Nr 262 Zweites Blatt
Deutschland im Spiel der Mchte.
Außenpolitische Umschau.
Von Or. OttoHoetzsch, o.professor der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. X
Mit dem folgenden Vertrag nimmt Professor Dr. Hoetzsch, der von ferner Amerika- reife soeben zurückgekehrt ist. ferne regelmäßige Mitarbeit wieder auf.
Die große Politik wird, wenn nun die Arbeit der Parlamente wieder beginnt, durch diese Momente bestimmt: das Fiasko und die Krise in Genf — das englisch-französische Flottenabkommen und Amerikas Antwort darauf — den K e l l o g g p a k t und die Frage seiner Rati - fikatron durch die Signatarstaaten — das neue .Sachverständigen-Komilee" für den Dawesplan — die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Rußland.
Das Fiasko der Abrüsiungsverhandlungen tn Genf ist vollständig. Was darüber fürder ernft* hast verhandelt wird, ist in den Notenwechsel und Gegensatz verschoben, der zwischen England- Frankrerch und Amerika nun völlig zutage liegt. Die deutsche Räumungsoffensive tn Genf ist auch Völlig gescheitert, das deutsch-französische Verhältnis in offener Krisis. Wie soll das. wie sollen die deutsch-französischen Deziehungen nun weitergehen? Das Genfer Kompromiß vom 16. September will die Linien dafür ziehen, mit seiner .. Feststellungs- und Vergleichskommission". die die Räumungsfrage nunmehr in voller und nicht mehr lösbarer Verbindung mit der — für uns und nach dem Versailler Vertrag längst erledigten! — Kontrollfrage behandeln soll. Kann da etwas Gutes für Deutschland heraus- kommen, das darin nicht nur Frankreich, sondern auch die heutige englische Politik (trotz aller Mahnungen eines verständigen, aber einflußlosen Teils der englischen Presse) gegen sich hat? Schon über die Auslegung des September-Kompro» misses bestehen Differenzen!
Wird nicht Driands Rede vom 10. September, die einen liefen Einschnitt in den deutsch fran^si- fden Beziehungen darstellt, verständlicher, seitdem die Geheimgeschichte des englisch-französischen Abkommens begannt geworden 11? Am 20. September brachte die Hearstpres e die bekannte Veröffentlichung. d:r voy den De'ei igten nicht widersprochen worden ist. Aber wichtiger noch ist, was Julius Sauerwein, in dem Drange, zu erllären. und das absolut Friedliche des Abkommens zu unterstreichen, aus der Vorgeschichte im „Malin" berich et hat.
Der sehr genau unterrichtete Journalist sagt hier mehr, als er von seinem Standpunkt aus verantworten kann. Er berichtet, daß i.n Frühjahr Chamberlain und Vriand „in einer langen älnterhaltung zu dem Schluß kamen, es sei absurd, gegeneinander zu sechtm. daß dieser Entente der Minister (wörtlich!) sofort Instructionen an d e englisch« Diplomatie folgten, loyal mit ihren französischen Kollegen zusammenzuarbeiten", und das gleiche geschah für die französische Diplomatie. Das war vor sechs Monaten". (Also März- April.) Dem sei im Frühsommer der bekannte Desuch Derthelots in Paris gefolgt. „3n allem wurde gegeben und genommen. 3n der Weeres- frage koncedierlen die Engländer, in der Flottenfrage die Franzosen, und beide Regierungen verständigten sich über ihre Politik gegenüber Deutschland, Italien, Zentraleuropa und dem Balkan" (bezeichnenderweise fehlt Rußland in dieser Aufzählung!). „Alles das für Aufrecht- erhaltunq des Friedens in Europa. Auf dem ganzen Kontinent sind die einzigen großen Mächte, die in sich stabil sind und für die eine Veränderung im Status von Europa nicht vorteilhaft wäre, England und Frankreich.
Wir Haven diese Tendenz der englischen Politik, von der wir nicht wis'en, wie we 1 Chamberlam sich bewußt in ihren Dienst gestellt hat, feit langem mit größter Aufmerksamkeit beobachtet. Run liegt das Ergebnis einer, wie Sauerwein selbst sagt, sechsnwnatigen Arbeit der englischen uyd französischen Dsi)lomatie vor. Die Entente von
Gießener Konzertverein.
