Einzelbild herunterladen

Nr. 158 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen) Samstag, 7. Juli 1928

Zeilsragen der Gießener Kommunalpolitil.

Die jung ft c Sitzung der ©idienc- Stadtverotd- neten war buxdj zwei Ereianifte von tx-tonderer Bedeutung gkceniHeichnct. ßinmol war es die Beratung des Haushaltsvoranschlags für 1928, zum anderen die Erörterung des Grundstücks- fireites zwischen der Allgemeinen Ortskranken­kasse und der Stadt. Bein äußerlich be­trachtet kam die Besonderheit dieser Sitzung schon dadurch -um Ausdruck, daß von den 42 Tht- gliedern des Stadtverordnelerckollegiums nur eines sehlte - - eine seltene Anwesenheitszif ser in unserem Stadtparlament und daß dte öffentliche Sitzung allein rund 6 Stunden wahrte, ebenfalls ei.ie starke Ausnahmeerschetnung in unserer kommunolpolitischen Arbeit.

Zur Etatberatuna wäre zunächst zu be­merken. daß der Beschluß der Stadtverordneten­versammlung, von einer Erhöhung der Real- steuern für das neue Haushaltsjahr abzu­sehen und es bei deren vorjährigem Stande zu belassen von weiten Kreisen der Bürgerschaft begrübt' worden ist. Zwar schließt der neue Haushaltsplan rechnungsmäßig nun mit einem ungedeckten Fehlet rag von 220 000 Ml. ob. aber wir möchten diese Ziffer einstweilen nicht allzu tragisch nehmen, da sich doch wohl aus dem porigen Wirtschaftsjahre selbst wenn man berücksichtigt, dah auch dessen Voranschlag mit einem Fehlbetrag abschloh noch ein ge­wisser Posten für die Aktivseite der neuen HauShaltsrechining ergeben dürfte. Wenn dann weiterhin die Stadtverwaltung aus dem aller­dings schon recht knapp bemessenen Haushalts­plan noch einige weitere Ersparnisse erzielt, so wird man wohl gegen Ende dieses Jahres die Feststellung machen, können, daß der obenge­nannte, heutige rechnungsmäßige Fehlbetrag eine wesentliche Qxrvingrrung erfahren haben wird. Es dürste daher für das Stadtparlament vorläu­fig nicht allzu dringend sein, sich mit kommu­nalen Steuerprojekten zu beschäftigen. Allerdings ist dabei Doraussetzung, dost die jetzigen Ansätze auf der Einnah nieselte des Haushaltsplans hin­sichtlich der Reichssteueranteile mindestens im vollen Umfange erreicht werden, dah insbeson­dere durch die vom Reiche geplante Herab­setzung der Lohn- und der Einkommensteuer bis zu 8000 Mk. keine Schmälerung des Ertrages für unseren Gemeindehaushalt entsteht. Die Wohnungsbausinanzierung für 1928. die von der Stadtverwaltung trotz der gespann­ten Lage des Haushallsplanes in anerkennens­werter Weise in Angriff genommen worden ist. verdient den Beifall aller an der Wohnunas- notbekämpfung interessierten Kreise. Hoffentlich gelingt es der Stadtverwaltung, die für diese Ausgabe geplante Anleihe von rund 825 COO Wart baldigst zu erlangen, damit die Durch­führung des Wohnungsbauprogrammes, die na­türlich von der Geldbeschaffung abhängig ist. möglich wird. Don den Anträgen aus dem Hause nahmen die drei sozialdemokratischen Schulanträgc den breitesten Raum in der Erörterung ein. Besonderer Beachtung wert er­scheint uns von diesen Anträgen die Forderung auf Schaffung einer ständigen schulärzt­lichen ^leberwachung unserer Schüler und Schülerinnen. Dieser Antrag wurde leider ab* gelehnt, wir möchten aber annehmen, dah er nur deshalb keine Mehrheit fand, weil er einen Schularzt nur für die Fortbildungsschulen for­derte. Mit Recht wies der Vorsitzende der deutsch-volkspartetlichen Fraktion, Stabtv. Pros. Dr. KrauSmüller. darauf hin, dah ein Schularzt, wenn man diese Einrichtung schaffen wolle, für sämtliche Schulen wirken müsse. Wenn man die sehr bedauerliche Tatsache verzeichnen muß. dah bereits bei Schülern der Fortbildungs­schule und einer hiesigen höheren Schule Ge­schlechtskrankheiten sestgestellt wurden, so muh man doch wünschen, dah ein Schularzt für alle Giehener Schicken baldmöglichst angestellt wird. Dafür spricht auch die sehr gewichtige Erwä­gung. dah diese Einrichtung sich in vielen anderen Städten als segensreich erwiesen hat. Die finan­zielle Belastung unseres städtischen Etats wird sicherlich nicht so groh fein, dah die Stelle eines Schularztes untragbar wäre. Hinsichtlich der übri­gen Anträge der sozialdemokratischen Fraktion finden wir die Ablehnung begründet, da auch wir der Meinung finZ), dah die Gewährung freier Lernmittel in erster Linie Sache des Reiches ist, da ja dieses die Lernmittelfreiheit durch die Reichsverfasjung zugesagt hat, aber den Gemeinden auch hier wieder die erforderlichen Geldmittel nicht gewährt, dah weiterhin eine Wald­erholungsstätte mit Schulbetrieb für Giehen nicht so dringlich erscheint unb endlich auch die Ein­führung des obligatorischen Turn- und Sport­unterrichts in den Fortbildungsschulen u. E. nicht so wichtig ist, als eine möglichst ausgiebige, hand­werkliche Aus- und Durchbildung der jungen Leute in den Werkstätten und den Betrieben. Wir verkennen keineswegs die hohe Bedeutung des Turnens und der verschiedensten Sportarten für die körperliche Ertüchtigung unserer Jugend. Je­doch sollte dieser Seite der Ausbildung der Schul­entlassenen auf dem Boden freiwilliger Betäti­gung Rechnuna getragen werden, wozu den Jun­gen ja täglich nach Schluh der gewerblichen Betriebe hinreichend Zeit zur Verfügung steht. Diese freie Zeit sollten die jungen Leute lieber mit Sport ausfüllen, als mühig. die Zigarette rauchend, in den Straßen herumzustehen. Als letztes, bedeutsames Ergebnis der Voranschlaas- beratung möchten wir noch den Wunsch des Hauses und die Zusage der Verwaltung auf Herausgabe vierteljährlicher F in anz- übersichten verzeichnen, deren Publikation in der Tat einem Bedürfnis entspricht: dadurch wird den Bürgern die Möglichkell geboten, sich fortlaufend selbst ein Bild machen zu können von dem Stande der Kommunalwirtschaft und von der Berechtigung der Anforderungen, die zur gedeihlichen Fortführung der städtischen Arbeiten an die Bürger gestellt werden müssen.

