Ausgabe 
6.6.1928
 
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Nr. 151 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Mittwoch, 6. Juni (028

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Ein Aachwort zu Lolmar.

Don Dr. Wilhelm ttapp, o. Honorarprofessor an der üniDerfildt Freiburg L Ä.

Do4 Spiel ift aus. Mit höchster Spannung hat men dem Beginn entgegengesehen. War doch ein Monftreprozeß erster Ordnung angc» tündigt, der .Schädlichkeiten' enthüllen lallte, por denen da» »Hab erschauern wird Sa Poin- corS in seiner Straßburger Dankettrede vom 12. Februar Die Verbrechen, die man den An­geklagten zur Last legte, sind Umtriebe, Machi­nationen, die die Sicherheit dech Staates ge­fährden sollten, ein Äomplott. das die Las» reihung des »Hab non Frankreich zum Ziel hat. Was sie als Autonomi-mu- aus­geben, fall Separatismus sein und Se­paratismus ift Hochverrat.

Mehr als drei Wochen währte das hoch­notpeinliche Verfahren. Man war gespannt, was für Veweismaterial für das staatSgesährliche Komplott beigebracht würde. Aber zum allge­meinen Erstaunen war von dem Komplott kaum noch die Hebe, umso mehr aber drehte sich Olles' um die von der Anklagebehörde vertre­tene These, daß die 17 Angeklagten, die man fünf Monate in strenger Untersuchungshaft hielt, im Verdacht stehen, schlechte Franzosen zu fein, die des wahren Patriotismus ermangeln. Sie hätten es früher stets mit Deutschland gehalten und ihr Herz wäre auch heute noch deutsch und nicht französisch. ES sei ihnen älso auch Auyi trauen, dost sie mit Deutschland in Verbindung stehen und mit deutschen Geldmitteln eine sranzosenseindllche Propaganda im Lande betreiben könnten. Um den RachweiS schlechten Franzosen tumS, offener und verschwie­gener Deutschgesinnung, um die Gewissenforschung ob sie deutsch oder französisch fühlen, ging es in der Hauptsache in der ganzen Prozeßaktton. Stellte eS sich heraus, daß diese auS der Masse der unzufriedenen Elsässer HerauSgegrifsenen. an denen man ein Erempel zu statuieren entschlossen war. eine deutsche, statt eine fran­zösische Mentalität haben, dann sind sie auch verdächtig, daß sie im Solde Deutschland s stehen und bann sind sie a l S Hochverräter zu behandeln, zu bestrafen, wenn auch noch so mtlbe nach der schließlich erfolgten gnädig wohlwollenden Zusicherung deS General staatS- an Walts.

Einer solch ungeheuerlichen Gerichtsbarkeit ge­genüber konnten die Angeklagten nur ihre fran­zösisch-staatsbürgerliche Loyalität bekunden, und ein gesinnungsmäßiges Hinstreben nun Reich bestreiten. WaS sie wollten, sei nur Vertei­digung ihrer Heimatrechte und Be­hauptung deS SigenchorakterS ihres Vol­kes wider die französischen AssimilierungSmetho- den.

W«aS die einzelnen Verteidiger in ihren z.T. ganz glänzenden Reden, dann eine Reihe von Zeugen auS den Kreisen deS elsässischen öffentlichen Le­ben- zur Bekräftigung der Aussagen der Ange- flaatcn vorbrachten, war so klar und einleuchtend, daß nicht bloß da- auS allen Winkeln und Ecken zusammengeraffte Belastungsmaterial von Klatsch und Kombinationen auS der Polizei- unb Spitzel- werkstätte Näglich dagegen abfiel, sondern vor allem auch die große staatSanwältliche Anklage­rede. die alles zermalmen sollte, nicht- weniger al- überwältigend wirkte, sondern in- Leere stieß, auch nach dem Urteil der ausländischen Berichterstatter. ES schien also mehr und mehr unobwei-lich. daß eine allgemeine Frei­sprechung den Monstreprvzeß beendigte. Am Ende gar mit. .Dire la Francel" Aber waS geschah? SS erfolgte und mußte erfolgen der Freispruch angesichts deS kläglichen Resultates der Dew-e isaus nähme für da- Bestehen eine- Komplotts, aber der Freispruch bezog sich bloß auf die Männer zweiter und dritter Garnitur. Die der ersten Garnitur: Faß Hauer, den Gründer der Autonomistenzeitung .Volksstimme", Schall, den Träger der heimatlichen Opposi- tton-blätter .Zukunft" und Schliffstaan", Ros- ss ben populären Führer in der Lehrer- unb Beamtenrereinigung. diesen stark gefügten el­sässischen Block, unb Rick! in, daS Symbol de­alten Slsaß-LothringenS. den früheren Landtags­

