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Nr. 9 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Mittwoch, N Januar (928

Die Europareise des Afghanenkönigs.

Oer Luxuszuq Amanullah Chans. Oie Erweckung Afghanistans. Vom Absolutismus zur konstitutionellen Monarchie. Deutsche Architekten bauen die neue Hauptstadt.

6in besonder« reich anSgeslallerer ßuiuÖKug muhte gebaut werden, um Amanullah Chan, den 8mir von Afghanistan, und seine Gc- mahltn Schah Hanum nach der indischen Stadt Lahore und von dort an die Küste zu bringen; denn c« ist da- erste Wal. dah ein asghanilchcr Herrscher ein Ketzerlanb aussucht, den Boden eine« Staate« betritt, in dem nicht die grüne Fahne de- Propheten verehrt wird, und orien­talische Könige fühlen sich in so feierlichen Au­genblicken zu gan- besonder« grohartiger Re» Präsentation verpflichtet. Au- birmanischen Teak­holz wurde der LuruSzug gebaut, mit Gold­bronze muhte er reich verziert werden, und die gelächelten Laderäume wurden mit silbernen Ornamenten geschmückt. Einst reisten oriento- lisch« Herrscher nur In Karossen, die von vielen Pferden gezogen wurden, um die Tradition we­nigsten« ungefähr aufrecht zu erhalten, hat man vor den Luru-zug dc« Asghancnkönig« vier starke Lokomotiven gespannt eine Ehrerbie­tung. zu der sich der indische Staat herab­lassen muhte, da Amanullah nicht mehr al« Das al de« indischen und damit de« britischen Reiche« reist, sondern al- unabhängiger Fürst. der im Jahre 1919. kurz nach feiner Thronbesteigung, die anglo inbi'chen Trupven ge­schlagen hat Wit gro' en Ehren wurde Amanul- loh auch in Aegypten empfangen. dort neh­men ihm sirenggmubige Mohammedaner sreilich Übel, dah er einen grauen Zylinderhut trug und damit der europäischen Zivilisation sogar In seiner Kopfbedeckung eine Konzession machte.

Aber der König von Afghanistan hat für solche Vorwürfe kein Verständnis. Er ist ein vierfchrdt ger Mann, temperamentvoll, energisch mit offenem Vlick für die Rotwenbig'eilen feine« Lande«, da- so grofo wie Deutschland und die Tschechoslowakei zusammen ist, aber nach zuver­lässigen Schätzungen kaum mehr al« 8 Millionen Einwohner besitzt, also der Vevölkerungszahl nach ungefähr mit Bayern verglichen werden kann. Amanullah liebt diese« Land und sein Dolk, er haht seine Feinde, weil sie die ilnab- hängigkeit de« erzreichen und strategisch wich­tigen Afghanistan bedrohen; doch hat er cingc- feben. dah man sich gegen europäische Koloni­satoren nicht wehren kann, toeun man konservativ bei orientalischen Traditionen verharrt, statt eu­ropäische Technik zu begreifen und mit ihrer Hilfe da« Land zu entwickeln. Da« ist schwer, wird vermutlich sehr lange dauern, flößt auf den Widerstand vieler einheimischer Stämme, die aus ihre alte Kultur stolz sind, eu­ropäische Zivilisation verachten, sich mit den Waf­fen in der Hand gegen Eisenbahnen, neue Ge­setzbücher, moderne Schulen wehren. Aber Ama­nullah. demütig in seinen Worten, diktatorisch und zielbewuhl in seinen Handlungen, weih s i ch durchzusetzen.

