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Nr. 31 Erster Blatt

178. Jahrgang

Montag, 6. Februar (928

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Siebener Famtliendlätter Heimat im Bild Die Scholle

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Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur:

Dt. Friedr. Wilh. Lange. Derantworllich für Politik Dr. Fr. Wilh Langem für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An- zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Fürstin Maria von Mow.

Am heutigen 6. Februar feiert b i e Gattin des ehemaligen Reichs­kanzlers Fürsten Bernhard von Bülow ihren 80. Geburtstag. Unser Mit­arbeiter, der oft Gelegenheit hatte, die hervorragende Frau in ihrem Berliner Heim zu sehen, entwirft hier ein packendes Bild dieser kunstliebenden Persönlichkeit. Wer einst, als Fürst Bernhard von Bülow des Deutschen Reiches vierter Kanzler war, in seinem gastlichen Hause unvergeßliche Abende verlebte, wird nicht glauben wollen, daß seine Gemahlin, die Fürstin Maria von Bülow, am 6. Februar schon das achtzigste Jahr ihres Lebens vollendet. Denn diese Frau, die Makart gemalt hat. die mit Franz Liszt vierhändig spielte, die Gerhart Hauptmann in ihren Salon lud. als man den Dichter der »Weber" noch für einen leidenschaftlichen Klassenkämpser hielt, bewahrte sich das Geheimnis ewiger Jugend durch ihren sprudelnden Humor, ihre Anmut und ihre Teil­nahme für alle Ereignisse ihrer Zeit.

Maria von Bülow ist Sizilianerin. Am 6. Fe­bruar 1848 wurde sie in Neapel damals noch Hauptstadt des Königsreich beider Sizilien als eine Tochter des Fürsten Domenico d i Gamporeale geboren: ihr Bater führte aber nicht nur diesen Titel, sondern war auch Herzog von Adregna Marchese di Sambuca, Baron di St. Giacomo, Patrizier von Bologna und Nea­pel.Beccadelli di Bologna" lautete der Stamm­name ihres Geschlechtes. Jchre erste Ehe, die sie mit dem Grafen Karl Dönhoff eingegangen war (er starb im Jahre 1906, nachdem er mehrere Jahrzehnte preußischer Gesandter in Dresden gewesen war), wurde gerichtlich getrennt und vom Vatikan aufgelöst: am 9. Januar 1886 schloß sie dann eine zweite Ehe mit Bernhard von Bülow. Es mag ihr nicht ganz leicht geworden sein, auS Rom, too ihr Gatte in­zwischen Botschafter des Deutschen Reiches ge­worden war, nach Berlin überzusiedeln. Doch während ihre Vorgängerin, die Fürstin Maria Hohenlohe, nicht einmal ihre Möbel nach der Wilhelmstraße 77 schaffen lassen wollte, da sie »Onkel Chlodwigs" Kanzlerschaft nur für eine vorübergehende Episode hielt, schuf Frau Maria von Bülow bald darauf Gräfin und Fürstin aii5 den nüchternen Räumen, in denen noch immer der Geist von Bismarcks treuer Lebens­gefährtin, dem pommerschen Edelfräulein Jo­hanna von Puttkammer, zu walten schien, rasch ein Heim voller Behaglichkeit und Kunstver­ständnis. Diese Wohnung war wirklich würdig, dem höchsten Repräsentanten des Reiches als Folie zu dienen, man spürte in ihm nun auf Schritt und Tritt das gepflegte künstlerische Empfinden der Hausherrin. In dem Musiksalon durften sich die intimen Bekannten des Kanzler­paars an künstlerischen Darbietungen erfreuen, bei denen die Hausfrau von zwei anderen Damen der Gesellschaft unterstützt wurde, die ebenfalls durch Heirat aus Italien nach Berlin ver­pflanzt worden waren und mit Leidenschaft die edelsten musikalischen Traditionen ihrer Heimat hvchhielten: das waren Frau Giuletta von Mendelssohn, einer geborenen Gordigioni, und Frau Antoinetta von Ihne, die aus der Familie Palloni stammte und in Florenz ge­boren war.

