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m. ?6 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, U. Februar 1928

Hessischer Volkshumor.

Don Professor Dr. Alfred Götze, Gießen.

Soeben beginnt nach langen Vorarbeiten das Hessen-Nassauische Volkswörter- b u ch') zu erscheinen, das neben der Volkssprache der preußischen Provinz Hessen-Nassau auch die Mundart Oberhessens darstellt. Die Abgrenzung war schwierig: sie muhte sich mit den unglücklichen politischen Grenzen Hessens abfinden. für die nicht die Gelehrten des zwanzigsten, sondern die Staatsmänner des neunzehnten Jahrhunderts verantwortlich sind, von denen wir aber nicht koskommen. weil Wundartwörterbücher heute nicht ohne die Hilfe der Körperschaften der Heimat arbeiten und erscheinen können. So bearbeitet nun die Marburger Privatdozentin Fräulein Luise Verthold die Reg erungsbezirke Wies­baden und Kassel (diesen mit der Herrschaft Schmalkalden), dazu den rheinischen Kre.s Wetz­lar und die hessische Provinz Oherhe sen. Für das künftige Südhessische Wörterbuch bearbeitet Privatdozent Dr. Friedrich Maurer in Gießen die hessischen Provinzen Star'enburg und Rhein­hessen Er steht, abgesehen davon, daß er der Marburger Wörterbuchzelle unablässig Hilst, in enger Arbeitsgemeinschaft mit Studienrat E. Ehr ist mann, der in Kaiserslautern das Rheinpfälzische Wörterbuch vorbereitet. Dessen Stoff kann damit an seinem natürlichen Mittel­punkt zusammenströmen: für Oberhessen ist uns leider ein Gleiches versagt, und auch daß die räumlich entlegenen Provin en Rheinhessen und Starkenburg in Gießen Bear eitet werden müssen, hat seine unleugbaren Sa)wierigkeiten. Aber all das wird mehr als ausgewogen durch die freu­dige Bereitwilligkeit der Lehrerschaft, ohne Rücksicht auf die schwarz-weißen und rot-weißen Grenzpfähle mitzuwirken an dem großen Werk, mit wahrhaft idealem Sinn, mit warmer Hin­gabe und zuverlässiger Kenntnis ler geliebten Sprache der Heimat. Wenn das 1 e.k gut hinaus-

) Hessen-Nassauisches Volks- Wörterbuch aus den für ein Hes en- Rassauisches Wörterbuch mit Hilfe aller Volks­kreise und besonders der Lehrerschaft von Fer­dinand W r e d e angelegten und verwalteten Sammlungen ausgewählt und bearbeitet von Luise Verth old. Lieferung 1 ( Dand II. Vogen 14:15 laut). Marburg. Clwert, 1927. 2.50 Mk. 81

Oer Faszismus und die Krise des modernen Gtaaisgedankens. Don unserem römischen ^-Korrespondenten*.

II.

Dom liberalen zum faszistischen Staat.

Wie für den Menschen, so ist auch für den modernen Staat der erste Schritt ins Leben der erste zum Grabe. Unter moderner Staats­form verstehen wir dabei diejenige, in der im Gegensatz zum alten Herrschaftsstaat die M e n s ch h e i t s r e ch t e als die belebende Kraft wirken. Rur reine Gewalt verbürgt Dauer­haftigkeit, das heißt, das Leben eines Gewalt­staates währt so lange, wie das der Gewalt selber: der auf den lebendigen Dolksbegriff fußen­de Staat hingegen stirbt um so früher, je willfähriger er sich dem Volkssouverän gegenüber benimmt, je mehr Rechte er ihm einräumt. Seine Lebensdauer hängt nicht von der Zufuhr neuer Energien ab, sie wird im Gegenteil um so größer sein, je mehr Hem­mungen er dem Volkswillen auferlegt. Eine autonome Dolkskraft würde ohne Hemmschuhe, ohne Gewaltanwendung also, den Staat sofort bergab in den Abgrund reißen.

