Ur 3; Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 6 Zebrnar (928
Ltnser Wohnungsbedarf
Von Stadtrat Dr. Merkel.
Der folgende Aufsatz wertet ein interessantes statistisches Material für unser dringendstes wirtschaftliches Problem, die Wohnungsnot, aus. Sn den Schlußfolgerungen, Aenderung des Verteilungsschlüssels für den staatlichen Ausgleichsfonds zugunsten der Großstädte, können wir mit dem Verfasser nicht einig gehen. Wir halten es im Gegenteil für dringend erwünscht, dort Wohnungen zu bauen, wo auch Arbeit vorhanden ist, also namentlich aus dein flachen Lande und in den kleinen Städten.
Sm vorigen Sahr ist eine Zählung der im Deutschen Reich vorhandenen Wohnungen erfolgt, sie wurde in sämtlichen Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern vor- oenommen und darüber hinaus in etwa 8000 kleineren Gemeinden und erstreckte sich im ganzen auf 68,6 Prozent der deutschen Vevölke- rung. Die Ergebnisse dieser Wohnungszählung geben wichtige Ausschlüsse über die Wohnungs- Verhältnisse unseres Volkes, vor allem ist der Vergleich mit le. Vorkriegszeit inte.e'sant. Sn der Vorkriegszeit ist auf eine Statistik der Wohnunyen und der Haushaltungen, sowie ihres Verhältnisses zueinander, lein großer Wert gelegt worden. Don einer Wohnungsnot, wie sie uns heule bedrängt, war damals nichts zu spüren. Sm Frieden ftanöen dauernd 2 bis 3 Prozent oller Wohnungen leer und bildeten eine genügende Reserve. Die Zahl der Wohnungen war tm Frieden fast ebenso hoch, wie die der Haushaltungen. Das hat sich nach dem Kriege wesentlich göänder!; Ende 1926 waren kn Deutschland 9 5 0 0 0 0 Haushaltungen mehr vorhanden als Wohnungen, und man wird für die Zukunst mit einem jährlichen Zuwachs von rund 200 000 Haushaltungen rechnen müssen. Dieser Zuwachs wird voraussichtlich bis 1935 anhalten, denn von da ab wird sich der starke Geburtenrückgang in der Rachkriegszeit bemerkbar machen.
Der Wohnungsbedarf ist also jetzt und in den nächsten Sahren bedrohlich stark. Zwar bescheiden sich viele Ehepaare mit kleinen Haushaltungen und müssen sich schon deshalb bescheiden, weil ihr Einkommen die Zahlung einer hohen Miete nicht zuläht: auch die Erwerbslosigkeit verringert die Rachfrage nach Wohnungen etwas, weiter beanspruchen namentlich die jungen und jüngsten Ehepaare — seit dem Kriege ist die Zahl der Eheschließungen in den jüngeren Altersklassen ganz erheblich gestiegen — zunächst keine eigene Wohnung, sondern Hausen bei Eltern und Verwandten. Es nehmen auch viele ältere Leute und Einzelpersonen, die eigene Wohnungen haben, unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse in zahlreichen Fällen Ehepaare als Untermieter aus. Aber alles dies genügt nicht, die Wohnungsnot auch nur einigermaßen zu beheben. Dazu kommt, daß alljährlich ein größerer Teil von Wohnungen infolge der Vernachlässigung im Kriege und in der Inflationszeit verfällt und unbewohnbar wird. Cs müssen auch zahlreiche Rot- und Behelfswohnungen in den nächsten Sahren durch Reubauten erseht werden.
