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der deutschen und polnischen Sozialisten anders lautete. Trotzdem sind naturgemäß durch diesen un­glückseligen Bund viele Stimmen dem Deutschtum oerlorön gegangen und völlig nutzlos ge­blieben, da die vereinigte sozialistische Liste über­haupt in den zwei Hauptwahlbezirken Königshütte und Kattowitz kein Mandat erringen konnte, mäh­rend vielleicht, wenn die für diese Partei abge­gebenen deutschen Stimmen der deutschen Wahlge­meinschaft zugute gekommen wären, die Deutschen noch weitere Mandate hätten erringen können. Hoffentlich wird dies von den deutschen Sozialisten bald eingesehen und dementsprechend am zweiten Wahlsonntag bei der Senatsmahl gehandelt.

Der deutsche Erfolg in Ostoberichlesien ist außer- ordenllich. Im Stadtkreis Königshütte haben die Deutschen über 51 Prozent aller abgegebenen Stimmen erhalten und selbst in den sonst berüchtig­ten Kreisen L u b l i n i tz und R y b n i k beträgt der Anteil der Deutschen an den ©efamtftimmen 35 bis 40 Prozent. Diese Ergebnisse müssen von jedem, der die Entwicklung der letzten Jahre und die Unter­drückung jeder deutschen Bewegung in Ostoberschlc- sien miterlebt hat, als außerordentlich gün- st i g anerkannt werden. Mehr konnte man nicht er­warten; denn es ist zu berücksichtigen, daß das Deutschtum mehrere Zehntausende durch die Option und Abwanderung in den letzten Jahren seit den ersten Wahlen zum Warschauer Sejm im Jahre 1922 verloren hat, während andererseits die pol­nische Nationalität durch den ungeheuren Zuzug von Beamten aus den polnischen Ostgebieten eine erheb­liche Stärkung erfuhr.

Das Wahlergebnis vom 4. März 1928, sechs Jahre nach der gewaltsamen Losreißung, unter polnischer Knechtschaft, sollte dem Ausland und den Völkern, die einst in Gknf ohne Kenntnis der oberschlesisä)en Dinge den unglückseligen Teilunasstrich beschlossen haben, endlich die Augen öffnen. Einen Be- völkerungsteil, der heute noch, nach stärkster sechs­jähriger Paionisierungsarbeit, fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landteiles ausmacht, kann man eigentlich nicht mehr als Min­derheit bezeichnen, besonders, wenn man bedenkt, daß die hier erzielte Mehrheit lediglich durch die Zahl der aus dem Osten eingewanderten Beamten­schaft anderer Nationalität nach Abzug aller sich zum Deutschtum bekennenden deutschen Beamten und Angestellten erzielt worden ist. Eine Minderheit die jederzeit leicht wieder eine Mehrheit werden tann, darf nicht länger unterdrückt werden. Ihr muß endlich das vom Völkerbund garan­tierte Recht der Wahrung ihrer kul­turellen Interessen zuteil werden. Der Völ­kerbund kann das letzte Wahlergebnis, das am kom­menden Sonntag bei der Senatswahl erneut feine Bestätigung finden wird, nicht übersehen. Wenn er den Frieden im Osten will, wenn er dendauern­den Kriegszustand", wie einst bei einem oberschle­sischen Besuch ein englischer (Belehrter die heutige Grenze bezeichnet hat, beseitigen will, dann muß er endlich dem Deutschtum in Ostoberschleilen Gerech­tigkeit verschaffen. Dann erst wird der neue deutsche Wahlerfolg den Lohn bringen für alle die Miryen und Opfer, die die deutschen Volksoenossen jenseits der reichsdeutschen Grenzpsähle für ihr Volkstum gebracht haben.

Aus der Provinzialhaupisiadt.

Gießen, den 9. März 1928.

Gestalte dein Heim!

