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Rr. 57 Zweites Blatt

Mittwoch, 7. März 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

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Ganz andere Chancen haben selbständige Landwirte, die über Kapital verfügen. Sie werden von jedem überseeischen Land mit offenen Armen ausgenommen, und in den Südstaaten von Brasilien, in denen eine große Anzahl Deut­scher lebt, kann ein Landwirt schon sür 3000 Mark genügend Grund und Boden erwerben. Hm sich in Argentinien anzusiedeln, muh man 8000 Mark besitzen, und noch teurer ist Mexiko, wo ein kleines Anwesen 12 000 bis 15 000 Mark kostet. Ganz anders liegen die Dinge in Süd­afrika, wo man bäuerliche Kleinwirtschaften nicht kennt. Für eine Farm mit den nötigen Bewässerungsanlagen, auf der man Diehzucht treiben kann, muh man 20 000 bis 40 000 Mark bezahlen, und noch teurer ist der Grundbesitz in S ü d w e st a f r i k a. wo eine große, guteinge­richtete Farm 50 000 bis 70 000 Mark kostet. Außerdem gibt eine deutsche Siedlungsgesell­schaft Land gegen Ratenzahlungen ab: doch muh sich der Bewerber verpflichten, vorher eine prak­tische Lehrzeit von zwei Jahren als Pflanzer­assistent durchzumachen. Riemand sollte ins Ausland gehen, ohne sich vorher bei der. Be­ratungsstelle seines Bezirkes über die Eigenheiten seines Wanderungszieles zu erkundigen: zwar wird diesen Stellen ihre Arbeit oft wenig gedankt, dych ist es ihnen oft gelungen, Aus­wanderer durch sachverständige Beratung vor Rot und Elend zu bewahren.

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ten und Slovenen nennt, meist Uniform. In Zivil erinnert der untersetzte Kinig durch sein ziemlich unfürstliches Aussehen daran, daß wenig mehr als ein Jahrhundert verflossen ist, seit sich sein glorreicher Ahnherr Kara Georg der »schwarze Georg" vom simplen Viehherden- besiher zum Befreier seines Baterlandes aufge­schwungen Hot. Wer in Belgrad weilte, weih, daß dort kein Pflaster für Dandys ist, und daß ein König, der dembeau Brnmmel nacheifern wollte, dort kein Verständnis finden würde.

Es soll aber nicht etwa behauptet werden, dah in Serbien Mangel an prächtigen Männergesta^ ten herrsche. Man begegnet ihnen dort ebenso häufig wie in der Türkei, deren Herrscher Kemal Pascha ebenfalls eine imponierende Erscheinung ist. Kemal Pascha, der den Fez ablchaftte, trägt westeuropäische Kleidung mit der Sicherheit eines Lords. Ob er aber in London, in Paris oder in Wienarbeiten läßt", weiß man nicht. Wahr­scheinlich läßt er seine Anzüge aber in Wien an- fertigen. Ist dock die Wiener Herrenmode der Londoner mindestens ebenbürtig, und ehemals unterwarfen sich ihr sogar die Erzherzoge willig. Der ehrwürdige Bundespräsident Dr. Michael H a i n i s ch steht in seiner untadeligen äußeren Erscheinung über der Mode, und dasselbe gilt von dem deutschen Reichspräsidenten von Hinden­burg. Aber der deutsche Reichspräsident wäre sicherlich einigermaßen verwundert, zu verneh­men, daß ihn die Mode dennoch für sich, nicht als einen Schöpfer, aber al- einen Erhalter, in Anspruch nehmen könnte. Diejenigen, die dem Gehrock den Untergang voraussagten, ihn sogar schon zu den Toten warfen, sind Lügen gestraft worden, seitdem Reichspräsident von Hindenburg so häufig im Gehrock erscheint und damit nicht nur bei Beamten und Diplomaten Anklang ge­funden hat. Roch vor wenigen Jahren galt dieses ernste, etwas steife schwarze Kleidungs­stück als eine überwundene Tracht früherer Zeiten, und man sah den Gehrock nur noch bei Begräbnis­feiern oder ähnlichen traurig-feierlichen Anlässen. Merkwürdig genug, daß gerade ein Mann, der wahrscheinlich niemals über Modefragen nachge­dacht hat, diesem Kleidungsstück zu neuem Glanz verhalfen hat.

