Nr. 36 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, u. Februar 1928
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 11. Februar 1928.
Oberhessischer Heimatabend.
Die Ortsgruppe G eßen des Deulschnationalen Handlungsgehilfen-Derbandes. de ihre Mitglie- der und Freunde durch wertvolle Dorträge schon ost erfreute, hat sich am Donnerstagabend ein ganz besonderes Verdienst erworben durch die Veranstaltung eines ober hessischen Hei- matabends, zu dem der bekannte Heimatdichter aus dem Hüttenberg, Georg Heß von Leihgestern, als Träger der Veranstaltung gewonnen war. Cs waren prächtige Stunden, die Georg Heß seinen .'Zuhörern, die den großen Saal beinahe ganz füllten, bereitete. Zum ersten Male brachte er bei dieser Gelegenheit eine wertvolle Erweiterung und Vertiefung seiner hei- matkundlichen Darbietungen an die Oefsentlich- feii. Er gab nämlich zu Beginn des Abends in seinem Vortrage interessante Schilderungen über das Hüttenberger Volkstum, Der lern» ha'te Menschenschlag des Hüttenbergs wurde dabei in großen Zügen vor das geistige Auge der Besucher gestellt, insbesondere aber die seine Hüttenberger Tracht beschrieben und an Lichtbildern sichtbar gemacht, dabei jedoch auch mit Bedauern betont, daß diese Tracht infolge der neuen Zeitumstände immer mehr im Verschwinden begriffen ist. Wertvolles wußte Georg Heß weiterhin auch zu berichten über die Bräuche und Sitten im Hüttenberg vor vierzig Jahren und heute. Auch hier trat deutlich in Erscheinung, wie wenig vorteilhaft die neue Zeit für die schönen Bräuche und Sitten der früheren Jahrzehnte geworden ist und was unser Volkstum mit dieser Verflachung durch den neuen Zeitgeist verliert. 3m zweiten Teile des Abends wurden aus Georg Heß' Heimatdichtungen einige köstliche Proben geboten, die in Gestalt von Zwiegesprächen in Hüttenberger Mundart außerordentlich reizvoll waren. Die Vorträge sowohl, wie auch die Dichtungen aus dem Hüttenberger Volksleben fanden mit Recht sehr lebhaften Beifall. Georg Heß hat sich durch diesen wertvollen Vortragsabend ein neues Verdienst um die Pflege des echten und schönen heimatlichen Volkstums erworben. An den Abend wird man gerne zurückdenken.
Volkstümliches Symphoniekonzert der Volkshochschule.
Die Voltshochschule hatte wieder einmal ein ausverkaustes Haus. Ebenso wie am ersten Abend in der Aula, waren zahlreiche Zuhörer erschienen, um Meister Schuberts Werte im Gedenken an seinen l00. Todestag auf sich wirken zu lassen. Der Gießener Orchesterver- e i n hatte sich in liebenswürdiger Weise zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt und brachte mit einer Ausnahme weniger bekannte Werke des Wiener Liedmeisiers zu Gehör. Zunächst die Ouvertüre zur Zauberharse, ein Melodram, das 1820 seine Uraufführung erlebte und bann bald verschwand. Die Ouvertüre wurde jedoch später bei Rosamunde verwendet. Der immer fesselnde und ansprechende Melodienreichtum kam bei der Wiedergabe sehr schön und rein zur Geltung. Dasselbe ist von der Ballettmusik aus der Rosamunde zu sagen. Hier litt nur der erste Teil unter zu langsamem Tempo, wodurch eine gewisse Langatmigkeit entstand, die das Werk nicht hat. 3m zweiten Teil wurde dagegen frisch und exakt musiziert. Die sich hieran anschließe.,de Wiedergabe der Unvollendeten Symphonie in b-Moll bedeutete eine besondere Leistung des Orchesters, beim hier haben wir es mit einem Werk des ausgereisten Meisters zu tun, das an bic Ausfühl enben hohe Aufarbeitungen stellt. Der erste Sah gelang am besten, hier 'eien besonders Oboe und Horn hervorgehoben. Der zweite Satz war ebenfalls gut, nur im Tempo zu langsam. Die Pauken härrsig zu stark, sonst aber sehr ausgeglichen. Den Beschluß machte der bekannte Müitärmarsch, in straffem Rhythmus, und recht sauber gespielt. Das Publikum glaubte sich wohl in den Linierhaltungsteil versehr, denn es unterhielt sich stellenweise recht lebhaft.