Um das zu erreichen, braucht es nur einen entschlossenen Lenker, der die Vremsen abnimmt. Lenin kam auf diese Weise in wahnsinnigem Tempo ans Ziel, Mussolini, klüger, lot­terte die Vremsen nur so weit, daß das Ab­gleiten des liberalen Staates nicht fturzhaft. sondern nur so schnell vor sich ging, um es beobachten zu können. Der Auslösungsprozeß, um ein anderes Vild zu gebrauchen, sollte sich in legitimer Form vollziehen. Das war außerordentlich wichtig, als Beweis für die Be­hauptung. daß hier einer starb, ein Staat, weil er krank war. nicht weil ihn ein Revolutionär ermordete. Die Welt war Zuschauer an diesem Sterbelager, wir konnten mit dem Kurvenblatt in der Hand den Ablauf des modernen Staats­gedankens verfolgen, m blitzschnellen Düd:rn zog an uns vorüber, was den europäischen Staats­gebilden noch bevorsteht. Italien hat uns gezeigt, wie das Ende unseres stattlichen Or­ganismus aussehen wird, gegen das wir uns noch mit Händen und Füßen sträuben, obwohl wir diese Krise bereits klar erkannt haben.

Am Ende des modernen Staates steht immer das Richts und damit, das ist das Tröstliche, der Aufstieg zu Reuem.

ES war aber nicht nur Klugheit, sondern auch Mangel an Kraft, was Mussolini bestimmte, von einer sofortigen llm^lzung. einer Staatszerschlagung nach <uf ischem Mu­ster abzusehen. AlsRebell" unbeschwert von formalen Zukunstsgedanken, lehnte er die Mo­narchie ab, weil sie ihm nicht monarchisch genug sei. vermochte sich aber ebensowenig für die Republik zu erwärmen: der Einmarsch in Rom erst, den er dem König und der Armee ver­dankte, änderte seinen Sinn. Er begriff, daß in dem Heere hinter dem König ein Faktor stand, den man besser benützt, als eliminiert. Do kam ihm der bestehende Rahmen einer ge­schlossenen und von der Volkskunst getragenen Macht nicht ungelegen, er nahm sein Porte­feuille und ging mit verfassungsmäßi­gem Schritt ins Abgeordnetenhaus, nur mit Worten versichernd, daß er aus der Aula ein Biwak für seine Schwarzhemden hatte machen können. Ein Ausfall, der von den Sozialisten mit stürmischen Hochrufen auf das Parlament beantwortet wurde.

Don einer gewaltsamen Staatsumwälzung kann man also bis lange nach dem Marsche auf Rom nicht sprechen. Der limsturz mit dem

* S. den ersten Aufsatz in Rr. 30 des G. A. vom 4. Februar.

Ziel eines Staatsneubaues nach rein faszistischem Willen setzte erst zwei Jahre später, mit dem Jahre 1925 ein. Selbst Mu.solini ahnte eben nicht, w i e morsch das Gebälks des liberalen Staates schon war, w i e verbraucht dieser Or­ganismus! Mussolini glaubte sich damit be­gnügen zu können,neues Blut in die ver­kalkten Adern zu pumpen", erst später erkannte er, daß sie eine junge Kraft nicht mehr ertragen konnten. Für ein zweites Leben war der Staat schon zu alt. Instinktiv nur, wie jede Jugend, hatte der Faszismus das gefühlt, als er seine SiegeshymneGiovinezza!" im Sturme vortrug.

Zuerst ging alles den gewohnten, fast Bureau« kratischen Gang. Die Blutübertragung to.r.te sich noch nicht aus. Der neue Ministerpräsident, der als Parteiführer nur auf ein Häuflein Getreuer blicken konnte, die auf dem äußersten Sektor wie auf einer Hühnerleiter übereinander sitzen mußten, so schmal war er, ließ sich ein Ver­trauensvotum erteilen, das ihm die Kammer mit überwältigender Mehrheit förmlich aufdrang. Das Land war ja des ewigen Haders, der Streikerei, des Schlendrians so müde.

