Kr 265 Zweiter Blatt
Zum Abrüsiungspwblem.
Von Generaloberst von Seeckt, ehem. Chef der Heeresleitung.
3m „Malm" veröffentlicht Sauer- wein eine Unterredung mit dem in Baden-Baden weilenden General v. Sceckt über de Abrüstung««rage. Der ehemalige Chef der Heeresleitung erklärte dem französischen Journalisten u. a.:
Der gegenwärtige Stand der Abrüstungsfrage ist für Deutschland ebenso unbefriedigend wie für die anderen Länder. Wenn man die bestimmten Nationen durch die Verträge aufgezwungene Abrüstung und die ganz natürliche Verminderung der Rüstungen seit dem Kriege beiseite läßt, kann man fest st eilen, daß die Welt heute ebenso mächtig gerüstet ist wie im Jahre 1914 Heberall, wo man dazu die Freiheit hat, beschäftigt man sich sehr eifrig damit, die Rüstung auf den Stand der modernen Technik zu bringen und die Armee entsprechend den Bedürfnissen und der Politik jedes Landes zu organisieren.
Ich holte daher das Problem fürvielmehr politisch als militärisch. Es wird erst eine Cofung finden, wenn die politische Lage geklärt sein wird. Die Regierungen müssen untereinander in praktischem Geiste prüfen, bis .zu welcher Grenze sie bereit sind, abzurüsten und auf welcher Grundlage eine ihre nationalen Interessen berücksichtigende Abrüstung durchgeführt werden kann. Erst nachdem eine solche Aussprache glückliche Ergebnisse gezeitigt haben wird, kann man irgendeinen Erfolg von technischen Organisationen, wie der vorbereitenden Llbrüstungs- kommission in Genf, erwarten. Die Verträge von Locarno oder der Kellogg-Pakt und die Studien des Sicherheitsausschuffes haben keinen unmittelbaren Einfluß auf die Abrüstung. Rach dem Kellogg-Patt kann man nicht mehr mit der Möglichkeit eines Offensiv- und Eroberungskrieges rechnen. Trotzdem und trotz der Aus- schliehung des Krieges als Mittel nationaler Politck sehe ich, daß die Sorge um die Sicherheit sehr lebhaft bleibt. Solange die politische Lage glauben laßt, daß ein Angriff möglich ist, wirb jeder Staat, der nicht durch Gewalt abgerüstet wurde, seine Verteidigung durch Rüstungen vorbereiten. Es ist ganz- natürlich, daß diejenigen, die willkürlich entmannt wurden, den Eindruck einer tiefen Unsicherheit empfinden, wenn sie gezwungen sind, inmitten mächtig bewaffneter Rachbarn zu leben. Rach meiner Ansicht wird nicht die Rüstungsverminderung die endgültige Befriedung Europas bringen, sondern ein Kompromiß unter den verschiedenen Regierungen, das ich trotz der großen Schwierigkeiten für möglich halte und das den besonderen Interessen jedes einzelnen Rücksicht tragen muß. Man darf nicht an den Derteidigungsmitteln rühren: aber man könnte dagegen stark die Rüstungen offensiven Charakters vermindern und sich über das Verhältnis der stehenden Streitkräfte und ihrer Ausrüstung einigen.
Deutschlandist in einer besonderen Lage. Es lag nicht in der Absicht der Verträge, es endgültig jeden Verteidigungsmittels zu berauben. So bereiteten die Verträge den Weg für ein „Kompromiß relativer Angleichung" der Rüstungen vor. Wir Deutsche müssen anerkennen, daß wir von den siegreichen Mächten nicht verlangen können, daß sie ihre Rüstungen auf den Stand der unsrigen verringern. Der einzige Weg zur Abrüstung besteht in der Einsicht, daß man sich verständigen muß über die Proportion der Rüstungen. Man. kann
Zum Gedächtnis Karl Henkelmanns.
Von Professor Dr.jur. ei Phil. Karl Esselborn.
