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^umsiuy, 9. juni 1928

Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhetzen-

Nr. 154 Zweites Blatt

Lage babei

eine fuTmortföe Freude unb ein Präservativ voll ungeahnten ML« zu bieten.

Dom Sambucco zum Jinocchio.

Don Muntepvote

Haben Tie schon einmal in Neapel einen echten Sambucco getrunken? Wenn ja woran haben Sie sich sogleich dabei erinnert? An eine liebe alte Santo oder gar an eine Großmutter, die da noch höchst eigenhändig in fernen Sommer» tagen Gurken einlegte, und dabei neben Dill auch nicht der halbreifen Fencheldolden vergaß. Sambucco ist der neapolitanische Fenchelbrannt­wein. eine scharfe Angelegenheit, daher selbst von ausgekochten Faszistenk^len meist nur mit EiSwasser vermischt getrunken, likörlich bei uns zur Gräme fenicule im Destillat auS Anis, Kar­damom. Koriander. Fenchel, Kümmel, Deilchen- wurzel, oder alS Eau de fenicule double modi­fiziert: Anisöl. Koriander. Fenchelöl.EternaniSöl, gelb anzuschauen. Womit gleich festgestellt fei.

auch wir zur Likörbereitung den italienischen oder römischen Fenchel, der wie Sellcnto in tiefe Furchen nach der Schnur, einen Fuh von­einander entfernt, gepflanzt wird, und süßlich- milderen Geschmacks ist. dem unseren, schärferen, bitteren vorziehen, der bereits unter den zwei­undsiebzig verschiedenen Gattungen von Garten- gewachsen war. deren Pflege Karl der Große

In der Schweiz fragt man nach Fenchel- Kuchen. in London nach englischer Fenchel-Soße: in Neapel eßt zum Brot einen Fenchelstengel mit Pfeffer und Salz darüber oder auch als Salat angerichtet. Im übrigen aber werdet mit mir schleunigst eifrige Laboranten in eurer Küche, in die eben euer geliebter .Trampel" ober, euer radiofrühgymnastlsch gestrafftes .Püppchen" die frischen Finocchi gebraut hat.

Non der lauber gewaschenen und beschnittenen Wurzel einen Finger lang abschneiden, noch­mals waschen und in üppigem Salzwasser blan­chieren. auf einem sauberen Tuch avlaufen lassen. Kasserollenboden mit Gpeckscheibe. Wurzelwerk, (Butter, auslegen: zur zugedeckten Anschwitzung der Finocchi. zum langt amen Gang in gerade eben bedeckender Fleischbrühe, ein vlivenölge- tränktes Stück unbeschriebenen Manuskriptpapie- reS darüber. Der Länge nach durchschneiden, an- richten mit einer der schon oben genannten Soßen, die auch nach Kardinals Art sein famt oder nach derjenigen des Herzogs von Dillrroi, Francois mit Vornamen, der außer für Schlach­ten, in denen et vom Prinzen Eugen und von Malbotough geschlagen wurde, noch Zeit für die amoureuse Dame Waintenon, für die Er­ziehung Ludwigs XV. und Soßen hatte was man leider nicht von jedem französischen Mar­schall damals behaupten kann. Dafür hat ihm hernach die internationale Küche den schlechten Schabernack gespielt, daß seine Soße auch Alle­mande genormt wird, weil sie nichts anderes ist alS eine dick gehaltene zur Panierung, freilich mit Trüffelessenz und Schinkensud; die Fran­zosen selbst aber sind so ungerecht, diese Art wieder a la Provencaic yi nennen womit sich die Ungerechtigkeit dieser Welt vollends er­weist. Einige Pariser Nestaurants vom alten Stil richten das Gemüse zum Andenken ihres herzog­lichen Marschalls dagegen auf einer in Proven- cetöl gerösteten Durelle von Zwiebeln. Peter­silie, Zomaten, EhampignonS. Thymian an, lassen cs in gepfeffertem Weißwein gardämpfen und bepudern es mit wenig und feinstgefchnittenem Knoblauch und Petersilie eine wahrhaft repu­blikanisch-herzogliche Art, der wir unS blind»

