Ausgabe 
7.11.1928
 
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Rr.263 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseii)

Mittwoch, 7. November 1928

Um die Freiheit der Wirtschaft.

Re^ormvorschlüge des Hansabundcs.

Der Hansabund für Gewerbe, Handel und In- dUstrie, der In diesem Sofr* bereits mit zwei Entschließungen gegen die Wictschaftsdemolratie an die Oeffentlichkeit herangetreten ift, hat letzt s«in« wirtscha tspolitischen Forderungen an Reichs­regierung und Reichstag in einer Denkschrift zu- sammengesaht. Diese Denkschrift soll einerseits di« öffentliche Meinung aufklären, andererseits Me gesetzgeberischen Körperschaften beeinflussen, angesichts der bevorstehenden sehr weittragenden Wirtschaft«- und finanzpolitischen Entscheidungen des Reichstags darauf hinzuwirlen, daß eine den allgemeinen wirtschaftlichen Rotwendigteiten mehr als bisher Rechnung tragende Wirtschaftspolitik zum Besten aller Dolkskreis« eingeschlagen wird.

Der Hansabund geht, wie nicht anders zu er­warten, von der grundlegenden individua­listischen Wirtschastsanschauung, die in dem privatwirtschaftlichen Geist und dem kapitalisti­schen Wirtschaftswillen, in dem Priva Eigentum und der Freiheit der Wirtschaft die größte Mög­lichkeit für die Erfüllung des menschlichen Stte- benS und den Erfolg der gesamten Wirtschaft erblickt, aus. Eingehend werden die einzelnen wirtschaftspolitischen Forderungen in der Denk­schrift behandelt und erläutert, sie beziehen sich nicht nur aus die allgemeinen Fragen der Wirt­schaft«- und Sozialpolitik, sondern gehen im ein- zeilnen auch ein auf Fragen der Finanzwirtschaft, deS Ausgabenabbaus, der Steuersenkung und der Kaprtaünldung, Fragen der Lohnpolitik, der Außenhandelspolitik rmd der Derkchrspolitik.

Daß gerade die Fragen der Finanzwirtschaft bzw. der Steuerpolitik besonders breit im Rahmen der Erörterungen behandelt werden, ver­steht sich bei dem zunehmenden Steuerdruck und der llpgewißheit, die sich aus den Etatssorgen für 1929 ergibt, Wohl von selbst. Die finanzwirt- schasttliche Expansionspolitik, die in den letzten Jahren in Reich, Ländern und Gemeinden unter Aufrechterhaltung eines überhohen Steuer­drucks getrieben worden ist, hat die Reichssinanzen angesichts des Beginns der repcvrattonswirtschast- lichen Rormalleistungen in die ernste Gefahr des Defizits im ordentlichen Haushalt gebracht. Der Hansabund sieht es als die dringendste Aufgabe der Reichsregierung und des Reichstags an, die Ausgabenseite des laufenden Budgets m Richtung auf umfassende Ausgaben a b st r i ch e sofort zu überprüfen, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dah der Haushaltsplan für 1929/30 nicht nur ohne Steuererhöhun g ausgeglichen werden kann, sondern darüber hin­aus endlich eine planmäßig«, Reichs-, Landes­und Gemeindesteuern umfassende Steuersen- kungspolittk zu verwirklichen ist.

Diese Verwirklichung ist zu erreichen durch Abbau der Landes finanzwirtschaft, entscheidende Einschränkung der Bauvorhaben der öffentlichen Verwaltungen, Einschränkung des Ausgabebewil- ligungsrechies der öffentlichen Körperschaften durch Aenderung der Haushaltsordnungen, Schaf­fung eines Steuervereinheitlichungsgesehes, Durch­führung der Besteuerung nach dem dreijährigen Durchschnitt in Verbindung mit der älebertragung de« Zuschlags recht« der Gemeinden zur Ein­kommensteuer, Senkung der Einkommensteuer, end­gültige Ausschaltung einer Dermögenszuwachs- oesteuerung, Abschwächung der Doppelbesteuerung. Ferner wird die Aufhebung der Kapitalertrags­steuer gefordert. Da Finanz- und Steuerreform, die Schaffung des endgültigen Finanzausgleichs und die Sicherung des Prinzips äußerster Spar­samkeit nur in Verbindung mit einer Ver­waltungsreform möglich sind, so wird vom Hansabund die Forderung nach einer Reugestal- tung der staatsrechtlichen Struktur des Reiches erhoben und die Schaffung eines Deichsrahmen­gesetzes für di« Durchführung einheitlicher Der- waltungsresormen in den Ländern verlangt. Reben diesen Reformen steht die Rotwendigkeit umfassender Reuorientterung der deutschen Sozial­politik.

