Ausgabe 
8.11.1928
 
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Kr.264 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 8. November 1928

Oie Besteuerung der Wanderbeiriebe in Hessen.

Ter neue wewcrbesteuergesetzeutwurf.

Mit Zustimmung des hessischer Gesamtministe- riums legt jetzt der Finanzmirnster fernen Gesetz­entwurf über die steuerliche Erfassung der Gewerbebetriebe im äl mH er­ziehen vor. nachdem bereits von zahlreichen Parteien des Mittelstandes (Dolkspartei, Zen­trum und Demo traten) dem Minister entsprechende Anträge gestellt worden waren. 3n Hessen ist tie Besteuerung des Gewerbebetriebes ün Umher- -iehen durch Gesetz vom 22. Dezember 1900 bzw. 31. März 1909 geregelt. 3m 3ahre 1922 und 1923 wurden durch die veräirderten Geldverhaltnisse veranlaßte Umstellungen ber St.uertar fsähe vor­genommen. Es kaim also festgestellt werden, daß mit unwesentlichen Abänderungen die seit 1900 cingettxknen Umwälzungen auch auf wirischaft- tichem Gebiet auf das Gesetz ohne Rückwirkung geblieben sind. Daher wollen auch die Kla­gen der ortsansässigen Gewerbe­treibenden der kleinen Städte und Gemein- ben des flachen Langer über den sich immer stärker auswirkenden Hausierhandel nicht verstummen, der steuerlich nicht so hart erfaßt wurde, wie bas ansä sige Gewerke. Dies trifft besonders zu bei Hausierbetrieben, die im größeren Umfange be­sonders mit Fuhrwerken oder Kraftwagen aus­geübt werden. Eine besiz^dere Stellung nehmen dabei die sogenannten Autoläden ein. Ueber diese neuartige Absahform größerer Firmen wird namentlich von der ansässigen Ge­schäftswelt in Oberhessen geklagt. Richt nur der Kleinhandel, sondern auch der Groß­handel erleidet durch dieses Grohhausierwesen einen beträchtlichen Absahausfall.

Der neue Gesetzentwurf will auch den da ent­stehenden steuerlichen Gefahren entgegcntoirfen und schlägt vor, die Tarifsätze für das Wander­lager auf das Doppelte zu erhöhen und die derzeitigen Höchstsätze für das Hausiergewerbe, Detailreisende, Wusikaufsührungen. Schaustellun­gen und dergleichen entsprechend zu erhöhen. Die Autoläden sollen besonders ersaßt wer­den, indem hier die Steuer bis zu 5000 Mk. er­höht werden kann. Auch die anderen deutschen Länder mußten in ähnlicher Weise Vorgehen. Zur leichteren Erfassung durch die Steuerämter werden Wcmdergewerbetreibende, die in Hessen feinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben, durch das Finanzamt besteuert, in dessen Bezirk das Wandergewerbe erstmalig ausgeübt wird oder werden soll.

3n Artikel 3 des Gesetzes werden die neuen Tarifsätze festgese,t. Aus ihnen ergibt sich, daß das sogenannte kleine Hau iergewerbe, (Sammeln von geringwertigen Erzeugnis en. wie Lumpen u. dgl., Scherenschleisen. Kesselflicken, mit 2 bis 30 Mk. besteuert werden soll. Der Handel mit gewöhnlichen Lebensmitteln u. dgl. mit 6 bis 40 Mk., mit geringwertigen Haushaltungs- und Wirtschaftsbedürsni sen, namentlich auch selbst­verfertigter Waren, mit 8 bis 50 Mk. Der übrige Hausierhandel mit Kurz-, Galanterie- und Weiß­waren, Glas-, Porzellan -, emanierten Geschirr­waren, Schreibmaterialien, Di dem, Kolonial-und Spezereiwaren, der Handel mit Dieh, Photo­graphieren. Dreschen mit Maschinen usw. wird mit 20 bis 500 Mk. besteuert, bei erheblichem Betriebskapital oder Umsatz mit 200 bis 5000 Mark. Für Detailreisende mit großem Unftatz kann die Steuer bis auf 400 bzw. 2000 Mk. er­höht werden. Musikauf ührungen. Schaustellungen, theatralische Dorsührungen und sonstige Lustbar­keiten werden bei untergeordneter Art mit 2 bis 30 Mk. (2 bis 500 Mk.), bei besserer Art oder größerem Umfange (Schauschießbud.n. Menage­rien. Theatergesellschaften) mit 12 bis 120 (12 bis 3000) Mk. besteuert. Die Sähe für Wanderlager werden vorgeschlagen in Gemeinden bis zu 3000 Einwohner mit 80 bis 160 Mk.. in Gemeinden bis zu 10 000 Einwohnern mit 120 bis 240 Mk. und in Gemeinden über 10 000 Einwohnern mit 150 bis 300 Wk. Hieraus geht hervor, daß der kleine Hausierhandel, der durch die schwere wirt-

