Ausgabe 
6.9.1928
 
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Nr.2|0 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Donnerstag, 6. September (928

poincare

und Elsaß-Lothringen.

QLm 8. C-eiHtmbtr tmrb in Ctrafcburg ernt QHHkauÄftdlung eröffnet. Aul dtnkrfhing bet Orabtoenixiüung wird bet TliniflerbtäibcnJ Poincarö persönlich bic (ImtDeibung über- ncVmcn Die eksah-iothrmgrsche *Drd1< pennutti. daß bei Dieter Gelegenheit gcir<,!< COlafraabmcn bHannlgegeben werben, mit Denen btt 3egi<rung Aur Beruhigung betzutragen versucht. Gegenüber osirziösen Fühlern, wie sie «wo ui bei QLuHäbm der französi'ch-f prahlgen Blätter von Sirahburg unb Mülhaufei» erbhdr werben können, hat der

:Ner Aur er" Haeghs Blatt. da«

Aum m.nbdttn al« Sprach rohr her SilüNitchen jkKtdparie «Zentrum' zu werten ist - im vor­an« au verstehen gegeben Halbheiten unb halbe Ri nahmen vertan gen heut« nicht mehr Da« Svlmaver Blatt hat babei bdember« Me hn Straßburger Journal be ['Oft angtf-culrtf Abs.chl gemein« bae letnerzeit von Herrwt vcrtprochen«Eomite am full an T nunmehr enbtich in« L'eben zu rufen. ®« MS seincrzeii al« Odag für N ften ..ttonfcil

contutatif gedacht unb tollte em von ber Re­gierung ernannter (!!) Ausschuß zur Beratung bei Parlament« unb be« Mmisterrats werben Wenn beute noch vier Jahren bieser Ge- bau' ernftfrah erwähnt wirb, so zcigt

sich bartn bi- Auswirkung ber autonom ist sichen 3bct Ihr wtl! man durch ein vermeintliches Onrg.ge.dommen ben Wind au« ben Segeln nehmen In ber Form. wie Poincarö« elsässi­scher Berater IAIaeger in berAlsace <yrantoif<" unb im .Journal bc PW (beide ge­speist ou« bem osstziellen Propa gandafonbs- bick« Schein-Geschenk im voraus präsentiert, wirb e« leinen beruhigenden Zweck allerding« nicht erfüllen.

Jaeger hat seinen Plan in einer Polemik nach der Seite be« noch nationalistischeren ..Journal d Alsace et be Lorraine" hin selbst folgcnbcr- mähen schmackhaft machen wollen ®» handle sich durchaus nicht um ein kleine« örtliches Parla­ment. benn es werde

1 nicht in Eisaß-Lothringen, sondern in Paris tagen, und zwar unter dein Vorsitz bc« für die elsaß-lothringischen Fragen zuständigen Ministers (zur Zett Poincarösi

2 keine gesetzgeberischen Befugnisse haben;

3. dem französischen Parlament keine Befug­nisse rauben;

4 in keiner Weise ein elsah-lothrmgisches Spczlalregime unb Sonberdasein anerkennen. Jaeger meint, haft dieser Ausschuß au« etwa ..acht bis zwölf Persönlichkeiten" zu­sammengesetzt sein könnte, teils aus gewählten Mandal-trägern lAbgeordnete? Senatoren? Ge- nerakräle?). teils au« den repräsentativsten Der- treternber moralischen unb korporativen Kräfte des Landes". Gr hat auch leine Bedenken da- gegen, bah dieser Ausschuß nochmal« in zwei Sektionen geteilt würde, für bas Elsaß unb für Lothringen (Elsaß-Lothringen" ist ja nach fron- -Ös sicher Auffassung als SinheUtot").

