Nr. 131 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseii)
Mittwoch, 6. Juni 1928
Lugend und Hochschule.
Die Hochschulkurse in Davos.
Von S. Mutden.
Den folgenden Ausführungen fei der wohl unbestreitbare Sah vor ausgeschickt. daß man über die Davoser Hochschulkurse, die ein« wissen- 'chaftliche Veranstaltung ganz eigener Art dar- steilen, nicht auS der Ferne. londern nuv auS unmittelbarer Anschauung urteilen darf. Run. der Schreiber dieser Zeilen war in der glücklichen Lage, den Kursen seit ihrem ersten "Beginn biS zu ihrem Enta be1-.uw2h.1en. Er ist freilich mit einer gehörigen DvfiS von Kritik an diele Kurse herangegangen. Aber je länger er sich die Lache anschaute, desto bejahender wurde seine Stellung zu ihnen.
Die Davoser Hvchschulkursc kann und muh man unter doppeltem Gesichtspunkt betrachten alS wissenschastliche Veranstaltung überhaupt und als eine Veranstaltung deutscher und französischer Wissenschaft insonderheit Diese beiden Gesichtspunkte fliehen freilich bei Unmittelbarer Anschauung zusammen. Was hier geboten wurde, reizte viel mehr zu einer völkerpshchologisch-wissen- schastlichen Betrachtung, zu einem Vergleich der Stellung und Behandlung der Probleme hüben und drüben, wir sie sich uni in den hier zusammen strömen den Gelehrten aus den beiden Kulturländern verkörperte. Auch die Schweiz selbst war freilich bei den Kursen vertreten, und nicht durch die schlechtesten Köpfe, wie der Philosoph Häberlin aus Basel, der Ethiker Me- d i c u S aus Zürich u. a. m Allein die Schweiz bleibt gewissermaßen auch im wilsenichastlich- rnethodologischeu Sinne neutral und ihre Vertreter brachten keinen Sonderton in die wissenschaftliche Symphonie hinein, die sich hier vor UNS abspielte. Um so mehr traten die Unterschiede zwischen den gelehrten Vertretern jener beiden Val innen hervor. GS erwies sich zum Erstaunen klar, daß der deutsche Geist immer noch, ebenso wie etwa im Zeitalter KantS, tief- bohrend, nach Umfassung des Unendlichen strebend, aewissermaßen jederzeit bereit ist, die Welt gedanklich immer wieder von neuem zu prüfen und aufzubauen. Die metaphysische Neigung des deutschen Geistes in allen ihren Offenbarung», formen - als Erkenntnistheorie, ReligionSpfri lo- fophie usw. — erwies fich gerade hier, wo die Vertreter der verfchiedensten "Richtungen au» Deutschlands Universitäten zusammenkamen, immer noch als höchst lebendig. Und es drängte fich dem einsichtigen Beobachter der Unterschied auf, das) während HanS Driesch aus Leipzig Einführung in die Metaphysik oder Arthur Lio bert auS Berlin über Grundprobleme der Erkenntnistheorie lasen, oder Erich R 0 t h 0 ck e r aus Heidelberg sich mit der Frage beschäftigte .Weshalb treiben wir Geistesgeschichte?", — es drängte sich schon In dieser ersten den Geistes- Wissenschaften gewidmeten Periode der Hochschul- kurse der Unterschied auf, daß gegenüber dieser umfassen den Problemstellung der deutschen Gelehrten die französischen zumeist ziemlich streng abgezirkelte Themata wählten, wie z. B. Levy- Br u h l aus Pari» .Die Psychologie des primitiven Menschen" oder 'Pieton. gleichfalls aus Paris, .Perception et affcctivitä* oder Blonde l auS Straßburg .Die Kollektivpsyckwlogie" usw. Die einzige Ausnahme bildete Gob lot mit seinen Vorträgen über das 'Thema „Qu’est-ce que Ic r6cl?“ Und wenn Mossvn-Oursel über indische Philosophie und Psychologie in einer an die Zuhörer sehr hohe Anforderungen stellenden Art las, so war doch auch hier die "Zkbgrenzung durch die Vergleichung mit dem europäischen Geist bedingt, den er eben als gegeben vorausseyte. Kurz, ein Positivismus foywfrl in der Wohl der Themata als in ihrer Behandlung war bei den Franzosen ebenso un- verkennbar wie die himmelstürmende Art. die Problematik und methodologische Vertiefung bei den Deutschen.