Worte über Dämmerung.

Von Anton Schnack.

Sie, die Krankheit des Hördens, wirft ihr Ge­spinst schon früh in die Aachrnittage. Das Herz wird klein und zum Verzagen geneigt. Die Hand­voll Licht, die der Tag spendet, ist bald ver­braucht.

Die Lust ist mit Rebeln gemischt. Mir fallen Raben em. Mir fallen Wälder ein, aus denen die Tiere geflohen sind.

3ch sitze im Grau. 3d) hocke im Grau. Wo ich bin, ist Grau. Wohin ich sehe, ist Grau. Die Häuser, die ich anschaue, sind graue ungefüge Zwingburgen.

Die Menschen, mit denen ich sprach, waren grau-, richtige Salzpfeffermenschen voll Fältchen, ftchtlosen Augen, gerunzelten Stirnen, eingedrück­ten Schultern, Reid im Herzen, Falschheit hinter dem listigen Blick. Dämmerung und graue Lust Und Fleisch und Blut in ihnen geworden.

3d) erwarte nur noch die Wölfe, die Regengüsse und di^ Schneegestöber. ...

Manche lieben den Hachmittagswirrwarc der Eafos, die Sprünge der blauen Bajazzos im Theater, den vornehmen Gong der Hotels. Meine Hingabe an die Bücher ist groß: Alte rußige Landkarten ziehe ich hervor und mein Gedankrn- spiel durchkreuzt die Meere. An den kanarischen 3nfeln legt es Anker. ...

Llus der kleinen Glasuhr rinnt die Zeit mit dünnem Schlag m das Richts: ein Uhr ... zwei Uhr ... sechs Uhr ... zehn Uhr ... Mitter­nacht ... Morgengrauen .. Mittagsstunde . . Rachmittag. . .

Unter dem Hut der Schreibttschlampe fammelf sich eine Wolle Zigarettenrauch. Blau und Grau. 3ch schreibe mit dem Finger hinein, irgend etwas, den Hamen Assuan, den Ramen Bali, den Hamen Margherita. Kaum geschrieben, verwehen die Zeichen. Keine heiße weiße Stadt, kein silberner 2nselstrand, kern lächelndes Zaubergesicht glüht heraus. Und der Rauch wird grauer als die Gräne der späten Stunde.

schaftliche Lage heute von einem größeren Per- sonenlreis als früher betrieben wird, nach wie vor mit niedrigen Anfangssteuersähen belegt werden soll.

Königsberger Gespräche.

Reue Besprechungen zwischen Polen und Litauen, die in dieser Woche in Königsberg wieder aufgenommen wurden, haben nicht lange gedauert. Sie sind am selben Tage schon geplatzt mit der Feststellung, daß eine Einigung unmög­lich sei. Uebriggeblieben ist lediglich eine leise Möglichkeit, durch Derhandlung zwischen den un­mittelbar beteiligten Ressorts, den Warenaus­tausch zwischen den beiden Cänbem wieder anzu- kurbeln. Was nun werden soll, ist im Augen­blick kaum zu übersehen, die Lage wird schwierig und schreit geradezu nach einer Einmischung des Völkerbundes, der sid) bisher an dem Kon­flikt vorbeigedrückt hat, weil viel Lorbeeren dabei für ihn nicht zu ernten sind, nachdem er einmal zrigelassen hat. daß Polen mit Gewalt den Li­tauern das ganze Gebiet von Wilna raubte.

