Ur. 265 Erstes Bitff -
178. Jahrgang
Zreiiag, 9. November 1928
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Die Scholle.
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Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein- für den Anzeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in Gießen.
Der deutsche November.
Don August Winntg, ehem. Oberpräsibenien der Provinz Ostpreußen,
3m Rovember vor zehn Jahren holl« Deutsch- Umb bi« französisch« Revolution nach. Unser Ä! war nicht, bah es zur Revolution kam, bah diese Revolution eine französisch« Revolution war. Dieser Taibestand wird all- mählich deutlich. Din unbestimmbares aber richtiges Gefühl dafür war immer vorhanden. Darum sträubte sich elwas in unS dagegen, die Rovemberereigntsse ein« Revolution zu nennen. Wir sprechen lieber von einem Zusammenbruch. Demi Revolutionen, wie wir sie aus der europäischen Geschichte kennen, die englisch« und die französische Revolution, sind große nationale Entladungen, in denen sich jugendlich« Kräfte der Führung bemächtigen und dem Leben der Ration einen neuen Austrieb geben. Die Frucht der englischen Revolution war bas englisch« Weltreich. Die französisch« Revolution leitete den glänzendsten Ausstieg Frankreichs «in. Beide waren leidenschaftliche Ausbrüche volkseigener Kräfte und führten zu einer gewaltigen Erhöhung des nationalen Lebens. Beide Revolutionen schufen in ihrem Bolle ein neues Raiionalbewuhtsein von unerhört ausgreifender Kraft. Man braucht nut die deutschen Rovemberereignisse mit diesen Revolutionen zu vergleichen, um sich der grundsätzlichen Verschiedenartigkeit bewußt zu werden. 3m deutschen November siegte fremder Geist Über deutsche Kraft, es vollendete sich in ihm das große Verhängnis unserer geistigen äleberfremdung. Man muh einen Blick auf die Ursprünge werfen, um sich davon zu überzeugen.
Es ist eine uralte Beziehungslinie, auf di« hier zu achten ist. Sie beginnt mit dem deutschen Abstieg im ausgehenden Mittelalter, mit dem Verlust der deutschen Vormachtstellung im Siaals- und Geistesleben des Abendlandes und führt zu einer schmachvollen geistigen Unterwürfigkeit der Deutschen im 17. und 18. 3ahrhändert, der wir uns heute zu Unrecht entrückt wähnen. Es ist die Zeit, wo die deutsche Sprache nur noch die Sprache der Kleinbürger und Taglöhner ist, wo Hof und Adel unZ> gehobenes Bürgertum französisch „konversierten", die Gelehrien sich nur noch im Latein auszudrücken vermochten, und wo mit der fremden Sprache auch fremdes Denken in Deutschland «inzog. Die Ursachenreihe liegt für jeden Geschichtskundigen klar zutage; in meinem Buche „Das Reich' als Repudlil" habe ich mich bemüht, sie darzustellen. ES kam zu einer tiefeindringenden Uebersremdmlg des deutschen Lebens, zur Ausbildung eineS deutschen Mindcr- wertigleitsgesühls, das alles vvllseigene Wesen verachtete, und alles Fremde, insonderheit alles Französische verehrte. Diese Entwicklung beschränkte sich nicht auf di« äußere Lebensführung und auf den Kunstgeschmack, sie ergreift auch daS gelehrte Denken; die Philosophie der Aufklärung bestimmte fortan die Haltung der geistigen Oberschicht; und als in der französischen Revolution französisch-bürgerlicher Geist eine neue Staatsvorstellung und Staatswirklichkeit schuf, da wurden diese Schöpfungen französischen Geistes auch für das politische Denken und Wollen der Deutschen grundlegend und richtungweisend.
Rur war der deutschgeistige Eigenwuchs doch zu start, um sich dieser fremden Form widerstandslos zu ergeben. Es gab immer neben dem westvöllischen Geiste einen volkseigenen Deistesbezirl, dec sich mit wechselndem Erfolge gegen die Ueberfremdung ausbäumte. Das neun* zehni« Jahrhundert ist von diesem Kampfe erfüllt. 3n Goethes Raturlehren erhob sich der deutsche Geist zu eigener Wesensschau. Aber daS 3ahrhundert hieß nicht Goethe, sondern Darwin. Der deutsche Geist ist der Ueberfremdung nicht Herr geworden. Der aus der Auftlärung fieborene Materialismus vollendete seinen Sieges- auf und wurde Gebieter auch über uns.
