Nr. 28b Drittes Statt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen) Mittwoch, 5. Dezember 1928
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Neue Romane und Novellen.
— Jakob Wassermann: Der Moloch. Roman. Dolksverband der Bücherfreunde, Weg. weiser-Verlag D. m. b. H., Berlin-Charlotten- bürg 2. (630.) — Die Welt der Idealisten stellt der Autor in diesem temperamentvoll geschrie- denen Werke Dem Wolocb der Rücksichtslosigkeit, Ausschweifung. Vergewaltigung, einer vom der- führerischen Schein des Erotzstadt.'eb.ns beherrsch- ten Gesellscha,tsklasse gegenüber. Die schweren inneren Kämpfe jener Gruppe von Menschen, deren Gewissen gegen die Hnwahrhaftigkeiten konventioneller Lebensform unermüdlich anzu- kämpfen versuchen, erhält in der dichterischen Gestaltung und in der geistig-tieigründigen Behandlung des Problems eine Plastik von großer Heberyugu.igÄtraft
— Fell? Broun. Der unsichtbare ® a st. Roman. F. ©. Speide.sche Verlagsbuchhandlung. Leipzig. Tanzt. 6 ML (585.) — Das Eheleben eine- Mannes, der an der Liebe zu einer ecdgebundenen Frau zugrunde geht. Im Inner- sten gepackt, folgen wir der rückhaltlosen Offenheit d.eses Bekenntnisses, eines zermürbenden Kampfes zwischen Ge.st und Sinnlichkeit. Viele« auch von uns Erlebtes legt der Dichter bloß. Die Qual des einem seiner Seele fremden Weibs Verfallenen finden in diesem Buch, aus dem ein gütiges Herz schlägt, Ausdruck.
— Heinrich Federer: Aus jungen Tagen. Nachgelassene Kapitel zur Lebensgeschichte. Mit einem Iuaendbildnis des Dichters. (Grotejcbe SaMm. hing von Werken zeitgenössischer Schriftsteller. Band 175). Geh. 3,50, Ganzleinen 5, Halbfranz 8, Ganz- lederband 12 Mark. Berlin, G. Grote. (635). — In seinem letzten Buche, der Erzählung seiner Kindheit „Am Fenster", hatte Federer die Fortsetzung seines Lebensberichtes versprochen. Der Tod nahm chm während der Arbeit daran die Feder aüs der Hand. Im Nachlaß fand sich ein Blatt, auf dem Federer die Kapitel für den Fortsetzungsband ausgezeichnet hatte. Was von diesen fertig geworden ist, wird zu- sammen mit einigen im gleichen Lebensalter spielenden Erzählungen in diesem Nachlaßbonde vereinigt der großen Gemeinde des unvergeßlichen Dichters dargeboten. Ein warm empfundenes Borwort des von Federer selbst bestimmten Nachlaßverwalters leitet den Band ein, der mit einem Bilde des jungen Federer von seinem Jugendfreund Anton Stockmann geschmückt ist, und dem auch einige Gedichte bei- gefügt sind.
