Ausgabe 
4.9.1928
 
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Hr.208 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 4. September (928

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Zur Tariferhöhung der Reichsbahn.

Don Dr. Cremer, M. b. X

Auch nachdem dir Gründe Mairntactpotbcn find oue weichen da» Leichs »alrngericht dem Lariscrhkhung^ant.ag der Reichsbahngesellschaft ^ugefrimmt hat, erscheinen be ül«rwieg«nden Be­denken der wirtscha'Utchrn uni) politischen Kreise grjen d e nunmehr urwermeidiiche Tariferhöhung nicht> beleihet. Schon be Frage. ob d,e dm- Wicklung der ii cTibügnfinan^rn im lausenden sichre überhaupt zu Matzregeln 2£nlaf) gibt, ist nicht eindeutig »u beantworten. 3n der ersten Hälfte dcs wahres hnb Ueberichüs'c über den Anschlag btnaue erhielt worden und die Ber- kehrsenio cklung für dal lau'endc Halbjahr v^igt bisher frtr.c< D«fl* eine ausgeprägte Tendenz nach unten. Dir Getdsiüs iakrit der Reichsbab- hat -war dbflenemmm. aber es muh durchaus be­stritten tn.rber. daß hierin ein zureichender Grund lag das Beschaffung-Programm der Reichsbahn in rigoroser Weise abiubrolkln. da der Reichsbahn in ihrer Steilung einer offen t- lich-rechtlichen Körperschaft mn- reichend.- Möglichkeiten verfügbar sind, sich vor- überg.hend. Kredite zu verfchafen. Es erscheint rech, a n 1 c 4 t b a r. daß da- Leich-babngericht hier ufl.nbar eine rein Privatwirtschaft- liche Betrachtungsweise angewandt hat. um zu der Folgerung zu kommen, dah die ver­fügbaren Mittel der Reichsbahn einer Stärkung bedürfen Wenn man überhaupt dem Ziel zu- streben wurde die Investitionen der Reichsbahn nach Möglichkeit aus den lausenden Mitteln zu nehmen, so würden auch die jetzt in Frag« kom- n,end<n Tariferhöhungen hinter dem Bedürfnis zurückbieiben, das in Wirklichkeit nur durch Aus­nahme von Anleihen dzw. Begebung des Restes der Vorzug-alt en sachgemäß befriedigt werden kann. Die deutsche Reichsregi rung hat jedenfalls recht daran g.tan. sich den wiederholten An­trägen der Reichsbahn zu widersetzen und es auf die UntldKibung des borge ebenen Schiedsgerichts onfommen zu lassen Sie behält hierdurch die Hände frei für künftige Situationen, insbesondere zum v3uxd einer erneuten Herab'etzung der Tarife zu einer gegebenen Zeit.

Ganz unzweisclhaft wird die Erhöhung der Gütertarif«. ivelche ja den Löwenanteil de- ge­samten Drhöhtlng-b^trag- ausmacht. nicht ohne Rückwirkungen auf die Wirtschaft sein, wenn es auch gelungen ist. die wichtigen Leben-mittel- transporte von d.r Erhöhung au-znnehmen. So muß nunmehr jeden sali- verfangt werden, daß die Reichsbahn Vorkehrungen trifft, um schäd­lich« Folgen unangebracht Tat ie.Höhungen vor allem für den deutschen Wettbewerb mit der ausländischen Einfuhr .yu vermeiden, der sich insbesondere aus dem Kohlmmarkt. der ohnedies darnied.rliegk. geltend machen tonnte. So häufig Tarifsenkungen der sichtbaren Folge einer Preis- Herabsetzung entbehren, so selten ist der Fall, daß Tarisp.'rau'setzungen ohne eine alsbaldige Erhöhung der Preislage sich vollziehen. Die etwas merkwürdige Aus assung der Reichsbahn, daß angesichts der Konjunkturabschwächung die erhöht.:. Tarife sich im wesentlichen nur nach der Seite der Produzenten auswirken würden, läßt e ne objeltive Berücksichtigung der volkswirt- tdbaftlid'en Zu'ammenhänge ver.ris en. da die Schwächung der beirossenen Ärelie der Produsiion sich selbstverständlich in einem Rachlaslen der Rachsra<7.' nach Gütern der Weitererz ugung auS- wirkt, die :*)Öffnung, daß die Wirtschaft auf der ankeren Seite eine vermehrte Aus.ragrertcilung seitens der Reichsbahn erwarten dürfe, tollte von vornherein in engen Grenzen gehalten trei­ben. da nach den eigenen Darstellungen der Reichsbahn bw zu c raxirtcnbcn Mehreingänge nur eine sehr vorsichiige Erweiterung der Aus­träge geftüt en werden. Wenn die Reichsbahn, wie eS den Wünschen der Wirtschaft entsprechen muh. die Wcttb-ewerlsTarife und die Ausfuhr­tarife nach Rsig.ichkeil von der Erhöhung ver­schont. so wird der durchschnittliche Prozentsatz

für bic übrigen Taris« entsprechend mehr ge­steigert werden muffen, um den gewünscht en öfeft sj erreichen und bi angeblich die Durch- fuhrt ar.!; unverändert bleiben sollen, so wird tnc deutsche Wiri'chast auch noch den Dorzug haben diejer.igen Belastungest aus sich zu neh­men. von denen d>e an den Durch«uhrtarifen inttref icrtc DiNschast Nr Aachbarländer vcr tchont bleibt. Ser Ziskalismus der Reichs«' en- bahn ha: b-ct einen flieg erfochten def'en Folgen auf ihnclbft zu rücks allen können, wenn btc Tariferhöhung zu einem treibenden Faktor der Komuntturabfchwächung wird.

