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Aus der provinzialhaupistadt.

G ieß en, den 5. Oktober 1928.

Llebersättigt.

Wehr Erleben! rufen die einen. Wir haben technische Mittel genug, um die Zeit um ihren raschen Lauf zu Ertrügen, wir besitzen Möglich- keilen genug, um unfern Hunger nach Reuem, Unerhörtem zu stillen! Tempo tut es an allen Orten. Tempo! Die Zeil wollen wir auSkosten, anders als die vor uns!

Qii^ noch Stille gibt es im Lande, Men­schen. au denen dieser Ruf noch nicht gedrungen ist und die verwundert fragen würden: Was wollt ihr eigentlich? Irgendwo in abgelegenen Orten leben ne. und der neue Tatenmensch, dem das Auto mit 80 Kilometer Stundengeschwindig­keit als Schneckengang erscheint, schaut ein wenig geringschätzig auf di«Zurückgebliebenen" hin. Tempo! Och habe keine Zeit!

Dagegen werden nun immer wieder mit Recht Stimmen laut, die gerade diesem Leben der Stille ihre Achtung bezeugen, ihm Werte zu­billigen. Und dies« Stimmen kommen von Män­nern und Frauen, die nicht mit einer Hand­bewegung abzutun sind, oder die doch wenigstens Anspruch erheben dürfen, gehört und beachtet zu werden. 3f)t seid übersättigt, sagen sie, über- sälligt von all den vielen An gelegen Herten, Auf­regungen und Freuden des heutigen Daserns, und eure aufgeregten Nerven schreien nach weiteren Ausregungen, weil sie den Segen der Stille und Sammlung, des Insichnchens, der be­scheidenen Arbeit, der strengen Pflichterfüllung, di« doch nicht- gemein hat mit nervösem Hasten und Hetzen, nicht mehr kennt. Entfremdet habt ihr euch vom natürlichen Leben, das sich im Kleinen Werte schasst. Von dem Unerhörten erhofft ihr euch Befriedigung. Möglich, daß ihr sie be­kommt. aber das viel Wichtigere, die Zufrie­denheit. bekommt ihr nicht, die nötig ist, wenn das Dasein Sinn und Inhalt haben soll. Richt jene Zufriedenheit ist damit gemeint, die lässig die Hände in den Schoß legt, sondern jene andere, die jedem Ding und jedem Dasein sein Recht zu- bllligt, für sich selbst auch die Recht? in Anspruch nimmt, die zuzubilligen sind, aber auch die Gren­zen und Schranken achtet, die zu überschreiten nicht nützlich sein kann, weil jedes Geschöpf in dem Lebenskreise bleiben muß, der ihm entspricht, oder es verkommt und wird zertreten. Ueber'ättigt seid ihr von den tausend kleinen Dingen, zu denen ihr rast, als ob es um des Lebens Glückseligkeit ginge, und von denen ihr doch stündlich enttäuscht werdet. So seid ihr schließlich gerade um das betrogen, was ihr wünscht und sucht: des Da­seins Erfüllung.

Solche Worte müssen nicht immer in die Enge einer spezialisierten Weltanschauung, eines Pro­gramms. einer Gruppe führen, die damit wieder Geschäfte machen will. Sie können und sollen zu der großen Lebenslänie hinführen, di« dem Menschensein Inhalt und Wert gibt. Wo wir stehen, ist schließlich gleichgültig, wenn wir nur unfern Anteil an den Lebensfreuden erhalten und unfern Tribut an Pflichten entrichten, die dem Menschen als GemeinschaftSwesen vor­gesetzt sind. ES ist auch gleichgültig, welch« Kleider wir tragen, welche Arbeit wir verrichten, ob wir im Auto und Flugzeug durch die Welt rasen oder hinter dem Pflug gehen. Ja, viel­leicht hat der schlichte Mann, der abseits von der großen Rennbahn des Daseinskampfes geht, weit mehr von seinem Dasein, weil sein Auge und alle seine Sinn« aufgeschlossen sind den Erscheinungen des Lebens. 8.