Die Ergebnisse der Reichswohnungszählung lassen erkennen, daß jetzt mindestens600 000 Wohnungen fehlen und daß überdies jährlich 200 000 neue Wohnungen gebraucht werden. Ratürlich sind dies nur Durchschnittsberechnungen für das gesamte Reichsgebiet und ergeben keinen Anhalt für den örtlichen Bedarf der einzelnen Gemeinden. Der örtliche Wohnungsbedarf ist je nach der wirtschaftlichen Entwicklung, nach den verfügbaren öffentlichen Mitteln und nach anderen besonderen örtlichen Bedingungen ganz verschieden. Vor allem bestimmt die Zu- und Abwanderung den örtlichen Bedarf an Wohnungen weit stärker, als der Haushaltszuwachs im Sahresdurchschnitt. Allerdings kommen für diese Zu- und Abwanderung in erster Linie Sugen bliche in Be- tvacht, die keinen eigenen Haushalt haben, sondern in Untermiete wohnen. Trotzdem werden, wie erwähnt, bis auf weiteres 200 000 neue Woh-
Theateranekdoten.
Heitere Erlebnisse üus der Welt der Kulissen.
Von Hermann Sieingoetter.
Der Ausspruch „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst" wird von gar vielen dahin aufgelegt, daß sie sich das Leben des Künstlers als rosiges Crdenwallen vorstellen. Das ist grundfalsch, denn jede ehrliche Kunst verlangt ernste Arbeit, und wie wenigen ist das „Lache. Bajazzo" ganz erspart geblieben. Dies gilt vor allem für Bühne und Bühnenkünstler. Bei diesen gibt allerdings die Ausübung ihrer Kunst Anlaß zu manch heiterem Sntermezzo, und so seien hier einige kleine Erlebnisse aus der Welt der Kulissen mitgeteilt, die den Vorzug haben, wahr zu fein, da sie der Schreiber dieser Zeilen selbst miterlebt hat.
Es wurde da einmal Grillparzers „Medea" mit einem Gast gegeben. Sn einer Szene mit Kindern hat eines zu Sason zu sagen: „Es schilt dich, Gora einen Griechen". Das Kind sagte mit Anpassung an seine Gedankenwelt unverzagt: „Die Mutter schilt uns Kriecher, Vater". Es kostete unendliche Mühe aus den Proben, die „Kriecher" zu vertreiben und die „Griechen" zu Worte kommen zu lassen. Als bei der Ausführung die gefürchtete Stelle kam, erscholl es aber doch mit hoher, heller Kinderstimme: „Die Mutter schilt uns Kriecher, Vater!"
Verhältnismäßig kleine Versprechen üben oft ungeahnte Wirkung aus. So erzielte z. V. ein Mitglied, das von der Oper kam, einen lebhaften Heiterteitsausbruch, da es als Mechthild in „Wilhelm Teil" den Knaben vor Geßlers Hut zurief: Dort hängt der Landgraf, hobt Respekt, ihr Buben. Sie hatte den Teil mit dem Tannhäuser verwechselt. Eine andere Dame hatte das Lieschen im „llrfauft“ zu spielen. Die Rollenbücher waren mit der Orthographie des ilr- lextes gedruckt und Lieschen hatte u. a. die Verse „Wenn uns die Mutter nicht nabe lief), Stand sie bei ihrem CB ulen süß."
zu sprechen. Snfolge der mißverstandenen Orthographie ward in ihrem Munde aus dem
nungen jährlich benötigt. Fast genau diese Anzahl von Wohnungen ist in der Vorkriegszeit alljährlich neu erstellt und es sind außerdem gegen 50 000 abbruchreife Wohnungen durch Reubauten erseht worden, demgegenüber betrug der Zugang an Wohnungen 1924 106 500, 1925 178 900, 1926 204 000 und auf der Ziffer von 200 000 wird er sich weiter halten.
