Nr. 285 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Dienstag, 4. Dezember (928
MOmaieiWiiin und Weltumseglerm.
Interview mitMrs. Pearl v.Mehelthin. — Oie Augenzeugin dreier Revolutionen. Zn chinesischen Pest-Epidemien. — In Männerkleidern quer durch China. Oie Flucht um den Erdball.
Don Walther Gersky.
Die bekannte amerikanische Journalistin und Witwe eines deutschen Konsuls, Mrs. M e h e l t h i n , ist in Berlin eingetroffen, um in Deu schland über amerikanische und chinesische Probieme Dortröge zu halten. Zu den unglaubwürdig abwechslungsreichen Romanen, deren Dersasser bekanntlich das Leben selbst ist, gehört die Geschichte einer Amerikanerin, die zur Zeit in Deu.schland weilt und an der Berliner Universität Dorträge über ihre Heimat hält. Es ist Mrs. Pearl D. Metzel- thin, die Witwe eines deutschen Diplomaten, die ihr Leben in bunter Abwechs u.rg in den verschiedensten europäischen Ländern, in Amerika und in China verbracht hat. Eie wurde in Baltimore geboren und kam im Alter von achteinhalb Jahren zum erstenmal nach Europa. Damals machte ihr Dater in Ruhland eine große Erbschaft, zu der u. a. sibirische Bergwerke gehörten- er fuhr mit seiner Frau und seinen Kindern nach Warschau, wo seine Familie blieb, während er selbst nach Sibirien reiste. In der Abwesenheit des Baiers starb die Mutter und die Kinder blieben unter dem Schuh einer schwarzen Amme und des amerikanischen Kon uls in Warschau zurück. Da der Konsul Rußland nicht als geeigneten Aufenthalt für alleinstehende Kinder ansah, brachte er sie in eine deutsche Pension in Danzig, wo sie zwei Jahre blieben. 3m Jahre 1905 traf sich das junge Mädchen mit ihrem Baier, der bald darauf eine Ocsterreicherin heiratete und sich von dieser Zeit an nur noch wenig um seine Kinder au? erster Ehe kümmerte, in Warschau, wo sie in die Wirren der ersten russischen Devo u.ion hineingerisjen wurde. Sie sah, tote Kofaken demonstrierende Studenten erschlugen, und, nun begann das abenteuerliche Leben, das ihr manchen ähnlich schrecklichen Anblick bringen sollte. Ohne Mutter, von ihrem Dater fast vergessen, wurde sie für eineinhalb Jahre in eine Pension in Reuilly bei Paris gebracht, und im Alter von 14 Jahren kehrte sie nach Baltimore zurück.
Auf amerikanischem Boden stellte sich heraus, daß das junge Mädchen zwar der deutschen, französischen, polnischen und russischen Sprache mächtig war, aber englisch fast verlernt hatte. Dafür hatte sie auf den europäischen Schulen einen solchen Dorsprung vor ihren amerikanischen Altersgenossinnen gewonnen, daß sie, fast noch ein Kind, in ein Lehrerinnenseminar ausgenommen wurde und mit 16 Jahren die jüngste Lehcerin im Staate Maryland war. Ein halbes Jahr unterrichtete sie an einer Regerschule; noch heute spricht sie mit Degc/sterung von den lieben kleinen Regern, obwohl sie den heftigen Gegensatz zwischen Weißen und Schwarzen in Amerika gut begreift. Als sie die Regerschule verließ, wurde sie verpflichtet, an einer höheren Schule Französisch und Latein zu unterrichten. Das junge Mädchen fühlte sich dieser schwierigen Aufgabe aber nicht restlos gewachsen und wünschte, zu ihrer weiteren Ausbildung Medizin zu studieren. Der puritanische Groß- Vater war dagegen, aber mit Hilfe eines Onkels setzte sie ihren Willen doch durch. Mit 17 Jahren ging sie wieder nach Europa, studierte an deutschen und französischen Universitäten Medizin und ernährte sich durch Sprachunterricht. Gleichzeitig schrieb sie auch für einige amerikanische Zeitungen sog. „Sonntagsbriefe" über europäische Theaterfragen in deutscher und englischer Sprache. Als Studentin lernte sie dann den deutschen Konsul Metzelthin kennen, mit dem sie sich verheiratete, und der sie mit nach China nahm. Dort lebte sie abwechselnd in Hankau, auf der Insel Hainan und m Pakhoi, im südlichsten Teil des Riesenreiches. Sie arbeitete dort medizinisch, half als freiwillige Kraickenschwester den Chinesen, und wundert sich noch heute, wie es ihr gelungen ist, ohne gut ausgebildete Chirurgin zu sein, Knochenbrüche und ähnliche schwierige Dinge zu heilen. Auch auf den Mls-
fionsflationen im Innern des Landes war sie als Helferin tätig. Sie erlebte Pestepidemien und Choleraseuchen, und sie war mutig genug, zusammen mit französischen Aerzten in den Pestlazaretten zu arbeiten.