Das. was man früher alskalte Pracht" bezeichnete, diegute Stube" mit all ihrem Krimskram von Rippessachen und »sächelchen, oder auch ab und zu einmal einer guten Re­produktion eines wirklichen Kunstwerkes kann wohl heutzutage als überlebt gelten. Diese Art der Behaglichkeit ist überwunden. Es hat sich all­mählich eine neue Art Wohnungskultur heraus­gebildet, die entsprechend unserer auf das Prak" tische, Zweckmäßige gerichteten Zeit alles Ueber- flüssige aus den Wohnungen verbannen und alles vraktisch gestalten und einrichten will. Daß in liefern guten Streben ein gut Teil Berechtigung steckt, wird jeder zugeben, der an die vielen Staubfänger früherer Zeiten denkt, die überall herlnnstanden und die Wohnung angeblich nett und behaglich machten. Schon die Form der Möbel hat sich teilweise dank der durch die

DerverloreneSohnvonLondoti"

Ein unbekanntes Shakespeare-Drama.

Von Friedrich Sternthal.

The London Prodigal"Der Londoner Verlorene Sohn" wird gegeben. Das bedeutet: in diesem Jahre 1928 erleben wir die deutsche .Uraufführung eines unbekannten Dramas von Shakespeare. Klingt dies nicht unwahrschein­lich? Handelt es sich nicht etwa um eine neue Fabel in der Shakespeare-Legende?

DerLondoner Verlorene Sohn" wurde vor zwei Jahren von Emst K a m n i tz e r wieder­entdeckt, überseht, ergänzt und für die deutsche Bühne eingerichtet. Diese Arbeit wäre auch bann BU loben, wenn es sich nicht um ein Werk Shakespeares handelte. Man hat viel schwächere altenglische Dramen, so von Ford und O t w a y, auf unsere Bühnen gebracht. Warum also uns ein Werk vorenthalten, das voller Schönheit ist wie derLondoner Verlorene Sohn"?

Er ist auch gar nicht so unbekannt, wie es scheint. Die heiben größten deutschen Shake­speare-Kenner, Lessing und T i e cf, haben den London Prodigal gekannt und für echt gehalten. Das Zeugnis zweier Dichter von diesem Range wiegt schwerer als die Akribie mancher An­glisten. Lessing hat im Herbst 1780, also noch kurz vor seinem Tode, eine deutsche Aufführung Ibeä Dramas geplant. Wäre Lessing nicht dar­über hinweggestorben, so gäbe es heute wahr­scheinlich keinen Zweifel an der Echtheit des London Prodigal.

Seit 300 Jahren knüpfen sich an Shakespeares □tarnen Streitigkeiten. Sie erklären sich daraus, Daß wir wenig über sein Leben wissen. Sogar seine Existenz wurde bezweifelt. Von seinen 48 Dramen wurden 36 fürecht" erklärt, weil die Gesamtausgabe von 1623, die erste nach seinem Tode, nut 36 enthielt. Aber die Zahl 36 war ein reiner ZufallI Mit den 12 fehlenden Stücken geht es wie mit den verpönten Wörtern in der Academie fran^aise. Wenn sie lange genug sröstelnd im Vorhof gestanden haben, werden sie bei der nächsten Revision ins offizielle Wör­terbuch ausgenommen. Man hat sogar die Echt­heit desWintennärchenS' bestritten. Heute ist schonPericles" als echt anerkannt.

Zu Lebzeiten des Dichters, im Jahre 1605, erschien in London derProdigal gedruckt, und zwar versehen mit dem vollen Ramen William

Mikundgebung des hessischen Landvolkes.

Zwölftausend Landwirte protestieren.

* Darmstadt, 8. März. Heute nachmittag fand in der städtischen Feschalle eine große Not- Kundgebung des hessischen Landvol­kes statt. Die Halle, die 5000 Sitzplätze hat, war stark ü b e r f ü 111. 3m Verlaufe der Kundgebung hielten Ansprachen die Abgeordneten Glaser, Fenchel, Dorsch unb Dr. Modus. Die Grundgedanken der Reden fanden ihren Nieder­schlag in der folgenden, einstimmig angenommenen Ents chließung :