Einen großen Teil der Sitzung nahm die Aus­sprache über den Konflikt zwischen der Stadt und der Allgemeinen Orts­krankenkasse wegen Lleberlasfung oder Ver­weigerung städtischen Geländes im Erbbau zur Errichtung eines Verwaltungsgebäudes der Orts- dankenkasse in Anspruch. Wir haben über die Erörterung der Stadtverordneten bereits ein­gehend berichtet, so dah unsere Leser in der Lage toaren, sich ein Bild machen zu können über wL Ansichten der zur Entscheidung berufenen

Oie Schumrztarbeit im Kreise Gießen.

Bericht über das Jahr 19Z7.

Dem Kreistag dos Kreises Giehen wurde in einer jüngsten Tagung der Bericht über d i e Tätigkeit des Schularztes des Kreises Giehen -im Jahre 19 2 7 vorgelcgt. Der Berichterstatter, Medizinalrat Dr. Orth, teilt darin über die Zeit vom Be­ginn des Schuljahres 1 927 bis Ende Januar 1 9 28, wo er als Kreisarzt nach Schotten versetzt wurde, u. a. folgendes mit

In der Berichts,zeit wurden 52 Schulen mit 125 Klassen und 5427 Kinder untersucht: von diesen waren 918 Schulanfänger. Auch in diesem Jahr lieh sich die fo dringend notwendige Unter­suchung der Schmanfänger vor der Ein- ch u l u n g aus Mangel an Zeit und schnellen Transportmitteln nicht durchnihren. Sie in Bälde einzuführen, sollten sich Schularzt und Lehrer- chaft angelegen fein lassen.