Wichtige Aufschlüsse bringt die Reichswohnungszählung auch über die hohen Zahlen der sog. zweiten und weiteren Haushaltungen, d. h. der Haushaltungen, die zwar eine eigene Hauswirtschaft führen, aber mit einer anderen Haushaltung zusammen eine gemeinsame Wohnung benutzen. Solche zweite Haushaltungen wurden 591 000 — das sind 6,4 Prozent aller Haushaltungen in den Gemeinden über 5000 Einwohner — gezählt: dabei ist besonders zu bemerken, daß je größer die Gemeinde, desto höher die Zahl so cher zweiter Haushaltungen ist und in den Großstädten ihren Höhe»- punkt erreicht. Während in den Gemeinden von 5000 bis 20 000 Einwohner auf 25 Haushaltungen erst eine zweite Haushaltung kommt, hat in den Großstädten bereits jede dreizehnte Haushaltung keine eigene Wohnung. Sn Prozenten ausgedrückt, stellt sich die Verteilung der zweiten und weiteren Haushaltungen folgendermaßen dar: in Gerne.nden mit 5- 20 000 Einwohnern 3,9% „ „ . 20- 50 000 . 5,4/0
. „ „ 50-100 000 „ 6,6%
„ „ über 100 000 „ 7,5%
Doch damit nicht genug. Sn vielen Großstädten ist die An.^äu,ung von mehreren Haushaltungen in nur einer Wohnung noch stärker. So ergeben sich in München 8,2 Prozent, Frankfurt am Main 9,6 Prozent, Hannover 11,1 Prozent, Leipzig 11,2 Prozent, Rurnberg 11,5 P rozent und Hamborn 14,3 Prozent.
Wie stark die Wohnungsdichte jetzt in Deutschland ist, geht auch aus den Ziffern über leerstehende Wohnungen hervor. Dor dem Kriege
standen im Durchschnitt 2 bis 3 Prozent aller Wohnungen leer. Setzt sind in den deutschen Großstädten Höch st ens 0,3 Prozent Leerwohn ungen vorhanden. Diese Ziffer steigt etwas in den kleineren Gemeinden und betragt in den Gemeinden mit 2000 bis 5000 Einwohner, auf die sich die Wohnzählung erstreckt hat. etwa 0,6 Prozent. Die Wohnungsnot, zumal de. Großstädte, wird noch dadurch deutlicher illustriert, daß von ihrem geringen Bestand an leeren Wohnungen etwa die Hälfte für eine Linderung der Wohnungsnot überhaupt nicht in Betracht kommt, denn 35,6 Prozent der am Tage der Zählung als leer festgestellten Wohnungen waren bereits vermietet und 9,6 Prozent unbeziehbar, das sind zusammen 45,2 Prozent. Weiterhin waren 23,1 Prozent aus anderen Gründen nicht vermietet, hierunter vor allen, die noch leerstehenden Wohnungen in Reu- bauten. Rach alledem konnte nur über 31,7 Prozent der leerstehenden Wohnungen verfügt werden.
Diese Ziffern geben zu denken. Die Reichs- wohnungszählung beweist aufs neue, daß die Wohnungsnot in den Städten am größten ist und daß hier an erster Stelle neue Wohnungen gescha fen werden müssen. Unfere Wohnungspolitik muß deshalb bei der Derteilung der öffentlichen Mittel für den Wohnungsbau die e itädtlschen Smete.fcn gebührend berücksichtigen. Seht werden zumal die Großstädte hierbei erheblich beeinträchtig:, 'enn sie erhalten längst nicht die innerhalb ih.es Dezir.es aufkommenden, lür den Wohnungslx.^ bestimmten MietzinS- steuerbeträge, sondern es werden ihnen im Gegenteil ganz erhebliche Teile ihres Mietzinssteuer. auskommei-.s dadurch entzogen, daß sie dem staatlichen Ausgleichfonds zuflieben, aus den.n zumal ländliche S.edlungen gespeist werden. Das ist ein Unöing. Wo die Rot am größten, soll die Hilfe am nächsten sein. Eine Aenderung der Derlei« lungsgrundsähe ist deshalb ein Gebot der Stunde.
ts=
Der deutsche Ruslaudssieg.
Von Or. Paul Rohrbach.
