Ausgabe 
5.7.1928
 
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Nr. 156 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mir tkhmml. rrtnr . « ui i

Donnerstag, 5. Juli 1928

Löwen.

Belgien und Deutschland.

Don unserem B-Korrespondenten.

Brüssel, 3u(i 1926

In Belgien scheint inan die zehn Jahre, die seit Kriegsende verflossen find, verschlafen zu haben. Denn war man Zeuge der deutsch-feind­lichen Demonstratio neu bei dem Streite um die Inschrift deS neuen BibliothelgeböudeS in Löwen, so muhte man den Eindruck gewinnen, daß Belgien Deutschland immer noch als seinen grimmigsten Feind betrachte«. Belgien ist viel­leicht zuviel gesagl. denn die offiziellen Stellen Hollen eine begrühenswerlc Zurückhaltung an den Lag gelegt, und der Rektor der Universität in Löwen, Ladeuze. hat durch sein mannhaftes Eintreten gegen die deutsch-feindliche Inschrift ihre Anbringung verhindert. Die Menge aller« dmgs und voran die Studenten Überboten sich gegenseitig an glühendsten Demonstrationen gegen Deutschland. Sie stürmten daS vor der Einwei­hung stehende Bibliothekgebäude, und nur ein großes Polizeiaufgebot konnte weitere Gewalt­taten verhindern. So würe es denn beinahe zu einer zweiten Zerstörung des verhängnisvollen Gebäudes gekommen.

CEBic »st die Dorgeschichte des Bibliothekneu- baueS und seiner Inschrift? Das Gebäude wurde bekanntlich 1914 von den in Belgien ein­ziehenden deutschen Truppen zerstört. Lieber die Schuldfrage ist so viel böseS Blut gemacht, dah es besser ist, an das Vergangene. das besser vergessen sein sollte, nicht mehr zu rühren. Die Belgier, immer unterstützt durch die französischen Dachbarn, sind aber klein im Vergessen und groß im Hassen. Mit Wollust werden immer wieder die alten Greuelmorchen breitgetreten, die Zei­tungen bemühen sich, durch immer neue Aus- wLrmung der Ereignisse der Kriegsjahre tnc Leidenszeit der belgischen Bevölkerung nicht in Dergessenheit geraten zu lassen.

Zur gleichen Zeit, als der Kampf um die In­schrift an dem Bibliothekgebäude in Löwen tobte, wurde in einem kleinen belgischen Orte ein Denkmal enthüllt für die kleine Bvonne DieSlet, die. neunjährig, von den deutschen Sol­daten erschossen worden sein sollte, weil sie einem französischen Kriegsgefangenen ihr Brot gab. Vichts von dieser Greuelnachricht ist be­wiesen, aber ein Denkmal wird eingeweiht. um das neunjährige Mädchen zehn Jahre noch Be­endigung des Krieges zur Märtyrerin zu stem­peln. Man kann sich vorstellen, wie die öffent­liche Meinung in Belgien und insbesondere die Gefühle der Massen immer wieder systematisch durch solche Taten zu einem unversönlichen Deutschenhah angestachelt werden

Die Inschrift, um die ein solcher Kamps ent­brannte, stammt üon Kardinal Mercier. Sie wurde von ihm bei einem Bankett deS Jahres 1921. das zur Feier der Grundsteinlegung des neuen DibltothekgebäudeS gegeben wurde, for­muliert. Damals waren auch Poincars, Marschall Foch und andere prominente Franzosen zu­gegen. Diese Inschrift lautet:

Furore teutonico diruta, dono americano restituta.

Zu deutsch:Durch deutsche Barbarei zerstört, mit amerikanischer Hilfe wieder erbaut." Es ist nicht zu leugnen, dah diese Inschrift von dem Kardinal Mercier stammt, der vor zwei Jahren gestorben ist und der grobes Ansehen nicht nur In Belgien genoß. Aber es ist auch nicht zu leugnen, dah 1921 der Hah gegen Deutsch­land noch frisch war, und dah immerhin zwischen 1921 und jetzt Locarno und der Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund sich ereignet haben. Der Vektor der Llniversität Löwen, der bei dem Bankett des Jahres 1921 anwesend war, weist in einem offenen Brief an den amerikanischen Architekten M. Whitney Warren, der in seinem Deutschenhah unerbittlich ist, aus seine eigene Gesinnungsänderung in diesen sieben Jahren hin. Auch kann er sich auf Kardinal Mercier berufen.