Von diesem parlamentari'chen Erfolg ermutigt, erbat sich Mussolini bald darauf diktatori­sche Vollmachten, wie sie schon vor ihm die demokratische Presse gefordert hatte, um dem fortgesetzten Regierungswechsel, diesem Turmuhrspiel einer auf materielle Profite ein­geschworenen Oligarchie, ein Ende zu machen. Die Kammer sagte D. Hnb später, als ihr ein Wahlgesetz vorgelegt wurde, das der faszisti­schen Regierungspartei die Zweidrittelmehrheit sicherte, auch E.

Damit hatte der Parlamentismus auf eine Weise Selbstmord begangen, wie sie so grotesk noch nie dagewesen war und von den Faszisten selber nicht für möglich gehalten wurde. Dieses liberale Rom war eben durch und durch morsch, wie seinerzeit das imperiale, es zerfiel von innen heraus, unter den Schlägen von außen her brach es nur endgültig zusammen. Wohl behauptete die Oppositon später zu ihrer Ent­schuldigung. ihr Ziel sei es gewesen, den Faszis­mus zu verwässern, indem sie ihm auf parla­mentarischem Boden willig Ge'olgschaft Liftete, ausschlaggebend war jedoch, das haben ein­sichtige Parteiführer mit anderen Fehlern zu- gegeben, die Sorge um d i e Diäten. Mus­solini war das unschätzbare Glück einer Opposition beschert, deren Krämergeist Part.i- und Staats­ideale verschleuderte wie Ladenhüter, deren Ego­ismus ihm und seiner in ihren Zielen doch gewiß nicht verkannten Bewegung die demo­kratische Waffe der Mehrheit in die Hand drückte und damit die Volksgötzen der roten und die Götterstatuen der liberalen Demokra­tie mit ihrem eigenen Schwert erschlug Mit der Zweidrittelmehrheit seiner Schwarzh.mtenkammcr konnte der Faszistenführer nun nach Belieben schalten und walten, durchaus gesetzmäßig, der Schmiedesohn aus der rebellischen Romagna hatte sich das Beil zu seinem Rutenbündel geschmiedet, sein Werk wardurch Volksentscheid gebilligt': eine parlamentarische Autokratie.

Während der Senat sein historisch-dekoratives Dasein weiterdämmerte, sank nun dieVolks­vertretung" rasch zum Abstempelungsbüro für die Dekrete Mu solinis herab. Erst nach der Er­schütterung, die durch die Ermordung des Soziali- stensührers M a 11 e o 11 i hervorge.ufen wurde, raffte sich die parlamentarische Gegnerschaft zu dem Schritte auf, den sie gleich zu Anfang hätte tun müssen, und kehrte dem Parlament den Rücken. Aber nun war es zu spät, schlimmer, der Auszug auf den Aventin", wo sie untätig an ihren Diäten und an der Hoffnung, eine Art Gegenregierung mit Hilfe der Arm:e aufstellen zu können, zehrte, veranlaßte schließlich das nwiWMiiiiiiin umrir in Iinwntm ----