Als nach Beendigung des Weltkrieges die Engländer in China sich daran machten, alles was deutjch war unter demütigenden Mi'Handlungen durch farbige Polizisten zusainmenzu- treiben und in die schmutzigen Zwischendecks aller Frachtschiffe zur „Repatriierung" nach Deutschland zu verladen, ■ und sich unter ihnen selbst vereinzelte Stimmen gegen diese Barbarei erhoben, sagte der damalige englische Generalkonsul in Schanghai: „Es ist die letzte Chance, die wir haben, ihren Handel hier für immer zu zerstören, und wir wären Rarren, wenn wir sie nicht benutzen wollten!" Die Chinesen sympathisierten keineswegs mit dein Abtransport der Deutschen, aber sie hatten keine Macht, ihn zu verhindern. Die englischen Konsuln schalteten und walteten auf chinesischem Boden, als ob sie zu Hause wären. Außer der Entfernung der Deutschen und der Zerstörung ihrer Geschäftsbetriebe wurde noch ein anderer Zweck verfolgt: durch ihre erniedrigende Behandlung die Chinesen davon zu überzeugen, daß der Deutsche ein „minderwertiger" Mensch sei, und keine Achtung verdiene. Auch die Lüge vom Aus kochen des Fettes aus den Leichen deutscher Gefallener war von den Engländern speziell auf China berechnet, wo nichts im Stande gewesen wäre, einen größeren Abscheu vor (fitem Deutschen zu erwecken, wie eine solche Schändung der Toten — wenn man die Chinesen dazu hätte bringen können, diese Unwahrheit zu glauben!
So wie es in China geschah, so geschah es systematisch auf der ganzen Welt, wo England entweder Herr oder imstande war, die Tertreibung und Enteignung der Deutschen durchzusetzen. Es scheute sich auch niemand unter den Engländern, einzugestehen, daß die dauernde Vernichtung des deutschen Handels in und mit den Lieberseeländern der Zweck dieser
Buhlen ein Bulle, mit welcher Wirkung kann man sich denken.
Sn der seligen Birch-Pfeiffer Schauspiel „Die Grille", das vor einem Menschenalter überall gegeben wurde, hat der Landry irgendwo zur Fanchon zu sagen: „Du zitterst und bist blaß wie eine Leiche". Dem Darsteller passierte das Malheur, daß er Len Satz verdrehte und mit Emphase behauptete: „Du bist blaß und zitterst wie eine Leiche". Der Unglücksrabe hatte lange an dem Beinamen der zitternden Leiche zu tragen.
Dieser Vorfall wie der im folgenden geschilderte, ereignete sich am Stadttheater in W.
Als Ludwig Fuldas „Talisman" neu war, wurde er auch an dem betreffenden Theater ein» studiert. Die Darstellerin der Rita hat den bekannten Sah zu sprechen:
„Wie kann dich, Herr, das so erbosen?
Du bleibst ein König auch in Unterhosen!" Run ist es beim Theater gang und gäbe, für den Begriff: ein Wort betonen oder nicht betonen den Ausdruck zu gebrauchen: ein Wort fallen lassen. Dem betreffenden Spielleiter schien nun bei der Probe die Rita nicht richtig zu betonen und rief ihr zu: „Aber Fräulein, lassen Sie doch die Unterhosen nicht fallen!"
Ebenso unvergeßlich wird denen, die ihn miterlebt haben, der folgende Vorfall sein: Am Stadttheater in G. war eine Dame mit Ramen Willig angestellt, die nicht nur ein vorzüglicher Bureauchef war, sondern sich auch sonst, wo es anging, nützlich machte. Es war eine Probe von Humperdingks „Königskindern", und das technische Personal hatte alle Hände voll zu tun. Namentlich fehlte es für die Bedienung der sieben kaschierten Gänse, die alle einzeln von der Unterbühne aus bedient werden muhten, an intelligenten Kräften, denn es wäre sehr unerwünscht gewesen, wenn die eine oder andere Gans ihr Futter mit dem Schwanz statt mit dem Schnabel aufzupicken versucht hätte. Frl. Willig stellte sich bereitwillig für die Bedienung einer Gans zur Verfügung. Bei der Generalprobe, der der Direktor im Zuschauerraum beiwohnte, kamen auf das Stichwort nur sechs Gänse zum Vorschein. Der Direktor, der genau wußte, daß er sieben kaschierte Exemplare des nützlichen Vogels angeschafft hatte, rief zur Bühne hinauf: „Wo bleibt denn die siebente Gans?"
