Ausgabe 
5.1.1928
 
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Nr. 4 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseuj

Donnerstag, 5. Januar 928

Denvaliungsresorm und Parteipoliiik.

Bon Friedrich Wilhelm v. Loebell, «hernali-em preußi chem Staatsmini.er

Die Verluste des Krieges, die s«ialistischen Experin.er.te der Rachlriegszeit, die Ve.hcerun- aen der Jnslativn und die Lasten deS Dawes- Abkommens haben daS einst reiche Deutschland arm gemach:. Untere vor dem Kriege führende Wirtschaft muh heute mühsam um ihre Bc- baut hing und Forlentw ck ung lämpsen Alle Erfolge der t>o.i ihr mit grober Energie be­triebenen Rationalisierung wcrlei immer wieder In .3rage gestellt durch d e |t ä n b t g e Steigerung der öffentlichen Lasten. Die Zusammenhänge sind nachgerade so oh be­leuchtet worden, das) nur hemmungslose Partei- demogc-gie behaupten kann, dieSaiionahlicrang der öffentlichen Wirtschaft sei eine Maßnahme Aum au-sch. festlichen Dorteil der bcs.henden Schichten. Trctz en ober ist prak.i ch bisher ni u fle chehen Der Reichstag hat zwar vor Jahren einen Svarkommiffar ernaiml. ihm aber nur daS Recht ei., .äumt. die Etat» der einzel­nen Ministerien nachzuprüfen und über die Zweck- dienlichkeit einzelner Te.'toa Lungen Gutachten abAUftejen. Irgend^ c chc elgc.en ÄnorbnungS- befugnisse hat er nichr. Er hat zwar im Reichs- lobtncti Sih. aber keine Stimme

Mi: Reid und Beschämung sieht man auf die reichen Bereinigten Staaten. Trotzdem sie Gläubiger der ganzen Welt sind, ist es ihrem Prä identen (Tool löge gelungen, den Spar- a e d a n k e n in der öffentlichen Verwaltung le­bendig zu machen und daraus entsprechend der auierikanifchen Einstellung zwischen den einzelnen Abtellungei: direkt einen Sport zu entwickeln, durch den sie einander in möglichst hohen Lei­stungen bei möglichst geringen Ausgaben zu über­bieten suchen Wiederholte Herabsetzung der Steuern und dauernde Ueberschüsie sind die Fol­gen. Die Ursache hierzu liegt nichr in einer beHc- ren Qualität der amerikanischen Dcamten ES steigt sich hier vielmehr klar die Bedeutung eines einheitlichen zielbcwustten Willen-. In den Bereinigten Staaten tragt der vom Voll erwählte Mann allein die volle persönliche Derantwor- hing für fein Tun und Lassen, in Deutsch.and ist die Verantwortung dagegen aus die Parteien, also auf eine Dtelheit. d. h. in der Praxis auf niemanden übertragen worden.

>5 > ist im Hinblick aus kmS amerikanische Dei- H .ci naheliegend, zu erkennen, dast eine ersolg- re che Derwaltunaeresorm ein ausschliehlich hier­für verantwortliches, von der unmittelbaren Par­tei errlchah unabhängiges Willenszentrum vorausseht Jedem derartigen Dorschlag aber tönt von links her da- Geschrei entgegen, man plane >reaktionäre" Maßnahmen, man wolle die politische Allgewalt des DolkeS und seiner 6t- wähllen beschranken. Es zeigt sich immer deut­licher, daß in diesen Kreisen die Weimarer Der- fassung unantaftbar ist, und bah man bereits in Krämpfe verfällt, wenn man nachzuprüfen wagt, ob offensichtliche Mängel nicht in ihr be­gründet sind. Jede Kritik der Weimarer Der- falfung wird als Sünde wider den helligen Geist, als Verbrechen gegen die Republik gebrandmartt. Die politischen Rollen finb völlig vertauscht: Was sich früher fortschrittlich nannte, ist heute in Wirklichkeit sturste Reak­tion und verwehrt jede gesunde Weiterentwick­lung mit gehässigster Dersolgung der ernsthaft fortschrittlich Gesinnten.