Von der Purpurschnecke zum Indanthren.

Die Schifärberei im Wandel der Zahriausende.

Von Or. E. Ehambon, München.

So lange es Menschen gibt, ist ihnen far­biger Schmuck ihrer Person und ihrer Mmwclt immer unentbehrlich gewesen. Farben sind dem Menschen kein Luxus, sondern ein unabweis­bares V^ürsnis. Aus unserem Leben können die Farben ebensowenig weggedacht werden wie mrs der uns umgebenden Vatur. Goethe sagt in der Farbenlehre:Da die Zierde des Men-» scheu erstes Bedürfnis zu sein scheint unö ihm fast über dos Votwendige geht, so war d»e Anwendung der Farben auf den nackten Körper und zu Gewändern bald im Gebrauch." Eine Farbe erfüllt ihren Zweck jedoch nur dann, wenn sie bleibt wie sie ist. CGknn sie sich durch äußere Einflüsse verändert, genügt sic ihrer Be­stimmung nicht und verliert rasch an Wert. Daher zu allen Zeiten und bei allen Völkern die Wertschätzung der echten Farben. Dieser Wert­schätzung liegt neben praktischen Rücksichten, die natürlich mitsprechen. ein gefühlsmäßiges Mo­ment zu Grunde: die Freude an der Farbe, deren Beständigkeit die Dauer des Lustgefühls verbürgt. Eine Farbe nennen wir echt, wenn sie so lange gegen äußere Einflüsse beständig und unverändert bleibt, wie das Material, mit dem sie verbunden ist, aushält. Für die Erzeug­nisse von Menschenhand, von denen wir hier reden wollen, also für farbige Gespinste und Gewebe, tritt zu der obigen Definition der Echt­heit noch die Bedingung der sachgemäßen De- Handlung hinzu. Eine absolut echte Farbe gibt es nicht, jede Farbe kann schließlich durch unzweckmäßige Behandlung zerstört werden. Als unbedingt gültiger Leitsatz steht fest: Jede Fär­bung muß sich nach dem Zweck des farbigen Ge­genstandes richten. Für alle Garne, Stoffe und Gewebe, in deren Bestimmung Dauer liegt, dürfen nur echte Farben verwendet werden, welche den äußeren Einflüssen, denen das farbige Stück bestimmungsgemäß ausgesetzt ist. stand­halten. Eine Farbe, die am Licht verschießt oder in der Wäsche ausläuft, ehe die Gebrauchs- sähigkeit des Gewebes erschöpft ist, entwertet das Stück und schädigt den Besitzer materiell und gefühlsmäßig.

der in den letzten Jahren feines Lebens die von ihm selbst formulierte Inschrift desavouierte.

Bedauerlich ist cs, dah gerade der amerika­nische Architekt, der für den Bau des Bibliothek- gebäudes die runde Summe von 1,5 Millionen belgischen Franken einsteckte, der lautest: Ruser im Streite für die Hahinfchrift ist. Er steht in feinem Lande ungefähr als einziger da. Die gesamte amerikanische Presse geißelt in scharten Worten das Verhalten des Architekten, und große Verbände, wie der Friedensverband ameri­kanischer Kirchen und derAmerikanische Welt- verband für internationale Freundschaft'. haben telegraphisch dem Rektor ihre Bewrmderung für sein Verhalten und dem Architekten ihre Miß-