In der neuesten Rnmmer der Straßburger Freien Zeitung" (Ur. 11 vom 1. September) tolrb diesen unb ähnlichen Plänen im Hamen des Autonomismus erwidertVein, so nicht!" Sine solche .S p o t i g < b u r t bedeute nicht Be­ruhigung. sondern verschärften Kamps,ver­schärften Kamps um da» Volksrecht, um bk Idee der Demokratie in der Reform". Jaegers Plan wolledie demokratische Forderung der Mitwirkung des Volkes umfälschcn in «in neues Ein­flußwerkzeug der Bourgeoisie, die seit Jahrzehnten die Sache des Volkes immer wieder verraten, die heute jede Fühlung, jede Gemeinschaft des Empfindens mit dem Volke ver­loren Hal. ..

Sollte Poincare tatsächlich geglaubt haben, durch ein Diertelzugeständnis dem Autonomismus entgegenzuwlrkcn, so Dürfte dieses Scho ihn be­lehren. daß es mit Potemk'mschen Attrappen heute nichts mehr ist.

In das Kapitel ber Beruht gungsmaßnahrnen gehören auch bte angefünbigtm Reformen m Gerichtswesen. Es wird behauptet, daß ber Justizminister Anweisung gegeben habe, daß in SUaß - Lothringen bei reder Gerichtsver- Handlung wenigstens einer ber Richter das Deutsch« verstehe Auch dies wäre natürlich nur ein« Halbheit unb daher ohne Em Hub aus bit Dottgfümrnung. Dann ist btt Rede von einem Beamtenfchub kleineren oder größeren Um» ang« Bisher hat man freilich nur von ber Entfernung von drei mittleren 'Beamten der Schulverwaltung gehört. die wieder nach dem Innern Frankreichs zurückgeholt worden find.

unb Den ber Ernennung eines Oi'äfter« auf ben I Posten des Erste: ner älnterpräkkten Kreis- divekror bzw. Landvatsi SS müß:< schon em lehr viel sichtbarerer unb grundsätzlicher gehaltener Peri onenaus^iu ich ein treten, um den beruhigen- ben Zweck zu erreichen.

Die französische Lief senilschiel würde nach ben deprimierenden Ereignissen ber letzten Monate .Zugeständnisse" an Eisaß-Lothringen heute wohl gutheißen Der Zeitpurckt für eine völlig neue Politik in ben ..befreiten Provinzen wäre nicht schlecht gewählt Dos wird Pomcare zu lagen wissen?

Europäische Schande.

'Der Bund der unterdrückten Völker.

Don unserem Sonderberichterstatter Jtenö Kraue.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten' Dens, Ende August.

Ein anderer Völkerbund tagte jetzt, drei Tage lang, in Eens. der Bund der unterdrück­ten Völker. Er nennt sich, etwas weniger pathetisch. Minoritätenkoiigreß. Es ist Überhaupt eine recht unpathetische Gesellschaft, Sie klagen nicht, sie rebellieren nicht, sie locken nicht wider den Stachel. Dertr.ter von fünfund- brcihig nationalen Gruppen haben sich hier in ber Genfer 6alle Eentralc zusammengeiunben. um ohne überflut igen Phrasenaufwand 'achlich über die Maßnahmen zu beraten. dir man anwenden muß. um da« Ceban von vier,ig Millionen Euro­päern etwas erträglicher }u gestalten. Diese vierzig Millionen leben nämlich ein urerträgliches Leben. Jeden von ihnen läßt jeder junge Tag fühlen, daß er im besten Fall nur ein Geduldeter ist im schlimmsten nicht einmal dies. Denn es um die Schule unb um den Bankkredit, die Anstellung, die Post, ben Gottesdienst, den Ge­brauch der Muttersprache in der Ei enbahn oder um die gedruckte Einladung zu einer Veranstal­tung gebt, immer wieder Unterdrückung im großen und Schikane im kleinen So geht es. ein paar Jahre nach Locarno, vierzig Millionen Burgern unseres Kontinente, von denen e in erheb, icher Teil De utsche aller Stämme und aller Himmelsrichtungen sind.

