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Nr. 266 viertes Vkatt

Bei Stresemanns Rückkehr.

Außenpolitische Llmschau.

Don Or. OttoHoehsch, o.profeffor der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. 21

Ontt bem Wtederzusammentritt der gJarlamcnl« in Deutschland, Frankreich und England seht nun auch di« außenpolitiich« Dis­kussion wieder stärker ein. Dach einer langen Paris« hat auch Dr. Stresemann fein Amt wieder angelreten und nimmt die Zügel der auswärtigen Politik wieder in die Hand. Der Glückwunsch an den von schwerer Krankheit Ge­nesenen ist selbstverständlich. Er wird sich auch selbst sagen, daß eine so lange Pause und die Art der Vertretung des Außenministers für einen Staat mit den außenpolitischen Schwierig­keiten. wie Deutschland, nicht lange angeht. Po­litisch steht er vor einer sehr veränderten Situation. Gr hat an den Genfer Der- Handlungen direkt nicht teilnehmen können, und so weih man nicht, ob er deren für Deutschland recht bedenklichen Verlauf hätte anders gestalten können. Das ändert nichts daran, dah die deutsche Räumungsoffensive In Genf nicht nur völlig scheiterte, sondern im Gegenteil die glatte Verweigerung der Rheinland- räumung als einer Folge der Locarno-Politik unt> des Eintritts in den Völkerbund yerbei- führte. Das von uns schon mehrfach zitierte Wort des früheren Reichskanzle.s Luther ist also jetzt sozusagen attenmähig «13 richtig erwiesen, daß Deutschland um de sogenanntenRückwirkungen" der Locarsno-PcV. ik glatt betrogen worden ist. Das ist natürlich ein Fehlschlag, der den Außenminister sel),'t unmittelbar trifft. Die Frage der Rheii landräumung muh sozusagen ganz neu überlegt und behandelt werden. Das heißt nach unserem Dafürhalten: als Erwartung, bah die zweite und dritte Zone vor der verirags- mähigen Frist geräumt werden würde, ist sie für uns erledigt. ünd weil feststeht, dah Frankreich fchlechterdings nicht will, sondern die Räu­mung an neue Leistungen Deutschlands knüpft, tyai Deutschland eben den Entschluß zu fassen, diese Frage der Rheinlandräumung zu den Akten zu legen.

Weiterhin steht Dr. Stresemann vor der Tat- fache, daß ein besonderes Motiv, das eigentlich ausschlaggebende für die Locarnopolitik, eben­falls sich als Irrtum erwiesen hat. Für den Ent­schluß zum Locarno-Weg« wurde, wie erinner­lich, damals sehr nachdrücklich ins Feld geführt, bah nur er einen englisch-französi­schen Dündniszusammenschluh ver­hindern könne, der unmittelbar bevorstehen sollte. Cs ist richtig, dah damals ein Bündnis- zusammenschluh der beiden Weflmäch.e nicht ein­getreten ist. Aber drei Jahre nach dem Ein­tritt in die Verhandlungen, die nach Locarno führten, haben England und Frankreich diese Vereinigung doch vollzogen. Dr. Stresemann steht bei der Wiederaufnahme feiner Arbeit vor der veränderten Situation, deren Dedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen ist und di« ihre Schatten über Europa hinaus wirft, daß d i e Entente von 1 904 von beiden Seiten be­wußt, daS heißt zielbewuht, und das heißt wieder bewußt auch in bezug auf den Gegner, er­neuert worden ist. Vei der Debatte darüber ist im englischen Oberhaus feftgefteflt worden, bah das Flotten ab kommen zwischen England und Frankreich erledigt fei. Das war eine Selbstver­ständlichkeit, nachdem Amerika in seiner Rote vom 26. September Verhandlungen auf dieser Basis glatt abgelehnt hatte: eine Flottenverständigung Frankreich England in der gedachten Art ohne Teilnahme Amerikas ist natürlich überhaupt nichts. Aber das ist doch bloß das Äeußere: Die Tat­sache bleibt, dah England und Frankreich aus ganz großen weltpolitischen Erwägungen sich zu einer politischen Verständigung zu­sammengefunden haben.