Da« hat er im Februar 1919 bewiesen, al­lein Vater Habibullah ermordet wurde und des­sen Bruder. AmanullaHS Onkel RaSrullah. sich zum Emir au«rufen lieh. Wie e« $u der Ermordung de« König« kam. ist niemals restlo« ausgeklärt worden. E« steht nur fest, dah Amanullah kurz vorher bei feinem Vater in ilngnabc gefallen war. weil er einen po­litischen Verbrecher frcigelaffcn hatte. Aber auch viele andere Afghanen, darunter Mitglieder der wichtigsten Familien des Lande«, waren mit dem Herrscher in Uneinigkeit geraten. Eine- Mor­gen« drang eine Anzahl bewaffneter Männer in die Wohnung Habibullah« ein. überwältigte die Wachen, erfchoh den Emir und entfloh, begünstigt durch die allgemeine Aufregung, die da« Attentat natürlich sofort hervorries. Ls nützte RaSrullah. dem Bruder de« Ermor­deten. nur wenig, dah et sich sofort an der Spitze der Armee zum Emir auSrufen lieh. AIS

In denGalerien von Gibraltar

Die mächtigste Kclsenscstnng der Welt Don Ariedrich Walfisch.

»in britischer Oberst, der in einem ganz anderen Winkel be« Imperium« mit Regenschirm und Hauptbuch ein kaufmännisch friedliche« Pens.o- nistendascin führi, hatte mich durch ein Schrei­ben nach Gibraltar als unverdächtig, um nicht zu sagen »criniuenmocdcnb, geschildert. Dieser Umstand öffnete mir nach einigen Förmlichkeiten Me Tore zur gnchartigsten unb geheimnisvollsten aller Festungen der Erbe.

Kein Mann von höherem milltLrifchem Rang wäre mir zum Führer geeigneter erschienen al« der yesenhafte. semmelblonde Sergeant, der unS beim Kasernentor zur Verfügung gestellt wurde. Ein Mann auf der gleichen bescheidenen Rang­stufe, bet in England« Kriegsgeschichte unsterblich gewordene Sergeant Ince war e« ja gewesen, her Gibraltars unvergleichliche Macht geschaffen hatte. In seinem Subalterngchirn war während 6er groben Belagerung, die 1779 begann, der KönigSgedanke entstanden, den Felten zu burch- höhlen und auf diese Art die Qlatur selbst zum Baumeister des größten Festungswerks zu machen.

Diese« Kriegshelden spät geborener Kamerad nun führte uns aus der schon hoch am Abhang liegenden Artilleriekaferne wetter den Berg hn- aus, durch eine grün umwucherte Felsschlucht, die selbst ein Stück Festung barftdlL Sic ist als Verbindungsweg zur Höhe aus dem S ein g_- hauen. Sin buntlcr Tunnel, von britischen Fäusten mit Hammer unb Weihet du och den Fels ge­trieben, mündet hoch oben an einer freien Platt­form. derManöver Battcry. Hannoveramsche Truppen im Dienste Englands haben sie al« Geschüysianb errichtet. Richt weit darüber steht das Maurische Kastell, das älteste Festungs­gebäude Gibraltar«. Kasernen und ungedeckte Batterien liegen nun unter uns unb in der Tiefe die Bucht des Rorbhafens mit all den dunklen alten Dlockschiffen, die auf der Reede anfern. Wiederum führt der steile Anstieg durch eine künstliche Schlucht zwischen Prüfern. Sträuchern unb Bäum em Dairn aber schließt sich der Felstn um utts. In einem Tunnel, einem breiten Schacht,

ein Bote Amanullah von dem plötzlichen Tob seine« Vater« benachrichttgte. zog bicser sein Schwert unb schwor vor allen AnDrienden. bah er nicht ruhen »erbe, bevor der Ermorbete ge­rächt unb er selbst Emir geworben sein würbe. Er erlich einen sehr geschickten Ausrus. in dem er versicherte .Wenn jemenb zu mir kom­men unb mir sagen wirb, fein Vater fei ge­tötet worden, fo werbe ich trachten, bet Lache genau auf ben ®runb zu gehen." So ettoa« wirkt auf ben Deist eine« Volkes, ba- noch die Blutrache kennt. Wichtiger für seinen Lieg war aber zweisello«. bah er. vor seinem Rivalen Ra«rullah. bic Hauptstadt Kabul besetzen unb die Kriegskasse beschlagnahmen konnte Auch in Afghanistan ist Geld wichtiger al- ein vor­züglicher stilisierter Aufruf AaSrullah muhte flüchten, schließlich feinen Reffen al« Emir an­erkennen und würbe später von unbekannter Hanb vergiftet.

