung-mäßige Regierung vorhanden ist, können keine weitreichenden Vorlagen gemacht werden, es kann sich höchstens um dringliche Angelegen- beiten ohne weiteren politischen Charakter han­deln. ES ist aber einstweilen noch nicht ersichtlich, ob und welche Angelegenheiten Derart an den Reichstag gelangen werden Rach alter par­lamentarischer Gepflogenheit wird alsbald eine Äetne Aussprache über die politische Lage n. Bei der Gelegenheit werden die Par­teien ihre Abrechnung auS dem Wahlkampfe zu einem gewissen Abschi uh bringen und eS werden noch mancherlei Späne fallen. Praktisch natürlich kommt bei solcher Aussprache nichts heraus. Sie dient nur dazu, Den Aufmarsch für Die kommende RegierungSkoalition oder für Die Opposition zu vollziehen. Unterdessen farm dann die Regie­rungsbildung In der Stille vor sich gehen.

Der Herr Reichspräsident hat Die Parteiführer schon empfangen, aber dies ist nur eine gewisse Förmlichkeit, die gewahrt werden muh. In Wirklichkeit vollzieht sich Die Bildung Der Regierungskoalition hinter ge­schlossenen Türen bei geheimen Verhand­lungen. deren Einzelheiten gar nicht an Die Oessentllchkeit kommen. Kann bann Dem Reichs­präsidenten die zuftandegekommene Einigung mit- geteilt werden. Dann kann er nach Dem in Der Verfassung vorgesehenen Wege zunächst Den Reichskanzler ernennen und dann auf dessen Vor­schlag die einzelnen Reichsminister. Ist erst Die Regierung auf solche Weise zustandegekommen, bann werben genügenD grvhe Aufgaben an den Reichstag herankommen. Die Sozialbemokratte wird zweifellos größere Teile auS ihrem sozial­politischem Programm verwirklichen wollen, und dies wird große Kosten verursachen. SS würde dann die Frage der Deckung herankommen. SS ist noch keineswegs sicher, ob der Reichsetat wirklich balanciert ober ob nicht noch not­wendige Forderungen nachkommen, für die bann die Deckung fehlt. Wit Ersparnissen wird man kaum zu rechnen haben. Höchsten- wird jetzt das vielumstrittcne Panzerschiff noch ge­strichen werden. Hierüber wurde nach Dem An­träge Preußen- tm ReichSrat die Entscheidung noch auSgesetzt. Nachdem aber Die 0OAialbemo- fratie sich so entschieden gegen Den Dau aus-

Fahrt durch den Bosporus.

Don Friedrich Wallisch.

Als sich Der Morgennedel teilte, Der sich eng um unser Schiff gelegt hatte, wurde vor un- die türkische Küste sichtbar, rechts hellgrüne-, fast flaches Land, das europäische Ufer, link- dunkel getürmte DebiraSmassen Asien.

In tiefstem satten CB lau lag da- Schwarze Meer unter Dem blendenden Sonn en Himmel.

Am europäischen Ufer stand Der kurze schloh­weiße Strich des LeuchtturmS Rumeli Sen6t. Man erkannte bald Die breiten Mauern Der Festung, Die Dem Leuchtturm vorgelagert sind, und die niederen Häuser des Dorfes. Dunkle, zerklüftete Basallrisfe ragen vor Der Küste auS Dem Meere. Die Kynaeischen Inseln. Die Symple* gaben Der althellenischen Sage: Jason und die Argonauten mußten zwischen diesen ..zusammen- schlaaenden" Felsen Hindurchfteuem, al- sie inS dunkle Rordland KolchiS zogen.

Der DoSporuS. die Meerenge »wischen Europa und Asien, nimmt mit weit ausladenden Küsten unser Schiff auf. An allen Uferhöhen stehen wuchtig und breit die alten Festung-mauern. Aber sie sind stumm geworden, kraftlose lieber- reste alter Wehrfähigkeit.