lung nach der ungünstigen Seite hin- deulen. Es zeigen sich dcrttlichc Symptome für einen Konjunktur rückgang und diese Entwick­lung ist charalrenstilch für die gegenwärtige Lage der deutschen Wirtschaft. Es erhebt sich dabei vor allem die Frage, mit welchen Fak» toten dieser Nückgang zusammenhängt und in welcher Stärke und auf wie lange er sich durch­setzen wirb. Schon im Herbst deS vorigen Iahre« hat daS deutsche Institut für Konjunkturforschung

Volkskonzert des Gießener Konzertvereins.

Vie Idee der volkstümlichen Konzerte wird in Gießen von dem Erwogen getragen, fördernd und hebenb auf das musikalische Erleben weiter Kreise einzuwirken durch die Werke unjerer größten Mei­ster und nicht, wie es oft anderwärts geschieht, durch ein etwaiges Entgegenkommen an den Geschmack der Hörer das künstlerische Niveau sinken zu lassen. Beide Werke des diesmaligen Programms bedeuten Höhe­punkte deutscher Instrumentalmusik und waren da- her auch berufen, deutscher Shinft eine weite Auswir- kungsbasis zu geben.

Den Auftakt bildete Richard WagnersM e > - st ersinger"-Vorspiel mit dem Niederschlag des Gegensätzlichen in der Kunstanschauung im The­matischen und seiner Durchcntwicklung zu einem Neuem hin. Es erwuchs mit breiter Klangmaffe und strahlender Klangpracht, mit Gemessenheit und Leidenschaftlichkeit, stets mit klarster Profilierung de» Thematischen selbst bis auf die chromatischen Gänge der Posaunen und den Triller der Baßtubo.

Den breitesten Raum des Abends nahm Bruck­ners klanggesättigtes Werk, die S i e b e n t e Symphonie, ein. Bruckner liegt Nicht allen .Di­rigenten, namentlich bann, wenn sie mehr auf ein formales Erfaßen als auf ein inneres organisches »n, Miterleben bes Werkes^ eingestellt sind.

liversitätsmusikdirektor Dr. Stefan T e m e s- o a r q im Vorjahre durch die Aufführung der Vier­ten Symphonie bekundet hatte, wurde diesmal zur vollsten (Frfüflung. Hier blühte das Derk auf, in allen feinen klanglichen Werten: und nicht als for­mal dargestellte Musik, es war, als erstände das Serf in allen seinen Schaffensphasen mit seinem Besinnen, seinem Einhalten, feinem Atemholen jum Sammeln neuer Kräfte vor uns, als erlebten wir den Schaffensakt dcs Meisters wieder gänzlich neu. Von seltener Weihe war der Beginn des ersten Satzes getragen: jedes Thema erklang in feiner Individualität, die Durchführung mit feiner erstaun- ljchcn Äontrnpunftit erschien in selbstverständlicher Klarheit, als ob es so sein müßte. Der zwette Satz wurde zum Akt religiösen Schauens, zum Auf- schließen der Gründe des Alls, mit feinem Steigen, Werden unb Versinken als ein Requiem für Richard Wagner. Das Scherzo stürmte unb brängfe, ober nicht ohne einzuhalten, ohne Ungestüm. Das Trio war ein lyrisches Verweilen, das Finale mit seinem

Oie gegenwärtige Lage der deutschen Wirtschaft. Gepumpte Konjunktur."Oie Atempause.Konjunkturprognose.Neue Auslandsgelber.Konjunktur unb Handelsbilanz. Oie finanzielle Abhängigkeit vom Ausland.

Don Dr. Paul Mombert, o. Professor der Staatswissenschaffen an der Landesuniverfttät Gießen.

betont, bah die damalige Äonjunftur in den Zeitpunkt der Hochspannung cm getreten sei. Da­war damals unbedingt richtig für die Lage auf dem Geld- und Kapitalmarkt, waS ja damals, rein äußerlich gesehen, darin zum Aus­druck kam, baß die Re chsbank im November 1927 ihren Diskontsatz auf 7 Prozent erhöhen muhte.

