Samstag, 7. April 1028
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheffen)
Hr. 85 viertes Blatt
geboren, daS dem Doll, dem sie entflammen, eignet Mit her Muttersprache erhalten ttHr daS erste und vorzüglichste Mittel, mit dem wir später alles erwerben können, was ein Bestand* teil unterer Weltanschauung werden soll. Der erste Zeuge und Bürge für die Wahrheit und den Wert dessen. waS wir lernen, ist unS unsere Nation, schon in der Zeit, in der diese noch gar nicht in unterem Bewußtsein: lebt. Er später treten wir selbstständig an die unS überlieferten Lehren heran, öelbft die Kirche lernen wir auf dem Umweg über unsere Nation kennen: die ersten Zeugen auch für sie sind unsere Vorfahren, die sich ihr einst zugewandt ober seither die Treue gehalten haben.
Der religiös deutende Mensch weist, dast Gott ihn mit Absicht in eine b e st irnm te Nation hineingestellt hat. Er freut sich dieser Fügung, er liebt um ihretwillen fein Volkstum. Das Erbgut des Volkes ist immer noch der Bereicherung. Verbesserung. Veredelung fähig. Dies gilt insbesondere von der Weltanschauung. die eS vermitteln Hilst. Die nach uns kommen, sollen es leichter haben, eine von Irrtümern möglichst gereinigte, in Wahrheiten ober vertiefte Weltanschauung zu gewinnen.
Wer so über das Volkstum dcnlt. den fcksiitzt seine Weltanschauung vor zweierlei. Er kann erstens nicht ungerecht werden gegen andere Nationen. Die europäischen Völker haben so sehr die alten Volker, die ums Mittelmeer herum und in Vorderasien sahen, beerbt und seither auch gegenseitig von einander empfangen, dah sie in geistige Armut sich stürzen mühten, wenn sie sich jetzt etwa eine auch in ihrem Ursprung rein nationale Weltanschauung zurechtlegen wollten. Sine solche gibt es nicht, und eine solche braucht eS nicht. In Wahrheit unterscheiden sich unsere Weltanschauungen heutzutage nicht national im Grunde, sondern nur im Einschlag. Alle europäischen Nationen stehen auf dem Boden einer abendländischen Weltanschauung, die in ihren wichtigsten Elementen die christlich: ist. die sich auch über jene unter uns, die noch nicht oder nicht mehr Ehristen sind, er* weitern.
Alles was es zwischen den curopaiiajcn Volkern an Verschiedenheit der Weltanschauung gibt und den Gegenstand des Kampfes unter den Weltanschauungen bildet, darf den Nahmen des gemeinsamen Abendländischen nicht sprengen.
Innerhalb dieses NahmenS aber ist und bleibt das Bestimmende das Volkstum, das, was die Nation für die Ihrigen aus Eigenem und Zueiaengewonnenem verarbeitet hat. Dies auf* zugeben kann niemand verlangen, auch nicht eigene oder fremde Stacttsraison. Unsere Weltanschauung selbst verbietet, es gering zu schätz n.. Weil wir den Frieden wollen, verlangen wir von keinem anderen Volk einen Verzicht, weifen aber selbstverständlich eine jede derartige Forderung nach einem Verzicht unsererseits zurück.
leichtsinnig zu so etwas und nehmen's auch leichtsinnig, die braucht man nicht zu beklagen, aber die Maria? Ach, arme Maria! Er fühlte, dah feine Liebe für sie noch lange nicht tot war.
ncchm's wie eine Fügung.---,------- ,
grüßte, obgleich er ein wenig erstaunt war — „be
ste geahnt hätte: die Frau ng. Wie freundlich er sie be-
Nation und Religion
Von Or. Ignaz Seipel, österreichischem Sundeskanzler.
Oie goldenen Serge.
Vornan von (Llara Diebig.