Nachdem durch den Schriftwechsel zwischen Rcichvfinanzminifter und Reparationsagent das sensationelle Stichwort gefallen ist und die Gr- örierung über VerwaltungSresormen auch in der TageSptefse nicht mehr auizuhalten war. hat man in den Linkskrcisen sofort den Versuch gemacht, die sachliche Erörterung auf das parteipolitische Gebiet abzulenken durch das Kampsgefchret ..Unitarismus gegen FöderaliSmu 6". Man weih, dast in weitesten Kreisen des Volle- daS Verlangen nach einer Senkung der öffent­lichen Lasten so stark ist, dast es in irgendeiner

Form befriedigt werden muh. Man behauptet infolgedefen. dast der Unitarismus tke erhoffte Ersparnis b tage, wobei gc lillentlich vermieden wird, eine genaue Rechnung au'zumachen. Man übersieht adstchrltch, die unschätzbaren Vorteile, die eine Dezentralisation des poliri'chm. kulturellen und wirtschaftlichen Lebens für Deut'chfand mit sich gebrach: hat und erkennt nicht einmal, dast es doch das Eingeständnis einer erschreckenden Ideenlosigkeit der Revolu­tion von 1918 ist, wenn man erst jetzt, neun Jahre nach dieser Revolution und von der be­reits wieder erreich en Oppolltion-stellung auS. endlich bas politische Fiel entdeckt, für das man damals eigentlich die Mafien hatte mobifi- sieren wollen.

Wer konsequent und mit unerbittlicher Sach­lichkeit die finanziellen Vorteil« des absoluten UnitariZmus nachprüst, wird zu dem Ergebnis kommen, dast die hierdurch ermöglichten Erspar­nisse iich in lehr engen Grenzen halten und infolgedef en nicht der Kern der Derwal- tungsreform sein können, die wir brauchen. Man wird vielmehr bedenken müisen, dast ein derart radikaler Umlaa unseres S a'.les ein Experiment darstellt. dessen Kosten unüber ehbar sind und daS zweiselloS manche peinliche Ucbcrra- schungen bri c.i .a in Kl st .

mente können wir uns in unserer heutigen Lage und nach den zahlreichen trüben Erfahrungen auf diesem Gebiete nicht mehr leisten. Will man ernst.ich eineBetmaliungereform auS sachlichen wirtschaftlichen Gründen, dann wird man be­strebt fein müf en, gröbere Erschütterungen zu vermeiden Auch i m Rahmen unseres heuti­gen staatlichen Aufbaus lästt sich bei vernünftiger Handhabung der staatlichen Macht sehr wohl eine durchgrei ende DerwaltungLreform benl.

Man wird allerdings den heule noch üblichen einzel staatlichen Machtegoismus a u f g e b e n müssen. Man wird auf eine Ver­teidigung der innerstaatlichen, mit Rücksicht auf ehemalige, inzwischen erloschene dynastische Inter­essen gezogenen, der wir:schaftlichen Entwicklung häufig zuwiderlaufenden Grenzen verzichten müssen. Man denke nur daran, dast wir heute noch weit über hundert Enklaven ein­zelner Länder besitzen und dast dadurch jede ein­heitliche wirtschaftliche Maßnahme schwer ge­hemmt ist. Dabei spielet» nicht nur die Verwal­tungsausgaben im engeren Sinne eine Rolle, sondern ebenso auch die Entwicklung unserer Wirtschaft, insbesondere die elektrische Kraftwirt­schaft. die Fragen der Gasfernversorgung, die Derkehrssragen usw. Freiherr von Wilmowsl» hat mit vollem Recht im preußischen Landtag daraus hingewiesen. dast es heute noch einfacher sei, den direkten transkontinentalen Personen­verkehr vonBerlin durch Rußland nach Sibirien zu führen als von Merseburg nach Leipzig.