Europäische- und asiatisches Ufer sind einander wie Spiegelbilder verwandt. Dem Rumeli Fensr, dem europäischen Leuchtturm und Dorf, ent­spricht am Ostufer der Anadvlu Fen6r, asiatischer Leuchtturm mit Dem Dorf dahinter. Die meisten Festungen und Ansiedlungen liegen am europäi­schen und asiatischen Ufer symmetrisch etnanDer gegenüber. Aber Asien ist hier zumeist nur ein Spiegelbild Europas, nicht umgekehrt. Am ru- melischen Ufer hatte der Groh-Sultan seinen Sitz, hier war da- Herz seiner Macht, hier das Gehirn seiner Krieg-Heere, hier entfaltete sich Prunk und Reichtum seiner Getreuen. Asien schien nur dunkle Vergangenheit, schwache- Ab­bild des Glanzes. Und doch: Die Wurzeln seiner Kraft lagen für das oSmanische Reich stets im Boden Asiens. Spät kam die Erkenntnis. Zen­trum und Kraftguelle der türkischen Republik ist heute Kleinasien, daS Land Anatollen...

An einer gewaltigen, wert in die See ragenden Festung steuert der Dampfer vorbei; eS ist Kari-

ge'vrochen hat. erscheint da- Schicksal de- Schiffe- tn keinem rosigen Lichte

Run kommt gerade jetzt die Deröffenllichung der Re ich» regte rung. Dan die ©tcuerein- gänge Den Voranschlag überschrit­ten haben. DaS wird einer neuen Regierung die Wege sehr ebnen - vorausgesetzt, daß es wirklich stimmt und nicht später ein Rückschlag kommt. Einstweilen werben sehe berechtigte Zwei­fel in die Mitteilung gefetzt. Wenn sie aber stimmt dann kann man nur daraus Die Folge- rung ziehen, bah ba- Steuerprogramm Der alten Regierung die f »genannten Derterhaltungö- steuer und die Gebäude-EntschuldungSsteuer gar nicht mehr notwendig ist. sofern man nicht wieder neue Au-gaben machen will

DaS Geletz. über den formell Der alte Reichs­tag Sch-.i bruch litt das Reich-fchulgesetz. wird Den neuen Reichstag ganz sicher wieder beschästtgen Es scheint, daß nunmehr ba- Zentrum seine Pläne mit Hilfe der So­zialdemokraten verwirklichen will Ver­mutlich lautet der Kompromiß dahin, daß sowohl die konfessionelle Schule wie die welttiche Schule sichergestellt wird unter Preisgabe der Simultanschule in Baden, gelten und Rassau und unter Zurückstellung deS Gedankens der Einheitsschule. AlleS Das aber hängt ab von der Frage der Regierungsbildung. Aus diese allein kommt eS zunächst an und hiernach richtet sich alle- weitere. Vielleicht nimmt die Lösung dieser Frage auch längere Zeit in An­spruch. so daß man für die erste Zeit mit keinen großen Vorlagen zu rechnen haben wird. Den neuQCtoäblten Abgeordneten würde es vielleicht erwünscht sein, wenn der Reichstag recht bald an große Ausgaben mit .großen Tagen" heran- fäme. Den alten Abgeordneten würde sicherlich eine weitere Ferienzeit im schönen Sommer nur erwünscht sein. Und die wichtigste Frage der Regierungsbildung wird ja gar nicht gelöst von dem ganzen Reichstage, wenn eS auch so in der Verfassung zu stehen scheint. Es sind nur wenige Parteiführer, die hier über die Geschicke des Volke- entscheiden. Erst Dann, wenn Diese Entscheidung gefallen ist, hat Der Reichstag selbst DaS Wort. Wie aber Der Reichstag tm ganzen arbeiten wird. Darüber kann man heute nicht einmal Vermutungen äußern.