Taten für SamStag. den 6. Oktober.

Sonnenaufgang 6.08 Uhr, Sonnenuntergang 17.27 Uhr. Mondaufgang 22.11 Uhr, Monduntergang 14.48 Uhr. v ,

1648: Sieg der Kaiserlichen über die Schweden bei Dachau: 1847: der Bildhauer Adolf von Hilde­

brand in Marburg geboren: 1870: der Kirchen­staat wird dem Königreich Italien einverleibt.

Holzierdiepolster.

Betrachtungen zur Eisenbaßnrcform.

Frau Geheimrat stnd«t e8 entsetzlich unfein, Holz" stabtDritter" zu sagen.

Die Anhänger neuer Sachlichkeit sind entgegen­gesetzter Meinung.

Aber, wie wird dos Kinnen:Einmal Holz Bad-Rauhe im!", oder:Fünfmal Polster Offen­bach!"?

Wird man jemals nach Holzminden fahren können, ohne in den Derdacht des Stotterns zu kommen?

ilnb wird nicht auch dem Schalterbeamten um« underscheidbar das dumpfe O im Ohre rollen?

Richt lieber so:Einmal weich Wiesbaden!" und:Einmal hart Hannover!"?

Die Kegler werden ihren GrußGut Holz!" nicht mehr für sich behalten können. Denn,Gut Holz", das sind doch wohl die alten 3.-Klasse- WagenRund-Holz" tonnte man auch sagen undGut Holz!" wird man seinen Freunden vor der Reis« wünschen, bevor sie in den Kampf gehen, der um dieGut-Holz-Wagen" wer sieht es nicht voraus? nach jeder Zugeinfahrt enilExtennen wich.

Was vor allem werden die Frauen dazu sagen? Ist es etwa angenehm, sich zu den Holz-Frauen" zu wünschen? AberPolster- Frauen"? Welche Dame schlanker Linie möchte dahin wohl gerechnet sein? G. KL

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag: Stadt- tbeotcr:Ingeborg", Komödie von Kurt Götz, An­fang 8 Uhr. Lichtspielhaus: Bahnhofstraße: Angst". Astoria-Lichtspiele:Der Polizeiflieger von Kalifornien".

* Die WarnungsschilderAchtung! A u t o a u s f a hr t!" verboten. Rach einem Erlaß des hessischen Innenministers sind die an Torfahrten und vor Grundstücken angebrachten WarnungstafelnAchtung! Autvausfahrt!" im Interesse des allgemeinen Durchgangverlehrs von den Grundstückseigentümern zu besci igen. Die Ausfahrt eines Kraftfahrzeuges ist künftighin zur Warnung der Passanten und des übrigen Straßenverkehrs durch Personen mit einer roten Flagge bemerkbar zu machen.

** Bauvorhaben der Gießener Woh­nungsbaugesellschaft in der Schu­be r t st r a tz e. Dor einigen Tagen ist in der Schubertstraße zwischen Beethoven- und Händel- straße mit der Errichtung eines größeren Bau­komplexes begonnen worden. Es kommen dort zwei dreistöckige Einzelhäuser und ein dreistöckiges Reihenhaus xur Ausführung. Davon enthalten di« Einzelhäuser je 3 Dierzimmerwohnungen, das Reihenhaus 9 Dreizimmerwohnungen, insgesamt also 6 Dierzimmer- und 9 Dreizimmerwohnungen, nebst allem Zubehör. Die Häuser in ansprechen­den Dauformen sollen aus Bruch- und Ziegel­steinen erstellt und mit Verputz- und Ziegel­eindeckung versehen werden. Es ist beabsichtigt, die Rohi>auarbeiten noch in diesem Herbst zu vollenden. Der Bauentwurf stammt von dem Architekten Phil. R i c o l a u s, der auch die Bau­leitung innehat. Die Erd-, Maurer- und 'Beton- arbeiten kommen durch die hiesigen Firmen G. Decker, Birkenstock & Schnei der und H. Weimer zur Ausführung und bieten einer großen Anzahl Arbeitern für längere Zeit Be­schäftigung. .

