Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheifen)
Donnerstag, 8. März 1928
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Seipel ist der starke Mann
ist, als ob die in den Verkehrs und unserer
Macht. Er hat keine Macht nach außen hin; der von ihm vertretene Staat ist der Prügelknabe Europas. Er hat kaum Macht im Innern;
Nationen benutzte. Es Dienst des menschlichen
des der
ins Reich wertvoller als die Hebung Fremdenverkehrs durch eine Sihverlegung Völkerbundbureaus.
Von Seipel hat eine englische Zeitung
abgedrückte Hnfallkoessizient des Personenver! hrs im allgemeinen aufweist. Wenn also immer wieder aus der kleinen Schar der Auserlesenen einer solchen tragischen Ereignisse zum Opfer fällt, so ist das eine Mahnung des Schicksals, die nicht ungehört bleiben sollte — eine Aufforderung, alle Kräfte zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft einzusetzen, um ein vollbrachtes Werk hinterlassen zu können, wenn eine unerbittliche Hand unvorhergesehen eine glairzvolle Laufbahn unterbricht.
leicht mit naturalistischem Hustenreiz und unmotivierten Lachanfällen ein wenig zu viel getan wurde. Die Rolle verträgt keinerlei äußere Ablenkung. Es ist schon schwer genug, sie halbwegs glaubhaft vom vierten zum fünften Akt hinüberzusteuern. Aber der Schauspieler muh tun, was der Dramatiker verlangt; mit Streichen ist hier nicht zu helfen.
Das rührende und liebenswerte Pärchen junger Menschenkinder (Gertrud und Max) wurde von Ingeborg Scherer und Hennig gespielt. Eine scharf umrissene, mit erfrischendem Humor begabte Kontrastfigur machte T a n n e r t aus dem älteren Strähler. Goll endlich war Cramptons getreues Faktotum Löffler, ein biederer Greis mit einem goldenen Heiden in der blauen Dienstmannsbluse; ben schlesischen Dialekt ersetzte er teils durch feines Hochdeutsch, teils durch Berliner Lokaltöne; es schadete nicht viel. Hnd wann hätte man je echte schlesische Töne in Hauptmanns Aufführungen gehört? Das ist ungeheuer selten. Dr.Th.
Am Mittwoch beriet der Ausschuß daS Kapitel „Polizei". Der Antrag Dr. Leuchtgens (Landbund), die Aufwandsentschädigung bei diesem und anderen Kapiteln um 50 Prozent zu kürzen, wurde zurückgestellt, dagegen fand ein sozialdemokratischer Antrag, die sachlichen Ausgaben zu kürzen, Annahme. Ein Antrag Ritzel (Soz.), die Kosten der Rahrungs- mittelkontrolle auf den Staat zu übernehmen, wurde der Regierung überwiesen. Ein Antrag Reiber (Dem.), drei Polizeioberleutnants in Gruppe 9 bzw. 10 einzustufen, wurde angenommen. Der von der Regierung in den Etat eingestellte Betrag von 40 000 Mark für Stellvertretungskosten, der zu 2lbge- ordneten gewählten Beamten wurde g e st r i -
Wandelhallen des Wiener Parlaments — denn er geht nicht: er schreitet — verneigen sich die Herren Volksvertreter rechts und links. Manchmal soll er sogar für einen Gruß gedankt haben. Gewöhnlich aber prallt das biedere „Grüaß Gott!" seiner älplerischen Parteifreunde und das giftige „Hab' die Ehre!" seiner Gegner aus den Wiener Arbeiterbezirken an der ehernen Maske ab, die er gar nicht so unsichtbar trägt. Maske? Oder Antlitz? Es ist kaum zu unter cheiden.