,O hochfinnigeS Volk, o mutige« Heer! Diese« schwache Wesen beS Schöpfer«. Euer Emir Ama­nullah. gibt Euch freubig hmb. dah bank Gott, unb nochmal« bank Dott. bie Regierung unsere« groben Volke« . . . vom Umsturz verschont ge­blieben ist" So begann bie Proklamation bei jungen Herrscher«, mit der er ben Afghanen eine Verfassung anfünbigte. nachdem er sich seine äußeren unb inneren Feind? unterworfen hatte Denn Amanullah ist ein moberner Mann, ber au« freien Stücken vom Absolutismus zur konstitutionellen Monarchie übergegangen ist unb flänbig versucht. Afghanistan zu mobernificrcn. Früher war biefc« Lanb ebenfo unerforscht wie Tibet; nicht einmal Sven Hebin konnte bic afghanischen Gebirge burchstrei en unb crfotfljen, was hinter ber über 7000 Meter hohen Mauer bes Hinbukusch verborgen ist Amanullah hat das Lanb den Europäern geöffnet. CS gibt zurzeit in Kabul 150 deutsche Künstler unb Gelehrte; beutsche Architekten find damit be­schäftigt. 9 Kilometer von Kabul entfernt eine neue Hauptstadt zu bauen, bie ,.Darul Aman". .Haus Amanullah-". beißen soll. Am 20. Februar 1923 würbe ber Grundstein zu dem großen Werk gelegt und die Grundfläche cinge- weiht. auf der sich in zehn Jahren eine Stadt erheben soll, die Platz für 20 003 Menschen bickn wird. Kabul selbst zählt 183000 Einwohner aber e« ist doch kaum mehr al« ein großes Dors. Die 500 Europäer, bie zur Zeit in Kabul leben, brauchten nicht mehr mehrere Monate burch Rußland, und Turkestan zu reisen, um in baS Innere Afghanistans zu gelangen. Sie konnten mit ber kubischen Eisenbahn bi« an bic Grenze fahren unb von dort auf einer modern angelegten Chaussee in verhältnismäßig kurzer Zeit zur Hauptstadt gelangen. Auto­mobile in Afghanistan! Roch vor einem Jahrzehnt wäre fo etwa« undenkbar ge­wesen.

Freilich gibt eS in Paghrnan, ber Eom- merrefibenz be« Herrschers, auch einen Triumph­bogen au« weißem Marmor, der eigentlich nach Bari- oder sogar Budavest gehören würde; man baut Villen Im italienischen Barock ober sogar noch in einer Art Jugendstil, mit Türmen unb Zinnen aber es ist eben seh' schwer für einen König, ber Europa bisher no h nicht ge­sehen bat. nicht auf bic Geschmacklo igleiten bes Abendlanbe« hercinzufallen. Amanullah hat sich zuminbest große Mühe gegeben, ba« Land euro­päischen Geist zu erschließen. Vor einigen Jahren sandte er ben jetzigen Kriegsminister Mohammeb Wall Chan mit einer ßonberge- sandtschast nach Reuyork, Pari«, Berlin, Rom und Moskau, um bic westliche Kultur zu ftu- bicrcn. In Berlin verbandelte die Delegation mit Geheimrat Drix. der damals Rekror der Technischen Hochschule war und heute noch ber

steigt der Weg burchs ausgehöhlt? Gestein. Immer nach ungefähr hundert Schritten erweitert sich der Gang zu einer Kammer, deren Wände noch die Meißelspuren von d:r Hand ihrer Schöpfer zeigen, schmale auögeftemmtc Rinnen, Reste der dünnen Bohrlöcher für den Sprengstoff. Jede Kammer war der Aufstellungäplay für eines ber großen Festungsgeschütze. Unb in den meisten dieser Batterien stehen sie heute noch, längst ver­stummt. graue plumpe Riesen, mit der Mündung gegen bas kleine Fellensenster, das die gewaltige Wand durchsetzt unb einen Schein ber blauen Welt ba draußen in ba« kahle Dunkel herein­läßt. Hinter dem Geschütz führt über die Decke der Datteriekammer eine Stange, mit losen Ringen daran; hier hurg ber Vorhang, ber N.uch dem Schuß das Einströmen de« Rauches in den Raum verhindern sollte.