Während man jedoch damals nur am Geld- und Kapitalmarkt Symptome für einen zu er­wartenden Konjunkturrückgang wahmehmen konnte, war das für den eigentlichen Waren­markt noch nicht der Fall. Seitdem haben sich jedoch auf diesem auch rückläufige Bewegungen gezeigt. Wir hören von manchen Industriezwei­gen. daß mehr aus Lager gearbeitet werden must, dah die Aufträge zurüchugehen beginnen und daß bereit- die Produktion mehr oder weniger ein­geschränkt werden müßte. Wenn das alles in Den letzten Wochen noch nicht so klar und deut­lich in die Erscheinung trat, so hing dies nament­lich damit zusanzmcn. dah dieser Rückgang sich mit dem Beginn des Frühjahr» zu zeigen anfing, also in einer Periode, in der durch die günstigen Saisoneinflüsse mit Beginn des Früh­jahrs Kräfte ausgelöst wurden, die günstig auf die Wirtschaftslage wirken muhten. Gs sei mir auf die einseherche Belebung im Baugeschäst hinaewiesen. Durch diesen günstigen Einfluß muhten natürlich die ungünstigen Tendenzen in der allgemeinen Konjunkturentwicklung über­schattet werden und konnten nicht so deutlich zur Geltung kommen, wie es in einer anderen Jahreszeit der Fall gewesen wäre. Bon dieser Verschlechterung in Der Wirtschaftslage sind keineswegs alle Industrie- und Srwerbszweige in gleicher Weise betroffen worden. Es gilt diese Verschlechterung namentlich für die besonders konjunkturempfindlichen Industrien, wie die Eisen- und Holzindustrie, und in erster Linie das Textilgewerbe. Hauptsächlich im letzteren war in den letzten Monaten der Auf­tragrückgang besonders groß. Es wird jedoch unvermeidlich sein, dah dann von diesen In­dustrien aus auch wieder ungünstige Wirkungen auf andere übertragen werden. Wenn man die deutsche Wirtschaft als Ganzes betrachtet, so handelt es sich dabei bis jetzt keineswegs um irgendwelche ernsteren oder stärferen Störungen; man hat deshalb auch schon mit Recht nur von Abschwächungserfcheinungen in der Konjunktur, auch nur von einer Atempause in der Wirt­schaftsentwicklung gesprochen. Trotz dieser ungün­stigen Tendenzen wirb man von einer starken inneren Stabilität der deutschen Wirtschaft sprechen dürfen.

Allerdings ist die gegenwärtige Wirt- schasts- und Konjunkturlage nichts, das an dieser Stelle einer besonderen Darlegung und Be­schreibung bedürfte. Denn ob jene schlecht oder gut ist. das spürt der Praktiker der Wirtschaft sehr schnell am eigenen Leibe, das merkt er daran, wie sich sein Absatz, wie sich die Preise gestalten und ob neue Aufträge in dem bis­herigen Umfange weiter einlaufen.

Das Problem, das denjenigen, der als Prak­tiker mitten im Wirtschaftsleben steht, weit mehr interessiert, ist die Frage, wie sich die gegen­

den Amtleuten seiner über halb Europa ver­streuten Krongüter anempsahl.

Fenchel ist aber nicht nur zu trinken, sondern ganz besonders in der Uebergangszeit zu essen alS eines der wenigen frischen Gemüse, mit denen die Feinkostgeschafte dann aufwarten, um dennoch meist die Finocchi aus Italien als Ladenhüter zurückzubehalten. Aber wat de Duur nich kennt, bat frett he nich: und die Köchin getraut sich schon erst recht nicht ran. Schade, jammerschade! Ich bin bei meinem Delikatessen­händler der beste Finocchi-Kunde. Ich erwarte gern diesbezügliche Konkurrenz; deshalb schreibe ich das hier über bautet um euch mal wieder das Mündchen wässerig zu machen müßt ihr verstehen. Ich bin ein guter Mensch, sollt ihr wissen... n . .