Wir sind heute für die Erkenntnis reif, daß dieser Vorgang auch für unser politisches Schicksal entscheidende Bedeutung gewonnen hat. Diese Lieber fr em düng mit westvöllischem Geist« Hal die staatspolitisch schöpferischen Kräfte deS deutschen Bürgertums gelähmt und dadurch verhindert, daß die deutsche Staatskrisis des vorigen 3ahrhunder1s aus volkseigenem Geiste und aus den in ihr treibenden Kräften gelöst wurde. Der politische Radikalismus in der deutschen Bewegung kannte für die Ausgabe keine andere Lösung als die Uebernahme des westlichen Vorbildes. Die französische Form der parlamentarischen Republik wurde für ihn das 3deal. Unfähig, aus eigenem Wesen den bürgerlichen Verfassungsstoat auch nur gedanö- lidj zu gestalten, verlor er sich an das fremde Gebilde und wurde ein Höriger französischen Geistes.
Dies« Unnatur gab dem deutschen Leben der Vorkriegszeit seine Fragwürdigkeit und führte uns staatspolitisch in eine Wirrnis, die freilich durch die fabelhafte wirtschaftliche Entwicklung verdeckt w/ltde. 3m Hintergründe aber totrZte fit. Dort lebte ein politischer Radikalismus, der dem deutschen Staat entfremdet war und in der französischen Staatswirklichkeit sein 3deal und das erhaben« Ziel seines Strebens verehrte.
3m deutschen Rovember kapitulierten wir vor dem Westen. Es war ein« volle und ganz« Kapitulation. Wir gaben uns auf. Das Ab- reißen und Wegwerfen der Rationalkokarde in den Rovembertagen war eine symbolische Hand- ürng: wir wollten nicht mehr Voll und Staat aus eigener Kraft sein, wir wollten nicht mehr ein eigenes Wesen behaupten — wir wollten
Finanzlage und Venvaltungsrefonn in Hessen.
Eine Unterredung mit -em hessischen Finanzminister Kirnberger. - Zn Erwartung des Gutachtens des Reichsfparkommiffars.
Darmstadt, 8. Rov. (WTB.) Der hessisch« 3ustitz- und Finanzminister Kirnverger hatte die Liebenswürdigkeit, den Vertreter des Wolff- fchen Telegraphen-Dureaus zu empfangen und einige aktuelle Fragen der hessischen Politik wie folgt zu beantworten:
Welches Ergebnis ist für hesten von bet Tätigkeit des Sparkommissars zu erwarten?
Di« Arbeiten des EparkommissarS sind noch nicht beendet. 3hr Abschluß ist aber wohl in nächster Zeit zu erwarten. ES wird der hessischen Regierung dann vermutlich eine vorläufige Mitteilung über daS Ergebnis zugehen, so daß wir unS in Bälde ein Urteil über die Arbeiten bilden können.
Bedeutet die Tätigkeit de» Sparkommissars einen Eingriff in die Selbständigkeit der hessischen Verwaltung?
Keineswegs. Die hessische Regierung hat ein Gutachten des Sparkommissars gewünscht. Es ist klar, daß der Sparkommissar ein solches nur abgeben kann, wenn ihm Geleaeicheit gegeben ist, gründlich Einsicht in die hessische Verwaltung zu nehmen. Den gleichen Wunsch haben bereits die Regierungen anderer Länder geäußert.
Die denkt sich nun die hessische Regierung die weitere Entwicklung?
Soweit sich bei Prüfung der Arbeiten der Beauftragten des Sparkommissars Anregungen zu Sparmaßnahmen ergeben, die Aussicht auf baldige Verwirklichung haben, wird die hessische Regierung sie alsbald aufgreifen. 9m übrigen wird das Gutachten abzuwarten fein und die Stellungnahme der darüber entscheidenden Kommission, die vom Reichsfinanzministertum, dem Sparkom- misiar und der hessischen Regierung gebildet wird.