— Sliza, Historischer Roman von Rudolph Strotz. Verlag Scherl, Berlin. Halbleder 7,50 Mark. (424) — Vollendet formt Rudolph Dtratz wieder einmal den Stoff aus der preußisch-deut- schert Geschichte zu diesem seinen neuesten Werk. Es geht in die bewegte Zeit nach dem Tilsiter Frieden zurück und schildert die Rot und das Elend des von Rapolron geknechteten und zertretenen Preußens. Wir erleben die Mutlosigkeit und Verzweiflung des einen Teiles des Volkes, sehen aber anderseits die Zuversicht und Vaterlandsliebe einzelner Führer und ihrer Anhänger. So ragt unter diesen der ostpreutzische Hufschmiedssohn und Rechtskandidat Juel Wisse» linck hervor. Außerordentlich spannend erzählt Stray die Geschichte dieses glühenden Patrioten, dessen ganzes Leben der Befreiung seines Vater- londes und seines Volkes vom französischen Joch gewidmet ist. Sein einziges Streben ist neben dem freien Preußen die Errichtung des größeren einigen Deutschlands. Mutig schläft er bei allen seinen Unternehmungen, die auf die Vernichtung Aopoleons und feiner Gewaltherrschaft abzielen, sein Leben für diesen, ihn ganz beherrschenden ® .hänfen in di: Schanze. Reben Wisselinck stellt Stratz die meisterhaft gezeichnete Gestalt der schönen Reichsgräfin Eliza von Praunheim in den Mittelpunkt der Handlung, die, eine treue Anhängerin Rapoleons, durch Juel im langen, harten Ringen der deutschen Sache wiedergewonnen wird. Klar und scharf umrissen zeichnet der Autor den Widerstreit der Gefühle, die beide beherrschen. Aus der einen Seite der Kampf zwischen der Liebe zu Gliza und der Treue zum Vaterland, auf der anderen die Zuneigung zu Juel und die Bewunderung für Rapoleon. In eindrucksvollen, buntwechselnden Szenen ersteht ein getreues Bild jener für unser Volk so schmachvollen Zeit, aber zum Schluß läßt Strotz m den Hauptträgern seines Romans m Glitza und Wisselinck die kommende (Sintgung und Befreiung Preußen-Deutschlands vorausahnen. In diesem 'Werk hat der Dichter den Freunden guter deutscher Erzähler-Literatur wieder einen Roman geschenkt, der ganz vom deutschen Geist beseelt ist und der deshalb vom ganzen Volke gelesen zu werden verdient.
— Paul Oskar Höcker: „Im Hintergrund der schöne Fri tz". Deriag Hilft ein, Berlin. Broschiert 3 Mk. (606). — Paul Oskar Höcker ist einer der produktivsten und lebendigsten Darsteller des gesellschaftlichen Lebens, das ihm immer wieder originelle und typische Figuren liefert. Er kennt die selbständige, berufstätige Frau, den früheren Offizier, der unter neuen Verhältnissen keinen Boden unter den Füßen finden kann, das arme Proletariermädchen: er weiß um die Macht des Sports, der Börse, des gesteigerten Tempos unserer Tage. So ist auch das vorliegende Buch ein liebenswürdiger, echt menschlicher Roman.
— Rudolf Herzog: Kornelius Vanderwelts Gefährtin. Roman. Ganzleinen 6,50 Mk. Verlag I. G. Cotta, Stuttgart. (523.) — Mit dem sicheren Gefühl des Routiniers für aktuelle Probleme wählt Rudolf Herzog für seinen neuen Roman das Problem der Kameradschaftsehe, das ja nach dem starken Stoß, den Familie und Ehe durch Krieg, Devolution und Inflation erhalten haben, viel erörtert und umstritten wird. So wird das hier geschilderte Schicksal eines niederrheinischen Reeders, Glück und Ende einer Familie, der nur die Tatkraft der „Kameradin" einen Ausblick auf eine neue Zukunft gibt, auch ein literarisch anspruchvolles Publikum fesseln, das im allgemeinen die moralisierende, pathetische Art Rudolf Herzogs ab» lehnt. Ein guter Wurf ist die Schilderung der von rastloser Arbeit durchpulsten Ruh.stadt. Auch psychologisch ist manches scharf und tres end beobachtet der überraschende Schluß allerdings ein billiger Theatereffekt, den man gerne vermißt hätte.
