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Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 266 Drittes Blatt

Landsimßennoi und Verkehr.

Die Verwaltung der Provinz Oberhessen hat mit Zustimmung des Prooinzialtages im Verlause dieses Jahres große Summen zur N e u h e r r i ch t u n g einer Reche von Land st raßen in unserer Pro­vinz ousgegeben. Bei der Durchführung dieses Stra­ßenbauprogramms wurden vor allem die sog. 0 - S t r a ß e n, d. h. die Landstraßen für den beson­ders stark auftretenden Durchgangs-Kraftwagenver­kehr, berücksichtigt. Hier ist denn auch eine recht be- merkenswerte Verbesserung der Straßen erzielt wor­den. teils durch Klcinpflasterung, teils durch Asphal- ticrung, oder auch durch ausgedehnte Neubeschotte- rung. Wer jetzt Gelegenheit bat, die Hauptstraßen des Üeberlandverkehrs zu befahren, wcrd mit Be- iriedigung feststellen können, daß dank der groß- .lügigen Arbeit der Provinzialverwaltung den dring­lichsten Erfordernissen aus diesem Straßennetz genügt ist. Anders sieht es dagegen aus aus den sogenannten L-Straßen, d. h. den Bezirksstraßen, die dem Nahverkehr zwischen den einzelnen Ortschaften dienen. Hier sind zahlreiche Landstraßen zur Zeit in einem Zustande, der dringend des Eingreifens der Provinzialbauverwaltung bedarf.

Wir hatten in den letzten Tagen Gelegenheit, eine Anzahl 6 - Straßen im Kreise Gießen und ein Straßenstück im Kreise Friedberg in Augenschein flu nehmen. Dabei mußten wir ein betrübliches Bild dieser Landstraßen feststellen. Zum Beispiel befindet sich der hessische Teil der Landstraße Großen- LindenHörnsheim gegenwärtig in einem Zustande, der es kaum gestattet, dieses Stück der strahe noch als Landstraße anzusvrechen; es gleicht vielmehr stark einem besseren Feldweg. Man wird »war zugeben müssen, daß durch den umfangreichen Fuhrwerksverkehr infolge der Feldbereinigung eine erhebliche Abnutzung dieser Straße eintritt. Aber dieser Umstand muß doch anderseits dazu führen, daß die Unterhaltung der Straßen auch mit besonde­rem Aufwand geschieht. Recht vorteilhaft von diesem stark mitgenommenen Straßenteil sticht die preu­ßische Hälfte dec Landstraße ab, die von der Landes- arenze bis nach Hörnsheim sogar asphaltiert ist. (Sine üble Beschaffenheit muß man ferner auf dem hessischen Straßenteil zwischen Niederkleen und Pohl-Göns seststellen; auch hier ist die Straße auf der preußischen Seite in annehmbarer Derfos- jung, auf der hessischen dagegen reiht sich ein Loch an das andere, so daß das Befahren dieser Straße nicht nur sehr nachteilig für die Fahrzeuge ist, son­dern auch ein liebel für Mensch und Tier bedeutet. In schlechtem Zustande sind ferner die Landstraßen zwischen Lang-Göns und Holzheim, Holz­heim Gambach, Hauptstraße Lick Eber- sladt Abzweigung nach Dorf.Gill, Dorf- Gill Grüningen und Grüningen Steinberg bis zur Haupt st raßeSchiffen- k» e rg Gießen.

