Dienstag, 4. Dezember (928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesieu)
Itr. 285 Zweites Blatt
Mexikos neuer Präsident.
Don Isidro Fabela,
Professor für Internationales Recht, an der Universität Mexiko.
Herr Professor Fabela, früherer Außenminister Mexikos. Auster- ordentlicher Gesandter in Frankreich. England und Italien. Bevollmächtigter Minister in Deutschland. Argentinien, Brasilien. Chile und Aruguay, hatte die Liebenswürdigkeit. uns den nachstehenden Artikel -ur Verfügung zu stellen, der in Anbetracht des soeben erfolgten Amtsantritts des neuen Präsidenten der Bereinigten Staaten von Mexiko von besonderem Interesse ist.
Aach dem tragischen Tod des neuerwählten Präsidenten Obregon, der bekanntlich von einem fanatisch gesinnten Studenten ermordet wurde, hat der mexikanische Kongreß den früheren Gouverneur d?s Staates Tamaulipas und Minister des Innern im Kabinett Calles, Dr. Emilio Portes Gil zum Präsidenten der Bereinigten Staaten Mexikos einstimmig gewählt. Dr. Portes Gil, früherer Rechtsanwalt, ist weder politischer Parteiführer, noch Miliiärchef. Für Mexiko, wo sich stets die Dorherrschaft des Milü- tärs fühlbar machte und von jeher Militärführer die obere Staatsgewalt an sich rissen, ist diese ungewöhnliche Wahl ein untrügliches Zeichen dafür, dast sich im Lande ein ernstes Bedürfnis nach innerer Ruhe fühlbar macht.
Dr. Portes Gil verdankt seine Wahl zum Staatsoberhaupt seinem eigenen Verdienst. Er hat verstanden, als hoher Staatsbeamter, sich über jede Porter zu stellen und jede Parteilichkeit zu vermeiden. Seine Kandidatur wurde von allen in der mexikanischen Kammer vertretenen Parteien unterstützt. Sowohl die Arbeiterschaft Mexikos, wie auch die Dauern haben ihn unterstützt: die bürgerlichen Parteier, und die Industriellen haben sich ebenfalls für den gewandten Staatsmann ausgesprochen, der während seiner vierjährigen Amtsiättgkeit als Gouverneur eines der reichsten industriellen Gebiete Mexikos cs verstanden hat. die scharfen Konflikte zwischen der Arbeiterschaft und den Unternehmern zu schlichten.
Die älnterstützung. die Dr. Portes Gil als Gouverneur von Tamaulipas dem Cenossensch-fts- wesen gewährte, hat die Arbeiter- und Dauern- Kooperative zu einem glänzenden Aufblühen geführt und den breiten Schichten der Bevölkerung eine groste ökonomische Unabhängigkeit ver.iehen. Auch die Volksbildung wurde durch ihn stark gefördert und während «er beim Amtsantritt in Tamaulipas bloß 280 Volksschulen vorfand, verstand er während seiner vierjährigen Amtsperiode ihre Zahl zu verdreifachen. Ebenso ist seine Tätigkeit auf dem Gebiete der moralischen Volks- aesundung bekannt. In seinem Staat verbot er strikt die Hasardspiele, denen sich die Mexikaner so leidenschaftlich hingeben und reduzierte den Ausschank der Alkoholgetränke so stark, daß er eigentlich ein ^trockestcs Regime", ohne jedoch die ^lebertreib ungen, durch welche die Rord- amerikaner die „Prohibition" zum Scheitern brcvchten, einführte.
Diese vielseitige und Weitblickende administrative Tätigkeit Dr. Portes Gil bietet eine sichere Gewähr dafür, daß in der Persönlichkeit seines neuen Präsidenten Mexiko den Mann gefunden hat, welchen es für seine politische und materielle Entwicklung braucht: einen weitsichtigen Führer, dem das Wohl des Gemeinwesens am Herzen liegt und desien Tätigkeit als Staatsoberhaupt durch die modernen politischen, sozialen und kulturelle,-, Ideen geleitet wird. Die Wahl Dr. Portes Gil zum Präsidenten Mexikos ist ein politisches Er.ignis, dessen Tragweite die Grenzen seines Landes weit übersteigt und auch für Europa von großer Bedeutung ist. Das reichste Land der Welt, das wirkliche „Dorado"
Gießener Konzertverein.