Klein, zierlich von Gestalt und dennoch stetsgroße Dame" war die Fürstin Maria von Bülow, wenn sie als Reichskanzlerin Empfänge gab. Bei so feierlichen Gelegenheiten sah sie gleichsam auf einem Thron in einem erhöhten Sessel, der in einem der vordersten Gemächer des Reichskmizlerpalais stand, und erhob sich nur, wenn ganz besonders vornehme Gäste nahten, Königliche Hoheiten oder andere Persönlichkeiten, die ihrem Gatten an Rang übergeordnet waren. Viele Jahre konnte sie noch ihre Mutter bei sich als Gast sehen, Donna Laura Minghetti, die in erster Ehe verwitwete Fürstin die Eamporeale: sie stammte aus dem Haus der Barone Acton und ist erst im Jahre 1915, im Alter von sechsundachtzig Jahren, als Witwe des italie­nischen Staatsmanns Marco Minghetti zu Bo­logna gestorben.

Aus der Zeit, in der der damalige Bot­schafter Bernhard von Bülow zum Staats­sekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin aus­ersehen worden war, erzählt man sich eine hübsche Anekdote. Damals soll sich nämlich nicht feine Frau, Wohl aber fein Koch geweigert haben, Italiens Hauptstadt zu verlassen und weiter in fernen Diensten zu bleiben. Dieser tüchtige Mann wollte lieber in Rom warten, bis sein Gebieter und dessen Gemahlin zurückkehren wür­den. Es hat ziemlich lange gedauert doch nun schaltet die Fürstin Maria von Bülow wieder in Italiens Hauptstadt, in der Villa Malta, um die Goethes Schatten schwebt, als eine Frau, von der die Götter schon bei ihrer Geburt verschwenderisch ihre Gaben zuteilten, und die den Größten fhrer Zeit im Geiste nahestand.

Strafversetzung zweier französischer Besahungsoffiziere.

Paris, 6. Febr. (WTB. Funkspruch.) Der Mainzer Korrespondent des Oeuvre von heute kommt auf die erfolgte Besudelung des Bismarckdenkmals in Zweibrücken durch junge französische Offiziere zurück, die nach seiner Ansicht die Tat im Zu st and der Trunkenheit begangen haben. Jetzt seien

Der postrciuber Hein gefangengenommen.

Llchlenfels, 4.Jebr. (WB.) Der Poslräuber Hein wurde heule vormittag gegen 9 Uhr auf einem Felde unweit Weingarten bei Lichtenfels von einem Polizisten des Fahndungskommandos Staffel­stein g e st e 11 t und ausgefordert, sich sofort zu er­geben, andernfalls geschossen werden würde, worauf er sich, ohne widerstand zu leisten, ergab. Mit hochgehobenen Händen führten ihn die Polizisten durch die Ortschaft Weingarten in die Wirtfcyaft von Lorenz. Der Räuber war stark herunter­gekommen und total ausgehungert. Hein gestand, der gesuchte PostrTuber und Raub­mörder zu sein und den Gendarmeriebeamten in Untersiemau erschossen zu haben. Er ist ohne jede Barmittel. Papiere Hal man bei Ihm nicht vor­gefunden, sondern lediglich einen Revolver und Munition. Rach einem verhör wurde er mittels Autos nach Lichtenfels gebracht.