Randnoten

Seit vierzehn Tagen läuft vor Dem Obersten Moskauer Gericht der f»genannte Schachty- Prozeh. Was bisher von Dem Staatsanwalt Krylenlo zutage gefördert worden ist, entspricht bei weitem nicht Den in Der Anklageschrift aus­gestellten Behauptungen. Ueberhaupt sind bis zum heutigen Tage alle sensationellen Enthüllun­gen au-gcblieben, die von einer rührigen Sowjet- Presse vom Augenblick Der Verhaftung der In­genieure an ununterbrochen an gekündigt worden sind. Dafür hat sich aber immer deutlicher ge­zeigt, daß zwischen einer ganzen Reihe von Qlnge­sagten und der Anklagebehörde ein getobe^u unwürdige- Spiel hin und her geht. Mitunter kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß unter der Schar Der Angeklagten Helfers­helfer KrhlenkvS fitzen, deren Rollen gut einftubiert finb unb bie den Auftrag erhalten haben, wenigstens durch ihreGeständnisse" dem Prozeß einenfensationellen" Anstrich zu geben. Die Rusten aber, gegen bie das Kesseltreiben tat­sächlich geht, haben sich immer wieder recht ge­schickt verteidigt und haben vor allem durch den Hinweis auf ihre Arbeitsergebnisse in den Donez- Oruben Den Nachweis dafür geliefert, daß ihnen nichts ferner lag als eine Schädigung Der Sowjet­interessen. Ausfällig ist, daß man bis heute von der Donez-Verschwörung nichts anderes alS Andeutungen vernommen hat. Es sieht so auS, als ob selbst die Anklaaebehörbe mit ihren Gefolgsleuten im Ehvr der Angeklagten in gro­ßem Bogen um die Verschwörung herumgeht, eben weil diese gar nicht existiert hat, so daß auch üh<t sie Positives nicht herbeigeschafft werden kann. Versucht man nun aber zu klären, gegen wen eigentlich Der Prozeß gerichtet ist. Dann bleibt Die Feststellung übrig, Daß unter allen Umständen bie Deutschen Ingenieure zu

Verbrechern gestempelt toerben sollen. DaS ©irb auch Dem geschickt en K.vlenko nicht schwer werden, weil die deutschen Angeklagten die russische Sprache nur mäßig oder gar nicht beherrschen unb weil ihnen biS heute eine Ueberfetzung Der 2nklagefchr.it nich: auSgehändigt worden ift. so daß fie «ai'ächllch nicht wissen. welche Ziele die Anklageledörde im Auge hat Ungünstig fällt für d>e Deutschen Ingen eure und Monteure noch die Tatlache ins Gewicht, daß fir durch da» Gefängni-reglement unb 6ie Behandlung durch bie Aufsichts.^hörDcn von lag zu Tag mürber gemacht neben unb schließlich unfähig Und. sich Der Tragweite ihrer An'.wrrien bewußt zu wer­den, bie ihnen Kry enko stet- von neuem in den Munb zu le^cn versucht. Sie müssen schon früh­morgens um fünf Uhr yre Rachtruhe abbreche.', f'.hcn Dann bis in die späten Abendstunde!, hinein im GerichtSlaai. so daß ihnen nur ein fünfstündi­ger Schlaf bie bt. Unter Dielen Umständen muß die Spannkraft der Angellag.en nochlaffen, und Krylenlo muß eS immer leichter werden, mit Hilfe von ..Geständnissen" und Behauptungen dem Prozeß Die Wendung zu gcaen. Die zur Ver­urteilung der Angeklagten notwendig ist. Die Zwischenbilanz deS Schachty-Prozesse- ist für den russischen Ankläger mehr als niederschmetternd. Trotz alledem werden wir unS auf schwere Ur­teile gefaßt machen müssen, weil ste die Sowjet- regicrung zur Bemäntelung ihrer eigenen wirt­schaftlichen Unfähigkeit braucht