präsidenten. die sprach daS Gericht schuldig damit war blitzartig die ganze großangelegte Aktion beleuchtet

Die ganze Kampagne widernden Autonomie- muS sollte wie schmetternder ^Elairoi.klang in- Land w-.rken: .In Staub mit allen Feinden Frankreichs. Und diese Autonomiften, die sich gegen daS unbedingte Ausgehen diese- StückeS germanitcher Erde in das Franzosentum wehren, lind Feinde Frankreichs Wer aber ein Feind Frankreichs ift, den zerbrechen wir!" Unter dem Eindruck diese- unbeugsamen Willen- soll es dem elsäslllchen Volk vergeben, daß es je wieder Köpse stellt für derartige Heimatbewegungen, die Frankreich nun einmal gegen sich gerichtet sühlt. Darum hielt man sich jetzt an diese Köpfe. Sie sollen nie wieder nachwachsen Da- Schicksal dieser Männer wird alle .guten" Elsässer schrecken. Da- war der Wille der Regierenden von An­fang an. Dieser Wille wurde an das Gericht weitergegeben und da- Gericht machte sich zum willfähigen Vollstrecker de- Willen- der Staat-» raifon. So kam eS zu diesem politischen Pro­zeß. in dem die Justiz indirekt au-sühren sollte, wa- die Politik auf direktem Wege nicht fertig zu bringen glaubte. Daher aber auch die unge­heure Empörung im Volk, weil das Colmarer Schauspiel einen gar zu deutlichen Anschauungs­unterricht darüber bietet, baß man eine leben­dige Volksbewegung durch Iustizkomödien unb Polizei, Staatsanwalt und GesängniS tot- machen will. Die elementare Erregung, die durch das elsässische Volk geht, wird inzwischen die verantwortlichen Regierungen darüber be­lehrt haben, daß diese krumme» Wege, die man aufsuchte, fehl gehen.

Man kann von außen kaum verstehen, wie die politische Weisheit deS französischen Staate- zu solch verzweifelten Mitteln gegenüber dem Elsaß greifen konnte. Daß der bon senS. auf der die Franzosen sich soviel zugute tun, sie nicht vor solchem Fehlgriff bewahret, kann wohl ver­wundern. Aber daran hat das Elsaß selber viel Schuld. Frankreich ist vom Elsaß her ge­täuscht über Stimmung und Gesinnung deS Volkes, und nicht erst seit gestern sondern leider in verhängnisvoller Weise schon in der Vor­kriegszeit. Frankreich sieht seitdem das Land nur mit der Drille, die ihm die französische Bourgeoisie aufgesetzt hat. DaS vermögliche 61- sässertum aus Handel unb Industrie, das der ganzen Lebenstradition der französischen Bour­geoisie verhaftet ist. zumal wenn e- noch antikleri­kal ist. ist für Frankreich daS Hormal-öl,äffet tum an dem es alle mißt. Wer dieser Rorm nicht entspricht, in dieses Bild der fabricantS und commer^ants nicht paßt, mit dem weiß das bourgeoise, besonders antiklerikale 5r anfrei nicht- anzusangen. Das gehört nach ihrer Mei­nung nicht in daS Elsaß. Diese Meinung reicht weit in die wissenschaftlich gebilbete Welt Frank­reich- hinein.