Im Jahre 1911 sah sie zum zweitenmal in ihrem Leben den Ausbruch einer Revolution. Die Mandschus wurden verjagt, und mancher hohe chinesische Beamte, mit dem sie noch am Tage zuvor an einem Tisch gespeist hatte, wurde am nächsten Tage hingerichtet. Damals waren die europäischen Häuser die Zufluchtsstätten der Bedrängten beider Parteien, und auch im Hause des deutschen Konsuls Metzelthin hatte man ein privates Hilfslazarett eingerichtet, in dem die Verwundeten von der tapferen _5rau gepflegt wurden. Der Kriegsausbruch überraschte den deutschen Konsul in Südchina, und mit Schrecken erinnert sich Frau Metzelthin an die ersten Kriegsjahre, in denen sie von den Angehörigen der feindlichen Mächte „geschnitten" wurde. Dom August 1914 bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland bekam sie keinen einzigen Brief ausgehändigt, auch die Post der amerikanischen Verwandten war von den Engländern beschlagnahmt worden. Rach der chinesischen Kriegserklärung erhielt der deutsche Konsul den Befehl, binnen acht Stunden mit seiner Frau und seinem Personal sein Haus zu verlassen. Die Englän- der hatten für Hongkong freies Geleit bewilligt, aber man traute damals diesem Versprechen nicht recht, und so unternahmen der Konsul und seine Frau von Pakhoi eine Landreise quer durch China von Schanghai. 45 Tage dauerte diese Reise, die durch aufständisches, vom Bürgerkrieg erregtes * Gebiet führte. Frau Metzelthin hatte Männerkleidung angelegt, da sie durch Dörfer kamen, deren Bewohner noch niemals eine Weiße Frau gesehen hatten, und da sie nicht gern wie eine Gauklertruppe bestaunt werden wollten. In Schanghai brach die Frau des Konsuls erschöpft zusammen und muhte sich drei Monate in ein Krankenhaus begeben. Run begann eine anstrengende Rückreise nach Deutschland. Sie fuhren quer durch Amerika über Halifax nach Vorweg en und von dort über die neutralen skandinavischen Länder nach Berlin, wo der Konsul in das Auswärtige Amt eintrat.
Es war Anfang 1918. Deutschland hitte sich allmählich an Hungerra.ionen gewöhnt; aber dos Ehepaar Mehelchin, das viel erlebt hatte, ohne jemals den Hunger kennenzulernen, mußte diese Umstellung aus die Kciegsernährung von einem Tag auf den andern vornehmen, und das erschütterte die Gesundh.'it des Konsuls und seiner Frau. Dennoch betätigte sich Frau Metzelthin sofort tm deutschen Roten Kreuz und später in den Organisationen für Kinderhilse, indem sie in vielen deutschen Städten zugunsten dieser Gesellschaften Vorträge über China und ihre Erlebnisse im Reich der Mitte hielt. „Am Ende der Hungerperiode", sagt Frau Metzel hin ganz offen, „wog ich 92 Pfund." Damals erlebte sie auch zum dritten M. le den Ausbruch einer Revolu.ion. und zwar wieder unmittelbar vor ihren Augen, da sie in dm kritischen Rovern bertagen des Jah.es 1918 mit ihrem Mann im Qluätoärtigen Amt weilte.