Die Seele des Tanzes.

Von Anna Pawlowa.

Die ehemalige Primaballerina des russi­schen Staatsballetts äußert sich im Folgen­den über die Lanzlultur alter und neuer Zeit.

Don höchster Bedeutung und richtunggebend für meine künstlerische Laufbahn war der auf so tragische Weise umgekommene russische Zar. Seine Gunst bedeutete in damaliger Zeit mehr als Worte und Auszeichnungen, sie be­deutete Leben und künstlerische Freiheit. Das Leben des Künstlers wird im allgemeinen durch den Impresario geregelt, für den künstlerische Gesichtspunkte nicht das allein Maßgebende sind, doch vor allem muß er sich darum fümmem, dah die Gastspiele feines Schützlings ein voller Kässenerfvlg werden. Ihm ist es meist egal, ob eine Leistung in künstlerischer Hinsicht als vollendet anzufehen ist, das finanzielle Moment ist und bleibt für ihn das Wichtigste. Demzufolge ist ihm der Geschmack des großen Publikums oberstes Gesetz und zugleich alleinige Richtlinie aller seiner Bestrebungen. Ein lediglich durch den Impresario festgelegkes Programm kann in der Tat eine sehr wenig künstlerische Angelegen­heit sein. Dem Impresario wird dies jedoch nichts ausmachen. Er erklärt eben einfach: das Publi­kum wünscht es so, und letzten Endes ist es ja das Publikum, das die Eintrittsgelder zahlt. Am Zarenhofe kümmerten sich die Leiter des kaiserlichen Theaters nicht so sehr darum, vb dies« oder jene Darbietung dem Publikum ge­fallen würde oder nicht, sie waren auch in der glücklichen Lage, sich nicht allzu sehr um die Kostenfrage kümmern zu müssen. Was sie er­strebten, war künstlerischer Triumph, und dieser Idee wurde einfach alles untergeordnet. Ihr Motto war:Alles für die Kunst". Dank der strikten Durchführung dieses Leitsatzes gelang es, wahrhaft große Künstler, Sänger und Tänzer heranzubilden und das Publikum wurde all­mählich zum Verständnis echter Kunst erzogen. Man muh die Schönheit dem Publikum auf» Swingen und seinen Geschmack formen, sagten sich

Die Todesttankheit Kaiser Friedrichs.

Oie Kaiserin Friedrich und die deutschen Aerzte. Aus den Briesen der Kaiserin.

Der britische General P o n s o n b h , Ge­neraladjutant König Eduard des VII., der im Auftrage der Kaiserin Friederich kurz vor ihrem Tode ihre Korrespondenzen und Tagebücher heimlich von Kronberg nach England geschafft hat, veröffentlicht hier- aus nun einiges, das für die Einstellung der Kaiserin zur Erkrankung ihres Mannes sehr bezeichnend ist.

Zu Beginn des Jahres 1887 fiel jum ersten­mal die starke Heiserkeit des damaligen Kron­prinzen Friedrich auf. Der Kaiser lieh ein Aerztekonzilium zusammentreten, den Kronprin­zen untersuchen, und es stellte sich im Mai her­aus, daß man cd mit einer Geschwulst im Kehl­kopf zu tun habe. Der deutsche Chirurg _ v. Bergmann bezeichnete das Gewächs als bös­artig, drang auf sofortige Operation, da sonst das Leiden des Kronprinzen zum Tode führen müsse. Aber der englische Arzt Wacken- z i e glaubte an eine harmlose Sache und hoffte ohne Operation die Wucherung beseitigen zu können. Sein Vorschlag ging durch, die Opera­tion wurde nicht vorgenommen, der Kaiser starb.