Der allgemeine Gesundste itS- unb Reinlichkeitszustand muh als zufrie­denstellend bezeichnet werden. Im Vorder­grund schulärztlichen Interesses steht der Schü­lernachwuchs. Quantitativ hält er sich nur auf etwa 75 Prozent der Höhe des allerdings sehr starken Rachwuchses vorn vergangenen Jahr. In qualitativen Beziehung darf aber die erfreu­liche Feststellung gemacht werden, dah er in körperlicher Hinsicht noch besser be- anlagt ist. wie im Vorjahre. Die Kinder sind durchweg ausgezeichnet gepflegt, kräftig ent­wickelt und gesund und relativ frei von Rhachi- tis. Rur 56 von den Schulrekruten zeigen die bleibenden Folgen von im Säuglingsalter über­standener schwerer RhachitiS. 27 Kinder waren mit strophulösen Erscheinungen, wie Ausschlägen, Entzündungen der Bindehaut und Lider und Rasenekzemen, sowie skrophulösen Drüsenschwel­lungen behaftet. 37 Kinder wiesen eine konsti­tutionelle Asthenie auf. Im ganzen muhten 135 Schulanfänger wegen der verschiedensten Leiden beanstandet und unter die Zahl der Heber- wachungSbedürftigen eingereiht werden.

Auch in bezug auf die älteren Jahr­gänge darf eine Besserung der körper­lichen Verfassung verbucht werden, die in der Abnahme der Heberwachungslinder zpm Ausdruck kommt. 36 von ifjuen muhten wegen Gebrechen der Sehorgane an den Augenarzt überwiesen werden. 20 Kinder erhielten wegen bestehender Erkrankungen der Ohren bzw. der Ras-u- und Rachenorgane Lieberweisungen an den Facharzt. In 16 Fällen wurde Vorstellung in der Kruppelberatung angeregt. 11 Kinder muhten wegen Vestehens ober Derbachts bet tuberkulösen Erkrankung der Lungen der atungS* stelle überwiesen werden. In 21 Fällen wurden die Eltern davon benachrichtigt, dah ihr Kind einen Dauchbruch habe und angehalten, ärzt­lichen Rat einzuholen.

Die seit Dezember 1925 eingeführte Krops - bekämpf ung bzw. - Verhütung wurde wei­ter durchgeführt. Unter dem untersuchten Schüler- material fanden sich 196 kröpf behaftete, denen wie seither wöchentlich ein Milligramm 3ob in Form der Iodtroponstrumatabletten verabreicht wurde. Die De Handlungsdauer betrug hx jedem Fall zwölf Wochen: falls sich dann noch eine sicht- oder fühlbare Vergrößerung der Schild­drüse feststellen lieh, wurde der gleiche Dehand- lungsturuus noch einmal, evtl, noch ein drittes Mal durchgeführt. Die Erfolge decken sich mit

denen deS Vorjahres. In 76 Prozent bet Fälle wurde eine meßbare Der-leinerung des Kropfes bis zum Verschwinden erzielt. In der regionalen Verbreitung des endemischen Kropsci" wurden die gleichen Feststellungen wie im Vorjahr macht. Er findet sich vorwiegen> in den Ge­meinden entlang dem ßcu'c de. Lumda.