Im Jahre 1922 starb der Konsul, erschöpft von den Aufreibungen eines abenteuerlichen Lebens. Ein Jahr darauf kehrte Frau Metzelthin noch Amerika zurück, wo sie als Journalistin und in Vorträgen aus klärend über den tatsächlichen Zustand in Mittelruropa berich ete. Man wird sich wohl erinnern, daß damals in der ganzen Welt und auch in den Vereinigten Staaten noch merkwürdige Vorstellungen über Deutschland lebendig waren, und es ist ein Verdienst der deutschen Diplomatengattin, in ihrer Heimat vielen Lügen entgegengetreten zu sein, die sich dort besonders während drs letzten Kriegsjahres ungestört aus- breiten konnten. — In dein Wunsch, über die
Fortschritte der Wissenschaft stets un'.ernchtet zu fein, begann sie aus der Columbia-Universität noch einmal bad Studium, das sie vor dem Krieg in Europa un.erbrochen hatte, und hörte dort alle Vorlesungen über Ernährungslehre. lieber das Thema, durch richtige Körperpflege so gesund und elastisch zu bleiben, wie bet Amerikaner in seinem aufreibenden Geschäfts leben fein muß, hat sie Bücher geschrieben, von denen eins vielleicht bald in deu scher Sprache erscheinen wird. Außerdem hat sie, großenteils für philan- tropische Zwecke, Vortrags reisen durch alle Staaten der Union unternommen und zum Beispiel int
vorigen Jahr in acht Monaten 243 Reden gehalten.
Reben den englischen Vorträgen an der Berliner Universität wird Frau Konsul Metzelthin voraussichtlich auch im Berliner Rundfunk sprechen. Sie ist vor wenigen Tagen mit dem „kleinen Umweg" über Schweden imb Dänemark nach Deutschland, ihrer zweiten Heimat, zurückgekehrt, wo sie einige Monate bleiben wird, um bann über Frankreich nach Qünetifa zu reisen. Aber das ist nur ein kurzer Llbstecher, denn schon jetzt erklärt sie, daß man sie im kommenden Jahr wieder in Berlin sehen wird.
Turnen, Sport und Spiel.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
ö. Die Ligamannschaft der 1900er stand am Sonntag der Liga der Sportvereinigung Dillenburg auf hiesigem Platze gegenüber. Dillenburg entsprach mit feinen Leistungen den (5rtoOrtungen. Erne schnelle, körperlich gut disponierte Elf, die auch zu kämpfen versteht. Spielaufbau und Stellungsspiel waren recht annehmbar, lediglich beim Jnnensturm haperte es mit dem fieber:n placierten Torschuß. Die Blauweihen enrtäufchten ihre Anhänger abermals. Die Mannschaft ist zur Zeit nicht auf der Höhe. Diel spricht dabei wohl der ewige Ersatz Mit. Die Mannschaft war mit wenigen Ausnahmen den Dillenburgern körperlich unterlegen, was sich besonders im Kampf um den Ball sehr bemerkbar machte. Die Einheimischen konnten infolge Erkrankungen nicht mit stärkster Vertretung antreten, dazu kam noch, daß drei Stürmer bis kurz nach der Pause schon kampfunfähig wurden, und dieser Ausfall sich in der Gießener Stürmerreihe besonders stark auswirkte. Konnte der Platzverein vor dem Wechsel das Treffen zeitweise leicht überlegen gestalten, so war es nachher umgekehrt. Gicßens Crsatz.orhüter war aber auf dem Posten. Er hielt sogar einen wuchtig geschossenen, jedoch zu knapp placierten Elfmeterball famos. Bei Halbzeit hatte 1900 einen 1:0 Vorsprung, den es später auf 2:0 erhöhte, nachdem Dillenburg durch den Elfmeter nicht zum Erfolg kam. Erst mit dem Schlußpfiff kamen die Gäste durch eine Hereingahe des Linksaußen zum Ehrentor, eine Folge des öfteren falschen Stellungs- spiels in der Gießener Hintermannschaft. Das Spiel endete somit 2:1 für 1900, ein Unentschieden wäre aber eher den Leistungen beider Parteien gerecht geworden.
Bei den ßigareferoen behielt 1900 mit 2:0 (Halbzeit 0:0) die Oberhand. 1900 verwandelte einen Elfmeter, was den Dlllenburgern, die Gelegenheit dazu hatten, nicht gelang. Auch diesen hielt der spätere Ligaersatztorwart.
1900 dritte Mannschaft erkämpfte sich in Lich einen bemerkenswerten 5: 1-Sieg (Halbzeit 2:1), obwohl wieder einmal nur zehn Spieler die Fahrt angetreten hatten.
Der 1. Jugendelf war für das ausgefallene Pflichtspiel in Laubach die 1. Jugend vom V. f. B. Kurhessen-Marburg in letzter Minute verpflichtet worden. Das Spiel fand auf dem morastigen, wenig spielfähigen Marburger Sportplatz statt. 1900 unterlag In den letzten Spielminuten erschöpft 2:0 (Halbzeit 0:0).
Die 2. Jugend spielte gegen Grohen-Busecks 1. Jugend 0:0.
