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**MehrRücksichtundwenigerLärm! Die beginnende wärmere Jahreszeit belebt die Straßen, Fußgänger und Fahrzeuge nehmen zu. Da ist es wiederum an der Zeit, zur Vorsicht, aber auch zur Rücksicht zu mahnen. Gilt jener Ruf dem Fußgänger, so dieser nrsbe onder« dem Auto- und Motorradfahrer. Der Feldzug der Polrzer in ganz Deutschland gegen rücksichtsloses Zähren und unnötiges Hupen hätte keine Berechtigung mehr, wenn gewisse Fahrer endlich von der ©c- wohnheit ließen, auch wenn es nrcht notwendrg ist und besow>ers in dec stillen Rächt, draufloszuhupen als ob sie da.ür bezahlt würden und förmliche Hupenkonzerte veranstalten mußten. Manche Fahrer haben sich die Unsitte angewöhnt, im Musiklakt zu hupen, was zumal in der Rächt ei,i auserlesener Ohren- und Rervenfchmaus ist. :\n die es 'unerfreuliche Kapitel gehört auch das Ar lau rnlasien von Kcaftradmvwren und das Oe fnen res Auspuffs — eine geradezu bru- a nächtliche Rücksichtslosigtett. Äeberhaupt vol zieht sich das Straßenleben heute unter einer ©eräuschentsaltung, die sicherlich in dem Maß du 'ch die Motorisierung des öffentlichen Der- kehrs allein nicht bedingt ist. Mehr Rücksicht und weniger Lärm mühte sich auch mit den Erfordernis,en des modernen Derleyrs m Em klang bringen lassen. _ . , .
" iin^er die Straßenbahn gerom- m e n. Ein Änglucksfall. bei dem der Verunglückte crfreulioierwci e glimpflich davonkam, ereignete sich heute vovnckttag gegen 8.15 Ubr in der Bahn» Hofstraße zwischen der Grabenstraße und Dem (£af6 Amend. Dort befand sich der Kaufmann Friedrich Lcvermann, Scltersweg. vor dem Schaufenster des Zigarrengesc-zäfts Chambre, während sein Hund auf dem Zahrdamm umherlief. Als das Lier trotz des HerannahenS der Straßenbahn noch auf dem Gleis verblieb, versuchte Herr Levermann den Hund zu verscheuchen, wobei er selbst das Gleis überqueren wottte. Hierbei hatte er offenbar die Entfernung zwischen sich und dem Straßenbahnwagen unterschätzt. Er wurde von der Elektrischen erfaßt und zu Boden
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 7. März 1928.
Der Bubenvater.
Schon lange stand in der Nachbarschaft auf dem Lande der Storch auf seinem Neste und klapperte vergeblich. Kein Wunder, denn „es war noch nicht so weit". Der künftige Vater aber sprach schon Überall von feinet kommenden Buben. In anerkennenswerter Fürsorge schickte er die künftige Mutter seines Buben in die Nachbaruniversitätsstadt an eine zuverlässige Stätte, an der solche Stunden leichter überwunden u werden pflegen als anderswo. Der werdende Papa aber stöberte den Kalender täglich von oben bis unten nach dem schönsten Buben- vornamen aus. der seines Sprosses würdig wäre. Die Wahl des Vornamens war ganz seine, des Vaters, Sache. Wenn dis Frau auch anfänglich mitberaten durfte, wie das Änäblein heißen solle — die endgültige Bestimmung des Vornamens war sein Recht, sein Vaterrecht. Selbst ist der Herr!
Eben läutet es bei der PoftyUfsstelle am Telephon. 11 nb dem Wartenden wird zu seiner höchsten Freude gemeldet: „Das Kind ist ange- tommen, ihm und der jungen Mutter gehts gut, sofortiger Besuch ist erlaubt." So schnell wie heute war der neugebackene Vater noch nie zur Dahn gesprungen. Vater, Vater!!, wie schwellte das Wort seine Brust. Ihm dünkte, der Zug habe bleierne Räder, so langsam fuhr er heute für ihn dahin. Denn ihn plagte die Sehnsucht, so rasch als möglich nach der Stadt zu gelangen. Als er endlich am Bahnhof angekommen war, kam ihm der Gedanke, so rasch als möglich seinen Jungen beim Standesamt anzumelden. So fuhr er denn augenblicklich dorthin, ließ das frohe Ereignis öffentlich beurkunden, und schloß eine halbe Stunde später seine kleine Frau in die Arme. Dann blieb er lange mit einer Freudenträne im Auge vor seinem Sprößling stehen. Er, der Vater!