Hab dies wieder beeinflußt auf das stärkste Die Verhandlungen übet Repara­tionen und Rheinlandräumung, die in Genf beschlossen worden find. Wir wissen nicht, wie Dr. Stresemann persönlich über die Art denkt, in der über die Räumungsfrage hinaus die Deparationsdebatte für Deutschlandangelurbelt worden ist und Räumung und Reparation in einer Weise verbunden wurden, in der für Deutschland außerordentliche Gcf o hren schlum­mern können. Jedenfalls findet er diese Zwangs­lage vor und damit zugleich die weitere Tat­sache, daß die Reparationsverhandlung beginnt, ohne daß das Rheinland geräumt ist. Das aber war doch Ziel und Absicht der deutschen Außenpolitik, daß, wenn die Verhandlungen über die Revision des Dawes-Planes begännen, die Franzosen den Rhein verlassen hätten. Jetzt stehen sie noch da: sie haben, wie Poincars das auffaßt, dies Pfand in der Hand, und die Reparationsdebatte ist, mit einem Worte ge­sagt der Außenstehende kann sich diesem Ein­druck« nicht verschließen, Deutschland über den Kopf gekommen, ohne daß es darauf bereits vorbereitet war und ohne daß es die damit entstehende Situation von Anfang an meistern kann. So nimmt Dr. Stresemann seine Arbett wieder auf unter sehr ungünstig 6 * to ordenen 11 m ft ä n ö e n und mit außer­ordentlich großen Schwierigkeiten, einer un- gernein veränderten und an jedem Punkte zu Deutschlands Ungunften veränderten Situation.

ff-_beute für die Revisionsfrage nicht vertieft. Für s.e ist ein neues Moment gegeben In d?r Entscheidung der amerika­nischen Präsidentenwahl. Daß Herbert Hoover siegen würde, stand so gut wie fest. 'Aber die Frage war, mitwelcherMajori- tät er siegen toüri>e. Diese Mehrheit ist zur allgemeinen Überraschung größer als erwartet worden war. Aach der intensiven Agitation des dafür wie geschaffenen Al Smith und den be­kannten Diskussionen über die Prohibition mußte eine wett größere Mehrheit für die Demokraten erwartet werden. Aber weder die Farmer des mittleren Westens, noch der alte Süden haben für ihn gestimmt: nicht einmal sein eigener Staat Reuhork hat ihn gewählt. Hoover hat die größte Mehrheit erhallen, die je ein Präsident erhalten hat. Roch mehr: Während lokal das ür'eil der Wähler da und dort für den Demokraten ent­schieden hat, geigt der große Sieg der Republi­kaner für das Repräsentantenhaus und für den ©CTiat, daß die Mehrheit der Ration die repu­blikanische Politik und das Programm Cwolidges

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

will, ünd soll dieses mit einem Worte bezeichnet werden, so ist es der Wille, daß ein auf kapitalistischerGrundlageruhendes und herrschendes Anglo-Amerika- nertum an der Macht bleibe, wirt­schaftlich werter vorwärts komme undmöglichst in f i ch selbst ruhe. Sachlich eröffnet d.eser Sieg außerordentlich weite Aus­blicke, denn er zeigt, wie ungeheuer groß Macht und Wille des Anglo-Amerikaneriums in diesem Weltstaate ist, trotz aller bekannten ümstände, die an seiner Herrschastsstellung nagen. So hatte im tiefsten der Wahlkamps doch eine große pro­grammatische Bedeutung. QIb?r er war zugleich ein Kampf von zwei Persönlichkeiten, beide reiz­voll und bedeutend. In zahlreichen Gesprächen haben mir Demokraten versch ebener Lebenslagen gesagt, dah Hoover die größeren Aussichten hätte, ünd neben allen anderen Gründen vor allem deshalb, weil Smith zwar im Staate Reu- horr und der nächsten ümgebung wohl bekannt war, Hoover aber in der ganzen ilnton be- farait sei.