Wir sind in berLower Union Gallery. Der unterste Teil ist jüngeren Datums, stammt aus bem Jahre 1769 Große Aufschriften an ben Wänden geben die Hamen ber einzelnen Batte­rien und das Entstehungsjahr an.

All das ist heute Vergangenheit, bic Grichüye stehen hier nur noch als Erinnerungszeichen, al- erzene Denkmale. In Erkenntnis dessen wollte ich es wagen, eines dieser Stilleben der alten Kriegsgeschichte zu photographieren. Unser sem­melblonder Sergeant vermochte sein Lächeln über meine reine Torheit nur schwer hinter dienst­lichem Entsetzen zu verbergen. Rein, Photogra­phieren sei nicht nur strengstens verboten, ich hätte auch meinen Apparat, ben ich unter meinem llebcrrod verborgen trug, in ber Kaseine abgeben müssen und ich möge ihn nur ja weiter ver­steckt hallenf Weiß Gott. <4 war nicht recht von mir, den guten Mann in solche Verlegenheit zu bringen. Die Galerien stehen ja immer noch im aktiven Dienst, sie schießen nicht mehr mit ihren alten Museumskanonen. aber sie bilden die Communications die Derbindungswege zu ben modernen Festung«anlagen auf der Höhe des Seifen«.

Dir steigen weiter bergan, tappen oft lange Zeit durch stockfinstere Stollen und kommen an dämmrigen Geschüystänben vorbei. Eine größere Ausschußöffnung. ungefähr in ber Witte ber Rordwanb. läßt uns mit einemmal erkennen, wie hoch wir schon im durchwühlten Felsen stehen. Als hellgelbe Ebene liegt tief, tief unten bie

technische Berater der afghanischen Ge'anbtschast ist. Afghanische Militämullionen würben in« Ausland gc'äjtdt um fremde HeereSorganifa- honen zu prüfen. Deutsche unb französische Lehrer eröffneten in Kabul moderne höhere Schulen, Zeitungen unb Zeitschriften wurden gegründet, und sogar eine höhere Mädchenschule wurde er­richtet. die allerding« später wegen be« Ein­sprüche« konservativer Mohammedaner wieder aufgegeben werden mußte. Die erste afghanische Frau, bie wohl jemals nach Europa gekommen ist. ist wahrscheinlich bie zehnjährige Tochter be« König«, sie weilte im Tian vorigen Jahre« einige Wochen in Paris. Der Besuch bicser Prinzessin war zwar nur eine Geste; aber doch ein Symbol, baS beweist, baß Amanullah dem Vorbild ber türkischen Wohammebaner folgen und auch bie Frauen feine« Landes an der neuen Zeit teilnehmen taffen will. So ist biefc« ver- fchlosscne Lanb, einst ber Sitz beS Aoroastrilchen Kultes, später eine Hochburg inbisch'bubdhisti- scher Kultur, burch Amanullah« Reformen au« seiner Abgeschlossenheit erwacht unb wieder in die Weltgeschichte eingetreten.

Dr. G. Haefner.

Zeitungsschau.