— Drei Bücher des Lachens. Verlag Ullstein, Berlin. Ganz'einen 5 Mk. (522) — Dieses lustige und bunt ausgestattete Buch, das die schönsten heiteren Gc'chichten von heute gesammelt bringt, kommt einen tiefen Bedürfnis entgegen, denn unsere Gegenwart hat das ke freiende. die Alltag ls.r^en verscheuchende Lachen besonders nötig. Die stattliche Auswahl beweist aber auch, daß hmte der Humor nicht spärlicher fließt und ebenso reizeolle Schöpfungen zeitigt wie in früheren Epochen. Al e seine Spielarten sind vertreten und alle Völ er, deutscher Humor findet sich in charakteristischen Ausprä
gungen ebenso wie amerikanischer oder russischer. So kommt jede Geschmacksrichtung auf ihre Kosten. Dom Zarten zum Derben, vom Schlicht- Definnlichen bis zum Uejermütig Grotesken lauft die tönereiche Skala, und dementsprechend ist die Wirkung auf dm Leser: bald lach.lt er und schmunzel. behag ich, bald lacht er herzlich und bald schwill sein Gelächter zu ei em wah en Dröhnen. Ti: Ramen einig r b.teit g ee Auto en werden das Gesagt.' b fr .fti en: 3.a i n Rin el nah. Roda Roda, Sling, Jerome K cerome Egon 5r e. Ii, O'Hend , Peter Pant r, Mi ael Sostschento, A. M. Frey. Maurice Daring.
Kinderbücher und Iugendschn'sten.
— Waldemar Bonsels: Himmelsvolk. Ein Märchen von Blumen, Tieren und Gott. Reue, illustrierte Ausgabe. Mit 12 mehrfarbigen Bildern von Franziska Schenkel. In Leinen gebunden 7 Mk. Deutsche Detlags-An- flalt, Stuttgart. (731) — Mit dieser neuen Ausgabe von „Himmelsvolk", die mit zwölf farbigen Bildern von Franziska Schmkel geschmückt ist wird ein langgehegter Wunsch der Jugend erfüllt. dieses Buch nun auch mit Bildern neben die ttlustrierte Ausgabe der „"Biene Maja" stellen zu können. Als dir „Dime Riaja" vor zwei Jahren in ihrem neuen farbigen Bilderschmuck erschien, eroberte sie sich rasch die Herzen der Krnderwelt. „Himmelsvoll" wird mit gleicher Freude ausgenommen werden. Die Bilder sprechen zu den Worten des Dichters eine eigene Sprache und zeigen die Künstlerin als eine empfängliche und verständnisvolle Mitarbeiterin, tie sich in die dichterische Gedankenwelt Vertiefte und ryr in Form und Farbe ebenbürtig bildliche Auferstehung gab.
— Das Reue Universum. 49.Jahrgang. Die interessantesten Ersindungen und Entdeckungen auf allen Gebieten, sowie Reiseschilderungen. Erzählungen, Jagden und Abenteuer. Ein Jahrbuch für Haus und Familie, besonders für die reifere Jugend. Mit einem Anhang zur Selbstbeschäftigung: „Häusliche Werkstatt". 480 Seiten mir 427 Abbildungen im Text und 13 Beilagen. Ganzleinenband 8,50 Ml. llnlon Deutsche Der- lagsgesellschaft, Stuttgart (539). — Wie viele junge Leser freuen sich wohl jedes Jahr auf das „Reue Universum"! Ein farbiges, frisches, lebenssprühendes Gemisch von Erzählungen, Reiseschll- derungen, technischen Darstellungen aus allen Gebieten bietet einen Hnterhallungs- und Lehrstosf, wie er nicht besser den Reigungen unserer düngen, älterer wie jüngerer, angepaßt sein kann. Dabei ist das Werk überreich mit vortrefflich ausgeführten Abbildungen ausgestattet, so daß man sich schwer ein preiswerteres Geschenk denken kann, zumal „Das Rene Universum" auch für Mädchen und sogar für Erwachsene fesselnden Lesestosf bietet.
— Frida Schanz: Gute Freunde. Reue Schulkindergeschichten. Großoktav. 240 Seiten Mit vier farbigen Vollbildern und reichem Buchschmuck von M. Grengg. Ganzleinen mit farbigem Deckenbild von M. Grengg und farbigem Schuhumschlag 6,50 Mk. Levy & Müller, Stuttgart. (552) — Frida Schaiu hat im Anschluß an ihre „Schulkindergeschichten eine neue Sammlung von sechzehn allerliebsten Kindergeschichten unter dem Titel „Gute Freunde" herausgegeben Da lacht und plaudert, tolll und quirlt es durcheinander, daß es eine Lust ist, und die jungm Leser sind
wirklich unter „Guten Freunden". Jede Erzählung ist eine „schöne Geschichte", wie eö im Kindermund heißt, stets mit einer feinen Lehre darin, die wie ein wahres Goldkorn in die jungen Herzen gestreut wird.
