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M.235 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien) Zreitag, 5. Gttober 1928

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Aus dem Hessischen Landtag.

Der Finanzausschuß beendet seine Tagung.

Darmstadt. 3. Oft Der Finanzausschuß des Hessischen Landtages hat am Mittwoch seine ihm vorliegenden Arbeiten zu Ende geführt. Zu­nächst wurde eine Eingabe des Reichsbundes der Zivildienstberechtigten. Zweig­verein Gießen, wegen Ausgleichung von Härten bei der Anrechnung der Militärdienstzeit und eine Eingabe Dr. Otto He h l e r - Darm- stadt behandelt, aber bis zur Vorlage des Stel­lenplanes z u ck ge st e l l t. Eine Eingabe tc8 Verbandes der Hessischen Justizbureau- Beamten und deren Anwärter. Sih Mainz, ivegen der Vergütungen an die Kanzlei- und Vureaugehilsen wird durch die Regierungsant­wort für erledigt erklärt. 3n dieser Antwort wird den Beschlüssen des Verbandes entgegen- gekonunen. Bei der Prüfung des Bahnpro- iektes Bensheim Lindenfels haben sich bezüglich der Rentabilitätsberechnung Wider­sprüche ergeben, die die Einholung eines Ober- autachtens erforderlich machen. Da die Kosten für dieses Gutachten zahlenmäßig nicht ange- Bwerden können, erteilt der Ausschuh.grund-

Genehmigung der Ausgabe. 3n der egenheit der Anbau- und Ausnutzungs- nwglichkeiten der 3uccapflanze in Hessen berichtet erneut der Minister für Arbeit und Wirtschaft unter Vorlage verschiedener Proben von bisherigen Versuchen. Der Ausschuß wünscht noch ergänzende Unterlagen über die industrielle Verwendungsmöglichkeit und die Rentabilität der Erzeugung. Die Frage des Bestehens des Großen Kurorchesters in Bad-Ra. u- heim während des Winters kam auch heute nicht zur Entscheidung, da noch ergänzende Er­hebungen angestellt werden sollen. Zur Zeit be­steht der Zustand, daß im Winter ein kleines Orchester (sogenanntes Tanzorchester) tätig ist. Die Regierung will jedoch versuchen, ob es nicht möglich ist, das große Orchester auch den Win te r über zu halten dadurch, daß es eventuell In benachbarten Städten bei Konzerien, Theatcraufführungcn usw. mitwirkt. Eine in der gleichen Frage vorliegende Antwort wird eben­falls zurückgestellt.

3n der Aussprache über die Ausführungen des Finanz-ministers wegen der Ard e i t des Sparkommissars in Hessen und den kom­menden Etat 1929 begründet Abg. Leuchtgens (Tbd.) seinen von uns gestern mitgeteilten An­trag auf Einsetzung einer Kommission, bestehend aus Vertretern der Regierung und des Parlamentes, die dem Landtag Sparvorschlage unterbreiten soll. Von selten der Regierung wird mitgeteilt, daß sie sich dem Antrag nicht an­schließen könne, weil die zur Zeit laßenden Er­hebungen des Sparkommissars Reichssache sind, so daß sie also den Abgeordneten die ge­wünschten Unterlagen noch nicht geben könne. Ein Arbeiten der gewünschten Kommission aber ohne Unterlagen müsse resultatlos bleiben. Der An­trag wird schließlich bei drei Stimmenthaltungen mit der Annahme eines Antrages erledigt, der besagt:Der Finanzausschuß hat keine Befug­nis, über die Einberufung des Landtages zu entscheiden. Er verweist deshalb den Antrag Leuchtgens und Glaser an den hierfür zuständigen Ael testenrat und lehnt ein Eintreten in die materielle Beratung des Antrages als hier­für unzuständig ab.

