Ur 255 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 5. Oktober 1928
Turnen, Sport und Spiel.
Frühzeitige körperliche Erziehung
Schon früh zeigt sich im Kinde der Hang zum frohen gemeinschaftlichen Spiel. Do schwer es ist, dem einzelnen Kinde Interesse und ßuft am Spiel ernzustößen, so viel leichter ist es, Iugend- liche in noch schulpflichtigem Alter zu gernein- fchastlichen Spielen heranzuziehen. Nachahmungstrieb und der Eifer des Kindes, es anderen gleichzutun, geben dem Erzieher die zur Durchführung notwendige Unterstützung. Die Entwicklung hat es mit sich gebracht, dah heute nur noch wenige Eltern während der Schulzeit ihre Sprößlinge — zumeist dann auch nur aus verständigen Gründen — dem gemeinsamen Spiel fernhalten.
Begrüßenswert find vor altem die Bestrebungen her interessierten Kreise. Knaben und Mädchen im gleichen Umfange heranzubilden, indem man sie zu einem in seinen Anforderungen allmählich steigenden systematischem Turnen heran- zieht und ihnen Gelegenheit gibt, bei Spiel und Turnen die kleinen, in der Entwicklung befindlichen Körper zu stählen. Erholender, fester Schlaf begünstigt die folgende, vorübergehende körperliche Ermüdung zu günstigem Stoffwechsel, der, durch Muskelermüdung verursacht, zum Nutzen der werdenden Organismen wirkt. Das sich stark bemerkbar machende Hungergefühl ist nur eine Folge der richtigen, sich in mäßigen Bahnen bewegenden Anstrengungen, und ist allen künstlichen Medizinen für schwach entwickelte Jugendliche vorzuziehen.
Alle Kinder zeigen durchweg einen verschiedenen, angeborenen Grad von Muskelbildung; nur sind die einen von früher Jugend an nicht gehindert worden, ihre Kräfte zu nützen und zu üben, während die anderen mit Bedacht davor bewahrt werden, sich auch nur in geringstem Maste anzustrcngen. In zweckentsprechender Weise sind die Deinmuskulaturen der Kinder entwickelt, da alle Laufen und ihre Körperlast tragen gelernt haben. Mangelhaft entwickelt sind dagegen meistenteils die Muskeln der Arme unö der Schulter, sowie des Rückens aus dem einfachen Grunde, weil sie eben viel zu wenig betätigt werden. Die Folge davon ist so manche fehlerhafte, schlechte Körperhaltung, die, vom Erzieher rechtzeitig erkannt, noch durch zweckmäßige Körperausbildung des Kindes zu beheben ist. Asm beachtenswertesten ist jedoch, daß die langsame Entwicklung der Körpermuskeln Hand in Hand mit der Heranbildung der wichtigen Herzmuskulatur gehen muß, die den Sportleistungen der Menschheit die feste Grenze zu setzen vermag: versagt doch stets eine zurückgebliebene Körper- und auch Herzmuskulatur, selbst bei verhältnismäßig geringen körperlichen Anstrengungen. Im Krankheitsfall sind gut ausgeblldete Herzmuskulaturen der beste Widerstand.
Außerordentlich groß ist daher die Bedeutung der frühen körperlichen Heranbildung der Jugendlichen, der sich die Erzieher und Eltern unseres Nachwuchses stets bewußt sein müssen, um mittels praktischer turnerischer Gymnastik, und anregender Sportspiele die mit schwächlichen Muskeln bedachten Kinder rechtzeitig und planmäßig zu stärken. F- V.
Fußball in Süddeutschen-.
Auch am kommenden Sonntag gibt es bei den Fußball-Derbandsspielen der süddeutschen Bezirksliga besonders wichtige Zusammentreffen im
Bezirk Main-Hessen.