hat die hessische Regierung bereit» e i n eigenes Sparprogramm ausgestellt? Um ein richtiges Bild oon den möglichen Sparmaßnahmen zu bekommen, muß man sich vergegenwärtigen, was bisher schon in dieser Richtung geschehen ist. Die Nachwirkungen des Krieges und insbesondere die Inflationszeit haben — wie allen Gemeinwesen — dem Staat eine Fülle von Aufgaben hinterlassen, die der Eigenart und den besonderen Bedürfnissen jener Zeit entsprungen sind, und die den Verwaltungsappa- r a t über dessen früheren Umfang hinaus o e r- großem mußten. Es war naturgemäß, daß mit dem Ende der Inflation eine scharfe Rückwärtsbewegung einfetzte. . Sie begann mit der Reichsabbauordnung vom Dezember 1923. Selbstverständlich wurde diese Verordnung auch bei der hessischen Staatsverwaltung durchgeführt, wenn auch die rein mechanische Art des darin vorgeschriebenen Vorgehens nicht selten recht große Schwierigkeiten mit sich brachte. Aus Grund dieser Verordnungen wurden in den Fahren 1924 und 1925 680 Planstellen, 160 Staatsdienstanwärter und 350 Angestellte, zusammen also 1190 Arbeitskräfte abgebaut; etwa 3 500 000 Mark wurden da- durch erspart.
Daß die aus einer mehrjährigen Entwicklung entstandene Erweiterung des Aufgabenkreises und damit im Zusammenhang des Verwaltungsorganismus nicht ohne weiteres in den früheren Rahmen zurückgeführt werden kann, liegt auf der Hand; und es ist ebenso klar, daß, solange die Nachwirkungen des Krieges sich noch zeigen, der normale Zustand oon heute wesentlich anders aussehen muß als derjenige der Vorkriegszeit. Die hessische Regierung war in den letzten Fahren bemüht, nicht nur den Verwaltungs- apparat auf dos unbedingt nötige Maß zurückzu- führen, fonbem auch die Ausgaben anderer Art so niedrig zu halten, wie dies nur irgendwie vertretbar erschien. In den Fahren 1926 und 1927 ist demgemäß die Zahl Der Staatsdienstan- Wärter um weitere 274 vermindert worden. Eine Ersparnis von 922 700 Mark ist das Ergebnis dieser Maßnahmen. Es wurden sodann in diesen Fahren aus Inhaber gesetzt: 64 obere Beamte, 33 mittlere Beamte und 327 untere Beamte; außer
dem blieb jede zweite freiwerdende Stelle bei den Volks- und bei den höheren Schulen bis zum 1. April 1927 unbesetzt. Auf Grund dieser FnhaberbewiUigungen vp. sind bis jetzt weiter weggefallen an Beamtenstellen 78, an höheren Lehrerstellen 7 und an Dolksschullehrerstellen 39. Rund 670 000 Mk. sind dadurch erspart worden.
Durch fpexlfuierte Etatisierung nickst nur der Planstellen, sondern auch der Anwärter und der im Angestelltenverhältnis stehenden Arbeitskräfte ist eine genaue K ontrolle des Personalbestandes ermöglicht und dadurch die Gewähr gegeben, daß die im Etat nachgewiesene Zahl unbedingt eingeyalten wird. Das neue Besoldungsgesetz enthält weiterhin eine Bestimmung, wonach für die nach- sten fünf Fahre jede dritte freie oder freiroer- oende Stelle wegzufallen hat. Außerdem wurde an den Krediten des Fohres 1926 — soweit sie nicht Ausgaben betrafen, die auf gesetzlicher Bestimmung berufen — ganz allgemein ein Abzug von 10 d.S). angeordnet. Die so ae- wissermaßen gewaltsam heruntergedruckten Zahlen blieben bann ole Norm jür die folgenden Jahre, von der nur in Ausnahmefallen abgewichen wurde. Man hat sich endlich zu der Anordnung entschlossen, alle am 1. April noch vorhandenen Kredite des abgelaufenen Rechnungsjahres dergestalt zu sperren, daß ihre Verwendung nur noch mit einftimmi- ?er Genehmigung des Gesamtministeriums erfolgen ann. 9m übrigen hält die Regierung zur Zeit mit weiteren Maßnahmen zurück, weil sie es für zweckmäßig hält, zunächst bas Gutachten des Reichs- sparkommissars abzuwarten.
haben die hessischen Finanzen nicht noch einen großen Aktivposten in der zu erwartenden Entschädigung für die Abtretung der Eisenbahnen an da» Reich?