Die Gesamtleistung des Orchesters war recht gut. Bläser und Streicher wetteiferten, den ihnen
Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....
Roman von Erica G r u p e - L ö r ch e r.
41 Fortsetzung Nachdruck verboten
Dietwart hob überrascht den Blick. Er übersah sofort die Wichtigkeit dieses Anerbietens. Allerlei Gerüchte hatten schon in den letzten Tagen die Stadt durchschwirrt, daß die französischen Behörden auf die zurück^lassenen Einrichtungen der ausgewiese-
Deutschen Beschlag legen und sie später vertäu- fen/lasse würden. Diesem Schicksal konnte man nun Trr.ft diesem Angebote entgehen. Wenger schlug vor:
„Wir lassen die Möbel heute abend, wenn es dunkel geworden ist, in einem geschlossenen Wagen vor mein Haus bringen und hereintragen. Meine Dienstboten sind unbedingt zuverlässig. Niemand wird erfahren, wo Ihre Einrichtung untergebracht ist! Wollen Sie, Herr von Schölzer?"
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Für den Janhagel von Straßburg gab es seit den Waffenstillstandstagen viel zu sehen und amüsante Tage der Abwechselung. Sie waren geeignet, für den einengenden Druck der vier langen Kriegsjahre zu entschädigen. Erst kam der Abzug der deutschen Truppen, der so eilig war, daß große Hceres- bestände zurückbleiben mußten und man Gelegenheit hotte, den Rest an wertvollen Stoffballen, an Stiefeln und Uniformen und dergleichen mehr in den Kasernen zu plündern. Dann folgte die Demolierung der Denkmäler aus deutscher Zeit, und man durfte den Standbildern der deutschen Kaiser an der Fassade am neuen Postamte ungehindert die Köpfe abschlagen. Es folgten die Einzugstage der französischen Truppen mii ihrem großen Klimbim und ihrer geschickten mise-en-scene Und nun kam eine neue Sensation auf, die sich immer von neuem wiederholte: der Abschub von deutschen Staatsangehörigen, die sich draußen an der Rheinbrücke einzufinden hatten.
Auch diese Ereignisse wurden mit einer Emsigkeit bis auf die Neige ausgekostet die vom Haß gegen alles Deutsche, gegen diese jetzt so tief verachteten Boches, diktiert war.
Geschichten aus aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Nm die Ehre des Hauses.
(v) Budapest.
Man soll die „Moderne" nicht immer in Paris, Berlin, Moskau oder allen alls Budapest suchen. Man findet sie manchmal auch an der Grenze des Balkans, wie folgende Geschichte beweist, die sich jetzt in Agram, der Hauptstadt Kroatiens (S. H. S.) abspielte.
Der Buchhalter Zdenko O r i v a s o s k i war 65 3ahre alt geworden, als er beschloß, die hübsche 25jährige Milica Cernow zum Altar zu führen. Milica war aber nicht nur hübsch, sondern auch ein offener Charakter. So erklärte sie dem alten Zdenko von vornherein, daß sie einen Geliebten habe, den schönen Tomä, und diesen auch mit in die Ehe nehmen wolle. Lind der dumme — ober schlaue? — Zbenko war es zusrieben. Zwei 3ahre lebten bic brei glücklich mit- unb nebene nanber, bis — ber schöne Torna der hübschen Milica untreu wurde und „zwecks Heirat" mit der Tochter eines reichen Agramer Kaufmanns anbandelte. Wie eine Furie stürzte die Betrogene, als sie dies erfuhr, zu — Zdenko und forderte, er solle Torna gehörig „den Kopf waschen". „Geh hin," rief sie, „und fordere Rechenschaft von dem Schurken, ber b i e Ehre Deines Hauses besubelte, indem er mich hinterging." Unb ber fast 70jährige tat, wie ihm befohlen, mit dem Erfolg, daß Torna ihn einfach hinauswars. Run brütete das seltsame Paar Orivasoski Rache. Und am Tage vor seiner Hochzeit wurde Torna, als er des Aachts vom Hause seiner Braut heimgehen wollte, von den beiden überfallen und so übel zugerichtet, daß ihm u. a. ein Schlüsselbein brach.