Italienische Erinnerungen: Finocchi colla bal- samella unb Finocchi per contorno... con un poco di parmigiano nie zu vergessen. Pariser kulinarische Erinnerungen: fenouil au jus oder Satüte, sauce ä la cröme oder sauce tomate.

irlin, seligen VorkriegsgedenkenS: der ver- ehrungswürdiae Hoflieferant Iulius Feh^r, immerhin noch in seinen Erben erhalten

Nun hat man wieder ein frisches, wenn auch vielfach ausländisches Vemüfe; jedoch ba farm man in einem barocken oeconomischen Lexi­con lesen, gegen all welche Krankheiten Fenchel­genuß gut ist:er stärket durch seine aromatische Eigenschaft den Magen, das Haupt und sonder­lich das Gesicht, erquicket das Gedächtnis, ver­treibet den Schwindel, vermehrrt denen Säugen­den die Milch, reiniget die Nieren, treibet den Urin unb Stein, zercheilet die Blehungen. leget daS Bauch-Grimmen, verringert den zähen und dicken Schleim, ist nützlich der Brust unb Lungen, dienet im Keichen unb schweren Äthern, stillet den Husten unb daS Nasenbluten, lindert den rauhen Halß. eröffnet fieber unb Miltz. »er* treibet das geronnene Blut im Leibe, befördert den Schweiß, hilfst wunderbarlich denen Gelb- tmb Wassersüchtigen unb Sichtbrüchigen thut auch gut in denen Fiebern. Pocken, Masern, unb wider­stehet dem Gisste." Habt ihr euch heute noch vor mehr Krankheiten zu hüten? Und denrwch? Ich will euch mal etwas daS Wasser im Munde zusam- menlaufcn lassen I Man muh Leute von heute schon recht grvbsinnlich reizen, damit sie über Haupt reagieren. Weshalb ich die Lyrik schon längft auf gegeben habe so schwer mirt auch fiel...

treibenden Rhythmus gipfelte ebenso in gigantischen Steigerungen, wie es die Weihe des Chorals er­schloß. Wie eine Kuppelung des klanalichen Doms erstrahlte die Koda aus Eine musikalische Feier er- hcbcndster Art! t ,

Das Landestheater Orchester (Darmstadt) folgte dem idealen Führer bis zum Einzelstcn. Dem Streichkörper ist in der Symphonie ein wichtiger Anteil Vorbehalten; in allen Schattierungen war er nachgiebig; sonor im zweiten Satz, aber auch wieder- um satt und weich und voll edler Plastik der Kan- tilene: besonders die Celli mit ihrer modulations- fähigen Tongabe feien heroorgehoben. Bruckners In- ftrumentation liebt besonders satte, klangprächtige Farben durch Einbeziehung der Blaser. Die Tuben trugen mit ihrem weichen, ausgeglichenen Klange zur Weihe des zweiten Satzes und zur Gipfelung des Finales bei. Ebenso aber waren auch die Hörner und nicht zuletzt die Trompeten mit klanglichem Glanz und Weichheit am Platze. Den Holzbläsern war besonders Nachgiebigkeit dcs Klanges und vor­nehme Phrasierungskunst zu eigen. Dr. H.

ganze Wirtschaftslage eines Landes, auf alle feine Erwerbszweige. ausgeht. Unter Indem Gesichts­punkt ift es wesentlich, daß für die nächste Zeit grö­ßere Kredite au» dem Ausland in den neuesten wirtschaftlichen Mitteilungen der Deutschen Bank werden sie auf etwa eine halbe Milliarde Reichs­mark geschätzt au» dem Au»land zu erwar­ten sind und daß ba» wachsende Interesse dc» Aus­lände» für deutsche Akttenwerte nach der gleichen Richtung hin wirksam fein wird. Wenn auch diese Auslandkredite nur zum geringeren Teil unmittel­bar dem Bedarf des Taumarkte» oder demjenigen der öffentlichen Körperschaften zugute kommen, son­dern wohl in erster Linie für Industriezwecke dienen, so bedeutet das doch, daß die Industrie zur Deckung ihres Kapitalbedarss weniger auf die inländische Rapitalbütumi angewiesen sein wird unb daß deren Erträge deshalb in höherem Maße al» es sonst der Fall wäre, für die Zwecke des Baumarkte» und der öffentlichen Körperschaften zur Verfügung stehen.