Zwolftausend in der städtischen Feschalle in Darm­stadt versammelte hessische Landwirte haben vier Notjahre mit Geduld getragen. Unsere Geduld ist zu Ende. Wir verlangen umgebend und unverzüglich Wiederherstellung der Rentabilität unserer Berufsarbeit. Insbesondere fordern wir gerechten Zollschutz und ausreichende Sicherheiten dafür, daß die Lage der deutschen Landwirtschast durch neue Handelsverträge nicht weiter verschlechtert wird. Wir erwarten Kündigung aller für die Landwirtschaft u n ° gün fügen Handelsverträge. Wir ver­langen schleunigste Maßnahmen zur Senkung der ungeheuren Steuerlast. Insbesondere fordern wir Beseitigung der hessischen Grundsteuer und Uebernahme der Rentenbank- ; insen auf das . Reich. Wir wollen nicht weiter teuerlich unter Ausnahmegesetzen stehen, wir dul- xm nickst die steuerliche Ausbeutung unseres Berufs­tandes. Wir verlangen steuerliche Gerech- i g k e i t und Verteilung der Steuern auf die trag- ähigen Schultern. Das vorliegende Notprogramm ier Reichsregierung kann höchstens vorübergehende Linderung bringen. Es ist nicht geeignet, dauernde Besfevung der Lage der Landwirtschaft zu schaffen. Wir erwarten von Reichs- und Landtag, daß fie so­fort alle Maßnahmen ergreifen, um die Lage der deutsck-en Landwirtschaft von Grund auf zu bessern. Sind Regierung und Parteien nicht fähig, der Rot des bäuerlichen Berufsstandes zu steuern, gelingt es nicht, unsere gerechten Forderungen auf gesetz­mäßigem Wege zu verwirklichen, dann wird der deutsche Bauer zur Selb st Hilfe ge­zwungen. Ehe wir untergehen, werden wir den Kamps um den deutschen Bauernhof und damit um die Grundlage des Staates mit allen Mitteln führen."

Rach dem Verlassen der Festhalle versammel­ten sich die Teilnehmer an der Kundgebung, so­wie noch weitere Landwirte, die inzwischen nach Darmstadt gekommen waren, und zogen Inge» schlossenem Zuge nach dem Marien- p l a h. Es waren etwa 12 000 Personen dort versammelt. Eine Deputation von Füh­rern des Hessischen Landbundes hatte

sich nach dem Staatsministerium begeben und dem Staatspräsidenten Adelung von den in der Entschließung niedergelegten Wünschen der Landwirte Mitteilung gemacht. Der Staats­präsident erkannte die Rot des Landvolkes an, erklärte aber, persönlich nichts in der An­gelegenheit tun zu können, jedoch wolle er die ihm unterbreiteten Wünsche dem Kabinett in einer morgen abend stattfindenden Sitzung bekanntgeben. Dieses Ergebnis wurde der Ver­sammlung auf dem Marienplatz durch den Ab­geordneten Dr. Müller mitgeteilt, die sich nach dem gemeinsamen Gesang des Deutschland­liedes auflöste.

Oie Landwirie-Oeputation beim Staatspräsidenten.

Darmstadt, 8. März. (Amtlich.) Heute nach­mittag wurde dem Herrn Staatspräsiden­ten durch eine Deputation unter Führung von Herrn Abgeordneten Dr. Müller eine Ent­schließung der in der Darmstädter Festhalle ver­sammelten Landwirte überbracht. Unmittelbar nach dem Durchlesen wies Staatspräsident Ade­lung die Ueberbringer mit allem Ernst auf Ausdrücke und Wendungen in der Ent­schließung hin, die nicht unbedenklich seien. Er machte die Herren auf ihre Pflicht als Partei­führer aufmerksam, da sich bei dem Ernst der Lage aus mißverstandenen Worten leicht Handlungen entwickeln können, deren Ende nicht abzusehen seien. In dem Ge­spräch. das sich sodann zwischen dem Herrn Staatspräsidenten und den Landbundvertretern entspann, betonte Staatspräsident Adelung, daß es das ernste Bemühen der Regierung sei. die Rotlage der Landwirtschaft, die ja bekannt sei, zu mildern. Die SorgenderLandwirt- s ch a f t seien auch die Sorgen der Regie­rung, wenn auch über den Weg, wie der Land­wirtschaft zu helfen sei, verschiedene Ansichten bestünden. Die Hebung des landwirt­schaftlichen Standes sei für den Wohl­stand des Volkes von grundlegender Be­deutung. Bei allem aber, was die Hessische Regierung zur Steuerung der Rot der Landwirt­schaft zu tun willen« sei, dürfe man nicht ver­gessen, daß wir in einer Zeit allgemeiner Rot des Volkes lebten und daß versucht werden müsse, diese G e s a m t n o t im Auge zu behalten. Zum Schluß erneuerte Staatspräsioent Adelung seine Ermahnung, unbedachte Aeutzerun- g e n, die eine gefährliche Wirkung haben könnten, zu vermeiden, und forderte dringend von den Herren, in der gegenwärtigen Zeit auch beruhi­gend auf ihre Anhängerschaft einzuwirken.