Polen hat es sehr leicht, jetzt auf die Wieder- ankurbelung normaler Beziehungen zu drängen, es verlangt dabei als selbstverständlichen Preis, daß Litauen sich mit dem Verlust seiner ver­fassungsmäßigen Hauptstadt Wilna abfindet. Das Ziel Polens ist also, die wirtschaftlichen und verkehrspolitischeir Rachteile, die üjm durch die Absperrung Litauens nach dem RaubeWilnas entstanden |üxb, wieder auszugleichen aber ohne daß Litauen Wilna zurückbekommt.

Eine )oiche Politik lann natürlid) Woldemaras nid;t mümadjen, weil er von den nationalistischen Elementen abhängig ist, die ihn in den Sattel gesetzt haben. Er wäre in dem gleichen Augen­blick unmöglich, wo er in irgendeiner Form auf Wilna verzichtete. Aber das will ja gerade Polen, und man muh zugeben, daß Zaleski seine Taktik sehr geschickt eingerichtet hat. Er ist, auch während der Verhandlungen vor dem Rat in Genf, der Entgegenlommende gewesen, er hat stets den Eindruck zu erwecken gewußt, als ob er den Litauern goldene Drücken baute, die Wol- demaras nicht betreten konnte: und weil der Völkerbundsrat nun einmal den Raub Wilnas als eine gegebene Tatsache ansieht, ist er durch die Halsstarrigkeit des Litauer Diktators nervös geworden.

3eder nxöchte gern den unbequemen Streit aus der Welt haben, der wirtschaftlich auch auf Rußland und Lettland hinüb erspielt. Riemand aber wagt, ben Polen zu sagen, daß die ganze Geschichte in Ordnung ist, sobald Wilna tnießer litauisch wird: also muß jetzt der Völkerbund wieder etngreifen, und die Polen werden es schon so cmzmnchten wissen, daß Litauen dadurch noch mehr ins Unrecht gesetzt und gezwungen wird, wenigstens den gegenwärtigen Besitzstand Polens anzuerkennen. Woldemaras hat nur die eine Hoffnung, daß er bei Deutschland eine Rückendeckung findet, die aber wieder dadurch bedingt wird, daß er alle Streitigkeiten mit Deutschland aus der Welt schafft und vor allen D'mgen b.e Memeldeutschen anständig behandelt, wovon bisher leider sehr wenig zu merken ge­wesen ist.

anztm-jr.-wiiuw«.....wumm niiin 11 m Iran

Vor zehn Jahren im Wald von Lompiegne.

Oer Abschluß des Waffenstillstands im Salonwagen des Marschalls Foch. - Erbittertes Gingen um die Höhe des Besahungöheers.

3n diesen Tagen erschürft zum ersten Wale das gesamte M fterial der Deutschen Waffenstittstandslommifsion von 1918 *) im Verlage der Deutschen Verlags gesellschast für Polittk und Geschichte m. b. H. in Ber­lin. Wir bringen aus dem gerade in diesen Tagen brennend altuellen Material einige hochinteressante 2lbschnitte zum Abdruck.

Mit derselben Pünltlichkeit und Vehemenz, mit welcher der Weltkrieg an der Westfront einsehte, ging er dort auch zu Ende.