Diese Gegner haben einmal das Gerücht aufgebracht und in ihrer Parteipreise verbreitet, der Bundeskanzler liehe seine Mutter in bitterer Armut darben. Sie nennen das „Kampf mit geistigen Waffen" und sind darin wahre Meister. Natürlich war die Ge chichte vom ersten bis zum letzten Wort erlogen. Das Dementi erschien, noch ehe die Blätter der austromarkistischen Parteipresse trocken waren. Der Bundeskanzler, hieß es da, habe überhaupt keine leiblichen Verwandten. Seine Mutter sei schon vor Jahrzehnten gestorben. Und Wien dachte: Natürlich! Und niemand in Wien hätte sich vorstellen lön- nen, daß dieser unnahbare Priester eine richtige Verwandtschaft habe, so eine mit einem jovialen Onkel und einer blonden Ku'ine und allem lebenden Inventar der lleinbürgerlichen Kr ise, denen er entstammt, und daß er einmal als Bub in einem Park gespielt hat und daß er überhaupt einer Mutter Sohn sei.
Gr hat mehr Beziehungen zur Menschheit als zum Menschen. Gewiß, auch die Menschheit, also eine Gemeinschaft von immerhin recht ansehnlicher Bedeutung, ist nur ein kleiner Teil des Kosmos, in dem er lebt. Der in seinem Hirn lebendig ist. Aber für diesen Kreis lohnt es sich schon einzutreten. Besonders, wenn Menschheit-ideale sich in politische Konstruttwnen umsonnen lassen, die Wien wieder seine alte Bedeutung zurückgeben könnten. Paneuropa, Völkerbund, Heberstaat der Zukunft — es ist immer dasselbe. — Er unterscheidet sehr genau zwischen Volkstum und Staat. Hier — und nur hier — stellt er sich in bewußten Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der österreichischen Bevölkerung. Denn die Oesterreicher von heute, ganz ohne Rücksicht aus ihre Parteistellung, unterscheiden nicht. Sie sehnen den deutschen Nationalstaat herbei, das groß- deutsche Gebilde, in dem die Grenzen von Staat und Volkstum zusammenfallen. Vielleicht liegt es in ihrer Art, und vor allem in ihrer grenzenlosen Müdigkeit, daß dieses großdeutsche Ziel zuweilen mehr sehnsüchtig herbcigewünscht als aktiv vorbereitet wird; bewußtes und allgemeines Ziel ist es jedenfalls. Auch jenseits des lebendigen nationalen Ideals ist es dem Mann auf der Straße klar, daß der Absatz auf dem großen deutschen inneren Markt wichtiger ist, als ganz Paneuropa und Umgebung, und die immer sichtbarer in Erscheinung tretende Exportsteigerung
Die „Despotie der Mittel".
Der Wiener Essayist Boyneburg prägte bei Kriegsende das Wort von der „Despotie der Mittel", um anzudeuten, in wie hohem Maße die Geschicke der Menschheit, besonders in der Kriegführung, von dem Zwang der technischen Mittel bestimmt werden, die sie selbst geschaffen haben und deren sie sich zu bedienen glauben. Heber» blickt man anläßlich des jüngsten tragischen Verkehrsunfalls, der Europa in der Person Emil M a y r i s ch s . des Präsidenten der Internationalen Rohstahlgemeinschaft eines seiner grundlegendsten und wichtigsten Wirtschaftler beraubt, so wird einem die Bedeutung dieses halbphilosophischen Satzes in einem neuen Sinne, in bezug auf die modernen Verkehrsmittel klar.
Es ist geradezu erstaunlich, in wie hohem Maße Persönlichkeiten von Weltbedeutung unter den Opfern der Unfälle zu finden sind, die durch die modernen Verkehrsmittel und ihre Anwendung hervorgerufen werden. Frankreich hat im Lahre 1920 sein Staatsoberhaupt, den Präsidenten Paul D e s ch a n e l durch einen Sturz aus dem Eisenbahnwagen verloren, von dem sich das Opfer nicht wieder zu erholen vermochte, so daß nach seinem Rücktritt im Verlauf von weniger als zwei Lahren der Tod eintrat. Deutschland büßte durch den schrecklichen Eisenbahnunfall von Bellinzona einen seiner fähigsten Staatsmänner, den ehemaligen Staatssekretär und stellvertretenden Reichskanzler Dr. H e l f f e r i ch ein. 2m abgelaufenen 2ahre fiel einer unserer bedeutendsten und fähigsten Diplomaten, der deutsche Botschafter in Washington Freiherr v. M a l h a n dem Flugzeugunfall bei Schleiz zum Opfer. Und nun hat ein Autofall, der ihn auf der Fahrt zu einer Sitzung des Rohstahlkartells, des mit seinem Namen aufs engste verknüpften größten internationalen Industriegebildes betraf, Emil Mayrisch jählings dahingerafft, einen Mann, der im Verein mit deutschen und französischen Großindustriellen und weit über seine engeren Derufsaufgaben hinausgreifend seine wirtschaftliche Tätigkeit in den letzten Jahren zu einem Brückenschlägen zwischen den vorher verfeindeten
Hochschulnachnchten.