Dor dem Ligaspiel traten 1900 Illa und Dillenburgs 2. Jugend einander gegenüber. Die durchweg älteren und größeren Dillenburger gewannen 1:0 (Halbzeit 10).
D. f. 35.
Das Spiel der L i g a m a n n s ch a f t gegen Rieder-Girmes kam nicht zustande. Rieder- Girmes trat mit der Begründung, daß der Platz nicht spielsähig fei, nicht an. Der für das Treffen bestimmte Schiedsrichter, den der Plah- verein nicht abbejMlt hatte, war jedoch bezüglich der Dodenbeschaffenheit des Spielfeldes gegenteiliger Meinung und erklärte den Platz für bespielbar. Da D.f.D. komplett zur Stelle und bereit war, das Spiel auszutragen, dürften ihm von der Gaubehörde die Punkte zugesprochen werden.
Der Ligareserve erging es ebenso. Auch sie war vergeblich nach Rieder-Girmes gefah
ren, darf aber ebenfalls mit dem kampflosen Gewinn der Punkte rechnen.
Die erste Jugend hatte auf eigenem Platz die gleiche des Wetzlarer Sportvereins zum Gegner. Wider Erwarten zeigte sie sich in bedeutend besserer Form, als in den letzten Spielen, Und gewann verdient mit 3 :0. D.f.D. war seinem Gegner in jeder Weise überlegen und führte einen recht guten Fußball vor. Wetzlar dagegen glaubte anscheinend seine spielerische Un» terlegenheit durch fortgesetztes, sehr unangenehm berührendes Rufen und Schreien ausgleichen zu können. Das Spiel hat gezeigt, daß die D.f.D. - Jugend wieder im Kommen ist.
Das Spiel der zweiten Jugend gegen Heuchelheims erste Jugend kam nicht zum Austrag, da Heuchelheim trotz vorheriger fester Zusage nicht antrat.
Die dritte Jugend Mannschaft sollte vereinbarungsgemäß in Leihgestern gegen dessen neuausgestellte zweite Jugend antreten, fand aber die erste Jugend als Gegner vor- D.f.D. kam gegen die körperliche Ueberlegenbeit der Platzmannschaft nicht auf und muhte sich trotz allem Eifer mit 7 :3 geschlagen bekennen.
Die erste Schülerma n n schaf t ha te im fälligen Pslich.fpiel die Schülerei s Aßlars, von der sie die einzige Riederlage der diesjährigen Saison bezogen hat, zum Gegner. Es gelang ihr nach prächtigem Spiel, die erlittene Schlappe durch einen klaren und verdienten 2 :0-Sieg wieder we'tzumachen. Die Platzmannschaft verdient für ihre vorzüglichen Leistungen ein uneingeschränktes Gesamtlob.
Heuchelheim — Laubach.
$p. v. 1920 Heuchelheim — $. C. Teutonia Laubach 7:4 (3:4).
Am Sonntag weilte die Erste des <5p. 23. Heuchelheim zum fälligen Verbandsspiel in Laubach. Der Platz war infolge des in der letzten Woche niedergegangenen Regens in sehr schlechter 23er< sassung, wodurch an die Spieler sehr große Anforderungen gestellt wurden; das hohe Resultat ist auf diesen Umstand zurückzuführen. Laubach hatte zuerst die bessere Spielhälfte und konnte bis zum Seitenwechsel das Spiel auf 4:3 für Laubach stellen. Sn der zweiten Halbzeit schoß Heuchelheim in den ersten 20 Minuten 4 Tore und stellte somit feinen Sieg sicher. Laubach fiel immer mehr ab und verlegte sich nur noch auf die Verteidigung.
Fußball in Lollar.
Lollar I — Daubringen I Gauklasse I 2:0.
Das mit Spannung erwartete Treffen am Sonntag endete mit einem klaren 2: 0-Siege der Platzmannschaft. Daubringen, das in stärkster Aufstellung erschienen war, war sehr eifrig am Ball und suchte in der ersten Hälfte des Spieles unter Einsatz seiner ganzen Kraft zu Erfolgen zu kommen. Lollar war jedoch jeder Situation gewachsen, so daß sich der Seitenwechsel torlos vollzog. Rach der Pause ging Lollar aus seiner Reserve heraus und konnte sich in Daubringens Spielfeld festsetzen. Daubringen leistete zwar zähen Widerstand, konnte aber nicht verhindern, daß Lollar zweimal einschoh. Einzelne Durchbrüche Daubringens brachten keinen Erfolg. Der Schiedsrichter leitete gut und hatte das Spiel, das hart, aber fair war, jederzeit in der Hand.