Damit war der Ausschuß mit seinen Bera­tungen zu Ende. Er wird wahrscheinlich erst kurz vor dem Zusammentritt des Landtags wie­der zusammenlommen. Wie wir schon mitteilten, werden die Beratungen des P lenums vor­aussichtlich erst Anfang Rovember be­ginnen. Wir glauben auch nicht, daß der An­trag Leuchtgens und Glaser den Präsidenten und den Aeltestenrat veranlassen wird, den Land­tag vorher zufammenzuberufen.

Evangelisch-Soziale Tagung.

WSN. Darmstadt, 4. Oft. Zur Zeit tagt in Darmstadt der Neichsausschuß d e s G e - samtoerbandes der deutsch en cua n g c

lischen Arbeitervereine. Gestern abend sand eine Begrüßungsfeier statt, zu der auch Mi­nister Korel!, Oberkirchenrat Dr. Büchleri Pfarrer Vogel, ein Vertreter des Kultusministe­riums und der Stadtverwaltung erschienen waren. Nach der Begrüßungsansprache erinnerte Minister Sore II an die Zeit seines Eintritts als junger Pfarrassistent in den Darmstädter evangelischen Ar­beiterverein vor mehr als 31 Jahren. In seinen Ausführungen über sein soziales Programm erklärte sich der Minister auch für die Heilighaltung des Sonntags. Am Buß- und Bettag in Hes­sen dürfe kein Laden mehr geöffnet sein. Am Heilig­abend müsse ebenfalls das Geschäftsleben zeitig schließen. Am schwierigsten sei das soziale Bau- Programm, das allerdings nur auf dem Lande und in Heppenheim von ihm direkt geleitet werde. Im Laufe des nächsten Jahres sollen mindestens

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66,75 v. H. von den ihm zur Verfügung stehenden 9 Millionen Mark für Kleinwohnungsbau in den größeren Orten Verwendung finden. Der Minister gedachte dann in ehrenden Worten der Opfer, die Arbeiter- und Beamte im besetzten Ge­biet auf sich genommen haben. Pfarrer Vogel sprach dann für die Pfarrvereinigung und die evan­gelischen Gemeindeorganisationen. Er erklärte u. a., die Pfarrer mußten heute immer wieder betonen, daß der Sozialismus als eine neue ethische Idee nicht nur die Arbeiterschaft, sondern die gesamte Menschheit angehe. Weiter sprachen noch Direktor Nöhrig für den Landesverein der Inneren Mis­sion, Pfarrer Berger für den Evangelischen Bund, Frhr. von Heyl z u Herrnsheim als Präsi­dent des Landeskirchentages und der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Evangelischen Arbeiter­vereine Pfarrer Werbeck.

Fiebertage in Oesterreich

Von JRene Kraus, Wien.

Des Land ohne Liberalismus.

Bliebe nicht der Trost, daß angesagte Revo­lutionen niemals ausbrechen, wäre der ärgste Pessimismus, was den Verlauf der nächsten Tage in Oesterreich betrifft, durchaus gerechtfertigt. Die beiden großen w:hrhasten Organisationen, der Bauern und der marxistischen Arbeiter­schaft werden am siebenten Oktober in dem Wien vorgelagerten kleinen 3ndustriestädtchen Wiener-Reustadt gegeneinander aufmar­schieren. Wer den Haß kennt, der da und dort am Werk ist, und wer zudem die räumliche Enge berücstichtigt, unter dem der Massenaufmarsch auf beiden Selten voristatten gehen wird,, kann sich den schwersten Befürchtungen nicht entziehen.

3n diesen Tagen und Stunden wartet alle Welt auf das Wunder, das eine Wiederholung der Ereignisse vom 15.3uli des vergangenen 3ahres bekanntlich des Tages, än dam es in Wien zu den schwersten Ausschreitungen des ver­hetzten Pöbels kam verhindern soll. Die Sozial­demokraten, deren österreichische halbkommunisti­sche Spielart, der sogenannte A u st r om a r x i s - m u s, trotz allen aufgeklärten Doktrinen plötzlich wundergläubiger sind, denn religiöse Mystiker, möchten gern, daß die Regierung des Prälaten Seipel dieses Wunder wirke: sie fordern von der Regierung ein Verbot der beiden Kundgebun­gen, obwohl ihnen sehr gut bekannt ist, daß eine gesetzliche Handhabe zu einem derartigen Verbot nicht besteht. Sie wären freilich bereit, eine solche gesetzliche Handhabe durch ein Augenblicksgesetz zu schaffen, durch eine Bestimmung, zufolge der alle Aufzüge der Verbände und Organisationen zu beiden Seiten, mit Ausnahme der sportlichen Veranstaltungen, für die Dauer eines 3ahres, schon vom siebenten Oktober an, verboten werden sollten.