Hebung fei. und es war nicht ein in der Leidenschaft des letzten Kampfes und Ha gefaßter Entschluß, sondern ein von Beginn oes Kr eges an entworfener und über eg ter Plan, ^uch hatte es in den ersten Sahren nach dem f»genannten Friedensschluß den Anschein, als ob die englische Absicht erreicht werden würbe, bis auf die wenigen über,e:iid)en Länder, die bis zuletzt im Kriege neutral geblieben waren. An diese Vorgänge muß man denken, wenn man ein richtiges Urteil über den heute sichtbaren, von Tag zu Tag deutlicher werbenden Sieg des deutschen Ueberseekaufmanns über den Anschlag zu feiner Erwürgung von 1919 und 1920 gewinnen will. Gleichviel, ob man in Süd- und Mittelamerika, in Ostasien, in Afrika oder sonst auf der Welt die Deutschen besucht: Heber- all arbeiten sie und überall ist i h r Sieg entschieden. Es gibt sogar Plätze und Länder, wo der deutsche Handel schon bedeutender ist, als vor dem Kriege. Ratürlich ist das nidjt an allen Stellen der Fall, aber die feste Basis ist wiedergewonnen, und babe: lassen sich Beobachtungen machen, die für die Zukunft noch weitere Fortschritte der deutschen Sache versprechen.
Besonders eine Beobachtung ist sehr eigentümlich, und auf den ersten Blick könnte sie schwer glaublich erscheinen. Sie wiederholt sich aber an verschiedenen und weit voneinander entlegenen Plätzen in übereinstimmender Weise. Die früher so lebendige Snitiative des englischen Kaufmanns scheint im Ermatten begriffen, und der Engländer selbst gesteht ein: Es fängt an, uns an Rachwuchs z u mangeln! Der starke Strom energischer junger Kräfte, der sich solange.aus England in alle überseeischen Gebiete ergossen hat, mit dessen Hilfe die englische wirtschaftliche Welteroberung ihre großen Triumphe errungen hat — er beginnt
Worauf der Theatermeister mit Stentorstimme antwortete: »Fräulein Willig ist noch nicht da!" Tableau!
An einem Kurtheater stand alter Tradition gemäß auf dem Theaterzettel der ständigePassus: „Größere Pausen werden durch Fallen des eisernen Vorhanges angezeigt". Als die Mode der „Freilichtbühnen" in Schwung kam, sollten auch in unserem Kurort Vorstellungen im Freien eingerichtet werden. Versehentlich war aber bei der ersten Ankündigung einer solchen Vorführung obiger Passus stehengebliebcn. Ein eiserner Vorhang konnte zwar nicht in Funktion treten, dafür wurden aber um so lebhafter die Lachmuskeln aller, die diesen Theaterzettel lasen, in Bewegung gesetzt.
Ein anderer Vorfall, der zwar nicht direktes Theatererlebnis ist, aber doch im Theatermilieu spielt, ereignete sich wiederum am Stadttheater in G. Zu Bismarcks hundertstem Geburtstag fand eine Fest feier statt: das Rednerpult stand über dem Souffleurkasten und unmittelbar daran angelehnt, von Blumen umrahmt, eine Ko- losfalbüste Bismarcks. Sm letzten Augenblick bemerkte jemand, daß die Büste defekt und der Kops nur aufgeleimt war und nicht einmal sonderlich fest zu sitzen schien. Ehe Abhilfe geschaffen werden konnte, war der Festredner bereits hinter das Pult getreten, und die wenigen, die schnell in das Verhängnis eingeweiht worden waren, hatten nun eine qualvolle Stunde zu überstehen. Unglücklicherweise war nämlich der Redner ein sehr temperamentvoller Herr, der bei allen Kraftstellen das Pult weidlich bearbeitete. Die Büste zitterte lebensgefährlich, und den Eingeweihten war bei jedem Faustschlag auf das Pult zumute, als hätten sie einen Kinnhacken von einem Schwergewichtsmeister ein» stecken müssen! Wenn — — es war nicht auszudenken. Run. das Unheil trat nicht ein, und Bismarck behielt seinen Kopf, wie er ihn ja auch im Leben niemals verloren hat.