Fußballklub 1926 Großen-Buseck.
Auf die Begegnung des 23. f. R. Lich mit dem F. C. 1926 Großen-Buseck am vorigen Sonntag war man gespannt. Leider mußte der Kampf
Lache VaSmzo l
Roman von I Gchneider-Foerfil.
Ürßeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
12. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Als er außer Sehweite war, faßte Joachim den Freund unter den Schultern, warf einen raschen Blick auf die Gäste und zog ihn nach seinem Zimmer. Den Riegel vorschiebend, druckje er ihn im ilebermaße feiner Freude gegen die mattviolette Wandbespannung. „Mensch, du hast das Glück beim Schöps gefaßt."
Heber Fehmanns bleich erregtes Gesicht irrte eine verräterische Träne. .
„Hansl Alter, du weinst, statt einen Kniefall vor dem Leben zu machen."
„Dor dir, Achim!---“
„Sei so gut! Was ist da auch viel dabei. Du hättest es für mich ebenso getan, wenn ich in dieser Lage wäre. Jetzt laß ich ein Glas Champagner holen für uns beide allein.“
„Ja! Ein Glas! ilnb dann, wenn ich dich bitten darf, Joachim: Lech mir für eine Viertelstunde deinen Wagen oder laß mir einen besorgen. Die Tram fährt mir heute zu langsam."
„Soll geschehen, Alter. Ich gebe sofort den Auftrag, den Chauffeur zu verständigen. Aber erst iwch den Sekt!"
Er lief selbst nach dem Büfett und tarn mit zwei überschäumenden Kelchen zurück. „Stoß an, Hans! Auf deine Zukunft! älnd auf dein schönes Wech zu-Hause!"
nynt)--auf dein Glück, mein Lieber!"
Mit einem leisen Klirren sprang Hettingens Glas in abgezirkelter Schärfe am Rande des schlanken Fußes ab.
„Siehst du, Hansl Scherben -bedeuten Glück —oder Endel" Eine blutende Schramme stand in Hettingens linker Handfläche eingezeichnet.
Fehmanns Gesicht stach grell von der Wandbespannung ab. „Ich verbinde sie dir, Achim I"
Der preßte lachend fein Taschentuch darüber. „Woher doch, Alter! Diese Kleinigkeit!"
Auf ein leises Klopfen steckte er den Kopf zur Türe hinaus. „Cs ist angekurbelt, Hans! Der Wagen ist der erste an der Auffahrt. Komm gut nach Hause und grüße deine Frau und laß mich wissen, ob du günstig abgeschlossen hast mit Ringler."
„Gewiß! Ich rufe morgen gegen Abend an. Vielleicht kannst du kommen, daß dir Brun- Hilde danken kann!"
„Dann komm ich nicht!"
„Aber ihre Freude sehen!"
„Das will ich, ja! — ilnb —"
Das Klopfen des Dieners unterbrach ihn. Frau Jeska sprach den Wunsch aus, mit dem Sohn des Hauses den ersten Walzer zu tanzen, hatte er zu vermelden.
Am Treppengeländer vorgeneigt, sah er dem Freunde noch nach, bis hinter diesem die Hallentüre ins Schloß fiel. Dann ging er mit raschen Schritten nach dem Salon, um den Wunsch der Diva zu erfüllen.
Soviel er auch spähte, er konnte sie unter den Gästen nicht entdecken. Erzherzog Christoph sah in einem anstoßenden Zimmer mit vier anderen Herren am Spieltisch. Den konnte er jetzt nicht fragen, wo er sie suchen sollte.
Vielleicht war sie in einem der Rebenräumc. Den Speisesaal durchquerend, trat er in den kleinen Wintergarten und, blieb in halber Erstarrung am Eingang lehnen.
Auf der niederen Bank, deren weißer Marmor durch das schlingende Grün des Blattwerkes schimmerte, saß fein Vater und, eng an ihn gedrückt: die Jeska. Ihr wundervoll gemeißeltes Gesicht wurde von der Linken des Bankiers emporgehoben, bis es dicht an dem feinen. lag. Dann boten sich ihm ihre Lippen In brennend demütiger Hingabe.
Wie an einer köstlichen Frucht fog sich der stolze Mund des Mannes daran fest.