Richts kennzeichnet deutlicher die Wandlung der Verhältnisse in Oesterreich als diese sozial­demokratisch e Anregung. Die Austromarxisten, dieselbe Führerclique, die nicht oft genug betonen konnte, daß sie nur deswegen keine bolsche­wistischen Methoden anwende, weil die Zeit dafür noch rächt reif sei, obwohl sie. wie immer wieder versichert wurde, nichts als oie Methode von den Bolschewisten unterscheide, dieselben Austromarxisten, deren oberster Grundsatz seit dem Bestehen der jungen Republik immer wieder der Terror in den Betrieben, in denen ihre Anhänger, und in jenen Verwaltungskörpern, in denen sie selbst an der Macht waren, gewesen ist, Hetzer, die immer wieder die Drohung mit der Straße als letztes Argument bereit- hielten, und die die Straße tatsächlich zehnmal in jedem 3ahre aufhetzten dieselben Männer als jäh gewandelte Gegner der Argumentation der Straße int politischen Kampf, ist allerdings eine groteske Vorstellung Eine Vorstellung, die trotzdem jedem Oesterreicher, der an der aufrich­tigen Demokratie hängt, wunderschön erscheinen muh nur leider: zu schön, um wahr zu sein.

Die sozialdemokratische Anregung ist von Re­gierung und Mehrheit nicht auf gegriffen worden. Man merkt zu deutlich die Absicht, die hinter ihr steckt. Vor allem die Absicht, sportliche Veranstal­tungen der Verbände gesondert zu behandeln, be­ziehungsweise zu erlauben, wenn andere Auszüge verboten fein sollen. Die Sozialdemokratie, deren österreichischer Organisationsapparat zweifellos der überhaupt beste auf der Welt ist, kann ihre Anhänger jederzeit durch Vermittelung ihrer sportlichen Organisationen aufbieten, während Bürgertum und Bauernschaft natürlich keine par­teipolitisch angeblich sportlichen Organisationen besitzen. Damit wäre also der alte Zustand wieder­hergestellt, daß die Straße einseitig dem Austromarxismus gehört.

Mit di es ent Zustand in den letzten Monaten gebrochen zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst der Heimwehren, mit deren Lei­tung man als besonnener Bürgerlicher sonst nicht in allen Punkten übereinstimmen muh. Die Heim- wehren, die ursprünglich zum Schuh der Grenz­gebiete gegeit Angriffe aus den annexionslüster- nen Nachfolgestaaten geschaffen waren, und zwar spontan aus den Kreisen der Bauernschaft und des ländlichen Bürgertums heraus, haben später die Aufgabe übernommen, dem Hebergreifen des roten Terrors aufs Land entgegenzuwirken. Seit den fürchterlichen Ereignissen des letztvergangenen Sommers, namentlich seitdem ein im Zusammen­hang mit den 3uli-Ereignissen mutwillig herauf» beschworener Verkehrs streik das wirtscha>t» liche Leben der Bundesländer aufs schwerste schä­digte, hat die Organisation »des bürgerlichen Selbstschutzes, die keiner Partei nahesteht, keinerlei reaktionäre Ziele verfolgt und außer öem allen Oesterreichern ohne Ausnahme selbst­verständlichem Ziel, am Anschluß mitzuwirken, nur einen einzigen Zweck: die Demokratie auf dem Lande zu schützen und den roten Terror zu brechen. Lind deshalb hat sie ungeheuren Zulauf.