Die Gruppe Main läßt mit Rotweiß und Eintracht ihre beiden Spitzenvereine um die fernere Führung in der Gruppe kämpfen. Rein spielerisch mag man' Eintracht bevorzugen, aber der Vorteil des eigenen Platzes hat gerade in diesem Falle schon einmal alle Berechnungen über den Haufen geworfen. Man muh den Ausgang des Kampfes daher abwarten. Noch ein zweites Ortstreffen geht in Frankfurt vor sich.
F. Spv. spielt gegen Union Niederrad. Auch hier ist eine Voraussage sehr schwierig. Vielmehr sollten die Niederräder noch etwas bessere Ansprüche auf den Sieg haben. Die Offenbacher Kickers wollen sich von der F. Dgg. 03 Fechenheim natürlich den Ruhm. der älnbesiegbarkeit auf eigenem Platze nicht nahmen lassen. Außerdem können sie nur durch einen Sieg den Anschluß an die Spitzengruppe aufrechterhalten. Beim F. C. 1893 Hanau stimmt die jüngste Niederlage in Aschaffenburg etwas mißtrauisch. Trotzdem kann man an keinerlei Gefahr seitens des Ortsrivalen, Sp. Dgg. 60/94, glauben. Sehr hart wird in Aschaffenburg um den Sieg gekämpft werden. Viktoria wird sich Germania Bieber nicht ohne weiteres beugen wollen.
In der Gruppe Hessen pausiert der Spitzenklub Wvrmatia Worms. Alemannia Worms hat in dem D. f. L. Neu-Isenburg den Tabellen- zwellen zu Gast. Ein etwaiger Sieg der Isenburger kann bei der annähernden Gleichheit der Parteien nur sehr knapp ausfallen. F. Spv. 05 Mainz braucht sich vor der Sp. Gern. Höchst Wohl kaum zu fürchten. Weit vorsichtiger muß sich schon der 1. F. C.03 Langen gegenüber der Sp. Vgg. 04 Arheilgen verhalten, wenn er nicht noch mehr ans Ende der Liste geraten will. Hassia Dingen kann nach Lage der Dinge gegen den Sp. D. Wiesbaden nur Zufallschancen in Anspruch nehmen.
Bezirk Bayern.
In der Gruppe Nvrdbahern sollte der 1. F. C. Nürnberg vor einem weiteren Siege über den F. V. 04 Würzburg stehen. Auch die Sp. Dgg. Fürth wird von Bayern Hof nicht mit Punktverlusten zurückkehren wollen.Franken Nürnberg scheint sich in dem Maße gebessert zu haben, in dem D. f. R. Fürth nachlieh. Das macht das nunmehrige Zusammentreffen der beiden mäßigen Mannschaften zu einer offenen Sache. Der 1. F. C. Bayreuth wird dem A. S. D. Nürnberg lebhaften Widerstand bieten und vielleicht sogar eine Lleberraschung bereiten.
In der Gruppe Südbahern darf man sich diesmal wohl ohne Einschränkung an die Münchener Vereine halten. Es handelt sich um die Treffen Bayern München gegen den D. S. V., welch letzterer noch nichts Gleichwertiges gezeigt hat, Wacker München gegen Schwaben Augsburg und Schwaben Hirn gegen S. D. 60 München.
Fußball in Hessen-Hannover.
Der Hessen-Hannover-Bezirk hat am nächsten Sonntag in der Gruppe Nord die Kämpfe Hessen 09 gegen Tura und Göttingen 05 gegen Spielvevein angeseht. Den ersten Kampf dürften die Hessen, den anderen Spielverein gewinnen. In der Gruppe Süd wird auch Germania Marburg gegen B. E. Sport Kassel wenig Siegesaussichten in Kassel haben.