Auch an diesen Strecken reihen sich die Löcher fast itt ununterbrochener Folge aneinander an; einzelne kurze Strecken in besserer Beschaffenheit machen den sehr schlechten Zustand der übrigen Teile der Land­straßen nur um io augenfälliger. Ein besonderes Ka- binetrstück In diesem Reigen zerfahrener Landstraßen findet man zwischen Holzheim und G a m b a ch; ein Kraftwagen, der auf dem größten Teile dieser Straße auch nur mit zwanzig Kilometer Stunden- oeschwindigkeit fahren würde, könnte mit Leichtigkeit Achsen- und Federbrüche davontragen, und schlim- nies Unheil für Insassen und Fahrzeug wäre dann leicht die nächste Folge. Diesem Übelsten Stück der Landstraße ftelU sich die Ortsdurchfahrt in Sambach in der Wies st raße völlig gleich- wertig an die Seite; auch hier bedeutet das Be­fahren große Gefahr für Fahrzeuge und Menschen. An manchen Stellen der hier bezeichneten Straßen sieht man seitlich zwar Ausbesserungsmaterial aufge- schüttet. Merkwürdig ist aber, daß dieses Material stark von Erde durchsetzt und zum Teil mit Gras überwachsen ist, woraus man wohl den Schluß ziehen kann, daß die Steinhaufen schon seit langer Zeit an ihrem Platze liegen, anstatt auf die schad­haften Straßenstellen aufgebracht zu werden. Als Luriosum sei ferner registriert, daß man gelegentlich Ausbesserungsmaterial auch an Strecken vorfindet, too es bei der einwandfreien Beschaffenheit der Slraße nicht notwendig ist; anderseits kann man aber ganze Straßenstrecken in sehr reparaturbedürf- tiflem Zustande sehen, bei denen nicht das geringste Mrsbesserungsmaterial gelagert ist, so daß man hier­

aus wohl den Schluß ziehen darf, daß Ausbesse- rutigspläne für diese Strecken nicht bestehen. Ge- legenllich kann man allerdings auch ausgebesserte Straßenstücke antreffen, jedoch ist hierbei meist zu bemerken, daß auf die schadhaften Stellen lediglich Steine ohne das erforderliche Deckmaterial aufge­bracht worden sind. Der Steinbelag wird natürlich von den Fahrzeugen, zumal von den Kraftwagen, gar bald wieder zur Seite getrieben, der Verschleiß an den Fahrzeugen bleibt weiterhin groß, und die Löcher in der Chaussee kehren im Handumdrehen in alter Schönheit wieder. Es wäre doch wohl rat­sam, bei den Ausbesserungen der Straßen auf den neuen Steinbelag unbedingt sofort auch das Deck- material einzubringen; ferner erscheint es notwendig, das nun sckon seit Monaten an den Landstraßen ge­lagerte Ausbesserungsmaterial endlich zu ver- wenden.

Denn man auch nicht erwarten kann, daß in den bevorstehenden Winter-.nonaten die oben­genannten Landstraßen im Kreise Gießen einer durchgreifenden Neuherrichtung unterzogen wer­den, so darf man aber doch wohl der Hoffnung Ausdruck geben, daß im nächsten Frühjahr bei guter Zeit an eine durchgreifende Erneuerung dieser Straßen herangegangen wird und bis dahin wenigstens die allerdringlichsten Repara­turen vorgenommen werden. An der Schaffung eines einwandfreien Zustandes der Landstraßen sind ja nicht nur die Kraftfahrer stark inter­essiert, sondern auch die Besitzer landwirtschaft­

licher Fuhrwerke werden den dringenden Wunsch haben, ihre Zugtiere und Wagen durch bestmög­liche Gestaltung und pflegliche Unterhaltung der Landstraßen weitgehendst geschont zu sehen. Die Erfüllung dieses Wunsche der Kraftfahrer und der Landwirte ist natürlich ohne Bereitstellung erheblicher Mittel nicht möglich. Aber man darf tvohl annehmen, daß die Provinzialverwaltung und der Provinzialtag, nachdem jetzt für die Verbesserung der D-Straßen schon erhebliche Auf­wendungen gemacht worden sind, in das nächst­jährige _ Etraßenbauprogramm umfangreichere Mittel für die Neugestaltung der D-Strahen ein­stellen und dabei auch dem Kreise Gießen einen beträchtlichen Anteil zur neuzeitlichen Instand­setzung seiner Straßen zukommen lassen werden. Vielleicht wäre es den zuständigen Stellen sogar möglich, noch im Rahnen des diesjährigen Haus­haltsplanes Mittel verfügbar zu machen, die zur raschesten Verbesserung der am schlimmsten zer­fahrenen Landstraßen verwandt teerten könnten. Denn je rascher hier durchgrci ende Abhilfe ge­schaffen wird, um so angenehmer wird es den Interessenten am Landstraßenfahrverkehr sein, und um so vorteilhafter wäre das auch für den Haushalt der Provinz, da natürlich das Ausmaß der Kosten sich immer mehr vergrößern wird, je stärker die (5d>äten an den Straßen durch deren längeres Liegenbleiben in dem jetzi­gen Zustande werden.