696 Kinder aus den letzten vier Schuljahren hatten ein defektes behandlungsbedürftiges Ge- biß. Leider muhten bei den Benachrichtigungen der Eltern über notwendige zahnärztliche Behandlung die gleichen Erfahrungen wie im Vorjahre gemacht werden. Rur ein verschwin­dender Teil kam wirklich zur Behandlung. Die Ursachen dieser betrüblichen Erscheinung liegen in der Scheu vor Geldausgaben, in der geringen Beachtung, die in dörflichen Gemeinden den Er­krankungen des Gebisses unb namentlich ber Vor­beugung seiner Erkrankung geschenkt wirb, unb zum Teil auch in der Organisation der Schul­zahlpflege bc» KreiseS. Die allgemeine, für die Eltern kostenlose Behandlung wirb wohl wegen der notwendigen Sparsamkeit im Haushalt deS Kreises und der Gemeinden in absehbarer Zeit nicht eingeführt werden können. Ein grober Teil der Kinder, die der Behandlung bisher noch fern- blieben, würde ihr aber zugeführt, wenn die Organisation geändert werden könnte. Es ist ein Unding, wenn die Schulkinder weit entlegener Gemeinden zur zahnärztlichen Be­handlung nach Giehen fahren sollen unb ein Vielfaches der Behandlungskosten für die Reise auswerfen müssen. Es kann deshalb verstanden werden, tvenn sich im Kreistag Stimmen er­heben. welche die Behandlung der Kinder auß entlegenen Gemeinden durch nichtappro­bierte Zahnbehandler, die in größerer Anzahl im Kreise vorhanden sind unb schneller unb mit geringeren Kosten erreicht werden kön­nen, befürworten. Referent ist der Ansicht, dah der Kreis, wenn er überhau-t die Schulzahn- behandlung einrichtet, den Kindern die bestmög­liche Behandlung zuteil werden lassen muh. Dah dies nur durch approbierte Zahn­ärzte geschehen kann, steht außer Frage. Wenn daher in Zukunft die Dentisten zur S ch u I- zahnbehandlung zugelas en werden sollen, so geschieht dies nicht im ausdrücklichen Einver­ständnis mit dem Schularzt, sondern nur auß der Erwägung heraus, dah damit eine gröbere Anzahl Schulkinder überhaupt einer Behand­lung zugeführt toerbm. Selbstverständlich können hier nur solche Dentisten in Betracht kommen, die die Prüfung nach 8 123 der RDO. abgelegt haben unb beren Wohnsitz schneller und mit geringeren Kosten zu erreichen ist, als bet bes nächsten Zahnarztes.

Die immer noch starke Verbreitung ber skro­fulösen utzd asthenischen Jnbivibuen unter ben älteren Jahrgängen ber Kinber machte die Beantragung einer größeren Anzahl von Solbabekuren erforderlich. 158 von allen untersuchten Kindern mußten als kurbedürstig bezeichnet werden. 65 Kinder hatten wegen vor- übergebenbet körperlicher Schwäche eine Er­holungskur von mehreren Wochen nötig. Wie- viele von diesen beantragten Kuren durchgeführt werden konnten, entzieht sich leider meiner Kennt­nis. Rach ben Erfahrungen der Vorjahre zu schliehen, werden es wenig genug fein.

Stellen. Zu sagen wäre nur noch einiges über den Gindruck, den man als Außenstehender in dieser Angelegenheit bekam. Dor allem ist dabei festzustellen, bafe man aus ber ersten Mitteilung der Ortskrankenkasse, es solle auf dem Gelände einVerwaltungsgebäude mit modernem Zu­behör" errichtet werden, doch sicherlich nicht den Schluh ziehen konnte, dah dort eine Zahn­klinik im Rahmen des Verwaltungsgebäudes ge­schaffen werben soll. Ganz sicherlich ist es ver­ständlich, wenn behauptet wird, dah man unter modernem Zubehör" die Schaffung von be­sonderen Räumen für die Angestellten (z. B. Ehraum. Kleiderablagen, modernen Waschraum usw.) verstanden habe, und so ist es auch be- Sreiflich, dah die Stadtverordneten Ende vorigen ähres ihre Zustimmung zur Ueberlaffung von