V. f. B.
Die Ligamannschaft fährt am kommenden Sonntag nach Dillenburg, um mit der dortigen Liga um die Punkte zu kämpfen. Man tonn der D. f. D.-Mannschaft einen glatten Sieg über Dillenburg zutrauen. Allerdings darf sie den Gegner nrcht unterschätzen. Die 0:11-Niederlage, die die Dillenburger am vergangenen Sonntag in Wetzlar erlitten, kann leicht zu einer ähtter- schähung ihrer tatsächlichen Spielstärke führen, die sehr deutlich durch ihren nur wenige Wochen vorher in Dillenburg errungenen Sieg über den Sportverein Wetzlar zum Ausdruck kam. Die unerwartete Durchschlagskraft der Dillenburger auf ihrem eigenen Platz hat schon mancher spiel- staicken Elf Zrie unangenehmsten Lleberraschungen bereitet.
Dasselbe gllt für die Ligareservemannschaft, die ebenfalls auf dortigem Platz Der- bandsspielgegner der Dillenburger Ligareserve ist. Auch sie sollte einen klaren Sieg mit nach Hause bringen können, wenn sie von Beginn an mit denselben Leistungen aufwartet, wie sie sie in der zweiten Halbzeit des Vorsonn-
Geld fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Wenn er sich vorbeugte, konnte er Inge sehen, deren Züge von Melancholie leicht überschattet waren. Was konnte ihr fehlen, die von ihrem Vater verwöhnt wurde, wie die ganze Stadt wuhte? In diesem Augenblick wandte sie sich ihm zu, und ihre Blicke trafen sich. Er sah, dah sie errötete, und ein Ozean von Glück überschwemmte ihn.
Mit einem scheuen Blick zu ihrem Bater hinüber wagte er es, sein Glas gegen sie zu erheben. Sie dankte mit einem kleinen Lächeln, das gleich wieder verblaßte. Von da an hatte Brodersen einen flörer weniger.
Nach einer Weite kam Blinsky zu ihm und nahm auf einem Hocker nebenan Platz. Grottecks gute Laune verschwand. Er hatte das Gefühl, daß dieser Mensch ihn beaufsichtigen und von weitern Vertraulichkeiten gegen die Tochter seines Chefs zurückhalten wollte.
Sie sprachen in halblautem Ton Gleichgültiges, Blinsky immer sein japanisches Lächeln um die dünnen Lippen, Grotteck vorsichtig, immer auf der Hut. Allmählich glaubte er zu verstehen, daß Blinskn einen Auftrag erfüllte, indem er ihn ins Gespräch nahm und ablenkte.
9m Kreis um Brodersen hatte sich das Thema geändert. Vielleicht war nur der Faden wieder auf- genommen, der bei seinem Dazukommen fallen- gelassen war. Er hörte von internationalen Finanzaktionen, von boschewikischer Propaganda in den Dftftaaten und Rumänien, von Kriegsvorbereitun» f|en an der litauisch-polnischen Ärenze, von bevor- tehenden Umwälzungen in Anaora.
Mitten in ihrem privaten Zwiegespräch wandte sich Blinsky bisweilen an seinen andern Nachbar, einen schweigsamen, eleganten Herrn, und übersetzte einige Wendungen jener Unterhaltung ins Englische, was jedesmal mit höflicher Kopfneigung quittiert wurde. Blinsky folgte also Brodersens Worten, während er Grotteck unterhielt oder — ablenkte.
Grotteck empfand das Ungewöhnliche mit veini- gendem Schmerz. Er wandte sich gereizt an feinen Nachbar: „Sie erfüllen Ihre Aufgabe gut."
„Welche Aufgabe?" fragte Blinsky mit hoch- gezogenen Augenbrauen.
„Natürlich die, mich von der Sprachbegabung des Russen zu überzeugen. Sie sind doch Russe?
„Man sagt es. Aber es ist schon so lange her, daß ich es selber kaum glaube.
„Sie können nicht zurück?"
Ein flüchtiges, ironisches Lächeln umfloa Blinskys Mund. „Oh, ich könnte wohl zurück. Aber, was wollen Sie, Herr Baron? Ich habe hier eine so gute Stellung — wie kann ich da an eine Rückkehr denken?"
.Ich dächte, die Heimat fei das Beste des Menschen?"