— Tony Schumacher: Das Findel- 11 n d. Eine Erzählung für die Jugend. Ottav. 220 Seiten Mit einem Titelbild und 33 Testbildern von Richard Schaupp. Ganzleinen mit farbigem Deckenbild von Richard Schaupp und farbigem Dchuhumschlag 5 Mk. Levy & Müller, Stuttgart. (o49) — Die beliebte Verfasserin führt uns in ihrem neuen Buch in eine ganz neue, aber äußerst interessante Umgebung. Wir lernen die Insassen und das Leben m einem Dorfarmenhaus kennen, zu denen eines Tages ein von der Mutter ausgesetztes, von der Dvrfjugend am Wege auf» gesmrdenes Kind gebracht wird. — Wie in diesem recht eigenQtrigen Krris das kaum eiiüge Wochen alte FmdelkiiÄ», das den Dorfnamen .Zaun- christel" erhält, hereing.'schneit kommt und trotz der oft etwas merkwürdigen Erzi hungsversuche aller möglichen Leute zu einem braven Menschenkind heran wächst und schließlich als glückliche und geachtete Kaufmannsfrau In den Ort Aurücft-fjrt, wo sie ihre Kindheit verlebte, schildert Tony Schumacher in diesem Buche in der ihr eigenen geschickten Weise.
— Rudyard Kipling: Staaks und Genossen Lebersetzt von Rorbert 3a:que8, illustriert von Curt Weerth. In Leinen gebunden 6,50 Mk. Verlag Pau List in Leipzig. (578.) — Der englische Humor ist em Ding für sich. Ein wirkliches Verständnis scheitert meistens schon an der Schwierigkeit der Hebersetzung. Und wenn troydem einige angelsächsische Autoren wie Mark Twain oder Dickens mit seinen unsterblichen Pickwickiern auch bei uns heimisch geworden sind, so sind das Ausnahmen, die Die alte Regel bestätigen, daß der Humor eines Volkes sein größtes Geheimnis zu sein pflegt. Kiplings Pennälerstreiche, denn um solche handelt es sich in diesem neuen Tuche, werden es nicht ganz leicht haben, in unserer Jugend Fuß zu fassen, obwohl sie in einer flotten Heber- setzung geboten werden und mit vielen Bildern In altenglischer Manier illustriert sind. Rauh aber herzlich ist der Grundton dieser britischen Düben. die sich in stetem Kriegszustand mit ihren Lehrern und ihrer sonstigen ilmtoclt befinden. Wir halten den deutschen Jungen im allgemeinen für gutmütiger und glauben auch deshalb nicht recht, daß ihm diese „Pennälcr- streiche", die Kipling hier mit zweifellos viel Humor, Witz und Anschaulichkeit erzählt, sehr imponieren werden.
Aus fremden Literaturen.