Qiod) tobte am 8. Rovember 1918 der Kampf. Richt ohne Lebensgefahr hatte die deutsche Was- fenstillstandskommisfton sich an diesem Tage ihren Weg über die Schützengräben hinweg zu dem Hauptquartier des Oberkommaadierenden der al­liierten Armeen, Marschalls Foch, im Walde von Compiegne suchen müssen. Die unerhört harten Waffenstill,'ta d-bedingungen, welche Mar­schall Foch durch seinen Generalstabschef den deutschen Delegierten verlesen lieh, nahnen nicht nur diesen nahezu den Atem, ja, sie wirkten in der gärenden Heimat, die wahrlich in den Kriegs- jähren schon viel erduldet hatte, damals wie ein unerwartetes, vernichtendes Gewitter. Rachdem dann schweren Herzens die Reichsregierung in Berlin im Einvernehmen mit der Obersten Hee­resleitung In Spa am 10. Rovember 1918 die Annahme der Bedingungen beschlossen hatte, wurde noch am selben Tage Staatssekretär E r z -

*) Der Waffenstillstand 19181919. Das Do- f umen tenma ter ial der Waffenstillstands Verhand­lungen von Compiegne, Spa, Trier und CB rüffel. Rotenw ch'el, De h ndu gsproto ll>, De t äge, Eesarnttätigkeitsbericht. 3m Auftrage der Deut­schen Waffenslillstandskommisfton in Verbindung mit General d. 3nf. a. D. Hans Freiherrn von Hammerstein, ehern. Vorsitzenden der Deutschen Wafsenstillstandslommission Spa, und Otto Frci- herrn von Stein bevaud gegeben von Dr. jur. Ed­mund Marhefka, ehern. Mitglied der Deutschen Waffenstillstandskommission. Mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes. 3 Bände. 1928. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte m. b. H., Berlin W 8.

berger zur Zeichiurng des Vertrages ermäch- tigt. 3n der Rächt zum 11. Rovember gelangte das Ermächtigungstelegramm in die Hände Erz­bergers, der sich noch in Fochs Waldquartter bei Compisgne befand. Sogleich sand dann um 2.15 Uhr nachts im Salonwagen des französischen Marschalls die denkwür­dige Sitzung statt, welche dem mehr als vier­jährigen blutigen Ringen an der Westfront ein Ende machte. Dis nad> 5 Uhr morgens zogen sich die Verhandlungen hin, um dann mit der Unterzeichnung des immer noch über alle Maßen harten Vertrages zu enden. Um 11 Uhr vormittags trat dann endlich Waffenruhe ein. Eine der blutigsten Tragödien der Mensch­heit hatte ü)ren Abschluß gefunden.

Der Unterzeichnung des Waffenstillstandsver- ttages ging jedoch noch ein erbittertes Feilschen um eine Mäßigung der Bedingungen voraus. Aus den trübseligen nächtlichen Verhandlungen seien hier einige bemerkenswerte Stellen wieder- gegeben.

Zu Artikel IX der Waffenstillstandsbedingun­gen fragt Staatssekretär Erzberger, wie hoch im» gesähr das B esa tz u n gs heer der Alliierten auf dem linken Rheinuser sein wird, um die finanzielle Tragweite dieser Bestimmung beur­teilen zu können.

Marschall Foch: 50 Divisionen, Elsah- Lothringen ausgeschlossen, sollen in das links­rheinische Gebiet gelegt werden.

Staatssekretär Erzberger: Diese Zahl kann auf diesem Gebiet gar nicht untergebracht werden. Wir hiben in ganz Deutschland im Frieden 25 Armeekorps, also 50 Divisionen. Davon liegen etwa 21/» Armeekorps auf der linken Rhnnseite, Elsaß-Lothxingin ausgenom­men. Das war die Friedensbesatzung, die wir dort hatten in der Rahe der französischen Grenze. Die Bevölkerung, die dort in Betracht kommt, ist teilweise stark industriell Saarbrücken, Aachen, ferner weinbautreibend in den tief» eingeschnittenen Tälern der Mosel: sie ist arm in der Eifel mit nur Viehwirtschaft. Die Möglich­keit einer geordneten Verpflegung durch Hequifi»

Es ist Zeit, die kleinen vergilbten Medaillons zu betrad)ten, auf die mit betulichen Farben Ge­sichter der Vergangenheit gemalt sind. Das alles lebte. Das alles hatte einmal 3nbrunst im Herzen und Gedanken hinter der Stirne. Das alles hatte einmal Träume in der Seele und Wünsche im Blute. Durch sie alle ist einmal das Leben hindurchgebraust und bäumte sie auf in Ehrgeiz, Leidenschaft, Bosheit, Ruhmsucht, Krankheit, Wollust unb Laster. Schmerzliche Stunden waren auch über sie gekommen, wo sie mit zusammengefalteten Händen im Schoße müde basahen.