Man könnte dies auf deutscher Seite auch ein Ringen um eine philositzchische Weltanschauung nennen, da» kennzeichnend ist für die Krisis, die der forschende Deist unserer Zeit selbst durch-
Die akademischen Frauenberufe.
Studienverhältnisse und Berufsaussichten.
Von (trief? Brandt,
Mitarbeiter im Studentenwerk Berlin.
Berufe, die noch vor wenigen Jahren den Frauen gänzlich unzulänglich waren, sind ihnen heute in voller Gleichberechtigung mit ihren männlichen Kollegen erschlossen worden. Zum größten Stil handelt es sich hierbei um solche, die eine akademische Ausbildung erfordern. Es gibt heutzutage fast kein Studienfach mehr, in dem nicht der Frau, wenigstens auf dem Papier, die gleichen Entwlälungsmögllchkeiten geboten würden wie dem Manne. Praktisch werden die Frauen selbstverständlich noch große Schwierig- feiten au überwinden haben, um in den akademischen Berufen festen Fuß zu fassen.
Eine Folgeerscheinung der Gleichstellung der akademisch gebildeten Frau ist in den lebten Jahren ein starker Andrang weiblicher Studierender zu den Hochschulen gewesen. Hinzu kam, dah leit 1923 auch die .Reifeprüfung der Ober- lhzeen volle Gleichberechtigung mit denen anderer höherer Schulen erhielt. Bis dahin waren nämlich die Studienberechtigungen für Frauen stark beschränkt. Zählte man vor dem Kriege, un Wintersemester 1913/14, an den deutschen Universitäten nur 3368 Studentinnen, d. h. 5.6 Prozent aller Studierenden, so ist biete Zahl im Sommersemester 1927 aus 9700 angewachsen, so dah die weiblichen Studierenden jetzt 13,3 Prozent der Gesamtzahl ausmachen.
Interessant ist auch die Herkunft der weiblichen Studierenden. Fast die Hälfte stammt aus mittleren ober höheren Be- omtcnlreifen. Die also den meisten Wert Darauf legen, bas) ihre Töchter eine akademische Ausbildung erfahren. Aus bet Schicht bet Hanbel- unb Gewerbetreibenden kommen nahezu 3000 Studentinnen, während etwa 1000 den freien Berufen entstammen. Rur einen geringen Bruchteil stellt die Landwirtschaft, und Töchter der Arbeiterkreise sind nur ganz vereinzelt zu finden.
Wir wollen jetzt die einzelnen akadentischen Frauenberufe näher betrachten und versuchen,
lebt. Diese Krisis war bereits durch den ersten wissenscha'tlichen Vortrag, den Einsteins über die .Grundbegriffe der Physik und ihre Entwicklung? zum Ausdruck gebracht worden. da hier selbst auf dem physikalischen Gebiete auf das Verwogen des Kausalität-begriffs in überliefertem Sinne einer Adäquatheit von Ur- fache und Wirkung h.ngewiesen wurde Was Wunder, wenn dieser kritische Gedanke in den philosophischen SoIIoqukn mit den Zuhörern, namentlich unter Führung des ausgezeichneten philosophischen Pädagogen Arthur Lieber t auf Dem geifteSwissenschastlichen Gebiete erst recht fortgesponncn und auf den verschiedensten Gebieten. wie das Versagen der Erklärung durch das .Milieu" bei vertiefter biographischer For- schung oder die Unzulänglichkeit der Erklärung durch geschichtliche Kontinuität bei historischer Forschung ausgezeigt wurde? Zweifellos sprach fich in afiebern her Geist unserer Zeit aus. wobei nach meinem Geschmack sogar schon zuviel dem Begriff Der .Mystik" gehuldigt wurde. Den auch die Wissenickalt anzuerkennen habe. Allein nicht minder unzweifelhaft ist eS. daß es sich in diesem ganzen Ringen um eine Weltanschauung, um eine Philosophie, die auch die Vorgänge Der realen Welk erklären soll, um einen echt deutschen GeistcSzug handelt.