Anderen Tages durfte er wieder kommen. Draußen auf dem Korridor begegnete ihm die »weise Frau. „Wie geht's ihm denn?" fragte er. .Wem?" „Ihm!" „Sie meinen wohl dem kleinen Mädelchen? O, das trinkt und ist gesund." „ßle machen Spaß, Schwester," sprach der Vater aufhorchend. „3d) habe doch einen Jungen!" „3’ bewahre, Ihre Frau hat doch ein Mädelchen bekommen und keinen Buben. Da knickte der neugebackene Papa tief in die Knie. Herrgott, was hatte er angerichtet. Kein Bube, „nur" ein Mädchen! Was hatte er daheim erzählt! Und gar das Standesamt! Diese Blamage! Vorsorglich überzeugte er sich jetzt. Da war nichts zu machen. Ein liebliches Mädchen ballte ihm im Dettchen die Fäuste entgegen.
Langsam schlich er zum Standssamte, um die Sache dort richtigzustellen. Es war impertinent, wie der Hüter des Personenstandsgesehes hämisch grinste und dann sogar — eine seltene Ausnahme in seinem sonst so trockenen Berufe — bei der Erzählung des Vaters trotz der ihm drohenden Schreibereien schadenfroh lachte.
Der Instanzenzug wurde bis zum Gericht erschöpft. Und aus dem Kn«"' lein wurde ein Mägdlein gemacht — mit Hilfe von Feder und schwarzer Tinte. „Ach, wenn ich doch nicht gleich an das Standesamt gelaufen wäre", murmelte der Uebereilige. — Beim nächsten Male will er, so hat er's der glücklichen Mutter anvertraut, vorsichtiger zu Werke gehen. Ja, Vater werden ist gelegentlich doch schwer! G.
Daten für Donnerstag, den 8. März.
Sonnenaufgang: 6.31 Uhr, Sonnenuntergang: 17.52 Ähr. — Mondaufgang: 20.02 Ähr, Monountergang: 7.38 Ähr.
1823: Der ungarische Staatsmann Graf Julius Andrassy in Kaschau geboren (gest. 1890). — 1838: Dec Bühnendichter Adolf L Arronge in Hamburg geboren (gest. 1908). — 1917: Graf Ferdinand Zeppelin in Berlin gest. (geb. 1838).
Bornotizen.
— TageskalenderfürMittwoch. Stabt- thcater: 7.30 Uhr: „College Crampton" (Ende nach 10 Uhr). — Gewerbeverein: 8.15 Uhr, Gewerbehaus, Mitgliederversammlung. — Jungdeutscher Orden: 8.30 Uhr, Hotel Köhler, Konvent. — Lichtspielbaus, Bahnhofstraße: „Der Alte Fritz". — Astoria-Licht- spiele: „Der schwarze Satan".
— Der Evangelische Arbeiterverein bringt am Sonntagabend in der Turnhalle das in früheren Jahren bereits mit Erfolg aufgeführte Dolksftück in fünf Aufzügen „Der Leiermann und fein Pflegkind" von Charlotte Birch-Pfeiffer erneut zur Aufführung. (Siehe Anzeige.)
Berliner Börse.
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Die Jugendherberge und das Jugendheim der Stadt Gießen.
Von Bürgermeister Dr. Loh. Frey, Beigeordnetem der Stadt Gießen.