Gelände im Erbbau zwecks Schaffung eines Der- waItimgßgcbäubeß gegeben haben. Durch die mitt­lerweile aber bekannt gewordenen wirklichen Ab­sichten der Ortskrankenkasse, die vor allem neben der Schaffung neuen Verwaltungsraums auf die Einrichtung einer Zahnklinik abzielen, war selbst­verständlich für das Stadtparlament eine neue Sachlage entstanden, die den Antrag der Mittel- standsfraltivn auf Verweigerung von Gelände im Erbbau für diesen Zweck begreiflich macht. Es handell sich hier übrigens im Grunde genom­men gar nicht um den einen Fall der Ortskranken­kasse, sondern es geht um die grundsätzliche Ein­stellung unserer Kommunalpolitck. Man toill nicht, dah das Gut der Allgemeinheit (das Gelände) zu Zwecken Verwendung findet, die nichts ande­res zum Ziele haben, als bestimmten Schichten der Bürgerschaft im Wirtschaftskampfe Konkur­renz zu machen unb ben Bürgern die Existenz­grundlagen zu beeinträchtigen. 3m vorliegenden Falle kommt als besonders bedeutsam noch die Tatsache in Betracht, dah die Ortskrankenkasse als Interessent auf der einen Seite völlig steuer­frei ist, während die Zahnärzte und Dentisten als Interessierte auf der anderen Seite m vollem Umfange zur Steuerzahlung herangezogen werden. Man form es daher verstehen, wenn in der Stadtverordnetenversammlung in diesem spe­ziellen Falle die foftenlofe Uebetlassung von städtischem Gelände an die steuerfreie Ortskran­kenkasse als eine unbillige Härte gegenüber den steuerzahlenben Bürgertreisen bezeichnet wurde. Unb auch vom grundsätzlichen Standpunkt äus erscheint es gerechtfertigt, wenn dem Ersuchen der Crtßfranlenlaffe in diesem Falle nicht entsprochen wird, denn was man jetzt der Ortskrankenkässe gewähren würde, könnte man in Zukunft anderen privaten Interessenten ober privatwirtschaftlichen Körperschaften nicht ablehnen. Wenn betont wird, bah die Stadt für die Errichtung einer Uni- versitäts-Zahnklinik, mit der in naher Zukunft wohl zu rechnen sein wird, doch sicherllch auch Gelände kostenlos zur Verfügung stellen werde, im Hinblick darauf also das Ersuchen der Orts­krankenkasse erfüllen müsse, so ist demgegenüber doch geltend zu machen, dah eine Parallele zwi­

schen llnibcrfität und Ortskrankenkasse nicht aut Sen werden kann. Eine Universitäts-Zayn-

toirb als oberstes Ziel immer die Weiter­entwicklung der Wistenschaft auf diesem Gebiete und die Ausbildung des fachärztlichen Rach- wuchles. also ausgesprochene Fvrschungs- unb Lehrzwecke verfolgen, während man eine gleiche primäre Einstellung von der Ortskrankenkasse ohne dieser mit der Betonung dieses Unter­schieds zu nahe treten zu wollen doch nicht behaupten kann. Hiernach wird ein Ersuchen der Universität um kostenlose Uebertaffung von städtischem Gelände zur Errichtung einer llni- versitätszahnklinik ganz anders zu bewerten sein, als die jetzige Forderung der Crtßfranlenfaffe. Jedoch auch den Plänen der Ortskrankenkasse will das Stabtparlament nicht im Wege stehen. Es hat niemanb grundsätzlichen Einspruch gegen die Schaffung einer Zahnklinik ber Ortskranken­kasse erhoben, nur wird Widerstand dagegen geleistet, dah diese llinische Einrichtung aus- gebaut sein soll auf ber kostenlosen lieber- Ladung von Besitztum der Allgemeinheit. Wenn die Ortstrankenkasse ben Grund unb Boden zu ihrem Bau unter gleichen Bedingungen erwirbt, wie jeder andere Bauinterellent, so wird auch feitenß der Stadtverordneten unb der gerecht denkenden Bürgert reise nichts dagegen zu sagen fein, dah auf diesem gekauften Grundeigentum die Kasse nach ihrem Ermessen verfährt. In diesem Falle würde die Ortskraickenkasse eben unter den gleichen wirtschaftlichen Bedingungen arbeiten, wie jeder andere Interessent. Wenn die Ortskrankenkasse zur Abwehr ber Einwände ihrer Widersacher noch darauf hinweist, dah sie nicht beabsichtige, ihren Mitgliedern Ke freie Arztwahl zu nehmen, dah es aiuf> nach der Errichtung einer Ortskrankenkassen-Zahnklinik je­dem Kassenmitglied freistehen solle, zu dem Zahnarzt oder Dentisten seines Vertrauens zu gehen unb die Zahnklinik der Kalle nicht in Anspruch zu nehmen, so muh sich die Leitung der Kasse doch von der anderen Seite ent­gegenhalten lallen, daß für die dauernde Geltung dieses Standpunktes von heute keinerlei Gewähr gegeben ist, daß dagegen allerlei Mög­lichkeiten bestehen, auch ohne formelle Aufhebung ober Beschränkung ber freien Arztwahl die zahn kranken Mitglieder der Kalle in erster Linie, ober auch ausschließlich nur der Ein­richtung ber Kalle zuzuführen. Wenn aus dieser ganzen Betrachtung des Zahnklinik-Projekts der UrtßtranfenfafTe von weiten Kreisen der Bür­gerschaft, die sich nicht etwa zum »Sprachrohr der Zahnärzte unb Dentisten" machen, ber Schluh gezogen wird, daß die Stadt feine Veranlassung hat, in diesem Falle städtisches Gelände kosten­los herzugeben unb steuerzahlenben Bürgern eine aus bem Besitz ber Bürgergesamtheit gestärkte Konkurrenz entgegenyiie^en, so formen wir diese Stellungnahme nur verstehen und billigen. Die Stadtvervrbnetenversammlung. die voraussichtlich schon in Kürze über diese Frage endgültig zu