* Führungen durch unfer Kremato­rium werden auf Veranlassung der Deutschen FeuerbestattungskasseFlamma" in Berlin jeden ersten Samstag eines Monats veranstaltet, zu denen jedermann kostenlos Zutritt hat. Die Füh­rungen beginnen nachmittags 4 Uhr, zum ersten Male am morgigen Samstag. Interessenten seien auf die heutige Anzeige hingewiesen.

Feuerbestattungen auf dem Gie­ßener Friedhof. Im abgelaufenen Vierteljahr wurden im hiesigen Krematorium 25 Einäscherun­gen vorgenommen, gegen 15 in der gleichen Zeit des Vorjahres. Im Jahre 1928 betrug die Gesamt- zahl der Einäscherungen bis jetzt 75, gegen 51 im Vorjahre.

** Exhumierungen in Gießen. Auf dem hiesigen Kriegersriedhof der fremden Soldaten mür­ben gestern die sterblichen Ueberreste von zwei Sol- baten aus Portugal ausgegraben. Es erfolgt lieber- führung nach Portugal, wo ber sterblichen Hülle dieser Solbaten ein Grab in heimischer Erbe be­reitet werden soll. Auf den beiden Kriegerfriedhöfen unseres Neuen Friedhofes ruhen jetzt noch 276 Deutsche und Oesterrreicher, ferner 167 Russen, drei Rumänen und ein Krieger unbekannter Nationali­tät. Außerhalb des Ehrenfriedhofes find noch zwölf deutsche Soldaten gebettet.

** E s kann wieder gewogen werden. Die Sperre der Fuhrwerkswaage in der Frankfurter Straße ist aufgehoben, da die Reparaturarbeiten beendet sind.

Promenaden-Konzert am 1 16er- Denkmal. Gelegentlich des D^rbandstages der ehern. 116er findet am nächsten Sonntag, 7. Oft, von 11.30 bis 12.30 Uhr ein Promenaden-Konzert am 11ber-Denkmal vor der Zeughauskaserne mit nachstehendem Programm statt: 1. Alexander- Marsch (Parademarsch des 116. Rats.) von Leonhart: 2. Ouvertüre zur OperBanditen- streiche" von Suppe; 3. Parademarsch Rr. 1 von Möllendorf; 4. Potpourri «Dom Rhein zur Donau" von Piefke; 5. Gardeschützenmarsch.

** Naturschutzausstellung in Darm­stadt. Das Ministerium für Kultus und Bildungs- mefen veranstaltet im November in den Raumen des Landesmuseums eine Naturfchutzausstellung in zwei Teilen,Naturschutz und Schule" undNatur­denkmäler unserer Heimat". Während der Ausstel­lung, die voraussichtlich am 10. November eröffnet wird, sind ferner ßidftbilfcerDorträge und die Vor- führung des Vogelsberg-Films geplant. Freunde der heimischen Natur, die Bilder usw. besitzen, die sich für die Ausstellung eignen (besonders Der- größerte Photographien), werden im Interesse der guten Sache gebeten, diese für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen und sich baldigst mit der Aus- stcllungslcitung (Professor Dr. Spilger, Darmstadt, Pädagogisches Institut) in Verbindung zu setzen.