Der Lehrstuhl der Chirurgie an der Bonner Universität ist dem a. o. Professor Dr. Erich Freiherrn von Redwitz in München ange- toten worden. — Professor Dr. Johannes Stroux in München hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der klassischen Philologie an der Universität Göttingen als Nachfolger von Geheimrat R. Reihenstein abgelehnt; nunmehr ist der Göttinger Lehrstuhl dem ordentlichen Professor Dr. Eduard Fränkel in Kiel angeboten worden. — Der Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt und Honorarprofessor an der Universität Kiel. Dr. Oswald Schneider hat den an ihn vor einiger Zeit ergangenen Ruf aus den Lehrstuhl der Staatswi.senscha ten an der HnirersitätK önigs- b e r g als Nachfolger von Pros. Mann zum 1. April d. 3. angenommen.
Als Nachfolger des Geheimrats Flamm auf den Lehrstuhl für Theorie des Schiffes an der B e r - l i n e r Technischen Hochschule ist der Abtci- lungsvorsteher in der Preußischen Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau in Berlin Prof. Dr.-Jng. Fritz Horn berufen worden. — Der Generalfuperintendent D. Dr. Martin Schian in Breslau (früher in Gießen) ist zum Hono- rarprosessor in der evangeli ch theologischen Fakultät der dortigen Universität ernannt worden.
läßlich der Prager Reise des Bundeskanzlers behauptet, er habe diese unternommen, um für die Sitzverlegung zu werben. Eine Ente, gewiß — aber charakteristisch genug, daß sie überhaupt in die Welt gesetzt werden konnte. Man spekuliert im Ausland immer wieder auf die angebliche Anschlußgegnerschaft des Kanzlers. Man spekuliert falsch. Denn in Seipels staatsphilosophisches System wird der Anschluß eines Tages genau so hineinpassen, wie eine recht kühle Haltung gegenüber allen groß deutschen Bestrebungen in ihrem Rahmen Platz hatte, als diese noch nicht so aussichtsreich erschienen. Nehmt alles nur in allem: ein Realpolitiker.
Und das muß man wohl auch fein, wenn man vor seine schier unlösbare Aufgabe gestellt ist.
hochentwickelten Technik eingespannten Elemente sich von Zeit zu Zeit einen der Besten aussuchten, um eine Warnung aufzustellen gegen die Heberheblichkeit des Menschengeschlechts, gegen die allzu sieghafte Zuversicht, mit der wir immer von neuem eine erreichte Etappe in der Bändigung der Elemente ohne viel Federlesens in das System unseres Alltagslebens einreihen.
Es ist nicht anzunehmen, daß etwa ein Flugzeug, unter dessen Verkehrsgästen sich ein beut» scher Botschafter befindet, weniger sorgfältig überprüft oder weniger vorsichtig geflogen wird, als ein mit gewöhnlichen Sterblichen besetztes. Es ist nicht anzunehmen, daß ein Kraftwagen, in dem ein Führer der europäisch».n Industrie Reisen zurücklegt, weniger gut ausgerüstet oder schlechter chauffiert ist, als die nächstbeste Autodroschke, der wir uns täglich in den belebten Straßen auss Geratewohl anbertrauen. Und Eisenbahnzüge, in denen die Großen dieser Erde reifen, bergen an sich bestimmt nicht größere Gefahrenmomente als der ohnehin auf ein Minimum Her
seine Mehrheit steht ständig auf des Messers Schneide und hat weder den Elan noch das Zielbewußtsein noch die infernalische Rück ichts- losigkeit der Gegner. Diese Gegner, d ren immer noch: „Kamps mit geistigen Was,en' genannte Haßpropaganda (Seipel-Krone Sei el-^t u rn, Seipel-Sanierung, Seipel»A b itslo igieit, Seipel- Selbstmorde, so kann man es alle Tage in ihren Galetten lesen) einmal einem Idioten die Mordwaffe in die Hand gedrückt hat. Das war das Attentat auf dem Wiener Westbahnhof. Die Kugel trägt der Kanzler noch heute in d r Lunge. Er hat nur eine Macht: die der P e r ö n l i ch - feit. Der einzigen in der politischen Oede eines ausgebluteten, apathischen Staates.