Copyright by Deutsche Verlags-Anstall Stuttgart. 33 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Nun konnte sie es doch nicht so grab heraus sagen, behaupten ja auch nicht, so sagte sie nur recht kleinlaut: „Sie is verzagt und unglücklich. Aber ich gab ihr gesagt, sie braucht sich nit so zu grämen, 3br seid doch ’n rechtlicher Mensch. Gelt, Kaspar? oie hob ihren Blick jetzt zu ihm, aber was sie zu fehen erwartet hatte, sah sie nicht: keine Zustimmung, kein sie verstehendes Nicken.
Verständnislos, in einer gewissen erschrockenen Ratlosigkeit starrte er sie an: „Ich verstehen Euch nit — wat meint Ihr? Wat soll ich dann? Wat is mit der Maria? Verzagt, unglücklich? Herrgott ja, bat weist ich als lang — aber wat kann ich dabei machen?!^ , _ _ .
„Wißt Ihr — Ihr — bann auch den Grund mt? Nu war es cm der Bremm, erstaunt und ratlos zu fein. . o . .
Dreis seufzte: „Nein. Et war vor der Lese, da bin ich chr einmal begegnet; am liebsten wäre sie daoongelaufen. Ich hab sie gestellt, ich hab sie vielmals gefragt: .Warum biste traurig, wer hat dir wat getan, sag, sag doch, wer hat dir Leides getan, Maria?' Denn Leides hat ihr einer getan, bat könnt ihr glauben — ich fühlen ec. Aber sie gab mir nit Antwort darauf. Ach, Frau Bremm, sie will ja nix wissen von mir — da lest, lest et selber!" Er ging an seinen Schreibtisch, schloß em Schubfach auf, nahm einen Brief heraus und legte den vor die Frau hin: „Den bat sie mir geschrieben, am letzten Mai." m ,, ,
Die Mutter las. Erst ohne rechtes Verstehen, dann mit wachsendem Befremden, dann mit Erschrecken; las einmal, zweimal:
„Komm bitte nicht mehr hierher, da du doch gar nicht mein Schatz bist und auch niemals nicht sein wirst." , .
Unruhig geworden, ganz verängstigt sah die Frau den jungen'Mann an: was sollte das heißen?
Kaspar lächelte traurig: ,JDat fie en andren hat.
„Nein, o nein, bat glaube ich nit," wehrte die Bremm. . ........
„Man muß bat doch denken, wenn |ie so scyreivt. Und wenn sie mir auch gesagt hat: ,Nein< Herrgott. Herrgott, ich sein schon ganz irr! Kaspar Dreis fuhr sich wild durch die Haare. ,^rst denkt man, sie bat einen, dann: sie hat feinen, ober sie trauert einem noch nach. Und dann denkt man__ er hielt plötzlich inne und sah verlegen an der izrau vorbei in eine Ecke, seine Stimme wurde leiser — „denkt noch wat andres."
Wirischasi.
Ronjunfftirfragtn.
Nach dem Wochenbericht des InstitutSfür Konjunkturforschung halt sich die wirtschaftliche Tätigkeit trotz der auf einzelnen Gebieten eingetretenen jahreszeitlichen Belebung unter dem im Oktober und November 1927 erreichten Höchststand. Die konjunkturellen Veränderungen des Beschäftigungsgrades sind jedoch bisher sehr gering, und man kann nach dem Untersuchungen des Instituts abschließend folgern. dah wir uns noch immer in der Phase der Hochkonjunktur befinben. Auch der Auftragseingang hat sich in den letzten Monaten nicht wesentlich verändert.
Interessant ist für die Beurteilung der Äon* junktur in dem bezeichneten Sinne die Untersuchung des Instituts über die Bewegung d e s D a n k k r e d i t s. der eine weitere Ausdehnung aufweist, obwohl der Beschäftigungsgrad der Wirtschaft, ab Oktober 1927 betrachtet, gesunken ist. Besonders auffällig ist die ft arte Steigerung des Wechselbestandes der Großbanken seit Ende Dezember (um 5.6 Proz). in der das Institut eine konjunkturelle!
troffen", meinte die Bremm.
Der junge Mann führte sie in seine otube. pa stand ein Schreibtisch, über dem hingen die Brider seiner Eltern — große Photographien in vergolde- ten Rahmen — von den Stühle war kein einziger durchgesesfen, auf dem runden Tisch lag eine weiße Häkeldecke und mitten darauf stand eine Base mit ab geschnittenen Zweigen, die zu Weihnachten würden Blüten entfaUet haben.