„Meine Heimat ist die Welt, die Menschheit", sagte der Rüste langsam, feierlich, fast wie ein Bekenntnis.
„Bravo. So ungefähr sagt es die Hapag ja auch. ,Mein Feld ist die Welt', nicht wahr? Sie haben sich weite Ziele gesteckt, Herr Blinsky." Er erhob sich lachend, ohne den finstern Blick des andern zu beachten, und ging auf Inge zu, die an der Balkontür stand. Die Gesellschaft halle ihr Gefüge gelodert und stand dicht davor, sich aufzulösen.
Beide traten auf die breite Plattform und schauten über die blumengefüllten Basen hinunter auf die Lichterketten der einschlafenden Stadt. Ein zweiter Sternhimmel war da unten ausgebreitet. Dichtere Lichtbündel verkündeten den Bahnhof, einige schnurgerade Lichtlinien neuere Straßen und die Allee, die zum Fluß führte. Don den Höhen der ferneren Umgebung schimmerte es schwach wie ein Gruß. Ein kühler, würziger Hauch kam vom nahen Wald herüber.
„Wer ist dieser Blinsky eigentlich?" fragte er unvermittelt.
Inge zuckte die Achseln. „Wer.er ist? Ein junger, strebsamer Mann, der bescheiden und anstellig ist und die rechte Hand meines Vaters. Irn übrigen hat er Talent zu allen möglichen Dingen."
„Ich weiß: er lithographiert, malt und kann verschiedene Sprachen."
„Er will mich malen."
„Aber Sie erlauben es nicht?" fragte er hastig und erregt.
tags zeigte. Nach diesen zu urteilen, darf man sogar ein recht hohes Resultat erwarten.
Die 3. Mannschaft fährt zum Verbandsspiel nach Qucrfborn. Dank ihrer größeren Spiel-Erfahrung sollte sie in der Lage fein, ihrem Gegner mit Erfolg die Punkte streitig zu machen. Unter normalen Voraussetzungen kann ihr Sieg ein recht hoher sein.
Nach einem Ruhesonntag greift auch die V. f. B.- Jugend wieder in die Pflichtspiele ein. Die 1. Mannschaft steht in Wetzlar dessen 1. Jugendelf gegenüber. Trotzdem sie nach längerer Zeit zum ersten Male wieder in bester Besetzung antritt, wird sie gegen die spielstarken Wetzlarer nur im besten Falle einen knappen Sieg herausholen können. Die 2. Iugendmannschaft hat im Pflichtspiel gegen die 1. Jugend Leihgesterns den Vorteil des eigenen Platzes. Sicherlich wird sie ein besseres Ergebnis erzielen, als die dritte Jugend, die vor kurzem gegen Leihgestern 0:8 verlor. Zu einem Sieg gegen den körperlich überlegenen Gegner wird es jedoch kaum reichen. Auch die 2. S ch ü- lerrnannschaft wird sich im Gesellschaftsspiel auf hiesigem Platz der 1. S ch ü l e r e I f von Leih- ?e ft e r n beugen müssen, da auch hier die bessere örperliche Verfassung den Ausschlag geben wird.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
o. Am nächsten Sonntag wird die Spl^lvereini- gung 1900 erstmals mit allen Mannschaften in die Meisterschaftsspiele dieser Saison eingreifen.
Der Verein Spiel und Sport Oranien 1914 Frohnhausen (Dill) erscheint mit Liga- und Ligareservemannschaft, sowie den Allerjüngsten, der Schülerelf, in Gießen. Die Frohnhäuser Liga, die in der letzten Verbandsspielsaison recht gut abge- schnillen hatte, hat diesmal einen schlechten Start gehabt, denn auf eigenem Platze unterlag sie dem Liganeuling Burg mit 3:0 Toren. Die 1 900er Liga sollte jedoch auf Grund dieses Ergebnisses nicht auf den Gedanken kommen, die Begegnung am kommenden Sonntag als eine untergeordnete mit leichtem, glattem Sieg zu betrachten. Die Spiel- Vereinigung 1900 konnte ihre seitherigen Treffen mit Frohnhausen siegreich gestalten, allerdings bewies der Unterschied im Resultat (8:1 und später 3:2), daß die Frohnhäuser im Aufstieg begriffen sind. Man kann in die Gießener Spieler das Vertrauen setzen, daß sie die Partie zugunsten des Platzvereins, wenn auch nur knapp, entscheiden.