Es ist von höchstem Interesse, jetzt endlich zu erfahren, wie die Kaiserin sich in den Brie­fen an d i e englische Königin Vik­toria, ihre Mutter, in dieser schwerwiegenden Angelegenheit verhielt. Sie schreibt u. a. über einen Besuch ihres Sohnes in San Remo, des späteren Wilhelm II. und sagte u. a.:

Willi erklärt, er werde mit mir nicht aus­gehen, da er zu viel zu tun habe. Er müsse mit den Aerzten sprechen. Ich aber antwortete ihm, daß die Aerzte m i r Rechenschaft abzu­legen hätten und nicht ihm Daraufhin ant­wortete er, er habe Befehl vom Kaiser, nach­zusehen, ob die Dinge in Ordnung seien, damit nichts den Aerzten in den Weg gelegt werde. Er habe seinem Großvater über seinen Vater Rapport zu erstatten. Ich erwiderte aber, daß dies überflüssig sei, denn wir hielten selbst immer den Kaiser auf dem laufenden. Diese Unterhaltung fand statt in Gegenwart von einem Dritten und er (Wilhelm) drehte mir halb den Rücken. Daraufhin erklärte ich ihm, ich würde seine Manieren seinem Vater bekanntgeben. Ich würde verlangen, daß man ihm die Türe weise. Darauf verließ ich ihn.

Bald schickte er mir in aller Eile den Grafen Radolinsky und entschuldigte sich, er habe gar nicht brutal sein wollen, und er bat, man möge seinem Vater nichts sagen. Aber feine Pflicht sei es. darauf zu wachen, daß die Anordnungen des Kaisers auSgeführt würden. Ich sagte ihm sofort, daß ich ihn sein Verhalten nicht übel- nehme, aber daß ich seine Einmischung nicht dulden werde. Von da ab ^ing alles ohne Zwischenfall, und wir hatten angenehme Spaziergänge und Unterhaltungen. Auch war er Sir Morell Mackenzie gegenüber sehr liebens­würdig. Wilhelm war mit der Absicht gekom­men, die fürchterliche Operation durchfüh­ren zu lasten, und er hatte, ohne es und vorher bekanntzugeben, den Dr. Schmidt mitgebracht. Der Dr. Schmidt sollte die Aerzte überzeugen und uns alle nach Berlin zurückbringen. Die« wäre dem Tode Fritz' gleichgekommen.

Wilhelm natürlich ist viel zu jung und ohne Erfahrung, um dies alles zu verstehen. Man hatte ihm die Geschichte ganz einfach in Ber­lin suggeriert. Er glaubte, er habe seinen Vater von einer falschen Behandlung durch mich zu retten. Wenn er den Kopf nicht von Dumm­heiten erfüllt hat, die man ihm in Berlin ein» flüsterte, ist er sehr brav und lenkbar, und das macht mir große Freude, ihn bei uns zu haben. Aber ich kann nicht leiden, daß er mir Vor­schriften macht, denn der Kopf, den ich auf den Schultern trage, ist in allem und für alles ebensogut wie der seine. Wenn dies nicht so wäre, so will ich die erste sein, die ihm nachgäbe."

Heber v. Bergmann fällt die Kaiserin von San Remo aus folgendes Urteil:

»Bergmann hat Willi erzählt, daß sein Vater noch sechs Monate zu leben habe und Willi ist mit dieser Idee abgereift Natürlich ift dies alles absurd. Es ist nur eine Ansicht, eine Mutmaßung von Dercmann. Willi hat uns gestern verlassen .Ec Hot kein Wort der Sympathie oder dec Asfektion gefunden. Ich war niedergeschlagen, zu sehen, bis zu welchem Punkte er hochmütig geworden ist und welche Herrscherallüren er angenommen hat. Dies ist ohne Zweifel das Resultat dessen, was er so oft zu Horen bekommt: daß er in wenigstens einem Jahr Kaiser sein kann."

