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Samstag, 7. April 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für OberhesseiP

ttr. 85 Zweites Blatt

Angesicht zu sehen, oel

Hotel hotte zwei A

Wallen des Vespensterreigens der Düster? Kein Maskenzug fürwahr, nein, eindrucksstarkes Ge­schehen, aus dem mystische Inbrunst spanischer Frömmigkeit aufstöhnt, einer Glaubensglut, ohne deren Verständnis die Seele dieses afrikanischen Landes ein mit sieben Siegeln verschlossenes Duch bleibt.

Osterwoche in Granada.

Don Or. Ludwig Halla.

DaS einstige Königreich Granada, wo die Ara­ber bis 1492 herrschten, bildet den äustersten Süden der spanischen Halbinsel, eine Welt un­geheuerer Gegensätze. Hier ein Fl«ck frucht­barsten Edens, dort wieder leblos graue Mond­landschaft, hier sonnendurchglühter Dornbusch und Kaktusdickicht, dort eisige Hochgebirge der Sierra Revada.

Schon als Kinder hörten wir vom maurischen Sultanfchlost der Alhambra, vom Spitzengeriesel ihres Löwen- und Myrthenhofes, lauschten bluti­ger Kunde vom Sagenkreise der Aasridenfürsten. Als 1240 Sevilla in die Hände des siegreichen Kastilierkönigs Ferdinand des Heiligen fiel, zogen wohl Tausende vornehmer und gelehrter Araber nach der wunderschönen Dergstadl Gra­nada, wo nunmehr durch 250 Jahre eine Spät­blüte aller Künste des Friedens anbrach.

Düstere Lage von Glaubens- und Aasseverfvl- gung verhängte die Eroberung durch dieka­tholischen Könige" Fernando und Isabel. Trotz alledem mochte der Venezianer Gesandte Rava- gero am Hofe Karls V. die Herrlichkeiten dieses irdischen Paradieses Preisen. An der Stelle der zerstörten Hauptmoschee wuchs als Siegesdenkmal der Christenheit eine Kathedrale in zrervoller Silberschmied-Renaissance empor. Zwischen zer­bröckelnden Maiirenpalästen fiedelten Mönche Md Rönnen. Granada wird zum Hauptsitz mystischer Inbrunst. Schon im 16. Iahrhundert gründete hier der Portugiese Iuan de Dios den Orden der barmherzigen Brüder und Frah Luis de Gra­nada gelangte als Dichter unb tiefsinniger Gottes­schauer über Spanien zu hohem Ruhme.

Roch weit ins 18. Iahrhundert errang ein un­heimlich von indischem und chinesischem Kräusel­werk überladenes Rokoko, derChurniguerra- stil" in Granadas Kirchen bestricken!^ Triumphe. Der Dombaumeistcr von Toledo, Enrique de Egas, begann 1523 gotisch die Halle auch des hiesigen Doms, der Iungsrau Maria de la Encarnacion gewidmet. 2lber bereits sein Rachfolger, Diego de Siloe, schwenkte zum prachtüberladenenrö­mischen" Stile hinüber.

Doch schon entbietet melodisches Spiel der Glocken zur G r ü n d o nm e r s t a g s f e i e r in die wahrhaft fürstlichen Hallen des Münsters. Korinthische Säulen mit vergoldeten Aposteln tragen die Capilla Mayor, wo die Domgeistlich­

tigen Kanzleiräume ber Mission Tag und Nacht bewach: wurden.

Eines Tages meldet« sich eine Männerstimme am Telephon und verlangte dieSpionage Abteilung . Der Telephonist hätte zurNachrichtenabteilung" verbinden müssen, aber er übergab mir das Hör­rohr. In schlechtem gebrochenem Deutsch meldete ich mich als Offizier der Nachrichtenabteilung.