Die hessische Heimatforschung hat einen schweren Verlust erlitten durch den Heimgang Karl Henkelrnanns, der, wie bereits kurz gemeldet, am 6. Rovernber d. I. von einem Herzleiden dahingerafft wurde, einen Monat bevor er sein 70. Lebensjahr vollendet haben würdL
Zu Dodenau, fn dem damals noch hessischen ..Hinterlande", stand seine Wiege. Sein Vater, Ludwig Henkelmaim (1824—1887), war dort Pfarrer. Seine Mutter, Sophie F r e y b e , war eine Schwester des bekannten Kulturhistorikers Albert Fveybe, der den Entwicklungsgang des Reffen bestimmend beeinflußte. Von feinem seit 1860 in Münzenderg wirkenden Vater vorbereitet, trat er Ostern 1872 in das Gymnasium zu Gießen ein, das er nach fünf Iahren mit dem Reifezeugnis verließ. Darauf studierte er ebenfalls in Gießen bis Wintersemester 1880/81 unter Wilhelm Clemm und Adolf Philippi alte Philologie. Ende April 1881 bestand er die Fakultätsprüfung. Seine ersten dienstlichen Verwendungen fand er am Ludwig-Georg-Gymnasium zu Darmstadt und am Gymnasium zu Mainz. Dann genügte er in Wovms seiner Militärpflicht und war wieder am Darmstädter Gymnasium tätig, bis er am 5. März 1887 zum Lehrer an der Realschule zu Groß- Umstadt ernannt wurde. Dort veröffentlichte er 1888 einen „Pilz-Freund" und schrieb zum fünf* undzwanzigjäheigen Jubiläum der Anstalt am 10. März 1894 ein Lustspiel „Durch eiserne Hand", das einen Besuch Götz von Berlichingens in Groß-Umstadt zum Gegenstand hat. Ein Vierteljahr darauf wurde er an die Realschule zu Alsfeld versetzt. Daselbst erhielt er am 12. April 1899 den Charakter als Professor, fünf Monate danach, am 16. September 1899, wurde ihm eine Stelle am Gymnasium zu Bensheim übertragen.
Dort fand er eine zweite Heimat und wirkte daselbst, bis er am 1. Februar 1924 in den Ruhestand trat Reben seiner beruflichen Tätigkeir war er auch schriftstellerisch tätig und stellte seine Feder in den Dienst der Heimatgeschichte. Eilte 1906 erschienene Programmbeilage „Das Odonwalder Bauernhaus" erschien zwei Iahre später ist erweiterter Gestalt unter dem Titel „Das Bauernhaus des Odenwaldes und des süd- weUichen Deuttchlands" (Darmstadt 1908). Im Jahre vorher hatte er die Geschichte der Stadt Densheim in den Iahven 1599 bis 1620 nach der Reichenbacher Chronik des Pfarrers Martin Walther veröffentlicht. Durch die Anlegung eines Stadtarchivs in Bensheim rettete er die dort noch vorhandenen Arkundenbestände, die er in
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheifen)
Freitag, 9. November 1928
Deutschland auf die Dauer nicht das Recht legitimer Verteidigung verweigern. Ein abgerüstetes und von mächtigen bewaffneten Rachbarn umgebenes Deutschland, das gezwungen ist, ihrem guten Willen zu vertrauen, ein um seine Zukunft besorgtes Deutschland ist für den Frieden der Welt viel gefährlicher als ein Deutschland, das, genügend stark, um seine eigene Sicherheit sicherzustellen, sich seiner friedlichen Entwicklung widmen würde.
Der Gieg der Auionomisien.
