Einzelbild herunterladen

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 6. Oktober (928

Nr 256 Drittes Blatt

Englands Kapitulation.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Während der zweiten Hälfte des Weltkrieges gab es in England eine Richtung, der es lieb gewesen wäre, den Krieg zu beenden, bevor zwei gefährliche Folgen sich verwirklichten, von denen iede einzelne eine Drohung gegen die bisherige Weltstellung Englands und gegen die Unabhän­gigkeit der englischen Politik in sich schloß. Die eine Gefahr hieß: Radikale Arbeiter­partei, und die andere hieß: Sieger Ame­rika! Beides ist eingetreten, die Radikalisierung innerhalb der englischen Arbeiterschaft, so wie sie die konservativ liberalen Pol tiker vom Schlage Asquiths befürchteien, und die unverhältnis- mähige Vergrößerung der amerikanischen Macht, so wie sie Lord Lansdowne und seine Freunde voraussahen. .

Allerdings hat sich auch noch ein Drittes unb Viertes ereignet: die Verschlechterung der wirtschaftlichen Grundlagen Eng' lands (durch die Abnahme der Weltkaufkrast und durch den mangelhaften Absah der engli­schen Kohle) und die Schwächung dereng- lischen Position gegenüber Frank- *e®te sehr England im Vergleich zu früher behindert ist, eine unabhängige Politik zu führen und wie sehr die Rachteile, die sich jetzt als Folgen der fehlerhaften Verlängerung des Krie­ges geltend machen, auf Englands weltpolitische Lage drücken, das zeigt sich jetzt in den Zusammen­hängen, die zu dem letzten Abkommen mit Frankreich geführt haben.

Zeder, der weiß, wie sehr das gute Verhält­nis zu den Vereinigten Staaten ein politischer Grundsatz der beiden alten Parteien in Eng- land, der konservativen tote der liberalen, ge­wesen ist, wundert sich darüber, daß eine Ver­ständigung mit Frankreich auf einer Grundlage gesucht wurde, die in Amerika starke Miß­stimmung Hervorrufen mußte. Um das zu ver­stehen, müs.'en wir uns zuerst vergegenwärtigen, daß die Franzosen eine Forderung an England hatten und daß sie am längeren Arm des Hebels saßen. Die französische Politik ist ein­mütig bestimmt durch ihr Verhältnis zu Deutschland, das sich in der Formel aus­drücken läßt: »Olm Versailler Diktat und an den Fesseln, in die er Deutschland schlägt, darf nicht gerüttelt werden!" Die Besatzung im Rhein­land, die militärische Dauerkontrolle, die deut­schen Reparationen sind für Frankreich alle wichtig, aber sie gehören miteinander in den Rah­men derUnverletzlichkeit der Verträge."

Die französischen Aspirationen zielen weiter äuf die militärische Vorherrschaft Frankreichs auf dem Festland von Europa überhaupt ab. Dazu braucht Frankreich freie Hand von feiten Englands. Mit einem un­sicheren England im Rücken liehe sich eine Politik französischer Diktaturverewigung in Europa nicht machen. Frankreich hält gegen England zwei Druckmittel in der Hand: die Unterseeboot­waffe und die Flugzeugwaffe. Bei weitem gefährlicher ist heute die zweite. Man genierte sich in Paris auch gar nicht, den Plan einer Reihe von befestigten Flugzeugstützpunkten längs der ganzen französischen Kanalküste aufzustellen. Diese Küste liegt England gegenüb er: ein anderes Objekt als England ist für die bewaffneten Flugzeuge, die von dort aufsteigen sollen, nicht vorhanden.