Es gefiel der Bremm so gut in dem freundlichen Zimmer. Und der junge Mann selber sah so nett und so sauber aus in seiner Ioppe, sein gebräuntes Gesicht sah sie so ehrlich an, ihr lief das Herz über. Mit ihren beiden Händen seine Hand fassend und sich so tief darüber beugend, daß er das Sichiagen von Rot und Blaß auf ihrem Gesicht nicht sehen konnte, sagte sie rasch: „Kaspar, kurz und ehrlich ge- svrochen: wie denkt Jbr et nu zu halten mit der Maria? Ich glauben saft — ich weiß ea nit genau, fie sagt et ja nit — aber ich fürchten, bat — bat —
Aber als jetzt die Bremm vor dem Hause stand, in dem die Brüder Dreis wohnten, da fürchtete sie sich. Es war ihr doch schrecklich, von dem anzufcm- gen, was ihr nach und nach, nad)bcm sie es zehnmal für bestimmt angenommen und zehnmal wieder verworfen hatte, doch zur Gewißheit geworden schien. Wie sollte sie es nur sagen, wie von dem Malheur schicklich anfangen, wie fordern, wie Vorschlägen, damit der Dreis sich nun rasch zur Heirat entschloß?! Sie nahm wie immer ihre Zuflucht zum Gebet. Wenn sie auch jetzt nicht ihre Hände falten konnte, innerlich betete sie: „Jungfrau wir grüßen dich — O Maria hilf." Und dann ging sie stracks ins Haus hinein.
Es war ein Haus, dem man es ansah, daß die Gebrüder Dreis keine armen Leute waren. Die zwei 21 eiteren hatten ja auch ganz gut geheiratet. Es war alles wohnlich und sauber gehalten. Die Bremm sah sich um mit Befriedigung: ihre Maria kam in keine oowre Wirtschaft. Der Kaspar trat jetzt gerade in den Flur, als ob er
Die beste Weltanschauung hat nicht immer, wer am meisten von der Welt geschaut hat. Wan sagt z. B. von Immanuel Kant, daß er niemals über Königsberg Hinausgelommen sei. Eine Weltanschauung hat er dennoch gehabt und wie vielen hat er zu einer Weltanschauung in der höchsten Bedeutung des Wortes geholfen! Andererseits begegnen uns viele, denen es nicht an Gelegenheit gefehlt hat. die Welt zu sehen, aber an Weltanschauung haben sie weniger mttgcbracht als mancher schlechte Dauer besitzt.
Woher empfängt nun der Mensch in der Negel die Weltanschauung? Geschichtlich betrachtet. vor allem aus zwei Quellen: von der Religion und vom Volkstum. Für jede von beiden Quellen kann es im besonderen Fall einen Ersatz geben. Für die Religion in ihrer Negation, der Irreligion. An Stelle des Volks* tums kann die Kaste oder die Klasse treten. An andere Begründer und Vermittler der Welt* anschauung ist kaum zu denken. Wenn jemand z. B. die Wissenschaft oder die Kunst nennen wollte, so könnte dies nur den Sinn haben, daß seine Wissenschaft oder feine Kunst zu einer die Rätsel der Welt deutenden religiösen oder irreligiösen Philosophie geworden ist oder aber, daß er über der Beschäftigung mit ihnen vergessen hat, sich eine bewußte Welta.ischauung zu bilden. Ebensowenig könnte der Staat als eine die Weltanschauung schaffende oder auch nur gebende Kraft gelten, es sei denn, der Staat hat das Volk so erfaßt, daß Nation und Staat sich vollständig decken. Dann hat aber der Staat ein Volkstum geschaffen und dieses ist eS, das die Weltanschauung beeinflußt.
Versuchen wir nun, den Antell zu bestimmen, den die Religion und das Vvllstum an der Weltanschauung haben.