3ch habe Lust.^mein Geschlecht zu überschauen. Aus alten Phvtographienbüchern, von dicken 3ugenbstilgirlanben eingefaßt, steigt mir entgegen die Reihe der Basen und Vettern, Vater, Groß­vater und Urgroßvater, Mutter, Großmutter unb Urgroßmutter. Von allen ist ein Hauch in mir. Mit allen verbinbet mich ein unsichtbares Ge­heimnis des Blutes, ein Hin- unb Her gehen dec Wahrnehmungen, ber Ahnungen, ber Traurig­keit, plötzlich aufschießender Lust unb merkwürdi­ger Fernsucht unb Lebensgier.

Den ich am meisten betrachte, einen Mann mit hoher Stirne, jähen Augen, schwarzen Haaren und leidenschaftlichen Händen, ist ein Bruder meines Vaters gewesen. Er verschwand, plötz­lich, an einem Abend erzählen sie, es regnete. Cs war ein grauer 'Abend. Er sagte zu niemand ein Wort, er ging nur hinweg.

3ch verehre unb betounbere ihn sehr, da er so einfach nahm, was die anderen so schwer und wichtig nehmen. 'Der hinter sich die Türe schloß, als ginge er zu einem Spaziergang hinaus. Der wegging, als ginge ihn alles nichts an: nichts mehr an das ermüdete Gesicht der Mutter, der knackende Uhrgang, der Katzenleib vor dem Ofen, die Worte, die sie sprachen, die Speisern die sie aßen, ber Wein/ ben sie im Keller noch hatten, das ewige Gegenüber bcs Rachbarhauses, ihr gezwungenes unb breites Gelächter, ihr sorgen­volles Bemühen, ihre kleine Raseweisheit.

Damals war auch die Sömmerung. Regen war da, grauer unb trostloser Abend. Wie heute. Unb vielleicht tue ich es wie er. . ..

Oer Dichter im Koloffeum.

Von Gustav W. Eberrein, Vom.

Das Kolosseum ist, wie man weiß, Leine Kleinig­keit. Vom Flugzeug aus gleicht es einem riesigen Krater, der sich rornverschlingend zwischen Meer und Hügeln aufgetan hat. Tritt man ein, durch die fielen Zwiebelwände hindurch, deren jede so dick ist, wie ein bequemer Logengang eben sein muß, so kriegt man cs mit einem Schauder zu tun, weit frömmer als der in Poseidons Fichten­hain. Deirn ein Fichtenhain kann vergehen, aber das Kolosseum, so sagt das Sprichwort, wird so lange bestehen, als Rom besteht, imb solange Rom besteht, wird die Welt bestehen.

Diese Wucht! Diese Weite! Wahrscheinlid) über die genauen Maße sind sich die Topographen noch nicht einig könnte man die Peterskirche, in der wieder sämtliche anderen Kirchen der Welt wie in einer japanischen Schachtel Platz hätten, in das graurcte Gemäuer hineinstellen. Fünfzig­tausend Menschen konnten hier jeden Tag ins Theater gehen, ohne sid) zu stoßen. Die Eröff­nungsvorstellung verschlang ncuntau end wilde Tiere und eine, unbestimmte Summe, jedenfalls eine Unsumme, von Gladiatoren. Die Bestien hat man gezählt, die billigeren Menschen nicht. Eäsar Mussolini versammelt zuweilen einige Legionen seiner Echwarzhcmden in der Arena, dreißig- laufend, sechzig tausend, eindringlich sieht das aus. Oder es huldigen ihm, alle in der gleichen schwarzseidenen Uniform, die piccole Italiane, die kleinen faszistischen 3talienerinnen der Zugend­verbände. und dann stehl man erschüttert vor so viel rührender Kindheit.