Zn diesem Sommer fanden Manöver der eng­lischen Luftflotte über London statt, mit dem von halbamtlicher englischer Seite und auch in der englischen Presse auffallend betonten Er­gebnis, die Abwehr eines feindlichen Flieger­angriffs in großem Stil sei nicht gelungen, und im Ernstfall wären Massen feindlicher Flug- bomben auf die City, die Docks und andere Ob­jekte zerstörend niedergegangen. Für die gewöhn­lich Oeffentlichkeit war die Schlußfolgerung die, daß die Abwehrorganisation und die Luftstreit­kräfte in England zu verstärken feien. Für die Wissenden hatte die Demonstration auch noch einen anderen Zweck, nämlich den, zu beweisen,

Geld fällt vom Himmel.

Roman von Paul Enderling.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

10. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Das Rätsel dieses Geldes wurde immer dunkler. Keine Zeitung hatte irgendeine Zeile über einen Einbruch oder einen Geldverlust gebracht, und es gab doch keinen Menschen, der so reick war, daß er eine solche Summe sich stehlen lassen konnte, ohne sich darum zu kümmern. Er blickte auf den Prunk des Raumes. Nicht einmal Broderfen hätte das gekonnt.

Bei diesem Gedanken stockte er: sein Name war auf jenem geheimnisvollen Papier! Waren hier Zu­sammenhänge? Er redete sich ein, daß einer seiner Leute im Spiel war, vielleicht dieser Blinsky: was er zur Schau trug, war nur Fassade, der wirkliche Blinsky sah ganz anders aus. Eine unerklärliche Angst überfiel ihn, Angst um Inge und sich.

Brodersen saß noch immer in seinem Sesiel, wäh­rend eine dichte Gruppe chn umstand. Als Grot- teck näher trat, hörte er den Namen russischer Füh­rer. Tagesprobleme der Politik hingen in der Luft. Das beruhigte ihn merkwürdigerweise.

Aber nun brach Brodersen, der ihn hinter den andern gar nicht gesehen yaben konnte, mitten in einer Erklärung russischer Finanzaktionen ab und gefiel sich in einer Anekdote aus Lenins Studenten­zeit in Zürich. Grotteck hatte wieder das Gefühl, daß die plötzliche Wendung durch sein Dazukommen veranlaßt war. Er lenkte seine Schritte zurück und stand vor Blinsky.

Er hatte Lust, den russischen Zeitungsausschnitt hervorzuziehen und^ihn sich erklären zu lassen. Oh, er hätte in diesem wachen, überwachen Augenblick jedes Schwanken in Blinskys Haltung bemerkt!

Aber ehe er sich dazu entschließen konnte, trat der Bpnkier auf ihn zu.Ich hörte Sie gestern im Rundfunk. Famos, wirklich. Hat dies Handwerk wenigstens einen goldenen Boden?"

Grotteck verneinte lachend.

Kaufen Sie Papiere! Schwedische Hotelaktien. Ich schenke Ihnen den Tip. Feine Sache. Na? Wieviel soll ich notieren?"

Hunderttausend."

Der Bankier lachte.Donnerwetter, Sie gehen gut ins Zeug. Na, besuchen Sie mich mal."

daß der Preis gezahlt werden müsse, den Frankreich für die Aufgabe jenes Planes forderte, der die Einrichtung einer Reihe von Flugzeug-Angriffsbasen an der England zuge­kehrten Kanalküste vorsah. Der Preis von eng­lischer Seite bestand in der Ueberlassung der militärischen Vorherrschaft auf dem Festlande an Frankreich, in der Unterstützung der französischen Forderungen an Deutschland und in dem Zugeständnis, daß die Franzosen beliebig viel sogenanntekleine" Un'.er eeboote, d. h. solche unterhalb der Grenze von 6)0 Ton­nen, bauen dürften. Um d'.ese Art von Wieder­befestigung der Entente, mit dr Front gegen Deutschland, auch äußerlich zu belr'.feigen, verlangte und erhielt Frankreich die englische Einwilligung, daß englische Truppen an den französischen Manövern im Rheinland teilneh­men sollten, und daß die Schlußkritik nach Be­endigung der Manöver vom sran'ösischen Ober­befehlshaber und vom englischen General ge­meinsam abgchalten würde.