Di« Staatseisenbahn«n, die «Hebern im Ge» metnschaftsderhältnis mit Preußen betrieben wurden, sind durch den Staatsvertrag vom 30. April 1920 auf das Reich übergegangen. 3n Anrechnung auf die dem Lande Dafür zugute kommende Abfindung mit rund 680 000 000 Mark wurden
Paris. 9. Rov. (WTB. Funkspruch.) Allgemein wird hier jetzt angenommen, daß der Präsident der Republik im Saufe des heutigen Tages, da die Mehrheit der von ihm zu Rate gezogenen Parlamentarier Poincar6 als geeignete Persönlichkeit bezeichnet habe, diesen ersuchen wird, wiederum dieBildung des Kabinetts zu übernehmen. Rach dem „Matin" ist Poincares Prestige derart, daß ihm nach Belieben die eine oder die andere der beiden Kombinationen („Rationale Einigung" oder „Republikanische Konzentration") möglich sei. »Echo de Paris" ist der Ansicht, daß Poincars die Bildung des Kabinetts übernehmen werde, wenn er die „Rationale Einigung", die Grundlage seiner Politik, wiederherstellen könne. Für den Fall, daß Poincare ablehnt, hält „Havas" es für immer wahrscheinlicher, daß die Losung der Krise alsdann B r i a n d übertragen werden könnte. Briands Freunde versichern allgemein, daß er sich wieder ganz dem Außenministerium widmen möchte, und daß er, falls er das Ministerpräfidium übrr- nelnnen sollte, es nur unter der Bedingung tun würde, daß Poincar6, des en Mitarbeit er für unerläßlich halte, einwillige, das Finanzministerium zu übernehmen. „Po-> pulaire", der ein Kabinett Poincare für ausgeschlossen hält, will aus sicherer Quelle erfahren haben, daß Poincars dem Presidenten als feinen Rachfolger den ehemaligen Kammerpräsidenten und Finanzminister Senator Peret vorgcschla- gen habe.
Die Gegner eines neuen Kabinetts Poincars sind lebhaft am Werke, ihm, noch bevor er mit der Kabinettsbildung beauftragt ist, den Boben hierfür
di« hessischen Staatsschulden auf daS Reich übernommen. Hebet die Abgeltung der dadurch verbleibenden Restforderung von rund 213 000 000 Mark sind die Verhandlungen, die gemeinsam mit den andern Eisenbahnländern mit dem Reich geführt werden, noch nicht zum Abschluß gelangt. 3n diesen Verhandlungen ist als erschwerendes Moment hinzugekoinmen, daß die Eisenbahnen inzwischen in den Betrieb der als Reparationsinstrument dienenden und zu diesem Zweck gegründeten Reichsbahngesellschaft über gegangen find.
Die hessische Regierung hat davon abgesehen, für das Jahr 1929 einen Voranschlag aufzuslellen und will die Llatsgrund- lagen durch Verlängerung des Voranschlags für das Jahr 1928 schaffen. Darum? Für di« Verlängerung des Voranschlags war in erster Linie maßgebend, daß wir vor wichtigen und bedeutungsvollen Aufgaben'stehen, di« auf di« Gestaltung der finanziellen Verhältnisse einen tiefgehenden Einfluß ausüben, und daß es deshalb nicht möglich ist, vor Abschluß jener Aufgaben sich ein zuverlässiges Urteil über die Finanzlage des 3ahres 1929 zu bilden. Ein unter solchen Umständen aufgestellter Voranschlag würde deshalb nur sehr unvollkommen fein und seinem wirklichen Zweck nicht dienen können. Solch« größeren Aufgaben erwarten uns in der Umgestaltung der Steuergesetzgebung, in der Reuordnung der Derwaltungsgesetzgebung, dem Generalkulturplan unZ) in der Stellungnahme zu dem Gutachten des Reichsspatkommissars.
Bet den kommenden Verhandlungen im Landtag wird auch über den S tellen- plan zur neuen Hessis chen Besol- dungsorduung zu verhandeln sein. Ist damit gleichzdttg eine Aenderung der Besoldungsordnung geplant, oder sind 21 entrungen dabei möglich?