weder den Rachweis, daß der Reisende eine bestimmte Summe besitzt, oder eine Bürg­schaftserklärung eines amerikanischen Staatsbürgers. Außerdem nimmt Amerika jähr­lich nur 51000 Deutsche auf, so daß bei der großen Zahl der Angemeldeten die meisten un­gefähr ein Jahr auf die Einreiseerlaubnis war- t e n müssen. Auch Kanada verlangt den Besitz von ungefähr 500 Mark oder den Abschluß eines Dienstvertrages mit einer kanadischen Firma: ebenso verfahren Mexiko und die mittel- amerikanischen Staaten. Weniger ängst­lich sind Argentinien, Chile und Para­guay, die keine besonderen Schwierigkeiten be­reiten; auch für China, Japan und Rieder- ländisch-Jndien besteht keine Einreisebe­schränkung. Diese Staaten kommen wegen der sehr hohen Reisekosten jedoch für deutsche Auswan­derer fast gar nicht in Frage; kostet doch allein die Schiffsreise nach Japan in der billigsten Klasse ungefähr 1100 Mark. Australien ver­langt den Rachweis, daß der Ankömmling un­gefähr 800 Mark besitzt, und um nach Afrika einwandern zu können, muh man den Besitz von 1000 Mark Nachweisen."

Ins Reich der Fabel gehört es auch, daß in den überseeischen Ländern ein Bedarf an deut­schen Arbeitskräften bestehen soll. Richt nur in Deutschland besteht ein Arbeitslosenproblem f a ft b i e ganze Welt leidet unter Ar­beitslosigkeit. Gelingt es aber einem deut­schen Arbeiter, Anstellung in einem überseeischen Land zu finden, so muh er den Wettbewerb mit einheimischen Arbeitskräften aulnchmen, die an Klima und Lebensweise gewöhnt sind. Außerdem bieten eingewanderte Süd- und Osteuropäer ihre Arbeitskraft weit billiger an, da sie ja viel Seringere Lebensbedürfnisse haben. Bor einigen lahren erhielten qualifizierte deutsche Industrie­arbeiter verlockende Angebote aus überseeischen Ländern. Es handelte sich jedoch nur um Spe­zialarbeiter, wie Strumpfwirker und Me­chaniker für den Bau optischer Instrumente, und als man ihnen ihre Arbeitsmethoden abgesehen hatte, setzte man sie kurzerhand auf d i e Straße. Auch den verso-lenden Angeboten von Firmen, die den Arbeitern freie Reise versprechen, soll man mißtrauisch gegen überstehen, denn meist handelt es sich um brasilianische Unter­nehmer, die die Arbeiter dann a.u f Kaffee- Plantagen verwenden wollen. Einer solchen Arbeit ist aber kein Europäer gewachsen. Er muß zugrunde gehen, wenn es ihm nicht gelingt, sich das Geld für die Rückreise zu erbetteln. Die günstigsten Aussichten haben Landarbeiter. Die hauptsächlich in Australien und Ka­nada verlangt werden. So kann ein Landarbeiter in Kanada von April bis September ungefähr 120 bis 140 Mark wöchentlich bei freier Woh­nung und Verpflegung verdienen; außerdem erhält er in den Erntemonaten eine tägliche Zulage von 12 bis 15 Mark. Ist aber die Ernte vorüber, dann drängt sich die Schar der Arbeits­losen in den Städten zusammen, und der Land­arbeiter muß seine Ersparnisse auf­zehren. Reichen sie nicht für den Winter, so muß er sich als Holzfäller oder Holzstapler betätigen, und diesen körperlichen Anstrengungen sind nur wenige gewachsen. Einigermaßen gün­stige Aussichten haben noch Handwerker in Südbrasilien. Dort finden vor allem Zim­merleute Beschäftigung; doch müssen sie sich mit geringem Lohn zufriedengeben. Ungünstiger sind Ingenieure und Techniker gestellt, die nur ganz vereinzelt angefordert werden. Trostlos aber sieht es für Kaufleute und kaufmännische Angestellte aus. Sie haben keinerlei Aus­sicht, in fremden Ländern eine Stellung zu finden, es bleibt ihnen zuletzt nur noch übrig, harte körperliche Arbeit zu leisten, die schlecht bezahlt wird.