Die farbenfreudige Stadt.

Nicht alles ist schön, was farbig ist, aber eine schöne Farbenharmonie erfreut das Auge. Was un­tere Bekleidung anbetrifft, fo hat wohl von jeher die Frauenkleidung lebhafter der Vielfarbigkeit gehuldigt und tut das auch heute noch. Bei der Männerbe­kleidung war das auch einmal; im Mittelalter, wo das Wams mit geschlitzten Puffärmeln und Hosen­beinen in zweierlei Farben triumphierten und wo reiche Bürger es liebten, den bunten Putz ihrer H ci us e r noch mit Freskogernälden scyrnücken zu lassen.

3m Lause der Zeiten war uns diese Freude an bunten Häuserfassaden und schließlich auch die Tech­nik dafür abhanden gekommen. Besonders im vori­gen Jahrhundert liefen die Häuserzeilen im ein­tönigen Grau oder Gelb dahin, und selbst bei den Villen der Vororte wandte man kaum jemals meh­rere Farben an ihrem Aeußeren an. Man suchte wohl nach neuen Stilarten, aber nicht nach neuen Verzierungen, die den Farben ihr Dasein verdank­ten. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten, beton­tere aber in den Jahren nach dem Kriege geändert. Fast könnte man jetzt von allzu viel und allzu grellen Farben an manchen Hausfassaden reden. Das scheint nun einmal mit dem Aufkommen jeder neuen Richtung, sei es in der Kunft ober im Häu- erbau, oerbunten zu sein, daß sie sich von dem bis­her Geltenden möglichst auffällig zu unterscheiden ucht und sich dabei in einem lleberschwang der Ge- ühle gefällt. Und fo finden wir denn Häuser, ja ganze Siedlungen, Die zwar den Drang nach gar- benfreude offenbaren, aber das ästhetische Auge be­leidigen. Daher ist es notwendig, Mittel zu finden, um das Stadtbild so zu ge st alten, daß es den ästhetischen Anforderungen ent- spricht, daß es nicht ein Greuel wird für alle die- jenigen, die sich nicht einer einseitigen Richtung ver­schrieben haben, sondern die neben derneuen Sach­lichkeit" auch der Freude am Schmuck Rechnung getragen haben wollen.

Solchen Empfindungen ist es zuzuschreiben, daß sich schon vor längerer Zeit einBund zur För­derung der Farbe im Stadtbild" gebildet hat, dem namhafte Baukünstler, Gemeindebeamte und Fachleute angehören, und der sich auf seiner diesjährigen Tagung in Osnabrück u. a. von Privat­dozent Dr. Matthäi (Bonn) einen Vortrag über das Thema halten ließ:W a s kann eine wis - enschaf11 iche Farbenlehre für das arbige Bauen leiste n?" Daß das bloß Ge- ühl allein nicht maßgebend sein Darf, bei der Aus- wähl der Farben darüber zu entscheiden, was schön ist zum Schmuck unserer Häuser, stößt wohl auf keinen Widerspruch. Baupolizeiliche Verordnungen vermögen wohl die schlimmsten Auswüchse mißver­

