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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 6. Februar 1928.

Auswandererberatung.

Man schreibt uns: Der kürzlich hier gezeigte Film wird bei vielen die Lust zur Auswan­derung nach Kanada geweckt haben. Sn deutschem und evangelischem Interesse ist es an­gebracht, hier einige Worte zur Aufklärung zu sagen.

Es ist nicht zu bezweifeln, daß die kana­dische Regierung ein großes Sntercsse da­ran hat, Auswanderer gerade aus Deutschland anzuziehen. Für ein menschen­armes Land sind Menschen die beste Kapital­anlage, und der Deutsche hat auch in Kanada den Rus, ein tüchtiger Arbeiter zu sein. Auch ist richtig, daß einer, der sich nicht vor harter, entbehrungsreicher Arbeit scheut, in Kanada die Möglichkeit hat, einmal zu einem eigenen Heim auf eigener Scholle zu kommen. Bezüglich des Klimas muß freilich gesagt werden, daß Kanada, da dort der Golfstrom fehlt, ein sehr viel härteres Klima hat als Deutschland. Die gün­stigsten südlichen Landstriche sind schon ver­teilt. Sn den nördlicher gelegenen Teilen des Landes ist aber nur bei besonders gün- Utgfn Witterungsverhältnissen auch eine gute Ernte zu erwarten. Cs wird darum für diese Landstriche empfohlen, sich nicht auf den Weizen­bau zu beschränken, sondern eine Mischwirtschast mit Viehhaltung usw. einzuführen. Auf solche Weise mag auch dort ein Auswanderer all­mählich voran kommen und wenigstens seinen eigenen Lederol nterhalt bestreiten können.

Das ernsteste Bedenken aber ist, daß der Auswanderer gerade in Kanada bald sein Deutschtum verlieren muß. Dor kurzem sind Tausende deutscher Mennoniten, die nach jahrelanger Arbeit schon zu eigenem Besitz gekommen waren, nach Paraguay und anderen Ländern ausgewandert, weil man ihnen in Kanada nicht erlauben wollte, ihre deutsche Schule zu behalten. Die Mennoniten sahen aber gerade in dem deutschen Unterricht die Möglichkeit, auch ihre religiöse Eigen­art zu bewahren, und haben lieber Haus und Hof darangegeben, als sich ihren tiefsten see­lischen Besitz rauben zu lassen. Erst wenn die kanadische Regierung so weitherzig handeln würde, daß sie nicht bloß deutsche Kirchen, sondern deutsche Schulen erlaubt, könnte man zu der Auswanderung in dieses Land raten. Cs wäre auch dann immerhin sehr er­wägenswert, daß Gruppenauswande­rungen schon hier in Deutschland vorbereitet würden. Denn der einzelne Deutsche wird sich nur dann halten können, wenn er deutsche Rachbarn hat. Rur in solchem Falle wäre ja auch selbstverständlich die Einrichtung einer deutschen Schule möglich.

Zum mindesten muß man den Auswanderungs­lustigen empfehlen, den Anschluß an eine Kirchengemeinschaft zu suchen, welche der heimatlichen entspricht. Die lutherische Aus- wandercrmission Hamburg, Rautenbergstrahe 11, vermittelt Stellen für solche Auswanderer, die von der lutherischen Kirche Herkommen. Auch die Reformierten haben eine Vermittlungsstelle in Kanada selbst. Die Adresse ist: Immigration Board

of the Reformed Church in Canada. Rev. Jason Hoffmann, President, Fort Saskatschewan. Alta.

Wer sein Deutschtum, das viel enger, als wir es hier annehmen, mit dem seelischen Le­ben zusammenhängt, bewahren will, dem ist viel eher als eine Auswanderung nach Kanada eine solche nach Südbrasilien oder Para­guay zu empfehlen. Dort gibt es schon eine ganze Anzahl von deutschen Gemeinden. Pastor Lindemann in Oeynhausen gibt allen, die sich für diese Auswanderung entschließen wollen, Rat. Für Auskünfte über sonstige Auswan- derungsmöglichkeiten sorgt in gründlicher Weise schließlich noch das Snstliut für das Auslands­deutschtum in Stuttgart.

Date« für Dienstag, 7. Februar.

Sonnenaufgang: 7.31 3Ihr, Sonnenuntergang: 16.58 31hr. Mondaufgang: 18.47 ilfjr, Mond- Untergang: 8.43 311jr.