soll, läßt sich streiten: jedenfalls steht dieser Hut seinem Träger nicht übel zu Gesicht. Das diskret gestreifte Beinkleid fiel gradlinig, wie aus Erz gegossen, auf die mit hellen Gamaschen bedeckten Stiesel herab. Reben diesem korrekt gekleideten Gentleman machte der kleinere König von Ita­lien keine glückliche Figur. Sein Vater, der König Umberto, war ein sehr stattlicher Mann, und feine Mutter, eine der reizendsten Frauen, deren Stirn je ein königliches Diadem geziert hat, war die Königin Margherita. Aber König Umberto und Königin Margherita waren nahe Verwandte, nämlich Vetter und Kusine, und daraus führt man es zurück, daß der Sproß dieser Ehe körperlich nicht sehr imponierend wirkt. Der kleingewachsene Monarch machte aber einen be­sonders armseligen Eindruck, weil er geradezu unmöglich gekleidet war. Jacket und Hose bau­melten an seinen Gliedern so salopp, dah man unwillkürlich an Charlie Chaplin erinnert wurde, und auf feinem Kopf schwebte ein Hütchen, das nicht so verbeult wie die bekannte Kopfbedeckung des amerikanischen Komikers, aber nicht gerade elegant war.

Der wirkliche Beherrscher des italienischen Reiches dagegen, Benito Mussolini, ist weit stattlicher und verdrängt durch seine kräftige, breitschultrige Figur den König, dessen oberster Diener .er zu sein vorgibt. Aber der auS der Tiefe emporgestiegene Führer der Schwarzhemden hat mit dem Instinkt der lateinischen Rasse schnell gelernt, sich glänzend zu lleiden. Der Dreß, in dem er, dessen Tagewerk nach Viertelstunden eingeteilt ist, an jedem Morgen seinen Spazierritt unternimmt, ist tatsächlich bestechend. Don der Plastronkrawatte bis zu den Breeches fände der schärfste Kritiker schwerlich etwas an ihm auSzusehen. Der Reitsport steht ja in Rom in höher Blüte, die Parforcejagden in der Cam­pagna sind llassisch geworden, und die Gesell­schaft würde sich sicherlich über denDuce" lustig machen, wenn er sich einen Mißgriff in seiner Adjustierung zuschulden kommen ließe er, der viele tausend Männer zu der absonderlichen Faszistenkleidung bekehrt hat.

Herrscher und Sportsmann zugleich ist König Alfons XIII. von Spanien, der sich am Steuer seines Autos Wohler fühlt als in den Stunden,

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Von £>r. O. Loeniny, Landgerichisdirekior in Berlin.

Unser heutiges Ehescheidungsrecht beruht auf dein Derschuldungsprinzip. Rur im Falle der Geisteskrankheit eines Ehegatten kann auch ohne Verschulden geschieden werden. Vor dem 3nfra th eien des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 3900 hat in den meisten Teilen Deutsch­lands das Derschuldungsprinzip nicht gegolten, namentlich kannte das preußische Allgemeine Landrecht auch die Ehescheidung bei unüber­windlicher Abneigung. Das jetzige Der­schuldungsprinzip hat dazu geführt, daß trotz allgemein anerkannter Zerrüttung der Ehe eine Scheidung oft nicht durchgeführt werden kann, oder daß die Ehegatten, die unter allen Umständen auseinander wollen, unter sich ver­einbaren, dah der eine ober der andere einen Grund zur Scheidung schafft. Meist muß dafür ein wirklicher oder vorgetäuschter Ehebruch herhalten.

Daß dieser Zustand weder den heutigen An­schauungen «itspricht, noch der Autorität der Gerichte dienlich ist, wird nur von sehr wenigen verkannt. Allerdings stehen bekanntlich auch heute noch weite Volkskreise meist aus religiösen Gründen der Erleichterung der Ehescheidung nicht gerade freundlich gegenüber, aber das wird doch allgemein anerfannt. daß der heutige rechtliche Zustand in keiner Weise befriedigend ist. Es ist sehr oft eine geradezu widerwärtige Tatsache, wie Eheleute sich nicht scheuen, das Intimste des intimen Ehelebens dem Gericht vorzuerzählen, nur um einen Scheidungsgrund dem Gericht vorzulegen, obwohl diese Intimi­täten für daS Gericht in den meisten Fällen völlig belanglos sind, da sie nicht bewiesen wer­den tonnen.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich der Rechts- ausschuh des Reichstags mit einer Umge­staltung des Scheidungsrechts. Ueb'.i jen» haben sich in den letzten Jahrzehnt.n di gleichen

Bestrebungen auch in anderen Ländern geltend gemacht und vielfach auch zu dem erhofften Reihe von Staaten

Wenn Deutsche auswandern wollen. Warnung vor brasilianischen Kaffeeplantagen phantastische Hoffnungen auf Aman Mah.