standener Farbenfreude zu verhindern, aber ge­wissermaßen amtliche Muster für die Bemalung der Häuser aufzustellen, wie es einige Städte schon getan haben, ist auch nicht der richtige Weg zum gewollten Ziel. Kunst und Kunstempfinden vertragen schwer amtlichen Zwang, zumal solange nicht wissenschaftlich festgestellt ist, ob eine Farbengebung schön oder häß­lich ist, ob sie sich für ein bestimmtes Stadtbild emp­fiehlt und ob nicht um mit Fritz Reuter zu redenwat den einn sin Uhl, den annern fin Nachtigall" sein kann. Mit der wissenschaftlichen Farbenlehre haben sich unsere größten Geister be­faßt. Man braucht nur die Namen Goethe und neuerdings Wllhelm Ostwald zu nennen. Möglich muß es auch sein, für das Bauen die richtige Far­benharmonie wissenschaftlich zu erforfdjen, so schwie­rig die Ausgabe auch sein mag.Zum Schönen wird erfordert ein Gesek, das in die Erscheinung tritt", dieser Goethesche Leitsatz weist den Weg, der beschritten werden muß. Die Farbe drängt zu m R a u m, e s m u ß a b e r a u ch i h r e Be­ziehung zu gegebener alter Architek­tur u nd zurLandschafthergestelltwer- d e n. Binden und Gliedern, Abheben und Aus­gleichen, Herausheben und Zusammenschließen sind die gestattenden Fähigkeiten der Farbe. Wichtige Glieder werden am besten gegeneinander farbig ab« gesetzt, während andererseits die einzelnen Telle durch eine entsprechende Farbengebung zusammengeschlos- sen werden müsien. Eine vollständige Systematik der Farbigkeit und Helligkeit ist noch nicyt gesunden worden; dazu bedarf es noch umfassender Unter­suchungen über die farbige Gestaltung. Doch haben sich schon gewisse Grundregeln herausgebildet. Um ein Beispiel anzuführen, hält man es heute für rich­tig, wenn ein dreigeschossiges Haus folgende Farben­harmonie Aeigt: das oberste gelb angestcichene Stock­werk gewissermaßen zusammengeschlossen mit dem gleichhellen Blaßrot des untersten Stockwerks, wäh­rend die Gliederung betont wird durch das hellig­keitsfremde reine Rot des Mittelstockes. Bindung durch verwandt, nicht durch gleichartige Farben ist hier das Grundprinzip. Dem künstlerischen Empfin­den, gepaart mit wissenschaftlicher Erkenntnis, bieten sich natürlich viele andere Möglichkeiten der Farben­kombination. Besonders bei Fachwerkbauten ist der schöpferischen Kraft des Architekten weiter Spielraum gelassen.

Das Material der Farbe, der Tünche und des Putzes spielt natürlich auch bei der Verschönerung der Hauser eine gewichtige Rolle. Der Tagung des Bundes zur Förderung der Farbe im Stadtbild" in Osnabrück war daher auch eine entsprechende Aus- ft e 11 u ng angeschlossen, wobei der Verein deutscher Kalkwerke und der Verband deutscher Edelputzwerke

Seid M vom Simmel.

Vornan von paul (Znderling.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

40. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er ist mir wie der furchtbare Gott des Alten Testaments: du sollst keine antem Götter haben neben mir welch ein tyrannischer Egoist!"

Nein, so darfst du nicht von ihm sprechen. Er ist nur unglücklich."

Das gibt ihm nicht das Recht, andere unglücklich zu machen."

Tun das nicht alle Unglücklichen? Ein Sprichwort jagt, daß Unglück ansteckt."

,^ch kenne das Wort, aber ich hasse es. Es gibt denen, die trägen Herzens sind, die Ausrede, am Unglücf vorüberzugehen. Nicht alle sind so tapfer oe du, Inge."

-Laß uns von andern Dingen sprechen", bat sie. Kommst du geradeswegs hierher?"

Nein. Ich stand bei euch vor dem gelben Haus unb hörte, daß ihr fort wäret. Inge, ich begreife nrich heute nicht, daß ich da wie alle andern Men­schen weiter leben konnte!"

Es ging nicht anders, glaube mir."

Du durftest nicht schreiben?"

Laß das, Liebster. Einmal wirst du alles ver- sichen und es anders ansehn ... Und bann kamst du hierher?"

Nein", antwortete er fest.Vorher war ich bei einem Mädchen. Bei demselben, das du damals im Auto neben mir sahst!"

Sie rückte unwillkürlich etwas von ihm ab.Das konntest du?"

Ja, weiche nur von mir. Es muß gesagt werden.