Lieber die Färberei des Altertums sind wir nur mangelhaft unterrichtet, weil das Gewerbe des Färbers als ein schmutziges und eines Freien unwürdiges betrachtet wurde. Das sagt Plutarch ausdrücklich und Pinius äußert sich ähnlich. Immerhin läßt sich aus verschiedenen Quellen, aus Gräber- und Mumienfunden schließen, datz die Färbe-Kunst der Völler des Altertums keineswegs gering war. Am besten sind wir über den berühmten phönizischen Pur­pur unterrichtet. Wir wissen heute, daß er ein bromhaltiger Indigo war, der aus gewissen Meerschnecken gewonnen wurde. Er färbt auf Wolle ein nicht besonders lebhaftes, rötliches, sehr echtes Blau. Wahrscheinlich wurden die Färbungen mit einem Rot überseht um sie leb­hafter zu machen. In der Odyssee spinnen die Kömginnen Wolle, dieveilchenblau" oder meerpurpurn" genannt und als etwas kost­bares hingestellt wird. Es bleibt unentschieden, ob damit der Pflanzenindigo, den die Alten ebenfalls kannten, oder der Farbstoff der Pur- ptzrrschneckc gemeint ist. Wie aus einer Stelle bei Horaz hervorgeht, wurden die Purpur­färbungen in Aquinum. einem Städtchen bei Rom. gefälscht, wahrscheinlich mit einem un­echten Flechtensarbstofs. Ferner kannte das Alter­tum einen Farbstoff, den wir noch heute schätzen und gebrauchen, die Färberröte. Mich Krapp, heute Ali za rin genannt. Plinius berichtet darüber in einer Weise, die jeden Zweisel aus­schließt. Als dritte berühmte Farbe kommt das mit Safran gefärbte Goldgelb dazu, das den asiatischen Völkern als der Ausdruck des Lichtes und der Majestät erschien und dem Purpur gleich geschätzt wurde. Die griechi­schen Tragiter erwähnen es an verschiedenen Stellen. Göttinnen und Königinnen werden mit dem Krokusgelben Kleide gedacht. Außerdem be­nützte man allerhand blaue und violette Flechten- farbftoffe, Hölzer und Beeren für Gelb. Gall­äpfel für Braun und mit Cisenbeize für Schwarz. Rot lieferte ein Insekt. Einen einheitlichen Farb­stoff gab es nicht. Grün wurde aus Gelb und Blau gemischt.

In der Hauptsache blieben die genannten Far­ben sehr lange in GÄorauch. 3m Laufe des ersten Jahrtausends verschwanden allmählich Safran und Purpur. An ihre Stelle traten leichter zu beschaffende gelbe Pflanzenfarben. der indische Indigo und die in Europa angebaute indigohaltige Waldpflanze Die Entdeckung Amerikas brachte der Färberei zwei wichtige

billigung ausgebrückt Airdcre Inschrif.cn wurden vorgeschlagcn. So vom Rektor der Llniversität: Im Kriege zerstört, im Frieden wieder erbaut." Aber der starrköpiige Architekt weigerte sich, irgendein Kompromiß zu schließen. Aber ebenso gelang es ihm nicht, die Haßinschrifl durchzu- setzen So wird das neue Bibliothekgebäude in Löwen, das dem Frieden und der Wissenschaft dienen soll, infolge eines unverftänblidjcn Halles ohne Inschrift cingeweiht werden. Immerhin ist es nützlich, von Zeit zu Zeit zu erfahren, wie tief der Deutschenhaß in manchen Herzen und Völkern noch wurzelt, und wie viele Locarnos noch nötig fein müssen, um die Reste des Krieges ganz zu beseitigen.

Farbstoffe: die scharlachrote Ehochcnille, die ein tierischer Farbstoff ist, und das Blau- oder Campe cheholz für schwarze und blaue Nu­ancen. Letzteres wird noch heute benutzt. Einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte der Echt­färberei bildet die Täsigkeit des französischen Ministers Colbert (16191683). Colbert war der erste, der den Begriff der Echtfarbigkeit scharf ausgesprochen hat. In seinem Edikt vom März 1671 sagt er: Es genügt nicht, daß die Farben schön sind, sie müssen auch gut sein, damit ihre Dauer derjenigen der Stoffe gleichkomme, für welche sie angewendet werden." Derselbe Eolbert machte sich auch um die Go bei in Weberei ver­dient, die vor allem echte Farben erfordert. In hohem Ansehen stand jahrhundertelang die Indigoküpe. Sie verkörperte gewissermaßen die Echtfärberei. Ansatz und Führung derselben waren das Meisterstück des zünftigen Färbers. Der Indigo war der herrschende Farbstoff.