Die Herren im demokratischen und sozialdemo­kratischen Lager, die sich jetzt als die begeistertsten Anhänger des Unitarismus ausgeben, hatten im preußischen. Hess ischen. sächsischen.braunschwei- Sschen und anderen Landtagen genügend Ge- genheil. ihrem Ideal unter Zustimmung jedes realpolirisch Denkenden einen Schritt näher zu flammen, indem sie diese unselige Enklaven - wirtschaft beseitigten ui'.d damit eine wesent­liche Vereinfachung unserer Verwaltung herbeiführten. Wie wenig sie aber in der Praxis ihren rein agitatorischen Ruf nach dem Einheitsstaat zu verwirklichen gedenken, zeigt der unselige Kampf zwischen Groß-Hamburg und Preußen. In beiden Regierungen sitzen führende Männer der »unitarischen Parteien".

Die Auseinandersetzungen über UnitarismuS und Föderalismus lenken vom eigentlichen Pro­blem ab. Die praktische Verwaltung-re!orm kann nicht mit ganz großen Problemen be­ginnen. Ioniern sie muß von den kleinen und klein st en Dingen, angefangen von der Dureauresorm bis zur Begrenzung der Aufgaben der öffentlichen Wirtschaft, auSgehen. Auch dabei muß man sich bei der praktischen Durchführung von trombereia auf große Wider st ände ein­stellen. Soll z. D eine Verwaltungsbehörde mit einer anderen zusaminengelegt werden, so werden aus den Kreisen der davon unmittelbar De-

EdgarWallacewird interviewt

Edgar Wallace ist ein berühmter Mann: er ist einer der zur Zeit bei uns in Deutschland populärsten englischen Autoren, dessen 5tnminala>;nanc durch zahlreiche an­gesehene deutsche Zeitungen gehen: während fein Kriminal stück _D e r Hexer" wochen­lang an vielen führenden Bühnen vor einem ausverkauften und in atemloser Spannung erstarren Parkett gegeben wurde und noch ausgeführt wird. (Vielleicht ' interessiert sich auch die Gießener Theatcr- kitung einmal dafür: es lohnt sich!) Untere Leser werden sich gewiß noch der abenteuer­lichen und aufregenden B.gebenheiten er­innern. von denen der im Gießener An­zeiger erschienene Roman »Der Frosch mit der Maske" zu erzählen weiß: wir glauben ihnen daher die im folgenden Wiedergegebene Unterredung eines eng­lische»» Zeitungsmanne- mit Wallace nicht dvrenlhalten zu sollen.

®*gar Wallace, der bekannte Äriminal- Schrislstellet. läßt sich nicht gern interviewen Ein englischer Journalist, dem das Äimftftüd vor kurzem doch gelang, schildert den merkwürdigen Mann wie er in feinem luxuriösen Arbeits­zimmer am Schreibtisch sitzt und eine Zigarette nach der andern raucht. Seine Gesichtszüge sind scharf geschnitten, er hat eine breit ? Stirn und ein energisches Kinn. W?r ihn nicht kennt, hält ihn für einen Diplomaten, einen Kr.mrnallom- miffar oder einen Verbrecher. Wallace erzählt oft, daß er selbst von Verb rech nm besucht wird, die ihre Strafe abgefeffen haben Dieser elegante Maim ist ein Freund der Verbrecher. der m Derbrecherkreisen gut bekannt ist. entlassenen Sträflingen Hilst, ihnen Geld gibt und Arbeit verschafft. »Ich könnte selbst ein tüchtiger Ver­brecher fein. sagte der Schriftsteller lächelnd. .Am leichtesten wäre es mir, als Betrüg-r Geld ru verdienen Ich muß sagen, dast es heute feine großen Verbrecher mehr gibt Es gibt natürlich erfahrene Leute, die mit großer Leichtigkeit einen Geld chrank aufknacken und da­bei mit vollendeter Technik vorgeben Doch fehlt es diesen Leuten an echter Begabung, an geist­reicher Erfindung."