Drittes Konzert: Emmy von Stetten.
Unter den Oratoricnsängerrnnen der Gegenwart nimmt Emmy von Stetten ohne Zweifel eine sehr beachtenswerte Stellung ein. Durch ihre Fähigkeiten und ihre Veranlagung ist sie für dieses Fach besonders prädestiniert. Don ihrer Persönlichkeit geht ein gewisser vornehmer Zug aus, der zum Ernsten. Erhabenen, zum Religiösen hin tendiert. Ihr liegt es ganz besonders, sich in das Mystische der geistlichen Musik zu versenken und diese mit einer ungewöhnlichen Innigkeit und unverfälschter Reinheit zu erleben. Gerade in dieser Schlichtheit, frei von allem Gewv/uen. liegt ihre besondere Stärke im Ora- tociengesang. Es scheint, als Wirte die kirchliche älmwelt bei geistlichen Musilau, führungen ganz besonders auf sie ein und ließe tiefinnerste Gefühlswelten bei ihr wach werden.
Am vergangenen Sonntag lernten wir Emmy von Stetten als Konzertsängerin kennen. Mochte es cm der äußeren .Umgebung liegen, mochte es sein, daß sie hier ganz auf sich gestellt war ohne weitere Mitwirkende, jedenfalls waren die Eindrücke, die sie hinterlieh, nicht so stark und gleichmäßig nachhallend, wie bei kirchlichen 2llrf- führungen. Zeitweilig konnte es den Anschein haben, als vermöchte sich ihre Persönlichkeit nicht frei und gleichmäßig hemmungslos m allen Stoffgebieten zu entfalten.
Stark imb wirkungsvoll, aus innerstem Erleben heraus gestaltete sie alle die Gesänge, die ihrer Gefühlswelt besonders nahe standen. Schuberts „Verklärung" und Hugo Wolfs „Verborgenheit" wurden so zu besonderen Höhepunkten. Die Auswirkung dieser beiden Lieder könnten der Sängerin Wegweiser sein bei der Aufstellung fünftiger Programme. Don inniger, liebevoller Versenkung zeugten Schuberts „Wiegenlied" (.Wie sich der Aeuglein kindlicher Himmel") und Wolfs ' „Wie glänzt der helle Mond". War auch „Gretchen am Spinnrade" fein empfunde so tf) tt doch ein Letz es an hinreißender Leidenschaftlichkeit. Die weichen Stimmungen in Mahlers „Dank für den Lindenzweig" erschloß sie mit Wärme.
An den Anfang des Programmes hatte die Kon- zcrtgeberin Koloraturgesänge gestellt (Mozart: Arie der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte": Rossini: Kunzone und Tirolese). Der Largoteil der Arie gelang ihr überzeugend; für das nachfol-
Oesterreich sucht einen Vundespräsideisteu.
Die politischen Parteien Deutsch-Oesterreichs sind in gelinder Verzweiflung, sie sollen innerhalb Wochenfrist durch ihre Vertreter in Bundes- und Rationalrat einen Bundespräsidenten wählen, und wissen nicht, wen sie mit der Führung des nur repräsentativen Amtes betrauen können. Denn die Verfassung des Landes. 1919 in aller Eile zusammengezimmert unter überragendem Einfluß der Sozialdemokraten, laßt dem ersten Beamten des Landes so gut w ie gar kein Recht, ihm fehlt jeder Einfluß auf die Kabinettsbildung, er besitzt nicht die Macht, den Rationalrat aufzulösen, wie es in anderen Ländern üblich ist, ihm bleibt als einzige Aufgabe die Repräsentation des Staates. Dazu die sonderbare Art seiner Wahl: nicht das Volk in seiner Gesamtheit wählt den Dundes- präsidenlen. sondern die Abgeordneten des Rationalrates und des Bundesrates, die zur ver- asiungsmäßigenBundesversammlung zu- jammentrelen. Wenn wenigstens noch die Stärke- Verhältnisse der Parteien Har herausgearbeitet wären! Aber feine verfügt über die absolute Mehrheit, und so ist die Wahl eines Politikers zum Dundespräsidenten beinahe unmöglich. Dliebe also nur die Wiederwahl des bisherigen Repräsentanten Oesterreichs, Dr. Harnisch, der acht Jahre das Amt bekleidet hat. Gegen ihn, den stillen Privatgelehrten, hat eigentlich niemand etwas einzuwenden, aber er ist bereits im Jahre 1924 wiedergewählt worden, und nach der Verfassung ist eine Wiederholung unmöglich.