1807: Schlacht zwischen dem russisch-preußischen Heere und Rapoleon bei Preußisch-Eylau (7. und 8.). 1812: Der Dichter Charles Dickens in Land Port bei Portsmouth geb. lgest. 1870). 1851: Der Kunsthistoriker Hugo v. Tschudi auf Gut SaLbshof in Riederösterreich geb. (gcft. 1911). 1915: Winterschlacht in Masuren (bis 15. Februar).

Bormotizcn.

Tageskalender für Montag. DeutLchnationale Volkspartei. 81', Uhr.Post­kelle?', Hauptversammlung. Volkshochschule: 8 31 hi, Reue Aula. Tanzabend. Hessische Ver­einigung für Volkskunde: 81/» Uhr. im Hör- sal 44 der Universität. VortragDas Heimweh des Volkes'. Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: Das Schicksal der Vertriebenen". Astoria- Lichtspiele:Der Polizeispitzel von Chikago".

Aus dem S t a d t th e a t e r b u r e a u wird uns geschrieben: Zur morgigen Ausführung vonSp m m e r n a ch t s t r a u m". die bekannt­lich als ß^rcnabcni) und Abschiedsvorstellung für Intendant Hofrat Steingoetter gedacht ist, sind noch Plätze im Parkett und in den Logen erhältlich,, worauf ausdrücklich hingewiesen sei. Die Bestellung wird sich übrigens in flottem Zuge abwickeln, da nur eine Pause, nämlich nach dem siebenten Bilde, gemacht wird. Die Vorstellung wird in keinem Fall im Abonne­ment wiederholt.

Professor Dr. Kramer f. Der Direk­tor unseres Museums, Prozessor Dr. phil, h. c., Major a. D. Karl Kramer, ist gestern ver­storben. D«r Heimgang dieses verdienstvollen Mannes, den seit 1896 dem h ejigen Museum Vor­stand und ccks Denkmalspfleger für die Kreise Gießen und Schotten und einen Teil des Kreises Büdingen wertvolle Ausschlüsse für die ober- hessische Heinaatgeschichie beibrachte, bedeute, für das geistige Kleben unserer Stadt und für die heimatkundliche Forschung in unserer Provinz einen starken 'Perlust. Der Entschlafene, der ur­sprünglich Offizier war, wirkte u. a. von 1914 bis 1917 als Dahaillonskommandeur im hiesigen Kriegsge'angensnlager. Eine eingehendere Wür­digung dec Persönlichkeit und des Wirkens des Entschlafenen warben wir noch bringen.

Militär ^Personalien. Mit Wirkung vom 31. Sanuat 1928 von der Stellung des LandeskommairdaLiten in Hessen enthoben wurde Oberstleutnant Fxttz vom l.Datl. S.-R. 15. Mit

Wirkung vom 1. Februar 1928 zum Landes - kommandanten in Hessen ernannt wurde Major Lüters, Kommandeur des l.Datl. S.-R. 15 in Gießen. Zu Obersten befördert wurden mit Wirkung vom 1. Februar 1928 Oberst­leutnant Fritz, Kommandant von 31lm; Overst- leutnant Schönheinz, S.-R. 15; Oberstleutnant Dehhle, Stab des Gruppen-Kommandos 11.

231. Bon der Landesuniversttät. Dr. med. Willy Engelhardt. Assistenzarzt an der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, der sich für das Fach- der Haut- und Geschlechts­krankheiten zu habilitieren wünscht, wird am Dienstag, 7. Februar, 6 h. c. t. in der Kleinen Aula seine öffentliche Probevorlesung über das Thema:Die biologische und rassenanatomische Bedeutung der Hautdrüsen" halten.

** ©inSnstitut f ü r Wirtschafts­wissenschaft" an der Universität Gießen. Das Staatswissenschastliche Seminar der hessischen Landesuniversität ist mit der Be- triebswirtschastlichen Abteilung vereinigt und mit zwei neuen Abteilungen für Wirtschaftsgeo­graphie und Wirtschaftsgeschichte ausgestattet worden. Leiter des neuen Instituts sind die Professoren Friedr. Lenz, P. Momber t, Ernst Günther, Hermann Aubin und F. K l u t e.