Und nun zum Schluß noch ein Erlebnis, das dem Schreiber dieser Zeilen selbst passiert ist. Cs war in G. und zu einer Zeit, als da noch etwas primitive Theaterverhältnisse herrschten, und als der Theaterleiter unter Umständen im Betrieb selbst mit Hand anlegen mußte. Es war am Abend der Erstaufführung von Kleists „Prin-
jetzt dünner zu fließen. England hat schon vor einem halben Jahrhundert eine geringere Geburtenzahl gehabt als Deutschland, und das Sinken der Geburtenziffer war dort schon vor einem Diertcljahrhundcrt deutlich zu merken. Heute gibt es in England nur noch zwischen 18 und 19 Geburten jährlich auf das Tausend der Bevölkerung, noch weniger als in Deutschland, nachdem wir den großen Absturz unserer Fruchtbarkeit seit dem Kriege erlebt haben. Damit verbindet sich die immer stärker aiischwellendc Klage in England, daß es nicht möglich ist, auch nur einen kleinen Teil von der Million Arbeitsloser durch Auswanderung in überseeische Kolonialgebiete abzuschieben, das Mutterland zu entlasten und die Kolonialgebiete zu stärken. Die feiernden Arbeiter bleiben lieber mit 15 Schillingen wöchentlicher Unterstützung zu Hause, als daß sie auswandern.
Umgekehrt erlebt es der deutsche Kausmann oder Pflanzungsbesitzer in den Heberseeländern, daß ihm jetzt unter dem Druck der Verhältnisse in der Heimat, von denen gerade die gebildete Schicht, einschließlich der Landwirtschaft, am stärksten betroffen ist, tüchtige junge Leute, mit denen sich etwas anstellen läßt und die auch bald selbst danach streben, etwas Eigenes zu unternehmen, in Menge zuströmen. Heute ist nicht mehr das englische, sondern das deutsche Menschenmaterial für den Aufbau überseeischer Wirtschaftsbetriebe, mag es ein kaufmännisches Geschätt, eine Farm oder eine Pflanzung sein, das überlegene. Was dem Deutschen noch fehlt und was der Engländer noch hat, ist das Kapital, aber es zeigt sich immer deutlicher, daß aus die Dauer doch der Mensch mehr wert ist als das Geld.
Sn unseren alten Kolonien Südwestafri- k a s gestehen die aus dem Kapland und den Rachbargebieten gelommenen Engländer und Buren, daß sie es in der Farmwirtfchaft unter südwestafrikanischen Verhältnissen nicht mit den Deutschen auf nehmen können. Sn Ostafrika hat man die Deutschen auch wieder zulassen müssen, weil keine Aussicht war, ohne ihre Hilfe das Land wieder vorwärts zu bringen. Sn dem englisch gewordenen Teil von Kamerun sind so gut wie alle früheren deutschen Pflanzungen wieder in deutschen Händen: die deutschen Vor- besiher haben sie wieder zurückgekauft. Sn den zentralamerikanischen £äi bem sind die deutschen wirtschaftlichen Unternehmungen in guter, zum Teil in glänzender Entwicklung. Sn China ist die Zahl der deutschen Kaufleute heute größer als vor dem Kriege. Al'erdings wird nicht mehr so viel verdient wie da.nals, weil die Deutschen sich untereinander starke Ko.i- kurrenz machen, aber sie bringen vor, während alte englische Firmen stillstehen oder zurückgehen.