Wohnungsnot beschränkten und kleineren Räume geändert. Früher hier ein Eckchen, dort eine Säule, da ein Aussatz u. dgl. m., heute dem­gegenüber glatte Formen, die durch harmonische Verhältnisse und einfache klare Linien wirken, praktisch und zweckmäßig.

Es hieße aber doch das Kind mit dem Bade ausschutten, wenn man in dem berechtigten Ge­danken, die Wohnung und damit die Arbeit der Hausfrau von kleinem Firlefanz zu entlasten, nun auch möglichst kahle Wände, also den Verzicht auf Bilder und andere Kunstwerke fordert. Gerade dem Zweckmäßigen der Möbrlgestaltung gegen­über ist ein Behaglichmachen durch wirkliche Kunstwerke am Platze. Es soll damit nicht gesagt fein, daß es immer Originale sein müssen: die wird sich der Durchschnittsbürger nicht leisten können. Aber gute Rachbildungen tuns auch. Was nützen Mappen von noch so schönen Bildern, wenn sie nicht angesehen werden! Hier heißt's: Höher hängen!" Gerade dadurch, daß eine gute Rachahmung eines Gemäldes oder einer Plastik tagtäglich unfern Augen begegnet und sie zum Schauen einlädt, werden immer neue Schön­heiten entdeckt und immer neue Werte in uns geweckt. Solch' Kunstwerk spricht zu uns in Augenblicken der Mutze und Besinnlichkeit immer wieder ttnb gibt Freude und Schönheit.

Richt umsonst hat man die Forderung auf» gestellt, der Jugend den Schund fernzuhalten.

Woran sich das Kind von Jugend auf ge­wöhnt. das erscheint ihm natürlich und schön. Hier liegt eine schwere Pflicht und Verantwor­tung des Elternhauses. Die Kinder sollen nicht von Schund, sondern von Schönheit umgeben fein. Dann wird ihnen diese Umgebung Selbst­verständlichkeit werden und der Sinn für Be­haglichkeit und solchen Genuh das ganze Leben durch erhalten bleiben. Hieran zu helfen und kulturfördernd zu wirken, sei Pflicht eines jeden.

Zuchtvieh Ausstellung und Versteigerung in Gießen.

Der Verband mitteldeutscher Rot­viehzüchter hatte mit seiner gestrigen Ver­anstaltung auf dem Viehmarktplatze an der Mar- garethenhütte in bezug auf Austrieb und Besuch einen guten Erfolg zu buchen. Es waren ins­gesamt 109 Tiere gemeldet. Da die Veranstal­tung im Mittelpunkt (Bietzen) der alten Vogels­berger Zuchtgebiete stattfand, so war eine hoch­wertige Qualität von Zuchtmaterial zum Er­werb angeboten. Die bekannten Ober hessischen Zuchten Selgenhof, Fischer (Zwiefalten) und Velten (Göbelnrod), sowie der Kreis Wetzlar hatten ihre besten Tiere vorgestellt, die zu guten Preisen Abnehmer fanden. Die bekannte Hoch­zucht von Dr.Ritgen zu Wormeln war eben» falte vertreten.

Shakespeares als des Autors. Da wir wissen, daß er einige Jahre später einen wir würden heute sagen: Tlrheberrechtsprozeh führte (und gewann), weil ein Dichter Shakespeares Ramen für ein Gedicht mißbraucht hatte, so ist sicher, dah Shakespeare die mitzbräuchliche Be­nützung seines Ramens beimVerlorenen Sohn" erst recht nicht geduldet hätte.