Man erkennt leicht, dah und warum also in der Lage am Kapital- unb Geldmarkt ein ganj wesent­licher Faktor für die Gestaltung der Wirtschaftslage liegt. Das war auch in den Zeiten vor dem Kriege nicht anders. Auch damals gingen vom Geld- unb Kapitalmarkt, wenn auch nicht bie alleinigen, so doch die wesentlichsten Kräfte aus, die eine günstige Äon- junkturlage zum Erliegen bringen konnten Denn ein steigender und hoher Zinsfuß wirkt nicht nur lähmend auf den Baumarkt, er wirkt auch ganz all- gemein einschränkend auf den Güterumsatz unb ba- mit brütfenb auf bie Preise.

In ben bi» jetzt besprochenen Faktoren, der Besse­rung her Wirtschaftslage und hem Hereinnehmen von Auslandkrediten. liegt auch ein wesentlicher Grund für die ungünstige Gestaltung unserer Han- delsbilanz. Wenn sich die Kon,unktur in einem Lande bessert, bann beginnen bie Preise anzuziehen und damit oerminbert sich bie Konkurrenzfähigkeit der heimischen Inbustrie auf fremben Markten, wah- renb Diejenige fremberIndustrien auf dem eigenen, hei­mischen Markte steigt. Damit muh die Warenau»- fuhr ab- und bie Wareneinfuhr zunehmen. Auch Auslonbkredite Haden bie Tendenz, nach der glei­chen Richtung Hinzuwirten, weil im allgemeinen im internationalen Verkehr Kapitalien von einem Land in das andere nur in Warenform übertragen wer> den können. In diesem Umstand, daß bei einer günstigen und aufftelflenben Konjunktur bie Han- belvbilanz eines Lanbe» sich verschlechtert, liegt aber auch ein Faktor, ber einer weiteren Verschlechterung ber inländischen Wirtschaftslage entgegenwirken kann. Geht nämlich bie Konjunktur in einem Lande zurück, dann verringert sich fein Einfuhrbedarf unb durch den dabei einsetzenden Preisrückgang wird die Ausnihr steigen, so bah damit ein gewisier Aus­gleich dafür geschaffen mitt, dah die Absatzoer hält- niste und die Beschäftigung für ben heimischen Markt ungünstiger geworden sind. T» pstegt bann vor allem bie Ausfuhr an fertigen Daren zuzunehmen.

Dazu zeigen sich auch bereits bei uns im Zu­sammenhang mit dem Rückgang ber Äonjunftur gewisse deutliche Ansätze. In den ersten vier Monaten deS Iahves 1928 war bi« Ausfuhr an fertigen Waren aus Deutschland dem Werte nach um 464 Millionen Mark höher al» in den vier ersten Monaten des vergangenen Iahre«. Wit einer derartigen Tendenz ist auch Wetter zu rechnen, wenn sich unsere Wirtschaftslage noch mehr verschlechtern sollte. Freilich hängt etne solche Entwicklung der Aussuhr nicht allein von der Gestaltung der Marttlage und der Preise bet un» selbst ab. sondern auch von der Wirtschafts­lage anderer Staaten, bie alS Käufer für unsere Erzeugnisse in Frage kommen. Ist bereit Markt­lage babei günstig, so werden sie eine ganz andere