Djx Ratstagung in Dens hat diesmal viel von ihrem sensationellen Eharal er verloren, schon weil infolge deS Fehlens von Driand und Stresemann bie großen außenpolitischen DöZen- geschäste wegfallen. Aber bie Intrigensucht, die in ber Genfer Atmosphäre liegt, ist doch unver- änbert geblieben. Sie ist vielleicht noch größer geworden, eben weil bei dem Fehlen Der großen Kanonen Die Ge er,en&cit au flcii.cn Ueberraschun- gen besonder- günstig erscheint. Und Daran hat eS Denn auch nicht gefehlt. Der große Kamps zwischen Polen unD Litauen, Den für Polen auch Herr Ehamkerlain führte, ist zwar im Sande verlaufen unD in seiner SnbentscheiDung, wie schon so oft, auf Die nächste Ratssitzung vertagt. ES ist aber nicht zu verkennen, Daß Herr Wolde- maras in eine immer ungünstigere Lage hinein- manöveriert wirD, weil er alS StörenfrieD an­gesehen wirD: nur weil er, waS ihm eigentlich niemand übel nehmen kann, auf Wilna als natio­nale Hauptstadt nicht zu verzichten bereit ist. Wenn Da- fo weiter geht, gewinnen Die Polen durch ihre überlegene Taktik DaS Spiel, unb Litauen kann Wilna auf Verlustkonto buchen, obwohl immer noch nicht zu sehen ist, wie Diese- 2anb ohne biese- sein Kernstück überhaupt lebensfähig sein soll. Aehnliche Machinationen gruppierten sich um Den Szen t Gotthard- Fa 11 herum, top einzelne Staaten gar zu große Reigung verspürten. Da- System Der Investi­gation zum erstenmal au-zuprobieren. Die An­griffe, Die hierbei an die Adresse Ungarn- ge­richtet wurden, sollten natürlich Deutschland treffen. Der ganze Apparat sollte nur geprobt werden, um ihn im entscheidenden Augenblick gegen uirS in Bewegung zu fetzen. Hier hat Italien, da- ja sehr stark ungamfreundlich ist. wohl Dafür gesorgt, daß Der erste Angriff abge­schlagen wurde. So ist eigentlich in jedem Punkt nicht daS Politische daS Interessante, sondern bas diplomatische Intrigenspiel. Wir rechnen dahin auch ben Versuch, um jeden Preis die Rechte deS RatSvorsihenden zu stei­gern. Dafür lassen sich gewiß mancherlei Gründe anführen. Was aber für den ganzen Vorstoß ausschlaggebend war, ist doch die Erwägung, daß ber RatSvorfihenbe Der außereuropäischen Staaten meisten- Den GesanDten entnommen wirb, Die in Frankreich alfrebitlert sink), Daß er also stark unter französischem Einfluß steht unb eine Wahrung seiner Rechte auch bie französische Po­sition starken würbe. Anlaß genug für unS, diesen Vorschlag abzulehnen. Endlich noch Die seltsame Geschichte, tote ausgerechnet Der polnische Außenminister Zaleski -um Leiter Der Sek­tion für MinDerhetten gemacht werden sollte, also Der Minister DeS LanDeS. da- wegen DauernDer Verstöße gegen Den Minderheiten-

fchutz vor dem Rat steht. Deutschland hat zwei­mal intervenieren müssen, um die Rolle, Ne Herrn K a.esli zugedacht wurde, ihm wieder au» der Hand zu w:nDen. Sin Beweis. wie vorsichtig wir in Gens operieren müssen, toenn wir nicht unter Du* Räder kommen wo..en, xumal ja D?d Völkerbund nach wie vor sich bewußt Der eigen.» liehen Ausgaben der Friedenssicherung ver­schließt, die er zu erfüllen hätte.

Arbeitstagung über gesunde Lebensführung.