Für die Echtheit sprechen auch gewisse Rede­wendungen, die nur bei ihm vorkommen. Ein Mißtrauischer könnte einwenden, daß der Shake­speare-Stil damals Manier geworden war, daß also ein geschickter Rachahmer sehr wohl auch Shakespeares eigentümliche Redewendungen und stilistische 'Besonderheiten hätte übernehmen können. Aber wie es zum Beispiel bei Mo­li ö r e imGeizigen oder imTartüff" Szenen gibt, die wir unbedingt Moliöre zuschreiben müh­ten, auch wenn wir ihn nicht als Autor kennten und auch wenn wir berücksichtigen, daß es antike Vorlagen für diese Stücke gab, so ist es bei Shakespeare mit demVerlorenen Sohn. Es gab damals im ganzen englischen Sprachgebiet niemanden, der Genie genug gehabt hätte, um gewisse Szenen dieses Dramas zu schreiben.

3m Anfang des Stückes erscheinen drei Mäd­chengestalten, von benen man, sagen mutz: es sind die drei überhaupt möglichen Typen des jungen Mädchens. Sie stehen da mit einer Ein­fachheit und Klarheit, wie sie nur vom Genie erfunden werden können. Dasselbe gilt für die Stadien des seelischen, körperlichen und geistigen Verfalls, den derVerlorene Sohn" durchmacht. Vor allem ist aber die Szene der Bekehrung der Llmkehrung mit einer solchen Einfachheit und zugleich von einer so überlegenen Höhe aus gestaltet, daß hier auch der Ungläubigste sagen mühte:Das ist Shakespeare!"

Das Werk als Ganzes stützt sich vermutlich auf eine ältere Vorlage, wie so manches andere Drama Shalespeares. Aber das Entscheidende stammt doch von dem Dichter selbst, so wie im Julius Cäsar" die Leichenrede des Antonius und imKaufmann von Venedig" die Rede der Porzia unzwei'eihaft von Shakespeare herrühren. Allerdings ist derLondoner Verlorene Sohn eher die Skizze zu einem Drama als ein Drama, ihn es für die deutsche Bühne zu retten, wurde das Stück ergänzt. Soweit man prophezeien kann, glaube ich: es wird sich auf unseren Theatern halten.

Der Kornellenstrauch.

Von Leo Sternberg.

Wenn das Schmelzwasser noch feenartig in den Ackerfurchen steht, obwohl die Goldtroddeln der Hasel schon im kahlen Gehölz baumeln; wenn das fuchsrote Raschellaub der Buchenhecken noch nicht vom Sturm hinweggefegt ist, obwohl der Vogel Spitz-die-Schar schon neue Tonfolgen übt; wenn die Asche dürren Gehälms und Gestäudes noch wie graue Straußenfedern auf den Brand­stellen der Wiesen liegt, obwohl die Schwarz- dornhecken schon beperlt sind von dem Gekom der kommenden Knospen; wenn die Waldberge noch grau und farblos das Tal umschweigen. obwohl das Gelächter des Spechts schon aus durchsäulten Wölbungen hallt; wenn trotz des smaragden schwellenden Mooses, trotz des ersten grünen Hörnchens an den Doppelseilen des Geis- blatts man der Frühlingsbereitschaft noch nicht glauben will, die in schläfrigem Märzwind uns umschmeichelt dann gibt eS einen Strauch, dessen Botschaft untrüglich ist.

Kahl steht er am Waldrand. Doch von ge- flügelten Engelsköpfchen ist er umschwebt. So nannten wir als Kinder die noch in die Knospe geschlossenen Dlütendolden, die jeden Zweig be­krönen, rechts und links von zwei spitz zusammen­gerollten Laubblättern beflügelt, ilnb brachen ein Stäbchen ab und trugen e« wie ein Früh­lingsszepter vor uns her.

Fast sieht es noch aus wie dürres Holz. Wir aber wissen: Wenn der Kornellenstrauch das Szepter mit dem silbergrauen Knaufe trägt, so sind die Regenwolken nur noch ein dünner Schleier, und ein leichter Wind braucht nur zu wellen, so lichtet er sich auf, und die Welt ist blau.

Mag es noch Winter sckeinen. Mag noch niemand den Keil der Wildgänse haben nach Rorden ziehen sehen; mag noch nirgends Weiden­goldhaar in den Lüften schaukeln, noch nirgends eine verfrühte Lerche steigen, noch kein Insekt durch blaffe Mittagfonne flirren die Früh- lingsenglein umflügeln den Strauch.