Die Heimwehren sind nun in ihrem organisato­rischen Aufbau so weit, daß sie sich in ruhigen, straff disziplinierten Kundgebungen auch in den Industriestädten zeigen können, aus denen bisher jedes andere Danner außer dem roten streng verpönt war. Ein derartiger Aufmarsch in der sozialdemokratischen Hochburg Wiener-Reustadt kann nunmehr nicht verboten werden, nachdem er monatelang vorher ordnungsgemäß an» gemeldet worden war, nachdem sozialdemokra­tische Aufzüge ohne Zähl genehmigt wurden und stattfanden und insbesondere mit Rücksicht auf die Tatsache, daß auch dieser Aufmarsch in aller Ruhe sich hätte abspielen können, hätten die Sozial­demokraten nicht durch die später erfolgte An­setzung einer Gegenkundgebung am sel­ben Ort und zur selben Zeit die Lunte ins Pulverfaß geworfen. Mit einem Verbot bet» I der Kundgebungen wäre lediglich das sozialistische Ziel erreicht, die Veranstaltung der Heimwehren I unmöglich zu machen und daran mitzuwirken

Das Gsslsnproblem des modernen Menschen.

. Anläßlich der fünften 3ahrestagung des 3 n- ternationalen Verbandes für kul­turelle Zusammenarbeit in Prag sprach am Mittwoch Prof. C. G. 3ung über ^D a s Seelen Problem des modernen Manschen". Er führte u. a. folgendes aus: Dernoöerne Mensch steht am Rand der Welt; über sich den Himmel, unter sich die Rebel einer unabsehbaren Geschichte. Solche seelische Haltung Slfßtoeti höchstmögliche Bewußtheit, daher sind die wirklich Modernen wenige und einsame Men­schen. Haben sie sich doch aus dem schützenden Mutters choß der Llnbewußtheit, in dem mit grab»

'en Abstufungen auch die Kulturvölker leben, -gerungen und sind im tiefsten Sinne ^unhistorisch" geworden. Freilich darf der, der so alle vergangenen Bewußtseins­stufen in sich überwunden hat, nicht ver­wechselt werden mit jenen Auch-Modernen, die als Entwurzelte an seiner Seite auftauchen, wie Gespenster, und den Begriff des Modernen von jeher gefährdet haben.

Höhere Bewußtheit ist Schuld und kann nur von einem im besten Sinntüchtigen" Menschen ertragen werden. Bloße Leugnung der Ver­gangenheit bleibt üble Spekulation, weshalb die besten unter den Modernen sich eher altmodisch geben und ihr Gegenwartsbewußtsein höch­stens als ein Geständnis stolzer Ar­mut und die Enttäuschung 3ahrtausende alter Hoffnungen ansehen... Die Seele des modernen Menschen hat eine fatale Erschütterung erlitten und ist wesentlich unsicher geworden. 3ch spreche als Arzt, erkläre aber keineswegs die ganze abendländische Menschheit für krank. Zudem ist mein Urteil um so einfeiliger, als die Pro­blematik der Seele auf der inneren Seite liegt. Wohl gab es Völker und Zeiten mit festen ideellep und rituellen Formen, in denen sich die Seele geschlossen nach außen offenbarte (Aegyp­ten), und die also unpsychologisch,seelenlos" waren. So blieb die Entdeckung der Psychologie der neuesten Zeit Vorbehalten, weil erst ihre Spezialisierung die Rot der Seele akut werden lieh. Wir sind uneins mit uns selber geworden und haben die Seele als ein Fremdes, ja Feind­seliges entdeckt (Freud). Das Unbewußte hat

heute, wo die Seele nicht mehr Teil eines festen 1 metaphysischen Systems ist, Eigengewicht bekom­men und bedroht unseren Glauben an uns selbst.. |

Die sichere Ruhelage des mittelalterlichen Men­schen ist uns verloren und unser Ersatz, die Huma­nität, schwer beeinträchtigt durch die ringsum aufgetauchten Katastrophenaspekte. Die dunklen Hintergründe der Seele faszinieren den heutigen Menschen ungeheuer, wie der Aufschwung von Psychoanalyse, Spiritismus. Theosophie usw. be­weist ...