Es sind natürlich nicht nur Deutsche Ganz salsch und verhängnisvoll für die Sache wäre es. die Mindcrfreitenbewegung al« eine rein deutsche Angelegenheit darzustellen. Sie ist eine Angelegenheit der allgemeinen Mensch­lichkeit. an der politisch nahezu sämtliche euro­päischen Völker interessiert sein wollen. In der Salle Central« saßen neben Deutschen auS der Tscheche! unb au« Polen, au« Südtirol, den baltischen Staaten. Ungarn. Jugoslawien. Däne­mark unb bem Elsaß wieviel haben wir ver­loren! Ss ist ein erfdbüttemb.nr Anblick. Weiß- ruf en unb Katalonier, zionistische Juben, Maze­donier. Italiener auS Sudsrankreich. Slowenen au« Kärnten unb zahllose andere Dolksstämme unb Splitter, vertreten durch freigewählte Dele- Ricrte. Auch die Vertreter ber in Deutschland .benten Minderheiten waren im Saal, wa« bl« zum letzten Augenblick vor der Oröffnung des Kongresies noch recht fraglich schien. E« ist be­kannt. baß diese Minderheiten, die unter ber Lei­tung polnischer Politiker stehen, engste Be­ziehungen zu der Warschauer Regierung unter­halten. Unb bah dieser die Minoritätentagung natürlich keineswegs erwünscht ist. Begreiflich, daß es zu kletnen Sprengungsver- suchen kam. Die von Warschau inspirierten QBinberfralcn auS Deutschland fanden an ber Zusammen'etzung bes Kongresses unb an seinem Programm allerlei auSzusetzen. Sie forberten die Anerkennung der Friesen al« eine eigene Ration. Die friesischen Bauern von der Water­kant. die deswegen an Ort unb Stelle von einer UntersuchungSkommi'sion befragt wurden, be­

dankten s i ch aber besten« für die Ehre die Warschau ihnen erweisen wollte. Sie erklärten daß sie gar keine Veranlassung hätten Herrn <JaIe»ti zuliebe auf ihr Deut chtum zu verzichten. Sie erflärten es den polnsich.n Unter!uchungs- fommdfären so deutlich da st diele einen geord­neten Rückzug weiteren .Belreiungsversuchai" zu­gunsten der .unterdrückten Friesen" vorzogen.

Trotzdem: Sprengung unb Krach muß fein. So stellten die in Deutschland lebenden Polen die nxit.-r arbeit dah ber Minori:a:enkongreß mit einer weithin leuchtenden Loda i ätefun bgebung ber Minderheiten an ihre Wohnstaaten beginnen müsse. Seltsame Minderfreitenver- t re ter! Erst, als sämtliche Delegierte ihnen kund unb zu willen getan hatten, bah vierzig Millionen Europäer sich ihr Unabhängigfeit«- bedürfnis nicht von einer Handvoll Warschauer Agenten nehmen lallen würden, war die Ruhe wieder frergcftellt. Die Arbeiten bei Kongrcs es. die drei Tage in Anspruch nahmen, konnten beginnen.

G« waren drei bemerkenswerte Tage, in denen so ziemlich alle politischen Probleme Europa«, natürlich immer von dem einen vorberrschenben Gesichtspunkt aus. erörtert wurden. Tage, die eine messerscharfe Abrechnung mit bem Völkerbund brachten. Zum erstenmal Haden hier die Vertreter einer ganz grofen Or­ganisation. einer hinter der mehr Mitglieder unb Schickfalsgesährten stehen, als ein paar Mittelstaaten zusammen Einwohner haben, ber Dölkerbunbbureaulratie und »biplornatie ihre Meinung getagt. In dielen Tagen möchte man nicht Generalsekretär des Völkerbünde« gewe en sein. Richt einmal Türhüter im Reformations- saal. wo die Mächttgen ber Erde sich alljährlich versammeln. So kompromittiert sind diese .Mächttgen der Erde".