entscheiden hat, wird nach unserer An.icht im Sinne ber gerecht und billig denkenden Teile der Dürgerschaf t handeln, wenn sie- nicht etwa den Zahnärzten und Dentisten zuliebe, sondern euß grundsätzlichen Erwägungen heraus diesem Ersuchen der OrtSkrankenkalle nicht entspricht.

Der Oberhessische Kunsiverein hielt am Donnerstag im Stadthause seine or­dentliche Mitglieder versa mm lu n g ab. Der von dem Vorsitzenden erstattete 3 a b » reegcschäftS bericht über daS Jahr 1927 ergibt, dah im Laufe deS letzteren sieben Ausstellungen stattfanden, zu toeld^en neben ber heimischen Höllischen, insbesondere Oberhessischen Künstlerschast auch eine Reihe namhafter auswärtiger Künstler mit Werken ver­schiedenster Art zugezogen wurde. Im Januar- Februar stellten elsässische Künstler Aqua­relle aus ihrer Heimat sowie Holzminiaturen aus. während Professor Wach. Düsseldorf 4 große Gobelins aus seinen Kammerburger Werlstätten und seine Modelle nebst Zeich­nungen zu dem Entwurf eines Ehrenmals aus den Jnlcpr bei Lorch am Rhein zur Schau brachte. Ganz besonderes Interesse sand die darauf folgende, von Geheimerat Bantzer. Mar­burg. selbst zusammengestellte Ausstellung von Werken Marburger Künstler. AuS den nam- hasten Gemälden des genannten Künstlers er­warb der Verein die Vorarbeit Dantzers zu seinem bekannten Gemälde in der Rational-Ga- leric in Berlin:Abendmahljeict" und zwar Szene 1am Altar", der Künstler stiftete dem Verein die dazu gehörige Szene 2. sodaß dieser jetzt die gesamten Vorarbeiten zu jenem Dilae beüht. welche in die ständige Kunstsammlung im Reuen Schloß ausgenommen worden sind. 3m April brachte Heinrich Linzen. Weimar, eine Kollektiv-Ausstellung von Odgemalben, Aquarellen und Zeichnungen, 3agdstücke, Tier­kampsszenen. Wildlomposilionen darstellend, im Mai Juni Daniel ©reiner, Jugenheim eine solche von Gemälden, Graphik uitb Plastik mannigfacher Art. Die folgenden Ausstellungen waren insbesondere der einheimischen, hessischen Kunst gewidmet und schlossen im Dezember mit der speziell für oberhesfische Künstler eingerich­teten Weihnachtsaus Heilung: .Künst­le r h i l s e 1927" ab, welche wieder i>on dem Landesamt für das Dildungswesen in Darm­stadt angeregt, aber in diesem Jahre in Ver­bindung mit einer innerhalb ber Provinz Ober- Hessen veranstalteten Ausspielung von bem Olxr- heffischen Kunstverein selbstäirdig burd.geiübrt wurde. AuS dem Loseverkauf (4483 ä 5J Pf.