Am sichtbarsten ist der Rückschlag gegen die Engländer vielleicht in O st a s i e n , wo ihnen die Saat, die sie 1919 gegen die Deutschen auszustreuen gedachten, in einem ganz andern Sinne aufgegangen ist, als sie es erwartet haben. Richt der Deutsche hat in den Augen der Chinesen gelitten, sondern der Chinese folgert jetzt umgekehrt: Wenn der Engländer geglaubt hat, das dem SemJ)e' n antun zu können, der doch auch ein Europäer ist, so brauchen wir uns nicht zu genieren, ihn auch so zu behandeln, sobald wir die Gelegenheit haben. Und die Gelegenheit fand sich, als es um den Boykott gegen den Kattun von Manchester ging, in den Chinas Millionen sich zu kleiden gewohnt waren. Auch ein Blick auf die Schwerfälligkeit, mit der Kohlenbergbau und Vaumwollindustrie in England den Weg zur Umstellung, zur „Rationalisierung", nicht finden können, den die deutsche Wirtschaft erfolgreich beschritten hat, zeigt uns, daß an Dem innem Verhältnis zwischen der deutschen und englischen Wirtschaftsenergie sich etwas verändert hat — und nicht zu englischen Gunsten.
Sprechstunden der Redaktion.
12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 1 Ufjt nachmittags. Samstag nachmittag geschlossen
Jüt unverlangt eingesandte Manuskripte ohne beigesügtes Rückporto wird feine Gewähr übernommen.
zen von Homburg": für die Ausstattung war das Mögliche geschehen, nur die Fahnen für das Schlußbild schienen dem Theaterdirektor nicht effektvoll genug und er halte in letzter Stunde noch hellglänzende Messingspitzen für die Fahnenstangen beschafft. Zur Probe befestigte er eine solche Spitze an einer Stange und eilte damit von seiner Privatwohnung über die Straße in das nahe Theatergebäude. Es herrschte starker Rebel, und die Messingspitze flimmerte an der aufrecht getragenen Stange wie ein kleines Licht. Auf einmal naht ein ähnliches Licht: Cs war ein Laternenanzünder, der den „Fahnenträger" anhielt und ihn im heimischen Dialekt apostrophierte: „Wo willst Du denn hin? Du wirst mer doch nett ins Geschäft pusche wolle?" Er hatte Konkurrenz vermutet. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht: ein pflichttreuer Laternenanzünder und ein Theaterleiter, der seinen Beruf richtig versteht, sie sind vielleicht gleichermaßen berufen, dem Publikum ein Licht anzustecken.
Spahenzählung in London.
Ein britischer Ornithologe, E. M. Nicholson, beschäftigt sich längere Zeit damit, die Zahl der Vögel in den Großstädten zu zählen. In einem Vortrag, den er vor der Londoner natunvissenschastlichen Gesellschaft hielt, betonte er, daß die Vogelkunde noch in ihren Anfängen stehe. Zwar habe man die Klassifizierung und Beschreibung der einzelnen Vögel so ziemlich vollendet, aber sehr viele wichtige Dinge über das alltägliche Leben der Vögel lägen noch im Dunkeln. Wer wisse z. B., wieviel Spatzen es in ganz London gibt? Wenn man jemanden danach frage, so werde dieser gewiß antroorten, sie zählten nach Millionen, aber das sei durchaus falsch. Nicholson hat die Spatzen in Kensington Garden viermal nacheinander sorgfältig gezählt und gefunden, daß sich dort auf jedem acre (gleich 40 Ar) sechs bis zehn Spatzen finden. Da das ganze Gebiet von London 75 000 acre umfaßt, so gäbe es, wenn man die Höchstziffer von zehn auf den acre annimmt, in ganz London nur 750 000 Spatzen. Da aber die Vögel in Kensington Garden ungewöhnlich dicht säßen, so wäre die wirkliche Beoölkerungszifser der Sperlinge noch viel geringer und könnte höchstens auf 300 bis 400 000 angenommen werden.