Um dem Auswandererproblem eine wissenschaftliche Grundlage zu geben, ist kürzlich unter Mitwirkung namhafter Ge­lehrter eineZentralstelle für Wanderungsforschung" in Leipzig gegründet worden. Unser Mitarbeiter hat dieReichsstelle für das Auswanderungs­wesen", die in allen größeren deutschen Städten mit Beratungsstellen zusammen­arbeitet, über die Bedeutung der deutschen Auswanderung seit dem Krieg befragt.

Ein merkwürdiger Irrtum hat sich in den Ge­hirnen vieler Europamüder festgesetzt: wie die zuständigen deutschen Stellen melden, werden sie in den letzten Tagen von zahlreichen Personen bestürmt, Auswanderungsmöglichkei­ten nach Afghani st an zu schaffen, und viele dieser nach Abenteuern suchenden Männer wollen sich sogar an den Emir von Afghanistan, der ja augenblicklich in Deutschland weilt, mit der Bitte wenden, ihnen bei der Auswanderung be­hilflich zu sein. Sie verkennen dabei ganz, daß Amanullah nicht der Personalchef seines Staates und Afghanistan überhaupt kein Land sür großzügige europäische Einwanderung ist. Aber diese Bestrebungen sind doch ein Beweis dafür, wie groß die Wanderungslust ist. Während in den letzten Jahren vor dem Krieg nur durchschnittlich 25 000 Menschen aus Deutschland auswanderten, haben 60 000 Deutsche im Jahre 1927 gegen 115 000 im Jahre 1923 ihr Vaterland ver­lassen, um sich in fremden Ländern eine neue Existenz zu gründen. Weit großer wird in diesem Jahre die Zahl der Auswanderer fein; denn sehr viele Ausländsdeutsche werden an den Ort ihrer früheren Tätigkeit zurückkehren wollen, sobald ihr Eigentum in U. S. A. frei­flegeben worden ist. Gerade in wirtschaitlich schlechten Zeiten spukt übrigens das Traumbild eines Landes, in dem Milch und Honig fließt, in den Kopsen der Rotleidenden, und nur zu oft fallen diese Optimisten in die Hände gewissen­loser Leute, die ihnen unter falschen Vorspiege­lungen ihre letzten Ersparnisse ab­nehmen. Um nun diesen dunklen Ehrenleuten das Handwerk zu legen, hat das Reich eine be­sondere Konzessionspflicht für Aus­wanderer-Beratungsstellen eingc- sührt; außerdem ist eine Reihe von halbamt­lichen Beratungsstellen in Berlin, Bremen, Bres­lau, Dresden. Essen, Frankfurt a. M., Halle, Hamburg, Köln, Königsberg, Leipzig, Stutt­gart und Stettin geschaffen worden.

Merkwürdige Ansichten", so berichtet der Leiter der Berliner Auskunftsstelle,herrschen in wei­ten Bevölkerungsschichten über die Aussichten, die deutsche Auswanderer in fremden Ländern haben. Täglich kommen junge, abenteuerlustige Burschen zu mir, die völlig mittellos sind, die aber glauben, dah der Staat ihnen das Reisegeld schenken wird. Richt selten sind die jungen Abenteurer bereit, sich auf einem Schiff anheuern zu lassen, um so das Reisegeld zu ersparen. Rur mit Mühe kann man ihnen die romantischen Pläne ausreden: denn es gibt gerade in Deutschland viel arbeitslose See­leute. und die Gewerkschaften achten in den Hafenstädten scharf darauf, dah kein Außenseiter aus einem Schiff beschäftigt wird. Dor allem muh ich jedem Auswanderungslustigen sagen, daß, wie zu allem, auch zum AuSwandern Geld gehört Vermögenslose sind auch in überseeischen Ländern kein gern gesehener Be­völkerungszuwachs, und die meisten Staaten ver­weigern Ausländem die Einreise, wenn sie glauben, dah die Einwanderer der Oefsentlich- keit zur Last fallen würden. Die Vereinigten Staaten von Rordamerika. wohin 90 Prozent der deutschen Auswanderer ihre Schritte lenken, schützen sich durch harte Bedingungen vor mittel­losen Ankömmlingen. Der amerikanische Konsul verlangt nämlich vor Erteilung des Visums ent-

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geführt. DaS ist namentlich in den skandinavi­schen Staaten geschehen. Dabei ist die eigen­artige Beobachtung zu machen, daß in Staaten mit überaus erleichterter Ehesch.idung die Ehe­scheidungen im Verhältnis zum Deutichen Reich ganz bedeutend zurückgegangen sind. SS ist also der Schluß gerechtfertigt, daß die er­leichterte Scheidungsmöglichkeit die tat Schlichen Scheidungen keineswegs zu vermehren braucht. Selbstverständlich würden bei einer Umgestaltung des Scheidungsrechts in Deut chland zunächst die Scheidungszisfem in die Hohe schnell n, nachdem aber die heute nicht scheidungskrästtgen Ehen dann geschieden find, würde die Ziffer sehr bald abnehmen.