Rod) niemals haben die Fremdenmafsen das Kolosseum zu füllen vermocht, nicht einmal im heiligen 3ahre. wo ungezählte herbergslose Pilger dort übernachten mußten. 3n Mondnächten ist es das Ziel der Liebespärchen, und alle, alle kommen unter, obwohl es in Rom sehr viel Liebespärchen gibt.

Reinhardts kolossale Bühnenbauten schrumpfen vor den Kulissen des Kolosseums zu Trickbilder­chen zusammen und was wir gewaltig, grandios, phänomenal und kolossal finden ach, in die'em Raum, nach dessen Ramen wir die größten Größen bezeichnen, sieht alles bloß aus wie große Worte. So weit sind die Entfernungen, daß die der

tionen ist also nicht vorhaixben An Lebens­mitteln kann dieser Gegend nichts toeggenommen werden ich spreche mit aller Offenheit, wenn 50 Divisionen in sie gelegt werden sollten, da sie bereits im Frieden vorn Zuschuß aus dem übrigen Deutschland und Zufuhr aus dem Aus­lande lebte. 50 Divisionen würden auch gar nicht untergebracht werden können, wenn nicht die ganze Bevölkerung weggejagt werden würde. Kaseraren sind mir in Saarbrücken, Saarburg, Düren. Trier, Koblenz, Aacben. 3ülich, Euskir­chen, Köln, Bonn und dann in der Pfalz in Landau, Zweibrücken und einigen anderen Orten.

Marschall Foch: Die Vergleichung mit bei Ef­fektivstärke der Friedenszeit ist falsch. Die Be­satzungen werden nid)t beibehalten, wenn es un­möglich ist, eine solche Truppenzahl in diesen Ländern imterzubringen.

Staatssekretär Crzberger: 3ch weiß, daß ein Vergleich zwischen der Friedensstärke mit dem Besatzungsh,ere im Kriege nicht gezogen werden kann. 3ch wollte nur ein Bild geben, was wir an unserer Westfront im Frieden dort gehabt haben, um zu zeigen, daß keine Unter- kunftsmöglichkeiten vorhanden sind und daß eine Besatzung von 50 Divisionen den totalen Ruin dieses ganzen Landes im Gefolge haben müßte. Die Zivilisten mühten ihre Woh­nungen verlassen, die Schulen müßten geschlossen werden. Wenn dazu ein harter langer Winter mit hohen Schneefällen kommt, so würde unsere Zivilbevölkerung besonders in der Eifel, wo wenig Eisenbahnen vorhanden sind, da die Truppe stärker ist als die Zivilbevölkerung, ein« fad) dem Ruin entgegengeführt werden, und das ist bann Waffenstillstanb?

Marschall Foch: Die Zahl von 50 Divisionen soll alsgrand Maximum angesehen werden. 3ch kann nicht genau besttmmen, was für Trup­pen in diese Gegend gehen werden, aber ich bin gezwungen, diese Besatzung so anzugeben. Die Stärken der französisc^m, belgischen, englischen unb amerikanischen Divisionen sind auch verschie­ben. 3ch werde die Besehmrg mit möglichst wenig Truppen zu verwirklichen suchen, abel­ehre genaue Zahl kann ich nicht angeben.

Staatssekretär Erzberger: 3ch möchte hierdurch an die Vertreter der englischen Regierung die Frage stellen, wie sie sich die Räumung O st - afrikas von deutschen Schutztruppen und deren Angehörigen innerhalb eines Monats eigentlich vorstellen. Sotten diese Truppen in ihr deutsches Vaterland zurückgebracht werden, oder sollen sie in die benachbarten englifd)en, portugiesischen oder belgischen Kolonien, also überall in Feindesland, übertreten? Unter allen Umständen aber ist die vorgeschlagene Feist viel zu kurz. Sotten deutsche Schiffe die Schutz­truppe abholen, so brauchen sie bei Umgehung des Suezkanals mindestens sechs Wochen, bis sie in Daressalam anlangen. Der Abmarsch her­unter Führung des tapferen Generals 2c t - tow-Dorbeck stehenden Schuhtruppen an die Küste vollzieht sich unter denkbar schwierigsten Verhältnissen. Der Mangel an Eisenbahnen zwingt sehr wahrscheinlich, daß der Weg z u Fuß vollzogen werden muh. Will man tat­sächlich dieHäInnung so, wie jene Truppe es verdient hat, durchfuhren, so »nutz eine er­heblich längere Frist hierfür gewährt werden.