Lin Deutscher, wirklich und wahrhaftig: dn Deutscher, bot sich der Entente zum Spionieren an. Er wollte zu mir in mein Bureau kommen, um wichtige, die Kontrollkommission inter­essierende Nachrichten zu überbringen.

machte. Auch mit den deutschen Behörden war diese Hauptzentrale durch direkte Leitungen verbunden.

Strenge Instrukl-.onen hatten uns gleich bei An­tritt des Dienstes erwartet. Eine davon verbot uns, an den Apparaten mitzuhorche^n, wenn ein Gespräch im Gang war, denn da wir französisch und Englisch fehlerfrei verstanden, hätten wir uns zum Mitwisser manchen Staatsgeheimnisses machen können. Zuwiderhandelnden war sofortig« Entlassung als Strafe angedroht worden. Und ich gestehe freimütig, daß wir niemals einen Ver­such unternommen Haden, auf diesem Weg in das Dienstgeheimnis der Ententekommission vorzudrin- gen. Üebrigens saßen in der ersten Zeit hinter un­serem Rücken auch vier französische Sol­daten in der Zell«, die uns beaufsichtigten, ,e einer als Kontrollorgan für die vier ausgestellten Telephonschränke.

Wir hatten von früh bis abends zu tun und auch in der Nacht stand das Telephon nicht still. Bald rief Paris, bald eine deutsche Stadt an, denn das Netz der Interalliierten Kontrollkommission war von Hamburg bis München, von Köln bis Königsberg ausgespannt. Ein eigenes Telephonbuch orientierte uns über alle Filialen und Zweigstellen, mit denen ein dienstlicher Verkehr bestand. Und es klingelte und klingelte ...

Und es meldeten sich Diplomaten, Politiker, auch deutsche Parlamentarier. Ls meldeten sich Publizisten und amtlid)« Regierungsstellen: es meldeten sich Namen, die einen guten gesell- schaftlichen klang und Im Tierqartenoierlel einen vornehmen Salon hatten. Wahrend die Offiziere der Kontrollkommission an dem Un- glück Deutschlands schmiedeten, wurden sie auch noch zum Tee eingeladen, zu Gastmählern und anderen Gesellschaftsfesten. Es war oft erstaun­lich, zu sehen, wie weit diese Würdelosigkeit ging und wie intensiv sich manche Deutschen bemühten. Verkehr und Beziehungen zur Lntentekommission zu gewinnen.

Es meldeten sich: Erfinder, die einen neuen Apparat, eine neue technische Waffe erfunden hat­ten. Einen Apparat, mit dem sich in trockenen Kriegsgegendcn Trinlwasser aus dem Sandboden holen liest: technische Waffen, die jedes Flugzeug m der Luft abschiesten konnten.

Es meldeten sich: Frauen. Erst vereinbarten sie Rendezvous, dann später gab es telephonische Eifer­suchtsszenen und mehr als einmal wurden solche Liebesaffären damit beendigt, daß der Geliebte an einen anderen Dienstplan versetzt worden war, und diese Transferierung erst durch uns Telephomsten bekanntgegeben wurde.

Es meldeten sich Leute, die Landkarten zum Verkauf anboten, die irgendeine wichtige, doch streng vertrauliche Mitteilung xu machen hatten. Sie wollten dieSpionage-Abteilung" spre-

DiesesNachrichlenbureau" der Interalliierten Kontrollkommission, wo der Spionagedienst aus und über ganz Deutschland zentralisiert war, hatte eine geschickte, doppelzüngige Organisation.