— Georges Duhamel: Gewitternacht. Roman. Heber tragen von Wilhelm Friedmann. 3m Insel-Verlag, Leipzig 1928 (714). — Duhamels Roman ist beste französische Tradition, die Darstellung eines seelischen Geschehens von großer ErndrinLichreit. 3n die Seele eines jungen Gelehrten, der sich in seiner Laren rationalistischen Weltanschauung vor allen Anfechtungen sicher glaubt, bricht das „Wunderbare" ein Es hatte bislang keinen Platz in der Ordnung seines Geistes, er ist der Sohn des Raturwrssenschasllers, Atheisten, Rationalisten, Freidenkers der alten schule, bis nach dem Kriege, bis zu seiner glücklichen, auf DerstLndt- nis, Vertrauen und Liebe aufgebauten Ehe glaubt auch er in denselben Dahnen des Geistes zu wandeln. Da bricht durch eine seltsame, von den Aerzten nicht erkennbare Erkrankung seiner Frau triefe ganze klare wohlgeordnete Welt zusammen Der Freidenker wird abergläubisch, der Atheist ringt um Gott, der Rationalist muß an das Wunderbare glauben. Er ergibt sich nicht, er sucht aus den Trümmern seines alten Glaubens zu retten, was er kann, um in Immer neuen Kämpfen die alte schöne klare Ordnung der Dinge wieder zu erringen; in seinen Kindern hofft er sie wieder aufxubauen — Duhamel will in seinem Roman fernen Einzel fall schildern, er setzt sich mit der geistigen Verfassung der ganzen Generation auseinander, die von der alteren durch das Eriebnis des Krieges getrennt ist. Alle jungen Glieder der Familie erleben diese innere Zersetzung, sie müssen dem Hebersinnlichen, das für chre Väter einfach nicht existiert, seinen Platz gönnen. Sie reagieren auf verschiedene Weise, der eine sucht neues Beben in der Mystik des Orients, der andere wirft sich der katholischen Kirche in die Arme und rettet sich in einem verzweifelten Gottes glauben, die Frau ergibt sich still, sie hofft und wartet ohne Kamps. — Es ist ein Buch von großer Meisterschaft in der Zeichnung der Charaktere, der verwirrenden und leidenschaftlichen Kämpfe der Seelen, voll Verständnis für beide Generationen, ohne Haß und Parteinahme. Gin Hauch von Wärme, die lyrische Haltung des RomanS unterscheiden Ujn von den großen Seelen gemä^Cen der Raturalisten, mit denen er das Dloßlegen der feinsten Regungen des inneren Lebens gemeinsam hat. — Die Hebersetzung ist gut, wenn auch die Sprache des Originals biswellen durchklingt.
— Pierre Valmigöre:Otani. Roman. Aus dem Französischen von Karl Federn. 160 Selten. Ganzleinen Mk. 4.50. Adolf Sponholtz,
Verlag, G. m. b. H., Hannover. (646.) — „Otani“ ist eines dec merkwürdigsten Bücher, die im letzten Jahre In Frankreich erschienen smd. Ein grontoffuler erzählt, feinen nahen Tod ahnend, aus dem Llnterbewuhtsein heraus, seinen Kameraden von einem früheren Leben, das er einmal in Gegenden, die er nie betreten, in einem Lande, dessen Sprache er nie gelernt hat, lebte. Es ist der uralte Seelenwanderungsglaube. Die Erzählung dieses zweiten Lebens ist der Inhalt des Buches: eine japanische Liebesgeschichte, zart und duftig wie die Kirschblüte und seltsam gemischt mit der Grausamkeit einer Teu- selsfrahe. — Das Buch erhielt den französischen Auto.enpreis, der durch Abstimmung der Schriftsteller selbst verliehen wird, einstimmig.
— Knud Andersen, Brandung. Roman. Ganzleinen 7.50 Mark. Verlag Georg CEBeftermann, Braunschweig. (513.) Die Orgel des Meeres rauscht und tlingt In diesem Buche des dänischen Seemannes, das Meer als Fluch und Segen des Menschen, der mit der unstillbaren Sehnsucht nach dem Meere geboren wird, wie es Ture Bester ergeht, dem Fischersohn, dessen Vater in Sturmesnacht in Opferial sein Leben ließ, den die Mutter freibeten möchte vom Meer, dem er von erster Stunde an gehört und dem er verfallen ist mit allen Wünschen und Verlangen. Gin wilder Bursch wird er, trotzig und verwegen, ein „verfluchter Wallänger", wie er sich selber nennt, der durch hartes Seemanns- tum das Weiche m sich, Die Liebe zu Heimat und Mutter ersticken möchte —, bis sie eines Tages doch übermächtig wird und ihn zurückführt. Der Trotz des Seefahrers bestimmt auch fein Verhältnis zu dem Mädchen, das er liebgewinnt und heiratet und in die wilde Brandung seines stürmischen Gemüts hineinführt. Es ist kein leichtes Los, Ture Desters Kamerad fürs Leben zu fein, die Brandung tost so wild, daß ihrer beiden Lebensschiff zu zerschellen droht, aber die harte Trennung schwerer Jahre zwingt sie von neuem zusammen, sturmerprobt, wetterfest.