Die Arbeitsgemeinschast für Volks- gefunbung. Berlin, hielt am 5. und 6 3unl ihre Viügliederversammliing und eine Tagung über daS Problem Der gesunden Lebensführung ab Zahlreiche Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden sowie Der angeschlossenen Ver­bände hatten durch ihr Erscheinen und ihre rege Beteiligung an Den Verhandlungen gezeigt, wie stark Die Frage Der DolkSgesundung weite Kreise beschäftigen Die Arbeitstagung beschäftigte iich mit Dem Wesen und Der Bedeutttng Der Kör­perkultur unb ihre Auswüchse. Im An­schluß an eine Führung durch Die Ausstellung .Die Ernährung" sprach Mii i leriattat Dr. M.ill- tmh vom Preußischen Ministerium für Volk-» Wohlfahrt über bie Einwirkungen von Licht und Lust aus den gesunden und kaufen menschlichen Organismus Eine bemünftige Kör­perpflege. ber Sport in Der freien Ra - t u r im Winter und Sommer führen zu einer Stärkung Der Volksgesundheit unD auch zur Er­reichung eine- höheren sittlichen RiveauS. Ge­heimrat Faßbender sprach über Die ge­sunde Ernährung im Wandel Der letzten Jahrzehnte. Zur Gesundheit gehört nicht allein intellektuelle Erkenntnis, sondern auch WillenS- MIDung. Die GmährungSsragen sind ebenso eine Bildung-- wie eine ErziehungSsrage Zu prak­tischen Folgerungen kam man am nächsten Tage, als Geheimrat Bier gelegentlich einer Berich­tigung seiner Licht-Lust-Heilstätte für knochen- und gelenkkranke Kinder, sowohl auf Die Ve- Deutung Der LeibeSübungen unD ihre Grundlage als auch auf ihre Grenzen hinwieS. Schars geißelte dieser führende Mediziner auf dem Ge­biet deS SportwefenS Die vielfachen gegenwär­tigen Hebet treibun gen, besonder- im Frauensport und die sinnlose Sportbegeisterung breiter Massen. In einem weiteren Vortrag be­tonte Dr Harmsen, daß Der Höhepunkt Der Auswüchse auf Dem Gebiet deS Film, und Bühnen Wesens um da- Jahr 1925 liegt Heute f in Den wir eine besonders starke Heber- Hutung des Z e i t s ch r i s t e n w e s e n S mit Racktdarstellungen. Die lüsterne Racktbeit, welche sich gegenwärtig im übergroßen Maße auch in Den Wochen- unD Monatsschriften breit macht, muß man al- ein Geschäft mit Sefualien be­zeichnen. DaS Gesetz zur Bekämpfung der Schmutz- unb Schundliteratur hat gegenüber diesen Druckerzeugnissen ebenso wie Die Staats­anwaltschaft weithin versagt Die nettoenDigc Voraussetzung für jede Bekämpfung Der für un­sere Jugend gefährlichen Zeitschriften ist eine gesunde öffentliche Meinung diesen Fragen gegenüber.

Der Kasseler SeleldiglmgSprozeß

In Dem Beleidigung-Prozeß gegen Den Re­gierung S rat a. D. Karbe, in Den auch die Möbel­angelegenheit deS früheren Kaffeler Oberbürger­meister- Scheidemann hineinspielte, wurde nach viertägiger Verhanblung. nachdem auch zahl­reiche höhere Staatsbeamte alS Zeugen ver­nommen wurden, da- Urteil verkündet. Der Angeklagte RegierungSrat a. 'S). Karbe wird wegen Beleidigung deS verstorbenen Regierungs­präsidenten Springvrum und anderer Mitglie­der der Kasseler Regierung kostenpslichtig z u einer Geldstrafe von 200 Mark ver­urteilt, an Deren Stelle im Richt bei treibungS- salle für je 20 Mark ein Tag Gefängnis tritt.