Dieser Schriftsteller ist durch seine ständige Beschäftigung mit kriminalistischcm Problemen zu

einet merkwürdigen Art .Snob" geworden. Er behauptete tatsächlich, daß er g:m ein genialer Verbrecher geworden wäre. Vichts ist Wallace fremd, was zu dem Verbrecher und seinem Leben Beziehungen hat. Manche bemerkenswerte Einzelheit über die Orgamfat-on von Verbrechen, die man sonst nicht kennenlctnen würde, kann man von ihm erfahren Wer weiß z. B., daß ein Hehlet, wenn ein Einbruch geplant wird, zu­weilen einen Besuch am Ott des geplanten Ver­brechens abstattet, um sich zu überzeugen daß die Sache lohnt. Wird ein Einbruch in einen Juwelierladen des Londoner Westends geplant, so sieht sich ein elegant gelleidetet Herr vorher den Laden mit seinen Kostbarkeiten an. Er macht einen Voranschlag und teilt der Bande mit, wie­viel er ungefähr für die Beute bieten kann DaS Angebot wird bei einer Konferenz tkr Bande ein­gehend geprüft, und erst dann wird der Eoup ausgeführt, wenn die Bedingungen günstig sind. Der Hehler ist übrig m3 eine Person die in der Verbrecherwelt keine Achtung genießt. Wallace selbst zählt keine Hehler in seinem Bekannten­kreise. Dafür aber, so behauptet er. ist er mit sehr viel Schecksälschern .befreundet".

»Diese Verbrecher müssen sehr geschickt fein und einen starken Willen haben," meint Wallace, »älebrigend kann ein Mann, der sich diesen .Beruf «wählt hat. niemals von ihm lassen. Ich besuchte einmal eine Derbrecher- kneipe, um Studien zu machen Dort traf ich einen Mann, der soeben eine längere Strafe wegen Scheckfälschung verbüßt halte. Gr ging auf mich zu und bot mir einen Scheck auf eine sichr große Summe an, den er soeben au3gefertigt hatte und den er mir schenken wollte, weil ich ein Freund der Aus gestoßenen bin. Der Be­sucher fragte Wallace, ob er nicht den unwider­stehlichen Drang fühle, wenigstens einmal ein Verbrechen zu begehen nur aus Sensations­lust und um den Kampf mit der Polizei aufzu­nehmen .Das würde ich vicll.icht tun, erwiderte der Schriftsteller, tomn England einen Sher­lock Holmes hätte! Die heutigen Krimina- llsten find aber einerseits viel uninteressanter, anbererfeitd viel gefährlicher als ein richtiger Sherlock Holmes. Sie sind unglaublich prakisch »mb vernünftig Sie kennen keine phantastischen Konstruktionen und p'ychologi chen Feinheiten, wie es einem Sherlock Holmes ziemt. Detektive arbeite» heute ebenso wie energische Zeitungs­

troffenen und aus den davon berührten Städten W.öersprüche laut, die mit einer gewissen Be­rechtigung die Wahrung der bdon.-ercn tota­len 5n:ercrkn beanspruchen.

Die enifcheidende Borau£kbung für die prak­tische Durchführung einer Verwalt ungsresorm liegt in dem Verhalten der Parlamente, d. y. der politischen Parteien VerwaltungS- reformmaßnahmen sind nur theoretisch populär, ihre Durchführung verlangt Mut zur 11 n Popularität. Werden unsere Parlamente diesen Mut auf bringen? Der ReichstagSabgeord- netc Pro'essor L). Dr. Brebt führt in seiner ausgezeichneten Broschüre .Etatrecht und Fi­nanzwirtschaft klar aus. warum der Paria- meniariSmus zu immer neuen Ausgaben Veranlassung gibt. Die Parteien müssen ihre Wähler bei guter Laune erhalten, Unpopularität ist für sie Selbstmord. Da aber der Wider'pruch einzelner Kreise sich stets lauter äußert alS die Zustimmung der 31. gern einbett, ist für die Par­teien cm großzügiges Reformwerk fast un­möglich, zumal tie Opfer einer derartigen Reform sofort in die Erscheinung treten, während sich ihr Rutzen erst langsam und allmählich au»- wirkl.