Zu deutscher Zeit hat man im Elsaß wohl auch gern unter dem Voll in dem franzö­sischen Sprach- und Lebensstil der Oberklasse das Hormalc, daS vorbildlich Elsässische ge­sehen, aber heute ist da- anberS. Heute weiß man. daß diese .Elite" am Elsässertum vorüber­zureden im Begriff ist und sich von ihrem Volle scheidet. Als die schlimmsten Feinde des elsässi­schen Volkstums erkennt man jetzt diese Elemente der französischen Bourgeoisie, samt den revenantS. die au- dem Innern Frankreichs wiedergekehrten Elsässer, die dort zu Vollblutfran-osen geworden sind und jetzt dem bodenständigen Elsässertum im Kamps um die Heimatrechte bei jeder Ge­legenheit in den Rücken fallen. Durch diese Dour» aeoiS-Glsässer, aus denen auch die Geschworenen stammen, die da- Schuldig gesprochen, ist in daS politische Frankreich das Gift des Miß­trauen- gekommen gegen die Elsässer. AlleS Qlnflammcm der Elsässer und Deutsch-Lothringer an ihre deutsche Art soll unb muß jetzt Be­weis sein für ba£ Hinüberstreben zum Rhein, Früher war man von dem 100 prozeutigen Fran­zosentum der Elsässer doch so überzeugt und jetzt wittert man überall die .bochistischen" Bazillen.

So peitschten die Franzosen mit Gewalt die Elsässer gegen sich auf, die doch im Grund nicht- anderes begehren, als jetzt im Schoße des fran­zösischen Staates zu leben, wenn man sie nur ruhig ihres Volkstums, ihrer Sprache leben

Giehener Gtadttheater.

Ladislaus Fodor:

Arm wie eine KirchenmauS".

Schade: man sieht es drei Akte lang kommen. Wo man eS doch höchstens einen Akt lang kommen sehen dürfte In einem guten Stück überhaupt nicht. In einem guten Stück ist eS eins ach da. ..ES" ist die Pvinle.

In dem Stück deS Ungarn Fodor (Urauf­führung in DreSlau) liegt die Pointe schon im ersten (besten) Akt. Und wenn e- also schon kein guies Öiüd wurde statt eines Lustspiels ein Schwank mit ganz leichtem pariserischen Ein­schlag und ohne die Paprikasauce des Lands­mann- Molnar. so war eS immerhin ein Kunst-Stück, den letzten Aktschluß ..abendfüllend" hinau-zuschieben und dennoch die Leute nicht zu langwellen, sondern amüsierlich zu unterhalten.

Dieser Fodor hat ein bewundernswertes Rede­talent. Ansprachen hall er, Feuilletons läßt er erzählen (es ist nichts dahinter, rein gar nichts, eS gehört auch alles kaum dazu, aber die Zett vergeht) fabelhaft.

Man sieht eS also kommen: baß die arme Kirchenmau- von Privatsekretärin den reichen Dankbaron kriegen wird. Hach, wundervoll! Sie kriegt ihn sozusagen drei Akte lang. Und man langwellt sich nicht. Man lacht sogar und ist in bester Laune Sommertheater, wie sich'- ge­hört. Fodors Geheimnis, wie man es macht.

Molnar macht eS mit dem Pfeffer. 5pbor mit der Rebegabe unb großer Liebenswürdigkeit. Unb mit der Ratürlichkell. u6o ist das Leben" auf ungarisch. GS tut gar nicht weh. Und die Wedekindsche Formel, daß bas Dasein eine Rutschbahn fei, kann zwanglos beibehalten wer­ben als Motw auch für diese theatralische Früh­geburt, welche das Dad-Rauheimer Kurtheater als südwesldeutsche Erstausführung und zur Ein­weihung der Gießener Sommerfaifon herauS- brachte. Großer Wedekind!

Es gibt zwei Arten von Privatsekretärinnen. Solche, die es mit den hübschen Deinen schaffen wollen, und solche, die sich auf die Tüchtigkeit verlassen. (WaSeS in diesem Falle bedeutet.

und WaS geschasst werben soll, bas zu er­raten bleibt dem Scharf,'sinn deS geneigten Le­sers überlassen)

Der Daron Dankdirektor braucht eine, die einfach ein Bestandteil seiner wohlgeölten Schreibmaschine ist. Geschlechtslos gewissermaßen und 300 Silben in der Minute. Seine versucht es mit den Deinen unb so, und wird deshalb prompt hinausgeschmissen Kaum ist sie draußen, steht die zweite schon drin Die Tüchtige, die mit den 300 Silben Die Kirchenmaus.