In der Urteilsbegründung wird u. a au-ge- führt, daS Gericht habe sich dahin entschieden, daß die von Dem Angeklagten in seinen Schrist-

badsch4, Der Purckt, an Dem sich Der DoSporuS zu verengen beginnt. Gegenüber Rumeli Kawak liegt am asiatischen Ufer AnaDolu Kawak, auf Dem höchsten Gipfel eine« Dvppelhügels die Ruinen deS Genueser Schlosse-, davor auf schmaler Landzunge, hall» verborgen im Grün, eine Batterie, bie heute nur schiffspolizeilichen Zwecken bient, in tiefer Bucht schöne Sommer­häuser von froher Heller Farbe mit leuchtend roten Dächern, vom lichten Grün junger Bäume umgeben, unb unweit davon das alle Dorf, dunkle Häuser dicht am Wasser. Unser Dampfer stoppt auf Der Reede. Beamte bet türkischen Polizei- unb Sanitätsbehörde kommen an Bord.

Rach eineinhalbstündigem Ausenthall vor Ana- bolu Kawak setzt Der Dampfer seine Fahrt fort

DaS Wunder Konstantinopel hebt mit leisen Tönen an. die nur allmählich zum gewaltigen Allorde werden.

Immer zahlreicher sind die Ansiedlungen am Ufer, die ersten Vorboten der Stabt. Prächtiger, reicher werden die Kolonien der Sommerhäuser und Paläste. Während daS asiatische User den Präludien mir schwache- Echo gibt, leuchten an der europäischen Küste die vornehmen Sommer­häuser von Düjük-derL auf. wieder nur Vor­boten für Größeres: Am tiefblauen Wasser liegt Therapia, der Sommersitz von KonstantinopeiS Reichtum. Dunkle Pinien und Zypressen stehen hinter den prunkvollen Villen. Palästen und Hotels. Im Süden aber türmen sich die gewal­tigen Trutzmauern von Rumeli Hissar, an der engsten Stelle deS Bosporus, dort, wo Europa und Asien nur durch eine schmale Fahrtrinne voneinander getrennt sind. Hier lieh Darius die Drücke Wagen, bie fein Heer nach Europa führen sollte, hier faßten die Türken bei ihrem Vordringen auS Asien zum ersten Male auf unserem Erdteil Fuß, noch ehe sie Byzanz unter­worfen batten. Reben dem großen Dorf mit seinen niederen Häusern und südlich flachen Dä­chern ragt die alte Festung unmittelbar vom Meere mit zinkenbewehrtem Mauerwerk unb mächtigen Rundtürmen zur Höhe deS Hügels. Gegenüber. alS asiattscheS Spiegelbild, liegt die Burg Anadolu Hissar.

In der Feme erscheinen die Häuser von Sku- tari und ein schmaler Streifen des Marmara- Meeres. Das Wunder Konstantinopels schwillt

au gewaltigem Akkorde an. Immer größer wird Die Zahl der Schiffe, die hier den DoSporuS be­leben. in ununterbrochener Reihe stehen Häuser unb Paläste am Ufer. Die Serallspihe wird gegenüber von Skutari sichtbar, vor dem Hellen Himmel steht die Silhouette von Stambul. eine Schar hoher Minaretts, gewaltige Stubbe In der Moscheen. DaS Geschäftsviertel Galata erscheint, Darüber, stell ansteigend, daS Turopäerviertel Pera. DaS Gewirr Der einzelstehenben hohen Häuser von Pera, Die wie Wolkenkratzer an­muten, bringt in bhantastischer Laune ameri­kanische Züge in bie Physiognomie Der Welt­stadt deS Orients.