Derechiigungsfininiel.

Zu dem ArtikelDe-rechtigungsfirnmel" in Rr. 254/1II des Gicß«,ner Anzeigers vom 27. 10. 1928 wird uns von der Kveisgruppe Gießen im Bund deutscher Zivilsupernumerare geschrieben:

2m obigen Artikel ist zur öffentlichen Behand­lung des Themas aufgefordert. Es sei daher der Gegenseite gestattet, die Gründe für die Forde­rung unseres Bundes Hochschulreife für die gehobene mittlere Dearntenlaufbahn, soweit sie für die Zivi lsupernurnerare in Betracht kommt darzulegen.

Die Vorbildung jedes Menschen bildet die Grundlage für die von ihm im praktischen Le­ben zu erwartenden Leistungen. Wenn von De- hördenvertretevn bei allen möglichen Anlässen darauf hingewiesen worden ist, daß die Be­amten des gehobenen mittleren Dienstes dos Rückgrat der Verwaltungen bilden, so stützen sich diese Urteile auf hochwertige Arbeitsleistungen dieser Beamten, bedingt durch die Fähigkeit, selbständig geistige Arbeit zu leisten. Die Befähi­gung zu selbständigem geistigen Denken und Arbei­ten kann aber nicht allein durch Beschäftigung bet einer Behörde erlernt werden, solche Befähigung mutz durch gründliche, systematische und abge- schlossene Erziehung erzeugt werden. Diese Er­ziehungsarbeit in höchster Vollendung Zu-Be­werkstelligen, ist von jeher Ausgabe und Z«eck unserer höheren Lehranstalten gewesen. Die Hochschulreife (Abiturium) ist auch heute noch die abgeschlossene Schulbildung.

Wenn der Bund deutscher Zivilsupernumerare mit aller Entschiedenheit für den Zivilsuper- numerarbeamten die Hochschulreife (Abiturium) verlangt, so liegt ihm nichts ferner, als die von seinen Widersachern auf gestellte Behauptung zu bestätigen, daß die Dorbildungsanforderungen für alle möglichen Berufe grundlos übersteigert wer­den. Auch soll die Tatsache, daß vor über 100 Jahren schon nach dem Zusammenbruch Preußens zur Erzielung bester Derwaltungsarbeit das Cupernumerariat mit dem Maturum als Vorbildung eingeführt wurde, nicht allein zur Begründung unserer Forderung angeführt wer­den, obwohl die richtige Erkenntnis der damals führenden Staatsmänner immer wieder in den Vordergrund gestellt zu werden verdient. Wir stützen unsere Forderung zuvorderst auf die ge­machten Erfahrungen, einsichttg genug, einzuge­stehen, daß das oftmalige Fehlen einer ab» geschlossenen, hochvollendeten Schulbildung viel» fach Schwierigkeiten bereitet hat. Gerade das Rebeneinanderarbciten von Zivilsupemumerar- beamten mit der Reife für Obersekunda, Unter» prima, Oberprima oder dem Abiturium hat uns einwandfrei als Gesamturteil erkenntniskrittsch sinden lassen, daß die höchste und abgeschlossene Schulbildung erst gut genug ist, um das Funda­ment für Arbeitsleistungen zu bilden, die bei bester Gestaltung die Verbilligung bringen, die Im Hinblick auf die finanzielle Belastung des einzelnen und damit des Staates jetzt vielleicht noch nötiger ist, als in früheren Zeiten.

Das Qlbitudum als beste abgeschlossene Schul» bildung gewährleistet von vornherein die um­fassend Aneignung praktischer und th oretischer Kenntnisse auf wissenschaftlicher Grundlage. Un­sere Forderung stützt sich zum anderen auf das

die Leiter des russischen Staatstheaters. Wirk­liche Kunst beeinflußt früher oder später selbst den schlechtesten Geschmack. Der Riesenerfolg des Diaghilell-Dailletts ist ein Beweis für die Richtig­keit dieser Auffassung. In allen Ländern ehrte das Publikum durch schone Begeisterung die glän­zende Leistung der Truppe.