Der Anteil der Religion ist so groß, daß die meisten, wenn sie von Weltanschauung spre* cheir. überhaupt nur an die Religion denken. Wahr ist, daß es keine Religion gibt, die nicht geradezu daraus ausginge, und davon ihren An* fang nähme, eine Weltanschauung zu geben. Eine Religion, die nicht eine Weltanschauung gibt, i st keine Religion, ilnb gerade darin wurzelt die Kraft der Religion, daß sie die Rätsel der Welt, vor allem aber das große Rätsel des Menschenlebens löst oder doch zu lösen verspricht. timgclehrt hat das Scheitern der Religion, oder richtiger gesagt, das Scheitern des Menschen an der Religion immer fernen Grund darin, dah ihm diese, wie er meint, die Rätsel der Welt und des Lebens nicht löst.
Braucht der Mensch eine Weltanschauung? 3a. er braucht fie. All sein Wissen ist ein ihn quälendes Stückwerk, ein Chaos, wenn es nicht in eine Weltanschauung sinnvoll zusammenfließt. Das Chaos im Denken rächt sich durch ein Chaos im Leben. Sinnlos reihen sich die Stunden zu Tagen, die Tage zu Iahren.
Deutschlands eigene Kraft.1
Die Zentralprobteme deutscher Wirtschaft
Politik.
Don Or. Hans Luther, ehem. Reichskanzler.
Deutschland hatte neben der Reparationsbelastung und der Auslandverschuldung mit einer jährlichen Zinssumme von rund 500 Mill. Mk. in den Iahren 1925/26 auch noch mit einer durch- schnittlichen Passivität der Handelsbilanz von 2V, Milliarden und 1927 mit einer Passivität von */< Milliarde zu kämpsen. Ausgabe der Politik ist eS zunächst, die Festsetzung einer trag- fäfjtgcn Endsumme unsere» Auslandverpftichtun- »zu erreichen. Denn erst wenn diese Endsumme eht, kann die deutsche Wirtschaft großzügig finanziert werden.
Wir erleichtern unS unfere notwendigen rc- parationspolitischen Verhandlungen natürlich un- gemein. wenn wir auS eigener Kraft tun. was zu tun ist. um die WirtschaftSverhältniffe zu beffetn. Wir haben schon bei der Währungs- ftabUlfierung, die im Ausland von Anfang an als „logisch undenkbar" bekrittelt wurde, die Erfahrung gemacht, dah nur die Selbst h l l f c zur Auslandhilse führt. Erst nachdem die Stabilisierung unserer Währung auS eigener Straft durchgeführt war. kamen wir zu den DaweS-Verhandlungen über die 'Befreiung Der Ruhr und der Rheinlande. So werden wir auch die Reparationsverhandlungen nur mit Erfolg führen können, wenn wir uns wirtschaftlich so weit wie möglich auf eigene Füße stellen.
Auf eigene Füße stellen - der «urzig mögliche Weg. der zum Ziele fuhrt, ist die Bildung von Sigenkapital. Hier gibt e« Aw" Woglich- feiten: die Steigerung der Leistungsfähigkeit unferer Volkswirtschaft und die Herabsetzung unsere« Verbrauches. D a s e r st e G e b o t m u h natürlich lauten: sparen! Freilich ist es psychologisch sehr schwer, der deutschen Oeffent- lichkeit, deren Ersparnisse in der Inflation so vollständig dahingeschmolzen sind, die Notwendigkeit des Sparens wiederum klar zu machen. Daß es aber doch nicht ausgeschlossen ist, beweist das Ansteigen deS Sparkapitals in Deutschland, wie e« immerhin festzustellen ist. Vor allem müssen wir natürlich im Zusammenhang mit der öffentlichen Verwaltung sparen. Hier darf die Ausrede, daß es da und dort doch nur um ganz geringfügige Beträge geht, grundsätzlich niemals geltend gemacht werden. Man weist gerne darauf hin, daß die preußische Gerichtsbarkeit 320 Millionen kostet, während die Ausgaben für die Wirtschaft der Zentrale, also des Reichsjustizministeriums und des preußischen Iu- stizministeriums, an dem gespart werden sollte und könnte, nur 1.5 Millionen betragen. Trotzdem müssen auch hier Ersparungen vorgenommen werden, wie eben überall, wo dies möglich ist. Man muh sich immer wieder vor Augen hallen, dah die deutschen Derwallungskosten in Reich, Ländern und Gemeinden vor dem Kriege L Milliarden betrugen, während sie heute 13 Milliarden verschlingen. Die Selbstverwaltungskörper leisten sich vielfach Ausgaben für Veranstaltungen, deren soziale Bedeutung nicht bestritten werden soll, die aber in der Vorkriegszeit, in der e« unS doch besser ging alS heute, nicht möglich gewesen wäre. Dabei vergessen sie gelegentlich, dah ihre Wirtschaft für die gesamte Volkswirtschaft beispielgebend ist und — im guten Sinne — fein soll.