Dieselben Unterschiede liehen sich aber auch — und das ist eine Bekräftigung des Gesagten — selbst in tat zweiten, den positiven Wissenschaften gewidmeten Periode tat Davoser Kurse seststsllen. Während z. B. Franz Oppenheimer ( Fraill- furt a. M.) über Theorie d?s Wertes und Preises laS, während v. Gottl-Ottilienseld (Berlin) über »Theorie d:s Wirtschaftslebens" sprach und frier, wie stets, die Problematik der Grundbegriffe der Rationalökonomie selbst betonte, las Hauser (Paris) über „Les nouveaux aspccts de l’industnc fran^aisc" oder wählte Picard (Lille) das Thema .Arbeitslohn und Arbeiterschaft"".
Mit diesen Betrachtungen, die übrigens bte völkerpsychologischen Unterschiede der wisienschast-
lichen Methoden, wie sie hier in Davos zutage traten, keineswegs als etwas Starres frin fiel len wollen, soll durchaus nicht der Eindruck erweckt werden, als feien die deutschen Gelehrten auf praktische Probleme überhaupt nicht eingegangen Um die'en Eindruck von vorneherein zu entkräften, fei beispielsweise auf G 0 ttls Vor Nag über den .FordiSmus alS hervvtrag.ndes pral- tifches "Beispiel .technische Vernunft' hingewiesen, der in “Der Einstellung dieses Beispiels als Vor- bild und der Propagierung der 3bet der Dienstleistung tat 3nbu|trie für Die Allgemeinheit (vor allem durch Verbilligung des Massenad- satzes, Verzicht auf Lu»uS-Dividenden und Beu- Investierung des Prosits) gipfelte. Ober aus den hochbedeutsamen Vortrag Mendelssohn- Bartholdys (Hamburg, über .Friedenssiche- rung durch Staatsverträge", der eine notwendige Ergänzung der Vorlesungen deS Schweizer RappardS über Entstehung und Funktionen des Völkerbundes barftellte.
Schon auS dem Gesagten dürste sich nicht nur das allgemeine Bild der Hochichuikurte von Davos. sondern auch ihr praktischer Ruhen ergeben. Beide Länder. Deutschland und Frankreich, bieten hier sozusagen den Querschnitt ihrer Wissen- schasten bar. die frier zur Behandlung gekommen sind. Die Vertreter beider Länder. Dozenten wie Studenten, haben hier die einzigartige Möglichkeit, die beiderseitigen Methoden mit ihren Vor- und Rachteilen auS eigener Anschauung zu studieren — und neu zu lernen. Die grobe wissenschaftliche Anregung für alle Teilnehmer, sowohl die von auswärts gelommenen als die Ironien, frier schon früher weilenden Akademiker (insgesamt über 500) ist unzweifelhaft. 11 nb all das im unvergleichlichen Ra tu nahmen der Schweizer Berge, der so. gleichsam binnen Rächt, in Wahrheit aber dank unermüdlicher "Bemühungen des Organisators der Hochschullurse, Prof. Gottfried Salomon (Frankfurt a. M.) und seiner Schweizer Freunde zum Rahmen eines wissenschaftlichen Forums geworden ist.
Wer eigne! sich zum Flieger?
Von Dozent Di". X W. Schulte, Leiter der psychotechnischen Hauptprüfsielle für Sport und Berufskunde, Berlin.