Wie soll also das Problem gelöst werden? Die Regierung hat durch den Bundeskanzler einen vernünftigen Vorschlag gemach!, sie stellt dem Parlament anheim, die Amtszeit Dr. Hai-
nischs, der sich während seiner Funkttonsdauer ein hohes Maß von Sympathien erworben hat, um 1 Jahr zu verlängern und Liste Zeit^zu benutzen, um eine gründliche Reform der SLllung des Dundespräsid n en vorzunehmen. Dem Bundes- Präsidenten soll in Zukunft das Recht eingeräumt werdcn, den Rationalrat aufzulösen, wenn dieser feine Ausgaben nicht erfüllt — gehässige Leute behaupten, er wäre immer auslösungsrcif — er soll künftig die Bundesregierung nach feinem Willen ernennen, die bisher vom Rationalrat gewählt wurde, und schließlich wird vo -geschlagen, seine eigene Wahl nicht mehr indirekt durch die Abgeordneten des Volkes vorzunehmen, sondern durch allgemeines Volksvotum wie in Deutschland.
Dieser Regierunasvorschlag scheint aber viel zu Vernünftig, als daß er Aussicht auf Verwirklichung hätte. 5 ie Opposition behauptet, es beständen keine sachlichen Gründe, die Verfassung in der vorgeschlagenen Weise abzuändern, sie hätte auch allerlei persönliche Bedenken gegen die Resonn. Den Sozialdemokraten ist es ganz klar, daß die Erweiterung der Desugnisie des Bundespräsidenten ausschließlich für den jetzigen Bundeskanzler Dr. S e i p e l gemacht würden, der bei passender Gelegenheit als außerordentlich populäre Persönlichkeit seine Wahl zum Staatsoberhaupt durchsetzen könnte, um dann wirklicher Herr über Oesterreich zu sein. Dr. Seipel bestreitet zwar Derartige Amoitioiren energisch, aber die Sozialdemokraten wissen es eben besser. Da zu verfassungsändernden Gesehen eine Zweidrittelmehrheit der Bundesversammlung notwendig ist, besteht angesichts der ParteizLrspstfterung kaum Aussicht auf Verwirklichung des allein plausiblen Vorschlages zur Lösung der Krise.
Amerikas. Mexiko, war bis jetzt durch die Poll- llschen Pinruhen so stark erschüttert, daß es für das europäische Kapital und die europäische Auswanderung fast gar nicht in Betracht kam. 5>ie neuen Wahlen haben einen Mann ans Staatsruder berufen, dessen frühere Amtsführung eine Bürgschaft für dm Verzicht auf jede Gewaltpolitik bietet. Mit ihm betritt Mexiko die Bahnen einer friedlichen inneren Entwickelung, die dem fabelhaft reichen Lande eine glänzende Zukunft sichert, an welcher die ganze Welt interessiert ist.
Mittelstand und Sozialversicherung.
