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Nr. 154 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 9. Zuni 1928

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Vas Herzbad.

Bon Karl Ritter.

Hängende weihe Dlütenst räucher.

Hängende weihe Dlütensträucher ... schwer buf- tenb. Di« grüne (»loden, gespickt mit tausend Blüten.

Lind draußen aus der Promenade läng- dem Park klappern die Huse der Droschkengäule. 3t« gehen im Schritt, im Herzkrankentempo. sie ahlen sich im Gehen schlaftrunken durch daS Licht der Sonne. Sie haben weihe "Neye über den Ohren, di« ausseben wie Nachtmützen. So ziehen die leichten Chaisen dahin.

Die Passanten hocken im Profil, zeitlahm in ihrer Dehaglichkeit. Ab und zu leuchtet die bunte Ämousine eines Privatautos und hupt sich sesch durch den Badeort. Die Krankenwagen, die sahrenden Rollstühle bekommen Stil zwilchen den vielen Blüten aus den weichen Rasenteppichen.

Trunken wie die weihen Tropsen der Salz- salinen sind hier die Wunder der Ratur. Schwer der Dust über den glatt getretenen Wegen, wo sowohl die Genesung wie der Lod aus Gummi­reisen dahinrollt. 3n schwerer Müdigkeit, nieder­geschmettert von der Srdkraft der starken Ther­malbäder kämpsen die Organe um neue Ge­sundheit.

Der Park.

Bon der Terrasse au» ist nur eine dünn« Säule in der Sicht, an der wilde Heben sich empvr- winden, gleichsam wachsend unter den Flageolett- tönen der Kurmusik.

Während auf der Terrasse Kaffeetassen und Teller klappern, liegt unten die Ruhe im Park. Die Baumkrone der gröhten Rotbuche wächst vom Rasenteppich auf. Wie der stolze Reifrock

einer galanten Frau verjüngt fie sich nach oben zur Taille, zitternde blaue Luft im Hintergrund. GS wispert und lebt in zwei Blutbuchen direkt vorn am Park wie in Geheimnissen einer ga­lanten Ratur. Tief in der Perspektive kauert noch ein Srempiar, ganz verdeckt von grünen Bäumen. Lieber ihr buhen bic Kerzenblülen von Ltnden und Kastanien. 8in ausländischer Daum sprengt seine kleinen Blätter hell und leuchtend wie Goldregen in da» saftige Blattwerk der ein* heimischen Bäume. Die hohe Gdeltanne schmiegt sich in da» wollige Grün bei Laube», hochragend und schlank, männlich herausfordernd. Die Zweige sehen au» wie Pufsärmel, auSgestreckl. schnur­gerade ... gleich Heller Seide gleitet die Sonn« darüber hin.

Gin kleine» Rotkehlchen will für Sekunden nichts mehr in der Ratur brausten zu tun haben, setzt sich mir gegenüber auf die Lehne eines RestaurationSstuhles ... macht piep ... dreht den Kopf nach recht» und links und fliegt davon.

Schlaflose Rächt.

Der Mond scheint durch da» eine geöffnete Fenster. Der voraezogene Gazevorhang bläht sich durch den leichten Luftzug. Wenn er sich anfüllt mit dem kaum pfeifenden Wind, schiebt sich ein Nachtschatten, grost wie ein Herz, auf den winddurchzuckten Tüll. Zwei nervöse Augen stieren nach dem hoffnungslosen Segel einer schlaflosen Rächt.

Die geschlossenen Fenster zeigen stille schwarze Kreuze, nur an der Decke verzerren sie sich durch die Projektion be» Mondlichles zu irren Alelier- fenstern, burch die kein Blick bringen kann.

Unheimlich ist die Vision des kranken HerzenS, so nah dem Tob, daß selbst süsteste» Leben das nächtliche Schlagen der Rachtigall eS auflöst in Weh und friedlose Ewigkeit.

Musikkapelle.