Der Haken ist bloß: sie ist auch nicht von Holz, auch kein Maschinenteil. Sr merkt es nur nicht gleich. WaS er bei der ersten vermeiden wollte und (mit knapper Rot) auch noch gerade so eben im letzten Augenblick vermied: passiert ihm bei der zweiten, zwar erst im dritten Akt. aber unaufhaltsam. Sie kriegen sich wahrhaftigen» gotL Es ist rührend.

Es gehört schon eine gewisse liebenswürdige Begabung dazu, aus so wenig etwas zu machen (Fodor h^lt sie). Mit so viel drolligem und nich­tigem Drumunddran. Mit soviel künstlicher Ver­zögerung. Mit soviel Einschiebseln unb Episöd- chen und Anekdötchen unb kleinen Pikanterien und soviel Wiederholungen und harmlosem Geschwätz. Dieser Autor kann kein böser Mensch sein Er muß ein gutes Herz haben Er ift ein Kind, das dem .Leben" die wunderschönsten Seiten abgewinnt, und lächelt dabei ganz lyrisch und ganz träumerisch.

Unter T e l e k y S Führung wurde sehr hübsch, sehr animiert, sehr im Akkord gespielt mit Grazie über alle Untiefen und alles theatralisch- dramatische Brachland hinweg.

Die deine Scherer hat eine Bombenrolle. Die Kirchenmaus, den österreichischen Scampolo, der auf so märchenhaft-lustspielmäßige Weife die Treppe hinauffällt. Sie hat lange nicht so etwas zu spielen gehabt. Und sie spielt es reizend. Himmelhoch jauchzend... zu Tode betrübt Sie darf alle Minen springen lassen und sie ver­anstaltet ein bengalisches Feuer weiblicher Künste. Sie trägt auf schmalen Schultern (man sieht sie in einem aparten roten Abendkleid) den ganzen Erfolg. Sie rettet das Stück, wie es schon in Breslau von ihrer Rolle gerettet wurde. Es war wirklich allerliebst.

ließe. Wollen die Franzosen Ruhe im Land be­kommen. fo werden sie auf hören müssen. daS Volk nur von oben, von der ihrem eigenen Fleck ch fremd gewordenen Elite der Bourgeoisie her anzu'ehen. Sie müllen lernen, das von unten 5er. vom kleinbürgerlichen, bäurischen, proletarischem DolsSelement zu verstehen und zu erkennen, daß diese- Elsässertum. wenn es sich selbst behaupten unb wertvolle Stücke seine- früheren politischen Sein- wahren will, noch lange nicht- Staat-ge'ährliche- unb Hochver­räterisches im Schild führt Jedenfalls könnte Frankre.ch durch diesen unseligen Prozeß sich dahin belehren lallen, daß man daS elfaß-loth- ring'ckche Volk nicht mehr durch die Marseillaise in die Höhe bringt ES will nicht mehr burd> diese Klänge de- nationalistischen Militari-mu- in Bewegung unb Marsch gesetzt werden. Wo eS solche Zumutung verspürt, da fetzt eS bann al- feine Weise: .Straßburg, o Straßburg" ent­gegen. Wenn Frankreich fich durch diesen deut­schen Heimwehton de- Volksliedes rühren lassen könnte, daß eS Vertrauen faßte zum Elsaß, auch wenn, ober gerade weil e- als Iran- zösisches doch deutscher Art bleiben will. bann, aber auch nur bann fönnic alles gut werden. Ob die französische öffentliche Meinung nicht schließlich ihre Regierung zu solcher Einsicht zwingt? DaS wäre der Anfang zur Gesundung. Leider sieht man kaum Anzeichen, daß Frankreich das Elsaß mit richtigen Augen betrachten lernt.

Demonstrationen in Znnsbrnü.