Dorkriegsverhältnisse nicht mehr. Er sei deshalb auch nicht berechtigt, sie zum Maßstab der Fahrplanverhältnisse der Dachtriegszeit zu verwenden. Man müsse von 1925 ausgehen, das in den Zugleistungen gegen 1927 um 10 Prozent geringer, in der Zahl der beförderten Personen aber noch um 5 Prozent größer gewesen fei. 1926 sei ein Rückgang gekommen. 1927 sei ein Aufstieg in der Wirtschaft zu verzeichnen, der auch in den Zugleistungen ein Mehr von 4 Prozent gebracht habe, dem eine Steigerung der Verkehrseinnahmen von ebenfalls rund 4 Prozent gefolgt sei. Rur die Hoffnung, daß uns auch künftig ein langsamer und stetiger Aufstieg der Wirtschaft beschieden sei, rechtfertigte, auch für den Fahrplan 1 928 höhere Zugleistungen zu gewähren.
Die Schmerzen der Bahn wegen eines schlechten Verkehrs seien bekannt. Sie beruhen in der Hauptsache in dem Verlust Elsah-Lothringens, ein Ämstand, der den Verkehr -über die Lahn außerordentlich geschwächt habe. Die Verbefierung des kommenden Fahrplans bestehe darin, daß die
Schnellzüge Im neuen Fahrplan eine Beschleunigung
erführen, einmal durch schnelleres Fahren und ferner durch Beseitigung von Halten an Stationen, deren Verkehrsaufkommen den Halt eines v-Zuges nicht rechtfertige. Er erläuterte dabei, daß das Führen von Kurswagen die Kürzung der Reisedauer eines Zuges erschwere und daß man sich deshalb hier auf das Rotwendigste beschränken müsse. Wenn ein bis zwei Wagen besetzt seien, also das Ämsteigen von vierzig bis fünfzig Reisenden erspart würde, dann könnte man einen solchen Kurswagen als notwendig bezeichnen. Selbstverständlicy könne der Kurs- waaenverkehr für Bäder im Interesse eine- verwöhnten, kranken ober gebrechlichen Reisepublikums in vielen Fällen als erwünscht anerkannt werden.
Eine Beschleunigung der gewöhnlichen Personenzüge sei zwar auch erstrebt worden, sie könne sich nur im allgemeinen nicht besonders wirksam zeigen, denn die Durch- schnittsentfernung der Stationen im Direktionsbezirk sei etwa 3,6 Kilometer. Berufs-. Milch- und Viehwagenverkehr bedingten Aufenthalte auf den Stationen, die die Beschleunigung der Reisedauer verhinderten. Es wurden alsdann die im neuen Fahrplan zu erwartenden, für den
Direktionsbezirk Frankfurt a. 2N. wichtigen Zugvermehrungen
erläutert, wobei des neuen FD 3/4 Berlin- Frankfurt mit einzigen Halten in Halle und Erfurt gedacht und der FD 5 6 erwähnt wurde, der im Sommerabfchnitt selbständig von Berlin nach Da'el durchgeführt wird. Auch die Reuerung im internationalen Verkehr behandelte der Vortragende, wobei er den Verkehr mit einem Kurswagen im D 136 über Lindau—Arlberg nach Graz und einen neuen Zug Marseille-Appenweier mit Schlafwagen und Anschluß an Reichsbahnzüge erwähnte. Er recht- , fertigte weiter den W g des Pullmanzuges, der Frankfurt a. M. nicht berührt Der D 54 werde so beschleunigt, daß er einen günstigen Anschluß nach Meran erreiche. D:r Luxuszug 51 bekomme Schlafwagen Ostende—Konstantinopel. Der Verkehr zwischen Frankfurt a. M. und Paris werde durch ein neues Rachtzugpaar mit Schlafwagen belebt.
Im Nahverkehr seien auf den Strecken Frankfurt—Mainz und Cronberg, in der Umgebung von Hersfeld, auf der Sieg strecke, im Westerwald und auf der Strecke Schlüchtern-Gemünden, wie auf der Strecke Höchst- Limburg Verbesserungen neben vielen anderen auf andern Strecken vorgesehen. Gegenüber 1927 bedeute die Vermehrung der Zuglei st ungen eine Erhöhung um 7 Prozent. Er wünsche, daß die Derkehrs- einnahmen eine gleiche Steigerung aufweisen.
Im Anschluß an diesen Vortrag wurden noch vereinzelte Fahrplanwünsche vorgetragen.