Einfawe Leute sind über diese Staatssekretäre unb Es-Menrherrc-n. diese Untergeneralsekretäre unb Präsidenten zu Gericht gesellen. Sehr ein­fache Leute, deren kaum einer In seinem Vater­land zu Amt und Würden kommen dürfte. Hier unb da ein Abgeordneter unter ihnen, wie ber Vorsitzende des Konare'se«. Dr. W i l f a n. bet die slowenische Minderheit in der italienischen Kammer vertritt, gefchit. energisch, einsichtsvoll und von einem persönlichen Mut. wie ihn eben ein Mtnderheitenvertreter m Italien jeden Tag auf« neue beweisen muß In der Mehrzahl aber Männer, denen zweifellos schon die Kosten der Reife nach Genf ein schwe­re« Opfer bedeuten. Eine unpraktische unb unlukrative Sache wie die Minberbeitenbewe- gung, bei ber nur Kleinigkeiten wie die Freiheit von vierzig Millionen Menschen unb bie Ehre Europa« auf bem Spiele stehen, finbet keine wohl­habenden Gönner. Aber man ist dennoch ge­kommen. Und diese Männer haben, in bem Be- wutzttein, dah man ihnen, wieder in bie Heimat zurückgekehrt die den meisten urtfer ihnen un­gefähr da- Gegenteil von .Vaterland" ist, jedes

ihrer Worte mit tausendfältiger Verfolgung ver­gelten wirb Zeugnis al^elegt für die Treue jUmVolkstum. die stärker ttt äU aller Zwang au« Rom Prag und anderswo.

D»e gesagt: man möchte in diesen Tagen nicht General sc krrtär des Völkerbundes aetre cn fein. Da« wer der sogenannten .Ge e'll'chatt der Ra- honen" nicht vor^ewotten. was hter über ifrrc Technik und Pratttken »estgesteltt wurde, recht- fertigt d en Ausdruck. europäische Schande.

Jahrelang hat Ne Organisation der Minder- beiten im Bewußtsein ihrer schweren Verant­wortung geschwiegen unb nach Verständigung mit den Genfer Machthabern gesucht. Vergeben«. Sie konnte nicht durch'etzen. daß ber Völkerbund sich ba« bißchen, in den wangs»rie­ben« Verträgen festgelegte.i Mtnbeihet enlchuves angelegen fein laß«, wie es 'eine vornehmste Aufgabe ist Beschwerden, die ihn von Minder- frcucn zumehcn werden an einen Dreterauslchuß geleitet. Diese Körperschaft untersucht sie. Aber nicht etwa aus ihre Stichhaltigkeit und Verechsi- gung. sondern auf die trage, ob sie ihm schon einmal, wenn auch nur in ähnlicher Form, vor- gcLgen haben. Ist dies brr Fall, so denken bie Herren vom Dreierausschuh nicht daran tu prü­fen. ob bie Ursache bitter neuer ichen Befch'.ver- ben noch besteht unb ob sie sich nicht v elleicht beteihgen ließe Sie begiiügen (ich nut der Er­klärung. daß sie die Sache bereits ein­mal oe handelt haben woraus sie für ewige Zeiten erledigt ist.

Run gibt es ja eine Möglichkeit, zumindest

verfolgen wenn l o näm ich ein Rat. mit leb ih er annimmt. Die Böllerdundsgewolligen sehen o teil­bar nicht, baß sre gerade durch b e'en vorieschrie- denen modus nroccdendi Unfrieden in die Welt tragen, dadurch, daß sie die Ratsmitglieber zwin- nen. gegeneinander Stellung zu nehmen, statt baß diese ein homogenes Grein um zur Untcriudninq aller Beschwerden bilden könnten. Ratürlich findet sich auch nur in den allerfeitensten Fällen ein Ratsmitglieb. das sich einer Minberheit an- zu nehmen bereit wäre. Das politische Rill ko ist |ii g r o (l Unb es sitzt sich ?rd) n K-quem zusammen um ben 6ul

grünen Tisch in der Galerie bes Palais ber Ra­tionen.