Frankreich hat nicht umsonst unerhörte An­strengungen auf den Ausbau seiner Bewaffnung in der Luft verwendet. Das, was Rapoleon I. geträumt, was er vergebens zu verwirklichen versucht halte, die Znvasion Englands von der französischen Küste aus, liegt heute im unmittelbaren Bereich des Möglichen: nicht mehr zur See, sondern durch die Luft. Der

überwiegende Teil der englischen öffentlichen Mei­nung, der in dem Abkommen eine politische Kapitulation erblickt, ist daher auf dem richtigen Weg.

Unter den französischen Gegenleistungen be­findet sich auch die Zusage der Einheitsfront gegenüber den amerikanischen Ansprüchen in der Frage der sogenannten Abrüstung zur See. Die Amerikaner haben darauf schon ihre Erwide­rung gegeben. Sie nehmen Rotiz davon, daß es sich um den Plan zu einer Art von Bündnis gegen sie handelt, und h erklären, daß damit weiterem Wettrüsten das Tor geöffnet sei. Das will besagen, daß sie so viele und so große K.üegs- schisfe bauen werden, wie ,ir es geze rüber Eng­land oder sonst jemandem für nötig halten.

Die amerikanische Antwort auf die formelle Mitteilung des Abkommens vermeidet ausge­sprochene Schärfen, ist aber im übrigen deutlich genug. Zn England fängt man auch schon an einzuschen, daß es mit der Einheitsfront gegen Amerika nicht viel werden wird, weil die Ame­rikaner den l ängeren finanziellen Atem haben. Schon heißt es, das Abkommen mit Frankreich werde man fallen lassen müssen aber die damit verbundenen Zusagen an Frank­reich müßten bestehen bleiben! Warum? Weik, wenn sie zurückgezogen werden, die franzö ifche Basis für eine Lustoffenfive gegen England wieder ins Dasein träte.

Geschichten aus aller Wett.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Ein neuerKomplex".

(r) Brüssel.

Ein Mann mit einem neuen, bisher noch nicht bekannten und von der Psycho-Analyse benamstenKomplex" ist Dr. Zakob Gersanl Er wurde vor einigen Tagen beim Verlassen eines hiesigen Warenhauses von Hausdetektiven wegen Diebstahls gestellt und ins Direkiions- zimmer zur Untersuchung geführt. Bei dieser wurden aus den Riesentaschen seines Sommer- ulsters folgende aus dem Warenhaus stammende Dinge ans Tageslicht gefördert:

Ein lebender Kanarienvogel, ein Kinderbilder­buch, eine Gipsmadonna und zwei Paar Damen- Seidenstrümpfe--

Der Mann scheint tatsächlich an einem über­kompliziertenKomplex" zu leiden--

Bestrafte Ehrlichkeit.

Paris.

Eine Komödie der Dureaukratie, die sich un­längst in dem kleinen Badeort Langrune- s u r - M e r in der schönen Rormandie ereignet hat, dürfte ganz besonders geeignet und dazu angetan sein, ehrlichen Menschen bohrenden Zweifel an der Wahrheit des uralten Spruches Ehrlich währt am längsten", beizubringen.

Vor einiger Zeit fand dort Madame Deli- guaire während eines Spazierganges am Bade­strand zwei Scheine zu je 10 Franks. Also eine wahrhafte Kleinigkeit, wenn man bedenkt, was der französische Franks heute immer noch wert oder vielmehr unwevt ist. Die brave, in Tugend unb Ehre grau gewordene Matrone lieferte ihren Fund, wie ein altes Gesetz befiehlt, auf dem Fundbureau des Rathauses ab, damit nach dem Verlierer recherchiert werden könne. Rach Verlauf einiger Zeit, während deren sich niemand als rechtmäßiger Besitzer dieses papiernen Schatzes gemeldet hatte, wurde Madame Deliquaire durch ein amtliches Schreiben ersucht, die 20 Franks, deren Eigentümerin sie somit geworden war, gegen persönliche Quittung in Empfang zu neh­men. Sie tat es und bescheinigte den Empfang. Man stelle sich jedoch ihre grenzenlose Verblüf­fung vor, als sie wenige Tage später vom Steueramt die Mitteilung erhielt, fie schulde dem Fiskus 95 Franks 25 Centimes. Die 25 Zentimes seien Stempelkosten, 5 Franks der Steueranteil des Staates an dieser Trans­aktion, und die Kleinigkeit von 90 Franks würden

erhoben als Strafe dafür, daß sie eine un­gestempelte Quittung unterschrie­ben habe--