Von unserem y-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Innsbruck, Juni 1928.

.Man hat Straßen und Märkte und Gemein­den umgetauft, man hat mit Gewalt italienische Schilder auf den Fassaden erz' ungen. man hat die deutschsprachige Prelle unterdrückt. Aber die Häuser und die Menschen sprechen ihre Sprache, und die ist nicht italienisch."

Diese Worte aus einem Artikel HakeS. des süd- tirolcr Berichterstatters vom .Svenska-Dagb!a- det" werden von demonstrierenden Studenten auf Flugblättern unter die Bevölkerung ver­teilt. Auf der Maria-kheresienstraße stehen Gruppen und Grüppchen, die das .Ereignis besprechen: .Auch das neutrale Ausland lernt jetzt die Schmach kennen, die man uns angetan!" Es ist dies einer jener im Augenblick hingewot» senen und zufällig aufgefangenen Sähe, aus denen sich der objektive Beschauer falls ein Deutscher hier überhaupt objektiv sein kann ein Bild von der gegenwärtig in Tirol herrschen­den Stimmung zu machen versucht. Diese Bild- konstruktion ist aber, weiß Gott, schwer genug. Selten gab es im österreichisch gebliebenen Tirol ein derartiges Durcheinander von Mei­nungen, Wünschen und Hosfnungen, nie hat aber auch seit den Tagen Andreas HoserS die Tiroler eine solche Verzweiflung ge­packt wie jetzt.

Dieses ehemalige Kronland hat zweifellos die besten, bravsten Truppen des ganzen politisch­territorial recht bunten alten Oesterreichs: Men­schen mit echtem, altem Kaiserjägergeist, wunder­barer Disziplin, bester Tradition, einer Gesin­nung, die nicht anerzogen ist. sondern im Blute steckt und sich vererbt hat durch die Jahrhun­derte. Und Angehörige dieser Truppen haben jetzt der verhaßten, nein, nicht verhaßten, der verachteten Trikolore eine Ehrenbezeugung erweisen müssen! Was daS bedeutet, das versteht kein Ausländer, auch kein Reichsdeutscher, ja daS begreift nicht einmal der Tiroler, wenn nicht Kaiserjägerblut in seinen Adern fließt .Man hätte ihnen das ersparen sollen", so hört man häufig sagen, und so unrecht haben die Leute nicht.

Was die Studenten getan, ist begreiflich, durch­aus erfaßbar, wenn man jugendliches Drauf­gängertum. mit heißer Vaterlandsliebe gepaart in Rechnung stellt. Kein Wort der Entschuldi­gung oder Erklärung für das höhnisch-geschmack­lose, aufreizende Vorgehen des Italienerkonsuls, der Vertragsbruch und Hinterlist im Herzen deS geschändeten Rumpftirols durch Flaggenhissung feiert. Aber gab es wirklich keinen ande­ren Weg zu der nach Internationalem Brauch

Schwerer hatte es Tannert Der gab den gewaltigen Direktor, graumeliert, vor dem alles zittert und bebt. Er war in bester Form. Aber er hatte doch Mühe, der im ersten Akt famoS angelegten, straf en Figur in den Rückzugs­gefechten der beiden andern Aufzüge die Sub­stanz zu wahren. (Bankmäßig und dramaturgisch gelpro<6cn.)

Ein paar saubere Chargen: Alix Krahmer. das wandelnde .Gegenbeispiel" (mit den Beinen und so), srech. kokett, in einen raffiniert gelben Pyjama provozierend eingekleidet: mit leicht auf­getragenem Humor und charmanten Gebärden gab Goll den nur unmerklich vertrottelten lebe- gr.ifcnta ten Tenraltmg-rat. B a st c s hr d o kiz als dusse.iges Banllaktotum Schünzl. Ein neuer Raine: Eduard Wefener (Baron Franz): gute Figur, blond, tenoral, im Spiel etwas operetten­haft-konventionell.'

Die Rovität sand eine sehr freundliche Auf­nahme bei schwach besetztem Hause. Dr. Th.

Oie Anschläge auf Kaiser Wilhelm I.