Gegen 9.45 Uhr halte Hein versucht, den großen Banzer Wald im Schuhe des Nebels zu ver­lassen, stieß aber dabei aus den dort postierten Unler- wachtmeister Lechner, der ihm zurief:Stehen bleiben! Sie sind Hein. Hände hoch!" Hein versuchte, sich auf Ausflüchte zu verlegen, indem er sagte: Was fällt Ihnen ein? Der Abstand zwischen beiden betrug 15 Meter. Als Hein sah, daß er nicht weg konnte, ließ er sich von Lechner vor diesem in einigen Metern Entfernung herlreiben. Plötzlich versuchte Hein seinen allen Trick, indem er sich a u s L e ch n e r st ü r ; t e und ihm den Karabiner zu ent- reißen suchte. Ls kam zu einem Hand- gemenge.in dem ihn der Unlerwachtmeister uber- wälligle. Auf einer in der Nähe ausgestellten Wacht- slube lieferte Lechner den Mörder ab, von wo er sofort ins vezirksaml Slaffelflein abgdieferf wurde. Dort traf er um 11.30 Uhr mittags ein. Das Ueber- nachten im Freien und die Kälte haben ihm stark zugesehl.

Die ganze Bevölkerung der Umgebung hatte sich bei der Umstellung des Waldes und der angeoebne­

ten Ueberwachung der Orte und der Flußüber- gänge beteiligt Die Erregung war sehr groß, doch verhielten sich die Leute besonnen. Hein war noch stark bewassnet und hatte in einer großen Blechbüchse Dynamit bei sich, das genügt hätte, das 2800 Einwohner zählende Staffelstein in die Luft zu sprengen. Hein hat wie er ohne weiteres zugab, während der letzten Tage feit der Ermor­dung des Gendarmeriekommissars sich im Banzer Walde aufgehallen. Er wußte genau, daß der Wald rings von der Potzei umzingelt war und daß ein Entweichen kaum möglich fein würde. Trotzdem nagte er heute den versuch, in der Hoff­nung, daß der starke Nebel ihn durch die Postenkette entwischen lassen könnte. Der Ver­brecher ist gänzlich gebrochen und hat alle ihm zur Last gelegten verbrechen unumwunden e i n ge­standen. Samstag nachmittag um 4.15 Uhr ist er unter starker Bedeckung in das Landgerichlsgesäng- nis von Ko bürg zwecks weiterer Untersuchung seiner Mordtaten eingeliefert worden. Die Straßen, die das Auto passierte, waren dicht mit Menschen beseht. Sicherem vernehmen nach wird er in den nächsten Tagen nach Weimar gebracht werden. Er wird hier im Untersuchungsgefängnis des Land­gerichts bleiben, bis die Untersuchungen gegen ihn zum Abschluß gekommen sind. Aller Voraussicht nach we.den auch die Gerichtsverhandlungen gegen den Mörder in Weimar geführt werden.

Bei einem Fluchtversuch erschossen.

Rositz (Kreis Altenburg), 4. Febr. (WB.) In der vergangenen Nacht nahm ein Polizribeamter den Stallschweizer Dank aus Groß-Salzdorf (ehe­malige Provinz Po^en) festz da er ihn f ü r den Mörder Hein hielt. Bei der polizeilichen Fest­stellung seiner Personalien machte der Verhaftete einen Fluchtversuch, worauf der Polizei- beamte von seiner Waffe Gebrauch machte und den Flüchtigen erschoß.

Oie gescheiterien Kompromißverhan-lungen über das Reichsschulgeseh.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 6. Febr. Nachdem man noch vor wenigen Tagen immerhin mit der Möglichkeit rechnete, daß die zwischen dem Reichskanz­ler und Dr. Stresemann geführten per­sönlichen Verhandlungen zu einem Kompro - m i ß in der Frage des Schulgesetzes führen könnten, ist in den letzten beiden Tagen die Unmöglichkeit einer Einigung der Deutschen Volkspartei und des Zentrums in eine apodiktische Gewißheit verwandelt worden.