Herr Georges Blun. Berliner Vertreter dc« PariserJournal". hat seinem Blatte einen Silvesteraussatz geschickt, in dem er bie Berliner Silvesternacht wie ein Sodom unb Gomorra schlimmster Sorte fchilbert. Man hat bicsen Aus­satz gewiß nicht mit Unrecht als politische Brun- nenfergiitung par exccllcnce aufgetaßt, al« einen plumpen Versuch, bic Bemühungen um eine deutsch-französische Verständigung zu stören. Herr Blun hat nun zwar äußerst lahme Anstalten gemacht, sich zu entschuldigen. Aber baß bamit die Affäre nicht abgetan fein kann, zeigt ein Aufsatz Georg Bernhard« in ber »Vofsischen Zeitung", bem um deswillen besondere Bedeu­tung zukommt, weil einmal das Blatt zu den wärmsten Befürwortern einer Verständigung mit Frankreich zählt unb zum anbem weil der Ver­fasser des Artikels als Vorsihenber ber Arbeits­gemeinschaft ter deutschen Presse über eine Frage am ersten zu urteilen berufen ist, bic in weitem Maße eine journalistische StanbeSsrage ist. Bem- Harb schreibt:

.Am ersten Alltage be« neuen Jahre« holt man sich bie Zeitungen au« aller Welt unb lieft erstaunt im PariserJournal" von Berliner Lilvesterorgien. Wir Berliner kennen unsere Schwächen so genau, baß man sie un« gar nicht zu erzählen braucht. Wir wissen recht gut. baß wo ander« mehr Sinn für auügclaffenc Fröh­lichkeit besteht, wir leugnen gar nicht, baß Scherz und Roheit. von Reuyork abgesehen, in Berlin sich vielleicht enget berühren al« anber«- wo. Aber was man in bet Iahresendnacht auf Berliner Straßen, in ben Hotelhallen unb ben Berliner Gaststätten öffentlich feiern steht, ist doch nur zum kleinen Teil Berlin. Wer bie Berliner feiern sehen will, müßte, wie bet hinkende Teufel", bic Dächer ber Häufet ab- bccken und in bic Wohnungen hineinschauen. In den Wietskafernen unb in den Wohnungen sieht cs anders aus. Wie überall in ber Welt, wo Silvester ein Familienfest ist, bas man mit Freunden unb Verwanbten in gemütlichem KreiS zusammen feiert Georges Blun, der 'Berliner Vertreter deS PariserJournal'. lebt zu lange in Berlin, um das nicht zu wissen, er kennt zu diele Berliner, um nicht echt von unecht scheiden zu können. Er ist zu intelligent, um nicht gemerkt zu haben, daß eine große Menge von Angaben in seinem Artikel gar nicht richtig fein können. Man schilt ihn jetzt wegen Ver-

ictzung be« Gastrechte«. Merkwürbig. baß selbst link«stchenbe Zeitungen ttch die« Argument zu eigen machen. Wie einfältige Thcalcrblrckloren. die nur darauf warten, unbequemen Kritikern bic Eintritt«karte zu entziehen Unb sie haben wenigsten« noch ber Form nach recht weil sie mit itchem Einlabung«fchreiben ihre Freikarten verfenben. Ader wer Hal Herrn Blun cingc- laben ? Aus westen Freikarten stehl er van seiner Loge au« dem Berliner Leben zu ? Merkt man denn nicht, welche ungeheuerlichen Äon,oqucn*ai bie Verallgemeinerung ber Gasttheorie für bic Arbeit ber beutschen Journalisten im Au-lanb haben kann. Der Fall Blun mag verhältnismäßig klar liegen In seinem Berliner Lilvestcrbericht vermählen sich Uebcrtrcibung und Schwindel allzu offensichtlich. Allein wer soll jetzt in Berlin unb später anberSwo Richter darüber sein, ob die Grenze berechtigter Kritik über­schritten ist. zu der der Gast geloben war? Ter Journalist im Dienst ist nlcmanbc« Gast. Er bat ein Amt. er weilt in fremben Landen, wie ber Diplomat, um zu beobachten und zu berichten. Er bat ein Recht barauf. unbequem zu werden. Aber diese« Recht ergibt sich au« seiner Pflicht zur Wahrhaftigkeit. Diese Pslicht bat nicht« mit bem Gastrecht au tun. aber jeber Journalist auch ber kleinste Re­porter, gleichgültig, ob er über einen kleinen Branb im HcimatSort oder über Politik au« der Fremde berichtet, ist ihr tributpflichtig. Unb gegen biefc oberste journalistische Pflicht hat der Vertreter beS .Journal" verstoßen. Unb feine Abberufung ist daher die Pflicht seiner Zeitung. In ihrem eigensten 3ntcrefk. beim einem Journalisten, bem man nicht mehr ver­trauen kann, werden die Türen zu Informationen verschlossen bleiben, ohne die der Dienst einer großen Zeitung leer bleiben unb ungenügend werden muß.