Die gute Frau Deliquaire hat die Hoffnung immer noch nicht aufgrgeben, daß sie ihre Ehr­lichkeit tatsächlich nicht so überaus teuer be­zahlen muß, denn man hat ihr großmütig in Aussicht gestellt, bloß auf die 5 Franks 25 be­stehen und auf die 90 Franks Straf« verzichten zu wollen. Trotzdem aber hat Frau Deliquaire sich verschworen, bei der nächsten Gelegenheit, bei der sie vielleicht wieder etwas finden wird, ihre angeborene Ehrlichkeit nicht mehr zu Rate ziehen zu wollen.

Was man ihr beinahe nachfühlen kann. ...

Der ausgeplündertste Mann dcsLstcns.

(c) Tientsin.

Es gibt in unserer Aera der großen Rekorde auch passive Rekorde. Der, der sie hält, ist mei­stens das Opfer anderer, die mit aktiven Spitzen­leistungen aufwarten können. Zu dieser Kategorie von Rekordinhabern gehört Herr Lin-Fong- Han, ein früher wohlgestellter chinesischer Kauf­herr aus Schanghai, der sich rühmen kann, der ausgeplündertste Mann des Ostens zu sein.

Dieser Rekord, den Herr Lin-Fong-Han gerne los sein möchte, hat ihm die Bagatelle von rund 3Vi Millionen Mark gekostet, wozu noch, so ganz nebenbei, 19 Monate Gefangenschaft, Un­terernährung durch schlechte Gefangenenkost und allgemein schlechte Behandlung kommen.

Zm Zuli 1925 wurde Lin-Fong-Han am hellich­ten Tage von Banditen entführt, als er sich in seiner Rtckshaw durch dieStraße der mur­melnden Brunnen" in Schanghai spazieren fahren ließ. Gin Auto stoppte plötzlich neben ihm, vier Männer stürzten sich auf ihn und entführten ihn dann in einen versteckten Winkel der Chinesen­stadt. Dieses Abenteuer kostete Ling-Fong-Han ein Lösegeld von rund 20 0 000 Mark, nicht zu reden von einer 35tägigen Gefangenschaft in einem moderigen Raum ohne Fenster, in dem er Tag und Rächt von zwei bis an die Zähne bewaffneten, bezopften Landsleuten wie ein Zu- wel oder ein wildes Tier bewacht wurde. Zwei Monate und einen Tag nach seiner Befreiung wurde der bedauernswerte Krösus zum zweiten Male entführt, diesmal beim Verlassen seines Geschäftskontors. Wieder ging es in die Chine­senstadt, und wieder wurde er gefangen gehalten. Aber diesmal waren die Herren Räuber in ihren Forderungen nicht ganz so maßlos wie beim

Grotteck hatte sich draußen einigen Herren ange­schlossen, dis zum Autoplatz hinuntergingen. Eine steile, V* mle Treppe, in den grünen Berg ge­schnitten, führte in die Stadt.

Hier stand früher der Galgen", bemerkte der Fabrikant. »Horen Sie es nicht noch von Gerippen klappern?"

Nein, aber von Sovereigns", meinte der Ban­kier lachend.Zum mindesten vorhin beim Gorilla."

Nun unterhielten sie sich laut und lachend über den Wirt, den sie eben verlassen hatten.

Sieht er nicht aus wie ein alter Seeräuber?"

Tatsache ist, daß er einen nicht genau ansehen kann."