Besonders wesentlich ist eine weitestgehende Rationalisierung. In der Industrie ist dieser Prozeß seit dem Mai 1925 schon weit fortgeschritten und hat sehr gute Erfolge gezeitigt. Ieht muß er in der Landw i r t - schäft energisch eingeleitet werden. Wir müssen eine nennenswerte Produktionssteigerung in unserer landwirtschaftlichen Erzeugung erzielen. Cs muh gelingen, die Einfuhr zu vermindern und die Ausfuhr zu steigern. Mit Handelsvertrags- Verhandlungen allein wird dieses Ziel nicht zu erreichen fein. Wir leben eben nicht auf einer Insel und müssen uns vor Augen halten, dah wir. wollten wir z. D. die Einfuhr von Südfrüchten unmöglich machen, mit manchen Vol-
..Wat dann, wat bann?!"
„Laßt, laßt, Frau Bremm, fragt lieber nit!" Er wehrte die hastig und erregt Fragende ab. „Wat ich denken, bat mag ich nit sagen; am End beleidigen ich die Maria damit. Ich kann auch nit darüber sprechen, et geht mir zu nah. Aber ich denk, Ihr wißt wohl auch so Bescheid. Ihr denkt vielleicht bat- selbe wie ich." ,
„Ach, und ich," stammelte die Mutter — in tiefster Enttäuschung bcaunn ihre Stimme zu schwau- ken — „ich dachten, Ihr — Ihr wärt et!" Sie war ganz vernichte:.
„Nein." Das Nein des Kaspar Dreis war jo ehr- sich und zugleich so aufrichtig traurig gesprochen, daß die Bremm keinen Augenblick daran zweifelte.
Oh, die Maria, bas Unglücksmädchen! Ach, und dann mußte sie ja gehen, es war hier ganz umsonst gewesen! Sie stand rasch auf, aber ihre Knie wankten, und es war ihr, als drehe sich alles mit ihr herum. Ihr war elend zumute: wenn das nun aber mit der Maria doch so war, wie sie fürchtete?! Ach, der Dreis brauchte ihr's ja nicht deutlicher zu sagen, sie machte es sich selber klar genug. Jesus, die Maria — was würde ihr Mann dazu sagen?! Ihr armer Bremm! Jesus erbarme dich! Sie erstarrte vor Entsetzen.
„Setzt Euch noch einen Augenblick," sprach der junge Mann und drückte sie wieder nieder, erholt Euch erst, oo geht Ihr nit heim. Wat soll Euer Mann dann wohl denken! Und wenn Euch Leut begegnen, Ihr seht ja aus wie der Tod. Seht, Frau Bremm," — er nahm ihre eiskalt gewordene Hand und hiell die mttleidig — „wat wir zwei heut mit- einander gesprochen hoben, bat muß auch Zwilchen uns zwei bleiben. Wir können der Maria doch Unrecht tun." , , . .
„So meint Ihr, et könnt also doch mt so sein? Aufatmend Hämmerte die Mutter sich schnell an biete Hoffnung, ihr bleiches Gesicht belebte sich. „Et könnt nit so sein?!"