RDV. BeiVenutzung der Liegewagen Wäsche vorher bestellen! Oft kommt es vor, daß Reisende, die Liegewagen 3. Klasse benutzen. erst im Zuge die Wäsche für den Liegeplatz bestellen, offenbar, weil sie annehmen, daß Liegewagen ebenso tote Schlafwagen 1. und 2. Klasse mit Wäsche ausgerüstet sind. Die Benutzer der Liegewagen, die Bettwäsche wünschen, sind dadurch gezwungen, noch längere Zeit darauf zu warten, bis das Bett mit Wäsche bezogen ist, anstatt sich gleich zur Ruhe begeben zu können. Eine schnellere Abfertigung im Zuge ist aber in solchen Fällen deshalb nicht möglich, weil die Raumverhältnisse sehr beschränkt sind. Es liegt in der Hand her Reisenden selbst, Abhilfe zu schaffen. Sie brauchen nur bei der Lösung eines Liegewagenplatzes im Rcisebureau gleichzeitig auch die Bettwäsche vorzube st eilen. Bei Vorbestellung können bann bereits die Plätze im Zuge vor der Abfahrt hergerichtet werden. Die Gebühr für diese „Leihwäsche" — Kopfkissen, Laken, bezogene Decke und Handtuch — beträgt 2,50 Mark. Der Liegewagenplah selbst kostet 6,50 und 0,65 Mark Dormerkgebühr.
Kleine Strafkammer Gießen.
* Gießen. 6 März. Ein Elektrotechniker ver- folgte Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts Altenstadt, durch das er wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Woche Gefängnis verurteilt worden war. Aw. 31. Juli v. I. mürber auf der Landstraße Hainchen—Lindheim zwei Frauen von einem in saufender Fahrt daher kommenden Motorradfahrer überrannt und nicht unerheblich verletzt. Trotz der wett vorgeschrittenen Dämmerung hatte der Radfahrer keine Laterne, auch Warnungssignale gab er nicht. Zwei Zeugen wollten aus einiger Entfernung den Ange
Fahrplanlonferenz in Frankfurt.
WSR. Frankfurt, 6. März. Die Reichs- bahndirektion Frankfurt (Main) hatte die Handelskammern ihres BezirlL, sowie Vertreter der Stadt Frankfurt (Main) auf heute zu einer Besprechung über den Fahrplan für das Jahr 1928 eingeladen. Der Fahrplandezernent, ReichSbahnoberrat Pietz, beleuchtete zunächst in einem kurzen Rückblick die bisherigen Fahrplanverhältnisse, wobei er auSsührte. daß man allzuleicht geneigt sei, bei dem Rückblick bis in die Zeit der Vorkrie^verhältnisse zurückzuschauen. In der Wirtschaft beständen
Berlin, 7. März. (WTB. Funkspruch.) Der ige Frübverkehr ist geschäftslos, die Tendenz . ckhaltend. Auch der Geldmarkt ist noch unübersichtlich. Kurse werden noch nicht genannt. Am Devisenmarkt hört man Paris gegen London 124,02, Mailand 92,35, Madrid 29,10, Low don gegen Kabel 4,8790 und die Reichsmark gegen Kabel 4,1835
klagte« an feiner Statur als den Täter erkannt haben. Der Angeklagte bestritt nicht, an jenem Abend den Weg nach Lindheim gefahren zu sein: es sei aber bereits 8.30 Uhr gewesen, während der Unfall sich kurz nach 9 Uhr abgespielt hatte. Da zwei Zeugen heute unter Eid bekundeten, den Angeklagten erhebliche Zeit vor 9 Uhr in Düdelsheim gesehen zu haben, konnte das erste Urteil nicht aufrecht erhalten werden. Es erfolgte Freisprechung.