Joachim stand wie zu leblosem Erz geworden. — Hein Vater treulos!--—
Der Bankier fuhr kosend die weichen, pfirsich- farbenen Wangen der Sängerin herab und legte den einen Arm um ihren schlanken Körper. „Wenn du glaubst, Liebling, daß er dich glücklich macht, will ich gerne auf jedes Recht für mich verzichten!"
„älnd ich darf auch als seine Frau wieder in dein Haus und in deine Arme kommen?" Es klang wie Schluchzen zu Joachim herüber.
„Immer, Isa! Du weiht, dah dir der Platz an meinem Herzen zu jeder Stunde offen ist!"
„Ich habe solche Angst, dah deine Frau und Joachim einmal davon erfahren! Dann bin ich in Schanden ausgestohen aus der Gesellschaft!"
„Rein! Ich werde mich ehrlich zu dir bekennen, wenn es soweit kommen sollte, du kannst dich auf mich verlassen, Liebes! So lange ich lebe, werde ich dich vor jeder Verleumdung zu schützen wissen. Brauchst du Geld?"
„Ich danke dir! Ich habe mehr, als ich benötige." Wiens angebetete Bühnendiva warf mit einem wilden Aufschluchzen beide Arme um den Mann an ihrer Seite. „Kommst du zu meiner Trauung, daß ich nicht Ho ganz mutterseelenallein ins Leben gehen muß?"
„Ich werde kommen. Auch wenn mir das Herz dabei entzweibricht."
„Dann bleib! Ich könnte dich nicht leiden sehen." 'Aufspringend strahlten ihre eben noch verweinten Augen in die seinen. „Ich habe ganz vergessen, daß ich mit deinem Sohne die erste Walzertour zu tanzen wünschte. Herr Joachim wird warten. Darf ich dich noch einmal küssen zum Abschied? Hernach geht's so nicht mehr."
Sie neigte sich über den Baron, küßte ihn erst auf Stirn und Augen und lieh dann ihre Lippen lange auf den seinen ruhen.
„Gute Rächt, du mein Allerliebstes, bad ich habe!" flüsterte sie zärtlich.
„Gute Rächt, Liebling, lind komm mir wieder. Und Dergib nicht, dah mir dein Glück noch über dem meinen steht."
Als Isabella Jeska im Salon nach Joachim fragte, wurde ihr von der Baronin der Bescheid, er habe sich nicht wohlgefühlt und sich bereits zurückgezogen. Mit einem forschenden Blick
tauchten die Augen Frau Margots in die der Diva.
Isabellas tiefschwarze Sterne wurden unsicher. Schuldbewuht senkten sich die beiden seidenen Wimpern darüber. Ein Zittern lief über ihre Lippen. Und wieder schrie in ihrem Herzen die schon so oft gefühlte Schmach.
„Ausgestohen — trotz aller Giene, die der Mann dieser schönen Frau ihr entgegenbrachte."
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Ihre Vermählung beehren sich anzuzeigen: Dr. med. Hans Fehmann
Brunhilde Fehmann, geb. Putkin.
Maria Richthofen starrte auf die blau schwarzen Buchstaben, die auf das graue Bütten eingegraben standen, setzte mit einem Ruck beide Fühe aus dem Bette ihres Hotelzimmers und rief nach der Zofe, die im Rebenraum ihre Garderobe auszupacken begann.
„Hanna, lassen Sie alles in den Koffern! Fahren Sie sofort zum Flughafen und fragen Sie, wann das nächste Flugzeug nach Wien geht. Aber es hat Eile! Wenn wir den Anschluß iwch erreichen, sollen Sie das blaue Tuch- kleid haben, das Sie kürzlich bei Sonnenfeld so sehr entzückt hat, und einen passenden Hut dazu."
Das junge, hübsche Mädchen knöpfte bereits den (Sürtei des Mantels fest. „Ich telephoniere vom Flugplatz her, gnädiges Fräulein! so haben Sie am raschesten Bescheid. Die Kofier kann ich dann immer noch packen, wenn ich zurückkomme."
„Ja! Aber mm gehen Sie. Wenn ich einen Platz neben dem Piloten bekommen kann, ist es mir angenehm. Es kann aber auch ein anderer sein! Die Hauptsache ist, daß ich mitfonune.“
„Gewiß, gnädiges Fräulein."
Die Doppeltüre schnappte ohne jeden Laut ins Schloß.
Maria Richthofen preßte die Finger gegen die Schläfen, versuchte, ruhig zu denken, und fühlte, dah doch alles ein einzig fürchterliche« Chaos m ihrem Gehirne war.
(Fortsetzung folgt.)