geführt werden kann und nach menschlichem Ermessen ist schon jetzt iede Gewähr dafür ge­geben so ist das im letzten Grund diefer nie­mals aussetzenden Mitarbeit zu terbamen. Die Sprache unseres Gebiets ist nicht edel oder lie­benswürdig. sie zeichnet sich aber durch eine wortkarge Schlagkraft aus. Ein Schneider in Ridda, der zugleich Gastwirt ist, heißt gut und lustig Läppcheswirt. Die Libelle wird mit vollendeter Anschaulichkeit Schietznadel und Lappenschneider genannt. Ein unaussteh­licher Kerl muh mit kraftstrotzender Grobheit Landekel heißen. Wer Schrammen zeigt, hat den Kops voll Landstraßen". Köstlich ist das Wort:Seine Stiefel auf dem Lauf lassen" für sie verbrauchen", mit dem sich der Wiesbadener Rechenschaft darüber gibt, wo das abgetra­gene Leder von Absatz und Sohle denn eigentlich geblieben ist. Der Spaß geht dem Hessen nicht so gewandt von der Zuge, wie dem Franken, nicht so neckisch, wie dem Elsässer, und nicht mit der komischen Urkraft des schwäbischen Witzes. Darin dem Alemannen vergleichbar, sagt der Hesse auch im Scherz nicht leicht etwas Falsches. Er stößt den Kopf neckend mit dem des Kindes zusammen und sagt:Da es e Laus but gang e. Er kann respektos werden: geht ihm Der Pfarrer zu rasch, so hat er seinen Spitznamen weg: Do-leeft-er. Er hat Humor unb weiß ihn sprachlich zu gestalten, so wenn er die Laus die Langsame nennt im Gegensatz zum Floh, dem Springer, oder wenn er einem Zeit­genossen mit langer Leitung nachrühmt:Es fommt ihm langsam, wie dem Bock die Milch." Er nimmt im Rachsatz zurück, was der Vordersatz einzuräumen schien:De bist e Kerlche wie Lack, es fehlt blüh de Glanz." Der hessische Humor hat leicht etwas Bitteres:Wieoiel Dode gihn in eine Lod?" Keiner, denn sie werden hinein- gelegt;Seh will ich's (hat de Blind geraat) wie de Loom laafe kann": der Langsame regt sich tote e toter Lämmerschwanz": wer beim Be­suchen kein Ende findet,hott sich ofis Langjohr vermeit": dem Faulenis laad, daß er laafe gelernt Hot". Die Lahnanwohner von Aumenau sagen mit heiterer Selbstironie von einem, dem nicht zu trauen ist:Der es met Loowasser ge­tauft.

Mundartlich ist das Gebiet unseres Wörter­buchs eins der glücklichsten auf der deutschen Landkarte. Es umfaßt die Heimat der Brüder Grimm, Goethes unb der Frau Rat. Von älteren Schriftstellern gehören zwei so ergiebige tote

Rumpfparlament, dieDeserteure" aus dem Tem­pel zu verbannen. Auf legitimem, demokratischem Wege, durch Majorttätsbeschluß ent­zog die Mehrheit der Minderheit die Abgeord- netenmanöate. Eine Ironie, traurig unb köst­lich in ihrer Art, daß gerade der Schtoarz- hemdengeneral so trefflich auf der Klaviatur des parlamentarischen Systems zu spielen wußte, um die moderne Staatsmelodie in eine Marcia funebre ausklingen lassen zu können.

Das Mehrheitsprinzip läuft schon in seiner Begrifssbildung dem Gebauten des vol s ou.erä- nen Staates zuwider, es ist selber ein Ge - w a l t p r i n z i p, vielleicht die subtilste Art der Gewaltanwendung, wie Alfred Weber sagt. Dis zur letzten Konsequenz durchgeführt muh es ge­radezu zur Umkehr seiner Tendenz führen. Die Mieter enteignen kraft Mehrheit die Haus­besitzer, die Arbeiter besetzen die Fabriken, und wenn einmal durch i qenbeine Kräftev:r chiebung die Kapitalisten in i v Mehrheit kommen, heben sie mit einer einzigen Abstimmung den ganzen Marxismus aus den Angeln.Was ist die Mehr­heit? Mehrheit ist der Unsinn. Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen." Zum Beispiel bei Mussolini.

Dah der Tragpseiler des modernen Staats­gedankens so schnell und auf so lächerliche Art in Italien einstürzen konnte, daß der Fa z smus auf gesetzmäßigem Wege so leicht mit seinem Hauptgegner fertig wurde, das beweist, daß das Mehrheitsprinzip in Wirklichkeit heute gar nicht mehr den Staat regiert. Weit wichtiger sind die hinter diesem Mantel wirkenden, die wahren Kräfte der Volksgemeinschaft, die Parteien, die Presse, die Kirche, die Finanz- und Wirt chasts- mächte. Richt der Staat beherrscht beherrschte auf jeden Fall in Italien die Kräfte der Ration, sondern fiebeherschen den Staat. Mit diesem truism, wie der Engländer sagt, hatte der Faszismus einen weitaus härteren Kampf zu bestehen, denn der Italiener, Jahr­hunderte von Fremden regiert, war nicht staats­gläubig, nicht einmal italiengläubig, er hatte keine Tradition, ein Gefühl der Jn'eriorität beherrschte ihn, das er vergeblich nach außen hin mit Hhpernationalistischen Larven zu mas­kieren suchte. Einflüssen aller Art zugänglich, neigte der einzelne wie die Gemeinschaft immer nach der Seite, wo mehr zu holen war. Die Arbeiter liefen dem größerem Wurstzipfel zu, den ihnen der Faszismus hinhielt, und dieser selbst sah bald darauf in seinen eigenen Reihen die Konjunkturpolitiler das Haupt erheben.