** 9JI i tL. 5 9" nach Afrika. Auf Einladung des Bundes der Kolonialfreunde, Ortsgruppe Gie­ßen, sprach gestern Abend in ber Neuen Aula ber Meteorologe Dr. Förster (Leipzig) über bte welt­berühmte Kriegsfahrt bcs ZeppelinluftschiffesL. 59" im November 1917 von Iamboli (Bulgarien) nach Afrika. Das Marineluftschiff sollte bamals bekannt­lich den unter Lettow-Vorbeck in Deutsch-Ostafrika kämpfenden deutschen Truppen Kriegsmaterial und sonstige Hilfsmittel für den Felddienst überbringen, es wurde jedoch auf ber Höhe von Chartum burch einen Funkspruch ber Abmiralität aus militärischen Grünben zurückgerufen unb flog roieber nach Jam- boli. Der Redner behandelte in etwa eineinhalb­stündigen Ausführungen das erst vor gut Jahres- frist hier in ber Aula von Ingenieur Göbel er­örterte Thema sehr fesselnb. Neue Momente ver­mochte Dr. Forster allerbings nicht zu bringen, ba ber erste Vortragende schon vor einem Jahre diesen denkwürdigen Flug noch allen Richtungen hin sehr gründlich besprochen hatte. Die zur Illustration des Vortrags gezeigten Lichtbilder brachten ebenfalls viel Bekanntes, sie wurden aber in geschickter Grup­pierung gezeigt unb erweiterten namentlich bis Kenntnis der technischen Einzelheiten unseres Zep. pelinlustschiffbaues. Der Abend fand seinen Äus- klang in einem Appell des Vortragenden an die Be­sucher, allezeit den kolonialen Gedanken und die Er­innerung an die Helden desL. 59", die mit diesem bekanntlich im April 1918 in der Straße von Otranto untergingen, hochzuhalten. Dem Vortragen­den wurde reicher Beifall gezollt. Der Besuch des Abends war leider sehr schwach, bei dem bereits er­schöpfend bekannten Thema allerdings kein Wunder.

w Der Deutsche D au schulbun d, Ortsgruppe Dießen, unternahm gemein­sam mit dem Technischen Verein am vergangenen Sonntag eine Besichtigung der modernen Frank­furter Wohnhaussiedlungen und der neu er­richteten Großmark'.h Le. War auch die Witte­rung dem Unternehmen nicht allzu günstig, so hatten sich doch etwa 50 Personen eingesunden und wurden von den dortigen DundeSbrüdern empfangen. Als Erstes wurde die Siedelung Riederrad, im Vol smunb , Zickzackhausen" ge­nannt, eingesehen. Diese Anlage fand nach ein­gehender Besichtigung, auch der zentralen Wasch- und Heizungsanlage, mittels deren man 650 Wohnungen beheizen kann, den ungeteilten Bei­fall der Teilnehmer. Weiter wurden einige in der Räh« liegende Wohnhaussiedlungen kurz ge­streift und dann unter Führung des städtischen Marktirrspeltors die Großmarkthalle mit ihren ausgedehnten Kellern, der Kühlanlage und dem eigenen Bahnhof angesehen. Anschließend ging die F h . t durch die Sied, lung:n Rie. erwe ld. Ruß- berg und Römerberg. In der letzteren hatten die Besucher Gelegenheit, eine Reihe Stockwerks» wohnungen von zwei und drei Zimmern mit Zubehör, sowie auch Einfamilienhäuser mit größeren Wohnungen zu besichtigen. Die mit­anwesenden Damen interessierte besonders die fogenaamte Frankfurter Küche und ihre Einrich­tung; allgemein wurde lobend anerkannt, daß jede Wohnung mit Bad versehen ist. Der Rach­mittag war der Geselligkeit im Kreise der Frank­furter Dundesbrüder gewidmet. Zusanunenfassend kann gesagt werden, daß die Veranstaltung einen schönen Verlauf genommen und di« Besichtigung der neuen Bauwerke unserer größeren Rachbar­stadt für jeden Fachmann nur vorteilhaft sein kann.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Derbinblichkeit der Schriftleitung.)

0. D. C. Sie sinb zur Abnahme bet von Ihnen bestellten Waren verpflichtet. Ein Widerruf ber Be­stellung ist wirkungslos. Es ist einerlei, ob Sie den Kaufvertrag mit einem Beauftragten ber Firma ober bereu Inhaber abgeschlossen haben.

Berliner Börse.

Berlin, 5.Ott. (WTB. Funkspruch.) Im heuti­gen Frühoerkehr wurde die Stimmung im Anschluß an das erholte Ausland wieder freundlicher, das Geschäft bleibt aber sehr klein, doch schien die Speku­lation, die gestern sehr stark ausverkaust hatte, decken zu wollen. Man taxiert AEG. 192, Polyphon 502.

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