Das deutsche Voll ist mit Recht auf die Leistungen seiner Sozialversicherung stolz. Deutschland ist führend gewesen, als es galt, den Gedanken der Sozialversicherung gegenüber den Widerstanden der individualistischen Wirtschaft in einer Zeit durchzusetzen, in der alle Staaten mehr oder weniger hilflos den unerfreulichen sozialen Begleiterscheinungen des Kapitalismus und der Industrialisierung gegenüber ft anben. Der Grundgedanke bet Sozialversicherung, nämlich das Bekenntnis zu der Hilfsverpflichtung gegenüber dem wirtschaftlich Schwachen und die Organi- fation dieser Hilfe unter maßgebender Mitwirkung des Staates ist heute In Deutschland nicht mehr anzutasten. Wohl aber bestehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten über Ausgestaltung und Umfang der Sozialversicherung und über den Weg, den sie künftig zu gehen hat. Soweit diese Gegensätzlichkeiten mehr technischer Ratur sind, soweit sie sich also auf das rein organisatorische Gebiet beschränken, wird darüber unter den Praktikern wohl eine Verständigung zu erzielen sein.
Daneben aber gibt es Meinungsverschiedenheiten, die auf das grundsätzliche Gebiet übergreifen. Man kann nämlich sehr verschiedener Qluffaffung darüber sein, ob es aus volkspsycho-
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Sende Allegro reichte ihre Stimme hinsichtlich des mfanges nach der Höhe hin nicht aus. Ebenso vermochte sie in den Rofsinischen Gesängen nicht alle Erwartungen zu erfüllen. Rossini fordert für seine Gesangsmusik vollendete Belcantokunft mit glockigem, leicht anschlagenden Ton, eine pointierte Vortragsart und plastische Textgestaltung.
Bei der besonderen Veranlagung der Sängerin für das Getragene gelangten die Gesänge mehr heiteren Inhalts nicht zur restlosen Auswirkung. Sie kann wohl innig und gefühlvoll empfinden, aber nicht schelmisch und neckisch sein. Die Breite ihres Gefühlsstromes läßt eine leichte Beweglichkeit ihres Dortrages nicht aufkommen. Wenn sie diesen Faktor bei der Aufstellung ihres Programmes berücksichtigt hätte, so wäre ihr ein noch bedeutenderer Erfolg beschftden gewesen.
Am Flügel waltete Universitätsmufikdirektor Dr. Temesoary. Wie schon so oft, bewies er sich auch hier als ein Gesangsbegleiter mit besonderen Fähigkeiten. Stellenweise schien es, als risse er die Sängerin durch den Impuls des Klavierpartes mit sich fort („Gretchen am Spinn- rode"). Den Klangzauber in der Begleitung der Mahlerfchen Gesänge und auch bei Hugo Wolf lies; er in duftiger Schönheit erstehen. In charakteristischer Profilierung arbeitete er die Klavier- stimme in Mahlers „Ablösung" heraus. An dem Erfolg des Abends hatte er bedeutsamen Anteil.
Oss Hartjeburs Stierkampf.
Don August Hinrichs*).
Die beiden halbwüchsigen Stiere stehen mit gesenkten Köpfen voreinander. Die kurzen Hörner ineinander verschränkt, die hohen Stirnknochen fest zusammengepreht, verharren sie scheinbar in völliger Ruhe, nur der glatte, in einem Dszen nach vorn um die Schenkel gekrümmte Schweif, der gleichsam die ganze Wucht ihres gedrungenen Körpers aufnimmt, verrät den harten Willen, der ihnen den Racken steift.
•) Die folgende Szene entnehmen wir dem fesselnden Dauernrornan „Die Ha tjes". in dem uns der niederdeutsche Heimatdichter in einer dichtgeschlossenen Kette dramatischer Bilder das Schicksal der Hartjes und ih-es jüngsten Sprosses Goy vor Augen führt. (Verlag Quelle & Meyer in Leipzig. 11.—14. Tausend. In Leinenband M. 6.-.)