Eine umstürzendc Aenderung der gesamten Färberei trat durch die Erfindung der ..Ani­linfarben" richtiger Tccrfarben Mitte vorigen Jahrhunderts ein. Die Teerfarben wur­den anfänglich in England und Frankreich her- gestellt, in kurzer Zeit ging aber die ganze Farbenindustrie in deutsche Hände über, und deutscher Wissenschaft und Technik ist die Ent­wickelung unb der Aufschwung dieser wichsigen Industrie ganz allein zu verdanken. Die ersten dieser Farbstoffe, die von Produkten des Stein- kohlcnteers stammen, zeichneten sich durch eine bis dahin unbekannte Schönheit aus. Die Echt­heit dagegen ließ in vielen Fällen zu toün- schen übrig und die deutsche Farbenindustrie er­kannte rasch, dah Schönheit der Farben ohne entsprechende Dauer nur einen bedingten Wert hat. Sie richtete alsbald ihr Augenmerk auf die synthetische Herstellung der alten, echten Farben, des Krapprotes und des In­digos, um die Textilindustrie vorn schwankenden Ausfall der Ernten unabhängig zu machen. Die synthetische Herstellung des Krapprotes, des Ali- zarins und seiner Verwandten gelang 1868, die des Indigos erst 1697. Beides sind Ruhmes­taten deutscher Wissenschaft und Technik. Aus­drücklich hervorzuheben ist. dah die synchetisch hergestellten Farben mit den von der Pflanze stammenden durchaus und in allen Stücken we­sensgleich sind. Eben dasselbe, was die Pflanze in ihrem Lebensprozeh erzeugt, schafft mensch­liches Wissen und Können planmäßig.

Sein Erzbifchos ist zugleich der PrimaS deS Lan­des Die kirchliche Gewalt Tolcdos war zeit­weilig fo einflußreich, daß sie in Streitigkeiten mit der weltlichen geriet. Lim ihrer Bevormundung sich zu entziehen, verlegte Philipp II. fetre Resi­denz von Toledo nach Madrid. Es ist kein Wun­der. trenn die Macht der Kirche, die sich hier konzentrierte, auch ihren AuSdruck fand in einem außerordentlich impofantcn Bauwerk, der Kathe­drale. die von Ferdinand dem Katholischen auf den Trümmern der zerstörten Moschee a!S ein Siegeszeichen errichtet würde.

Eine Inschrift im Kreuzgange der Kathedrale erwähnt den Gorenkönig Reccared als den Stifter einer Kapelle, die hier stand, und nennt das Jahr 587 ale daS der Grundsteinlegung. Die Geschichte brachte dann die erwähnten Wechsel mit fich.

Die Mitte der Kathedrale nimmt ein großer Ehor ein. der zum Hauplallor hin sich öffnet, der von einem hohen kostbar gearbeiteten Gitter abgeschlossen wird. Die bildlichen Darstellungen dcS Altars, dem Reuen Testament entlehnt, sind in Lebensgröße ausgesührt. In den Seitenschiffen der Kathedrale befinden sich zahl­reiche Kapellen. In einer derselben, der Ca* pilla Mczarabe. die durch ihren kostbaren Wosaik- schmuck ausgezeichnet ist. findet heute noch Gottes­dienst nach westgotischem Ritus statt, der in ge­wissen Punkten von dem römisch-katholischen ab* weicht.