Die Richter hatten einen schweren Stand, aber schließlich mußten sie doch ein Urteil fällen. Und so erhielt Milica drei und Zdenko vier Monate Gefängnis — mit Bewährungsfrist.
Mussolini verbietet das „Handeln".
(h) Rom.
Man kann bisweilen ber deutschen Sprache den Vorwurf einer gewissen Armut nicht ersparen. Cs gehört zu ihren Eigenarten, daß sie für zwei verschiedene Begriffe manchmal nur ein einziges Wort hat. Aber wo Schatten ist, da ist auch Licht. So ist es dieser „Spracharmut." des Deutschen zu verdanken, daß man z. B. folgende Scherzfrage Jtetlen kann: Was ist paradox? — Wenn Mussolini, der unumschränkte Herrscher über bas geeinte 3talien, über Tripolis, bie Cyrenaika, Cryttea unb verschiedene sogenannte „befreite Provinzen", wenn ber große Benito, der Mann ber Tat, das — Handeln verbietet. — Run, man könnte annehmen, er verböte es anderen unb behielte sich das Monopolrecht auf attives Handeln vor. Dem ist jedoch nicht so, lieber Leser, ber Duce verbietet i nur bas Handeln im unschönen Sinne kleinkauf- I
gestellten Ausgaben gerecht zu werden. Cs ist dem Orchesterverein bantbar anzurechnen, bah er sich unter Leitung seines Dirigenten Hermann Weller so opferfreudig in ben Dienst ber kreisen Gelegenheit bot, Schuberts unvergäng- guten Sache stellte und damit breiten Volks- liche Werke kennen zu lernen Der Beifall war herzlich. B.
Gictzcncr Wocherrmarktpreisc
Cs kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt bas Pfund: Butter 150 bis 170, Matte 30 bis 35, Käse 60 bis 140, Wirsing 40, Weißkraut 20 bis 25, Rotkraut 35, gelbe Rüben 15 bis 20, Spinat 35 bis 40, Lin ter-Kohlrabi 10 bis 12, Grünkohl 35, Rosenkohl 50 bis 60. Feldsalat 150, Tomaten 120 bis 150, Zwiebeln 25 bis 30, Meerrettich 40 bis 100, Schwarzwurzeln 50 bis 60, Kartoffeln 5 bis 5^, Aepfel 10 bis 20, Birnen 10 bis 15, Honig 40 bis 45, Suppenhühner 100 bis 120; das Stück: Eier 16 bis 17. Blumenkohl 60 bis 300, Salat 40 bis 45, Endivien 35 bis 40, Lauch 15 bis 20, Rettich 10 bis 30, Sellerie 20 bis 60 Pfennig.
männischen Gebarens, das Feilschen. Die italienische Handelskammer und das faszistische Syndikat haben, einem Gebot des Diktators folgend. bei hoher Strafe, unter erschwerenden Umständen sogar unter Entziehung der Handelslizenz, unterlagt, andere Preise zu fordern, als in den Schaufenstern angegeben sind. Für Lebensmittel hat dieses jetzt allgemein erlassene Verbot schon seit längerer Zeit Gültigkeit, und es ist gar nicht abzusehen, was nun geschehen wird, da im letzten 3ahre allein in Mailand 51 Lebensmittelgeschäfte wegen „Preisschiebung" geschlossen wurien.