Der neue Präsident hat eine Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses für sich. Wir unterlassen heute Betrachtungen, was er tun und was er nicht tun wird. Er hat bzn Wahlkampf in allen heiklen Fragen äußerst vorsichtig ge­führt. Wird er einfach ein republikanischer Partei- mann fein wie der Durchschnittsmensch Eoolidge das war? ünd wie auch Hardina? Sicherlich nicht! Man vergesse nicht, daß Hoover zwar von früher Jugend an Republikaner war, daß er aber überhaupt erst jetzt mit der Partei­maschine in Verbindung getreten ist. Haben ihn doch das letztemal die Demokraten als Kandidaten aufftellen wollen, üm Parteipolllik hat sich der Mann in seinem wechselvollen, reichen Leben absolut nicht gekümmert. Dieses Leben aber ist voll von Leistungen großen, ja größten Sttls. Aus ärmlichen Verhältnis,en emporgestiegen, hat

er als Ingenieur Deträchtliches geleistet an vielen Stellen der Well, und dann hat er rund zehn Jahre in der Organisation der Ernährung, der Kriegführenden und vom Kriege Betroffenen staatsmännische Eigenschaften ersten Ranges ge­zeigt.

Dazu kommt noch eins: Er ist unseres Wissens der erste Präsident der ünion, der westlich des Mississippi geboren ist, sicher der erste, der westlich des Felsengebirges zu Hause ist. Er gehört dem fernen Westen an von seiner Jugend und heute, wo er seine Heimat in Kali­fornien hat. Das bedeutet Distanz in jeder Beziehung. Da er aber zugleich fo gut wie die ganze Well kennt, wirtschaftlich, technisch und allgemeinpolttisch auf das höchste geschult ist und wie gesagt mit der Partei gar nicht eigentlich zusommeenhängt da er in feinem ganzen Leben die Selbständigkeit des Senf end und Handelns bewahrt hat, ist eS beffer, heute nicht zu sagen, daß er dies und das bestimmt tun oder lassen werde.

Rach einem Geben voll Mühe, Unruhe und Arbeit eröffnet ihm das Schicksal mit diesem Sieg die Möglichkeit, ganz große staatsmän­nische, Wellpolltische Leistungen zu vollbringen. Gerade die Größe des Sieges macht ihm das leichter, ünd wir sehen heute keinen Grund, zu sagen, dah diese Entsch eidung unb diese Persön­lichkeit für eine Polllik Amerikas und für eine Weltpolitik ungünstig sei, wie wir sie für Deutsch­land erhoffen. Die Lage ist nicht schlecht und un­günstig für uns nun nütze man si« auch bei uns im Detchällnis zu Amerika und gleich in der brennendsten Frage der Revision mit aller ümsicht und Geschicklichkeit. Hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben für den deutschen Außenminister, trenn er jetzt seine Tätigkeit wie­der aufnimmt und für den Reichstag, wenn er sich nun wieder der Behandlung der deutschen Außenpolitik zuwendetl

Geschichten aus alter Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Ein Ritt durch zwei Erdteile.

(a) Reuhork.

Aim6 H. ß. Tschiffely, der argentinische Lehrer, der im Frühjahr 1925 eine Wett« ab­schloß, er werde auf einem von ihm selbst ein» gefangenen wilden Pferde von Den PampaZ nach Reuhork reiten, und dann dies« Reis« auch kurz darauf auf der eingeiangenenMascha" an= trat, ist kürzlich In Washington eingetroffen. Das nunmehr schon 19jährige Tier hat mit feinem Reiter eine Strecke von 15 200 Kilometern zu­rückgelegt, und Tschifselh Hit seine Weil« gewon­nen. Beide waren die Sensation der amerika­nischen Bundeshauptstadt. Diri Jahre, vier Mo­nate, und sechs Tage haben sie bis zu ihrem Ziel gebraucht.