Offiziell, denn nicht einmal der Versailler Frie- tensoerlrag gab den Ententemächten das Recht zur Spionage wurden hier die einlaufenden Nach­richten, Zeitungsmaterial und sonstige Informa­tionen verarbeitet. Sieben oder acht Herren waren in dem Bureau beschäftigt, dessen Kommandant lange Zeit ein französischer Major war, ein Sprachengenie, wie es kaum nochmals zu entdecken sein wird, denn er beherrscht« nicht weniger als zehn Sprachen ohne Fehler und Akzent. Auch ein Professor, der vor dem Krieg Lektor der französi- schen Sprache an der Berliner Universität gewesen, dann als französischer Staatsbürger in sein Heimat­land zurückgeflüchtet war, spielte in dem anrüchigen Bureau eine Roll«. Er falte, nach Berlin zurück- gekehrt, feine Vorkriegswohnung in tadelloser Ord­nung wiedergefunden. Zum Dank dafür nützte er seine Kenntnisse und Beziehungen, die er hier unter ganz anderen Voraussetzungen erworben hatte, aus, um durch feine Spionagetätigkeit Deutschland zu schaden. Üebrigens waren nicht alle Mitarbeiter die­ses Bureaus Berufsoffiziere. Man verlieh ihnen einfach, während sie hier tätig waren, einen mili­tärischen Rang. Kehrten sie später stach Frankreich zurück, dann wurden sie wieder, was sie vordem gewesen, Sprachlehrer, Gutsbesitzer oder Automobil- agenten.

Auffallend war, daß nur große, blond« Offizier«, die fast all« von der lothringischen (9r«n,3c stammten, imNachrichtendienst" verwendet wurden. Sie sollten, wenn sie in Zivil waren, ein typisch germanisches Aussehen zeigen und, da sie ein einwandfreies Deutsch sprachen, konn­ten sie cs auch riskieren, selbst aus Kundschafter­dienst zu gehen. Würden sie dabei doch erwischt werden, so waren sie überdies durch ihren diploma­tischen Paß als exterritoriale Personen geschützt. *

In der Interalliierten Kontrollkommission waren Dertreter von fünf Nationen beschäftigt, imNach richtenbureau" arbeiteten aber f a ft nur Fran­zosen. Während wir Telephonisten nach dem deut­schen Tarif entlohnt wurden, bezogen die Entente leute fürstliche, in Goldvaluta berechnete Gagen, die natürlich letzten Endes von Deutschland bezahlt wurden. O Ironie des Friedensvertrages:

Karfteiiagsfeier im Stadttheater.

Zu einer ernsten und würdigen musikalisch- literarischen Feier des Karfreitages vereinigten sich gestern abend aus der Bühne des Theaters der Akademische Gesangverein unter Leitung seines Dirigenten Dr. Stefan Temesvary. Mitglieder des Solopersonals unserer Bühne, so­wie als Pianist und Begleiter am Flügel Herr Eberhard Delp.

Die getragenen Klänge des Gluck schenDe profundis, vom Chor vortrefflich zu Gehör ge­bracht. bildeten den musikalischen Auftakt de« Abends. Dann hörte man eine leidenschaftliche, visionär gesteigerte RovelleSie Versuchung! am Kreuz" des leider wenig Mannten elsässischen Dichters Eduard Reinacher. der übrigens auch als Lyriker und Dramatiker Aus­gezeichnetes geleistet hat. Das Prosastück wurde von Fräulein Baumann in guter Gliederung und mit starkem Ausdruck gesprochen. Die innig- verhaltenen Akkorde des ChoralsWenn ich einmal soll scheiden" nahmen die Stimmung der verklingenden Rovelle auf und beschlossen den ersten Teil der Feier.

Rach der Pause hörte man zunächst die zarte und feierliche Musik derFantasia" Ferrucio B u s o n i s , die von Herrn Delp mit feinem Verständnis, klangschön und technisch beherrscht am Flügel wiedergegeben wurde. Hieran an­schließend sprach Fräulein Hehm der Annetts von Drost e-Hüls Hof l fromme Dichtung Gethsemane". Herr Do Ick zwei rhapsodisch- rhythmische Passionsszenen aus dem achten und zehnten Gesang desMessias" von Klop stock. Die beiden Vortragenden wurden ihren Auf­gaben in anerkennenswerter Form gerecht. Den Äusklang der Abendfeier bildete der unter Dr. Temesvarhs feinsinniger Führung un­tadelig gesungene, machtvolle Schlußchor aud der Bach schenMatthäuspassion".