Fast unbeachtet von der Oeffentsichkeit — die durch die amerikanischen Wahlen und die französische Ministerlrise stark in Anspruch genommen war — ist am vergangenen Sonntag in der Sitzung des Vorstandes der Elsässischen Dolkspartei die lang erwartete Explosion eingetreten. die eine Klärung der Geister in Elsaß-Lothriugen bedingt und vielleicht eine vollkommene Reuordnung der inneren Gliederung unseres Reichslandes einleitet: die Elsässische Dolkspartei, das „Zentrum" des Elsaß, hatte bisher jede Stellungnahme zum Autono- mismus vermieden. Sie hatte Freunde und Gegner im Lager, ausgesprochene Rationalisten und ausgesprochene Autonomisten. Sie hat aber doch wohl eingesehen, daß sie den Weg der Sozialisten gehen würde, wenn sie an dieser gewollten Mn- klarheit weiterhin festhielte. Sie hat auch aus der Volkssttmmung, die ja bei den letzten Wahlen unverkennbar zutage getreten ist, die Folgerung gezogen, daß sie sich zum Autonomismus bekannte, 'in so schroffer Form, daß die bisherigen Führer nicht nur von ihren Aemtern
zurückgetreten, sondern gleichzeitig auch aus der Partei ausgetreten sind. Der neue Vorsitzende ist in Colmar als Zeuge für Dr. Ricklin auf» getreten und hat sich längst zu den Grundforderungen der Heimatbewegung bekannt.
Der Autonomismus hat sich damit endgüftig innerhalb des politischen Katholizismus durch- geseht, und es ist Wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Partei innerhalb der Bewegung eine leitende Rolle beansprucht. Damit aber verschiebt sich das Schwergewicht wesentlich zugunsten der Autonomisten, die im Besitz der Parteimaschine natürlich ganz anders auftreten und ganz andere Erfolge erzielen können, während sie bisher doch nur mit sehr bescheidenen Mitteln arbeiten mußten. Aber gerade die überraschenden Siege, die sie aus sich selbst heraus erfochten, haben gezeigt, wie start die Bewegung im Volk geworden ist. Sie hat sich nicht zuletzt dank der Ungeschicklichkeiten der französischen Regierungspolitik so stark verankert, daß jeder Versuch, sie von Paris aus au zer- schlagen, von vornherein zur Ergobnislosigleit verurteilt ist. .Künftighin wird auch die Verdächtigung, daß die Autonomisten im Solde Deutschlands stünden, nicht mehr ziehen, und es wird dem offiziellen Frankreich nichts anderes übrig bleiben, als die Tatsache anzucrkennen, daß die Forderungen der Heimatbewegung etwas Bodenständiges sind, deren Richterfüllung einen immer weiteren Abstand zwischen Elsaß- Lothringen und Frankreich schaffen werden. QttS äußerlich unbeteiligte, aber innerlich stark interessierte Zuschauer haben wir diesem Ringen zugesehen, und niemand wird es uns verdenken können, daß wir den Sieg des deutschen Kulturgedankens begrüßen.
Zndianerelen- in Ll. G. A.
Von unserem ^-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Neuyork, November 1928.
Die offiziellen Nachrichten über das Schicksal der Ureinwohner Nordamerikas fließen recht spärlich. Die Weltöffentlichkeit begnügt sich damit, Daß die Nachkommen der Nonianhelden aus „Lederstrumpf" und den geistigen Erzeugnissen eines Karl May in den Reservationen verhältnismäßig gut aufgehoben sind, über Auto und Radio verfügen, und baß ihre Häuptlinge hie und da auch mit dem Präsidenten der allmächtigen nordamerikanischen Union den konventionellen Händedruck austauschen dürfen.
Wie cs aber in Wirklichkeit um die Indianer in 11. S. 21. bestellt ist, das kann man aus den privaten Berichten ersehen, mit denen der amerikanische Kongreß in der letzten Zeit geradezu überschüttet wird, und die von dem großen Elend in den Siedlungen der Rochäute erzählen. Aber das Hohe Haus in Washington hat bisher von diesen Plagen wenig ober vielmehr gar keine Notiz genommen. Nun dürfte das jedoch plötzlich anders werden, und wenn nicyt alles trügt, wird es bei der nächsten Kongreßeröffnung im Dezember eine kleine 3n> oianerfcnfation geben. Es handelt sich diesmal nämlich um einen — soeben auch bereits Der» öffentlichen — Aufruf des Institute for Government Research, einer Privatorganisation zwar, an deren Spitze jedoch der frühere Innenminister Dr. Hubert Work steht, der in diesen Tagen erst zurück- trat; um die Präsidentschaftskampagne für Herbert Hoover zu leiten. Hierzu fei bemerkt, daß die Fürsorge für die Indianer in Amerika dem Innenminister obliegt, dem das Indian-Bureau angeschlos- fen ist.