Man wird beiden beteiligten Parteien weder den guten Willen zu einer Einigung, noch die Ernsthaf- tigteit der Grunde absprechen können, die zum Scheitern dieser Verhandlungen geführt haben. Die DeutscheDolkspartei hat auf ihre ursprüng­liche Forderung in der Frage der Schulaufsicht weitestgehend verzichtet. Sie hat die grundsätz- lichen Wünsche des Zentrums, bis auf einen, der Sache nach geschluckt. Und sie hätte einfach ihre ganze liberale Vergangenheit verleugnen und ihren kulturpolitischen Grundsätzen untreu werden müssen, wenn sie in irgendeiner Form die Hand geboten hätte, zu einer Vernichtung des Simultan- s ch u l w e s e n s, das sich seine Bered)tigung und seine Bedeutung durch eine langjährige politische Erprobung unter der Billigung der starken Beoöl- kerungsmehrheit der beteiligten Gebiete erworben hat. Das Zentrum seinerseits konnte ein Schulgesetz nicht durchführen, das in bezug auf den springenden Punkt das Ziel dieser ganzen Zentrumsaktion zu­nichte gemacht hätte. Denn in den Lanüesteilen mit überwiegend protestantischer Bevölkerung hat das Zentrum nur ein geringes Interesse und in den mit stark überwiegender katholischer Bevölkerung ergibt

sich die Entwicklung ziemlich au -natisch. Die Gebiete überragenderen Interesses also waren A.rade die­jenigen, die dm Sinne des Gesetzes als Simul­tanschulländer zu gelten haben.

Man wird bei den beiden Koalitiomsparteien über diesen Ausgang innerlich wenigev überrascht sein, als man nach außen hin zu erkennen gibt. Cs handelt sich eben um einen Versuch mit untauglichen Mitteln am untaug­lichen Objekt, den das Zenttnrm machen muhte, wollte es überhaupt aus der Rechtsloa- lition irgendeinen Gewinn ziehen. D'e Konse- quetiz wird nach übereinstimmender Ansicht aller beteiligten politischen Kreise dahingehen, daß das in der Regel nüchtern rechnende Zentrum sich mit um so weniger Bedauern aus einer politi-- schen Konstellation läßt, die ihm nachts einge­bracht hat, um eine neue herbeizicführen, in der es mindestens auf andern Gebieten größere Vorteile sich versprechen darf.

Die Neuwahlen zum Reichstag.

Berlin, 6. Febr. (Priv.-Tel.) Der«Montag" zufolge haben in den letzten Tagen zwischen den maßgebenden Führern der Re­gierungsparteien die ersten unverbind­lichen Befprechungen über die Frage der Neu­wahlen stattgefunden, die akut werden würde, wenn die Verhandlungen zwischen Zentrum und Deutschen Volkspartei über das Re 1 chsfchuI - g e s e h nach der Tagung des Reichsschulausschusses der Deutschen volksparcei endgültig scheitern sollten, was man heute schon mit ziemlicher Sicher­heit feststellen kann.

über irie Strafe des Kommandanten hinaus die in Frage kommenden Offiziere von der französi­schen Militäroberbehörde nach Algier und Marokko versetzt worden.

Der König von Afghanistan in Berlin erwartet.

Vorbereitungen für den Besuch Aman Ullah Khans.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers*.

Berlin, 6. Febr. Der König von Afghanistan trifft, wie nunmehr feststeht, am 21. d. Mts. in Berlin ein. Die Vorbereitungen für seinen Empfang sind bereits in vollem Gange. Jetzt ist nun wenigstens auch die Frage der Unter­bringung nach langwierigen Verhandlungen und Besprechungen der in Frage kommenden Stellen gelöst worden. Das Prinz Albrecht-Pa­lais in der Wilhelmstraße wird während der ganze,» Dauer seines Aufenthaltes den König Aman Allah Khan mit seiner gefeierten schönen Gattin beherbergen. Die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten reichen leider aber nur für einen Teil feiner Begleiter aus, so daß die anderen außerdem in einem großen Berliner Hotel unter­gebracht werden müssen.