Daraus ergibt sich als erste Voraussetzung einer Rationalisierung der öffentlichen Wirt­schaft. daß die Parteien in Erkenntnis der Schwäche des parlamentarischen Systems ihre in der Weimarer Verfassung verankerten Rechte selbst eingrenzen und ein WillenSze^ttrum schaffen. daS unabhängig von der Popu­

larität der Masten der Bcwilligungsfreudiglcit der Parlamente eruacgcntnit und den Gedanken der Verwaltungsreform mit der notwendigen staatlichen Autorität gegen alle Wider­stände durchsetzt. Parallel dazu müßte es außerhalb des Parlaments eine Stile geben, die ohne Rückfich: auf Beifall oder Miß allen durch Ausarberiung einzelner positiver Bon* schlüge die notwendige ö'»entliche Debatte immer wieder anzuregen versteht und den egoistisch n Bestrebungen einzelner die Rotwendigkeit für die Allgemeinheit entgegen stellt. Als ich im Vorjahre daS »Kuratorium für Spar- und Ber- einfachungsmaßnahmen'' gründete, hoffte id'. daß

des VerwaltungSresvrmged^tnl«tS werden könne. Pie parteipolitische Zerrissenheit des deut­schen Volkes hat sich aber stark r enri.fcn aS dr Gedanke gemeinschas licher 'Arbeit auf rein fach­licher Balls. Das Kuratorium hat fich bi.chcr noch nicht dazu verstehen können, einen ge­meinschaftlichen von der Autorität teiner Mitglleder getragenen Reformvorlchlag zu machen und für seine Durch'etzuna einzu.reten. Trotzdem hoffe ich zuverllch lich. daß es gelt..gen wird, die bort begoimenen sehr wertvollen Ar­beiten fonzufetzen. Die wlrtfchaftlichen Snordcr-

daß sie auf die Dauer nicht ungehvrt blc.ben könnem Halfen.lich hört sie unser Boll, solange es noch in der Lage ist, nach eigenem Er­messen seinen Weg in eine bessere Zukunft zu finden.

Vom KreideWck zum Auerstrumpf.

Von Dr. Robert Kahn.

Im Jahre 1886, also vor jetzt rund 40 Jahren, erfand Auer von Welsbach das nach ihm benannte Glühlicht. Qkele von uns erinnern sich noch der außerordentlichen Wirkung, welche die neue BrleuchtungSart am AuSgang der achtziger und Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf Ne Gerreration ausübte, die mit den Schnittbrennern und Argandbrennern deS Leuchtgases oder mit den Petroleumlampen groß geworden war. Denn auch die elektrische 'Be­leuchtung befand sich noch in den ersten Entw.ck- lungsjayrcn. Unb wir erinnern uns auch mit einem gewissen Staunen dcS einzigartigen Sie­geslaufs. den die neue Erfinduna an trat, indem |ie in unglaublich kurzer Zeit sich an die Stelle der älteren Formen setzte. In der Tat wird es wohl wenige Fälle geben, m denen sich eine neue Erfindung so rasch und so vollständig durch­setzte. Es war ein Erfolg allerersten Ranges, so groß, daß er in der Geschichte der Erfindungen nicht viele seinesgleichen hat.

Den meisten Zeitgenossen erl^ as neue Licht auch als etwas grunöfaßliö : j i i bei seiner Anwendung an Stelle t aw-nten Leuchtkraft einer Flamme d -), I r a H

einer Flamme zur Lichterzeugung t wurde. «Tit deren Hilfe man einen ur.. :r lich.n. mineralischen Körper auf so hohe 2"?ni ?:rcluc erhitzte, daß er zu glühen und hell zu uch.en anfing. Die Fachleute freilich wußten, daß auch diese Errungenschaft nicht'auf einmal, gewisser­maßen aus dem leeren Raum entstanden war, son­dern daß sie ihre weniger vollkommenen Vor­gängerinnen hatte. Letztlich ist sie auf daS von dem Engländer Drummond im Jahre 1826 erfundene Kalklicht zurückzuführen, das allo in dem Jahre, in welchem sein erfolgreiches Enkelkind 40 Jahre alt wurde, feinen hundert­sten Geburtstag feiern durfte.