Der erwähnte Bericht selbst fußt auf einem sieben- monatigen Studium zehn namhafter Sachverständiger, die unter der Leitung von Lewis Meriams in den Reservationen an Ort und Stelle arbeiteten, 95 Jn- bianerpeblungen untersuchten und schließlich die Ergebnisse ihrer Forschungen in einer Abhandlung von mehr als hundert Seiten Umfang niederlegten. Die Klagen, die da über die Behandlung der Indianer durch die amerikanischen Behörden erhoben werden, sind heftig genug. Es heißt u. a.: die Politik der Regierung hat eine Verarmung der Indianer zur Folge. Deren gesundheitliche Verfassung ist äußerst schlecht, und die Sterblichkeit, insbesondere aber die Kinder st erblichkeit ist in den Reservationen ungleich höher als unter den Weißen. Die Verwaltung des Indian-Bureau dient höchstens dem materiellen Eigentum der Indianer. Die Bemühungen dieser Stelle um die Erziehung der Ureinwohner Amerikas sind äußerst gering. Der größte Teil des Landes, das man den Indianern überlassen I>at und auf dem sie sich als Farmer ernähren sollen, ist w e r t o s , und dort, wo aus dem Boden etwas herauszuholen ist, fehlt es an Geld zur Anschaffung von Maschinen, zur Haltung von Hilfskräften und dergleichen. Dis weißen Beamten der Verwaltungsstellen sind derart schlecht bezahlt, daß man sich nicht wundern kann, wenn auch über deren Qualität Klagen erhoben werden. Dies geht so weit, daß auch die Aerzie, Krankenschwestern und Lehrer zumeist aus Menschen bestehen, denen man im übrigen Teile der Union jede Berechtigung zur Ausübung ihres Berufes absprechen müßte. Zudem liegen die Schulen recht weit auseinander, und die Jndianerkinder werden mit Gewalt vom Haufe fortgeschleppt, dem so ebenfalls Arbeitskräfte verlorengehen. Zudem wird die Erziehung nach den allgemei-
einer halbjährigem angestrengten Arbeit inven- tarilsierte. Das von ihm aufgestellte „Derznch- nis des Archivs der Stadt Bensheim" erschien 1910 im Druck. Ferner gründete er den Bensheimer Mussumsverein und das dortige Heimatmuseum. Im Iah-ve 1914 erschien der in Verbindung mit Walter H. ©arnmann bearbeitete Band „Kreis Bensheim" des hessischen Kunst- denkmälevwerkes und 1920 als Festschrift zur Sechshundertjahrfeier die „Geschichte der Stadt Bensheim bis zum Ausgang des Dreißigjährigen Krieges". Seit 1924 gab er die „Bensheimer" oder, wie sie seit ihrem dritten Jahrgänge heißen, „Bergsträßer Geschichtsblätter" heraus, bie zahlreiche Aufsätze von ihm enthalten. Aus seiner amtlichem Tätigkeit ging das als Anhang zu dem sechsten Bande von Wilhelm Pfeifers „Lehrbuch der Geschichte für höhere Lehranstalten" eiln „kurzer Abriß der Geschichte und Verfassung des Großherzogtums Hessen" hervor, Bet 1911 iln erster und 1916 in zweiter Auslage erschien. Gemeinschaftlich mit Eduard Anthes veröffentlichte er 1922 ein vortreffliches Büchlein über „Das Kloster Lorsch", das freilich durch die neuem Ausgrabungen in vielem über* hott ist. Mit der Geschichte, dieses Klosters befaßt such auch die geschichttiche Erzählung „Fürst- abt und Erzbischof" , die 1912 erschien. Ihr waren zwei andere geschichttiche Erzählungen vorausgegangen: „Helden vom Stegreif. Die letzten Tage dsr Burg Tannenberg" (1911) und „Auf dem Frankenstein" (1912). Dissen Erzählungen gebührt ein Ehrenplatz in der hessischen Heimatlitsratur. Seine letzte Erzählung „Dor neue Geist" ist dem Gedächtnis Tilmann Rvemensschnsidors gewidmet und erschien in dem evangeUschen Wochenblatt „Der Sonntag" (Ig. 1927 f.).