Der Bolschewismus steht vielen Menschen heute näher als kms Evangelium, und die Welt trägt ein häßlicheres Gesicht als je. So lockt uns das Außen gewiß nicht mehr fort von der eigenen Seele. 3mmer fällt der moderne Mensch man denke an Einstein und die jüngste Atomthevrie aus der kausalen Welt der Phänomene auf die einzige seelische Realität zurück. Der Abendländer ist durch seine ganze Vergangenheit schwerer be­lastet als irgendeine Rasse:3hr habt so scharfe Rasen, so dünne grausame Lippen, wir halten euch arte für verrückt sagt mir ein indischer Freund über die Weißen. Der arische Raubvogel sucht überall Beute und es ist kein Wunder, daß die Ausgrabung unserer seelischen Komplexe, wie Freud sie betreibt, kein sehr wohlriechendes Ge­schäft ist.

Lind doch kann in Aner Bewegung, die solche Leidenschaften erweckt, nichts so Schlechtes und Llntaugliches sein. Hinter Perversität und Aber­glauben kündet sich, trotz des ärmlichen Anblicks von heute, ein Besseres an. Roch sträubt sich das allgemeine Bewußtsein gegen die grausame Strenge letzter Selbsterkenntnis, und zwar aus einem gesunden 3nstttckt der Selbsterhaltung. Dem Abstieg ins Dunkle und Häßliche muh das Helle und Schöne folgen. Licht wird immer aus Rächt geboren und keine Sonne bleibt ewig am Himmel stehen, wenn die menschliche Seele es will. Warum gleich an Zerstörung aller Werte denken? Die Welt des Westens legt ein rascheres, das ameri­kanische Tempo ein. Ein unerhörter Gegensatz beginnt zwischen Außen und 3nnen zu spannen. Aeuherlich betrachtet vielleicht ein letzter Wett­lauf des alternden Europa mit dem jugendlichen Amerika, psychologisch betrachtet vielleicht ein ge­sunder oder verzweifelter Anlauf, der Macht dunkler Raturgesetze zu entrinnen und einen noch größeren, noch heldenhafteren Sieg des Wachseins über den Volkerschlaf zu erfechten..«

Lichtspielhaus Bahnhofstraße.

3m Lichtspielhaus lauft seit gestern ein großer achtäktiger Film, der nach einer Rovelle von ©liefan Zweig gearbeitet ist: er heißtA n g st", de,r Untertitel ist schlecht stilisiert und entspricht nicht der vornehmen und literarischen Haltung des Werkes. Es ist uns nicht gegenwärtig, welche Rovelle gemeint sein könnte, es kommt auch nicht so sehr darauf an; entscheidend ist, daß es sich um ebnen literarischen Film handelt. Lind es kann auch hier nicht übersehen werden, daß er, wie die meisten seiner Ari, die Schwächen ausweist, die nur in seltenen Fällen vermieden werden: was nämlich die Filmtechnik vor der Erzählertechnik voraus hat, genügt nicht, so bestechend es oft­mals wirkt, den Vorsprung aufzuholen und aus­zugleichen. den diese wie jede gute Erzählung stets vor dem Film hat, der sich der gleichen Fa­bel bemächtigt. (Was schon äußerlich in der Tatsache zum Ausdruck kommt, daß fast nie eine Rovelle nach einem Film geschrieben wird, son­dern fast immer umgekehrt.)

Lind weil der Erzähler Stefan Zweig die Li- nvenführung aller seiner Rovellen ganz von innen heraus modelliert, aus dem Seelischen und oft aus unbewußten ober unterbewußten Bezirken seiner Gestalten heraus, deshalb wird auch der beste Film künstlerisch immer schwächer bleiben, weil er die feinen und zarten Linien, die die Rovelle innerlich aufbauen, mit seinen Mitteln unvermeidlich vergröbern muh.