Allerlei Anekdoten erwachten in den weingekitzel­ten Gehirnen. Brodersen sollte in Paris ein Kunst­mäzen von eigner Art gewesen sein.Er borgte jedem Künstler, ob berühmt oder unbekannt, und verlangte als Entgelt nur eine Karikatur von sich in ein besonderes Album. Diele erlesene Namen waren darin. Aber eines Tages bekam er die Pum-

Blinsky lächelte sein dünnes Lächeln. Nein, hier schien niemand Mißtrauen zu haben.

Brodersen erhob sich, und im gleichen Augenblick löste sich die Gesellschaft auf. Grotteck fühlte seine Hand gedrückt.Kommen Sie bald wieder. Ein Stuhl ist für Sie immer bereit, und der Flügel wartet auf Sie. Wieviel Instrumente spielen Sie Wunderkind eigentlich?"

So ziemlich alle", antwortete Grotteck lächelnd.

Das habe ich auch immer getan nur auf andern." Die Herren lachten verständnisvoll, und Grotteck sah sich Inge gegenüber. Sein Blick flehte sie an.

Mir ist etwas an Ihnen aufgefallen", sagte sie leise, und fie sagte es mit dem gleichen beherrschten Lächeln:Sie sind der einzige unter unfern Gästen, der mir nicht die Hand küßt."

Er sah sie verwirrt an.Ich habe bisher nur die Hand meiner Mutter geküßt ..."

Andere drängten sich heran, und Grotteck ging.

Nun waren Vater und Tochter allein. Er stand noch immer, die Hande auf die Tischplatte ge­stemmt.Bist du sehr müde, Inge?"

Seine Stimme klang weich und zart. Niemand hätte Brodersen an dieser Stimme erkannt. Alles Rauhe, Schroffe, Eherne war verschwunden. Seine Hände lösten sich vom Tisch und hoben sich ihr in einer Gebärde rührender Hilflosigkeit entgegen. Sag', daß es dich nicht zu sehr angestrengt hat."

Inge trat zu ihm.Du weißt ja, daß ich gern zuhöre."

Er zog sie mit einer scheuen, vorsichtigen Bewe­gung an sich. ,Luhören ist das Allerschwerste. Ich kenne deine Opfer, Inge. Warum bist du aoer im­mer so einsam? Warum suchst du dir nicht eine Freundin?"

In ihr Gesicht trat ein gehetzter, gequälter Aus- druck.Laß das, Vater!"

Fand sich keine?"

Ich suchte keine."

Es gibt keine Frau in der Stadt, die nicht stolz auf diesen Vorzug wäre, und ich möchte es auch keiner raten, in diesem Punkt anders zu denken."

Freundschaft läßt sich nicht erzwingen, Vater. Ich fand nur Neugierige oder Neidische. Meinst du, daß das der rechte Anfang einer Freund­schaft ist?"

Ein höhnisches Lachen stieg auf.Reichtum macht also einsam? Ader Einsamkeit ist fein Glück für junge Menschen."

Ich bin ja glücklich", sagte ihre zitternde (Stimme.

Seine Hände glitten über ihr Haar.Alles Glück der Erde auf dich, Inge!" Und bann, als schämte er sich seiner Aufwallung:Du darfit nicht zuviel von Menschen verlangen. Du kannst sie gar nicht niedrig genug einfchätzen. Glaubst du, daß unter meinen Gästen einer ist, der sich von mir nicht kaufen Jie&e?"

Ja, dachte Inge Brodersen, einer ist darunter. Laut sagte sie nur:Warum empfängst du sie denn?"

Er ließ von ihr ab.Das vefitehst du nicht. Sie dienen alle einer Sache, freiwillig oder unfreiwillig. Ist Blinsky schon fort?

Ja. Er arbeitet doch jetzt wieder nachts unten in feinem Laboratorium."

Langsam ging er im Zimmer auf und ab, die Arme über der Brust verschränkt.Er ist großen Dingen auf der Spur. Und große Dinge kennen keine Uhr."