Zu dem Artikel über die Attentate auf den alten Kaiser im Familienblatt vom Samstag. 2. Juni, stellt unS eine Leserin noch die folgenden Erinnerungen zur Verfügung.

Am Abend, der dem Hödelfchen Attentat folgte, wurde im Königlichen Opemhause .Figaros Hoch­zeit" gegeben. Gegen Ende des 1. Aktes geht eine Unruhe durch das Haus, ein Raunen, der Kaiser kommt! Alle Blicke richten sich auf die Heine Loge nahe der Bühne. Die Tür geht auf und der alte Kaiser kommt herein mit der Tochter, der Großherzogin von Baden und tritt langsam bis an die Brüstung vor. In der Reben­loge stehl tiefernst und bleich der Kronprinz. Mit einem Schlage erheben wir Zuhörer uns von den Sitzen, füllt sich die Bühne mit Menschen ver­schiedensten Aussehens, neben dem Sänger im Kostüm steht der Bühnenarbeiter im Leinwand­kittel. Der Kapellmeister hebt den Taktstock und durch das ganze Haus braust der Gelang: Hell dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, Hell Kall« dir!

notwendigen Wiedergutmachung al- den. her schließlich diese selbe Flagge unter dem Salut auS österreichischen Gewehren wieder in die reine tiroler Bergluft flattern ließ?

Für morgen oder übermorgen ist eine neue Protestverfammlung der deutschen Studenten­schaft gegen 3tallen geplant (Diese hat in­zwischen bereite ftattgesunden. D. Red.) Aus ißt werden u. a. auch soeben hier eingegangenc Tele­gramme k und

Studentenschaften sowie de- Verbände- Südlla- wischer Rationalisten in Dalmatien verlesen wer­den. Und daS ift ein ganz neue-, beson­dere- Moment, dessen Bedeutung nicht un­terschätzt werden darf. Auch hier gehen aber die Meinungen auseinander

Rach dem Zusammenbruch war in Rordtirol der Südslawe oder belfer getagt der Slovene ebenso verhaßt wie der Italiener. Unb mit Recht Denn waS dieser südlich de- Brenner tat, verübte jener in ganz ähnlicher Weite jenseit- des Semmering. Marburg in Riedersteiermark war genau so zum Begriff geworden wie die Stabt WaltherS von ber Vogelweide am Fuße der Dolomiten. Dor noch garnicht langer 3eit hatte auch in Innsbruck bie Rachricht Helle Em­pörung auSgelöft. daß ein flovenischer Bischof deutsche Friedhöfe einebnen läßt. Wen wundert eS da. wenn angesicht- antiitalienischer Demonstrationen in Laibach nicht sofort Tiroler Herzen für Slovenien schlagen?

Die wirlliche politische Bedeutung der Vor­gänge in der Krain, Slovenien und Dalmatien liegen für Tirol aber darin, baß die Aufmerksam­keit der Italiener auf Augenblicke von Oester­reich a b g e l c n tt wurde. Aus Augenblicke nur, denn sobald die Rettuno-Verträge gesichert sind, geht - in Südtirol wieder los al- .Antwort aus die Schmach von Innsbruck". Und da gewinnt plötzlich ein Gerücht Bedeutung, das nicht verstummen will unb von Tag zu Tag an Bestimmtheit gewinnt: der Flagaenzwi- f d) e n f a 11 war in Voraussicht ber Folgen mut­willig von italienischer Seite pro­voziert worden um den Blick ber Welt von den jüngsten deutschseinblichen unb f i r - chenseinblichen Ausschreitungen in Südtirol (Auslösung deutsch-katholischer Vereine usw.) abzuwenden. Haltet ben Dieb!