Im Hinblick aus das gleichmäßig hohe künst­lerische Riveau in Dortragsfolge und Darbie­tung wäre der Veranstaltung ein besserer Besuch durchaus zu wünschen gewesen. -y-

3* sollte Leiter des Telephondlen- stes bei der Interalliierten mili­tärischen Aeberwachungskommis- fIon werden. Und nach einer kurzen Zwie­sprache mit dem englischen Herrn ans der Vilheimstraßc war ich auch für diesen Posten engagiert.

E, war getobt kein herrliches, berauschendes Ge­fühl, als Deutscher im Dienst der Entent« zu stehen. Aber was sollte ich anzangen, da es auch damals imendhch schwer war, eine Stellung zu finden? Daß ich später m die Lage kommen sollte, jogar die Vor­teile meines Vaterlandes zu wahren und ihm in­direkt Dienste zu erweisen, ahnte ich damals noch gar nicht.

Wir machten Dienst in der Telephonzentralc, die im Hotel Bellevue untergebracht war. Sechs Mann hoch faßen wir vor dem geäftelten Apparat mit den taufend Löchern, den vielen Steckkontakten und Drähten. Im Hotel Bellevue war die Hauptzentrale, die nut den Filialen in der Dilhelmstraßc, Bellevue- strahe, Fasanenftraße durch direkte Leitungen ver- dunden war und 24 «tunden des Tages Dienst

streng vertrauliche Mitteilung «i m< wollten dieSpionage-Abt ..

d>en. Die existierte natürlich nicht unter diesem Namen, dafür gab es einbureau dinformation , unter welchem Xitel alles verborgen war, was das korrekt« Tageslicht zu scheuen hatte.

Diele meldeten sich auch unter falschem Namen, mit vereinbarten Erkennungszeichen. Das waren die im Dienst der Entente stehenden Spitzel und Spione, die mit derNach- richtenabteilung" und deren Offizieren bereits tm Kontakt waren. Gegen ihre schurkische Tätigkeit hat­ten wir kein Mittel in der Hand. Wir konnten ihre Gespräche nicht ableiten, weil wir die verabredeten Losungswort« nicht kannten, und so sehr wir uns auch bemühten, einen dieser Halunken einmal von Angesicht zu sehen, gelang uns dies nicht, denn das Hotel hatte Zwei Ausgänge, und wir hatten von der Telephonzelle aus keinen kontrollierenden Blick auf die Gänge, die zu den Kanzleien führten.

leit in den historischen perlengestickten Weh- getoanöcm die liturgische Handlung vollzieht. Zuckender Sonnenstrahl spielt hoch droben über Alonso Canos Bilder aus dem Marienleben. tastet an den Meiheleien und Zieraten der Fenster. Rur im Domherrnchor. den nach spa­nischem Brauch eine Marmorbrüstung verdüstert, flackern verwirrend tausend Kerzen. Einförmiger Wechselgesang begleitet die umständliche Wethe des hl. Oeles für die Sterbenden. Dann aber trägt man es wie kostbaren Schatz in silbernen Krügen durch den Dom. Unter helljubelndem Gloria wallt die Feierschar der 26 Domherren zum Sagrario, der greife Kardinal unter pur­purnen Thronhimmel. Dort flammt plötzlich bei überflutendem Orgelbrausen der abgedunkelte Kuppelraum von feuerwerksprächtigen Glüh- lampenkränzen auf.

Goldener noch lockt mich Frühltngssonne in6 Freie. Ich klimme den Hügel gegenüber der Al­hambra, den Albaicin, einst Adelsviertel der Mauren, empor. Steile Gassenschluchien. eher für Tragtiere als für Menschen, mißtrauisch ver­schlossene Häuser; da und dort lugt eine Gruppe Zypressen oder tiefgrüner Lorbeer aus einem Mauerfpalt. Erst von einem freien Platze auf halber Höhe öffnet sich entzückender ^Z><?rbltd auf das Dächergewirr und den honiggelben Dom, auf die grüne, von Bergen umrahmte Hoch­fläche der Dega und die fernher blendende Schneemauer der Sierra Revada.