Am frühen Vachmittage fallen die Strahlen der Sonne durch die kleiden bunten Fenster in die Kapelle und erzeugen in ihr eine wunderbar gedämpfte Harmonie der Farben. In der Schläfrigkeit des Vachmittags, in der großen Stille des Domes tönen auf den Mosaiken deS Fußbodens leise klingend einzelne Kupsermünzen. Zwei Chorknaben in ihren weißroten Meß­gewändern vertreiben sich auf ihre Art die Langeweile und spielenKopf" oderWappen" mit den Münzen der Almosenschale. Vatürlich geht es nicht ab ohne heftige Debatte und daS si, senor und no, senor gesprochen mit jener unnachahmlichen Würde, mit der spanische Kin­der fich mitunterMein Herr" titulieren wird immer bestimmter, schließlich endigen ein paar gegenseitige kräftige Armstöße das Spiel und die Münzen wandern wieder zurück in die Opserschale. Vielleicht beginnt es noch einmal. Aber für den Augenblick hat eS geendet dieses Spiel leider, denn das seine, monotone Klin­gen der Münzen auf dem Mosaike der Kapelle wirkte so wohltuend einschläfernd in der kühlen Vische eines mächtigen Pfeiler- des dunklen Domes ... t> B. J.

Unterstützungen an deutschstaniniige Jerträngte aus Rußland.

Aus dem Härtefonds des Kriegsschädenschlusr- gesehes ist dem Reichsminister des Innern ein Betrag von 3 Millionen Mark zur Ver­fügung geftelli worden, aus dem deutsch- stämmigen Geschädigten, die wegen ihres Deutschtums in unmittelbarem Zu­sammenhang mit dem Krieg aus Rußland verdrängt worden sind, Beihilfen oder Darlehen gewährt werden foimen. Eine der­artige Llntcrstühung darf nach der Verordnung des Reichsministers vom 6. Juni 1928 nur ge­währt werden an Personen, die zu ihrem wirt­schaftlichen Forllommcn einer Hilfe dringend be­dürfen und bei denen die Gewähr für eine den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit entsprechende Verwendung der Llnterstühung gegeben ist. Sie werden grundsätzlich nur für den Aufbau, die Wiederaufnahme, Aufrechterhaltung. oder den Ausbau einer im allgemeinen wirtschaftlichen Interesse liegenden wirtschastlichen Tätigkeit ge­währt. Die Beihilfe soll in der Regel 500 Ml., das Darlehen 1500 Ml. nicht übersteigen. Die Hingabe des Darlehens erfolgt meist nur gegen Stellung einer geeigneten Sicherheit. Für die Verzinsung und Rückzahlung des Darlehens sind die besonderen Llmstände des Einzelfalles maß­gebend. Anträge auf Bewilligung einer Unter*

Es würde zu weit führen, die Entwicklung der deutschen Farben Industrie in den letzten fünf* Ätg Jahren auch nur in flüchtigen Umriffen zu schildern. Die Tage, in denen uns der Zufall einen Farbstoff in ine Hände spielte, sind längst vorüber. Die deutsche Farbenindustrie kann mit vollem Recht daraus Hinweisen, daß sie in plan­mäßiger Arbeit jetzt Farben beroor6ringt. die weit echter und zuverlässiger als die natürlichen Farbstoffe und dabei auch noch schöner und mannigfaltiger als diese sind.

Wenn wir die Echtfärberei bis 1900 in großen Umriffen bezeichnen wollten, so könnten wir etwa von der Purpursärberei des Altertums und von der Herrschaft des Indigos, die viele Jahr­hunderte dauerte, sprechen. Aber die Ansprüche an die Textilwaren und damit auch an die Far­ben waren andere geworden. Zu dem gefühls­mäßigen Bedürfnis nach echten Farben treten gewichtige wirtschaftliche Rücksichten, welche frü­here Zeiten kaum gekannt halten. Die wichtigste Spinnfaser für die moderne Menschheit ist die Baumwolle geworden, wichtiger als alle anderen Falerarten zusammen, einschließlich der Wolle. Und gerade für die Baumwolle fehlte es an echten Farben, an einer echten Drei­farbigkeit. die über Krapprot und Indigo bin* ausgehend, der Baumwolle die Verwendung er­möglicht hätte, die ihren guten Eigenschaften ent­spricht. Wieder war es die deutsche Farben­industrie, die den OHangei erkannte und ihm er­folgreich abhalf. Wir müssen alle Baumwolle im Auslände kaufen, es ist also eine wirtschaft­liche Votwendigkeit, sie möglichst lange gebrauchs­fähig zu erhalten. Unechte Farben entwerten ein farbiges Stück vor der Zeit, nämlich solange die Faser noch gebrauchsfähig ift; echte erhalten es tauglich bis zur völligen Ausnützung. Diese Folgerung ist bündig und zwingend. Anfang dieses Jahrhundert begann für die Echtfärberei die Aera der Indanthrene. die als Farben für Baumwolle, Leinen, Kunstseide und z. B. auch für Seide auch im Laufe der Jahre einen heute von keiner Seite mehr bestrittenen Erfolg davongetragen und ganz von selber auch für die Echtfärberei der Wolle einen nachhaltigen Anstoß gegeben haben. Wie die Baumwolle für uns die wichtigste Faserart ist, so sind die zu ihr gehörigen Indanchrene heute durch ihre echte Vielfarbigkeit die wichtigsten Farben. Sv kön­nen wir die Echtfärbung im Wandel der Jahr­tausende etwa auf die Formel, Antiker Pur- tnn, Indigo und Indanthren bringen!