Intermezzi versteht, hat er gleich in seinem allerersten Stück glänzend erwiesen. Und auch später noch. Und immer nur so nebenbei, so unter der Hand, wie hier. Diese eine Szene des fünften Aktes allein würde das ganze Stück norm Untergang bewahren auf alle Zeit. Und einiges andere noch kommt hinzu, was heute noch gilt, wie damals: die technische Machart, der szenische Zugriff, die Gabe, Menschen zu sehen und wieder lebendig werden zu lassen.
Das bleibt. Daran erinnert man sich immer aufs neue. In Berlin haben sie auch eben in diesen Tagen den „Crampton" wieder vorgeholt und einen einhelligen Erfolg damit erspielt. Immer wird man mit dem jungen Hauptmann Erfolg haben. —
Telekh hatte die Inszenierung besorgt. Gr versuchte die Komödie unaufdringllch der historischen Beleuchtung zu entrüdea, in der sie dem Zuschauer von 1928 nun doch einmal erscheinen muh; er verwischte die allzu naturalistischen Merkmale und ließ die Dinge schlicht und ungezwungen sich begeben, wie sie von Hauptmann angelegt sind. Cs gelang ihm nicht — das wird kaum jemand vermögen —, auch nur einen der angedeuteten Einwände zu entkräften oder die im Rampenlicht erst recht bemerkbaren Schwächen der Komödie zu verdecken und zu überspielen. Gr bemühte sich nach Kräften um szenische Konzentration, ohne doch das schleppende Tempo breiter Zustandsschilderung, im vierten Akt besonders, zu befeuern. Hnb er konnte auch die nach dem letzten Dorhangfall sofort auf tauchende Frage — was geschieht denn nun? was ist erreicht? — nicht »um Schweigen bringen. Aber das ist ja nicht seine Sache. Das bringt kein Regisseur zustande. Auch die gewitzten Berliner nicht. Halten wir uns an die greifbaren Vorzüge der Aufführung: den gut bewegten Mittelakt (in dem bezeichnenderweise Crampton nicht erscheint), das wirblige Spiel des verliebten Paares zuletzt, und die mit Verständnis gewählte Besetzung.
Crampton war G e f f e r s; eine der geschlossensten Leistungen, die wir von ihm in letzter Zeit zu sehen bekamen. Er machte den ost weinerlichen Ton der aus den Fugen gehenden Menschengestalt erträglich, der einem beim Lesen manchmal aus die Nerven fällt. Eine mit liebevoll behandelten Einzelzügen aussta'fierte, mehr komische als tragische Figur, geschickt in der Maske, annehmbar gesprochen, obwohl hier viel
und Brauer, die heute längst lächerlich gewordenen Allüren gemein haben, das Aeußerliche. den Schlapphut aus Schwabing, die Samtjacke, den Flatterschlips. Crampton trinkt und schlampt und hält geschwollene Ansprachen wie Brauer. Aber er leidet nicht zu allem übrigen auch noch wie Kramer am Gegensatz der Generationen; der berühmte Vater-Sohn Komplex ist ausgeschaltet: ihm steht nicht feindlich und unverstanden der Junge gegenüber, sondern liebevoll, zärtlich und anhänglich die Tochter Gertrud, sein Abgöttchen, sein Reiner Polizist. Also geschieht ihm nur die gehäufte Enttäuschung: daß man „ihn nicht versteht", daß er fein Genie im akademischen Drill mit Abendakt und Korrekturen verschleißt, daß ein hoher Protektor ihn fallen läßt, daß ihm die Wohnung gepfändet wird, daß ihm die Frau davonläuft (um die es übrigens nicht schade ist: fort mit ihr!), daß man ihn aus der QTfabemte entläßt.