Falls man sich dieser Abstände bewußt bleibt (auf die grundsätzlich immer hin gewiesen wer­den sollte), kann zugestanden werden, daß es sich hier um ein gutes und geschmackvoll insze­niertes Filmwerk handelt, dessen Regie (Hans Steinh o f f) zum mindesten sichtlich bemüht ist, die ungemein schwierige Psychologie dieser Ehe­geschichte behutsam im Szenischen aufzulösen und im bewegten Bild zu spiegeln. Er hat eine gute, stets weitertveibende Spannung in feiner Kom­position, er verfügt über eine gepflegte und. aus­geglichene Technik und stellt eine sauber ab» gestimmte und eingespielte Besetzung, in der die sympathische und ausdrucksvoll spielende Clga Brink in einer Hauptrolle hervorsticht. Daneben die Herren Edw ards, Fröhlich und Kast­ner (der manches von feiner einstigenLin» widersteblichkeit" eingebüht hat), die Damen Bi» vian Gibson und Margit Manstad. -r-

haben Mehrheit und Regierung, abgesehen davon, daß ihnen auch die gesetzliche Handhabe fehlt, begreiflicherweise kein 3>rtereffe.

Hoffentlich wird der Katzenjammer unter den Austromarxisten. der auf dem eben abgelaufenen großen Parteitag deutlichen Ausdruck fand, ge­nügen. um sie zu einem gewissen Einlenken zu veranlassen und so den gewaltsamen Zusammen­stoß der Gegner zu verhüten. Das große Llnglück für Oesterreich ist eben, daß das Land keinen politisch wirkenden und wirksamen Liberalismus hat, der hier feine menschliche und historische Rolle a 1 s Vermittler zwi­schen den Extremen z u beiden Seiten zu spielen hätte, obwohl die ganze geistige Struk­tur des Oesterreichers den Liberalismus besonders begünstigen müßte. Möglich, daß der liberale Grundzug des österreichischen Menschen einem besonderen politischen Liberalismus keinen Spiel­raum mehr läßt. Möglich, daß der Liberalismus unter den Oeste.rreichern zu selbstverständlich ist, als daß er als politisches Programm genügen würde. Daß es aber trotzdem zu schweren Er­schütterungen kommen kann, wie zur Erschütterung dieser Fiebertaae, die einen Bürgerkrieg in greif­bare Aussicht stellt, beweist, daß die verbindende Macht des politischen Liberalismus doch für ein demokratisches Staatswesen unentbehrlich ist. Wieso es zu so schweren Erschütterungen kom­men kann, woran es liegt, daß wohnungs- und arbeitslose Proletariermassen sich von radikalen Demagogen leicht und so weit verhetzen lassen, daß ihr Druck einen noch schärferen Gegendruck auf der anderen Seite gebiert das ist eine Frage, die man den Männern von Ver­sailles vorlegen müßte, die Europa die fratzen­hafte Maske von heute gegeben haben.

O-erheffen.

Landkreis Gießen.

DLollar, 4. Okt. Zwei hiesige Einwohner wei­den in diesen Tagen 7 5 Jahre alt. Weißbinder- meister Franz laubert vollendet heute, Rektor a. D. Georg Karl Sehrt morgen das 75. Lebens­jahr. Beide erfreuen sich auch guter geistiger und körperlicher Gesundheit.

* Linden st ruth, 5. Oft. Dis zum 11. Oktober ist die Straße von Reiskirchen in Richtung Grünberg bis zur Abfahrt nach Harbach für alle Fahrzeuge gesperrt. Die Kurve hinter Lindenstruth, an der vor einigen 3ahren das Denninhoffche Auto ver­unglückte, wird wesentlich verbreitert und gepflastert. Der Verkehr wird über Hatten­rod-Harbach geleitet.