logischen und individuell-psychologischen Gründen richtig und notwendig ist. den Gedanken bet Sozialversicherung so weit auszudohnen, baß die Idee des ..tisllolosen Menschen" verwirklicht wird. Selbstverständlich sind wir heute aus praktischen, grob gesagt, aus finanziellen Gründen weit davon entfernt, solche Gedanken restlos durchführen zu können. Cs bleibt aber darüber hinaus die Frage, ob es überhaupt wünschenswert wäre, die Entwicklung in dieser Richtung vorwärtszutreiben, ob es also einen Idealzustand herbeifuhren würde, wenn jeder Deutsche, gleichgültig welchen Standes oder Berufes, gleichgültig ob selbständig oder im Arbeitsverhältnis. gleichgülttg ob wirtschaftlich leistungsfähig oder leistungsunfähig. t>on_ der Geburt bis &Tode gegen alle Wechselfälle des Lebens
irgendeine Versicherung gedeckt ist, ob man ferner den Gedanken der kollektiven Derant- toortung so weit ausdehnen darf, daß man auch diejenigen Kreise mit in den allgemeinen Der- sicherungszwang einbAieht, die ihrer wirtschaftlichen Stellung und ihrer Lebensauffassung nach dieses Schutzes nicht bedürftig sind und ihn ab- lshnen.
Aus der Tagung des HauptverbandeS deutscher Krankenkassen in Breslau vom 5/—7. August b. I. wurde zum Ausbau der Sozialversicherung eine Reih« von Forderungen formuliert, die deutlich in die Richtung der allgemeinen Dolks- versicherung weifen. Hierhin gehört die allgemeine Erhöhung der Versicherungsgrenze, die die Ortskrankenkassen in einem Umfange an- streben, der mit den sozialen und wirtschaftlichen Erfordernissen nicht mehr vereinbar ist. Hierhin gshört weiter die Forderung der Ortskrankenkassen, daß die Ersatzkrankenlafsen, Innungs-, Betriebs- und Landkrankenkassen und schließlich auch di« mittelständischen Selbsthilfe-Organisationen künftig eingeschränkt werden sollen. Man darf darin den ersten Versuch sehen, diese Kassen- arton, in denen der Selbstverwaltungswille einer I ganzen Anzahl deutscher Berufsstände seinen Ausdruck gefunden hat, zugunsten der allgemeinen Gleichmacherei der Ortskrankenkassen abzudrosseln.
Goy sieht an den Hornern des Schwarzen einen Fetzen roten Tuches und reißt sie auseinander, aber sie schütteln unwillig die Köpfe, um sofort wieder zufammenzustoßen. ilnb jetzt verdoppeln sie ihre Kraft, der Schweif peitscht von einer Seite auf die andere, und der gestrammte Körper mit den stämmigen Schenkeln ist eine einzige, nach vorn gerissene Wucht.
Plötzlich krümmt der Schwarze den Schweif, als sollte er brechen, und gleichsam von dieser federnden Bewegung geschnellt, stemmt er sich mit einem Ruck nach vorn, daß dem Scheckigen der Kopf zwischen die Beine gedrängt wird. Will er das Genick nicht brechen, so muß er schon seinen Trotz aufgeben und einen halben Schritt zurück einen neuen Stand suchen. Aber kaum löst er den Fuß, da trifft ihn ein weiterer Ruck, daß er verblüfft nach der Seite springt, um nicht ganz über den Hausen geworfen zu werden.
Selbstbewußt hebt der Eleine Schwarze den Kopf, indes der Scheckige ihn verdrossen ansieht und bann beleidigt zu fressen beginnt. Auch der Sieger rupft ein Maul voll Gras, aber er frißt es nicht, schlägt übermütig den kurzen Kopf ein paarmal hoch in die Luft und will von neuem auf seinen Gegner los.
Goy hält ihn auf: „Latz nur gut fein, Meß, ich weiß schon, daß du der Stärkere bist!" Bleh bleibt zwar stehen und läßt sich ein wenig graulen, aber das geschieht wohl zu sanft für seine raube Ratur, und ihn juckt die harte Stirn, so reibt er sie denn kräftig an Gohs Dein.
Der stößt ihn zur Seite: „Geh wegl" Aber Dleß senkt den Kopf, mib als er einen Widerstand spürt, stemmt er los.