Er nickte ernst. Die Bremm tat ihm lehr leid, er mochte ihr nicht sagen, daß sein „der Maria Un- I recht tun" anders gemeint war. Für ihn gab es kaum einen Zweifel mehr an dem, was mit der Maria war — aber wer weiß, wie sie dazu gekommen war? Sie war so harmlos, so unschuldig gewesen. Ach nein, man durste sie nicht verantwortlich machen. Er sah sie wieder vor sich stehen wie an jenem lag auf dem Weg vom Klosterberg und seufzte aus Herzensgrund: andere Mädchen kommen
kern überhaupt nicht in Handelsbeziehungen stehen könnten Trotzdem ist die Ersetzung aus- ländsicher Produkte durch inländische unbedingt notwendig, soweit die^ irgendwie durchführbar ist. Besonders die deutsche Landwirtschaft muß zu einer solchen Standardisierung ihrer Erzeug- nisse gelangen, daß diele b.n ausländischen Spitzen rvduiten vollständig gleichwertig werden
Die Genier WeltwirtfchaftS!on ercr.z ha> den War caaustaulch zwi'chc.i bei Nationen feierlich zum Prinzip erhoben. In Wirllichleit herrscht aber in der ganzen Well eine Hochblüte des Protektionismus, der durch die Tatsache, daß es heute in Europa 27 Währungen gibt — gegen 13 in der Vorkriegszeit wesentlich gefördert wird. Ccj s Land strebt die wirtschaftliche tinabhängigleit vom Austa b: an. Auch wir müssen sie, was unsere landwirtschaftliche Produktion betrifft so weit wie möglich zu erreichen suchen.
tim aber zu einer zielbewußten Wirtschafts- pvlitik zu gelangen, braucht Deutschland eine
einheitliche Reichsgewalt. Nur von ihr lann gerade das landwirtschaftliche Problem einer vernünftigen Lösung zugrführt werden.
■Sic -Nationalisierung im weitesten Sinne, die notwendig ist, erfordert auch eine vollständige Verwertung der deutschen Arbeitskraft. die ja beinahe unser ganzes Kapital ist. Die Frage ihrer zweckmäßigen Ausnutzung ist ui end ich wichttg. Gewi!; ist eine gro züg.ge o'ia..olitische Vergebung notwendig. wollen wir das Zusammenleben der Deutschen als einer einheitlichen Nation nicht gefährden. Die fozialpolitifche Gesetzgebung muh aber die Arbeitslust fördern und darf keine Be ;.r.;.nu:ig:n erhalte i. die geeignet wären, fie im C-ege tci! zu vermi id r:. Ernennen wir Deutschen die Arbeit als eines der höchsten wirtschaftlichen und ethischen Güter an und gelingt uns eine großzügige Rationalisierung, die ja nichts anderes ist als die Bändigung des Stosses durch den Geist, dann kann man. glaube ich. hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.
Wozu ein solches Leben mit dem unvermeidlichen Ringen, den unvermeidlichen Sorgen tragen? Das Zusammenleben mit den anderen, die Einordnung in die tatsächlich bestehenden Gemein- schasten, wozu?
In der Tat ist die Frage., ob der Mensch eine Weltanschauung braucht, müßig. Er hat eben eine Weltanschauung, nur vielleicht eine falsche, unwürdige, lächerliche. Der Gegensatz ist gar nicht Weltanschauung oder keine Weltanschauung, sondern wahre, gute, sinnreiche, erhebende, zum Leben befähigende, das Leben lebenswert machende WeltanscAuung oder verkehrte, törichte, wertlose. schädliche, weil das Gute im Menschen unterdrückende Weltanschauung.
Hat das Volkstum einen ebenso großen Anteil an der Weltanschauung? tieberall, wo in der Vergangenheit Religionsgemeinschaft .und Volkstum jufammenfielen. wo es Naturreligionen gab. war es das Volkstum, das die Wellan* schauung überlieferte. Aber diese starre Einheit von Religionsgemeinschaft und Volkstum erhielt sich nirgends. Das Christentum machte endgültig mit der Idee der Nationalreligionen Schluß, obwohl es nie den geschichtlichen Zusammenhang mit der einem einzigen Volke zur Bewahrung anvertrauten altteftamentlicben Offenbarung aufgab. ja diese ebenso wie der jüdische Glaube selbst als göttlich anerkannte.