Ich habe mein Gott, wie lange ist das her? Ein Jahrhundert oder zwei Tage?, ich habe so­gar du zu ihr gesagt. Du mußt auch das wißen, oer ich glaube, du hättest es in dieser Stunde auch K. Sie war so arm und elend, Inge, so grenzen- rmilbert war ihre Seele. Und sie liebte mich.." Sagte sie das?"

,Ia, begreifst du, das so was möglich ist?"

Nein", sagte sie versonnen. Und dann nach einer Weile:Wenn du jetzt nicht gekommen wärest, ich wäre gestorben, ohne daß du es je erfahren hättest ..."

Was hätte ich nicht erfahren?" fragte er lächelnd.

... wie du zu meinem Leben gehörst", voll­endete sie gesenkten Hauptes. Plötzlich umklammerte sie ihn.Schwöre mir, daß du mich immer lieben wirst, immer ..."

Muß ich das erst schwören?" fragte er zwischen brennenden Küßen.

Sie entwandt sich ihm leicht unb sah ihn ernst an.Du, es könnten Dinge kommen, die dich von mir treiben."

Er lächelte bei ihrer Angst.Nicht Himmel noch Hölle siind stark genug dazu."

Mer die Wett kann es {ein."

Das glaube ich nicht. Ich bin stark unb nehme es mit ihr auf. Mer wollen wir die Gespenster nicht laut anrufen? Ich habe gehört, das sei die beste Art, sie zu verscheuchen."

Sie überlegte einen Augenblick.Weißt du, warum ich jetzt Herkommen konnte?" Ihre Blicke irrten nach der Tür, unb wieder fiel ihm der zer- quälte, gehetzte Zug in ihrem Gesicht schmerzlich auf.Er ist jetzt bei meinem Vater, Blinsky."

Beruhigend streichelte er ihre Hände.Blinsky? Ich fragte dich einmal, was ,Storno' heißt, weißt bu noch? Jetzt weiß ich es."

In ihren Augen brannte Schreck unb Bangen. Du weißt auch ben Sinn?"

Ich glaube." Er erzählte, wie er vorhin ihn unb seine Genossen belauscht hatte.Ich weiß natürlich nicht, worum es sich im letzten Grünte hantelte. Aber ich entsinne mich gut, wjeviel in euerm Haus politisiert würbe und daß man mich nie in diese Gespräche hineinzog."

Sei froh! Mische dich nie wieder in diese Dinge! Um meinetwillen nicht." Sie schmiegte sich dicht an ihn.

Ist Politik so ein Ungeheuer? Ich habe mich nie um diese Dinge gekümmert. Ich habe wohl in Grotthausen gehört, was dort darüber gesprochen wurde. Aber es schien mir immer wichtiger, die Chaconne von Bach zu kennen ober etwas Hüb­sches von Scarlatti."

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Beides ist gleich wichtig", sagte sie nach langem Schweigen, das nur von Küssen ausgefüllt war. Beites kann ein Leben entscheiden. Du fragtest mich einmal, wer Blinsky sei wie gut übrigens dein Instinkt war! Heute kann ich es dir sagen: er ist der Dämon der Politik, grausam in seinem Zerstörungswillen gegen andre und wohl auch gegen sich. Er ist ter Wille zur Auflösung." Sie richtete sich auf.Ach, er ist vor allem der böse Geist meines Vaters gewesen, immer. Ich fürchte, er ist es noch heute."

Er hatte es leicht, den Blinden zu beherrschen." Du weißt es?"

3a. Mußtest bu es noch jetzt verschweigen?"

3d) glaube, er fühlt, baß du es wußtest. Er ist so anders. Aber ich fürchte, es ist nicht gut für unsre Liebe, daß er es fühlt: er hat all seinen Stolz, diesen unbändigen Stolz, darein gesetzt, alle Außenstehenden über seinen Zustand zu täuichen. Liebster, zürne ihm nicht! Er ist viel unglücklicher, als du glaubst."

Er durfte mit deinen Augen sehen war er nicht dennoch glücklich?"

3hre Hände verkrampften sich ineinander.Hätte er es nur immer getan! So vieles wäre nicht ge­schehen."