gerissen, wobei er unter den Vorderperron geriet und von dem Wagen vom Zigarrenges^äft Chambre aus bis zur Grabenstratze mitgescyleift wurde. Rachdcm der Wagen, der bei dem nassen Wetter von seinem Führer nicht so rasch zum Stehen gebracht werden konnte, an der Ecke Grabenstratze gestellt war, wurde der Verunglückte von hilfsbereit hinzugesprungenen Passanten aus seiner schlimmen Lage befreit und zunächst in das Haus des Dentisten Lehrmund verbracht. Rach- dem sich Herr Levermann hier einigermaßen wieder erholt hatte, wurde er zu Dr. med, Geher, Seltersweg, geführt, der die erfreuliche Feststellung machen konnte, daß der Verunglückte bei dem aufregenden Vorfall außer einer begreiflichen nervösen Anspannung zum Glück nur einige Hautabschürfungen an der rechten Hand, einen Bluterguß im linken Vorderarm und eine leichte Wunde am Kopfe davongetragen hatte. Wohl nur dem Umstände, dah infolge des Regens die Schienen der Straßenbahn und die Pflasterung naß waren, hat es Herr Levermann zu verdanken, daß er vor der Schutzvorrichtung bei den Vorderrädern des Straßenbahnwagens her- geschoben wurde und dadurch mit dem Leben davonkarn.
** Eine Segelflugschule auf der fierchenhainer Höhe? Wie uns aus fier- chenhain berichtet wird, stehen Verhandlungen über die Errichtung einer Segelflugschule auf der fier- chenhainer Höhe vor dem Abschluß. Anerkannte Segelflieger weilten in den letzten Tagen dort oben tm hohen Vogelsberg unb besichtigten das Gelände, das sich für den Zweck der Segelfluaschulung ve- sonders gut eigne. Mit dem Dau der Flugzeughalle solle schon bald begonnen werden. Außer Segelflugzeugen beabsichtige man auch einige Motorflugzeuge zu Unterrichtszurecken auf ter fierchenhainer fiohe zu stationieren.
Den Wert des Wanderns für unsere Jugend bestreitet heute kein Berständigcr mehr. Sein fordernder Einfluß auf Körper, Geist und Gemüt darf als allgemeine Erkenntnis gelten. Wichtig erscheint es in Sonderheit ab Ergänzung von Leibesübungen, Sport und Spiel. Von diesen Betätigungen zur Schöpfung und Erhaltung jugendlicher Kraft ver- mag es Die Gefahr der Einseitigkeit abzuwenden. Es könnte manche üble Begleiterscheinung unseres heutigen Sportbetriebs, wie Rekordwut und Per- fonentultus, eindämmen.
Der Geldbeutel der Jugend ist schmal. Wandern kann sie nur, wenn sie genügend Stützpunkte zu billiger und einfacher, aber sauberer Uebernacktung hat. Der Berband „Deutsche Jugendherbergen ' hat es erreicht, daß ganz Deutschland mit einem Netz voil etwa 2000 Jugendherbergen überzogen ist, einem Netz, das sich der Lückenlosigkeit nähert. Das Schwierigere, die fialtung der Herbergen auf der erforderlichen Höhe und ihre Unterhaltung bleibt seine dauernde Aufgabe. In der Erkenntnis, daß es vor allem die städtische Jugend ist, die des Wanderns bedarf, haben die deutichen Städte die besondere Unterstützung des Veroandes sich angelegen sein lassen. Aber sie haben zum großen Teil auch selbst Jugendherbergen geschaffen und führen sie nach den Grundsätzen des Verbandes.
Selbst kleine Städte, auch in Gießens weiterer Umgebung, haben mit großen Mitteln Neubauten zu diesem Zwecke errichtet. Schließlich läßt sich das auch, von allem anderen abgesehen, rein wirtschaftlich rechtfertigen: vielleicht ist das nicht unwichtig, seitdem in der Luft der Börse die neue Erkenntnis gediehen ist, Einrichtungen zu gesund' heitlicher Förderung unseres Volkes seien Luxus. Mair fordert „Derkehrswerbung". Nun, die jugendlichen Wanderer lassen nicht viel Geld sitzen. Aber aus ihner werden Männer und Frauen, die als wirtschaftlich beachtliche Reisende gern an die Stätte zurückkehren, in denen sie sich in erinnerungsDer- Härter Zeit wohlgefühlt haben. Vielleicht wirbt bas mehr als alle Prospekte, die zentnerweise ungelesen in die Papierkörbe wandern.