Das Kalilicht verdanlt feine Entstehung den Bedürfnissen der Geodäsie, welche für nächtliche Landesaufnahmen eine sehr Helle und schar! begre.izte Lichtquelle benötigte. Zum erstenmal ist es beschrieben in den Londoner Anna les as Philosophtz des Jahres 1826. Poggendorfs An­nalen der Physik und Chemie berichten im selben Jahre darüber. ......Dahingegen sand Drum­

mond, daß das Licht welches gewisse Erden und Metallc»xyde bei ihrem Glühen in der durch

SäuerstofsgaS unterhaltenen Alloholslainme 6er- Vorbringen, völlig jenem Zweck der Landesaus­nahme entspricht......Unter den günstigsten

Uinständen leuchtete der Kalk 83mal stärker als der grellste Teil der Flamme einer ?lrganbfä)cn Lampe und. In den Brennpunkt c n *» paraboli­schen ReslektorS gebracht, war er aus 40 Zuß Entfernung noch zu blendend, um ihn ansehen zu können?

In der Tat ist daS Kalllicht so intensiv, daß es dem Auge unerträglich ist. Wenn man die Flamme einer Kerze damit beleuchtet, so wird diese an einer weißen Fläche alS Schatten sicht­bar. Es hat natürlich in einer Zeit, in der die Technik der Beleuchtung noch so unvollkommen war. daß Goethe es schon als einen großen Fort­schritt ansah, toerm eine Erfindung gemacht würde, daß man die Kerzen nicht mehr schneuzen brauchte, nicht an Versuchen gefehlt, die neue Lichtquelle, die sich der Sonne an Helligkeit vergleichen läßt, einer allgemeinen Verwendung zuzusührem>cr alle Bemühungen scheiterten, von andern Ursachen abgesehen, an dem hoben Preis deS Sauerstoffs. Immerhin wurde das Kalllicht lange Zeu zu befanderen Zwecken, welche eine fehr große Helligkeit verlangten, an­gewandt. bis eS allmählich durch neuauffom- mendc bequemere Beleuchtungsarten verdrängt wurde. So leistete eS bi5 in die neue Zelt hinein gute Dienste als Signallicht in Leuchttürmen, für Rebelbilder und alS Lichtquelle beim Betrieb von Bildwerfern (Projektionsapparaten). Auch für die Zwecke der medizinischen Diagnostik wurde cS vielfach benutzt. Selbstverständlich war man auch bemüht, da- Verfahren zu vervollkommnen und rationeller zu gestalten, so daß von seinem ersten Erscheinen bis zu seiner durch Auerlicht erreichten Vollendung eine ununterbrochene Kette von Verbesserungen sestzustellen ist. Drummond hatte Kreidestücke benützt. Später ging man mit Vorteil dazu über. Stifte anzuwenden, welche auS gebranntem Marmor herauSge|ägt waren. Diese waren freilich unbeständig, da sie auS der Luft Feuchtigkeit anzogen und allmählich ver­fielen. (Jaron führte deshalb Magnesia- stifte ein. die nicht mit vielem Fehler behaftet find. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts er­setzte Tessi 6 du Motay diese durch Stifte auS Zirkonerde, welche neben dem Vorteil

reparier; ich fc'ofl war neun Jahr? Kriminal- Reporter. bin cs eigentlich heute noch und werde wahrscheinlich nie etwas anderes werden."

Hyazinthen.

Don Rudolf v. D e! i u S.

Die Luft ist noch trübe, der Garten grau und öde, die Zimmer find noch geheizt, fest der- fchlofsen die Fenster, aber dort stehen nun schon in langer Reche die Hyazinthen. Und aus der Zwiebel, im klaren Wasser sichtbar, entwickelt sich das uralte, herrliche Wunder; der Stengel schießt auf, prall und fällig, die Knospe öffnet sich; leuchtend steigt der Blütcnquitl empor.

Gibt es etwas ReinereS alS srisch aufgeblähte Hyazinthen? ES ist eine feine Glätte um diese Blumen, etwas so sauber 5!eichteS wie Porzellan. Und zart und zierlich gemeißelt jedes Blatt. Und dieser Zarbenschimmer: eine herbe Frische und Kühle geht von ihm auS, wundervoll zu­sammenstimmend mit dem säuerlich-süßen Duft, der wie schwerer Tokayer die Seele säst betäubt.