Soweit ba« Journalistische. Viel erheblicher scheint bie politische Seite der Angelegenheit. Wenn einer von bem aeroben Wege, nur ber Wahrheit zu bienen, abweicht, muß er e« sich gefallen losten, baß man annimmt, er verfolge mit feinen Unwahrheiten besondere Zwecke. ES gibt gewiß auch Artisten ber Unredlichkeit, bie bic Lüge um ihrer selbst willen üben. Aber bas barf man hier wohl nicht annehmen. Wahr­scheinlicher ist vielmehr, baß Herr Blun auf eigene Faust ober im Einverständnis mit feinen Auftraggebern versucht hat. bic deutsch- französische Annäherung zu stören. Der französische Leser sollte au« ber Blunschen Darlegung ben Schluß ziehen, baß bie Deutschen bie Gelber, bie eigentlich Frankreich gehören, aum Fenster hinauSwersen unb auf Frankreich« Kosten einen guten Tag leben. Daß er baneben noch ber französischen Eigenliebe schmeichelt, indem er die deutsche Sittenlosigkeit freilich ohne da« ausdrücklich zu sagen der französischen gegenüberstellt, zeigt ja nur, auf welche niedrigen Instinkte er spekuliert. Richt nur er. Denn In diesem Punkte gleicht er den nationalistischen Hetzern aller Völker, di» baS Rationale nie ander- verstanden haben, al« bas Herabblicken auf minberweriigeBar­baren" jenseits ber Lonbesgrenzen. Der Staat, bem ein im Ausland arbeitender fremder Journalist angehört, muß darüber wachen, baß bie journalistische Pskicht zur Wahr­haftigkeit nickt straflos verletzt werden barf. Jeder, der Draußen al- Diplomat ober al« Zeitung-mann für fein Volk tätig ist, mag so scharf wie er will urteilen, unseretwegen sogar seinem Temperament entfpvechenb schimpsen, so­viel wie er mag. Aber wa« er ben Lesern alS Tatsache zur Rachprüfung ber Berechtigung seine« Urteil- unterbreitet, ba« muß. solange wir Men­schen nicht seststellen können, wa« absolute Wahr­

Landzunge, bic Gibraltar mit Spanien verbindet, die neutrale Jone, eine viertri Meile lang, unbewohnt, unbebaut, von einer geraden Straße durchzogen, die zur spanischen Grenzstadt La Linea führt. Unter bem Steilabhang be« Felsen«, auf britischem Grunde liegen die Friedhöfe, grün durchwachsen der katholische unb der evangelische, gelb unb kahl der jüdische. LinkS von der Landzunge rundet sich still und dunkelblau die Bucht mit den schwarzen Blockschissen. die jetzt wie kleine Kähne anmuten: rechts aber brandet in grauem, düsterem Ungestüm daS Mittelmoer.

Ein einziger Blick zeigt hier Spanien und England: Aus der britischen Seite, zu Füßen de« Felsen«, ein Fußballplatz unb eine Renn­bahn; brüben hinter ber spanischen Grenze zwi­schen ben weißen Häuserzeilen von La ßmea ber große rot gedeckte Rundbau de« EtierzirkuS. Auch die Spanier sind Freunde des Fußball­sports. gewiß, aber hier Fußball und Pferde­rennen. hier Corrida, ba« ist bic Kulturgeschichte der beiden Völker, in einem Blick von der Hohe zufa mm enges aßt.