In Gießen war ursprünglich dem Wandervogel ein Uebernaditungsraum in einem der Torhäuschen am Walltor überlassen. Die Bleibe wurde ein Opfer der Wohnungsnot der Nachkriegszeit. Dieser Not aber durch Einziehung von Jugendwohlfahrtsein- rid)hingen abzuhelfen, heißt den Teufel durch Beelzebub austreiben. Als der Schreiber dieser Zeilen mit der Verantwortung für die Gießener Jugendherberge betraut wurde, hielt er es deshalb für feine Pflicht, der Jugend ihre fierberge wiederzugeben. Es gelang, allen Schwierigkeiten zum Trotz, dank dem wohlwollenden Entgegenkommen von Oberbürgermeister und Stadtverordneten. Der verständnisvollen und tätigen Hilfe des Stadtbauamtes sei besonders gedacht. An einen Neubau war in der Zeit des Währungsbetrugs nicht zu denken. Anfang 1922 wurde in einem alten Hause der Schloßgasse eine Gastwirtschaft frei. Es ergab sich die Möglichkeit, die Schankzimmer als Schlafräume zu verwenden. Im letzten Augenblick wären die Räume um ein Haar wieder verloren gegangen, da die Notwendigkeit auftrat, eine große Familie aus einem von Einsturzgefahr unmittelbar bedrohten Hause schleunigst irgendwo unterzubringen. Es gelang aber schließlich, einen anderen Ausweg zu finden. Die Wohnung wurde mit einem Ehepaar besetzt, das bereit war, die Ausgabe der fierberge- eitern zu übernehmen. Die damals sehr schwer zu beschaffende Einrichtung wurde durch Vermittelung des Verbandes Deutsche Jugendherbergen in Hilchenbach (die Gießener Ortsgruppe bestand damals noch nicht) bezogen. Einen Teil stellte und stellt noch heute der Wandervogel zur Verfügung, so besonders einen Gasherd und guten bilderischen Schmuck Zwanzia Betten standen für die wandernde Jugend bereit. Mit Ameren Mängeln mußte man sich damals abfinden. So fehlte es an einem Tagesraum. Als solcher diente das Wohnzimmer der Herbergseltern. Kaum glaublich erscheint es heute, daß ge- wisse, stiller Zurückgezogenheit gewidmete Gelasse — völlig fehlten. Die" fierbergsgäffe und die Familie der fierbergseltern waren auf die Gastfreundschaft der übrigen Hausbewohner angewiesen. Ein unter dem 3. August 1922 an die Stadtverordneten gerichteter Antrag, zur Beseitigung b*efes Mangels 30 0t>0 Mark zu bewilligen, trägt den Aktenvermerk: „Wegen der Geldentwertung nicht zur Erledigung gelangt". Schon damals gab es „Sparerlässe". Man war sich aber auch darüber klar, daß diese Herberge nur als vorläufiger Notbehelf gelten konnte. Trotzdem wurde sie reae benutzt
Bald zeigte sich ein M-a zur Besierung. Es war in ienen Jahren unendlich schwieria gemesen, Kinder in Familienpflege unterzubringen. Die Kinderanstal
ten waren überfüllt. Das hatte zur Einrichtung eines städtischen Kinderheims im Hause A st e r - weg 25 geführt. Als eine Entspannung eintrat — ine Lage ift jetzt stark entspannt —, erschien es richtig, das Klnderheim, das zu kl war, um wirtschaftlich zu sein, stillzuiegen. Dadurch wurde es möglich, Räume im Obergeschoß für die Jugendherberge zu verwenden, Räume, die geeignet und ausreichend waren. Die bisherigen Räume wurden zu Wohnzwecken vermietet. Vorsichtshalber ift die Cm- nd)tung getroffen, daß das Kinoerheim jeden Augenblick auf Zeit wieder eröffnet werden kann, wenn plötzlich Kinder untergebracht werden müssen. Man denke etwa an den Fall eines größeren Brandes. Die fierberge muß bann solange ihre Pforten schließen Am 30. Juni 1923 erfolgte der Umzug in die neuen Räume. Sie hat sich dort trefflich entwickelt und genießt unter Kennern, vor allem der wandernden Jugend selbst, einen sehr guten Ruf. Die fierbergseltern, Eheleute Mandler, haben sich in die neue Aufgabe ausgezeichnet hineingefunden. Ein gemütlicher Tagesraum ist vorhanden. 40 Betten und 15 bis 20 Notlager stehen zur Verfügung. Der große Waschraum ist im vergangenen Jahre nach den Erfordernissen neuzeitlicher Gesundheitspflege neu eingerichtet worden. Die Zahl der Uebernach- tungen, die im Kalenderjahr 1925 972 betrug, stieg 1926 auf 1303 und 1927 aus 1537.