Äat>itän z. S. Vanselow: Der Termin kann unmöglich eingehalten werden, da weder ein Dampfer in der Zeit in Ostafrika eintteffen kann, noch die Wahrscheinlichkeit vorliegt, daß der tapfere General Lettow-Vorbeck mit seiner Truppe in einem Monat an die Küste gelangen könne.

AdmiralDemytz stimmt den vorgebrachten Be­denken zu, will aber die nähere Vereinbarung den Lttliierten überlassen.

Staatssekretär Erzberger: Uebernimmt die eng­lische Regierung die alsbaldige Benachrichtigung des Generals Lettow-Vorbeck von dieser Be­stimmung ?

Adnllral Wemhß sagt dies zu.

Kaiserloge gegcnüberfihende Obervestalin, oder auch die Liebliirgsvestalin, den Cäsar durch Zei- cheir lenken, ihm bedeuten mußte, ob er den Dau­men nach oben oder nach unten zu drehen hatte, um die Dolkssttmmung zu treffen.

Und nun hören Sie zu. 3n diesen nach Weltall riechenden Raum geht ein normal aussehender Mensch hinein, stellt sich in die Mitte und sagt Verse auf. Deklamiert Gedichte. Lyrik. Selbst­gemachte.

Gedichte machen, nun ja. die Kinder spielen ja auch Eisenbahn und Hochzeit. Aber daß er­wachsene Menscheir- so etwas noch tun, das erregt in manchen fortgeschrittenen Ländern mit Recht Aufsehen. 3n 3talien nicht. 3n Rom lädt ber Poet noch immer öffentlich dazu ein, sich an der blitzzerspellten Eiche des Torquato Ta,so auf dem 3aniculus zu versammeln dort werde er seine neuesten Verse vortragen. Unb nie hat er sich über Mangel an Zuhörern zu beklagen. Die Lokaldichter sind in der ewigen Stadt noch heute fast so geschäht wie seinerzeit Pasquino, der Spötter, der ein Schuster war wie Hans Sachs. Es ist aber durchaus keinPasqulll. was ich berichte, der Dichter im Koloßeuin trägt, wenn noch nicht den Lorbeer, so doch die Krone des Heilgen Ernstes. Und eine unfaßbare Kühnheit im Herzen.

Diesen Sonntag stand eine Künstlerin in der Arena und deklamierte eine Ode von Byron. Dann stellte sie einen Avanguardisten, einen 3üngling des Vortrupps vor, ber als jung- junger Poeteinige seiner lyrischen Gedichte sehr gut vorgetragen und einen großen Beifall errungen hat". 3a, so steht das in der Zeitung. Stetten Sie sich vor, Herr Repomuk Semmelbrink ginge in das Berliner Stadion und sagte seine Hausgebackenen Gedichte auf--

Vielleicht liegt das Geheimnis des faszistischen Sieges in der feierlichen Unbekümmertheit, mit der ein junger Mann, nicht fürchtend ben Hauch antiker Gewalt, ins leere Kolosseum geht, ben ungeheueren Dühnenraum hx die Schranken for­dernd, um dort etwas zu tun, worüber andere junge Männer lächeln würden. Und mit ihnen die Menge, der blutige Boxerfäuste weit inter­essanter dünken, als die Herzenseinfalt, die gleich denr Prediger in ber Wüste ein lyrisches Gebet verrichtet, feien nun Zuhörer da oder nicht...