Ist es nicht gutzumachen?"

Ich weiß nicht", flüsterte sie mit einem scheuen Blick nach der Tür.Ich kann hier nicht davon sprechen. Nur bas eine jener entsetzliche Mensch sprich seinen Namen nicht aus! hat einen dunkeln Haß meines Vaters ausgenutzt."

Wen haßte er?"

Seine Kindheit klingt es nicht sonderbar?"

Das verstehe ich nicht. Es war die hellste Zeit meines Lebens."

Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich glaube, Liebster, ich spüre es ja an dir. Unb bas ist so gut an dir. Aber meines Vaters Kind­heit war so furchtbar schwer. Ich glaube, jeder Mensch ist durch seine Kindheit gestempelt und ge­bunden."

Wie war deine, Inge?"

Sie sann nach.Meine Mutter ist früh gestor­ben, auf einer unserer ewigen Reisen. Ich habe nur die Erinnerung an eine hohe, schlanke Frau, die mich mit Anstrengung aufyob und nach vielen

Samstag, 10. November 1928

eine vorzügliche Schau von Sgrasfito- und farbigen Putzproben gaben. Das Stadtbauamt Osnabrück füllte einen ganzen Raum mit vielen vorzüglichen Darstellungen farbiger Bauwerke der Stabt, und außerdem lagen Wettbewerbsergebniße aus vielen Städten vor. Das dürfte der rechte Weg sein, um Wissenschaft und Praxis innig zu verbinden. Denn Probieren geht nach einem allen wahren Sprichwort ja immer noch über Studieren.

Dortrag in Gießen.

Wie das städtische Hochbauamt uns mitteilt, wird am 2 3. November der Geschäfts ül/rcr des Buntes zur Förderung ter Farbe im State­bild, Dr. Meier-Oberist (Hamburg), in Gießen einen Vortrag über die Bedeutung ter Farbe im Ortsbilde halten und bei dieser Gelegenheit die örtlichen Möglichkeiten farbi­ger Belebung des Gießener Stadt­bildes besprechen. Die Aus übrungen teerten sc» gehalten, daß ein Besuch des Vortrages nicht nur den Fachkreisen, sondern auch den Hausbe­sitzern und allen Heimatfreunden Nutzen und An­regung bringt. Denn die Farbe im Ortsbild ist nicht allein eine Angelegenheit ter Maler und Baumeister, sondern ein Thema, welches jeder­mann angeht. Der Stadt als Geneinwesen bietet sich mit ter Farbenbeteegung die beste Gelegen­heit zu wirksamer Verkehrswerbung, auf die Gießen, wie die meisten Städte, We.t legen muß. Ein planmäßig farbig behänd ! er Platz oder im Gesamteindruck munter farbig wir­kende Straßen und Gassen vermögen heute Släd en einen Ruf zu verschaffen, der nicht gering zu achten ist. Sauberkeit und Ordnung bilden die Grundlage gemeind,icher Wohl ahrt. Der Haus­besitzer, ter sein Eigentum durch farbigen An­strich vor dem Verfall schützt und es gleichzei ig schmückt, dient daher nicht nur seinem persön­lichen Vorteil, sondern auch dem Nutzen der Allgemeinheit. Das gleiche gilt für den Maler, ter für einen sachgemäßen farbigen Anstrich sorgt und für freundliche Behandlung der Häuser'chau- feiten wirbt. Die Arbeit des einzelnen gereicht diesem nur dann zunutzen, wenn er zur Schaffung eines wirkungsvollen Gesamtbiltes beiträgt. Würde ein jeder nach eigenem Belieben streichen, so würde eine Arbeit die andere beeinträchtigen, wenn nicht in ihrer Wirkung völlig zerstören. Jeder sollte daher die Stadtbauverwal­tung als berufene Leiterin anerkennen und sich bemühen, mit dem CBauamte verständ­nisvoll nachgewissen Richtlinienzu- sammen zu arbeiten. Dem persönlichen: Geschmacks wird immer noch ausreichend Frei­heit gelaßen. Die wichtigsten Fragen, welche sich aus dieser Notwendigkeit ergeben, werden er­örtert und durch praktische Leitsätze erläutert. Diese sollen die örtlichen Verhältnisse besonders berücksichtigen, so daß jeder gewisse Regeln, die ihm nützlich sind, mit nach Hause nehmen kann. Außerdem wird der Vortragende auf alle Fra­gen eingehen, die von einzelnen Zuhörern gestellt werden, und ihnen bereitwillig Ratschläge er­teilen.