Heute müssen die Tanzkünstler infolge mangeln­den Mäzenatentums gleich den Vertretern aller anderen Berufe ihr Augenmerk in erster Linie darauf richten, Geld zu verdienen. In den meisten Fällen geht ihr Ziel nicht dahin, die Zuschauer im Innersten zu packen und aufzuwllhlen, sondern sie legen vor allem Wert daraus, spielerisch zu unterhalten. Es ist ja leider ein charakteristisches Zeichen unserer etwas dekadenten Zeit, daß das Publikum, das zu einer Tanzaufführung geht, sich sagt: Heute tanzen wir einmal nicht selbst, heute wollen wir uns von anderen etwas vor- tanzen lassen. Ebenso geht man ins Theater oder Konzert, nicht so sehr daran interessiert, etwas wirklich Gutes zu hören ober zu sehen, sondern nur bestrebt, einen möglichst angenehmen Wechsel in der Zerstreuung zu erzielen.

Wenn sich früher junge Leute einen künstleri­schen Beruf erwählten, so waren sie in der Regel mit Leib und Seele bei der Sache. Heute drängt sich die Jugend in künstlerische 'Berufe, nicht um eigenen Idealen nachzustreben, sondern weil sie hofft, mit derKunst" leichter Geld zu verdienen als in anderen Berufen. Die Studenten der alten Zeit kannten lange Seiten aus flaffi» schen Werken auswendig. Heute intcrJfiert sich die studierende Jugend mehr f"~ ve Unterschiede der ein-e neu Aulom b lm r e und für sportliche Rekordleistungen.

Auch ich vermag es, mich an diese Wandlung zu gewöhnen. Ich müßte aber lügen, wollte ich beraubten, sie gefalle mir. 11 Jahre war ich alt, als mich meine Eltern zum ersten Male in eine Theatervorstellung mitnahmen. Es war eine Oper mit Ballettavertis ement. Ich wurde so­fort von der Grazie dieser Schaustellung der­maßen gefangengenommen, daß sich der Eindruck unvergänglich in meine Seele grub. Don jenem Tage an ging mein sehnlichster Wunsch und mein ganzer Ehrgeiz dahin, etwas zu schassen, das dem von mir Gesehenen an künstlerischem Wert

gleichkam oder es womöglich noch übertraf. Meine Eltern quälte ich solange, bis sie ihre Ein­willigung dazu gaben, daß ich die königliche Ballettschule be uchen durste. In dieser wunder­vollen Schule, an der die ersten Künstler der Welt unterrichteten, arbeitete ich sechs Jahre lang mit äußerster Anstrengung meiner Kräfte, um die gru i biegenden Elemente meiner Kunst zu beherrschen. Ohne ernste Vorbildung das ist meine feste ileberjeugung wird niemand in der Lage sein, ein wirklicher Künstler zu wer­den. Wieviel mühevolle Stunden hat Saint- Säens, der Komponist desSterbeirden Schwans", dem gemeinsamen Studium dieser meiner piece de r^sistance gewidmetI Die mei­sten ausübenden Künstler unserer Zeit bezeichnen sich als Anhänger einer freien Schule, was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dah sie überhaupt recht wenig Ausbildung besitzen und beinahe alles ihrer Intuition überlassen, so daß ihre Leistung oft den Eindruck des Unausgegliche­nen macht, dem der letzte Schliff fehlt.