Geigeukonzert Prof. Joseph Szigeti.
Daß es Joseph Szigeti Vorbehalten war, die Reihe der Winterkonzerte zu eröffnen, mag clls ein besonderes Symbol gelten für die bevorstehenden musikalisch-künstlerischen Ereignisse.
Unter all den Geigerpersönlichkeiten, die sich im Laufe der letzten 3ahre in Gießen Horen ließen, nimmt Joseph Szigeti fine So,Verstellung ein. Weder der sog. „große L,on . noch eine Spezialität im Stilisieren, noch verblüffende Virtuosität lassen chn die gewaltigen Eindrücke bei seinen Hörern erreichen, sondern sein edler, seelenwarmer Ton wird Kündungsmrttel seiner überragenden Musikalität.
Wie schon früher bei anderer Gelegenheit einmal darauf verwiesen wurde, beschäftigt sich die Gegenwart vornehmlich mit den theoretischen Grundlagen der geigerischen ßeiftung. Beweist nicht gerade da die Vielheit der Meinungen, daß das geigerische Problem bisher noch nicht feine eindeutige theoretische Lösung erfahren hat. Daß aber andrerseits der praktisch ausübende Geiger durch die Gegebenheiten seiner Persönlichkeit die geigerische Idealität zu realisieren vermochte, bestätigt die Zahl der großen Violinspieler. von denen teils die Geschichte berichtet, teils, daß sie sich in unserer Gegenwart auszuwirken vermögen.
Joseph Szigeti ist eine solche Erscheinung, tn der die violinistischen Probleme ihre volle Erfüllung gefunden haben. Ihm gelingt es, dem Instrument einen Ton zu entlocken, der nicht mehr die Merkmale seiner Hervorbringung in sich tragt, sondern der als Klang sich schwebend verbreitet, schlackenfrei, voll moduLatorischer Kraft, von idealer Schönheit, wie wir uns gern den Ton der menschllchen. Stimme denken möchten, ihn aber selten oder nie zu hören bekommen. Wenn man auch sonst gerne geneigt ist, von einem seelenvollen Ton zu sprechen, hier bei Szigeti finden wir die ideale Verkörperung dieser Tonqualität. Hinter dem Ton steht seine starke musikalische Persönlichkeit, die, von jeder Hemmung frei, dem Ton das zu geben vermag, was ihn innerlich bewegt: und so wird der Ton für ihn zum Kündrr innerlichen Schauens. Versunkenheit in die Welt des Klanges unter dem Vanne der Hingegebenheit an das Werk unserer großen Schaffenden kennzeichnet sein Spiel.
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Dienstag. 6. November 1928
1904 ist erneuert, praktisch und förmlich: der französische Journalist gebraucht ja selbst das Wort. England Hal die Periode vom Amtsantritt Lord d'Abernons bis zum Locamoabschluß beendet, in der es zwischen Deutschland und Frankreich stand. Es steht jetzt an der Seite Frankreichs gegen Deutschland, und es stellt sich zugteich gegen Amerika, das mit der Flottenverständigung der beiden anderen getroffen wurde. w ..
Das spricht man nunmehr tn Amercka offen aus. Man fragt, warum Amerika ausgeschlossen wurde, und die am 29. September veröffentlichte Rote der amerikanischen Regierung lehnt die Formel der englisch-sranzösisc^n Flottenverstän- digung glatt ab. sagt rund heraus, daß diese unvermeidlich zu einem Wiederaufleben des Wettrüstens zur See führen würde, das der nationalen Wirtschaft verhängnisvr>ll wäre. Was mit dem Scheitern der Genfer Seeabrüstungskonfe- renz sich andeutete, liegt nun zu Tage: ein Gegensatz großen Stils zwischen England und Nordamerika, und die Folgerung, di« die heuttge englische Regierung daraus zieht. Ein Teil der englischen Presse hat die Gefahr erkannt und schlägt Lärm: „englisch-amerikanische Deziehungen, schon schlecht, werden schlechter, und wenn das so weiter geht, gehen die Ereignisse über jede Kontrolle hinweg". 3m englischen Wahlkampf, der schon in Gang kommt, wird das eine große Rolle spielen! Aber jedenfalls: auf seinem Wege findet Deutschland, in entern Zusammenhang, über den nun gar keine Worte mehr verloren zu werden brauchen, auch England als Gegner! Das halte man sich in den nächsten Monaten vor Augen!