Im Spiel der Ligareserven glaubt man, auf Grund des seitherigen Abschneidens, mit einem Sieg der Einheimischen rechnen zu dürfen.
1900s 3. Mannschaft trägt ihr zweites Verbandsspiel in Ettingshausen aus. Sind die Gießener mit gewohntem Eifer bei der Sache, so sollte auch hier der Sieg über Ettingshausens zweite Elf errungen werden.
Den Reigen der Jugendspiele eröffnet die zweite Jugenb im Pflichtspiel gegen »Teutonia" Steinberg erste Jugend. Anschließend trifft 1900’8 erste Jugend auf die erste Jugend vom Sportklub Wetzlar-Niedergirmes. Dann folgen die ersten Schülermannschaften von 1900- Gießen und Aßlar bei Wetzlar. Zwischen dem Spiel der Ligareserven und der Ligamannschasten bestreitet 1900’8 dritte Jugendmannschaft ein GeseUschastssPiel gegen die Schüler- elf von Frohnhausen an der Dill. Obwohl alle Jugendmannschaften der Spiclvereinigung 1900 ersatzgeschwächt antreten, kann man mit günstigem Abschneiden rechnen, da der Vorteil des eigenen Platzes für die Gießener sehr ins Gewicht fällt.
Fußball in Großen-Buseck.
Am nächsten Sonntag ruht die erste Mannschaft aus.
Die „Zweite" des F.C. 1926 Großen-Buseck hat am nächsten Sonntag die gleiche Mannschaft von L i ch zu Gast. Da sich beide Mannschaften an Spielerfahrung ziemlich gleichwertig sind, so wird der Ausgang demgemäß zu beurteilen sein.
Die 1. Jugend ist für Niederweisel verpflichtet, ein Sieg der Mannschaft wird möglich sein.
Sie sah ihn mit überraschtem Lächeln an. „Ich hatte bisher gar nicht darüber nachgedacht."
Er hatte eine andere Antwort erwartet und fühlte sich enttäuscht. „Wahrscheinlich ist er auch so ein ehemaliger russischer Fürst, wie?" höhnte er. „Alle Russen, die sich in unserm Vaterland breitmachen, sind ja Prinzen oder Fürsten gewesen. Es muß ganze Bataillone davon gegeben haben."
Sie lächelte noch immer über die Gereiztheit seiner Stimme. „Ich glaube nicht. Dazu ist er ein viel zu fleißiger Arbeiter. Denken Sie, er arbeitet sogar oft nachts. Er experimentiert viel."
Grotteck wollte sagen, daß er vielleicht Dinge tue, die das Licht des Tages zu scheuen hätten, aber er sagte nur: „Hoffentlich fabriziert er keine Bomben."
„O nein. So altmodisch ist er nicht. Er sagt, er sei einem neuen Steindruckoerfahren auf der Spur."
„Also ein genialer Erfinder?"
„Genial? Ach nein. Er hat wohl nur Talent. Aber eins haben ja alle Russen, die zu uns kommen. Wenigstens schwören sie selber darauf. Kennen Sie übrigens die Geschichte vom Maler Pett- kow in Paris?"