Telegraphen-Vauverwattimß und Gießener Straßen.

Dom Telegraphenbauamt Gießen wird uns ge­schrieben:

»Die in Nr. 264 desGieß. Anz." vom 8. No­vember erhobenen Vorwürfe, die Deutsche Reichspost nehme bei ihren Kabellegungen keinerlei Rücksicht auf die Straßenbau arbeiten "der Stadt­verwaltung und lasse die Bürgersteige wochenlang inverwüstetem Zustand" liegen, sind unbe­gründet:

Bei den diesjährigen umfangreichen Kabel­arbeiten wurden in allen Fällen, in denen dem Telegraphenbauamt die bevorstehende Neubcsesti- gung einer Straße von ter Stadtverwaltung mit­geteilt worden war, im Einvernehmen mit dem städtischen Tiefbauamt rechtzeitig vorher die Kabel ausgelegt, oder wenn Äabelungcn erst für spätere Zeit ffu erwarten sind, Rohre zur Aufnahme ter Kabel eingebettet Es ist wohl jedem Ein­sichtigen klar, daß man nicht beliebige Mengen ter kostspieligen Kabel (83 verschiederre Sorten gibt es) beschaffen oder vorrätig hallen kann,

11 ir"bmwtMurax-as* m braunen Dienerinnen rief, wenn ich zu laut mar. Ich war schon früh einsam."

Jetzt bin ich bei dir." Er umschloß sie froh unb durchglüht.

Aber mein Vater war der einsamste aller Men­schen. Ich las seine Iugenderinncrungen, die er zu irgendeinem Zweck diktiert. Sie sehen aus wie eine Rechtfertigung. Einmal diktierte er: Diese Iugend- erinnerungen sind jene Komplexe, von denen die modernen Aerzte reden. Ich kann sie nur durch die Tat loswerden."

Durch welche Tat?"

Ich weiß sie bis heute nicht. Ich fühlte nur ihr Entstehen, ihr Wachsen und Wirken um mich her­um, zu jeder Stunde. Und ich wagte nie zu fragen ... so zu fragen, daß er eine Antwort hätte geben müssen. Das Mitleid mit ihm bändigte immer wie­der meinen Willen. Liebster, ich habe mir oft mi­nutenlang die Augen zugehalten, um zu sehen, wie es ist, blind und hilflos zu sein!"

Eine Tür öffnete sich. Getuschel von Stimmen und ein girrendes Lachen wurden hörbar und er­loschen wieder.

Hier können wir nicht reden", sagte sie er­schrocken.Wir wollen ein andermal ..."

Wann?"

Wann du willst."

Also morgen. Ich hole dich ab. Das kann auch dein Vater nicht verwehren. Wir steigen auf eine Höhe, wo diese Stadt wie unser Reich zu unfern Füßen liegt. Auf den Montmartre vielleicht. Da ist eine Kirche, protzig und falt, wie ein Salon des Heben Gottes, die Sacrd Coeur. Aber ein köstlicher Ausblick. Nein, wir wollen Notre-Dame erklettern. Sie ist uns vertraut wie unsre gotischen Dome im deutschen Land. Liebst du die Schimären so wie ich?"

Ich bin in den Städten immer nur dort ge­wesen, wo mein Vater war. Und was sollte'er dort?"

Er küßte ihre Stirn.Samariterin!"

«Nein, Liebster, das bin ich nicht. Es wurde mir oft bitter schwer. Ich habe mich oft aufgebäumt gegen mein Schicksal. Ich bin gar nicht so gut ge­wesen ..

Soll ich deinen Vater fragen, ob du gut warst?" fragte er lächelnd.

(Fortsetzung folgt) .