Sie hörte seine Worte nicht. An das Fenster ge­lehnt, sah sie in das Dunkel draußen.

Ich hätte freundlicher zu ihm sein sollen, dachte sie, er ging so traurig fort. Ich hätte mutiger sein sollen und ihm sagen, daß ich

Aber diesen Gedanken vollendete Inge Brodersen nicht einmal vor sich selber.

erstenmal: sie begnügten sich großmütig mit 120 000 Mark. Zwei Monate lang verhan­delte Lin-Fong-Hans Familie mit den Banditen: schließlich aber griff sie doch in den Geldbeutel, und ihr so begehrter Ches kam wieder in Freiheit.

Diese wiederholten bösen Erfahrungen hatten nun Herrn Lin-Fong-Han äußerst vorsichtig ge­macht: er verschickte seine Familie mit dem ge­samten Haushalt nach Hongkong und machte sich persönlich bereit, ihr dorthin nach der end­gültigen Regelung seiner Schanghaier Geschäfte zu folgen. Che es aber soweit kam, wurde er zum dritten Male »geschnappt". Zwar war die Polizei rechtzeitig von dem beabsichtigten ilcbcr- fall in Kenntnis gesetzt worden und legte sich in einen Hinterhalt. Aber die Banditen waren noch gewitzter und verschoben ihr Attentat um nur fünf Stunden. Solange hält es ein chinesi­scher Polizist nicht an einer Stelle aus, und den Räubern gelang der Streich. Als Lin-Fong- Hans Bruder diesmal das neue Lösegeld zum Stelldichein mit dem Abgesandten der Bandtten brachte, wurde er von Polizisten »beschattet" aber von der schlauen Gegenseite erschien nie­mand. Diesmal dauerte es ein ganzes Zahr, bis- Lin-Forng-Han wieder frei war. Während dieser Zeit fand die Polizei auch einmal Spuren der Missetäter, aber die wußten sich wiederum allen Rachstellungen zu entziehen. Zum Danke für die polizeiliche Verfolgung erhöhten sie prompt ihre Lösegeld-Forderung um 50 000 Mark, die, wie sie ironisch mitteilten, zur »Beköstigung des Herrn Lin" benutzt werden sollten, Unb auch diesmal wurde wieder bezahlt.

Zm Zähre 1926 wurde Lin-Fong-Han viermal entführt. Zedesmal kostete die Befreiung eine Menge Geld. Anfangs 1927 änderten die Ban­diten chre Methode und raubten Lins kleinen Sohn. Kosten: 140 000 Mark. Zm übrigen zeich­nete sich das Zahr 1927 durch verhältnismäßige Ruhe aus: Lin selbst wurde nur zweimal geraubt.

Das neue Zahr 1928 begann vielver­sprechend. Am 2. April aber verschwand Lin wieder und blieb zwei Monate lang eingesperrt. Zn einem feuchten Keller, wo er sich zum lieber- fluß auch noch den Rheumatismus holte. Diesmal wurde jedoch einer der Räuber erwischt, der sofort seine Kumpane und ihre Schlupf­winkel verriet. Sieben Banditen wurden festge­setzt und kurzerhand um einen Kops kürzer ge­macht. Ling-Fong-Han war wieder frei, aber gewissermaßen in elfter Stunde. Denn er ist jetzt so verarmt, daß er sich das nächstem al nicht mehr loskaufen könnte.---

Polizei und Ministerpräsident.

(s) Warschau.

Ein Warschauer Blatt erzählt folgende nette Geschichte: durch die Straßen der Stadt Kalisch fährt ein elegantes Auto, das auf dem Markt­platz vor dem Cafe halt macht. Zn der Rähe steht, an einen Daum gelehnt, ein Mann dörf­licher Herkunft und raucht seelenruhig eine Pfeife miserablen Tabaks. Dieser Daum muh wohl unter besonderem staatlichen Schutz gestanden ha­ben, denn plötzlich stand ein Polizist vor 6cm rauchenden Dorfbewohner es entwickelte sich der übliche Disput, und schließlich zogen Poli^ zist und Bauersmann, freilich nicht sehr ein­trächtig, nach dem gleichfalls am Markte ge­legenen Polizeilokal ab.