Der König von Afghanistan ist der Sohn des Emirs Habibullah, welchen sein Bruder R a ß r u l l a h am 20. Februar 1919 in Djellabad

durch einen Offizier ermorden lieft. Aman UI* Iah regiert erst 10 Jahre und genießt in seinem Lande großes Ansehen. Sein persönliches Ein­sehen für den Abschluß günstiges Handelsbe­ziehungen mit allen europäischen Staaten hat ihm auch dort Namen und Ansehen geschaffen. Aman Ullah ist überhaupt ein Stonig, der sich allen Neuerungen eines modernen Zeitgeistes gegenüber verständlich gezeigt h,it und viele Reformen in seinem Lande zur Durchführung gebracht hat. So hat er die Vielweiberei ab­geschafft, feinem Lande eine Verfassung gegeben, die Justiz reformiert und auch Anstalten zur Reformierung des Korans getroffen.

Seinem Berliner Besuch eilen die merkwürdig­sten, sonderbarsten Gerüchte votraus, die ja schließlich jeden exotischen Gast umgeben. So wird schon jetzt erzählt, daß er .dem Reichs­präsidenten eine Schiffsladung mit exoti­schen Tieren seines Heimatlandes zum Präsent machen wollte und vieles andere mehr. Das sind natürlich alles Gerüchte, die völlig aus der Lust gegriffen sind. Einen besonderen Ruf geht der jungen und schönen Königin Suraya voraus, deren Schönheit bereits bei ihrem gegen­wärtigen Besuch in Paris bei allen großen Veranstaltungen wahre Triumpche feiert. Sie wird geradezu als ein Frauenwttnder bezeichnet, die den schönheitshungrigen Parisern eine Offen­barung gewesen sein soll. Wem» selbst die Pa­riserinnen von ihr das Beste sagen, so will das sicher schon etwas heißen-

St. Gotthard.

Die geheimnisvolle Wasscniendung an der österreichisch-ungarischen Grenze.

Von unserem Prager K.-Korrespondenten.

Prag, Februar 1928.

Seit Neujahr beschäftigt sich die europäische Politik mit dem Fall von St. Gotthard. Diese neueste internationale Qlifärc Hai nichts mit dem schweizerischen Dergmassiv zu tun, durch das die berühmte Gotthardbahn führt, sondern nach dem kleinen Städtchen St. Gotthard an dersteier- märkisch-ungarischen Grenze benannt, wo jetzt fünf mit Maschinengewehren beladene Waggons herrenlos und von jedermann verleugnet umherstehen. Diese fünf Waggons sind am Neujahrstag in der Grenz­station St. Gotthard eingelau en, die schon auf ungarischem Gebiet liegt, aber auch der öster­reichischen Zollab ertigung als Amtsstelle dient. Die Waggons kamen von Verona, ihre La­dung war im Frachtbrief a l s Maschinen­bestandteile deklariert und an den Spe­diteur Berkovi'.s in der tschechoslowaki^ e , Grenz­station Neustadt an der Waag adresftert mit dem VermerkTransit nach Warschau". Der österreichische Zollbeamte in Dt. Gotthard war pflichteifrig, er steckte instruktionsgemäß seine Nase in die Waggons und fand, daß die angeb­lichen Masch'.nenbeftandtei e blonderer Art, näm­lich Bestandteile von Maschinengewehren seien. Da der Sendung die österreichische Waffen- durchfuhrbewilligung fehlte, schlug der korrekte österreichische Beamte Lärm und verlangte vom ungarischen Dahnvorstand Rückstellung der Waggons auf österreichisches Gebiet, um die Be­schlagnahme der verdächtigen Sendung vor­nehmen zu lassen. Der Ungar weigerte sich und so kam die ganze Geschichte auf, die bisher schon so weit fortgesponnen worden ist, daß sie dem hohen Rat des Völkerbundes in Genf einiges Kopfzerbrechen bereiten wird. Der Waffentransport wäre vielleicht vertuscht wor­den, wenn man nicht gleich auf die erste Mel­dung hin in Prag aufgehorcht und sofort Auf­klärungen von Oesterreich und Ungarn ver­langt hätte. Die Prager Regierung wittert wohl nicht mit Unrecht eine geheime Waffen­lieferung für Ungarn und will der Sache auf den Grund gehen. Don Prag aus tourben Südslawien und Rumänien, die Brüden von der Kleinen Entente mobilisiert, von Prag aus wurden die offiziösen Warnungen nach Paris und London lawgtert, daß die Kleine Entente wegen des Falles von St. Gotthard beim Völkerbund intervenieren und eine Untersuchung in Ungarn fordern werde.