Für den Beruf deS Fliegers taugt nur ausgesuchtes Material: er. der bei aller zunehmenden Sicherheit des Flugbetriebes doch immer Herr des Gelingens ober Versagens ist, der stets durch Situationen gegangen Ist. wo der Tod an seine Schulter rührte und wo er doch mit herrischer Gebärde und eiserner Stirn handeln muhte — er muh stets gegen alle Zwischenfälle gewappnet fein, nie darf er bte Herrschaft über sich und seine Maschine verlieren. — Genaue Unfallstatistiken deS Flugwesens erweisen, dah man zwischen .objektiven", äußeren, und „subjektiven", in der Persönlichkeit deö Flugzeugführers gelegenen Ursachen unterscheiden muh. Trotz widrigster äußerer Schwierigkeiten hat es in Krieg und Frieden doch immer hervorragend kaltblütige und geistesgegenwärtige Flieger gegeben, die, bei schweren Vergaserbränden, mit in Brand geschossener Maschine, ja sogar nach .Abmon- tieren“, daS heiht Abbrechen eines TragdeckS in der Luft, glücklich Ianbeten. Anfänger und ungeschickte Flieger sind allzusehr geneigt, die Bedeutung von Auhenumständen zu überschätzen, während der erfahrene Schulleiter mit Recht immer wieder auf die Bedeutung der Eigenschaften deS Fliegers selbst hinweist und Ent- fcfrulbigungen nur bis zu einem gewissen Grade gelten läßt.
Deshalb muh jeder Flieger, besonders aber der eine hohe Verantwortung tragende VerkefrrSsHeger. durch strenge Prüfungen und Schulungen gehen, ehe er endgültig zugelassen wird. Die Beurteilung feiner Tauglichkeit spielt seit dem Kriege eine große Rolle.
Franzosen, Amerikaner, wir Deutschen, dann wohl fast alle Armeen haben in zum Teil groß angelegten Prüfungen zuerst ihre Flugzeugführer, bann auch ble Beobachter, untersucht' es ist ja bekannt, bah davon die moderne "Beruf6- eianungSprüsung ihren AuSgana genommen hat. Die Amerikaner gingen sogar so weit, im Experiment ihre Flugzeuganwärter bei künstlich markierten Abstürzen zu untersuchen. Vielfach ist die Widerstandsfähigkeit der AtmungSor- gane gegen das Fliegen in großen Höhen mit Hilfe pneumatischer Kammern bestimmt worden, in denen ßuftberbünnungen erzeugt werden, wie sie in Höhe von etwa 4000 Bietern (der kritischen Grenze) ab vorkommen 3n Deutschland wurden vornehmlich Gleichgewichtssinnprüfungen experimenteller Art vorgenommen, bei denen die Prüflinge mit verbundenen Augen in nach allen Raumlagen kippbare Schaukelstühle gesetzt wurden und stets die normale Hvrizontallaae ihrer „Bla- schine" durch einen Steuerknüppel wieder einzustellen hatten.
Die Eignungsprüfung für den Flugzeugführer ist eine doppelte: wegen der hohen Anforderungen sowohl an die Gesundheit der körperlichen Organe wie bann auch besonders an die geistige Widerstandsfähigkeit und TatÜrreitschaft müssen Arzt und Psychologe zusammenarbeiten. Wahrend die ärztliche "Begutachtung der fliegerischen Tauglichkeit auf jeden Fall unerläßlich und im Kriege und heute wieder verschärft behördlich vorgeschrieben, bas negative Auslese- verfahren darstellt. daS alle auch nur irgendwie nicht vollkommen Geeigneten auSscheidet und je-
ein Bild von den Aussichten und den Entwicklungsmöglichkeiten in den verschiedenen Fächern zu gewinnen. Fast al- einziges Studium, daS der Frau auch bis freute noch nicht vollkommen ofscnsleht. ist das theologische zu nennen. Wohl ist cs der Studentin möglich, nach einem ordnungsmäßig abgelegten Studium das Ab- schlußeffamen zu machen, aber es steht ihr bann nur Die Stellung einer Pfarrgehillin offen. Als solche kann sie jedoch nur Kinbcrgottesdienste und Bibelstunden abfraltcn, während ihr die Leitung eines HauptgottesdiensteS versagt bleibt.