„Oho," ruft Goy, „wenn du es so meinst, nur zu!" ilnb plötzlich fühlt Dleß sich an ben Hörnern gepackt und seinen Schädel seitwärts gedreht, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Wütend reißt er ben Kopf in die Höhe, bekommt bas eine Horn frei und stößt mit blitzschneller Bewegung jju.
Goy schreit auf und taumelt einen Schritt zurück, aber als Dleß seinen Do teil nutzen und und einen neuen Stotz ausführen will, sitzen ihm jäh die Hörner wieder fest. Dann wird fein Kopf unbarmherzig hin- und hergeschüttelt, als sollte er ihm vom Leibe gGriffen werden, und ein Hagel von Schimpfwörtern prasselt auf ihn nieder.
Scheltend und lachend gibt Goy ihn endlich frei. Aber Bleh fbürt nach dieser Gewalttat
Eine solche Entwicklung müßte in ihrer Wirkung dahin führen, dem deutschen Mittelstände fchweren Schaden zuzufügen. Der Mittelstand hat durch die Organisierung seiner Selbsthilfc- einvichtungen ben Beweis geliefert, daß in ihm der Wille und die Kraft lebt, durch genossenschaftlichen Zusammenschluß die schweren Schick- falsschläge zu überwinden, die ihm die Inflation und zum Teil auch die Rachkriegs-Gesetzgebung zugefügt haben. Wenn nun der Gesetzgeber dazu übergeben wollte, diese Einrichtungen zu zer- schlagon. dann wäre damit ein gewaltiges Stück mittelständischer Arbeit zerstört. Obwohl in Deutschland die Tendenz immer weiter vordringt, möglichst viele Wirtschaftsbetriebe unter die öffentliche Hand zu bringen, gibt es noch weite Kreise des deutschen Dolles, insbesondere mittel- ständischer Kreise, di« der Uebenjcugung sind, daß die deutsche Volkswirtschaft verkümmern müßte, wenn sie aller der Antriebe beraubt würde, die in dem privaten Wirtschaftssystem liegen. In erster Linie würden natürlich von einer solchen Entwicklung zum . Derficherungs- sozialismus diejenigen mittelftänbischen Kreise bettoffen werden, bie in irgendeiner Form mit Leistungen und Lieferungen an der Sozialversicherung beteiligt sind, also Aerzte. Apo- theker. Zahnärzte, sowie alle Erzeuger pharmazeutischer und Krankenpflege-Artikel, denn es ist klar, daß bie Ortskrankenkassen nach den bisherigen Erfahrungen immer mehr dazu übergehen würden, alle diese Ding« in eigene Bewirtschaftung zu nehmen, zumal sie gleichzeisig bie Forderung stellen, daß der bisher rein vereins- mähige Zusammenschluß der Krankenkassen zu einer öffentlich-vechtlichen Körperschaft mit freier Finanzgebarung unter Ausscheidung des Aufsichtsrechts des Staates erhoben wird. Hierin zeichnet sich vielleicht bie schwerste Gefahr ab, bie ber deutschen Sozialversicherung droht, wenn nämlich die Sozialversicherung allmählich zu einem wirtschaftlich und rechtlich unabhängigen Gebilde innerhalb des Staates wird und dadurch die verfassungsmäßig gewährleistete wirtschaftliche Freiheit des einzelnen zugunsten einer Zwangsversorgung unter dem Scheine ber Selbstverwaltung völlig aufhebt. Der bureaulratische Schematismus, der sich hieraus zwangsläufig ergeben wurde, wäre ein 'Verhängnis zunächst einmal für den ärztlichen Stand, dessen Beruss- ftel-heit und Berufsfreudigkeit er vernichten müßte, und damit mittelbar für sämtliche Versicherten, die hierbei in jedem Fall um den Anspruch einer individuellen ärztlichen Behandlung kommen müßten.
Antikes Keldherrntum.
EinBortrag desGeneralobersteu vonTecckt.