Spanische Reisebilder.

II.

In Toledo.

Von Madrid trägt der Schnellzug den Reisen­den in etwa drei Stunden nach Toledo. Die Fahrt geht größtenteils durch ziemlich eintöniges Gelände, vorbei an Aranjuez, das bereits nach einer Stunde erreicht wird. Seine grünen Parke und fruchtbaren Felder, bewässert durch den Tajo, wirken wie eine Oase in dem sonst so trockenen Kastllien. Gerade Alleen mit Platanen bestanden oder mit hohen Mimen spenden in den heißen Sommermonaten willkommene Kühle. Vach zwei weiteren Stunden hält der Zug auf dem Bahnhof von Toledo, unb im Omnibus geht es über die aus der Maurenzeit stammende Alcantara-Brücke, über den Tajo zur Stadt, die aus einem schroffen Felsen gelagert, von drei Seiten vom Flusse umspült wird. Einst Haupt­stadt von Kastilien, bevor Madrid diese Rolle endgültig zufiel, ist Toledo heute ein stiller Provinzort. der ungestört von seiner einstigen Bedeutung träumen mag. Ost wird Toledo als die spanischste Stadt bezeichnet und vielleicht trifft dies Mrteil in mancher Beziehung z. B. im Hinblick auf seinen Menschenschlag und dessen Lebensart. Reich ist in jedem Falle die Zahl der historischen Erinnerungen, die sich mit der Stadt verknüpfen. Die Stadtmauern, wie die von Tarragona, fast noch vollständig erhalten, ver­danken ihre heutige Grundform dem Goten- könig Wamba, der die von Vatur gegebenen Derteidigungsmöglichkeiten durch menschliche Be­festigungskunst noch vergrößerte. Trotzdem fiel auch Toledo später in die Hände der Araber. Während der maurischen Herrschaft blühten in Toledo verschiedene Manufakturenzweige, vor allem die Fabrikation von Hieb- und Stich» toaffen. Voch heute genießen die Toledollingen den besten Ruf und eine besondere Fabrik an den Mfem des Tajo arbeitet für Hecresbedarf. Gleichfalls geht zurück auf die Zeit der Fremd­herrschaft eine besondere, seine Art von Gold­arbeiten, für die von den Fremden viel Geld zurückgelassen wird, die aber, aus gleicher Quelle stammend, in Madrid ober Barcelona billiger erworben werben lönnen. In Tolebo besinben sich verschiebene kleine Werkstätten, in denen diese Arbeiten angefertigt werden unb deren Meister den Fremden gerne den Gang der Fabrikation zeigen, um ihre Kauflust anzuregen. In der Vähe der Sinagoga del Transito liegt eine solche, hart an der steil abfallenden Schlucht des Tajo. In einem kleinen Raume arbeiten mehrere Gehilfen. Mit scharfen Messern werden zunächst die Linien der gewünschten Muster in den Stahl geritzt es sind zumeist arabische Motive, mit ihren unendlich feinen, graziösen Dcrschnörkelungen dann wird bas Gold in Gestalt bünner Fäben in bie Verkiesungen ein­geschlagen mittels Hammer unb Stichel, so daß eS schmälere oder breitere Windungen bildet, oder gar verschieden abgetönte Flächen. Dieser Schmuck findet in fast jeder Gestalt Verwendung: als Ohrgehänge, Manschettenknvpse. Gürtel­schnallen usw. Eine ganz kostbare Arbeit stellen

auch bie auf diese Weise verzierten Scheiden von Prunkdegen unb Dolchen bar.