Cs erhebt sich aber die Frage, ob Mussolini mit seinem Verbot nicht einen Teil der italienischen Seele getroffen hat. Der Fremde, der nach dem Heimatlande Dantes „pilgert", ist es gewöhnt, daß er den richtigen Preis einer Ware erst nach verschiedenen kürzeren oder längeren^ Konferenzen mit dem Verkäufer erfährt. Das Handeln in 3tali :n gehört zur italienischen Sv. ne, zur blauen Adria, zu Maccaroni und Lazaroni und zu den romantischen Trümmern des Forum Romanum. Lind eine andere Frage: nach einem ewigen mathematischen Gesetz müssen Kräfte, denen die Wege normaler Expansion gesperrt werden, nach einer anderen Richtung fließen. Wer garantiert jetzt dem Duce, daß die unterbundenen Energien der italienischen Handelsinstinkte nunmehr nach dem erwähnten Verbot sich in neuem, und zwar gutem Sinne auswirken werden?
Herriot, Jean und die Lchokoladcntorte
(—) Paris.
Seitdem Herriot nicht mehr in die Räderspeichen der Weltgeschichte greift und nur noch als bescheidener Kultusminister der französischen Republik fein Dasein fristet, hat er s ein Herz für die 3ugenb entdeckt. Er ist überhaupt sentimental geworden, der alte Herriot, und so reifte er jetzt nach seiner Heimat Lyon und besichtigte dort die Schule, in der er einst Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt hatte. Die Lehrerin nahm gerade die Bruchrechnung durch, und Herriot fragte bei dieser Gelegenheit einen der Kleinen: „Wie würdest du dich entscheiden, stellte ich dich vor die Wahl zwischen einem Drittel und einem Achtel einer Schokoladentorte?" — „3ch würde das Achtel nehmen," war die Antwort. Die Lehrerin war entsetzt. Fast weinend wandte sie sich an die Klasse. „Seht ihr, wie oft habe ich euch erklärt, daß ein Bruch sich mit der Gröhe des Renners verkleinert, und der dumme 3ean hat es noch nicht begriffen. 3hm ist der achte Teil einer Schokoladentorte lieber als der Dritte." Da erhob sich der Geschmähte und rief, während ihm das Wasser die Wangen herunterlief: „Aber Fräulein, ich esse ja gar nicht gerne Schokoladentorte." — Tableau, und im Vordergründe ein lachender französischer Llnterrichtsminister.
Bornotizen.
— Die Vortragsvereinigung beschließt ihr dieswinterliches Vortragsprogramm mit einem Lichtbildervortrag von Kurt Hiel- s ch e r aus Berlin über das Thema „Von Dalmatien durch Montenegro, Herzegowina nach Südmazedonien". Der Redner ist der Verfasser der großen Tiefdruckbilder- werke .Jugoslawien", „Das unbefann e Spanien", „Deutschland", „Italien" und „Rom". Der Vortrag dürfte allseits Interesse erwecken. (Siehe heutige Anzeige!)
— Zum Besten der Gießener Studentenhilfe findet am Sonntag. 19. Februar, in der Reuen Aula der Llnioerfitäc nachmittags ein Kinderfest und abends ein Wiener Prater-Abend statt. Lim ihres guten Zweckes willen sei die Veranstaltung zu starkem Besuche empfohlen. Man beachte die heutige Anzeige.
** Ferienkursus an der Landes- Universität. Die Universität Gießen veranstaltet vom 1. bis 13. Oktober d. I. für Einheimische und für auswärtige Gäste, für Deutsche und für Auslän
der aller Nationen, einen Ferienkursus. Der Prospekt zählt in seinem Programm etwa 50 Dortrags- stunden Gieße r Professoren auf, weiterhin werden Lehrausflüge n Aussicht gestellt, künstlerische Dar- bietungen ' er Art. schließlich eine mehrtägige Rhein- un" Üainsahrt. Die Leitung des Kursus hat Professor .r. Ernst Küster übernommen (Gießen, Brandplatz 4). Prospekte versendet die Geschäftsstelle des Ferienkurses in Gießen, Bismarckstraße 22.
** Städtische Brennholzversteige- rung. Bei der gestrigen Brennholzversteigerung in den Waldungen der Stadt Gießen (Hangelstein) wurden folgende Durchschnittspreise erzielt: Buchenscheiter 16 Mark, Eichenscheiter 10 Mark, Buchen- Inüppel 10,50 Mk., Eichenknüppel 8 Mk., Buchen- stocke 7,50 Mark, Eichenstöcke 5,50 Mark je Raummeter: Buchenreisig 26 Mark, Eichenreisig 12 Mark die 100 Wellen.