Aber: er wird gerettet. Zwar nicht durch eine weltregierende, eingreifende Stimme von oben, sondern durch gute und mitleidige Menschen um ihn herum, die er übersieht oder verkennt oder kaum kennt. Hnd also landet Kollege Crampton am Ende im Hafen; der fünfte Akt richtet ihm seine furchtbar zusammengefallene bürgerliche Existenz wieder auf; die Erde hat ihn wieder; er findet ein freundliches helles Atelier, einen lohnenden Auftrag, eine glückstrahlend verlobte Tochter sogar, und er reckt gewaltig die Arme und will schaffen wie ein Kuli. 2llles ist wieder im Lot: Komödie.
Schon Schlenther, Hauptmanns getreuer Biograph, wies jedoch mit Recht daraus hin, daß statt des Hafens im fünften Akt ebenfogut — ja wahrscheinlicher — ein Abgrund sich auf tun könne, aus dem es für Crampton kein Zurück mehr gäbe zu bürgerlicher Existenz und künstlerischem Sichzusammenreihen. Ebensogut hätte man den entgleisten Kollegen in dem üblen Bumslokal des vierten Aktes liegen lassen können in seinem Suf, bei dem schmierigen und gierigen Kneipenwirt und der mitleidigen K llnerin und den pöbelhaften Spießern mit der prallen Br ellafche. Hauptmann wollte das nicht; er entschied sich für den Hafen. (Jedem muß überlassen bleiben, was er wahrscheinlicher findet.) Hnd für die Verlobung.
Kein Wort gegen diese Verlobung, etwa daß sie den „guten" Ausgang alhu lustspielhaft unter» streiche: sie ist die zierliche Krönung einer ganz entzückenden Liebesszene. Mit wie feinem und sicherem Gefühl sich Hauptmann auf dergleichen
Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
Don unserer Darmstadter Redaktion.
D a r m st a d t, 6. März. Der Finanzausschuß nahm Kapitel 3 tKammeralgüter unter Ban- Dcrmaltung) an. Zu Kapitel 40 (Tierärztlicher D i e n st) wurde ein Antrag angenommen, in eeni die Regierung ermächtigt wird, die in den Ziffern 1 bis 5 vorgesehenen Beträge insgesamt um 25 000 Mark zu überschreiten, um m den Fallen, in denen gesetzlich eine Entschädigung oder Beihilfe nicht gewahrt werden kann, in denen ein Verschulden des Tierhalters nicht vorliegt und eine Verjagung der Entschädigung eine Härte wäre, eine solche zuzu- billigen. Die Entscheidung, ob und in welcher Hohe eine Entschädigung zuzubilligen ist, trifft der Minister des Innern. Zu Kapitel 41 (Hebammen- Lehranstalt zu Mainz) lag eine Regierungsvorlage über die Anschaffung eines Universalan- schlußapparates für Wechselstrom vor. Die Vor-' läge wurde genehmigt und das Kapitel angenommen. Zu Kap. 42 (Landesheil, und Pflege- an st al ten usw.) wurde ein Antrag Ritzel, der wünscht, daß auch in den Anstalten Heppenheim und Gießen möglichst Landwirtschaft betrieben wird, um so zu einer Verbilligung des Anstaltsbetriebes zu kommen, mit 6 gegen 5 Stimmen angenommen. Ein Antrag Reuter, der will, daß im nächstjährigen Voranschlag das Ergebnis der landwirtschaftlichen Betriebe in Einnahmen und Ausgaben und in detaillierter Form mitgetcilt wird, wurde einstimmig angenommen und das Kapitel selbst gegen 2 Stimmen bewilligt. Kapitel 43 (Anstalt für Geistesschwache „A l i c e st i f t" bei Darmstadt) wurde genehmigt, ebenso Kap. 44 (Volks- gesundheitspflege). Zu Kapitel 45 (I u - genbfürforge und besondere Maßnahmen zur Bekämpfung von Volkskrankheiten) wurde ein Antrag Heinstadt einstimmig angenommen, in dem die Regierung ersucht wird, eine nach Kapiteln des Voranschlags gesonderte Aufstellung der einzelnen Fonds, Stöcke usw. vorzulegen. Das Kapitel wurde gegen 1 Stimme angenommen. Ferner wurden genehmigt die Kapitel 46 (Staatsunterstüt- zungskasse), 49 (Fonds für öffentliche und gemeinnützige Zwecke) und 50 (nicht- staatllche Bausachen). Bei Kap. 51 (Hoch- b a u ro e f e nj wurde ein Antrag Lücke! über die Herstellung von Wohnungen für Personal der Heil- unb Pflegeanstalt in Alzey, nachdem die Reaierung sich hierzu geäußert hatte, für erledigt erklärt und das Kapitel angenommen. Kapitel 52 (Straßen- Verwaltung) wurde genehmigt.