Den tiefsten Eindruck hat unterwegs auf Tschif- fely die amerikanische Gastfreundschaft gemacht. Jedes Dorf, daS er mit feinem braven Vier­füßler passierte, gab fast das Letzte her, um den beiden den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen. Oft genug dauerten die Sere­naden, die die ganze Dorfbevölkerung dem Gast zu Ehren veranstaltete, bis zum frühen Morgen. Richt selten mußt« Tschisfely im Gefängnis schlafen, well dies der komfortabelste Raum des ganzen Ortes war. Man gab ihm aber stets die Schlüssel dazu in die Hand. AuchMancha" schlief widerho'.t mangels einer geeigneteren ün- terfunft imKittchen". Beide hltten einen guten Schlaf, wenn nicht ja, wenn nicht eben diese so freundschaftlich gemeinten Serenaden gewesen wären. Rach jedem Gefangs- ober Musikstück mußte der müde Reisende an die Tür kommen und höflich seinmuchas gracias (Vielen Dank") sagen, wonach er sich wieder in seinKabinett" zurück.-og. um während des folgenden Vortrags einzudröscln".

In Roedargentinien erlltt Tschisfely eine Blut­vergiftung und in Mittelamerika und Meriko hatte ihn die Malaria erfaßt: aber alles dies und die Schrecken des ürwaldes waren für ihn und fein Pferd fo gut wie nichts gegenüber den Autostraßen in dm Vereinigten Staaten. Da erst wurden die Gefahren eines Ritts sehr bedrohlich und bedenklich. Je näher Tschisfely Washington kam, desto ärger wurde es. In Buenos Aires, erzählt der wagemutige Reiter, wundert man sich darüber, daß er für seinen Ritt so lange Zeit benötigt habe: sie wissen dort nicht, fährt er fort, was es hei st, auf amerika­nischen Automobilstraßen spazieren gu reiten. Der schrecknisreiche Weg, den Dante und Vigil zur üntertoelt zurückgelegt haben, ist eine Lust- promenade dagegen.

Ter Licblinqshund der schwarzen Tänzerin.

Paris.

Es gibt Menschen, deren Berühmtheit sich gleich Kapital verzinst, d. h. vermehrt und schließlich weit über die betreffende Person hlnausragt. Es gibt solche Menschen überall, auf allen Gebieten, in Politik, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und auch in der Kriminalität. Die Glücklichen oder ünglücklichen, wie man will, können tun und lassen, was ihnen beliebt oder nicht beliebt, jeder ihrer Schritte wird zur Sensation, alles was mit ihnen zusammenbängt wird begafft, bestaunt, wird Mittelpunkt oeffen, was man das gesellscha tliche Leben nennt Vielleicht ist das amerilanischer Expo t, vielleicht aber auch Eigen­art des Menschengeschlechts, ewiger Brauch seit ürväterzeit . . .

Warum soll also auch nicht der Lieblingshund einer schwarzen Tänzerin einige Tage lang die französische Metropole in Atem halten?Rex", so bei fit das beneidenswerte vierbeinige Objekt der Zärtlichkeit 3 of ef i ne Dakers, ist mit feiner Herrin nicht nach Berlin gefahren. Er Halle Dringenderes zu tun, befand sich in ünter- suchung-hait, das arme Tier, und stand schließ­lich vor den Schranken eines hohen Gerichts­hofes. Richt als Angeklagter etwa, o nein, sondern in einer Rolle, die der Sage nach ein Wickellind vor bald drei Iah tausenden unter den Augen des größten Königs von Juda ge» spielt, durch dessen beruh nten Weishritsspruch es der rechten Mutter wieder zugeführt ward. Run sind aber heutigentags salononische ürteile nicht mehr ganz zeitgemäß, auf Hunde auch nur schwer anwendbar, und so geriet der gute Wat­tine, seines Zeichens Amtsrichter von Paris, in einige Verlegenheit, als er entscheiden sollte,