Man fragt mich oft, woher es käme, daß es heutzutage so wenig« wirklich große Tänzer gibt, obwohl heute mehr getanzt wird als zu irgend­einer Zeit nwn'ch.ichen Lebens. Die Antwort ist ziemlich einfach. Der moderne Tanz verlangt kaum Talent noch Eignung. Er erfordert nur etwas Verstand und viel Sensualität. Ich bin oft erstaunt, wenn ich zum Tanze gehe und be­obachte. wie ein junges Mädchen und ein junger Mann, deren Bekanntschaft erst Minuten dauert, sich beim TanZ eng aneinanderschmiegen, als wären sie bereits seit Jahren ineinander ver­liebt. Es überra'scht mich andererseits wenig, daß die modernen Tänze populärer sind als die alten, denn um z. D. den wundervollen Walzer wirllich perfekt tarnen $u können, braucht man nicht nur Talent und fein en wickelte« künstlerisches Ge­fühl, sondern auch ein durchgebildetes Gehör und viel Hebung, während man für die modernen Tänze nur wenig Zeit, dafür aber ganz andere Qualitäten braucht.

Auch für den modernen Dühnentanz kann ich mich nicht begeistern. Man kann nid)ts Wert­volles aus dem R'chts schaffen. Es ist unmöglich, dem Körper vrn einem Tage zum anderen Aus­drucksfähigkeit zu verleihen. Der neue Tanz läßt

ständige Wachsen der Verwaltungsausgaben, die sich von Tag zu Tag schwieriger gestalten, was allein schon in der Flüssigkeit der Gesetzgebung Zinn Ausdruck kommt. Aber gerade die gesteigerte Produktion an Gesehen stellt heute an den guten Verwaltungsbeamten groß« Ansprüche: An­sprüche, die nicht zuletzt darauf hinauslausen. vol swirtschastliche Zusammenhänge zu verstehen und bei Veiwaltungshandlungen zu berücksich« tigen. Schließlich stutzen wir unsere Fo berung nach abgeschlossener höherer Schulbildung auf das gewaltige Mehr an hochwertiger Verwal­tungsarbeit, das den gehoöe.en mittleren Beam­ten schon jetzt in Dorwegn hne kommender Der- waltungsresormen in e.heb.ichem Umfange üier­tragen ist und in deren Rahmen erst recht zu übertragen sein werden.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

Klein-Linden, 6. Rov. Ein Pracht­exemplar von einem Ziegen bock besitzt die Gemeind« Klein-Linden. Obwohl das Tier schon stark zur Zucht benutzt wurde, hat es noch das ansehnliche Gewicht von 166 Pfund. Daß Ziegenbocke 150 Pfund schwer werden, gehört schon zu den Seltenheiten, aber ein Gewicht, wie bei diesem Zuchttier, dürfte wohl einzig da» stehen. Der Bock ist 21/» Sabre alt und stammt aus der Zucht Grohen-Buseck.

wn. Weickartshain, 6. Rov. Der Lohn­kampf in der Eisenindustrie übt seine Rückwirkungen auch hierher aus. Der hiesigen GewerkschaftLouise" wurde nämlich von den Eisenwerken mitgeteilt, daß die Abnahme der hier geförderten Brauneisensteine bis auf weiteres eingestellt werden müssen. In­folgedessen hat die GewerkschaftLouise" ihren Arbeitern bekanntgegeben, daß der Betrieb in 14 Tagen stillgelegt wird. Der hiesige Gesangverein veranstaltete am Sonn­tagabend tm Saale des Gastwirts Hock eine ^cier, bei der Lehrer Rühl einen Licht­bildervortrag über die Kämpfe vor Verdun und Cambrai hielt. Der Vortrag fand lebhaften Beifall. 3m übrigen wurde der Abend durch Gesangsvorttäge der Gesangvereine Stockhausen und Weickartshain ausgefüllt.