Deutschland das steht au« guten Grün­den fest kann nicht immer ba« emsige Rats­mitglieb fein, bae sich ber Mmberdeltsfordc- rungen annimmt. Man würbe ber Sache selber einen schlechten Dienst erweifen. wollte man sic zu einer deutschen Ang.l.genhttt stempeln, wäh­rend sie doch eine allgemein-menctzltche, zu­mindest aber eine allgemein-europäische ist

Was die Minderheiten vom Völker­bund fordern, ist: Erllichterung des Verkehr« mit seinen Instanzen. Einrichtung einer per­manenten Minderheiten!ommission, bie sich ernst- hast mit den Wünschen und Beschwerden b'r Mi­noritäten zu beschäftigen h tte und vor allem sachliche Per onalpolitik In Mmderh ifnfraqeii, sowie Ust not least Erhaltung des Volkstum«. Tie Ford rang nach sachfi^er Personalpolitik richtete sich gegen bie UJaM eine« spanischen Diplomaten zum Le te-r ber Minderheitenseklion bc« Völkerbundes der zu biefern verantwortungsvollen Posten durch keine weiteren Qualitäten legitimiert erscheint, al« durch seine intimen D imb Warschauer Diplomatie In einer feierlichen Resolutton sprach der Minoritäten­kongreß seine Hosinuirg aus. daß es doch noch gelingen würde, ben Völkerbund zur Erfüllung seiner Derpslichtungen gegenüb r den Minder­heiten zu bemegen. Unb wie ba« fo ist in unserer Zeitgeschichte tm seiden Augenblick, in bem diese trotz allem vertrauensvolle (Snt- schlietzung zum Beschluß erhoben wurde, be­stellte der Dölkerbundsrat in geheimer Sitzung ben fraglichen spanischen Beru'Sbiplomaten zum Leiter der Minderheitensektion.

Tragödie bei Vrodersen & Co.

Don Han« Webau.

Das Personal der Firma Bvobersen & <5o. fitzt feit Samstag, bem 18. August, geschlossen in der Beobachtungsstatton der Lanbesirrenanstalt. Unb ba« kam fo:

An eben diesem 18. August hatte Joseph Plink Geburtstag. Joseph Plink unb Balthasar Phönir pslegten sich an solcherlei Festtagen mit gaiu er­lesenen lleberraschungen heim^usuchen. unb so war Balthasar eine diesbezügllche Ibee gekom­men, al« er einen biederen Marrn zwecken ein ausgewachsenes Kamel durch die Straßen führen sah.

.Können Sie mir für zwei Stunden das Kamel leihen?" fragte er den Mann. Der antwortete nicht, sondern setzte schweigend seinen Weg fort. AI« aber Balthasar nicht zögerte der Ver­suchung mittels eines Geldschein« bie nötige Durchschlag?krall zu verleihen, schmolz aller Wi­derstand dahin.

.Für zwei Stunden allo", sagte der Mann, nahm da« Gelb unb übergab Balthasar da« Leitseri. 11 nb der zog mit dem Kamel weiter auf bie Wohnung feines Freundes Iollpb Plink zu. bem er da« aparte Tier neben die Geburts­tagsgeschenke in den Salon zu stellen gedachte.

Aber ersten« kommt es anders, zweitens al« man berat Al-> Balthasar an einem großen Kontorhauo vorbeizog. schienen irgendwelche Er- innerungstäaswunge-. im Gehirn »eines Beglei­ters vor (ich zu geben. Jedenfalls: Das Kamel riß sich Io« und lief im Galopp in bas Portal des Kontorhaufe». Balthasar galoppierte hinter­her unb fand da« brave Tier im .Fahrstuhl für Lasten" wieder, bellen Tür wert offen stand, unb der ohne Frage eine gewisse Aehnllchkeit mit einen komfortablen Stall hatte. Erschrocken zog Balthasar an dem Lett seil, aber anstatt daß sich das Kamel rührte, batte er selbst ben Fahr - stuhlHebel berührt: sie fuhren nach oben. ^Hall!" schrie er. aber ber Fahrstuhl hiell nicht eher, als bts sie auf bem Boden waren. Dal- t hat ar öffnete bie Tür. Majestätifch unb ohne eine Spur von Widerstand verlieh ba» Kamel das Kabinett, stieb einen Sack mit Getreide um unb begann ruhig zu freffen. Balrhafar aber sauste wie gejagt bie Treppen hinunter.

Wilbe Gedanken gingen durch fein Hirn: .Was kostet ein Kamel? Welchen Schaden kann rin Kamel anrichten? Wieviel Getreide kann ein Kamel pro Stunde fressen?"