Die Beratungen im Rechtsausschuh des Reichs­tags drehen sich im wesentlichen darum, daß man die heutigen Scheidungsgründe um den der Ehezerrüttung ohne feststellbares Verschulden des einen Ehegatten vermehrt. In dieser Richtung bewegt sich der Antrag, den die Abgeordneten Kahl, Hampe, Frau Lüders und Rosenfeld dem Ausschuß unter­breitet haben. Danach soll die Scheidung auch möglich sein, wenn eine so tiefe Zerrüttung der ehelichen Verhältnisse eing .'treten ist, daß eine dem Wesen der Ehe entsprechende Fortsetzung der Lebensgemeinschaft nicht mehr erwartet wer­den kann. Voraussetzung soll aber noch weiter sein, daß infolge der Zerrüttung die Lebens­gemeinschaft der Ehegatten seit minde­stens einem Jahre vor der Schei­dungsklage nicht mehr besteht. Hat ein Ehegatte selbst einen Scheidungsgrund ge­geben. oder ist vorwiegend durch sein Verhalten die Ehe zerrüttet, so soll er nicht wegen Ehe- Serrüttung klagen können. Der Antrag will aber noch weiter auch das gegenseitige Ein­verständnis als ScheidungSgrund anerken­nen, wenn die Ehegatten mindestens fünf Jahre völlig von einander getrennt gelebt haben. Hier soll sogar nur dieser Grund, nicht die bisherigen Verschuldung7gründe g.ltend ge­macht werden können. Auch der Scheidungs­grund wegen Geisteskrankheit soll ver­einfacht werden, es soll in Zukunft genügen, daß die Ans icht auf Wiederherstellung der gei­stigen Gemeinschaft zwischen Ehegatten ausge­schlossen ist.

Sollten diese Anträge Gesetz werden, so würde zweifellos gegenüber dem bisherigen Rechtszu­stand die Ehescheidung ganz bedeut md erleichtert werden, theoretisch wenigstens. Es ist schon her­vorgehoben, daß bei beiderseitigem Einverständ­nis auch heute schon die Ehescheidung sehr ein­fach ist und auch sehr schnell vonstatten gehen kann. Die Schwierigkeit in der Praxis ist nur dann gegeben, wenn ein Teil sich nicht scheiden lassen will. Allerdings hat heute das Gericht von sich aus die P licht, fest>,u'teilen, ob tatsächlich auch ein Scheidungsgrund vor liegt, aber dem Ge­richt sind zur Beschaffung der Wahrbeit die Hände sehr gebunden Ja. daS Gericht hat viel­fach garnicht die tatsächliche CHtöglidyfett, die an» ?egebenen Ehescheidung Sa runde auf ihre Richttg- eit zu prüfen. Man denke an Ehebrüche, wo die Ehebrecher die Aussage verw igem.

Man darf sich aber nicht der Einsicht ver­schließen. daß nach den erwähnten Anträgen in der Praxis, soweit Zerrüttung der Ehe geltend gemacht wird, eine allzugrohe Vereinfachung der Ehescheidung nicht eintritt, falls ein Teil die Ehescheidung nicht will. Will er sie nicht aus Unterhaltssorgen, so ist allerdings nach den Anträgen eine Erleichterung geschaffen. Denn die Scheidung soll bei Zerrüttung oder Einver­ständnis erst dann ausgesprochen werden, wenn die Ehegatten sich über die Unterhaltspflicht und auch über die gemeinsamen Kinder ge­einigt haben. Bei erfolglo'em C.nigungäver- such hat das Gericht die Regelung vorzunehmen. Das sogenannte .Abkaufen" der Ehescheidung

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Gebieter der Welt Untertanen der Mode.

Wie die Mächtigen der Erde sich kleiden.

Von £. von Nordegg.

In den Tagen des Vorfrühlings wird die kommende Mode geschaffen: unser Mit­arbeiter schildert, wie die politischen Führer Europas dem Dittat der Modeschöpfer folgen müssen.