— Joseph Conrad: Sonderbare Käuze. Drei Rovellen. Preis gebunden 5 Mk. Verlag 3. Engelchsrns Rachf., Stuttgart. (458) Es sind seltsame Menschen, die Joseph Conrad in diesen Seefahrcrgeschichien schi'dert, und geheimnisvoll sind ihre Schicksale. Etwas ge penster- haftes vom Zauberwesen des Klabautermanns haben sie alle, mit ihren absonderlichen Vorstellungen, ihren Ahnungen und Einfällen. „Sonderbare Ääuze", die lange in unserer Erinnerung haften bleiben.
Politik und Geschichte.
— D i e Kreuzzüge, in den Dildern von Gustav Dor6. Mit einer geschichtlichen Einführung von Andreas Dusch. 100 Vollbilder in Kupfertiefdruck. 12.50 Mk. Verlag Joseph Müller, München 23. (554) — 3n den morgenländischen Kreuzzügen stießen zwei Welten aufeinander: Der Westen, vertreten in seinen höchsten Gewalten, in der ungezählten Masse niederen Volkes, in seiner glänaenbften Erscheinung, dem aufblühenden Rittertum, und der Osten, zum Teil in der Gestalt der alten byzantinischen Kultur, zum Teil in den aus dunklen Gebieten vordrängenden Selbschukken. Es war eine Zett höchster Glau- bensbegeistcrung und zugleich eine Zett mit graften kolonialpolttischen Plänen, eine Zeit mit jubelnden Siegen und furchtbaren Riederlagen, mit strahlenden Heldentaten und — wie könnte das auf der Erde anders fein — auch mit Hnrecht und Untat, eine Zeit, in der das Abendland von Osten her wirtschaftlich, wissenfchaftlich und künst- lerifch tief und reich befruchtet wurde. Eine solche Zett verdient es, in dem Bewußtsein der Menschheit weiterzuleben und immer wieder neu beleuchtet zu werden. Das geschieht durch die treffliche Wiederaabe des großen Dildwerkes, das Gustav Dore mit der chm eigenen großen Erfindungsgabe zu den Kreuzzügen schuf. Zur Einführung in die Bilder dient eine Abhandlung über die Kreuzzugsbewegung. Wort und Dild wirken Zusammen, um uns jenen taten- und wechselrelchen Abschnitt aus dem alten und immer neuen Kampfe zwischen dem Osten und dem Westen nahezubrrngen.
— Harold Lamb: Dsching is Khan, Beherrscher Der Erde, übersetzt vyn D. v. Mikusch, 5. Aufl. Leinen 10 Mk. Verlag von Paul List, Leipzig. (740) — Don den Taten der Großen dieser Erde sind uns wohl die eines Cäsar, eines Rapoleon bekannt. Gegenüber jenen Helden der europäischen Bühn« ist Dschingis Khan ein Eroberer von weit gewaltigerem Ausmaß. Die Märsche seiner Krieger erstrecken sich nicht (Über Meilen, sondern über Längen« und Breitengrade. Großstädte wurden aus feinem Weg hinweggewischt und Flüsse aus ihrem Lauf gedrängt. Aber Dschingis Khan war nicht nur die „Geißel Gottes", ein Stürmer ohne Zweck und Ziel, er war auch zugleich der „Vollkommene Held", der „Herrscher über Kronen^und Throne", und hier stoßen wir auf das Rätsel, das ihn umgibt. Ein Romade, ein Jäger und Hirt bricht die Macht dreier Kaiserreiche; ein Darbar, der nie eine Stabt gesehen hat und des Schreibens unkundig ist, stellt für fünfzig Völker Gesetze auf. Sein Reich dehnte sich über ganz Asien aus, vom heutigen China und 3apan bis in d4e Türiei, vom Tibet bis zur Wolga — so fest zusammen- geschmiedet, daß sein Sohn das Erde widerspruchslos antreten konnte und noch der Enkel, Kubilai Khan, diesen Machtbesitz ertozt'emb, unseren Erdteil heimsuchte, um durch seinen Sieg auf deutschem Boden bei Liegnitz die Völler Europas in Schrecken zu setzen. Mit einer Intensität ohnegleichen schlldert die Biographie des L^chingis Khan jenes ungeheuere Drama der Weltgeschichte, das gegenwärtig infolge des Wiedererwachens der Kräfte im Osten eine starke Aktualität gewonnen hat.