Irtzwischen nahm ba« Unheil bereit« seinen Lauf 3m fünften Stockwerk bes Kontorhaufes arbeitete das Personal ber Firma Br oder len & <Io .Was ist benn das für ein Getrampel auf dem Boden?" fragte der Prokurist. Unb er winkte bem Lehrling nachzusehen. Verstört, mit zit­ternden Amen, kam der zurück: .Sin Kamel steht auf dem Boden!" Schallendes Gelächter.

.Das ist auf bem Boden?", runzelte ber Pro­kurist bte Stirn.

.Ein Kamel," stotterte der Lehrlnrg.

.Selber eins." tagte ber Prolur-.st und stieg auf den Boden. AU er zurückkam. war er febr bläh .Es ist wirklich ein Kamel." murmelte er und sank in seinen Sessel Mll einem Ruck flog das Personal non ben Schreibtischen bie Treppe hinauf Sehr lang*am kamen fit wieder her­unter. ber Buchhalter, ber Kassierer, bet Re­gistrator. die Stenotnixüinnen. .Ein Kamel auf bem Boden eines fünfstöckigen Haufe«. Wie ist ba« möglich?" stöhnte ber Buchhalter. .Sind wir alle verrückt?"

.Polizril" sagte jemand. .Feuerwehr." schlug ein anderer vor. .Den Hauswirt!" .Linen Wärter aus dem Zoo!" llnb sie alarmierten bie Feuerwehr, die Polizei, den Zoologischen Garten unb ben Hauswirt.

Unb was tat Balthasar mbeffen? Er war, in Verfolg ferner arithmetischen Berechnungen, zu furchtbaren ffrgebniffcn gelangt. Unb erd^td). zu allem enttchlo«ten. zurück in ba« Kvntorhau« Sah die Angestellten vorn Boten heruraerfchwan- len. Unb ol« ihm ein freundlich wedelnder Pu­del über den Dog lief, lockte er chn. nahm ihn mit hinauf hetzte ibn auf das Kamel, und fiehe ba; das 55er ließ sich bewegen, in ben Fahrstuhl zu stelzen. Dalchafar brebte den Hebel: Sie fuhren geräuschlos nach unten. Der Pudel aber blieb oben.

Während Balthafar bestrebt war. feinen Be­gleiter wieder ben Oidlamctoanbler zu übergeben, fuhr der erste Lölwzug der Feuerwehr vor bem Hauke vor Auch Die Polizei erschien, und ber Zoo hatte zwei starte Mänirer geschickt. 3m Kon­tor der Firma Broberien 4 Cv gab cs un­gläubiges Gelächter

.Ein Kamel auf bem Boden? Sie haben sich geirrt.

»Wir alle haben es gesehen." flüsterte der Prokurist unb wtes mit der Hand auf ba« Per­sonal. Da stiegen sie kopfschÄtelnd zum Boden hinaus, geführt von den 21 ngestellten ber Firma. Der Prokurist öffnete die Bodentür Und blieb wie versteinert stehen. Der Buchhalter sah ihm über die Schulter Unb begann zu taumeln. Die Feuerwehr aber lachte. Die Poltzel runzelte die Stirn. Die Wärter vom Zoo suchten unb fanden in dem reichen Schatz ihrer Srfabrungen Schimpf- Worte, die sich vorzügllch ber Situation anpahten Die Situation aber war: Auf bem Boden sah em Pudel unb wedelte neu dem Schwanz

Die getagt, das Personal ber Firma Broders en A Ev. sitzt seitdem auf ber Beobachtungsstation der Landesirrenanstalt .Mafsenfuggestion." fügt der Lhefarzt. Aber was haben Der Prokurll: ber Buchhalter und bie anderen davon? Senn ab­gesehen davon, daß sie zu ihren eigenen Augen mehr Vertrauen haben als zu den Theorren des Ehefarztes: Wie kommt ein Pudel dazu, andert­halb Sack feinsten kanadischen Hafer zu ver­zehren?