AuS dem Gedränge des HafenS haben sich zahlreiche Ruderboote gelöst, die ellig auf unser Schiff zu steuern. Mit Enterhaken und Tauen hängen sie sich an den fahrenden Dampfer, der fie rasch mit sich fortschleist. Die DootSinsassen klettern mit erstaunlicher Behendigkeit unb Ver­achtung der Gefahr außenbords aufs Schiff, und plötzllch find wir europäischen Reisenden von einer Schar schreiender und wild gestikulierender Kerle umringt. ES sind Bootsleute und Last­träger, Die unS mit unserem Gepäck an Land bringen wollen. Wir haben noch kein Wort verlauten lassen, ob wir überhaupt in Konstanti­nopel bas Schiff verlassen oder nach dem Mittel­meer Weiterreisen, und doch ist bereits ein er­bitterter Streit um die Ehre. unS ausbovten zu dürfen, zwischen ihnen entbrannt. Sie brüllen auseinander ein, treten einander in drohender Kampfstellung gegenüber, und wir armen Fahr­gäste müssen unS vor diesem temperamentvollen Streit um deS Kaiser- Bart in eine bescheidene Ecke des Decks flüchten. Von allen Seiten brin­gen die schreienden Kerle aufeinander ein. biS schliehlich ein SchiffSossizier soweit Ordnung schafft, daß wir treppab den Rückzug in den Kajütengang an treten können. Wir haben eine Kostprobe von den Schattenseiten Konstantinopels genossen.

Inzwischen ist der Dampfer ins Goldene Horn eätgelaufen.

In all ihrer unbeschreiblichen Herrlichkeit liegt die Stadt vor unS. Richt kühl berechnende Po­litik allein mag durch viele Jahrhunderte den Völkern deS Westens und des Ostens Byzanz, den Schlüssel zweier Welten, alS höchsten SiegeS-

pveiS versprochen haben. Diese- Stück Erde, wo Stontlnent zu Kontinent findet, Meer zu Meer, muß jeden Menschen mit Stetten der Sehnsucht wieder an sich ziehen, der einmal Stadt und Küste von Stambul erblickt hat.

3m Käfig nach ber Teufelsinsel.

Eine grausige Schiffsladung verläßt wie all­jährlich, jetzt Den Hafen 0t. Martin de R6 in Der Dai von DiSkaja: bie Verbrecher, bie zur Deportation nach Der TeufelSinfel bestimmt find. Es sind diesmal 418 liebeltäter. Die diesem grausigen Schicksal entgegengehen und von einer schwerbewassneten Mannschaft au- dem Gefäng­nis von St. Martin de R6 auf da- Schiff gebracht wurden. Das .Verbrecherfchiff", der 5000 Tonnen-Dampfer .La Martiniöre", enthält starte eiserne Käsige, tote sie sonst nur für wilde Tiere in ©ebraueb sind In ihnen werden die Verbrecher untergcbracht, die für bie An- ftrengungen ber Reise 14 Tage lang ArbeitS- ruhe unb bessere Rahrung erhielten. Im Falle eineS Aufstande- würden die Insassen ber Käfige sofort mit heißem Wasser überschüttet werden, denn die Käfige stehen durch Röhren mit Den Dampfkesseln in Verbindung, und die Wärter können mit einem einzigen Griff die heiße Flut in die Käfige leiten. Während der Reise erhalten die Verbrecher zum Frühstück Zwieback und Kassee, zu Mittag Fleisch. Gemüse unb Wein, und abend- da-selbe ohne Wein. DaS Schifs fährt zuerst nach Algier, um dort noch Verbrecher au» Rord-Afrcka auszunehmen. ES ist Zweifelhast, ob einer dieser Unglücklichen Die Heimat je toiederfieht, Denn wenn auch nicht alle au lebenslänglicher Deportation verurteilt sind, so überlebt Doch selten einer in Dem furcht­baren Klima feine Strafzeit.

Hochschulnachrichten.

Direktor chermann P o 11 h o s f ist zum ordent­lichen Profestor für Eisenbahnmaschinenbau und Krastfahrwesen an ber Technischen Hochschule In Hannover als Nachfolger von Geheimrat L. T r o s k e berufen worden. Er hat den Ruf ange­nommen und bereits feine Ernennung zum Drblx narius in Hannover erhallen.