Wenige Wochen vor seinem Tobe, am 12. Oktober 1928, ermannte ihn Die Stadt Bensheim zum Ehrenbürger, und der hessische Staat würdigte seine Heimatgeschichtlichen Bestrebungen durch seine Bestellung zum Llrkundeirpfleger des Kreises Heppenheim, deffen „Inventare" er noch 1928 heuausgab. Seine Tätigkeit beschränkte sich indessen nicht auf die Bergstraße, sondern aus ganz Hessen: denn die von ihm inventarisierten und eingerichteten 104 Gemeindearchive verteilen sich auf die drei Provinzen des Landes.
Bald nach einer vierwöchigen Badekur in Salz- schlirf. von der er am 28. August zurückkehrte, verschlimmerte sich fein Herzleiden so sehr, daß er Ende September im Elisabethenstift in Darmstadt Hilfe suchte. Allein vergebens. Rachdem er am 3. Rovernber nach Bensheim in das Hospital zurückgebracht worden war, starb er daselbst nach drei Tagen.
Mit Hsnkelmann ging nicht nur ein unermüdlicher Forscher, ein anregender Erzähler, sondern auch ein wahrhaft guter, stets freundlicher und
uneigennütziger Mensch dahin, und darum trauern neben seiner Frau und neben seinen Kindern din fleiner Bahre unzählige Freunde, in deren ehrendem Andenken er nicht minder fortleben wird alls in seinen Werken.
Goeihe-Bund.
Vortragsabend von Felix Timmermans.
Timmermans, Dichter aus Flandern, berufener Erbe des großen Coster, begann seinen Abend mit einem Vortrage über sich selbst, über seine Herkunft, feine Heimat, fein Werk.
In breitem, gebrochenen Deutsch, mit vielen flämischen Akzenten, einfach, behäbig und voller Humor spricht er genau wie er schreibt. Wenn er von seinem Schassen erzählen wi.l, vom „Inhalt seines Erzens", muß er zugleich seine kleine Vaterstadt Lier beschwören, die niederländische Landschaft und das niederländische Volk, sein Elternhaus und seine Kinderzeit: denn dies alles gehört für ihn zusammen und ist nicht voneinander zu trennen.
Er gedenkt seines Vaters, der ein Spitzenhandle r war, nicht auf Rosen gebettet, und ein Märchenerzähler, voller Fröhlichkeit des Herzens und voller Güte für seine vierzehn Kinder, unter denen der Dichter des „Pallieter" das dreizehnte war... eine „Zugabe". Timmermans, der Vater, wurde anEetoußt und vielleicht ungewollt Anreger und Mitarbeiter an den Büchern des Sohnes, der ihn verehrt und weiß, was er ihm verdankt.
Der Dichter spricht ferner von der zwiespältigen Ratur, vom Doppelwffen des Volkes, dem er entstammt. und seiner selbst (man spürt das in allen seinen Büchern) —, er gibt Bericht, wie er den okkulten Dingen, der mittelalterlich-katholischen Mystik anßeimfiel. ins Kloster ging in schweren Herzenskämpien. Thomas von Kempen las und Katharina Emmerich.