„Nein." Er wollte sagen, daß er eigentlich ganz andere Dinge mit ihr zu besprechen habe. Wer sie erzählte schon lachend weiter
„Also der große Pettkow malte Bilder, und zwar nur im Riesenformat. Sie verstehen, weil Rubens und Michelangelo es geradeso gemacht hatten. Er malte eine Sündflut mit Dutzenden lebensgroßer Unglücklichen darauf, denen man das Sterben wahrhaftig gönnte. Und er mietete ganze Säle zur Ausstellung und stellte rechts und links von den Schinken Lorbeerbäume und empfing die Gäste bei unsichtbarer Harmoniummusik in priesterlicher Gewandung. Wie einst sein Landsmann Wereschtschagin."
„Ein glücklicher Mensch, dieser Pettkow!
„Nein, denn er hatte bisweilen lichte Augenblicke. Und in einem solchen stöhnte er zu mir über die Schwierigkeiten, die ihm bas Aktmalen bereitete. Da prägte er das treffende Wort: »Komposition kann sein idealisch, aber Akt gibt kein Pardon ..."
Wider Willen stimmte er in ihr helles Lachen ein. „Also Blinsky ist nicht genialisch?"
„Sind Sie noch immer bei Blinsky?" fragte sie verwundert und mit ein wenig Spitzbüberei m der Stimme. „Sie wissen doch, wer er ist?"
Fußball in Heuchelheim.
Nachdem der Sportverein Heuchelheim das Aufstiegspiel zur Liga nicht für sich entscheiden konnte, ist er gezwungen, weiter in der A-Klasse zu spielen. Am kommenden Sonntag findet das erste Verbandsspiel in Heuchelheim gegen Ettingshausen statt. Auf eigenem Platze müßte Heuchelheim Sieger bleiben.
Arbeiter-Tum- und Sportbund.
In der ersten Vezirksklasse treffen sich am kommenden Sonntag N a u n h e i m 1 und W e tz l a r l in Naunheim. Hier werden die Plah- besiher überlegen sein und den Gästen eine empfindliche Niederlage bereiten. — Gießen Ib fährt nach Marburg, um gegen die dortige E r st e anzutreten. Nach dem in den letzten Spielen gezeigten Eifer dürften auch aus diesem Spiele die Gäste als Sieger hervorgehen. — Auf dem Wiesecker Sportplätze stehen sich W lese ck l und Heuchelheim! gegenüber. Wieteck, das eine längere Ruhepause hinter sich hat, darf die Gäste nicht unterschätzen, wenn es seine gute Position in der Tabelle nicht aufs Spiel setzen wi'll.
In der zweiten Vezirksklasse stehen sich in Naunheim Naunhe imll und Niedergirmes! gegenüber. Wer aus diesem Tressen ckls Sieger hervorgehen wird, ist nicht vorauszu- sagen. — Wieseckll ho! Rodheiml zu Gast. Ob es hier den Einheimischen gelingt, den Gästen ein ebenbürtiges Spiel zu liefern, hängt vom vollständigen Antreten der Mannschaft ab. — Kinzenbach! geht nach Leun, um gegen die dortige Erste anzutreten. Hier treffen zwei gleichwertige Gegner auseinander, wovon der glücklichere Sieger bleiben wird. — Oppenrod! hat Alsfeld!! zu Gast. Hier werden die Einheimischen überlegen sein. — Sau* bringen! hat Hungen! zu Gast. Zwei gleichwertige Gegner treffen hier aufeinander, wovon Daubringen den Vorteil des eigenen Platzes für sich hat und wohl glücklicher Sieger bleiben wird.
In der Jugendklasse stehen sich Naunheim und Gießen in Naunheim gegenüber. Hier werden die Gäste ein Plus für sich haben und wohl Sieger bleiben. — W i e s e ck hat Treis zu Gast. Hier dürsten die Plahbesitzer die Desseren sein und wohl Sieger bleiben. — Klein-Linden fährt nach Groß-Seel- h e i m und wird sich von der dortigen Jugend den Sieg nicht nehmen lassen. — Grünberg hat Leun zu Gast. Ob es den Einheimischen gelingt, die Gäste mit einer Niederlage nach Hause zu schicken, hängt von ihrem Eifer im Spiel ab.