Haftbefehle gegen Abgeordnete. Snfolge von Zweifeln darüber, ob bei Haft- oder Dorführungsbesehlen gegen Reichstags- oder Landtagsabgeordnete schon der Erlaß oder erst die Vollziehung des Haft- oder Dorführungs­befehls der Genehmigung des Reichstags oder des Landtages bedarf, haben sich der Reichs­minister des Snnern und der Reichsjustizminister über folgende Auffassung geeinigt:Der Erlaß eines Haftbefehls gegen einen Abgeordneten ist die behördliche Anordnung, den Abgeordneten in Haft zu nehmen. Diese Anordnung stellt an sich eine Beschränkung der persönlichen Freiheit des Abgeordneten dar, welche die Ausübung des Abgeordnetenberufs M beeinträtigen ge­eignet ist. Muh der Abgeordnete damit rech­nen, daß er auf Grund eines Haftbefehls bei Beendigung seiner Smmunität, also z. B. im Falle der jederzeit möglichen Auflösung des Hauses, dem er angehört, der sofortigen Verhaf­tung ausgesetzt ist. so kann er sich unter dem Druck dieses Bewußtseins seinen Abgeordneten- pflichten, insbesondere der Teilnahme an Sitzun­gen. in denen etwa mit der Auflösung des Hauses zu rechnen ist, nicht mit der Freiheit widmen, deren Schutz der Art. 37 Abs. 2 der Reichs­verfassung gewährleistet." Die Staatsanwalt­schaften sind angewiesen, gegebenenfalls diese Aussassung den Gerichten gegenüber zu vertreten.

** Verband für deutsche Frauen- fleiöung und Frauenkultu r. Die Orts­gruppe Gießen hielt dieser Tage im Hotel Schütz ihre diesjährige Generalversammlung ab. Die Vorsitzende, Frau Schäfer, begrüßte die Er­schienenen und gab den Tätigkeitsbericht, der die Veranstaltungen des vergangenen Sahres, die die Ortsgruppe unternommen hatte, kurz schilderte. Frau Kallenbach gab dann den Kassenbericht. Dieser zeigte in sehr gut ausgeführter Form die finanziellen Verhältnisse des erst seit 2 Sahren bestehenden Vereins. Die Mitgliederzahl betrug am Schluß des Sahres 116. Man besprach darauf den geplanten Kostümabend, der mit Tanzvor­führungen von Frl. Maria Kübel und Herrn Steinbach verschönt werden soll. Die Vor­

sitzende legte, da Wahljahr ist. die Aemfer deS Vorstandes in die Hände der Versammlung zurück und dankte all denen, die ihr bei den Ausstellungen. Messen und Vorträgen so treu­lich geholfen haben. Der alte Vorstand wurde durch Zuruf wiedergewählt, für die ausgeschie­dene 2. Kassiererin wurde Frau Storck ge­wählt. Hierauf ging man zum gemütlichen Teil über. Die neuesten Modelle der Verbandswerk- stätte Nürnberg wurden von einigen Damen vorgeführt. Diese Modellkleider sollen dazu dienen, die Qualitätsbegriffe in bezug auf Form, Farbe. Schnitt und Ausführung in VerbandS- freifen zu vertiefen. Zwischendurch trug Frl. Gärtner mit ihrer u mfangreichen. geschulten Altstimme Lieder und Arien vor. die Frl. D i e r k e r am Klavier geschickt begleitete.

** Auftrieb auf dem heutigen Frank­furter Schlachtviehmarkt: 298 Ochsen, 64 Bullen, 644 Kühe, 342 Färsen, 500 Kälber, 188 Schafe und 6184 Schweine.

Schöffengericht Wehlar.

Q Das Schöffengericht Wetzlar verurteilte einen Landwirtschaflsgch l'en wegen Diebstahls im strafschärfenden Rückfall zu 2V, Sahren Zuchthaus, feine beiden aus Wetzlar stam­menden Hehler zu drei bzw. einem Monat Ge­fängnis. Der Angeklagte hatte eine ganze Reihe schwerer Diebstähle ausgeführt, u. a. hatte er bei feinem Arbeitgeber in Ahlbach in der Scheune ein ausgemauertes Fach aufgebrochen und war durch das Mauerloch in die Wohnung eingc- drangen, wo er Gegenstände von erheblichem Wert mitgehen hieß. Sn Dillenburg und in Wetzlar führte er Fahrraddiebstähle aus. Bei seiner Verhaftung leistete er der Polizei erheb­lichen Widerstand und legte sich um daS Maß voll zu machen auch einen falschen Ramen bei. Angesichts dieses Kontos kam daS Gericht zu dieser schweren Strafe.

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