In allen Ländern gibt es einige Männer, die, eindringlicher als die Bilder der Modejournale, der Herrenwelt Schnitt und Farbe ihrer Klei­dung vorschreiben. Diese Herrscher im Reich der männlichen Mode sind mit Ausnahme Eduards VII. von England niemals iden­tisch gewesen mit den weltlichen Herrschern, und keines der gegenwärtig regierenden gekrönten und ungekrönten Staatsoberhäupter kann den Titel einesModekönigs" für sich in Anspruch nehmen. Das wurde besonders deutlich, als vor einiger Zeit König Viktor Emanuel III. von Italien seinem britischen Kollegen G e 0 r g V. in London einen Besuch abftattete; damals brach­ten die Londoner Blätter eine Momentaufnahme, auf der die beiden Monarchen auf einem Ausflug nach der Wembley-Schau dargestellt waren. Der Text dieses Bildes hätte lauten können: Wie der Herr von heute sich anziehen - uick) tote er sich nicht anziehen soll! Obwohl König Georg V von weit schmächtigerem Wuchs als fein Vater Eduard VII. ist und auch nicht die lebemannifch- eleganten Allüren seines Vaters besitzt, ver­leugnet er nicht seine Abstammung vorn, »ersten Gentleman Europas" ohne als Vorbiw für die englischen Herrenschneider in 'Betragt ju kommen: diese Rolle spielt vielmehr sein Sohn, der Prinz von Wales, dessen Anzüge be­sonders sorgfältig ausgewählt werden. Die Pyoto- graphie zeigte den Britenkonig in einem tadel­los geschnittenen Sakkoanzug von dunkler Farve; dazu trug er einen steifen, hellgrauen, weiß- bebänberten, runden Hut. Heber die Schönheit und Zweckmäßigkeit dieser Kopfbedeckung, deren Form angeblich eine Erfindung Georgs V. sein

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in denen er dem Ministerrat präsidiert. Ob er aber in einer gold- und silberstrotzenden Uniform, etwa in der pompösen, von ihm bevorzugten Uniform seiner Leibgarde zu Pferde, im Polo- Kostüm, im Straßenanzug oder im Frack die Pflicht der Repräsentatton auSübt oder Zer­streuung sucht: stets harmonieren bei ihm Anzug und Persönlichkeit.

Monsieur Gaston Doumergue dagegen, der behäbige Junggeselle, der im Elys6-Palast zu Paris als Präsident der französischen Republik residiert, ist ein jovialer, humorvoller Südfranzose, der sich damit begnügt, bürgerlich anständig in seinem Aeuherev zu wirken. Es ist nicht anzu­nehmen, daß die Konserenzen mit seinem Schneider allzu lange dauern, und im übrigen steht ihm ja als Protokollches der geschmeidige Monsieur de FouquiKres zur Seite, den man denSchieds­richter in allen Fragen der Eleganz" getauft hat. Er macht, wie die Franzosen es ausdrücken, in der Modela pluie et le beau temps, den Regen und das schone Wetter, und hätte er den Einfall, morgen in hellgrünen Hosen durch den Bois de Doulogne zu spazieren, so würde die ganze ele­gante Jugend von Paris übermorgen ihre Beine hellgrün umhüllen. Raymond P 0 i n c a r 6 jedoch geht jede individuelle Rote der Kleidung ab. Frankreich hat seit dem Bestehen der dritten Republik, also in 56 Jahren, einen einzigen Präsidenten gehabt, der sich einer beinahe übermäßigen Eleganz befleißigte, und daS war Felix Saure, der eS auch nie verabsäumte, das Knopfloch seines Rockes mit der Blume der Saison zu schmücken.

Die nordischen, stammverwandten Könige Gustav V. von Schweden, Christian X. von Dänemark und Haakon VII. von Rorwegen sind baumlange, tannenschlanke Gestalten. Alle drei ziehen sich korrekt und nicht im entferntesten geckenhaft an. Der Schwedenkönig, der im kommen­den Juni die biblischen Siebzig vollenden wird, gibt an aufrechter Haltung feinen toeit jüngeren Kollegen von Rorwegen und Dänemark nichts nach; am vorteilhaftesten nimmt et sich im Pro­menadenanzug und Zylinderhut auS. Im Gegen­satz zu den skandinavischen Königen trägt der König Alexander von Serbien, der sich seit dem Versailler Frieden König der Serben, Kroa-