Aeue deutsche Alugwettrelorde.
Auf dem ©elänbe des Hamburger Flughafens errichteten am Mittwoch vormittag der Pilot M a s s e n b a ch und sein Begleiter Petersen auf einem Leichtflugzeuge der Klasse C „Bäu- mer-Sausewind B !V A“ eine Stundengeschwindigkeit von 214 Kilometer und überboten damit die von Paul Bäumer am 10. Juli 1927 in dieser Klasse mit einem Passagier aufgestellte Welthöchstleistung von 191,959 Kilometer ganz beträchtlich.
Auf „Sausewind" stellten am Donnerstag auf dem Hamburger Flugplatz Fuhlsbüttel die Pi^o en Petersen und Dr.-Jng. Langsdorfs einen neuen Höhenflug-Weltrekord auf. Die Flieger erreichten eine Höhe von etwa 6100 Metern. Den alten Rekord mit zweisitzigen Leichtflugzeugen hielt der Engländer de Havil- land mit einer Höhe von 6054 Metern.
Aus der Schwimmbewegung der O. T.
Auch im schlechten Sommer des Jahres 1927 hat der Besuch des Schwimmens in der D. T. zugenommen. 1925 pflegten es 2269 Vereine mit 1 524 786 Besuchen: 1926: 2921 Vereine mit 1 972 203 Besuchen: 1927 : 3152 Vereine mit 2176 617 Besuchen. Die Besuche des letzten Jah-
Er blickte schweigend auf die tausend Lichter der Stadt unten, auf die Hügel, die sich in die Straßen hineinschoben und sich nun tiefer verdunkelten. Er bekam es in diesem Augenblick nicht fertig, sie an- zusehen: wie hatte er nur seine Eifersucht, die ihm selbst bis jetzt unbekannt war, zeigen können? Er konnte vor Inge Brodersen nicht lügen. Das war es.
Sie betrachtete ihn aufmerksam, und endlich begann sie leise: ,Jynen ist diese Landschaft fremd wie mir. Ist es nicht sonderbar, daß wir dennoch hier Wurzel geschlagen haben?"
,Ja, wir sind von verschiedenen Strömungen in den gleichen Hasen getragen worden. Ist es ein Zufall?"
Sie errötete und war froh, daß er es im Dunkeln nicht bemerken konnte. In ihren Händen zer- blätterte eine Klematisblüte. Sie fühlte sich schwach und unendlich glücklich.
Aus dem Zimmer, wo die Gäste jetjt in losen Gruppen umherstanden, auf das Signal zum Auf- bruch wartend, knallte eine Lachsalve in die feierliche Stille.
Inge blickte zurück und sagte schnell, im leichten Plauderton: „Es gibt keinen Zufall. Jeder Schritt, den wir gehen, ist in uralten Gesetzen vorgeschrie- ben — jeder Atemzug — jedes Lachen, jede Träne. Wissen Sie das nicht?"
Kurt Grotteck fühlte erstaunt den Unterschied der ernsten Worte und des konventionellen Tons. Da sah er Blinsky an der Balkontür stehen, halb abgewandt, unauffällig. Nun begriff er Inge, und er antwortete im gleichen Tonfall: „Also ist es Bestimmung, dah ich Sie liebe, Inge?"
Sie legte den Schal fester um die Schultern. „Es wird kühl. Ich muß hinein."
Verwirrt folgte er ihr. Hatte sie mit ihm gespielt? Hatte die Nähe des Lauschers sie abgeschreckt? Aber was ging sie dieser Angestellte Ihres Vaters an?
Plötzlich fiel ihm fein Reichtum ein, der drunten in der Stadt in einem lächerlichen Bersteck schlief. Er war nicht mehr der mittellose junge Mann aus guter Familie, er konnte um Inge Brodersen werben und ihren Weg glatt und eben halten. Konnte er es denn? Gehörte ihm denn dieser Schatz schon?
(Fortsetzung folgt.)