* Viehmärkte in Gießen. Am Dienstag und Mittwoch nächster Woche finden in Gießen Viehmärkte statt, und zwar am Dienstag Rindviehmarkt, am Mittwoch Schweinemarkt.
* Deutschnationale Vvlkspartei. Man berichtet uns: Die im ..Postkeller" statt- gehabte Hauptversammlung erfreute sich eines recht guten Besuches. Wie aus dem vom Schriftführer erstatteten 3ahresberichte hervorging, war das abgelaufene T^reinsjahr, besonders infolge der hessischen Lanotagswahl, ein sehr arbeitsreiches. Die Mitgliederzahl war in erfreulichem Zunehmen begriffen. 3n der Frauen- wie in der 3ugendgruppe wurde eifrig gearbeitet, die ncugegrünbe.'e Arbeitergruppe machte gute Fortschritte. Die Rechnungsablage ergab einen kleinen Liederschatz. Bei der Vorstandswahl wurde der seitherige engere Vorstand wiedergewählt, im erweiterten Vorstände traten geringe Veränderungen ein. Rach Erledigung des geschäftlichen Teiles hielt Abg. Prof. Dr. Werner einen Vortrag über die politischen Verhältnisse im Weiche und in Hessen. Er wies zunächst darauf hin, daß es mit dem deutschen Volke nicht auswärts gehen könne, solange es in Deutschland noch Parteien gäbe, die sich ihre polittschen Tips aus dem Auslande holen. Der Hochkapitalismus habe in der ganzen Welt gesiegt, und der Völkerbund sei nur eine Organisation dieses Kapitcllismus. 3n großen Zügen ging er dann auf die außenpolitischen Verhältnisse ein, beleuchtete die letzte Rede Briands, die zeige, daß die Franzosen von der Zeit Ludwigs XIV. bis heute ihre Ansprüche auf das linke Rheinufer nicht aufgegeben haben. Die Politik von Locarno habe uns in eine Sackgasse gebracht. Zu innerpolitischen Fragen übergehend besprach er zunächst die Rotlage der Landwirtschaft, die keine Schuld trage an hohen Fleisch- und Getreide- Preisen. Sie kämpfe heute einen Derzweiflungs« kamps. . Die Frage des Einheitsstaates fei heute noch nicht geklärt. Solange Bayern, Württemberg und Baden nicht mitmachten, fei nicht daran zu denken. Man solle sich auch nicht der Hoffnung hingeben, daß dabei viel gespart werde. Die Verwaltung dürfte viel teuerer und umständlicher sein, wenn man z. B. bedenke, daß dann sicherlich viele Amtsgerichte in den kleinen hessischen Städten verschwinden und ihre Bezirke entfernt gelegenen Amtsgerichten zugeteilt würden. Richt zu verstehen fei es, daß man jetzt, wo man doch den Einheitsstaat und dadurch Sparmaßnahmen erstrebe, die hessische Gesandtschaft in Berlin aufrechterhalte bzw. wieder neu besehe. Alle 3uristen seien sich darüber einig gewesen, daß die letzte Landtagswahl in Hessen ungültig sei. Darum hätten sich auch die Abg. Sturm- sels und Schreiber durch nicht juristisch gebildete Parteifreunde bei den Verhandlungen im Staatsgerichtshof vertreten lassen. Recht müsse Recht bleiben. Die kleinen Parteien dürften nicht unterdrückt werden. Rachdem der Redner noch auf die Regierungsbildung in Hessen näher eingegangen war, schloß er seine Aus.ührungen, die noch eine lebhafte Aussprache herbeiführten.