Gründonnerstag nachmittag ruht jeglicher Wagenverkehr. In Scharen ziehen die grauen von Kirche zu Kirche, alle im herkömmlichen Spitzenstaate der Manfilla. Da sieht man manch bleiche Schönheit mit brennenden Lippen und dunklen Augensternen, die sonst wohl in harem- artiger Verschlossenheit der Earmenes, der Lam> häufer rings auf den Höhen, erblüht. Sie be­suchen die heiligen Gräber und d'.e wundertätigen Marienfiguren. Deren schönste ist die Virgen de la Soledad, ein Meisterwerk Alonso Eanos aus dem frühen 17. Iahrhundert. Das leidvvll- sühe Gesicht hat den matrblassen Hautton der Andalusierin. Milder Strahlenkranz des Hei­ligenscheins bricht über dem in den schwarzblauen Mantel gehüllten Haupte hervor. Sie gilt als Königin der spanischen Rönnen.

Karfreitag nachmittags harrt halb Granada am Alfer des Rio Darro zu Fußen der trutzigen rostroten Türme des Alhambrahngrls der großen Dinge, von denen man seit Wochen er­zählt. auf den Leichenzug Christi, El Santo En-

Ich lehnt« diesen Besuch ab und verabredete mit ihm eine Begegnung an einem neutralen Ort

Als ich das Hörrohr aus der Hand legte wußte ich noch nicht, wie sich dies« spontan und impulsiv begonnen« Geschichte sortsetzen werde. Nur bas war mir klar, daß cs meine patriotische Pflicht war, den skrupellosen Vaterlandsverrat, der da geplant wurde, zu verhindern. Meine Kollegen vom Tele­phon sahen mich gespannt an, was ich ihnen nun erzählen werde, denn sie hatten bemerkt, daß etwas Besonderes los war. Als ich ihnen aber berichtet hatte, worum es sich handle, und was ich getan habe, waren sie sofort mit mir solidarisch. Ein Kom­munist war unter ihnen. Auch er war derselben Meinung, dem Burschen sein unsauberes Han>- werk zu legen. Wir brauchten uns gegenseitig kein Verbrechen zu geben, wir waren von Anfang an einig unb sind dies, als freiwillig« Kämpfer in der Spionageabwehr, bis zum Schluß unserer Tätigkeit geblieben.

wir verabredeten untereinander eine Methode, wie diese Spione, die ihr Baterlandsgriühl gegen sran.ösische Francs verkaufen wollten, unschädlich zu machen wären, bevor sie noch ihren niederträchtigen Plan verwirklichen konnten.

Wenn nun in Zukunst ein Telephonanruf erfolgte, der mehr oder minder geschickt auf das heikle Thema anspielte, übergab man mir das Gespräch, sofern keine Aufsichtsperson im Zimmer anrvcscnd axij, andernfalls antwortete der Telephonist ganz kurz:Falsche Verbindung" oderKein Interesse". Trat ich jedoch in Aktion, so bekam ich z» hören:

Ich bin in der Sage, Ihnen wertvolle A u s - fünfte über deutsche Organisationen zu oberIch weiß etwas, dos Sie interessieren o Ich pflegte vorsichtig und zurückhaltend Pi ani.ior­ten, wie es sich eben für einen französischen Spionageoffizier geziemt. Ich trachtete, schon durch das Telephon einige konkret« Anhaltspunkte über bi« Art des Spionagetbern-s zu erfalten, wehrte jeden angekündigtrn Besuch energisch ab, indem, ich die Angst verbreitet«, unser A'xnts werde von deut­schen Detektiven überwacht, und verabredete eine Zusammenkunft an einem neutralen 0 r t, bei ber ber Unbekannte ein Erkennungszeichen sichtbar tragen sollte, während ich, in Anbetracht meiner hohen und heiklen Stellung, in tiefstem Inkognito zum Rendezvous kommen würde.