Wird Winston Churchill, der diese englische Tendenz auch vertritt, bei seiner Unterredung mit Gilbert und dem gemeinsamen Besuch bet Pvincare in bezug auf den Dawesplan i m deutschen In t eres se gearbeitet haben? Auch hier macht England Schwierigkeiten zu denen hinzu, die Frankreich sowieso stets macht. Esi n e gemeinsame Front England-Frankreich ist auch in der Angelegenheit des Dawes- planes durchaus dettkbar. Diese kommt jetzt ins Rollen, und hier stehen wir vor sehr ernsten und weitgreifenden Fragen: ein neues Sach- verständigen-Komitee? Prüfung der Erfahrungen der vier „Probejahre"? Gesamtschuld Rußlands? Mobilisierung^ der Obligattonen? Transfer? Freunde Kontrollen? Wohlfahrtsindex? usw. älns scheint, daß die Sache schneller tn Gang gekommen ist, als man in Deutschland gedacht hat. Ist man bei uns überall gerüstet und auf die furchtbar schwere Arbeit vorbereitet, die damit nun vor uns liegt?
Ohne Amerika ist dabei — das ist nach einer Richtung und in gewisser Weise für uns eine Garantie — schlechterdings nichts Entscheidendes zu machen. Ohne dasselbe Amerika, das eben denKel» loggpakt gebracht hat. Dessen Ratifikation wird im Winter die Staaten, in erster Linie Amerika selbst, beschäftigen und so die Diskussion wachhalten. Im „Matin" (28. Oktober) ,ianb das Urteil: .Künftig wird, welche Pattei auch in Washington am Ruder ist, der Frieden Europas unter die moralische Garantie der Vereinigten Staaten gestellt fein/ Das ist genau unsere Meinung auch, wenn wir natürlich bei dem Satz an etwas anderes denken und vor allem aus ihm etwas anderes machen wollen als Frankreich. Darum sprechen wir uns dahin aus, daß der Pakt baldmöglichst von Deutschland ratifiziert werde, und über den Weg, auf dem er nun weiterführen muß, soll er nicht bloß eine Geste und ein Blatt Papier (ein, wird noch viel zu sagen sein.
Den Pakt hat Rußland bereits unterschrieben und ratifiziert. Sein Abrüstungsvorschlag liegt noch vor, und das Fiasko der Abrüstungsverhandlung ist darum auch für Rußland wichtig. Die englifch-sran- zösische Entente richtet sich mindestens nach dem Willen Englands, der in (einer Außenpolitik heute maßgebenden Manner, auch gegen Rußland. Es hat soeben (11. Oktober) fein neues Konzessionsprogramm veröffentlicht. Unter diesem Zeichen sollen die Verhandlungen Deutschlands und Rußlands, die am Schclchtyprozeß abbrachen, von neuem beginnen. Wir hoffen, daß die Einsicht in die großen weltpoli-
Ri« wird er der Größe des Tones zuliebe ihn auch nur das Geringste an seiner Schönheit einbüßen lassen, denn die häusig bewunkterte Gröhe des Geigentones wird in den meisten Fällen auf Kosten der Schönheit und Seelen- wärme des Klanges erreicht. Richt ein Gerichtetsein der torrerzeugenden Faktoren auf Tongröße, eine innere Gespanntheit zur Erreichung dieses Zieles, sondern Hingabe an das Klangliche ist für ihn die Quelle. Das Volumen seines Tones wächst, ohne daß es uns jemals als absichtlich gewollt zum Bewußtsein käme. Richt die Länge des Bogens bedingt den langen Atem seiner Kantilene, bei ihm vermag der Dogenwechsel nicht das einheitliche Strömen des Klanges zu mindern.