— Lassalle. Die Macht der Illusion und die Illusion der Wacht, von Arno Schirokauer. 10. Aufl. Mit zahlreichen Bildern. Leinen 10 Mk. Verlag Paul List, Leipzig. (675). Das 19. Jahrhundert hat vielleicht kaum einen so leidenschaftlichen, von Machthunger und Dik- tatorengelüften getriebenen Lebenslauf aufzuweisen, wie den Ferdinand LassalleS. Dieses Leben ist so intensiv und so mächtig, der Kreis seiner Interessen unt> Wirkungen so riesig, das dieses Leben beschreiben heißt, die Inhalte des Zett- alters von 1840 bis 1864 erzählen. Es ist dies die eigentliche Epoche der großen Staatsmänner. Disraeli wird der Letter des britischen Weltreiches und Lassalle, der Richelieu des Proletariats, wird der heimliche Mttverschwo- rene Dismarcks; Lassalles Lebenssphäre reicht von Garibaldi bis Karl QUarj, von Hegel bis in die Salons uni) von der Staatskunst bis in die Boudoirs. Seine politische Wirkung ist bedeutend, und die Geschichte seiner politischen Gedanken ist die grandiose Vorwegnahme Der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Lassalle ist der deutsche Disraeli; wenn England heute noch das Signum Disraelis trägt, so zeigt ebenso das Deutsche Reich von 1928 unverkennbar den Stempel Lassallescher Staatsgedanken.
— Robel. Dynamit, Petroleum, Pazifismus. Autorisierte Ausgabe des Robel- Instituts. Hebersetzt von Dr. W. H. v. d. Mülbe. 10. Auflage. Wit zahlreichen Bildern. Leinen 10 Mk. Verlag Paul List, Leipzig. (676). Röbels Ramen kennt freilich jeder aus der großzügigsten aller Stiftungen, und es ist auch bekannt, daß er der Erfinder des Dynamits und anderer Sprengstoffe war. Aber wenige wissen, auf wie weiten Gebieten sich das Genie dieses Mannes betätigte, der bei seinem Tod 1896 neben einem Vermögen von über 33 Millionen 345 Patente hinterlieft. Vieles dürfte auch dem Fachmann neu fein. Die Biographie, die auch das Leben seines Vaters und seiner Brüder schildert, insbesondere auch deren Organisation eines ungeheuren Petroleum- reiches in Rußland, wird jeden fesseln, denn sie ist voll dramatischer Spannungen, zeigt den Ausstieg eines unermüdlichen Hauses und bringt dem, der sich für die Entwicklung von Erfindungen für die Geschichte der Technik interessiert, eine Fülle von Ausschlüssen über wichtige Einzelheiten und Zusammenhänge.
— Werner Beumelburg: Flandern 1917 (Schlachten des Weltkrieges Dd. 27). Verlag Gerhard Stalling. Oldenburg. Preis 6.50 Mk. (735) — Das charakteristische Erleben der Flandernschlacht psychololisch herauszuarbeiten ist eine Ausgabe, wie sie schwieriger kaum gestellt werden kann. Beumelburg hat sie gelöst. Er hat mit einer geradezu verblüffeirden Geschicklichfett einen gefühlsmäßigen Einblick in das ungeheure Ringen vermittell, das den Leser von Anfang bis Ende in Spannung hält, ihn zu hoher Begeisterung fortreiht, um ihn im nächsten Augenblick äu seelischen Qualen herabzudrücken und ihn schließlich in Andacht vor der Größe deutschen Heldentums die Lektüre beenden läßt. Auch vom historischen Stundpunkte aus mutz eine derartige Dav-