In eiger ebenso schwierigen Lage wie wir be­fanden sich auch die deutschen Behörden, denen die Abwehr und die Verfolgung des Hoch­verrates beziehungsweise des Landesverrats ob­lag. Denn

mit ber Kontrollkommission war ein zweiter, höchst gefährlicher Tcinb ins Land gekommen: der amtlich zugelassene, unberührbare, unoer­folgbare, unbestrafbare ausländische

Spion.

Wenn er zur Kontrollkommission in einem auch nur losen Verhältnis stand, so galt er schon alsextern-

terro. Wir ernsten Deutschen staunen freilich, wie der quecksilbrige Andalusier Weltlust und Frömmigkeit durcheinandermengt. Kichernd und scherzend verdichtet sich die Menge gegen die Plaza Rodriguez Bolivar. Bor der Kirche Sank Ana mit dem Moscheenminarett lungern die rö­mischen Legionäre mit ihrem Eenturio in etwas lächerlichen Blechhelmen, zupsen an ihren falschen Bärten und wechseln Zigaretten mit dem Regi- mente Lusitania Caballeria. Limonadeverkäufer preisen plärrend ihre Ware. Iohlend klettern halbwüchsige Bengels über die Eifengitter zu den Simfen der Rathausfenster empor.

Hübfch langsam und ratenweise sammeln sich die Pasos oder Leidensfiguren aus den Psarr« firchen. wo sie gestern so Hierafisch im Lichtzauber gethront. Aus die Gethsemanegruppe mit dem Engel des Leidenskelches und einem wirklichen Oelbäumchen folgt die erste der Druderschafien, der Hermandades sacramentales. die heute schwarze Seidenkutte angelegt hat und grellrote Spihgugeln mit Larven trägt. Daraus schwankt der Gegeißelte in dunlelveilchenem Samtgewande einher, die Gruppe der Kreuzschleppung sodann, umtrippelt von kleinen Knaben mit den Marter­werkzeugen in ihren Händchen. Künstlerisch voll­endet ist der leicht bemalte Gekreuzigte, den die Römerwache umzingelt. Wie Oberammergauer Passionsspieler schreiten Iosel von Arimathia mit silbrigem Bart und Rikrdemus einher und tragen auf weißem Bahrtuch den Leichnam des Herrn. Würdevoll leidgesenkten HaupteS folgen die Marien, ihnen sodann ein langer Zug von Cosrades mit veilchensarbenen Zucker hüten auf dem Kopfe. Dann naht die hohe Schutzsrau Gra­nadas, die Birgen de las Angustias (der Todes­nähe) die sonst gnadenreich an der Carrera del Genil thront. Riedliche Mädels, als Flügelenge- lein verkleidet, geben ihr das Ehrengeleit«. Den Schluß bildet die Königin der spanischen Rönnen, La Virgen de la Soledad, Maria, einsam in ihrem Schmerze.

Langsam, wie zögernd bewegt sich der Zug durch die Straßen. Dämmerung sinkt herab, als er sich endlich dem Dome nähert. Iäh schlägt nun. was immer an andalusischer Fastnachtslaune unter dem leichlbeweglichen Völkchen gescherzt, in erschütternden Feierernst um. Wie Gestalten aus dem Ienseits schwanken die Leidensfiguren im Glorienschimmer ihres Kerzenhaines! Dumpfer Trommelwirbel hallt durch das von Glühlampen wie mit Himmelssternen besäet« Kirchenschiff. Er­wachen nicht Visionen von Geihlerzügen beim

Der Verfasser dieser Artikelserie ist ein Deutscher, der Jahre bei der Interalli­ierten Kontrollkommission in Berlin als Ehef bes Dienstes in einer Telephonzentrale ange­stellt war. was er dort erlebt und gehört hat. schildert er hier in packender weise. Der In­halt der Spionagegeschichten ist von maß­gebenden deutschen Stellen als richtig anerkannt worden. Sic zeigen.

ipelche weise die Kontrollkommission ver­sucht hat. Beweismaterial für an- geblicheneue Rüstungen Deutsch­lands zu erhalten, und in welchem Umfange fie dabei leider auch von Deutschen u n t e r ft ü h t worden ist.