Freilich wurde vom Standpunkt der Einheit und Selbstständigkeit der Nationen aus ost genug auch dort noch, wo die ursprüngliche National* religivn bereits verschwunden toar. versucht, eine National- und Staatsreligion zu schassen., aber es war immer vergebens. Was in späteren Zeiten, wie eine Neubelebung de» Gedankens der Natwnalreliaion aussehen mochte, war gar keine solche, sondern nur mehr ein Bestreben, die Religionsgemeinschaft national zu organisieren, ohne daß damit grundsätzlich die Einheit des religiösen Gedankeninhalts zerstört werden sollte. In der Praxis erwies sich dieser Weg sreilich ohne Sektenbildung nicht gangbar.
Daß eS zur Trennung von Religion und Nation kam. ist ein Sieg des Geistes über das Blut und des Gedankens über die Sprache, in der er zuerst ausgedrückt wurde.
Wir können daher dem Bedeutungsverlust, den dadurch die Nation scheinbar erlitten hat. nicht nad)trauern, auch wenn wir den Wert der Nation noch so hoch stellen. Aber wir brauchen gar nicht zu trauern, es ist ja nur ein scheinbarer Verlust. In Wahrheit ist die Nation I erst recht der Vermittler der Weltanschauung geworden. Die Weltanschauungen gewinnen nur in vereinzelten Fällen ihre Anhänger von Person zu Person. Schon unsere Vorfahren sind nicht einzeln zum Christentum bekehrt worden, sondern die Völker haben es angenommen. Die Menschen werden fast durchaus als Kinder ihres Volkes in das Bekenntnis hinem-
Unb es regnete weiter. Und die Tage im Dorf gingen hin gleich grau und eintönig. Aber auch in der Stabt waren fie nicht weniger grau unb eintönig. Herr Dousemont trank entschieden zuviel aber was sollte er machen? Er hatte so gar keine Abwechslung: morgens -um Frühschoppen, nachmit- tags zum Dämmerschoppen, abends zum Abend- schoppen. Unb es machte ihm nicht einmal Spitz, ins Gasthaus zu gehen, er hatte nur das dringende Bedürfnis, die matzgebenden Herren dort zu treffen unb sich mit ihnen über die .zur Zeit ihm immer berechtigter erscheinenden Klagen der Winzer zu besprechen, vielmehr zu verzanken.
Gewiß, das gaben fie alle zu, daß es jetzt eine verteufelt schwere Zeit für den Weinbau upb den Weinhandel war, aber machte ganz Deutschland nicht eine gleich schwere Krise durch? Wo gingen Nenn überhaupt die Geschäfte? Wo war denn Geld? Nirgendwo. Was die Regierung tun konnte, tat sie ja; sie hatte Kredite gegeben und würde mit sich reden lassen wegen der Rückzahlung, sie hatte den Weinbaugebieten auch Gelber zugewiesen zur Der- teilung an die Bedürftigsten, unb mildtätige Frauen sammelten für Schuhe unb Kartoffeln. Was verlangte er beim eigentlich noch? Im Abgeordnetenhaus. war mehr als einmal die Rede von den not- leidenden Winzern; daß die Abgeordneten von Pommern, Schlesien, Ostpreußen und so weiter zu der Tagung nicht erschienen, war doch nicht Schuld der Regierung. Iene hatten eben andere Interessen unb auch ihre Sorgen, man konnte ihnen das gar nicht verdenken.
„Der Teufel soll sie holen," schimpfte der alte Moselaner. Er regte sich so auf, daß er blaurot wurde. Wütend schlug er auf den Tisch: „Redensarten, belanglose Versprechungen! Unb Schuhe, Kartoffeln — bämsiche Weiber! Damit ist dem Weinbauer doch nit geholfen."
„Mag fein." Der ßanbrat zuckte die Achtem. „Aber wissen Sie vielleicht besseren Rat, Herr Dousemont?"
Nun mutzte ber Alte auch die Achseln zucken. Er schwieg.
(Fortsetzung folgt.)