ob der kleineRex" der schwarzen Iosestne Daker oder der weißen Frau Marin gehörte, die das Tier vor einigen Wochen öffentlich auf den Champs Elysee als ihr Eigentum rekla­mierte und frisch von der Leine 3ofeftnenS weg durch einen Schuhmannverhaften" ließ. Endlich beschloß der Richter, Hund und Frauengegenüberzustellen" und die als recht­mäßige Eigentümerin anzuerken.ren, an der das Tier nach Hundeart hochspränge. Aber di« schwarze Tänzerin war fern, die Zeugengebüh: wäre zu hoch gewesen und so beugte man sich dem Vorschlag des Anwalts der Künstlerin: Da das Eigentumsrecht zweifel­haft. entscheidet der Tatbestand d«S Besitze S." So wirdRex" in standesgemäßem Aufzug, versteht sich, bald nach dem Rordbahn- Hof gebracht werden, um von dort die Reise nach Derlin in die zärtlichen, wohlgeformten Arme seiner schwarzen Herrin anzutreten, de­ren Berühmtheit er auch seinen eigenen Ruhm verdankt.

Die Geister die ich ries...

(i) Shikagv.

Die vielgeplagte Polizei in Dhlkago, dem Verbrecher-Dorado, soll in dem Ruf stehen, nicht immer gerade im geeigneten Augenblick zur Harrd zu sein. Kürzlich erlebte aber eine junge Dame absolut das Oegenteü und zwar in einem Maße, daß ihr Hören unb Sehen verging. ünt> das geschah folgendermaßen: Marie San­tore, ein hübsches Njähriges Mädchen, ging ein­mal spät des Rachts nach Hause. In der nächt­lichen Straße tauchte plötzlich ein junger Mann auf, näherte sich und sprach sie an, er begleitete sie, faßte ihren Arni und schließlich wurde es der jungen Dame unheimlich und sie rief laut nach der Polizei. Da geschah das ünertoartete. Roch war der Ton nicht verklungen, stand schon ein Polizist zur Stelle. Dann noch einer, dann drei und so ging es weiter. In wenigen Minu­ten waren es 60 Polizeimänner, dann 90 und zu­letzt 120. Das betreffende Chikagoer Blatt, das den Vorfall berichtet, beschreibt die Wirkung die­ses Auftrittes auf die beiden jungen Menschen nicht näher. Aber die Dame soll dann erklärt haben, dah es ihr in Gesellschaft des zwar auf­dringlichen aber doch immerhin sympathischen jungen Mannes auf der dunklen Straße doch noch Wohler gewesen wäre als inmitten der 120 Ver­teidiger ihrer Sicherheit, die in dem angestellten Verhör nicht nut ebenfallsaufdringlich", son­dern obendrein auch noch viel weniger sympathisch als der leichtsinnige Storer chres Heimweges erschienen, der in feinen Fesseln, mit seinem hilflosen Gesichtsausdruck und seinen melancholi­schen Augen ihr stärkstes Mitleid erregt habe. Qlber die Polizei habe ihr für solche Empfindun­gen nur wenig Zeit gelassen dafür mußte sie um so mehr Fragen beantworten Fragen nach ihrem Privatleben, die ihr höchst indiskret er­schienen. Ihre Empörung habe aber nicht den ge­ringsten Eindruck auf die 120 Männer gemacht. Erst im Morgengrauen, nachdem einige ihrer Bekannten aus dem Schlaf geklingelt waren und übet sie ausgesagt hatten, durfte sie erschöpft chte Wohnung aufsuchen.

Im übrigen stellte sich heraus, daß sich ihr nächtliches Erlebnis gerade vor einer Poli - zeikasetne abgespielt hatte. Daher die Er- tegthell der Chikagoer Polizei in diesem Fallei

Wozu Gcwijscnsbiffe gut sind.

(f) London.