Die Zweckfafzisten schwollen in so bedenklichem Maße an. daß immer lauter der Rus nach Säuberung der Partei erging, andrer­seits aber auch die Dauerrevolutionäre, die dis- sidenten Faszisten und wie die Schattierungen der ersten Sturm- und Drangjahre alle hießen, an Mussolini zu mäkeln begannen. Den einen war er zu schwach, den andern zu stürmisch. Politische und wirtschaftliche Skandale machten von sich reden, eine faszistische Zeitung konnte eine ge­rade Linie zwischen Matteotti und Sinclair Her­stellen, Mussolini muhte auf sumpfigem Boi en, zwischen Petroleumlachen und Divii endengestrüpp gegen eine S)$öra kämpfen, gegen die Feinde im anderen und im eigenen Lager, gegen den Mährunasschwund, die Jndustrielähmung und Röte aller Art. 3n diese kritische Zeit nach dem Matteottimord fällt sein Getoissensexamen, aus dem er zu allgemeiner sileberraschung als verfassungsmäßiger Ministerpräsident hecauS- trat. (Sofern es fein Manöver war.) Er Bot der Opposition, ihre Rotwendigkeit anerkennend, die Versöhnungshand, lud sie zur Mitarbeit ein, alles solle vergessen und vergeben sein. Er unterstellte sich dem König, kündigte Reuwahlen an, so daß ihn die Radikalen bereits Verräter nannten, er betrieb, praktisch betrachtet, d e Rück­kehr zum ancien r^gime!

Die Opposition aber, und das war der letzte Fehltritt des alten Staates, höhnte, tri­umphierte, verlangte hartnäckig als erstes sei­nen Kopf, den Kopf Mussolinis. Run hatte der Faszismus keine Wahl mehr, schon streifte

der Gelnhäuser Grimmelshausen und der Gießener Schupp in unser Realer. Philipps des Großmüfigen unerschöpflicher Briefwechsel liefert Belege. Das Land ist überreich an Weistümern; die ilrfunöen alter Jahrhunderte strotzen von bodenständigen Zeugnisten, die sich auf Tag und Ort festlegen lassen und vor allem Hunderte alter Flurnamen liefern. Hessen ist das gelobt? Land der Volkskunde: das reiche ge­schichtliche Volkstum ist in den Hessischen Blät­tern für Volkskunde musterhaft erschlossen, von denen Prof. Hugo H e p d i n g nun schon den 26. Band vorlegt.

Eine Probe des Hessen-Rastauischen Dolls- wörterbuchs konnte der Philipps-liniversität zur Feier ihres 400jährigen Bestehens dargebracht werden. Hundert Jahre nach dem ersten großen Wörterbuch einer deutsck en Mundart, nach Schmel- lers Bayrischem Wörterbuch, tritt es ans Licht. Wir wünschen und wir dürfen hoffen, daß es der großen äleberlieferung würdig werde.

Peter.

Don Gustav Hugo.

Heute also habe ich Peter hinausgeworfen. Warum, fragen Sie? Ich hatte ihn vor die Wahl gestellt: entweder einen anständigen Le­benswandel zu führen, oder auf der Stelle mein Haus zu verlassen. Hnb da zog er seinen Lebens­wandel meinem soliden Hause vor. Dieser Halunke...