Auf der Plaza Zocodover, der nut einigen Palmen bestanden ist, unb den Mittelpunkt des Verkehrs und der Unterhaltung bildet, halten die Omnibusse, welche die Reisenden von der Station den steilen Berg zur Stadt hinausge­bracht haben. Führer, und Dolmetscher, die meistens dort aus tauchen wo sie überflüssig sind, drängen sich auch hier an die Wagen Aber cs fehlt auch nicht die Stratzenjugend, die sich gerne für Führerdienste einiges Geld verdient. Lind cs ist erstaunlich unb unterhaltend, wie sie alle Sehenswürdigkeiten kennen, bis zu ben staubigen Museen mit ihren cingcrahmten Män­nern. unb wie sie ihre Erklärungen geben, mit ber überlegenen Selbstverständlichkeit, eigen ihrem Lllter. So habe ich nichts bagegen, wenn mein Führer ein echter spanischer Straßenjunge - mich zuerst zu bcm Hause bes Greco schleppt. Es enthält allerdings nur drei Bilder des griechi­schen Künstlers Tycotvläpuli, dafür findet sich die Mehrzahl seiner Werke vereinigt in dem nahen Museum, das auf alten Gewölben aus ber Römerzeit ruht, besten Besuch wir uns in gegenseitigem Einverständnis schenken. Museen gibt es ja in ber ganzen Welt.

Man kann Stunben verbringen, durchwanbernb bie engen, getounbenen Straßen ber Stadt, bic darin ganz den maurischen Einfluß bei ihrem Ausbau verrät. Die nicht geradlinig angelegten Straßen sollen einen Schuh gegen die sengenden Strahlen der Sonne gewähren, denn sie bieten an einer Seite stets Schatten. Außerdem sind die Häuser recht hoch, entsprechend ber süd» lichen Bauweise. DieS aus dem gleichen Grunbc. Hier läßt sich am besten das Bollsleben be­obachten, benn zu großem Teile spielt es sich an ber Straße ober auf ihr ab. Die kleinen Läden sind stets geöffnet unb man kauft gleich von der Straße aus. Biele Lieferanten bringen auch ihre Waren an die Türen; Holz, Kohlen. Wein. Obst und Gemüse werden meist auf diese Weise eingekauft. Das Lasttier hierfür' ist natürlich der kleine graue Esel, kunstgerecht vollgepackt zu beiden Seiten, damit die Last nicht rustcht. Am praktischsten ist der Einkauf ber Milch, bie sich jeber nach Bedarf selbst melken fann, wenn die Ziegenherde vorbeikommt an seinem Hause.

Zahlreich sind die crhaltengebliebencn bau­lichen Erinnerungen aus ber Zeit der Mauren. Schon erwähnt wurde die Mcäntara-Brücke. Der gleichen Epoche gehören an das Sonnentor und das alte Bisagrator, ferner mehrere ehemalige Moscheen, z. B. die Heine Moschee El Er ist o de la Luz. aus dem Anfänge des 10. Jahrhunderts, deren Säulen einer gotischen Kapelle entnommen wurden. Santa Maria la Bianca, fünfschiffig, mit 32 Pfeilern, maurischen Hufeisendogen läßt eine Mischung zwischen romanischer und mauri­scher Bauart erkennen. Aus etwas späterer Zeit stammt die Sinagoga del Transits, die in ber Rahe ber Gebctsnische noch zahlreiche hebräi­sche Inschriften ausweist.

Tolebo ist seit der Vertreibung ber Mauren der Mittelpunkt des kirchlichen LcbenS Spaniens.