Ias Iahr 1927 war, im großen unb ganzen gesehen, für Deutschland eine Zeit wirtschaftlicher Erholung und wirtschaftliche Wiederauf­stiegs. Das läßt sich an den allerverschiedensten Maßstäben seftstellen. Der Güterumsatz hat gemessen an der Wagengestellung der Reichs- bahn -- erheblich zugenommen, bie Zahl ber Konkurse ging gegenüber den vorhergehenden Iahren stark zurück und bie Zahl ber unter­stützten Vollerwerbslosen, die sich noch im^Mai 1926 aus mehr als 1,75 Millionen belaufen hatte, war bis zum August 1927 auf 420 000 zurück­gegangen. Auch bie Preise im Groß- unb Klein­handel, immer ein Zeichen aufsteigen der Konjunk­tur. gingen in die Höhe, und daS wäre wohl noch in stärkerem Maße Der Fall gewesen, wenn nicht der NationalisierungSprozeß herabbrückend auf bie Produktionskosten gewirkt hätte. Wenn man freilufc für dieses vergangene Iahr von einer aufsteigenden Konjunktur spricht, von einer günsti­gen Wirtschaftslage, so geht man dabei von einem anderen Ausgangspunkte aus, als in der Zeit vor dem Kriege. Wir sind eben, wie auch manche anderen Völker, in der Nachkriegszeit der Er­scheinurig gegenüber, bie wir alS günstige Wirt­schaftslage bezeichnen, wesentlich bescheidener geworden und wir geben bereits einer Wirt­schaftslage dieses Prädikat, bei der wir dies unter den Verhältnissen vor dem Kriege wohl nicht getan hätten. Sei dem jedoch wie ihm wolle, jedenfalls ist im Iahre 1927 gegenüber den Vorjahren eine ganz beträchtliche Besse­rung in ber Lage ber deutschen Wirtschaft ein» getreten.

Freilich zeigten sich bereits auch im ver­gangenen Iahre hauptsächlich zwei Faktoren, die trotz diese- Aufstieg« zum Nachdenken über bie weitere Entwicklung ber Wirtschaft zwingen muß­ten, Fattvreir, die auch in ber Gegenwart noch fortwirken und alle Beachtung verdienen. Hier­bei handelt es sich zunächst um die Gestal­tung des deutschen Außenhandels. Wir haben in Deutschland seit einer Reihe von Iahren eine durchaus passive Handelsbilanz. 3m Iahre 1927 haben wir im reinen Warenverkehr für über 4 Milliarden Mark mehr Waren ein» als ausgeführt und seitdem hat sich hierin keine wesentliche Aenderung völligen. Der andere Punkt, der zum Nachdenken zwingt, betrifft unsere immer noch unzureichende Kapital Versorgung aus eigener Kraft, die uns immer wieder zwingt, die Kredit Hilfe des Auslandes in Anspruch zu nehmen. Nach den verschiedensten Richtungen hm beeinflußt diese fremde Kredtt- httfe die Lage der deutschen Wirtschast. Mit diesen Mitteln, die wir auf solche Weise vom Ausland erhalten, wird unserer Wirtschaft neue, zusätzliche Kau straft zur Verfügung gestellt, eS wächst damit, wenn auch keineswegs in dem gleichen Umfang, auch die Nachfrage auf dem deutschen Gütormarkt; das muh zweifellos be­lebend auf bie Konjunktur wirken, damit müssen aber auch preiSsteigenbe Wirkungen auf dem Warenmarkt eintreten. Der Präsident der Reichs­bank hat also nicht ganz unrecht, wenn er aus Grund dieses Zusammenhangs bei uns von einer gepumpten Konjunktur- gesprochen hat.

Diese beiden Dunste, die stark passive Handels­bilanz und bie Kapttalabhangigkeit vom Ausland, mußten zuerst behandelt werden, denn es handelt sich hier um Faktoren, bie ohne Rücksicht auf die Veränderungen der Lage der Wirtschast, immer noch die gleiche Beachtung verdienen. Konnte man im vergangenen Iahre deutlich eine Besserung der Wirtschaftslage erfennen und von einer (tagenben Konjunktur sprechen, so zeigen sich jetzt gewisse Anzeichen, die auf eine Wand-