Die Gießener Jugend hatte aber noch einen wei teren Wunsch, den sie ost und dringlich vortrug, diesmal nun nicht für die auswärtigen Kameraden, sondern für sich selbst. Die Bünde und Verbände brauchen für ihre abendlichen Zusammenkünfte Räume, ohne dafür große Kosten auf- wenden zu können. Dcreinszimmer von Gastwirtschaften kommen kaum in Frage. Der Gastwirt muß als Gewerbetreibender den ihm gebührenden Verdienst durch eine angemessene Miete sich verschaffen, ober auf reichlichen Bezug von Speise unb Trank rechnen können. Auch wollen bie Jugendbünde ihren Raum nach ihrem Wunsch und Geschmack ausftatteu und sich dort ganz und gar zu Hause fühlen. Das ganze Drum und Dran abendlichen Wirtschafis- oerkehrs sagt ihnen nicht zu und ist auch für Jugendliche gewiß keine geeignete Umwelt. Das inzwischen am 1. April 1924 in Kraft getretene Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt, durchaus auf Förderung der Jugendbewegung eingestellt, ließ es zulässig und geboten erscheinen, amtlich der Errichtung eines Jugendheims näher zu treten. Durch Beschluß der städtischen Wohlfahrtsdeputation als vorläufigen Jugendamts vom 10. Dezember 1925 wurden zwei weitere Zimmer, solange sie nicht etwa dem Zwecke des Kinderheims dienen müssen, als Jugendheim be- stimmt. Dem gleichen Zwecke dient abends der Tagesraum der Jugendherberge. Die Jugendbünde zahlen für die Benutzung eine kleine Gebühr, welche die Kosten der Heizung, Beleuchtung und Reinigung deckt. Mitglieder hiesiger Jugendbünde haben alle diese Räume und in allerletzter Zeit auch noch den großen Waschraum und den Mädchenschlafraum der fierberge teils mit Wandbespannung, teils mit einem geschmackvollen Wand- und Deckenanstrich versehen. Auch einige Wandmalereien zeugen dcui geschickter Hand und von jugendlichem Frohsinn. Es traf sich gut, daß das Gebäude, in dem im Erdgeschoß noch Wohnungsamt, Mieteinigungsamt und eine Fortbildungsschulklasse untergebracht sind, an der Reihe war, auch einen neuen Außenanstrich zu erhalten So zeigt es sich auch von außen schmuck unb stattlich. Das ganze Haus mit feinem Neben- gebäubc ist durchaus der Erhaltung und Pflege wert. Es ist in feiner Gesamtheit das gut erhaltene Heim einer wohlhabenden unb kultivierten Gießener Bürgerfamilie ber alten Zeit. Eingang unb Treppenaufgang, die Stuckdecken, die Bleioerglasungen der Fenster und manches andere ist von um so größerem heimatgeschichtlichen Wert, als diese Eigentümlichkeiten immer seltener werden. Die in ber Jugendbewegung vereinigte Jugend hat für derlei Dinge besonderes Verständnis und weiß sie zu würdigen und zu vflegen. Die Inanspruchnahme des Jugendheims ist stark. Nur ein Teil der Anmeldungen kann Berücksichtigung finden, obwohl vermöge freundlicher Duldung durch den Dezernenten des Mieteinigungsamtes, Bürgermeister Dr. Seih, auch der Warteraum dieses Amtes hilfs- weise hinzugezogen wird. Wenn einmal in besserer Zeit die z. Z. noch schwere Raumnot der Schulen und der städtischen Kanzleien behoben fein wird, bann — es sei gestattet, den Wunsch und die Hoffnung auszusprechen — möge das ganze Haus ein „Haus der Jugend" werden, bestimmt, altes heimatliches Kulturgut kommenden Geschlechtern zu erhalten unb dabei doch der Jugend zu dienen, die unsere Zukunft ist.