Gewissensbisse verhelfen dem Sünder in der Regel zu einer etwas milderen Strafe feiten^ feiner Richter. Ratürlich nur in Fällen, wo sich dieStimme des Gewissens" rechtzellig meldet und der Sünder seine Tat eingesteht. Einun­ehrlicher Finder" in Fauldhous (England) kann nun den sonderbaren Ruhm für sich in Anspruch nehmen, seinen Gewissensbissen erst dreiundvier­zig Jahre nach dem begangenen Diebstahl Ruhe verschafft zu haben. So vermied er unliebsame Konflikte mit dem Gesetz, erlangte, wenn auch etwas verspätet, feineSeelenruhe" wieder und verhalf dem Londoner Kaufmann John Bowting zu einem kleinen Festessen. Die längst verstorbene Frau des Kaufmanns hat nämlich im Iahte 1885 anläßlich eines Ausflugs nach Fauldhous ihre Brieftasche mit fünf Pfund ver­loren, und der Findet dachte nicht daran, sich zu melden. Man stelle sich die Verwunderung des allen Bowting vor, als er vor wenigen Tagen

Samstag, 10. November 1928

einen Einschreibbrief folgenden Inhalts erb leit t »Dor dteiundvierzig Iahten habe ich die Tasche Ihrer Gattin gefunden und ließ mich verleiten, den Inhalt zu behalten. Allein die Gewissens­bisse quälten mich jahrein jahraus so heftig, daß ich mich genötigt sehe, den Betrag anliegend zurückzusenden. Da ich die Tasche seinerzeit ver­nichtet hab«, überreiche ich Ihnen statt fünf sechs Pfund; wollen Sie bitte für die eingebüßte Tasche mit einem Pfund vorlieb nehmen. Vergeben Sie mir armen SünderI" Zufällig erhielt Bowting das eigenartige Schreiben an seinem siebzigsten Geburtstag. Et hat das Geld in einige Flaschen Sekt umgesetzt und ertelUe demMann mit den Dauergewissensbissen" im Rahmen einer Tischrede feierlichst die Absolution. . . .

Wirtschaft.

Oie Reichsbank Anfang November.

Rach dem Ausweis der Reichsban? vom 7. Rovembet hat dis gesamte Kapi­talanlage der Dank in Wechseln und Schecks, Lombards und ®f fetten u n 228,0 Mill, auf 2309,0 Mill. Mari abgenommen; im einzelnen haben sich verringert die Bestände an Wechseln und Schecks un 165 4 Mill, auf 2182,9 Mill. Mari, der Lombatdvestand um 61,4 Mill, auf 33,8 Mill. Mk. und der Gsfektenbestand um 1,2 Mill, auf 92,3 Will. Mk.

An Deichsbanknoten und Rentenbankscheinen zusammen sind 291,6 Mill. Mk. in die Kassen der Dank zurückgeslossen; und zwar hat der ümlauf an Rsichsbanknoten u.n 251,7 Mill, auf 4410,3 Mill. Mk., derjenige an Rentenbank­scheinen um 29,9 Mill, cu 512,8 Mill. Mk. ab genommen. Demen ts p rechend ist der Bestand der Reichsbank an Rentenbankscheinen auf 45,4 Millionen Mark gestiegen. Die fremden Gelder zeigen mit 585,2 Mill, eine Vermehrung um 91,3 Mill. Mark.

Die Bestände an Gold und deckungs­fähigen Devi'en insgesamt stiegen um 12,0 Will, aus 2708,0 Mill. Mk., im einzelnen die Gold­bestände um 7.1 Mill, auf 2539,9 Mill. Mk., die Bestand« an deckungsfähigen Devisen um 4,9 Mill, auf 168,1 OKilL Mk. Di« Deckung der Roten durch Gold, allein besserte sich von 54,2 Prozent In der Vorwoche auf 57,6 Prozent, diejenige durch Gold und deckungSsähige Devisen von 57,7 Prozent auf 61,4 Prozent.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