Und vieler Reichtum an Tönungen! Da sind ganz weiße, unnahbar rn ihrer Klarheit, wie Schneekristalle, gelöst von jedem Erdhaften, Da sind rötliche, in denen mattweißlich die Rippe noch schimmert, aber nach den Zipfeln hin steigt das Rot an wie ein starker, pulsender Wein. Da sind die blauen, traumhaft hell wie Früh­lingshimmel.

Jede Pflanze ist eine Kompofttion von intimsten Wirkungen, fest in sich zusammen geschlossen als Sinzeipersönlichkeit. Jede sprüht chr We en auS, eine Welt für sich, es ist daS Geheimnis des Individuellen. Irgendwo muh in jeder Blume ein geheimer Werkmeister stecken, der alle Zügel lenkt, der das Ganze yJamrncnf)äLt und den Eharakler gerade dieses Wesens sicher bewahrt.

So stehen sie nun in der Stube am Fenster und schauen hinaus m das dämmernde Land, ein Signal für bis, was einmal kommen wird, erste Propheten des brausenden Garrenglücks, toerm es im Frühling überall drängt und sprießt.

Ehren wir die Blume! Wie ist unser Zimmer so erstarrt, da herrscht der Verstand des Men­schen; alle Linien sind scharf geschnitten, gerade: es ist alles mathematisch gemessen und bestimmt: die Schrcibiischplatte als Quadrat, der kre-s- runde Tisch, der praktisch geformte Stuhl, die Bücher in wohlgeordneter Leihe.

Als Gegensatz nun die Hyazinthe: da- Leben selber, daS weiche, sich schwingende, singende ju­belnde Leben I Die Blume ist ewig hx Verwand­lung, da steht nichts still. Wie daS Zusammen­gepreßte sich entfaltet, wie die Farbe wächst, wie triumphierend dann daS Ganze leuchtet: ein Symbol der Freuden.

Sehr -weckvoll ist unser ganze- AlltagSdascin. Aber die Hyazinthe ist zwecklos.Sie blühet, weil die blühet", lagt der Mystiker.Selbstzweck', sagt der Philosoph. Das magische, unfaßbare Geheimnis deS Lebendigen steht vor unS. Wie ein Fest, eine unbändige Heiterkeit, lacht unS die Dvllerblühte an.

Gibt es hier ein Gesetz? Rach welcher Rot- wendigkell formt sich dies alles? Aber kein Avßenzwang bestimmt dies Geschehen. Leben ist Freiheit, ein Deist waltet da. der mit sich offen­baren will. GS ist itgenbeme tiefe innere Kraft, die sich öffnet, die heraustritt, und nun still da« steht: ihr eigenes Ziel. '

Derehtt Die Blume I Sie erlöst unS immer wieder von der Rot der Abhängigkeit. Auch unser Geist soll zum Blühen kommen, zum reinen, seligen Dasein, zur Entfaltung aller feiner Keime, zum Jubel der Erfüllung. Reben allen Sorgen deS TageS soll jeder Mensch auch ein Leuchtender fein, ein AuSstrahlender für alle anderen.

In jeder Menschenstube feien Blumen. Und selbst im härtesten Winter bleibe unS immer dies Symbol des Leben- nahe. Wie erquickt Forde die Seele, wie atmet der Deist auf bei Anblick reiner, vollkommener Form.

Je höhet eine Kultur steht, je erhabener sie übet das Riedrige ist, um so inniger pslegt ber Mensch die Blume. Eine ganz* Psychologie der Völker könnte man schreiben nach ihrer Bjrr.cn- liebe. Die raffgierigen, hastigen, feclenlo'en ei­ten, die nichts wollen als das Geld, die haben keine Zell für Blumen. Aber die Künstler­in enschen, denen immer wieder das Leben zur Feier wird, die stellen diese liebsten Freünde neben sich: Schwesterseelen der eigenen Schöpfrr- kraft.

Das ist älteste ^Überlieferung deS germanischer Menschen. Er braucht die Blume In jeder Ro: bleibt sie ihm treu: stille Kameradin und Trödc rin, die ihn sanft hinleitet zu reiner, klarer Freude. Darum, ihr Deutschen, vergeßt euer Innerstes nicht: ehrt und pflegt und liebt das Blühende. Damit auch in euch selber immer ein Teil der Seele bunter» hellerer Garten bleibt.