Aber er hat den Sieg babongetragen in diesem Streit, die helle, diesseittge, erdenzuaewandte Seelenseite seines Volkes gewann fröhlich bie Oberhand, und er begann aufs neue und inniger als zuvor das Leben zu lieben, das Leben als Wunder zu begreifen und Wunder im Leben zu finben, „ohne Bücher. Begriffe und Weisheit". „Pallieter" ist eine Frucht dieser Wandlung, der „Erlösungsschrei einer Seele". Ihm folgen die Werke, die heute seinen Ruhm durch Deutschland tragen: das „Jesuskind in Flandern". „Der Pfarrer vom blühenden Weinberg' ,der „Pieter Bruegel", welcher vor kurzem erschien.
Dem Helden dieses letzten Romans ist dann der Rest seiner Rede gewidmet. Man vernimmt, wie Timmermans mit einem Freunde gen Antwerpen wallfahrtet, den großen Rubens zu suchen, und Bruegel findet und von dessen Bildern bezaubert wird. (Lind man hat das ®cfüßl,
neu scbematischen Grundsätzen, die in den Bereinigten Staaten Geltung haben, gehandhabt, ohne auf die Eigenart der Indianer Rücksicht zu nehmen. Die Regierung versucht weiter, jedes Indianerkind in der Schulpension zum Preise von 55 Pfennigen pro Tag zu ernähren, eine Summe, die an sich bei weitem nicht ausreicht, andererseits aber zumeist von den Eltern nicht aufgebracht werden kann. Deshalb stehen mit den Schulen Farmen in Verbindung, auf denen die Kinder arbeiten müssen, so daß ihnen nur äußerst wenig freie Zeit bleibt und eine deutliche Unterernährung sestzustellen ist, in deren Gefolge Krankheiten auftreten, rote man sic in solchem Maße nur in den Armenvierteln der Großstädte anzutreffen gewohnt ist.
Ein anderes großes Ucbcl sieht der Bericht in den Wohn ungsverhält nisscn der Indianer. Man hat diese gelehrt, rote die Weißen in „modernen Häusern" zu wohnen. Solche kosten jedoch Geld und die Folge davon ist, daß die Räumlichkeiten äußer st beschränkt sind, so daß trotz der großen Sterblichkeit und dauernden Verminderung der Indianer diese unter ganz ähnlichen Uebelftänbcn leiden, wie die Insassen übervölkerter Wohnviertel.
Der Bericht fordert von dem Kongreß, er möge sofort mindestens eine Million Dollar auswerfen, um das ärgste Elend in den Reservationen zu mildern. Für die reiche Union sei das Indianerclend eine Schande, und man könne froh fein, daß sich die Kenntnis von den Uebelständen in den Reservationen noch nicht über die Grenzen der Vereinigten Staaten ausgebreitet hat. Dies ist allerdings nicht ganz richtig. In England z. B. hat der Bericht des Institute for Government Research großes Auf- sehen erregt. Man benutzt die darin ausgezähltcn Mißstände dazu, um darzulegen. wieviel besser der Indianer z. B. in dem unter britischer Oberhoheit stehenden Kanada aufgehoben ist. Und nicht zu- letzt hat der Alarmruf über das Indianerelend in U.'S.A. auch dem P r ä s i d e n t s ch a f t s k a m p f eine besondere Note verliehen, denn es ist klar, daß nach Lage der Dinge die Bewohner der Reservationen für den Kandidaten stimmen, der ihnen die größten Hoffnungen auf eine Besserung ihrer Lage zu machen vermag. Das ist vielleicht auch der Grund für das plötzliche Interesse, das man den halb ver- gesienen Indianern jetzt entgegenbringt.
Aus der provmzialhaupistadt.
Gießen, den 9. Rovernber 1928.
Taten für Lamsiag, 10. November.
Sonnenaufgang 7.08 Uhr, Sonnenuntergang 16.19 Uhr. — Mondaufgang 4.43 Uhr, Monduntergang 15.49 Uhr.
1483: Martin Luther in Gisleben geboren, — 1759: Friedrich von Schiller in Marbach geboren.