Anders liegen die Verhältnisse schon in der juristischen Fakultät. Hier hat man der Frau die gleichen Rechte wie tarn Manne zuerkannl. ES gibt auch schon mehrere weibliche Richter, jedoch sind sie noch sehr selten und es steht auch zu erwarten, daß sich ihre Zahl in der nächsten Zeit nicht beträchtlich erhöhen wird. Praktisch findet nämlich die Frau gerade hier große Schwierigkeiten, so daß man eigentlich den Richterberuf noch gar nicht alS einen Frauenberuf anfprechen kann. Weit günstiger ist dagegen die Stellung der Rechtsanwältin. AIS solche ist die Frau auf dem besten Dege, sich neben dem Biarme erfolgreich durchyufetzen. Besonder- aussichtsreich erscheint hier bie Ent- wicklungsmöglichkeit. wenn sich die Rechtsanwältin auf Frauenrecht^ebiete spezialisiert.
Dem männlichen Kollegen völlig gleichgestellt ist aber die Frau schon lange in der Medizin. Es gibt fast 2000 Aerztinnen, bie ein gutes Auskommen finden. Auch frier ist eine Spezialisierung als Frauen- oder Kinderärztin anzuraten. Obwohl bie Zahl ber weiblichen Mebiziner per- hältnismäßig schnell wächst, sind die Berufsaussichten für sie doch wesentlich günstiger alS für bie männlichen Aerzte. Erschwerenb kommt allerbings für das medizinische Studium die lange Ausbildungszeit hinzu bie nach den neuen Bestimmungen ab 1. Juni 1928 sogar elf Semester erfordert. Ganz besonders aussichtsreich erscheint auch für Frauen das zahnärztliche Studium, bas gleichzeitig mir sieben Semester dauert.
Der größte Teil aller Studentinnen wendet fich jebtxfr der Phil 0 l 0 gi.e und den Lehrberufen zu. Auch frier sind in den letzten Jahren grundlegende Wandlungen ein getreten.
Der in den meisten Fällen angestrebte Beruf ist wohl ber ber Studienrätin, weil gerade in den Lehrstellen an den Oberlyzeen die Frauen noch lange nicht in dem Maße vertreten sind, wie dies zu wünschen wäre. Das Studium dauert acht Semester und wird durch ein Staatsexamen abgeschlossen. Daran reihen sich noch zwei Jahre praktischer Vorbereitung, nach denen wiederum ein Examen abgelegt werden mutz. Die Aussichten sind aber nicht ungünstig, nach weiblichen Lehrkräften ber naturwissenschaftlichen Fächer herrscht sogar eine rege Rachfrage.
Ein völlig neuer akademischer Beruf, ber noch den Frauen offensteht, ist durch bie Reuordnung ber Volksfchullefrrerausbil- b u n g geschaffen worden. In Preußen ist feit 1925 das Reifezeugnis für daS VolkSschullehrer- ftufrium notwendig, das in einem oierfemeftrigen Lehrgang an einer pädagogischen Akademie erfolgt. Bisher sind vier solcher Akademien ge- schassen worden. Es gehen auch viele Bestrebungen dahin, rein weibliche Akademien inS Leben zu rufen. 3n einer Denkschrift deS preußischen Kultusministers wurde zum Ausdruck gebracht, daß in Preußen jährlich etwa 3150 männliche und 1050 weibliche Lehrkräfte benötigt würden. Die Aussichten scheinen jetzt aber noch günstiger zu fein, well durch die Reuordnung der Ausbildung eine mehrjährige Unterbrechung ber fortlaufenden Rachwuchsergänzung ein getreten ist.