Ach, bliebe doch das Knospenwunder! Diel zu schnell erfüllt sich seine Verheißung. Daß wir das Wachstum fesseln könnten! Viel zu schnell spannen faltig durchstielte Doldenschirme sich auf, in denen kein Engelsköpfchen mehr zu erkennen ist. Diel zu schnell entrollen sich derbe gerippte

Die Besichtigung der ausgestellten Tiere fand von 9 bis 11 Uhr statt, bann begann die Bersieige - rung, die sich bis gegen 2 Uhr hinzog. Auf den Verlauf der Versteigerung hatten allerdings die der­zeitigen schwierigen Geldverhältnisse insofern Ein­fluß, als der Gang des Verkaufs etwas langsam und chleppend war und die Ergebnisse nicht in vollem umfange den Erwartungen entsprachen. Die Ver­kaufspreise waren als gut zu bezeichnen, kam doch im Durchschnitt ein Tier auf 720 Mk., ein Betrag, der bei der letzten Versteigerung nicht ganz erreicht wukde, obwohl damals die Spitzenpreise bedeutend höher waren.

Nachstehend das Ergebnis der Versteigerung: Den hoch st en Preis mit 1100 Mark er- Sielte Bürgermeister Garthe zu Rodenbach, Kau­er blieb die Gemeinde Lang-Göns. 860 Mk. erhielten ie Züchter Karl Meißner, Ober-Hörlen bei Bie­denkopf und Versuchsamt der Landwirtschastskammer Selgenhof (bzw. Wilh. Theis, Busenborn); Käu­fer waren die Gemeinden Groß-Felda und Leih­gestern. Weitere Käufe: Züchter Konrad Stein­haus, Heskem, für 840 Mk. an Stadt Schotten, Dr. W. R i t g e n , Wormeln, für L10 Mk. an Ge- meinbe Gambach; W. Debus, Aßlar, für 810 Mk. an Gemeinbe Heuchelheim bei Gießen, Konrad Held, Reiskirchen bei Wetzlar, für 800 Mk. an Gemeinde Großen-Linden, W. Bender VI., Neu­kirchen, für 740 Mk. an Gemeinde Dreungesheim bei Schotten, Ernst Zimmer, Bingmühle bei Sauter, für 720 Mk. an Gemeinde Groß-Seelheim, Wich. Tusch, Atzback, für 720 Mk. an Gemeinde Mainz­lar, Hch. Rühl, Aßlar, für 710 Mk. an Gemeinde Leun (Kr. Wetzlar), ein Gebot von 710 Mk. erhielt Hch. Krug, Silburg; ferner verkaufte Ad. Mom- b e r g e r für 680 Mk. an Joh. Decker, Fronhausen an der Lahn; Hch. Garthe, Bodenbach, für 660 Mark an Gemeinde Busenborn bei Schotten, Konrad Steinhaus, Heskem für 640 Mk. an Gemeinde Allendorf a. b. L., Dr. W. Ritgen, Wormeln für 630 Mk. an Hch. Ruth, Nieder-Walgern, Äonrai Reinhold, Rodenbach, für 530 Mk. an Gemeinde Dberroeh, Karl Pfaff, Launsbach für 550 Mk. an Gemeinde Hohensolms, Ehr. H a g e b u s ch aus Vöhl für 470 Mk. an Hch. ßöber, Werda bei Marburg, Ludwig Gornert, Queckborn, für 450 Mk. an. Adam Erke! in Melnau bei Marburg. Von weib­lichen Tieren wurde ein 3-jähriges Rind für 550 Mark verkauft.

Daten für Samstag, den 10. Marz.

Sonnenaufgang 6.26 Uhr, Sonnenuntergang 17.55 Uhr. Mondaufgang 22.20 Uhr, Monduntergang 8.06 Uhr.

1772: der Dichter Friedrich von Schlegel in Han noocr geboren (gestorben 1829); 1776: Königin Luise von Preußen in Hannover geboren (gestorben 1810); 1788: der Dichter Joseph von Eichendorfs in Lubowitz geboren (gestorben 1857); 1813. Stiftung des Eisernen Kreuzes durch Friedrich Wil­helm III.; 1873: der Romanschriftsteller Jakob Wassermann in Fürth geboren.

Bornotizeu.