Ein verlorenes deutsches Jlofiona(gut

Eines ber bekanntesten und populärsten deut­schen Rationalgüter. Hagenbeck« Hamburger Tierpark Stellingen, ist ein Opfer rincÄ übertriebenen Föderalismus, ber überspannten Betonung rigenstaall.chec Selbständigkeit aewor» den. Der Hagenbeckfche Tierpark in Stellmgen wirb demnächst feine Pforten für immer zu:nachen und Deutschland wirb damit um ein Rational gut ärmer. Die gan*e Vorgeschichte dieses unglück­seligen Kapitels, ba« ein Schlaglicht auf den zähen polisifchen Machtkampf zw-/chen Hamburg unb Preußen wirft, behandelt Dr Walter Schotte m feinem neuesten Heft von .Politik und Gefellfchaft". Ss sind in den vergangenen Jahren die verschiedensten Versuche gemacht wor­den. den Hagerübecsichen Tierpark zu erhalten. Alles ist jedoch fruchtlos g?Wieben. Die Gefahr begann kxweitS tm Jahre 1924. al« Stellingen nach Altona einaemcinbet wurde. Schon damals warnten bte Gebrüder Hagenbeck, die nach bem Krieg jnit unendlichen Opfern ihren Tierpark wieder eröffnet hatten, vor bieten-, Schritt, denn

sie wußtetr, dah die Altonaer Steuerforberungen ben Etat be« Tierparke« allzusehr überlasten würben. Diese Steuerforberungen find es aber nicht allein, die ba« Leben des Tierparks bc» droh tetr. Da Stellingen preußisch gewort-en war, hatte Hamburg fein Intereffe mehr an biricm Gebiete unb vernachlässigte es ganz besonber« bei feiner Derkchrspvlitik, baute feine Bahnen und überließ Stellingen feinem Schicksal Die Folge davon war. daß die Wirttchafllichfeit des Unternehmens immer größere Schwierig­feiten verursachte Ilm ein Eingehen zu ver­hüten, wurde bann ber Plan gr'aßt, den Tier­park al« Dationalgut m öffentlich? Hand zu geben unb Verhandlungen darüber schwebten auch einige Zeit zwischen bem preußischen Wohl- sahrtsministeriurn. der Stadt Altona unb ber Freien Stabt Hamburg wegen gemeinsamer llebernahme bes Tierparks Während es an­fänglich so schien, als ob es zu einer Einigung kommen würbe, scheiterten im Frühjahr dieses Jahres alle Bemühungen, bett Tierpark zu erhal­ten. an ben ewigen unfruchtbaren Kompetenz- ftreitigfeiten zwischen den drei ^terhanblungs- partnern. Die Gebrüder Hagenbeck haben sich da­her entschlossen, Stellingen ben Rücken zu kehren unb in Amerika, wo sie bereit« in Detroit einen großen Tierpark eröffnet haben, ihr Heil zu versuchen. Damit aber ist das Schicksal des Stellinger Tiergartens besiegelt, berat es ist klar, baß nur mit tbrer, bet Hagenbeck« Hilfe, Stel­lingen auch unter ber öffentlichen Hand das ge­blieben wäre, was es einmal war, nämlich ein Tierschutzgelönbe, da« nur auf Grund ber vesi- unsiPannenben Beziehungen ber Hagenbeck« auf feiner einstigen Höhe hätte gehalten werben können. Der Tierpark Stellingen bot eine ber seltenen Gelegenheiten, fremde Völker zu beobach­ten und zu studieren. Hagenbeck« prakttsche und wissenschaftliche Erfolge in ber Richtung ber Ak­klimatisation tropischer Tiere an unser Klima und ber Kreuzung und Zucht find allzu bekannt, als daß noch ein Wort darüber verloren zu werben braucht- Der Ramc Hagenbeck und mit ihm ber Tierpark ht Stellingen, zwei Komponen­ten. bie un-ertrennllch miteinander verknüpfttnb. werben ht Zukunft nur rod) in Amerika von Bedeutung fein, unb damit das Raturfchutzgcbiet als beuttcheS Rationalgut in feiner ursprüng­lichen Bedeutung für uns verloren fein.