An weiteren Lehrberufen bieten sich den Frauen noch die der Handels - ober Sportlehre- r i n. Die Ausbildung der ersteren erfolgt an einer der fünf deutschen Handels-Hochschulen, sowie an den ilnioerfitäten Frankfurt. Köln und Hamburg. Sie dauert in Preußen sechs Semester und erfordert außerdem nodfr ein 3afrt praktischer Tätigkeit. In Hessen, Bayern und Württemberg ist ber Studiengang ein ähnlicher. Rach dem Studium legt bie Studentin eine Diplomprüfung ab und erhält nach ifrter Anstellung den Tllel: Handelsoberlehrerin. Erne Zeitlang waren ble Aussichten sehr gut, fraben sich aber letzthin wieder verschlechtert.
Die Sportlehrerin findet ihre Ausbildung an ber Deutschen Hochschule für Leibesübungen in (Sfrartottenbürg. Für dieses Stu
ben Bewerber im wahrsten Sinne taS Wortes biS .auf Her-, unb Rieten" prüft, hat die psy- choiechnische Eignungsprüfung die Aufgabe, .ne positive Veranlagung in bezug auf Die nervösen. seelischen und geistigen Fähigkeiten, die zum Fliegen in gleichem Maße wie körperliche Gesunofre.'. erforderlich sind, festzustellcn. - Betrachten wir zunächst die Anforderungen an die SinneStüchtiglcit des Flieger«, also an die Zuverlässigkeit der Organe, die die Eindrücke bet Außenwelt üvermitteln Die Bedienung der Steuerorgane, der Knüppel- oder Handradsteuerung für Höhcnsteuer und Verwindung Wie der mit tarn Fuß getretenen Seitensteuerung, erfordert besondere« Feingefühl in bezug aus den Tast-. Mustek- und Kraftsinn der Gliedmaßen und ihre Gelenkempsindlichkeit Auch die Ruhe unb Sicherheit der Hand pflegt charakteristisch für die (S-gmmg des Nervensystem« zu fein. Wir prüfen bieie Fädigkeiten mit besonders gebauten Apparaten, ähnl.ch tote bei unseren Kraftfahreruntersuchungen. mit Hilfe von bestimmten 2lpva- raten. die reden kleinen Fehler genau angeben.
Das Ohr wird in der psychotechnilchen Prüfung genau auf ^nterscheidungSsäfrigkeit für Motor- geräusche und Propeiiersurren geprüft, weil man beim Fliegen immer wieder daraus angewiesen ist. das AuSsetzen ber Zündung in einzelnen Zylindern sestzustellen und nicht au überhören. An da» Auge werden bie gleich frohen Anforderungen gestellt w,e an die Sinnestüchtigkelt deS .GefüylssinneS" Hier ist insbesondere zu ?'rufen daS Augenmaß, hauptsächlich daS räum- iche oder Entfernungsschätzen, das bei ber sich rasend verringerten Geschwindigkeit ber landenden Maschine eine ausschlaggebende Rolle spielt
DaS Vorstellungsleben ist sodann für den Flieger besonders wichtig. Er braucht zunächst eine schnelle, absolut zuverlässige AufsassungS- unb Beobachtungsgabe um in kürzesten Bruchteilen einer Sekunoe die jeweilige Situation zu erfassen unb darauf zu reagieren. Sein unb seiner Fluggäste Leben bangt buchstäblich an seinen Berten unb seinen psychischen Kräften. Der Flieger muß eine .kurze Leitung" haben (er selbst nennt eS trefsend .Frühzünbung"): er muß mit Gebankenschnelle bie Lage beurteilen, ohne sich von Ihr innerlich erschüttern zu lassen, er muß im richtigen Moment die richtige und genau abgewogene Reaktion finden. Er Darf niemals den Kops verlieren, niemals auS ber Fällung geraten, niemals alles verloren geben Guter praktisch-technischer Blick, sofortiges Einfühlungsvermögen für bie Maschine erleichtern ihm fetne Leistung sehr und erhöhen seine Selchstsicherheit. Auch im Laboratorium lassen sich alle diese Gigenschasten, meist experimentell, prüfen. —