Ur. 58 Zweiter Blatt
Gießener Etadttheater.
Gerhart Hauptmann: „Kollege Crampton".
Im Herbst 1891 sah Hauptmann im Deutschen Theater in Berlin eine Aufführung von Moliöres „Geizigem"; das Spiel machte ihm einen tiefen Eindruck und weckte allerlei Erinnerungen an seine Kunstschülerzeit aui der Breslauer Akademie; besonders an einen feiner damaligen Lehrer, Professor James Marshall, der ihm zum Hrbild des Kollegen Crampton wurde. In ein paar Winterwochen zu Schreiberhau war die Komödie niedergeschrieben; Anfang 1892 wurde sie im Deutschen Theater aufgeführt: es war diesmal ein unbestrittener großer Erfolg.
Nicht minder wichtig als die zufällige Anregung durch Poliere erscheint jedoch für das Stück die Nachbarschaft der „Weber" und des „Biberpelzes", die den „Crampton" chronologisch einschließen. Mit andern Worten: das Stück trägt alle Merkmale seiner Entstehungszeit; der Stil der Komödie ist die typische Kunstweise des damals jungen, revolutionären und schließlich fieg- reichen Naturalismus, ausgeprägter noch als m den lockerer gebauten Akten der „Weber", sehr verwandt der Diebskomödie vom Biberpelz im Zuständlichen. (Hier liegen die Angriffsflächen des ganzen Stückes.)
Ein feiner Kenner hat geradezu als Merkmal und bestes Kennzeichen des naturalistischen Dramas dies bezeichnet: daß es im Sande verläuft. Daß es also keine Entwicklung gibt, daß es in der Fläche bleibt, daß am Ende schließlich wieder alles beim alten ist. Wenn man von den radikalen Experimenten der Arno Holz und Johannes Schlaf absehen teilt, gibt es keine besseres Beispiel dafür, als den „Biberpelz", dem freilich auch der draufgesetzte „Rote Hahn" nicht geben konnte was ihm nun einmal fehlte. Hnd als den „Crampton , dessen halb heitere, halb trübselige Geschichte ebensogut erzählt wie gespielt werden konnte; vielleicht sogar besser. Crampton ist so wenig „Held" im Sinne alter und veralteter Dramaturgie wie möglich. Er tut nichts. crt
die ganze Affäre, die gehauste Misere. Richt ohne seine Schuld, durchaus nicht. Er rührt sich nicyt. weder als Künstler, noch als dramatische Figur.
Er ist übrigens weniger künstlerische Persönlichkeit als der spätere Michael Kramer, aber doch mehr Genie als der noch spätere Peter Brauer, der nur so tut und nichts als ein rum- merlicher Dilettant ist. Obwohl beide, Crampton
Ignaz GeipeS.
Ein Porträt.
Don unserem k. K.-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Wien, März 1928.