Und die 200 000 Vogelfreien in Südtirol be­kommen noch engere Fesseln, bekommen i elleicht ein zweites italienische- .Siegesdenk­mal". Und diese Südtiroler beklagen sich nicht, denn niemanb wagt zu sprechen, wlll er seiner Heimat nicht für immer den Rücken kehren ober in südlicher gelegene Gefängnisse wanden». .Man geht schlimmer vor alS in einer Kolonie", so lautet das Urteil deS Schweden Hake, .ir­gendein Recht besteht nicht me h r. unb junge Faszisten können sich gegen bie Einwoh­ner Alcbergriffe jeher Art erlauben." Es besteht kein Recht mühr, unb aus dem Bozener Triumph­bogen lieft man in GvUrschrift die Worte: .Von hier verbreiten wir unter ben Anberen Sprache, Kunst unb Gesetz."

Liquidation

der Zrankfurter Messe (S. m. 6. H.

WSR. Frankfurt a. M.. 5. Juni. Dia Frankfurter Stabtverordnetenversamm» l u n g trat heute zum erstenmal nach der Reu- wahl zu einer Sitzung zusammen. Bei der Wahl des Stabtverordnetenvorstehers wurde der bisherige Vorsteher H e i ß w o l f (Soz.) gegen die Stimmen der Kommunisten wiedergcwählk. Den stellvertretenden Stabtverord» netenvorsteher stellt das Zentrum, den ersten Echrifllührer die Deullche Volk-Partei und den zweiten Schrisllührer die Demokraten.

Der wichttgste Punkt der Tagesordnung, der sozialdemokratische Antrag auf Liquidation der MesseG. m. b. H. unb die E i n st e 11 u n g ber Vorbereitungen zur Herbst- messe, löste eine lebhafte Debatte auS. Der Frakttonsvorsitzerlde der Sollaldemokraten be­gründete den Antrag mit der dauernden Unrentabilität der Messe unb den immer wieder notwendigen Zuschüssen von feiten der Stadt. Selbst in Ausstellerkreisen fei man mit dem Ergebnis der Messe in keiner Weite

Und dann die Krankheitswochen, die dem Robi- lingschen Attentat folgten. Ter Eingang deS Palais in ber Behrenstraße war ständig von Menschen umlagert, die nach dem Befinden deS Kcanken fragten. Da wurden hohe Würdenträger, die auS dem Tor kamen, umringt, unb belichteten dem großen Kreise treulich, was sie erfaßten hatten. 3m Flur des Palais lag eine Lifte auS. in bie sich jedermann eintragen konnte, und ber freundliche alte Diener versicherte sogar unS Schulkindern: ber Kaiser würde unsere Hamen lesen. Und wir glaubten'- ihm auch. Rach seiner Genesung war 5er Kaiser auf einige Zeit zur Erholung von der Hauptstadt abwesend. An eirem klaren Wintertage kehrte er heim. Unter den Linden standen die dichtgedrängten Menschen­massen und durch dieselbe Straße, in der ihm zweimal der Meuchelmord gedroht hatte, fuhr er im offenen Wagen, ohne Schutz. G. Z.

Hochschulnachrichten.

Die Ernennung des o. Professor- Dr Paul Merker in Greifswald zum ordentlichen Professor der deutschen Philologie an der Uni­versität Dresla u als Rachsolger von Pros. Walter Brccht ist erfolgt Prof. Dr. jur. Karl Pribrain, Privatdozent an der Uni­versität Wien, Ministerialrat im Bundesmini­sterium für soziale Verwaltung, zur Zeit Leiter der statistischen Abtellung im Internationalen Arbeitsamte in Gens, hat den Rus auf da­durch die Emeritierung des Geh. Rats A. Voigt an der Universität Frankfurt erledigte Ordi­nariat für Dolkswirtscha tslehre angenommen und bereits seine Ernennung zum ordentlichen Pro­fessor in Frankfurt erhalten. Pro ellor Dr. Alfred Gü11ich, Direktor der HalS-, Rasen- unb Ohrenklinik in GreisSwalb, hat ben Rus an bie Universität Köln als Rachsolger von Prof. Preising angenommen; zu seinem Rachsolger in Greifswalb ist Pro'esfor Dr. All red Linck von der Universität Königsberg be­rufen worden. Der Berliner Literar­historiker. Gymnatialprosessor a. D. Geh. Stu­dienrat Dr. Johannes Bolte ist zum auswär- tigen Mitglied der Ungarischen Akademie bet Wissenschaften gewählt worden.