«c* Stangenrod, 4. Okt. Ein Unfall, der leicht noch schwerere Folgen hätte haben können, ereignete sich dieser Tage in unserer Gemeinde. Der Landwirt Friedrich Döll fuhr mit seinem Gespann Kühe ins Feld. Plötzlich scheuten die Tiere und Doll kam so unglücklich zu Fall, daß die Kühe auf ihn traten und ihn übel zurichteten. Schwere Verletzungen am Kopf und an den Deinen, Rippenbrüche usw. waren die Folgen für den bedauernswerten Mann.

Kreis Friedberg.

pb. Butzbach, 4. Okt. In der gestrigen Stadt­verordnetenversammlung wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt: Die Ausstellung einer Schuldurkunde über ein Staatsban - darlehen für Rechnungsjahr 1928 in Höhe von 43 500 Mark wurde genehmigt. Desgleichen wurde die Ausfertigung eines Schuldscheines in Höhe von 11000 Mark für ein vom Mathilden- stift gewährtes Darlehen gutgeheißen. Dasselbe dient zur Ablösung eines Zwischenkredites, der vom Reich zur Erbauung eines Deamtenwohn- hauses gewährt und am 1. Oktober 1928 zu» rückzuzahlen war. Der Eisverein, der am Ebersgönser Weg eine Eisbahn Herrichten will, wird ein Darlehen im Betrage von 3000 Mark gegen 5 Prozent Zinsen und selbstschuld­nerische Bürgschaft der Herren Ludwig Brau­bach jr., Dr. Speth und Christ. Wießler ge­nehmigt. Die Bauleitung übernimmt unverbind­lich und kostenlos die Stadt Butzbach. Für die wieder als Vollanstatt eingerichtete Land-

Heue keuische Ausgrabungen in Palästina.

lieber die Orabungsarbeiten, die Dr. Welter im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts bei Balata, etwa 100 Meter östlich von Nablus und am Berge Gerizim vorgenommen hat, wird in der Times" berichtet. Balata wurde mit dem alten Shechem identifiziert, das im Buch der Richter, Kapitel 9, Bers 4, erwähnt wird: es scheint aber eher der nahegelegene Ort Migdal Shechem zu fein, von dem im Buch der Richter, Kapitel 9, Vers 49, die Rede ist. Die Hauptentdeckung bestand in einer breiten stumpfen Pyramide von 131 Quadratfuß, die auf einem Sockel von 16 Fuß Höhe erbaut war und augenscheinlich den Teil eines Turms zur Be­festigung bildete. Darüber befand sich vermutlich der Tempel des Baal, der im oberen Teil der Pyramide lag. Es ist ein Raum von 85 zu 68 Füß mit 16 Fuß dicken Mauern, von zwei Türmen flankiert. Nahe dabei find würfelförmige Keller, die den Kornspeichern ähneln, die zu Pithom in Aegyp­ten gefunden wurden. Unterhalb der Befestigungen stieß man auf Spuren einer älteren Stadt, die aus der Zeit um 1700 v. Ehr. stammt und von Mauern umgeben war. Diese Stadt wurde 1300 v. Ehr. zer­stört kmd darüber entstanden die zuerst entdeckten Befestigungsanlagen: die Häuser der Bewohner lagen außerhalb der Mauern. Auf dem Berg Geri­zim wurde in der Nähe des samaritanischen Opfer­platzes die christliche Kirche freigelegt, die der Kaiser Zeno 484 baute nach der Niedermetzelung der Christen durch die Samariter. Aus der Fülle der Einzelfunde läßt sich die Anlage dieser Kirche genau erkennen. In der nächsten Saison will Dr. Welter die später von Justinian angekate Befestigung und den samaritanischen Tempel erforschen.

Hochschulnachrichten.

Der durch das Ableben des Geh. Regierungs- rades 3oh. Gadamer an der Universität Mar­burg erledigte Lehrstuhl der pharmazeutischen Chemie ist dem ordentlichen Prof. Dr. Phil, et med. bet. Peter Danckwortt an der Tier­ärztlichen Hochschule in Hannover angeboten worden. Der a. o. Professor für klassische Philologie an der deutschen Universität tnPrag, Dr. Theodor Hopfner, ist zum ordentlichen Professor dieses Faches ernannt worden.