2241,50 Mk.), konnten 15 in. der Ausstellung an gekaufte Cinzelgewinne, bestehend in 8 Ocl- gemälden, 3 Aquarellen, 1 Plastik, 1 Pastell, 1 Zeichnung, 1 Holzschnitt, sowie 396 hand­schriftlich signierte Blätter aus 4 Serien hessischer Künstler, im ganzen 411 Gewinne erworben und am 19. Dezember verlost werden. In der Aus­stellung selbst wurden noch 29 Kunstwerke im Gesamtwert von 2806 Mark, verkauft. Das private Publikum war dabei allerdings ange­sichts der schwierigen Zeitverhältnisse nur sehr gering beteiligt, ihn so dankbarer ist die tat­kräftige ilnterstützung der oberhessi sehen Kunst seitens der öffentlichen Körperschaften, ganz be­sonders der Provinz, hervor^uheben. Der ilm- sah in den übrraen 5 Ausstellungen war gleich­falls ein äußerst geringer, et blieb unter 1000 Mark. Auch ber Besuch ber Ausstellungen läßt namentlich an den Wochentagen viel zu wünschen übrig.

Die JahreSverlosung unter öic Mitglieder fand am 12. Dezember statt. Ver­lost wurden acht Anrechtscheine zwischen 150 und 25 Mk., achtzehn im Laufe des Jahres in ber Ausstellung angetanste meist gerahmte Kunst­werke: Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen so­wie vierzehn Piperdrucke:Rubens, Knabe mit Zeisig", welche dem Verein durch Vermittlung des Kunstvereins Kassel h"ir die Mitglieder zu einem Vorzugspreise überlallen wurden, im ganzen vierzig Gewinne im Gesamtwert von etwa 1000 Mk., ein bei der schwierigen finanziellen Lage immerhin recht schöner Erfolg, in Anbetracht ber Umftänbe, baß ber Verein statt bes statu­tarisch bestimmten Jahresbeitrags von 10 Mk. nur die Hälfte erhebt, die Mitgliederzahl ab- nimmt und die Ausstellungen bei groben Kosten und geringen Einnahmen in der Regel mit nicht unbeträchtlichen Defizits abschließen. Immerhin ist der Verein mit feiner Jahreseinnahme aus­gekommen und hat per 31. Dezember 1927 mit einem Gesamtvermögen von 2790,85 Mk. abge­schlossen.

Die von dem Schatzmeister, Bankdirektvr Grieß- bauer, gestellte, von den Revisoren Profestor Belte und Geheimerat b (t, geprüfte Jahresrech­nung wurde richtig befunden. Dem Schatzmeister njuroc unter Danksagung für feine Mühewaltung Entlastung erteilt.

Die Mitgliederzahl betrug Ende 1927 nur noch 449 (gegen 485 Ende 1926). Geheimerat Bantzer hat am 6. August 1927 seinen 70. Ge­burtstag begangen. Der Verein hat ihm aus diesem Anlaß in dankbarer Anerkennung seines ihm bekun­deten großen Interesses die Ehrenmitglied­schaft verliehen und ihm am genannten Tage durch den Vorsitzenden und den Schriftführer eine Ehren- urkunde in Ledermappe überreichen lassen.

Der Verein ist demBerbanb deutscher Kunst- oereine E. D. in München" beigetreten, welcher be- zweckt, die der Pflege der bildenden Kunst dienenden gemeinsamen Bestrebungen der deutschen Kunstver- eine durch heute besonders dringlichen Zusammen­schluß zu fördern. Möchte auch das Publikum nach Kräften mithelfen, die allenthalben darniederliegende Kunst und die im Existenzkampf schwer ringende Künstlerschaft wieder einer besseren Zeit entgegen- zujühren.

Sehr zu fcbauern ist endlich, baß Raummangel im Reuen Schloß jebrr Ecweiterul'.g ber so hoff­nungsvoll begonnenen ftänbigen Kunstsammlung entgegensteht. Möchte es auch hier ber Stabt recht halb gelingen, bessere Raumverhältnisse yi beschaffen unb Somit ber Sammlung, gleichzeitvg aber auch ber Kunst selbst ein weiteres Fort- schreiten zu ermöglichen!

Am Schlüsse ber Versammlung bankte ber Vor­sitzende ben leibet nicht in großer Zahl er- schienenen Mitgliedern für bas bem Verein be*

I kündete Interesse, während Geheimerat Olt bem Dorsihenben mit herzlichen Worten ben Dank bet Erschienenen zum Ausdruck brachte.