** Oberhessischer Kun st verein; Die derzeitige Ausstellung, welche insbesondere Werte von Käthe Kollwitz enthält, ist morgen Sonntag, 12. Februar, zum letztenmal geöffnet. Mit ihr wird auch die Cinzeichnungsliste für den Mitglieder-Sonberdrucl von Rubens, Knabe mit Zeisig, geschlossen.
hr. Der Wartburg-Verein Gießen unter der Leitung von Pfarrer Becker hatte für Mittwoch abend zu einem Musikabend ein*
Raymond von Hammerschlag konnte sich nicht entsinnen, je in feinem Leben in einer ähnlichen Stimmung zwischen seinen eigenen Landsleuten sich befunden zu haben, als er am andern Morgen im Zentrum der Stadt die elektrische Bahn bestiegen hatte, um sich an die Rheinbahn hinausfahren zu lassen. Die Wagen der elektrischen Bahn waren überfüllt. Selbst draußen auf die Trittbretter hatten sich noch im Moment der Abfahrt einige Waghalsige geschwungen. Die ganze Stimmung, die um ihn herrschte, ekelte Raymond an. Er stand innerlich unter dem Druck des Abschiedsschmerzes von einem Freunde, mit dem er feit Jahren alle Erlebnisse geteilt hatte. Er stand unter dem Empfinden, Zeuge eines Schauspiels von ganz unerhörter Grausamkeit und Ungerechtigkeit werden zu müssen. Rings um ihn aber lachte man, schwatzte und begrüßte sich gegenseitig, da man jetzt lauter Gleichgesinnte traf, mit denen man sich im jahrelang unterdrückten Haß gegen die Preußen vereinigt fühlte. Man bediente sich teilweise des elsässischen Dialektes, aber man hörte auch sehr viel Französisch parlieren. Denn während Raymond, den Filzhut tie fin die Stirn gedrückt, um möglichst unerkannt und unbemerkt zu fein, von der Ecke seines Sitzes aus seine Umgebung musterte, sah er nicht nur einheimischen Plebs, wie er beim Einsteigen am ganzen Gebaren angenommen, sondern auch zahlreiche Vertreter der sogenannten guten elsässischen Bürgerkreise, die jetzt na- sittlich ostentativ zeigen mußten, wie fließend sie das Französische beherrschten!
Alles war bunt zusammengewürfelt. Herren und Damen. Letztere bereits in Kostümen und Modellen, die eiligst der neuesten importierten Pariser Mode entsprachen, in hochschafügen Stiefeln, an dem Muff ober dem Ende des Pelzkragens die unvermeidliche, kleine blau-weiß-rote Kokarde. Mädels, die bisher draußen in den Schittiateimer deutschen Munitionsfabriken einen guten Lohn eingesteckt hatten, und diese Tatsache damit quittierten, daß sie als die ersten mit öffentlich die französischen Kokarden rrügen. Unb ihnen als Partner Kleberplatzbrüber, Taugenichtse, Tagebiebe, unsichere Elemente, die sonst faul auf dein Kleberplatz herumlungerten unb immer auf ber Bildfläche erschienen, wenn's irgendwo etwas zu rauben, zu plündern, zu stehlen, kurz, wenn es etwas „billig zu verdienen" gab.
Schon seit einer Stunde trug jede Elektrische Menschenscharen aus der Stadt hinaus. Als Raymond draußen den Wagen verließ, stand bereits eine gaffende Zuschauermenge an der Rampe der Rheinbrücke.
Am liebsten wäre er sofort wieder umgekehrt und aus diesem ganzen Milieu geflüchtet. War es möglich, das an diesem tragifdjen 'Anblick menschlichen Unglücks rohe Gesühlslosigkeit unb seelische Roheit sich derartig zu weiden vermochten? Von einem französischen Tuppenkordon unb dem Gitter, ber die Rampe sich hinaufziehenden Straße von ben an- bern abgeschnitten, wartete bie Gruppe berjenigen Deutschen, bie ihren Ausweisungsbefehl zu heute erhalten hatten. Man sah aus ber großen Anzahl, daß die französischen Behörden die unverkennbare Absicht hatten: jetzt mit diesen Boches im Lande radikal reinen Tisch zu machen.