Die Aktion der Kleinen Entente ist nunmehr offiziell geworden, indem im PragerParla- ment eine Regierungserklärung über den Fall von St. Gotthard abgegeben worden ist, die, offen­bar zur Erhöhung der feierlichen Wirkung nicht Außenminister Dr. Denesch, in dessen Ressort die Sache fällt, sondern der stellvertretende Mi­nisterpräsident Monsignore Schrämet verlesen hat. Die Regierungserklärung enthält die be­stimmte Mitteilung, daß die Kleine Entente den Waffentransport von St. Gotthard nicht auf sich beruhen lassen, sondern den F all beim Völkerbund anhängig machen wird. Abgesehen von dieser dezidierten Ankündigung isb allerdings die tschechische Regierungserklärung in auffallend maßvollem Tone gehalten. Das tiefgehende Mißtrauen, das die Prager Regie­rung gegen jeden schritt Ungarns hegt, hat sich wiederholt schon bei weit geringeren Anlässen in viel schärferen Erklärungen geäußert und erst im letzten halben Jahr hat es anläßlich der ungarjreundlichen Zeitungs - Kampagne Lord Rothermeres sehr heftige Angriffe gegen Ungarn gehagelt. Diesmal fällt kein schales Wort. Mehr noch: Die angekündigte Demarche beim Völkerbund verzichtet daraus, Forderungen zu stellen, zu denen die Staaten der Kleinen Entente berechtigt wären. Die im Friedensvertrag von Trianon eingesetzte interalliierte Äontroll* kommiss ion ist aus Ungarn abberufen worden und seither obliegt die Ueberwachung der Abrüstungsbestimmungen dem Völker- b u n d s r a t, der fallweise mit Stimmenmehrheit die Entsendung einer sogenannten Jnvestigationskvmmission zur Unter­suchung von Verletzungen der Entwaffnungs­klausel beschließen kann. Die Kleine Entente hätte zweifellos im vorliegenden Falle dem Völker­bundsrat den Antrag auf Entsendung einer Untersuchungskommission nach Ungarn unter­breiten können. Das wird nicht geschehen. Mon­signore Schramek sagt in seiner Erklärung aus­drücklich, daß sich die Staaten der Kleinen Entente entschlossen hätten, den Dölkerbundsrat auf den Zwischenfall von St. Gotthard auf­merksam zu machen, also gleichsam den lang­samen Herren in Genf die Zeitungslektüre der letzten drei Wochen in Erinnerung zu rufen. Um ja keine Mißverständnisse über den Umfang des Schrittes aiüfommen zu lassen, fügte Schramek noch hinzu, die Entscheidung über das weitere Vorgehen liege beim Dölkerbundsrat, der Kleinen Sntente handle es sich darum, daß es wegen die­ser Angelegenheit zu keinem Konflikt oder Miß­verständnis zwischen den interessierten Staaten vor einem internationalen Forum komme.

Das ist wohl deutlich genug. In die Sprache gewöhnlicher Sterblicher übersetzt, will das so viel heißen, daß es nicht angebracht erschien, den Dölkerbundsrat durch einen bestimmten Antrag in die Verlegenheit zu bringen, mit Stimmen­mehrheit die Entsendung einer Untersuchungs­kommission nach Ungarn zu beschließen: oder daß