I.

Anfang Januar 1920 mürbe ich auf ein Zritungs- inferat aufmerksam gemacht, in dem He r r e n mit vorzüglichen franzö fisch en un de ng- lischen Sprachkenntn.sfen sonne mit Er- fahrung im Triephomoesen gesucht wurden D,« Be- werber sollten sich in Berlin in einem Haus der Wilhetmstrahe oorftetien. Als ich dort arrfam, roar teten bereits etwa hundert Personen. Emer nach dem andern wurde vom Korridor in em Zimmer aerufen fast olle tarnen sehr schnell wieder heraus. Von Zeit zu Zeit er,chien eine junge Dame und verkündet« mit eneraifch betontem Nachdruck, daß

Vorstellung nur dann einen Zweck habe, wenn di« Stellungsaspiranten di« französische und die «ngfische Sprache vollkommen beherrschten. Zögernd entfernte sich daraufhin der eine oder der andere, doch die Mehrzahl blieb und wollte um jeden Preis ihr Glück versuchen. Doch keiner erreichte es, bis ich an di« Reihe kam. v ..

Als ich das Zimmer betreten hatte, wurde ich von einem Herrn zwischen vierzig und Fünfzig auf Englisch in einer Weise angesprochen oder vielmehr angebrummelt", daß nur ein echter Engländer oder Amerikaner diese Ansprache verstehen konnte. Ich aber hatte mehrere Jahre im englischen Sprachgebiet gelebt, daher war ich der Prüfung gewachsen. Uni) als mich dann die junge Dome in ein Kreuzverhör nahm, das meine französischen Kenntnisse feststellen sollte, blamiert« ich mich ibenfaUs nicht, denn ich beherrschte auch diese Sprache aus dem ff.

Zwei Wochen später wurde ich ms Hotel Bellevue" gerufen, wo ich erst richtig verstand, um was für eine Anstellung es sich handelte:

sogar die Spione, die im eigenen Land, auf deutschem Boden herumfchnüffelten und ihr un­sauberes Handwerk trieben, muhten aus dem

Reparationskonto erhalten werden.

Der Parteienverkehr, der ins Nachrichtenbureau führt«, ging sehr geheimnisvoll vor sich. Ich sagte bereits, daß vereinbart« Lofu-ngs- und Stichworte den Besuch dieser zweifelhaften Personen ankün­digten, die bann auf dem zweiten Ausgang ebenso geheimnisvoll verschwanden, wie sie mit frecher Un­schuldsmiene über di« Haupttreppe ins Haus ge­kommen waren. Hatten fie Briefe, Papiere, Auf­zeichnungen mitgebracht, so wurden diese auf der Stelle, nachdem man Kopien ab geschrieben hatte, verbrannt. Wichtig« Dokumente wurden photo- graphiert. Vorsicht war die Dienstdeoise in die­ser Abteilung. Man war um das Schicksal und die Sicherheit der Herren Spitzel sehr bedacht. Die Photographie aber spielte in dem zweideutigen Be- trieb ein« große Rolle. Zu diesem Zweck war unter dem Dach des Hotels Bellevue ein ganzes, richtiggehendes Atelier angelegt wor­den, mit Dunkelkammer und guten Apparaten. Was in diefem Atelier geschah, läßt sich am besten dar­aus vermuten, daß ständig, auch nachts, ein Wacht­posten dort aufgestellt war, wie überhaupt alle wich-

Als Telephonist im Dienst der Entente.

Erlebnisse eines Deutschen bei der Interalliierten Konti oltlommission in Berlin. - DasNachrichtenbureau" als E-pronage abteilung. - Eine deutsche Abwehrgruppe im Hotel Bellevue.