Keineswegs. Der Stellenplan ist als Ergänzung des Staatsvoranschlags anzuso-
zu entziehen, chand in Hand hiermst gehen die Bemühungen, den Boden für eine Linksrcgie - rung vorzubereiten, die vor allen Dingen von dem sozialistischen Republikaner Violette mit großem Nachdruck verfolgt werden. Wenn fein Plan Wirklichkeit werden sollte, bann hätte man es mit einem Linkskabinett zu tun, das die Sozialisten, republikanischen Sozialisten, Radikalsozialisten wie auch die radikale Linke und die Linksunabhän^gen umfassen konnte. Der Zusammenschluß eines jolchen Linksblockes würde die Wiederkehr eines Ministeriums Poincarö unmöglich machen, lieber die von den ehemaligen Parteien des Linkskartells gepflogenen Verhandlungen teilt jedoch die Agence Haoas mit, daß die bezweckte Einigung nicht in dem erwarteten Maße erzielt worden ist. Die Radikalen forderten von den Vertretern der Sozialrepublilaner (30 Abgeordnete), der unabhängigen Linken (15 Abgeordnete) und oon den Sozialisten die Bejahung des auf dem radikalen Kongreß in Angers angenommenen Programms, was die Vertreter dieser Gruppen bewilligten, jedoch sämtlich vorbehaltlich der noch einzuholenden Zustimmung ihrer Parteien. Der Vorsitzende der radikalen Partei, Dalodier, fragte die Sozialisten, ob sie sich eventuell an der Regierung beteiligen würden, was die Vertreter dieser Gruppe unter Berufung auf die Entscheidung des letzten Parteitages in loutoufe verneinten. Die sozialistischen Vertreter erklärten sich aber bereit, die Programmpunkte des radikalen Kongresses von Angers ihren Kollegen zu unterbreiten und bann die Frage zu erörtern, ob dieses Programm eine Unter st ützungspoli- t i k wie unter dem ersten Ministerium cheriot oder eine Beteiligung der Sozialisten an der Regierung erlaube.
Kehrt Poincare zurück?
Vor einer neuen Betrauung. — Die Möglichkeiten einer Linksregierung.
dem Westen gehören, dem siegreichen Westen und feinem Willen. Der deutsche Rovember war di« ftanzöfische Revolution auf Deutschland übertragen: keine Erhebung leidenschaftlichen Willens zum Leben in eigener Form, sondern Hingabe an den fremden Sieger.
Das ist nun zehn 3ahre her, und wir fragen uns, wie es heute um uns steht. Einstweilen wirkt dieser Sieg westvölkifchen Geistes weiter, älnsere Ohnmacht, die eine Politische und geistige Ohnmacht ist, ist bis heute da» eigentliche Kennzeichen der deutschen Zustände geblieben. Unser Politisches Leben steht weithin Im Banne französischer Losungen. Die Aechtung der nationalen Tradition und die Aechtung wahrhaften Geistes, der Kampf gegen den Machtgedanken und die Verherrlichung dieses Friedens: was ist das anderes als die Wirkung westmächtlichen Geistes über deutsches Wesen? Lieber die deutschen Bühnen gehen französische Stücke mehr als je; in unseren Buchläden überwuchert ftemdes Schrifttum unser eigenes; deutsche Bildergalerien geben Millionen für französische Gemälde aus, während
deutsche Maler Hungerbriefe schreiben; Berlin wird zum Affen der „Lichtstadt" Paris: wer könnte d'ese Zeugnisse deutscher Hörigkeit übersehen?
Der deutsche Rovember ist noch nicht zu Ende. Er hat das Werk der französischen Revolution abgeschlossen. Aber wir wissen, daß er einmal vorüber sein wird und daß ein deutscher Frühling auf uns harrt!
Deutschlands Zukunst.
Reichsautzenminister Strcsemann am Jahrestage des Zusammenbruchs.
Leipzig, 8. Rov. (DB.) In den „Leipziger Reueslen Rachrichten" vom 9. Ttooember behandelt Reichsaußenminister Dr. Strefemann die Ent- Wicklung, die Deutschland feit dem Zusammenbruch genommen hat, und spricht sich abschließend über die Zukunft Deutschlands folgendermaßen aus: „2Han zitiert in diesen Tagen viel ein Wort Bis
marcks, der davon sprach, daß Deutschland nach einem unglücklichen Kriege wieder groß werden könnte, dann aber allerdings nur auf dem Boden der Republik. Dir können heute nur davon sprechen, daß die Entwicklung eine vorwärts st redende war, dürfen sagen, daß die Zeit von 1918 bis 1923 wie ein wüster Traum hinter uns liegt. Dir müssen mit längeren Zeiten rechnen, wenn wir die Auswirkung der neuen Zeit sehen wollen. Der große Kanzler des alten Reiches hatte eine beinahe visionäre Art, in die Zukunft zu sehen, hoffen wir, daß auch das Wort oon der Große, zu der das republikanische Deutschland nach dem verlorenen Kriege kommen würde, sich bewahrheiten möge. Seien wir uns aber klar darüber, daß weder träumende Re- figation noch überschäumende Kraft der Dorte da, wo tatsächliche Kräfte fehlen, uns dahin bringen werden, sondern nur die fachliche, bewußte Arbeit eine» ganzen Geschlechts."