Es wäre verfehlt, bei seinem eminenten technischen Können, das nirgends begrenzt ist, von Virtuosität zu sprechen: ec kennt nur reine Sachlichkeit, unbeirrt durch den Deisall seiner Hörer. Richt das unbedingte Wirlenwollen auf das Publikum bestimmt ihn, sondern die Art. wie er die Werke erstehen läßt, schlägt alle Hörer in seinen Dann.
Man wird bei Szigeti kaum feststellen können, daß diese oder jene Stilart seine besondere Domäne wäre. Dei ihm erwacht alles, was mit innerer Rotwendigkeit geschaffen wurde, zu blühendem Leben, frei von stilisierendem Akademismus. Wan wird bei ihm jede Gabe aus jedem Zeitalter hinnehmen und an ihr innere Erhebung sinden.
So umfaßte auch diesmal seine Vottragsfolge Werke aus den verschiedensten Stadien des Viw- linenspiels. An der Spitze stand G.Tartinis Sonate in 0-Moll; jener faustischen Natur, d:e dem Violinsprel seine Auswirkung im Philosophischen zu geben versucht, dis in ihm eine dämonische Macht verkörpert sah. Durch Szigeti wurden diese Kräfte wach, und in atemloser Spannung lauschten die Hörer dem Ringen des Schlußsatzes. I.S. Bachs E-Dur-Partita verzichtet auf die Mitwirkung des Kladieres; um so schwieriger ist die Aufgabe für den Wiedergebenden, die polyphonen Gedankengange des Altmeisters In ihrer Klarheit herauszustellen Für Szigett wurden diese zur einfachen Selbstverständlichkeit: dce ursprünglichen Tanzrhythmen erlangten hier um» fassende musikalische Geltung. — Sine wesentlich andere Sprache beherrscht Schuberts Ö-Dur Sonatine. Schlichte, natürlich strömende Melodik, in ihrer scheinbaren Einfa^eit fähig,
tischen Zusammenhänge des Augenblicks, die alle auch Rußland berühren — noch viel weniger als Amerika kann Rußland ja eine weltpolitische Selbstisolierung betreiben! — die russische Regierung in den Verhandlungen mit Deutschland bestimmen wird und diese zu einem Ergebnis führen. Aber auch bei uns vergesse man über den Details der Rechts- und Wirtschaftsklagen und «fragen niemals, in welchem großen weltpolitischen Zusammenhang gerade jetzt und in den nächsten Monaten diese Verhandlungen stehen, und man führe sie in diesem Sinne.
Ein amtliches Werf über den Waffenstillstand von 1918.
Wie amtlich mitgeteilt wird, erscheint Anfang November zum ersten Male ein amtliches Wett über beit Waffenstillstanb 1918, nachdem im Jahre 1920 lediglich ein Bruchteil des Gesamtmaterials als abschließender Rechenschaftsbettcht dem Deutschen Reichstage vorgetegt worden war. Das im Auftrage der Deutschen Waffenstill- ftandskommission mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes bei der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte m. b. H. in Berlin erscheinende Wett führt den Titel „Der Waffenstlllstand 1918—1919. Das Dokumentenmaterial der Waffenstillstandsverhandlungen von Compiegne, Spa, Trier und Brüssel. Notenwech?el / Verhandlungsprotokolle / Verträge / Gefamttätigkeilsbettcht." Herausgeber ist, im Auftrage der Deutschen Waffenstillstands- kommisswn („WAKO") in Verbindung mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Waffen- stlllstandskommifsion in Spaa, General d. Inf. a.D. Hans Freiherrn von Hammerstein und Otto Freiherrn von Stein, ebenfalls einem ehemaligen leitenden Mitglied der Kommission in Spaa, Dr. jur. Edmund Marhefka, einem ehemaligen Mitglied der Wako. Das Werk umfaßt drei statte Bände. Der 1. Band behandelt den „Waffenstlllstandsvertrag von Compiegne und feine Verlängerungen nebst den finanzlellen Bestimmungen". Der 2. Band bringt die „Ausführungsverhandlungen und -abkommen zu den Waffenstillstandsverträgen". Hier finden sich die für Deutschland lebenswichtigen Vereinbarungen über die Lieferung von Lebensrnitteln. Auch die Verhandlungen über den Durchzug der polnischen Armee des Generals Haller erscheinen in diesem Bande zum ersten Male. Der abschließende 3. Band bringt den Gesamttätigkeitsbericht der Kommission vom Abschluß des Waffenstillstandes bis zum Inkrafttreten