LJ Inheiden, 6. Rov. Der Horloff» Wettertal-Sängerbund hielt am Sonn­tag im Junkerschen Saale dahier seine Vor­st a n d s s i h u n g ab. Rach Begrüßungsworten des Dundesvorsitzenden I. Bocher, Rupperts­burg, wandte man sich sofort dem wichtigsten Be­ratungsgegenstand, dem nächstjährigen Wer» tungssingen, zu. Die Vereine sollen in Zu­kunft bei diesem Singen einen Pflichtchor, der ein Volkslied ist, und einen selbst gewählten Chor fingen. Der Pflichtchor wird auch als Massen­chor vorgetragen. Die Auswahl des Volksliedes trifft die noch vor Weihnachten zusammentretende Dirigentenkonferenz. Die jetzt gefaßten Beschlüsse werden der im Januar in Hungen stattsindenden Vertreterversammlung als 'Anträge vorgelegt werden: sie entscheidet über Ort und Zeitpunkt des Wertungssingens. Vereine, die zur Abhaltung des Singens geneigt sind, sollen ihre Anträge bis zum 1. Januar bei dem Vorsitzen­den einreichen. Anschließend an die Dorstands- sihung fand eine Vers ammlung statt, wozu die Mitglieder sämtlicher Vereine eingeladen und großenteils auch erschienen waren. Der Bundes» dirigent, Lehrer Dietrich, Dodheim, h eit einen Vortrag über seine auf dem Deutschen Sän» gerfeft in Wien gewonnenen Eindrücke. Das Fest, das dem Andenken Schuberts gewidmet war und dem Anschußgedanken huldigte, hatte in Wien den richtigen Festort gesundem Rachdem der Redner in großen Strichen die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten der Dvnaustadt gewür­digt hatte, hob er besonders das gesanglich Inter­essante des Festes hervor. Er kam dabei auf die unter freiem Himmel, vor den Portalen der wunderbaren Karlskicche von dem Hessi­schen Sängerbund veranstaltete Feier zu sprechen. Die Wogen vaterländischer Begeiste­rung sch'ugen dabei hoch, und kaum eine andere Veranstaltung des Wiener Festes hatte die gleiche Wucht und denselben Erfolg aufzuweifen. Der

sich meines Erachtens nicht ohne eine gewisse An­lehnung an die Tradition schaffen. Ich konnte Isadora Duncan verstehen, deren Wunsch es war, die Tänze der alten Griechen wieder auf» leben zu lassen. Aber die Anziehungskraft ihrer Ideen hielt nur solange an, als sie selbst tanzte. Ihre Schule bedeutete nicht viel. All die neuen Stiltänze, die heute gezeigt werden, sind mehr ober weniger Versuche, nicht aber echte Kunst. Ich stehe allen derartigen Reformbestrebungen recht skeptisch gegenüber. Fokin, dem großen Tänzer und Reformator des Balletts, verdankt natürlich auch der klassisch« Tanz unendlich viel, die Gesetze und Bewegungen des Körpers jedoch sind ewig, denn Tanz ist die Kunst des Seelen­ausdrucks durch graziöse Körperrhythrnik.

Frankfurter Theater.

Das S ch a u s p i e l h a u s brachte die Ur» au führung der KomödieG elegenheit macht Liebe" von Clemens Ä e h d i s s e r heraus. Der bisher nicht bekannte Verfasser, ein Oester- reicher (oder zwei), hat uns eine Komödie vor­gesetzt, die einen nicht üblen Grundgedanken in recht amüsanter Form aussührt, nämlich, dah so­wohl die frühere marinierte Jugenderziehung mit ihrem ewigen Hinweis auf Wohlanständigleit und Zurücchallung, wie auch die moderne Kamc- radscha tsidee der beiden Geschlechter, die Segel streichen müssen, sobald die Herzen sprechen, und daß gegen das ewige Lied der Liebe auf die Dauer weder eine spartanisch strenge Erziehung aufkommt, noch Sport und Körperkultur. Dies wird gezeigt an einer Frau entre deux äges, ausgeze.chnet dargestellt von Maria Karsten als Gast und einem Jungmädchen, das Kundry Sievert mit Keckheit und Charme verkörpert. Der Dialog ist gut pointiert, bringt vielfach mehr als nur Oberflächliches und ist ausstasfiert mit einigen Derbheiten, die über das Erträgliche nicht hinausgehen. Etliche Längen konnten noch be­seitigt werden. Die Darstellung, deren Haupt» rollen durch Lola M e b i u s als Haushälterin und die Herren Lengbach, Rewalt und Musst wirksam unterstützt wurden, war schmissig, der Beifall mehr als herzlich. Dr. W.

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