Tageskalender für Freitag. Stadt­theater: 7.30 Uhr,College Crampton" (Ende nach 10 Uhr). V. H. C.: Monatsversammlung. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Der fidele Bauer". Ästoria-Lichtspiele:Toms gefährlichstes Abenteuer". Vom Stadttheater wird uns geschrieben: In der Sonntags-Operetten-DorsteUung sind in den Hauptrollen beschäftigt Fräulein Käthe Itter als FörsterchristeL und Direktor D e w a l d alsKai­ser"; für diese Rollen eriftiert zur Zeit an keiner deutschen Büyne eine bessere Besetzung. Weiter sind die hier bestens bekannten Sängerinnen Frau F. (9 i e r g a und Fräulein Anny Dttenbörf er be­schäftigt.

Der Bauersche Gesangverein ver­anstaltet in der Reuen Aula der Universität am Samstag, 10. März, abends 8 Uhr ein Kon­zert für seine Mitglieder, und am Sonntag. 11. März, nachmittags 4 Ahr ein Konzert für die breite Oesfentlichkeit. Mitwirkende sind Frl Elsa Schade (Sopran) Kassel, Herr Juliuö Hahn (Klavier) Gießen und ein Hornquartett. Der erste Teil der Vortragsfolge ist Deutschlands größtem Liederfürsten, Franz Schubert, zum Ge­dächtnis gewidmet. Im zweiten Teil des Pro- gramms gelangen Chöre und Lieder von Brahms, Kaun, Trunk, Othegraven, Reumann, Heinriche und Hanemann zum Vortrag. Die Sopranistiir Frl. Elsa Schade- Kassel hat in Konzerten iit

Blätter, die nicht mehr an Flüglein erinnern. Rur ein Starres blieb dem entfalteten Strauch, als wenn noch die Zeiten des Knospens wären. Aber was ihm wohl anstand, als er dem Lenz das Szepter voranzutragen hatte, versöhnt uns nicht mit der Hölzernheit grüner Belaubung.

Hartriegel heißt er. Das Wunder ist fort. Schlammbienen, Aasfliegan und Geschmeiß gleißen giftig auf gelblichen Doldenbeuteln.

Oie Bevölkerungsbewegung in Deutschland.

Die vorläufigen statistischen Ergebnisse über 6ie Bevölkerungsbewegung in Deutschland von 49 deutschen Großstädten im Jahre 192* werden soeben vom Reichsgesundheitsamt vek" öffentlicht. Danach hat die Zahl der Ehe» schließungen im Jahre 1927 zugenommer- Dagegen ist eine Abnahme zu verzeichnen b(i der Geburtenziffer, indem auf 1000 Sir» wohner 14,6 Lebendgrborene kamen gegenüber- 15,2 im Jahre 1926. Eine geringe Zunahme M die Sterbeziffer erfahren, die von 11,1 irr Jahre 1926 auf 11,6 im Jahre 1927 gestiegen W Einen erheblichen Rückgang weist die Zahl btc Säuglingssterblichkeit auf. Die Vei» hältniszahl der unter einem Lebensjahre Gestoi» benen beträgt nur 88,5, während im Jahre 192c diese Ziffer noch 95,2 betrug. Ebenso gurfid» gegangen ist die Zahl der an Tube rfulofe Gestorbenen, die im Jahre 1927 nur ntra 0,96 betrug gegenüber 1,17 im Jahre 1925. Gin? erfreuliche Feststellung ist ein weiterer Rückgang der Sterblichkeit an K i n i) b c 11 f i e b er die nach den standesamtlich gemeldeten Geburten auf 1,0 im Jahre 1927 gefallen ist gegenüber 1.2» im Jahre 1925. Derselbe Rückgang ist auch 6m Kindbettfieber nach den Fehlgeburten zu her» zeichnen. Hinsichtlich des S e u ch e n st a n d es verlief für Deutschland das Jahr 1927 ebenfalls günstig Die Zahl der übertragbaren Kran!» heilen an Unterleibstyphus, Ruhr, K ndbei!» fieber, Pocken ist erheblich im Rückgang gegeniw« dem Jahre 1925 gewesen. Eine geringe Zunahn« haben die Erkrankungen an Diphtherie uvB Gen ick starre aufzuweisen gehabt. Dagegv^ sind ziemlich stark aufgetreten Scharlach uns spinale Kinderlähmung. Bei beiden übertragbaren Krankheiten hat auch die Za? I der Todesfälle erheblich zugenommen.

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