des Friedens. Das größte Interesse erwecken naturgemäß die Verhandlungsprotokolle mit der sorgfältigen Wiedergabe des Hin unb Her der Debatte während der Sitzungen unter dem Vorsitz Erzbergers auf deutscher, Fochs auf Seit« der Alliierten. Diese Protokolle sind voll dramatischer Spannung, so, wenn die deutschen Unterhändler sich bemühen müssen, vollkommen unsinnige und durch keinerlei Sachkenntnis oder ruhige Uebettegung getrübte Forderungen her Gegenseite ad absurdum zu führen ober sie doch wenigstens auf ein verständiges Maß zurückzuschrauben. In den nächsten Tagen werden einige besonders spannende Abschnitte aus dieser gerade jetzt aktuellen Publikation veröffentlicht.
Um die Gcheldemündung.
Zwilchen den Regierungen im Haag und in Brüssel sinden seit einigen Wochen wieder recht intensive Besprechungen über die schon seit Jahrzehnten in bet Schwebe befindlichen Scheldestreitigketten statt. Belgien drängt heftig auf eine Beseitigung der holländischen Hoheitsrechte aus dem Unterlauf der Schelde, um aus Antwerpen auch nod) einen Kriegshafen machen zu können, es forbert weiter ungestüm Settenkanäle durch holländisches Gebiet, bannt der gesamte Warenvettehr auf dem Rhein nach Antwerpen abgelcnft werden kann. Die Holländer vermochten sich aber bisher für die belgischen Wünsche nicht recht zu begeistern. Sie hatten zwar seinerzeit das Scheldeftatut unterzeichnet, das den Handelsvettehr zwischen Ant-
Edelstes zu künden. Dieses Wett war sicher vielen ausübenden Musikfreunden vom eigenen Musizieren her nicht unbekannt, unb dennoch gewann auch hier so manches wieder eigene Geltung. Außerordentlich statt war der Eindruck, wie sich das Hauptthema des erften Satzes sotto voce erhob und zu klanglicher Kraft ausbreitete.
Der letzte Teil des Programmes war mehr auf die moderne Violintechnik eingestellt, voran Szyma n o w s k y mit „La Fontaine d’Arethuse" und Debussy mit „La Fille aux cheveux de lin". Szymanowsky versucht, von außen her auf ihn eindringende Natureindrücke mit den Mitteln satz-technischer Virtuosität zu schildern. Er verliert sich aber nicht in reiner Tonmalerei, sondern die naturalistische Darstellung wird für ihn zum Hintergrund jenes romantischen Erlebens von Wasserspielen, das die Menschheit von Urzeiten an bewegt an. Wie ein Raunen, wie ein klagendes, geheimnisvolles Singen wird die Violine zum Träger dieses Erlebens, unb das Miteinander von Naturspiel und dem damit verbundenen Gefühlsempfinden wurde hier zur Einheit besonders durch die Mithilfe von Boris Golschmann am Flügel. Hatte dieser Künstler auch schon in der Schubert-Sonate sehr Beachtliches gegeben, so forderte hier sein Spiel zur Bewunderung heraus. Sein ungemein weicher, samtartiger Ton auf dem Klavier, seine Schmiegsamkeit im Anpassen an den Solisten im Mitgehen und dezentem Sich-Unterordnen ließen seine Fähigkeiten als Begleiter in besonders günstigem Lichte erscheinen. Debussys Stinununasbild gründete sich auf die Erschließung eines pemcttonischen Grundmotivs in seiner Abwandlung. Mit Paganinis „Tremolo Caprice in Q-Moll" für Violin-Solo bestätigte Szigeti, daß über dem Technischen für ihn das Musikalische steht. Mit Temperament und Feuer ge- stattete er de Falla-Kreislers „Spanischen Tanz". Alle die phänomenalen technischen Künste (Doppelgriff- Glissandi, Flageolett-Doppelgriffe, Springbogen ...) schienen bei chm niemals als Selbstzweck, sondern als Mittel, den musikalischen Eindruck zu vertiefen. Die Hörer waren derart eingefangen von seinem Spiel, daß es kaum einer wagte, nach Beendigung des Programmes den Saal zu verlassen. Man konnte und wollte sich nicht damit abfinden, daß die Reihe der edelsten Gaben nun ein Ende erreicht hatten; immer wieder rief man den Meister, der mtt zwei Zugaben dankte. Aber bis zum Verklingen des letzten Tones stand alles unter seiner Gewalt: ein Blick auf die Gesichter konnte jedem bestätigen, wie alle in stummer Andacht ihm huldigten. Dr. H.