Im Rahmen der 22. Versammlung der „Freunde des Humanistischen Gymnasiums" in Berlin sprach der Schöpfer der deut schen R ichswehr, Generalober st vonSeeckt, über „Antikes Feldherrntum". Mit dem Ausdruck des Dankes für die Wegzehrung, die ihm das humanistische Gymnasium auf seinem Lebenswege mit gegeben habe, begann er seine Ausführungen. Zunächst gab er eine Begriffsbestimmung des antiken Feldherrn, und dann zogen sie vorüber: A l e x ander, der königliche Feldherr, der alle Macht und alle Mittel in seiner Hand hält: Hannibal, der politische Feldherr, der scheitert an der Kleinlichkeit und Kurzsichtigkeit der Parteien in Karthago, und Cäsar, der über die fitit zum Feldherrntum kommt und durch fein Genie beides zwingt. An allen leuchtet die menschliche Größe und menschliche Tragik. Als Gegenbild erschien dann noch Napoleon, der in seinem Feldherrngenie und seinem Streben nach weltumspannender Herrschaft Alexander gleicht, an dem Uferlosen und Fanatischen seiner Pläne aber scheitern mußte. Bei dem Wort des Sophokles „Viel Gewaltiges lebt, doch ist nichts ge= wattiger als der Mensch!" wollte der Beifall nicht enden. Ein Feldherr hatte das Wesen und Streben des Feldherrn als Menschen gegeben.
eine heiß« Welle seinen Körper durchrieseln. Sie springt ih.n in bie Schenkel, bie sich zuckend straffen, sie läßt seine Flanken erzittern und schießt einen Kraftstrom in seinen Racken. Ein böses Leuchten tanzt in seinen Augen, unb in einem plötzlichen, rasenden Wutanfall stürmt er vor.
Mit einem Satz springt ihm Goy aus bem Wege, und im nächsten Augenblick hält er die drohenden Hörner umtLammert. Ein rascher Satz burch bie Hecke hätte ihn in Sicherheit bringen können, aber bas kommt ihm nicht in den Sinn. Alle Muskeln eifern gespannt, bald links, bald rechts hin geschleudert, tanzt er vor dem wütenden Dleß, der sich im Kreise dreht, jetzt ein paar Schritte vorstürmt, jetzt wieder mit jähem Ruck den Kopf in die Höhe wirft. Aber die Fäuste an feinen Hörnern kaffen nicht locker. Beide am ganzen Körper fliegend, mit Schweiß bedeckt, schnaufend unb stöhnend, fetzen sie ihre jungen Kräfte gegenetnanber, ber eine mit blutunterlaufenen Augen in finnloser Wut, nur plumpe Kraft, der andere schmal und sehnig, gelenkig und zäh, mit hellem Blick jeden Vorteil erspähend.
Goy ist zurückgedrängt worden bis an eine schmale Grüppe, die, nur etwa fuß tief, quer über die Weide läuft, um das Wasser abzuleiten. Fast wäre er gestrauchelt, als plötzlich sein rückwärts tastender Fuß feinen Boden findet. Aber blitzschnell begreift er seinen Vorteil, weicht hinüber, ohne den Griff zu lockern, und im nächsten Augenblick steht Dleß mit beiden Deinen im weichen Grabengrund. Er will den Rand erklettern, aber indem er einen Fuß hebt, sinkt der andere nur um so tiefer, und da er, verdutzt über dies Mißgeschick, ihn nachziehen will, bekommt er einen so jähen Stoß, daß er bas Gleichgewicht verliert unb auf die Seite rollt. Jin Ru wirft Goy bas ganze Gewicht seines zähen Körpers auf ben äleberrumpelten, reißt sich bie Jacke vom Leibe unb wickelt sie dem wütenden Tier dicht um den Kopf.
Bleß taumelt hoch, fühlt sich plötzlich in völlige Finsternis gehüllt unb stößt ein klägliches Gebrüll aus.
Goy, noch zitternd vom Kampf, antwortet mit einem jauchzenden Schrei. Hoch reckt er sich auf, alle Muskeln und Sehnen noch federnd gespannt, unb sein helles Haar glänzt in bet Sonne wie Gold