3n einer Gcke vornehm gruppiert, die Musik­kapelle. Der grost« Flügel schneidet die Ober­körper porträlhaii ab. Die weihe Hemdenbrust al» offizieller Schutz einer zu starken Tempeva- mentousgabe.

Die Schnecke der groben Dahgeige schwankt wie die Krümmung eine» Pilgerst abe» zwischen den musikalischen Köpfen: sie überragend, wäh­rend ihr sailenbespannter 6teg über den sammet- weichen. dicken toten Teppich brummt. Sie ist gutmütig wie ter vornehme englische Lord der Dort, der mit seinem weihen, bürstenartig zu- gcstutzten Schnauzbart in der Scke sitzt vor einem Whisky-Soda. Gr ist herzkrank und räuspert sich in gleichen Abständen.

Der Geiger gefällt der müden, blassen Frau, der Schlagzeuger sitzt vor der marmorierten Wand, der Cellist ist der Philosoph der Musical Band und sitzt hinter dem schwarzen Rotenpult geduckt, wo er das Herzeleid all seiner unglück­lichen Lieben auSweinen kann. Frech, schwarz» köpNH, mit der großen erotischen Rase, hackt der Pianist seinen forschen Rhythmus. Die wattierten Schultern haben den Schneid von tausend ge­zügelten Armeen.

Der Stehgeiger trägt eine Brillantennadel, Anerkennung des Herrn mit dem silberweißen Haar dem George-Kopf, der weder Dichter noch Gelehrter ist, sondern das hohe Tier eines Farbkonzern».

Kleiner KurhauSsalon.

Vornehme, angeregte Gespräche flüstern um die Eßtische. Vorzüglich befrackte Kellner. Diele Dlumen auf den Tischen in stillen ockergelben Vascn. Eine ab schwere, leuchtend grüne Drokat- tapele. Die Dildcc lerzenaerade gerahmt und gehängt, wie frisch gewaschen an der Wand. Richt nur 6tUIcben und Schiffsidyllen, sondern

bis in bic Modernste hinein lanbschaflliche Phan­tastik aus her Umgebung des Bades Die kleinen, farbigen Lampenschirme kichern über den schnee­weißen Tischtüchern. Sie haben je ein silberne» Füßchen, und wenn sie abends leuchten, bann sind sie traulich wie Zrauenaugen.

3eber sitzt an einem Tisch für sich, und eine mondän« Kälte zieht Ring um Ring, damit sich die einzelnen Gäste nicht stören. Gin dicker Herr mit hochrotem, glattrasiertem Gesicht. den Kneifer auf der Rase, ist in fein herrliches Essen ver­tieft. Die Kellner beobachten jedes Augen­zwinkern.

Gin Kuraast, der 3ahr für 3ahr kommt und schwer herzleidend ist. Gr schmunzelt vor sich hin und genießt ... Kaviar ... leichten Wein Fisch ... Kapaun ...

So verdämmert der Abend in Vornehmheit und großer Stille.

Reiseliteratur.

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Wenn die Dändc rulen von bc» Werktag» Last Unb tkrguickung bu suchst von stäbttscher Halt, Dann sehnei'b bk Seele »ur i>erne bringt. Wo Mutter Statur ste ersrtichenb umschlingt. Wir kennen ein Plätzchen. baS (Soitcfl Dand 3n unendlicher Güte setzte tn6 Land. Wo Quellen geschwätzig snrubeln unb springen Unb Vöglein vir golbtge Lieber singen.

Wo bald bu vergissest des Alltags Spur 3n gottgesegneter seiger Natur.

Wo die Stunden dir stieben in kindlichem Glück, Wo du träumst dich in Märchenländer Autütf. Wo srödlich die Angel bu wirfst vom Gestade, Wo bcr Schiitzstnß dich lockt zu erquickendem Babe. Wo Eichen rauschen ctn uraltes Lieb, Wo ein Sehnen bich bis in den Ctmmcl zieht. Ein heiitge» Sehnen.--

D sttll'S unb komm'

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