werpen unb bet Nordsee tn Friedenszetten unbehelligt läßt, allerdings der Haager Regierung ein gewisses DescUagnahmerecht einräumt; darüber hinaus vermochten sich bte Niederländer zu anderen Zugeständnissen nicht aufzuschwingen.
Während der Fritt>ensverhandlungcn in Versailles ist nun versucht worden, den Holländern! das Gebiet am unteren Scheldelauf wegzunehmen und ihnen dasiir das deutsche Osts ries land zu übereignen. Dieser Plan fiel schließlich ins Wasser, immerhin erb leiten die Belgier im Versailler Vertrag das Recht, einen Kanal von Antwerpen nach Ruhrort bauen zu dürfen. Aber auch dieser Kanal muh durch holländisches Gebiet gehen. In den letzten Jahren hatte es die Brüsseter Regierung nun nut Hilfe ihrer Freunde in London und Paris verstanden, das zur Nachgiebigkeit neigende holländische Kabinett auf einen Vertrag festzulegen, der Holland verpflichtet, einen Seitenkanal zum Rheinhinzu bauen unb das Befahren sowohl der Schelde wie auch dieses Kanals durch belgische Kriegsschiffe zu gestatten. Nach diesen Abmachungen wäre es also Belgien möglich geworden, bis in das rheinisch-westsälischeKohlen- revier mit Kanonenbooten vorzustoßcn. Aber die erste holtändische Kammer lebnte die Ratifizierung des Vertrages ab, so daß alles beim alten blieb.
Jetzt scheint ein neues Abkommen un Entstehen begriffen zu fein, über dessen Inhalt man sich noch in Schweigen hüllt, bas aber, nach allem, was bisher in bie Oefsentlichkeit gedrungen ist, für Belgien recht vorteilhaft zu werden ver- spricht. Auch diesmal sieht es so aus, als ob bie Haager Regierung den Belgiern Zugeständnisse machen will, die auf bet einen Seite ben wirtschaftlichen Ruin von 2ünsterdam und Rotterdam im Gefolge haben müssen, auf bet anderen aber die Schelde auch für den Kriegsschiffverkehr freimachen. Es ist übrigens auch sehr gut möglich, bah sich die Holländer in diesem Vettrag mit der Ziehung des Antwerpen-Ruhrortkanals durch ben Limburger Zipfel hindurch emoerftanben erklären. Kommt es nach bieser Richtung hin zu einer Einigung, dann muh Deutschland nach belgischen Plänen den Kanal bauen unb bie Baukosten tragen, bann muß es aber selbst daran Mitarbeiten, einen Verkehrsweg nach dem Westen zu legen, übet ben auch wegen seiner Kürze bet gesamte Westdeutsche Warenverkehr hinweggehen wird, von dem heute die deutschen Nordsee Häfen leben.
Oberheffen.
Landkreis Gieszen.