Peter ist keinesfalls mein Sohn. Jemand brachte ihn einmal, vor vielen Jahren, als er noch winzig und hilflos dalag und mich freundlich und zutraulich anlächelte mit feinen schwarzen Augen. Mitleid ergriff mich und ich nahm das Baby zu mir. Ach, wie ändern sich Zeiten...

Peter wuchs heran, wurde groß und stark. Aber auch frech, boshaft und eigensinnig. Ich gab mir die größte Mühe, versuchte Güte, die nichts fruchtete, versuchte eiserne Strenge, die nichts j fruchtete, ich ließ ihn hungern, sperrte ihn ein. Er aber schlug Lärm, lobte und veranstaltete einen Krach, daß die Rachbam gerannt kamen, mich einen gemeinen Schinder nannten und mein Leben bedrohten. Ich war nicht so vergnügungssüchtig, um als Lhnchobjekt figurieren zu wollen, und ließ den Gauner lieber heraus. Mit einem höh­nischen Grinsen schritt er an mir vorüber. In meinen Fäusten zuckte es. Kaum sah er die

der Kommunismus wieder die Aermel hoch, schon rissen die Mitläufer unter den Schwarzhemden ihre Zeichen ab. schon wankte der Boden aber­mals unter Italien da entstieg lern ChaoS der Revolutionär. Jehl galt es. jetzt mußte der Führer größer sein als das Volk, jetzt mußte geschehen, was bisher unterblieben war: die Revolution, die gesetzwidrige Umwäl­zung, die Zertrümmerung der Staats­form.

Am 3. Januar 1925 verkündete Mussolini die Diktatur, die Alleinherrschaft des Faszis­mus, die Vernichtung sämtlicher Gegner. Der liberale Staat hatte sein Leben beendet. Italien war auf dem absoluten Rullpunkt jeder großen Revolution angclangt. Statt aber, wie die fran­zösische und russische, nun die Trümmer des alten Staates zu Richtblöcken zu benützen und damit kostbare Zeit zu vergeucen, machte sich die faszistische sofort an die konstrukfive Arle.t. Der faszistische Staat wurde errich­tet, etwas durchaus Reues in der Geschichte.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

§ A11 e n - D u s eck, 10. Febr. Schon seit längerer Zeit besteht bei einem großen Teil unserer Einwohnerschaft der lebhafte Wunsch nach Errichtung eines Denkmals für unsere im Weltkrieg gefallenen Mitbürger. Dieser Wunsch scheint sich nun seiner Verwirk­lichung zu nähern, nachdem m diesen Tagen unter dem Vorsitz des Bürgermeisters eine Aus­sprache zwischen den Vorsitzenden einiger Vereine und Mitgliedern des Gemeinderates ftattqefun- den hat. Eine in dieser Sitzung gebildete Kom­mission wurde beauftragt, die nötigen Vor­arbeiten in Angriff zu nehmen, die man durch eine am nächsten Sonntag vorzunehmende Haussammlung einzule ten beschlossen . hat. Hoffentlich zeitigt die Sammlung den gewünsch­ten Erfolg. Vielleicht wäre es ratsam und zweck­mäßig, vor Einleitung weiterer Schritte eine Dürgerversammlung eintuberufen, um dabei sowohl die Einwohnerschaft über die Einzel­heiten des Vorhabens aufzullären, als auch deren Meinung und Vorschläge anzuhören und kennen­zulernen.