Bei anhaltender Teilnahmslosigkeit des pri­vaten Publikums und des Auslandes wickcll« sich das Börsengeschäft in dieser Woche wieder in sehr engem Rahmen ab. Die Haltung war aber allgemein etwa- festet, und Deckungen, sowie neue Käufe der Spekulation führten auf den meisten Marktgebieten zu Kursbesserungen, wobei sich einigen Spezialwetten wieder leb­hafteres Interesse zuwandte. Di« Fortdauer d«S Konsiliktes in der Eisenindustrie und die Tat­sache, dah die Hoffnungen auf eine Dermtttlungs- aftion, oder neue Einlgungsverhandlungen bis jetzt nicht erfüllt wurden, konnten die Börse nicht nachhaltig beeinflussen. Auch andere ungünstige Momente verursachten zwar zeitweise eine ge­wisse ünsicherhelt und standen einer allgemeinen Geschäftsbelebung entgegen, wurden aber meist von der Bors« beiseite geschoben und vermochten nicht, einen Tendenzumschwung herbeizuführen. So blieb die plötzlich in Frankreich eingetretenc Regierungskrise ohne stärkeren Einfluß, wenn man auch Befürchtungen hegte, daß der Fort­gang der Besprechungen über die Reparations- Neuregelung, deren Fortschritte man mit Genug­tuung verfolgt hatte, durch die französische Ka­binettskrise verzögert werden Dante. Rur wenig beeinflussen ließ sich die Börse auch durch die amerikanischen Wahlen: der Sieg Hoovers wurde meist mit Befriedigung aufgenommen. Richt ohne Einwirkungen auf den deutschen Markt waren dagegen die Schwierigkeiten der Züricher Dank- firma Wolfensberger & Widmer. Im Zu* samyienhang damit wollte man namentlich am Elektromarkt Abgaben für Schweizer Rechnung beobachten. Mehrere Spezialbewegrmgen gaben im übrigen der Bors« in dieser Woche ein be­sonderes Gepräge. Stark im Vordergründe stan­den d.e Elektrowerte, vor allem Schuckeri und Siemens. Es gingen zunächst wieder Ge­rüchte um von einem Zusammenschluß von Sie­mens und Schuckert, was große Käufe in Schuckert und Tau fchoperat tonen von Siemens in Schuckert* aktien zur Folge hatte. Als dann von der Siemensverwaltung alle Gerüchte von Finanz- t ran satt ionen mit Schuckeri dementiert wurden, waren Schuckert vorübergehend etwas abge­schwächt, wahrend in Siemens größere Deckungs* läus« «insetzten, die ein stärkeres Anziehen des Kurses bewirkten. Späterhin setzte sich auch die Kurssteigerung der Schuckerialtie wieder fort. Recht lebhaft war die Rachfrage auch nach Karstadt, di« bis 245 Prozent anzogen. Rachdem jedoch das bei Begebung" der Vorratsaktien ein­geräumte enttäuschende Bezugs recht (6:1 zu 130 Prozent) bekannt wurde, trat eine rückläufige Bewegung bis 239 Prozent ein. Aehnlich war die Situation am Markte der Zellstoff Waldhof­aktien. Hier verlautete von Kapitalerhöhungs­absichten und von Plänen einer Riederlassung in Finnland. Daraufhin trat stärkere Kaufneigung hervor, bis man erfuhr, daß infolge der Beteili­gung einer englischen Finanzgruppe den Aktio­nären nur ein Dezugsrecht 10:1 zu 200 Prozent gewährt werden soll, worauf di« Spekulation Realisationen in diesem Papier vornahm. Am Markte der Autoaktien standen R. S. ü. wieder unter stärkerem Druck, da man mit einer schar­fen Sanierung (5:1) rechnete. Als später im Zu­sammenhang mit den Sanierungsvorschlägen, die tatsächlich ein« Zusammenlegung im Verhältnis von 5:1 vorsehen, di« Beteiligung der Fiat bekannt wurde, trat eine Erholung auf etwa 24 Prozent ein. Merllicher anziehen konnten Daimler. Ziemlich lebhaft war das Geschäft am

Kaliaktien, die auf die günstigen j^fc^fiem f£r Oktober starker anziehen konnten. Ruch i)te unnotierten Kaliwerke, wie Kaliindustrie und Krügershall, waren stärker verlangt und fester Zeitweise etwas gefragt bei anziehen­dem Kurs waren ferner I.-G.-Farben. Deutsche Anleihen konnten bei stillem Geschäft etwas an* ziehen. Am AuÄandrentenmarkt waren Türken bei lebhafteren ümsätzen stärker befestigt, später aber wieder ab geschwächt. Am Geldmarkt trat