wärtige wirtschaftliche Lage wohl weitercnt- w icke In wird, die Frage, ob sich Kräfte be­obachten lassen, bie dafür zu sprechen scheinen, daß dies nach der günstigen oder ungünstigen Seite hin der Fall fein wird. 06 ist freilich leicht, eine vorhandene Äonjunfturlage fest zu - stellen und in ihren Symptomen nachzuweiten; es ift aber natürlich weit schwieriger, den Ver­such au machen, zu einer Konjunkturpro­gnose zu kommen, b. h. darzulegen, wie vor­aussichtlich ber weitere Dang der wirtschaftlichen Entwicklung sein wirb. Hierbei handelt es sich nämlich um eine Rechnung mit recht vielen Unbekannten, um eine Darlegung unb Prüfung von Kräften, bie im Hinblick auf die weitere Entwicklung ber Wirtschaftslage nach verschie­denen Richtungen hin wirksam fein können. 06 befinden sich darunter auch Faktoren, die sich in ihrer Gestaltung noch gar nicht vollkommen übersehen I aff en. Dafür sei nur als Beispiel auf die Ernten verwiesen. 3c nachdem sie gut ober schlecht sind, wird die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung den Srzeugnifsen der Industrie gegenüber größer ober geringer fein und es ist leicht einzusehcm. daß darin em Faktor liegt, der damit einen erheblichen Einfluß auf bie Wirtschaftslage eines ganzen Landes auSüben kann. Trotz solcher Schwierigkeiten darf man aber vor dem Versuch nicht zurückschrecken. sich ein Bild von der kommenden Gestaltung ber Wirt­schaftslage zu machen, selbst auf bie Gefahr hin, daß die Entwicklung dann doch auS unvorherge­sehenen Gründen euren anderen Gang geht, als man angenommen hatte.

Man muß babei ben Versuch machen, möglichst von bekannten Faktoren auszugeyen unb man hat bann biese zur Hand, wenn man nach ben Grünben forscht, bie ben jetzigen, wenn auch schwachen Äon- junkturrückgang bewirkt unb wenn man fragt, ob Gründe vorhanben (mb, bie dafür sprechen, baß biese Kräfte auch weiterhin nach ber gleichen Rich­tung hin wirksam sein werben ober nicht

Wir haben bereits gesehen, baß ber Anstoß zur Verschlechterung ber beutschen Wirtschaftslage im Herbst von ber Versteifung am Kapital- unb Gelbmarkt ausging. Cs war bas bie 3cit, in ber aus ben verschiebensten Gründen Aus- lanbfrebite nur in relativ geringem Maße zu uns hereinkamen. In den Monaten vom Dezember 1927 bis Februar 1928 wurden nur rund 200 Millionen Mark Auslandanleihen aufgenommen, gegenüber 800 Millionen Mark in den drei vorangegangenen Monaten. Demgegenüber ist dieser Betrag in den ersten drei Monaten diese» Jahres wieder auf rund 400 Mill. Mk. gc flieg en und manche Anzeichen sprechen deutlich dafür, daß diese Zunahme zunächst roetter anhalten wird. Wenn bas ber Fall ist, so liegt darin ein Faktor, der einem weiteren Nachlassen ber Konjunktur entgegenmirfen kann. Denn wenn an so vielen Stellen der Wirtschast die Auf- träoc jetzt langsamer einlaufen als im vergangenen Jahre so beruht die» neben anderen Gründen auch in hohem Maße in dem Kapital- und Geldmangel, der bei den Auftraggebern vorhanden ist. S» sei nur auf den, für die ganze Wirtschaftslage eines Landes so wichtigen Baumarkt verwiesen. Bekannt ist, daß in diesem Frühjahr die Beschäftigung auf dem Baumarkt geringer war, als im vergangenen Jahr. Das hängt in erster Linie mit der Versteifung auf dem Kapital- und Geldmarkt zusammen: derZins- fuß ist wesentlich höher als vor einem Jahre unb von ben össentlichen Körperschaften können im all­gemeinen auch weniger Bauzuschüsse als im Der- gangenen Jahre zur Verfügung gestellt werben. Wenn man bebenft, wieviele Industriezweige vorn Baumarkt aus gespeist werden, so erkennt man leicht, welch starker Einfluß von hier aus aus die