Warum verhaften Sie diesen Bauern?" fragte der in dem schmucken Auto angekommene Rei­sende.Was geht Sie das an? lautete die Antwort des Polizisten.2ch werde Sir auch mitnehmen!" Der Reisende machte eine ein­ladende Handbewegung, der Polizist, erfreut ob so vielen Entgegenkommens, zog leicht beschwingt mit zwei Arrestanten zur Wache und freute sich bereits auf die Belobigung durch seinen Vor­gesetzten. Die polnische Polizei arbeitet prompt, ein Schnäpschen oder zwei werden nach der Mühewaltung dem pflichteifrigen Jünger der heiligen Hermandad um so besser munden...

Es kam aber anders. Ganz anders, als der tüchtige Polizeimann vermutet hatte. Zuerst ent­wickelte sich alles programmäßig: als erster kam der Bauer an die Reihe der arme Mann be­griff zwar nicht, was er verbrochen haben sollte, aber das stand f-nn säuberlich in dem Protokoll,

perei und Paris satt und schenkte die Sammlung beim Wegzug dem Louvre. Na ja, er hatte es ja dazu, und wenn er eine Karikatur von sich sehen will, braucht er bloß in einen feiner geschliffenen Venetianer zu gucken."

Ein anderes Mal sollte er, von Weltflucht be­sessen, ein Jahr lang an der kalifornischen Küste in einer Jacht entlanggefahren fein.Kein Mensch außer den Matrosen hatte Zutritt."

Der Bankier lachte.Vielleicht hatte er auch an­dere Gründe, sich unsichtbar zu machen."

Angewidert verließ Grotteck die Gruppe, ohne sich zu verabschieden. Als er ein paar Schritte ge­gangen war, schob sich ein Arm in den seinen.

Ich darf Sie doch Begleiten?" fragte eine weiche Knabenstimme.

Der junge Surrmann blickte ihn lächelnd an. Ich bin Ihnen die ganze Zeit gefolgt. Ich dachte es mir, daß Sie diese lärmenden Menschen nicht lange vertragen würden."

Ja, ich suchte die Stille und den Duft des Abends und ..."

... und den Duft der Erinnerung festzuhalten, nicht wahr, der fo leicht verfliegt."

Der Erinnerung?" Grotteck empfand die An­spielung peinlich, und er fragte schroffer, als es hier nötig war:Welche Erinnerung meinen Sie?"

Surrmann seufzte vor sich hin.Ist sie nicht herrlich?" fragte er dann vertraulich.Lebt nicht der ganze Rausch des Urwaldes in ihrem Gang?"

Des Urwaldes?" Grotteck befreite sich unwillkür­lich von dem Arm des andern.

Ja", fuhr der Lnriker leuchtenden Auges fort. Des Urwaldes. Ich höre das Fauchen und Schreien fliehender Affenherden im Lianengestrüpp, das Grollen der Vulkane, das Splittern der Bunga­lows beim Erdbeben. Ich fühle die rasende Ener­gie des Tigersprungs und die schöne Verderblichkeit der lautlosen bunten Schlangen. Ich sehe die flam­mende Sonne auf den gemeißelten Felsen von Bo- rububur, und hunderttausend Gebete aus unge­zählten Jahrhunderten zittern im Glast. Ich höre das Gurgeln der Stromschnellen und das weiche Fallen reifer Früchte im brühheißen Urwald. Und dann den Gesang, den sanften, uralten, heiligen Sang bei den Tänzen hüftenschlanker Tempelmäd­chen, wie sie vielleicht eines war ... Empfinden Sie das nicht auch, wenn Sie sie sehen?"

(Fortsetzung folgt)