In diesen Tagen ist er wieder einmal der meistgenannte Staatsmann Europas. Oder zumindest der, dessen Name am zteeithäufigsten gehört und gelesen wird. Mussolini dürste in dem Rededuell zwischen den beiden Ministerpräsidenten die größere Publizität haben. Freilich auch die fragwürdigere. Jede Rede des Duce gebiert in allen fünf Kontinenten Leitartikel sonder Zahl. Ruft ein lautes Echo hervor — und ein leises Mißbehagen. Hnd das ziemlich überall zwischen dem Qai d'Orsay und dem Königreich der Wahabiten. Jeder Vortrag Seipels hingegen beschäftigt einen auserlesenen Kreis des europäischen Auditoriums. Die Reden des Duce werden auf ihre Kraftstellen hin geprüft, die Vorträge des Priesters auf ihre Zweideutigkeiten, auf halbe Andeutungen und mysteriöse Formulierungen.
Wenn Seipel spricht, wird es immer ein Vortrag. Sogar seine Extempores sind druckreif. In rauchge chwängerten Wirtshausstuben redet er gesammelte Werke — die so geartet sind, daß der Geschichtsphilosoph sich ihre Pointen auf der Zunge zergehen läßt und der Herr Wähler ihnen schmunzelnd zu folgen vermag. Seipels Formulierungen klingen sehr mannhaft und find sehr vorsichtig; er mengt in den salbungsvollen Schwung des Kanzelredners die humoristischen Blitzlichter, die man dem kleinen Mann servieren muß; er spricht Scherz, Satire, Ironie mit sehr viel tieferer Bedeutung, als man sie im ersten Augenblick heraushören mag.
Freilich: man fröstelt ein bißchen bei Seipels Scherzen. Der Witz dieses politischen Prälaten frisst; aber sein Humor wärmt nicht. Er ist ein ausgeklügelt Buch, er ist kein Mensch mit seinem Widerspruch. Vor allem ist er: ein Intellekt. Keine nervöse Heberintelligenz teie sein Widerpart in der österreichischen Innenpolitik Dr. Otto Dauer, der einmal der Kronprinz des internationalen Proletariats war und heute, jeder Zoll ein Bezirkspascha, den auftro- marxistischen Leerlauf dirigiert. Ein kon - ftrutliDer Geist ist Seipel. Einer, der genau weiß, was er will. Allerdings wissen das nur er selber und Gott und sonst niemand auf der Welt.
In der Südtirol-Diskussion dieser Tage erweist er sich wieder, wie schon so oft, als flug ab- toägenöer Realpolitiker, vielleicht sogar als ein etwas z u nüchterner, der mit beiden Deinen auf dieser Erde wurzelt. Immer sind es sehr diesseitige Fragen, mit denen er sich beschäftigt: die armseligen Lebensnöte Oesterreichs, too es zwischen Mietengesehgebung und Beamtenbesoldung, den zwei Problemen, an denen ein lebensunfähiger Staat zugrunde geht, während sie in jedem anderen mit einer Verordnung aus dem Handgelenk zu lösen sind, keine hohe Problematik und keine Vergeistigung der Politik gibt. Aber irgendwie lebt er doch im luftleeren Raum. Vielleicht gerade, weil fein Gedankenflug ihn prädestiniert, einen mittelalterlichen Kirchenstaat zu beherrschen, während das Schicksal ihn dazu zwang, das bißchen Oesterreich zu sanieren. Vielleicht liegt in dieser Diskrepanz zwischen innerer Sendung und äußerer Mission sein tragischer Konflikt. Er selber läßt jedenfalls von Konflikten nichts merken. Zerrissenheit. Disharmonie, Erschütterungen — was ist das? Er ist öle Ruhe und die Ausgeglichenheit selber. W i e w i r ihn sehen — von außen.
Kein Diktator, kein Monarch von Gottes Gnaden, der jemals so einsam war, wie dieser Mann. Er hat Anhänger, Bewunderer, Kreaturen, Mitarbeiter, einen Sekretär fürs Pollli'che und einen fürs Finanzielle — aber nicht einen einzigen Freund. Schreitet er durch die
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März 1926.