H L o l l a r, 9. Febr. Der Verein5t i n ö er­freu n b hielt gestern abend in der Wirtschaft Zum Löwen" seine diesjährige Generalver­sammlung ab. Der Vorsitzende, Dekan Gqh- m a nn iK rchberg) erstattete den Jahresbericht. Die Mitgliederzahl beträgt 370, zeigt somit gegenüber dem Vorjahre infolge mehrerer Weg­züge einen kleinen Rückgang. Reben den Mit­gliederbeiträgen sind dem Verein im vergangenen Jahre Hnterstühungen von der Gemeinde und 100 Mark von den Buderusschen Eisenwerken zugeflossen. Darüber hinaus haben jedoch die Gemeindemitglieder zahlreiche Gaben an Natu­ralien den Schwestern zukommen lassen. Wie segensreich sich unsere Krankenschwester im abgclaufenen Jahre betätigt hat, ist aus folgen­den Zahlen ersichtlich: Die Anzahl der Kranken­besuche betrug 4190, der Nachtwachen 41, der Tagespflege 12. Alle diese Arbeit wurde kosten­los g'Iei^ct. Die Kleinkinderschule wird von 90 Kindern besucht, die der Obhut einer Schwester anvertraut sind, deren Tätigkeit lobend anerkannt wurde. Ein größerer Betrag (450 Mk.) mußte im letzten Jahre zur Instandsetzung des Fußbodens des Kindersaales verwandt werden. Die von einer auswärtigen Firma ausgeführte Arbeit der Verlegung eines Stsinbo'zbodens zeigt jedoch Mängel, deren Beseitigung im ge­sundheitlichen Jnteres'e der Kinder notwendig ist. Auf Beschluß der Versammlung soll die aus- führende Firma entsprechend ihrem Angebot und ihrer übernommenen Garantie zunächst zur Er'atz- frage herange-.ogen werden. Bürgermeister Schmidt sprach unter Zustimmung der versam­melten Mitg'ieder den Wunsch aus. daß die dem Der in noch fernstehenden Hausra t mg-evorstände durch Erwerbung der Mitgliedschaft das fegend«

offene Türe, flugs war er im Garten. Ich ihm natürlich nach doch da war er schon über die fünf Meter hohe Mauer. Ich schalt, lluchte, drohte, bat. flehte. Ich versprach ihm ein Kinig« reich Peter saß drüben im Straßengraben und feixte.

Drei Tage und drei Nächte blieb er verschollen. Dann kam er plötzlich wieder. Abgehetzt und ge­schunden, beschmutzt, mit vielen Wunden und sehr ausgehungert.

Reue?

Ha! Sprach kein Wort, ging in die Küche, nahm, was gerade da war, verschlang eS wie ein Wolf, ging ins Badezimmer, den starrenden Schmutz abzuwaschen.

Doch nie habe ich erfahren, wo sich der Kcrl herumgetrieben hat. Ich prophezeite ihm ein Ende mit Schrecken, ich malte ihm die Hölle. Ich versuchte Philofophie, drohte mit Zwangs« anstatt und Erziehungsheim.

Er blieb wie ein Eisberg und zupfte gelang­weilt an feinen Nägeln herum.

Verging ein Tag in Ruhe, seit dieser Aus­wurf in meinem Hause weilte? Daß ich keine heile Vase mehr besitze, habe ich allerdings nur ihm zu verdanken. Diese Zerstörungswut scheint überhaupt pathologisch zu sein. Ich hätte ihn rechtzeitig unter ärztliche Behandlung bringen sollen, vielleicht wäre noch etwas Anständiges ans ihm geworden. So verfiel er von Tag zu Tag nicht körperlich, o nein, aber moralisch. So geriet er in die K auen des Satans:

Eines Tages nämlich vermißte ich meine gol­dene silhr. Ich suchte, ich fragte, ich kehrte das Haus um nichts. Bis mir der furchtbare Ver­dacht aufstieg: Peter! Ich nahm mir ihn vor. Er hörte mich ruhig an, tat, als wüßte er nicht, was ich meine, zuckte die Achseln und zupfte an feinen Nägeln. Da begab ich mich zu seiner Schlafstätte, lind unterm Kissen--waS lag

da, meine llhr! Meine arme llhr. Verbeult, ohne Glas, zeigerlos...

Nun, daS wird jedermann ohne weiteres ein« sehen, war das Maß voll. Er war alt genug, um für sich selbst zu sorgen, ich lehnte jede Ver­antwortung für fein Fortkommen ab. Ich stellte ihn vor das obenerwähnte Ultimatum, und er ging von mir. kühl und spöttisch, ohne Träne. Hoffentlich sehe ich ihn niemals wieder.

Rabenvögel soll man nicht im Hause halten. Sie sind undankbare Wesen.

lind Peter war ja ein Rabe.