Raymond hob sich auf die Fußspitzen und überflog mit seinem Bück jene Gruppe. Er hatte es als ganz selbstverständlich gestern angesehen: Dietwart zu versprechen, daß er noch heute morgen hier her- auskommen würde, um ihm noch einmal zum Ab- schied die Hand zu drücken. — Der Nebel, der fich in ber ersten Frühe des Dezembertages über bie Stabt lagerte, begann sich zu heben. Aber umsonst versuchte bie Sonne mit ihrem helleren Schein durch- zubringen. Es blieb eine trübe, grau-freundliche Atmosphäre — der Stimmung der Situation entsprechend. Vollständig kahl und leblos reckten die Bäume ihre Zweige in die Winterlust. Das Gras auf den Abhängen rings war gelb und sahl. Vom nal)en Rhein her stieß immer wieder ein scharfer Luftzug herüber.
Es war alles so traurig, so hoffnungslos, so nn- mirtlid, wie möglich. Da reckte sich eine Männer- Hand aus dem Gedränge der deutschen Schar. Dietwart hatte Ray.nond zuerst erblickt! Immer wieder hatte sein Blick abschiednehmend zum Gewirr der roten fpigaufragenben Giebel des Stadtbildes hin- übergeiehen. Immer wieder noch einmal den stolzen Bau des Straßburger Münsters gesucht. Wehmütig riß er sich los von dieser Stätte, die ihm feit seinen Kindheitstagen eine Heimat geworden war. Und schmerzlich suchten seine Gedanken noch einmal Melusine, die Geliebte, die ihm bie Treue, die ihm ihr Wort nicht gehalten hatte.
Aber Raymond kam nun! Nie hatte der Freund ihn enttäuscht! Dietwart bahnte sich einen Weg zum Gitter und reichte Raymond die Hand hinüber.
Ihre Blicke grüßten sich stumm. „Ich danke dir, daß du noch einmal hergekommen bist, Raymond!"
Der andere vermochte kaum zu antworten. Er hatte inzwischen die Art und Weise verfolgt, wie das ©rüpplein Deutscher hier öffentlich behandelt wurde. Nicht nur, baß bei jedem eine genaue Visitation der Papiere vorlag.- Nein, auch sein bißchen Habe wurde genau kontrolliert, durchsucht, abge- mögen, unb jeber Gegenstand, ber die erlaubten vierzig Kilo überschritt, wurde heralisgerissen und von ber französischen Kontrolle mit einem eleganten Schwünge bem elsässischen Janhagel hinter ber Barriere zur freien Verfügung zugeworfen. Drüben, jenseits der Schranke, quittierte jedesmal aufbrüllendes Lachen den Vorgang, und Spott- und Hohngesänge auf die abziehenden Boches wurden immer wieder von neuem angestimmt.
„Daß eine solche Ausweisung noch mit solchen Ge- meinheiten gegen euch verbunden sein würde, habe ich mir nicht vorstellen können", sagte Raymond ! halblaut, zum Freund hinübergeneigt. Dietnxirt lächelte verbittert.
Der Pöbel um sie lärmte und lachte und gestikulierte. Ein besonders witziger Kopf hatte schnell ein Gedicht gezimmert, das der Situation entsprach, (fr sang die einzelnen Verse solo vor, und im Cho- rus wurde der Refrain mitgefungen. Da diese Worte immer wieder kehrten, verstand man sie zuletzt deutlich:
„Schmeißt den Preußen in den Rhein — mitten nein! Recht weit rein!
Vive la France! Die Schwade müsse zum Ländle nus!"
Die beiden Freunde wechselten einen Blick. „Dafür hat mein Vater nun über zwanzig Jahre lang hier im Lande gearbeitet", sagte Dietwart endlich voll i Bitterkeit.
I Ein halberwachsener Bursche, den flachen runden Hut in den Nacken gedrückt, wandte sich plötzlich neben Raymond zu einem seiner Kameraden herum und rief diesem halb ärgerlich, halb lachend zu: „Allez, hopp! Jetzt brüll' du auch mit, lavier!
• Meinst, du bekämst deine zehn Franken, wenn du's | Maul hältst und nicht hier mittuft?"
1 (Foruegung folgt.;