=.= Klein-Linden, 5. Rov. Den Reigen der Wintervetanstaltungen in diesem Jahre eröffnete am Sonntag der R a df a hretvere in 1904 mit feinem Winterfest In der „Deutschen Eiche". Spottliche Darbietungen, wie 6er* Damenreigen, ein Theaterstück usw. bereiteten angenehme Stunden. Die Veranstaltung wurde durch Konzertstücke der Kapelle Winter- Gießen weiterhin bestens ausgefüllt. Der Verein, der anläßlich seines 25jährigen Jubiläums im Jahre 1929 ein großes R adfahrerfe st mit Radrennen veranstalten will, hat in diesem Sommer in Ettingshausen und im Jahre 1927 in Ehringshausen bei den dortigen Radrennen und Korsofahrten große sportlich« Auszeichnungen errungen.
)( Großen-Linben, 5.Nov. Georg Dem und seine Ehefrau Christina, geb. Leun, feierten im Kreise ihrer Kinder und Enkel die goldene Hochzeit. Der Minister des Innern unb das Kreisamt Gießen hatten schriftlich gratuliert.
d. Heuchelheim, 5. Rov. Der Gesangverein Germania hielt am Sonntagabend in der vollbesetzten Turnhalle ein wohlgelungenes Konzert ab. Im ersten Teil wartete der unter Leitung des Lehrers K n a b stehende Verein mit (ehr gut zu Gehör gebrachten Choren von Fuhrmann, Dregert, Hansen, Wengert und Grei- mers auf. Der zweite Teil bestand aus einem Zyklus für Männerchor mit Orchesterbegleitung und Rezitation „An der Wolga", bearbeitet
,/Zirkus" — ein Chaplin Ulm.
Dieser Film bringt nicht mehr, als was ein Dutzend andere europäische oder amerikanische Filme mit dem beliebten und immer zugkräftigen Motiv „Zirkus" auch bringen und schon gebracht haben: die unbestimmte Stimmung, welche von der Welt des fahrenden Volkes allezeit ausgeht, die etwas pathetische und etwas sentimentale Bajazzo-Romantik, von deren Wirksamkeit man noch immer unerschütterlich überzeugt ist, eine geschickte Inszenierung (Chaplin ist hier sein eigener Regisseur) und — was den Erfolg ausmacht — die meist improvisierte Situationskomik, wozu der Stoff reichlich Gelegenheit bietet.
Die Szenen auf dem Rummelplatz, auf dem Drahtseil, auf der Dreyscheibe, im Löwenkäsig und einige andere sind gewiß von einer Wirkung auf die Lach- muskeln, denen sich kaum jemand entziehen kann, selbst der nicht, der für den robusten, naiven und jedenfalls fetten von Gemüt belasteten Humor der 'Sanfees an sich wenig übrig hat. Aber Aehnliches oder Gleiches hat man schon oft und immer wieder in den zahllosen doppelaktigen Lustspielen amerikanischen Stils gesehen, deren Effekt stets auf einer wilden Hetzjagd, einem wüsten Zusammenprall, einer Schlacht mit Schlagsahne oder einer verlorenen Hose beruht. Man mag Chaplin hier und da eine groteske Steigerung und Zuspitzung, auch eine vom Körperlichen ausgehende Drolerie der Erscheinung zugestehen, aber man sollte andererseits nach dem Zirkus-Film (wenn er wirklich die Gipfelleistung darstellt, als die er ausposaunt wurde) —ein- sehen, daß dieser mit einer unaemein betriebsamen Reklame hochgelobte Star schauspielerisch eine glatte Enttäuschung darsteltt, daß er künstlerisch kaum unserem provinziellen Durchschnitt an die Seite zu stellen ist — ein Spaßmacher, ein Akrobat, ein Artist bestenfalls; nicht mehr. (Man muß sich darüber klar sein, daß gerade die wirksamsten Szenen von einer großen Anzahl minder berühmter Schauspieler mit genau dem gleichen Erfolge gegeben werden könnten und z. T. gegeben worden sind; in den Stücken des Beiprogramms kann man oft genug die Probe darauf machen.)
Unb wenn man sich ausgelacht hat unb ferner darüber nachdenkt, daß die wirkliche Handlung der sieben Akte mehr als mager unb nicht einmal originell ist, dann wird man seine Chaplin-Begeisterung doch am Ende auf ein der künstlerischen Leitung angepaßtes, bescheidenes Maß zurückführen.