* Volkstrauertag 19 29. Der Volks- bund Deutsche Kriegsgräbersür'orge gi?t bekannt, daß der Volkstrauertag im kommenden Iahre wiederum am 5. Sonntag vor Ostern, Remi- n i s z e r e, begangen wird. Dieser Tag fällt int Jahre 1929 auf den 2 4. Februar. Die Ausgestaltung der Feier wird in ähnlicher Weise tpis in den Vorjahren im Benehmen mit ben Behörden, Religionsgemeinschaften und größeren Verbänden vorbereitet und durch die Verbände und Ortsgruppen des Vvlksbundes in die Hand genommen werden.
* * Schulpersonalie. Ernannt wurde der Lehrer Ernst Muller zu Bergheim, Kreis Büdingen, zum Lehrer an der Volksschule zu Stamm- heim, Kreis Friedberg, mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts ab.
* * Die Evangelische Volksgemeinschaft hält am 17. und 18. Rovernber in Bad- Ranheim ihre 4. Reichstagung ab. 1L a. werden
daß Timmermans in seinem Leben und seinem Dichten gar nicht an Bruegel vorüber konnte, daß er einmal auf ihn stoßen und von ihm erzählen mußte, von dem wenig genug bekannt ist.)
„Ich suchte seine Gestalt und seine Seele.' Und er schrieb mit geschlossenen Augen gleichsam jenes Leben, das er sah, obwohl es nicht aufgezeichnet und nicht überliefert war, aus der tiefen Gemeinschaft eines Volkes, eines Herzens, einer Landschaft und dem sinnenfrohen, einfältigen Wohlgefallen an den bunten, kräftigen und gesunden Dingen der Welt.
Ihn reizte der Widerspruch in Bruegel. das ewig Gegensätzliche seines Wesens, das Hell- dunkel um seine Gestalt, die zwischen Himmel und Erde schwebt wie das flämische Volk, welchem der mittelalterliche Maler und der heutige Dichter gleicherweise entwuchsen. Timmermans stellte den Bruegel in sein Volk hiirein, erklärte ihn aus feinem Volke, das sinnlich ist und mystisch in einem, auf Erden stehend mit beiden Beinen und immer auch dem Aeberirdischen zu- getan und ergeben. Er und Flandern: ein Herz und eine Seele. —
Dann, im zweiten Teil des Abends, las Timmermans aus seinen Büchern, dem „Pal- tieter", dem „Pfarrer" und dem „Herz in der Laterne". Mit dem Weinbergspfarrer begann er, und er las das schönste Kapitel dieses Romans, das zweite, welches vom wunderbaren Weinkeller handelt, den der Pfarrer herzlich liebt, wie ein weiser Mann seine Micher: viele Sorten gibt es, und jede hat ihren eigenen, frommen und wohlgefälligen Ramen, Farbe, Duft und Geschmack.
Ferner aus dem „Pallieter" die Beschreibung des Festes: das ist ein brachte olles Kapitel, eine saftige, strotzende Erzählung von gutem und reichlichem Essen und Trinken, von bollen Backen und schmatzenden Lippen, eine herzhafte und gang irdische Begebenheit im weltfrohen Geiste des dicken Lamme Goedzak, ... rotwangig, sprühend und blühend, eine Szenerie, zu der jener Bauer nbruegel die richtigen Farben auf der Palette hatte, eine Eulenspiegelei voll derben Humors, ländlich, schändlich und kerngesund. (Als Motto könnte Zuckmayers Vers barüber stehen: „Ein Mensch beim Effen ist ein gut Gesicht ..,“)
Zuletzt: „Das Schweinchen", eine überaus drollige Schöpfungsgeschichte, heitere und herzliche ßegenbe, von allen liebenswerten und innigen Humorsn ihres flandrischen Schöpfers vergoldet: mit einem tiefen Behagen und ganz unliterarischen Kindermärchengefühl hört man sich das an.
Eine Zugabe noch auf flämisch: Gruß an die hessischen Hörer und Dank an das Gießener Publikum, das sich mit lautem Beifall erkenntlich zeigte, —y,— >