DaS Gefühlsleben spielt beim Flieger eino besondere Rolle. Der gute Flieger ist zwar von geistig lebhafter Art' aber fein Temperament ist nach außen hin ruhig, beherrfcht. sicher, abae- glichen. „er hat die Ruhe weg". Sensitive. leidenschaftliche, reizbare Raturen sind zum Fliegen ungeeignet. Eiserne Ruhe der inneren seelischen Verfassung, Widerstandsfähigkeit gegen plötzliche heftige Schreckmize (Knalle oder Lichlblitze), auch Widerstandsfähigkeit gegen Monotonie (bei langen Flügen), gegen den lauten, oft unangenehmen Lärm des Motors, llnbeeinflufjbar- reit durch gefühlsstarke Defahrreize — all daS muß ber Flieger in höchstem Maß« besitzen. —-
Eng damit zusammen hängt die WillenSbean- spruchung Er muß unwillkürllche. durch Schreckreize ausgelöste Bewegungen unterdrücken können. Mui. perlönlicher Mut. Opfermut, Schmerzüber- toinbung unb andere ethisch-durralterologifche Eigenschaften braucht jeder Flieger. — Glücklich ber, welcher ber .Knochenmühle" des ArzteS unb der _ Folterkammer' deS Psychologen entronnen ist unb nun .schulen" darf, bis eines Tages ber erste Alleinflug bie ernsten Bemühungen krönt. Dann rollt die Maschine zum Startplatz, die Hcniinfchuta fliegen zur Övitc, die Zähne werden zusammengebissen. alle Sinne zusammengenommen, bann wirb Vollgas gegeben unb, ton eigener Hand gelenkt, hebt sich leicht und umnerklich bie Maschine.
bi um, das sechs Semester bauert unb durch ein Diplomexalnen abgeschlossen wirb, ist gleichfalls ein Reifezeugnis erforderlich. Die "Berufsaussichten scheinen auch hier nicht ungünstig, obgleich eine solche Sportlehrerin nur bei Vereinen ober an Privatschulen tätig fein kann. Das Diplomexamen berechtigt nämlich bis jetzt noch nicht zur Anstellung als Turn- unb Sportlehrerin an öffentlichen Schulen.
Als andere, oft gewählte Studienfächer find noch Landwirtschaft unb Ehem 1 e zu erwähnen. Gerade in ber Landwirtschaft scheinen aber die Verwendungsmöglichkeiten ber akademisch gebildeten Frau überaus beschränkt zu sein. Das Studium dauert hier zur Erreichung des Diplomtitels sechs Semester unb erfordert acht Semester für den Doktorgrad. Roch fchkechter sind bie Aussichten für bie Chemikerin. Die Ston- kurrenz ber männlichen Bewerber ist fo groß, die Rach frage so gering, daß in dieser Richtung für Frauen wenig Entwicklungsrnöglichkeiten bestehen.
Hier wurden natürlich nur die wesentlichsten Berufe herauSgegriffen, bie für bie Berufswahl einer angehenden Akademikerin besondere "Bedeutung haben können. Wohl sämlliche akademischen Frauenberufe stehen noch im Anfang ihrer Entwicklung, unb es werben schon in ben nächsten Jahren nod) weitere, beachtliche Fortschritte in bet Gleichstellung ber Akademikerin zu verzeichnen fein.
Ehrungen deutscher Gelehrter.
Die Akademie der Wistenschaften in Wien zeichnete das 1924 erschienene Werk „ttörperftellung" des im vergangenen Jahre verstorbenen deutschen Phy- fiologcn Rudolf Magnus, Utrecht, mit der Hans- Horst-Meyer-Medaille und dem damit verbundenen Geldpreise aus — Kum Ehrenmitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klaffe wurde Richard H e r t w i g - München ernannt. — Zu korrespondierenden Mitgliedern wurden Erwin Schrödinger. Berlin, Viktor Goldschmied- Göttingen und August H a m m a r - Upfata gewählt. — Zum Ehrenmitglied der philosophisch-bistorischen Klasse ist Wilhelm Meyer-Luebke - Bonn ernannt worden, zu korrespondierenden Mitgliedern Paul Kehr-B«Än und Ainar ßoeffteot-ßunb.