Der Sergeant hat un« noch manche« im Halb­dunkel der Felsenfestung zu zeigen Starke grüne Tore aus englischem Eichenholz schließen einzelne Gänge gegeneinander ab. Licht'-v'? Höhlenwege führen zur .Upper Union Gallen" hinaus. Sie stammt aus dem Jahre 1788. Die Wände um bie AuSschußossnungen haben hier eine Stärke von vier Meter unb mehr. Wir durchwanbem bie .Cartridge Depots", die Munitionsmagazine. Metallene Leitungen, wie Dachrinnen, laufen knapp unter der Decke der Tunnels und Batte­rien. Ihre Bestimmung war es. bas Wasser, das aus dem Stein tropft, in Tanks zu sammeln. Es mußte zur Bedienung ber Geschütze unb zu­gleich als Trinkwaster dienen. Wieder ein Aus­blick. sechshundert Fuß tief, auf bas schmale Stück Lanb unb bie beiben Meere, dann sink) wir im Mittelpunkt der Galerien. Hier ist die im Stein deutlich erkennbare Stelle, an der die Bohrungen zufammengetrofsen sind. Der Tunnel gabelt sich in zwei Teile, bie durch- Dunkel immer weiter wie inS Unendliche aufwärts füh­ren. link« .Willis Gallery von 1789, rechts .Queens Gailen" von 1783. 2luc den Knien' kriechend, schiebe ich mich in einen kleinen Aus­lug vor und schwebe nun, schwebe über ber Landzunge unb über ben Meeren. Reben mir

steht ber senkrechte FelS. zweigeteilt wie aigan- tische Gesetzestafeln vorn Sinai, in mehreren schräg auswärts sührenden Linien von ben AuS» schußlöchem ber Batterien burchsetzt. Denn an allen Orten fast, unter unb über uns. ©üßlcp sich bie Gänge, Tunnel« unb Galerien in bie grauen Steinwänbe. Unb höher noch als der Aweigeteilte Fel«, on the Top, aus bem Gipsel be« Mount Rockgun, steht nein unb fern die britische Flagge tm Wind... Gin Bienenkorb, ein Ameisenhugel von unfaßbaren Ausmaßen welcher Vergleich au« bem Alltag könnte ba« uberwältiaende, riesenhafte Krieg-Instrument bie- se« durchhöhlten Felsen berge« erfassen l

Jenseits La Linea wölbt sich vor dem spa­nischen Dergland ein Hügel, ber ein hohe« Kreuz trägt. .Lehnstuhl ber spanischen Königin" heißt dieser Hügel bei den Engländern. Denn während der vierzehnten Belagerung, die in der Geschichte den Ramen dergroßen Belage­rung" erhielt, nahm dort oben die Königin Platz und gelobte in ihrem heiligen Zorn über die Üneinnehmbarkeit der Felsenfestung. fie werde diesen Sih nicht eher verlassen, al« bi« auf Gibraltar die spanische Flagge wehen würde. Der britische Gouverneur, der von dem Gelübde der feindlichen Herrscherin erfahren hatte, war so galant, schließlich und endlich für ein paar Stunden eine spanische Flagge aus den Wällen zu hissen. Dadurch wurde die Königin von den ärgften Folgen ihre« vorschnell abgelegten Ge­lübdes bewahrt und konnte, nur mit einem Schnupfen behaftet, heirnziehen. Sonst müßte sie noch heute dort oben, auf .Queen of Spams Chair", sitzen unb warten, statt im Eskorial in ber windgefchützien Familiengruft zu liegen. Denn Gibraltar ist uneinnehmbar geblieben. So sicher wie vor eineinhalb Iahrhunberten durch bie Batterien im Felsen wird der .Schlüssel zum Mittelmeer" heute durch die modernen Festungswerke geschützt.

Die modernen Festungswerke? Ach ja, beim Abstieg, da wurde es mir erst klar, daß ich in stundenlangen Wanderungen durch die mächtigste Felsenburg der Welt von all ben Befestigungen, bie heute Kampfvert unb Bebeutung beißen, nichts, nichts gesehen hatte. Am Tor der Kaserne drückte mir ber femmelblonbe Sergeant die Hanb zum Abschied unb lächelte. ES war bas Lächeln eine« weifen Manne-.