Tie Tariferhöhung soll zu 80 Proz. auf den Guten «rteyr und zu 20 Pro,, auf d.n Personen- larif fallen und hier mit der S n ührung des Zaxiklasiensystems verbunden werden durch wel­ches unter Freilassung des getarnter Zeitkarten- txetehr» der Fahrpreis der 4 Kia' ? nicht un­erheblich erhöht wird, indem man sie mit der 3. Wagen Nasie vereinigen will. Demgegenüber wird zwar der Fahrpreis der 2. Kl alle nicht

Vt) unmerhin wohl um so viel dast die Abwanderuna eine» kleineren der 3 K.osie in die 2. Klasse zu erwarten steht. Die im inner­deutschen Verkehr wenig benutzte und finanziell unrentable 1. Wagenklas'e wird beseitigt. waS eine für die Allgemeinheit und auch für die Rentabili.äl der Reichsbahn wenig ins Gewicht fallende Maßregel b;beutet, zurnar die Möglich­keit bestehen bleibt, für den höheren Bearnlen­st ab der Reichsbahn (! D. Red.) durch die Re- ferrüerung ren Abteilen einen Er'ay für die 1. Wagensiaffc zu schafien. Aus längere Sicht wird btc Einführung des Zwcikiasiensysleins ohne Zweisel eine besser. Ausnutzung des Wagenbe­standes und damit eine Rationalisierung des Be­triebs herbeisühren. Angesichts ber vorhan­denen Wagenbestände, deren Ausnutzung noch eine sehr geraume Zeitspanne beanspruchen wird, ist aber die Frage au'zuwer en. wie die Reichs­bahn sich die künftig.' Gestaltung des Verkehr- der Holzllasis vor allem In Rorddeutfchland in der langen UebergangSzeit denkt. 3n Bayern hat man bekanntlich bisher den Vorzug gehabt, als 4. Wagenklasse fast durchweg Wagen der 3. Klaffe zu benutzen bei denen lediglich durch Deränderung der Klas ennummer die 4. Dagen- klas'c bildlich dargestellt wurde. Es wäre höchst fatal wenn man in Rorddeutschland etwa den umgekehrten Weg beschreiten wollte, au» der 4. Wagenllaf'c durch Aenderung der Hummer die allgemein bet bisherig 3. Klasse ent ^rechende Holzlias.« zu machen. 'Die Dersuchung läge nah«, so zu verfahren, zumal man dadurch wahr­scheinlich weitere Kreise des Publikums veran­lagen wurde. auS der Holzklasse in die Polster- Nas'e überzugehen. Gegen derartige Mögsich- keitcn aber muh jetzt schon der bestimmteste Protest angemeldet werden. Es bedeutet ohnedies «inen ganz erheblichen Rückstand der deutschen Personenwagen gegenüber denen anderer fort- geschriltetrerer Länder, dah die bisherige dritte Wagenklasse noch als reine Holzklaffe ausgestaltet ist. während sie in anderen Ländern durch die Anbringung leichter Polster der Bequemlichkeit der Reisenden. vor allem auf weiten Strecken, angepaht wurde. Derartige Absichten scheinen ber teu ff eben Reichsbahn bisher fern zu liegen; jeter.- falls sind sie noch nicht bekannt getoorben. Sollte man aber dazu übergehen wollen, die Wagen 4. Klasse aus dem Verkehr zurückzuziehen. fo würde dadurch ein so erfcbl her Bedars an neuen Wagen der bisherigen 3. Klasse auf treten, dah der finanzielle Butzen der Sin üfrrmg deS Zwei- klas ensystems für eine längere Zeit völlig illu- lori ch bliebe. Die deufche Reichsbahn hat nicht so viel an Popularität zu verliefen dah sie sich hier au1 Kosten der Bequemlichkeit und der Rcrvcn tes reisenden Pub i ums UebeigangS- mahregeln erlauben könnte, die aufS äuherste verärgernd wirken mühten. Ba'dige klare Er- flärungen sind dringend vonnöten.

Rimmt man noch hinru. dah die Benutzung der Eilzüge fün tii eben a l - zufchlag^ p' i htig fein (oll, und dah die Zuschläge für d e Schnellzrtge auf weitere Sntfernungen eine nicht unerhebliche

Rund um die Schusterkugel.

Don Max Zungnickel.

Wandernd kam ich in eine Kleinst ad t. 3n einer Gaffe stand abweisend finster, in mittags- blauer Lusi ein HauS mit einem Stiefel über der Tür. Sine Schusterwerkstatt. Die Schnürhaien meiner Schuhe waren fast alle abgerissen und meine Schuhnestel hatte ich. weil sie längst nicht mehr standhietten. durch Bindfaden ergänzt. Ich trat ein Leider traf ich den Schuhmacher und feine Frau in einer recht unangenehmen und geräuschvollen Unterhaltung an Die Frau, ziemlich dick, vollgescheitelte» Haar, lebhafte Au­gen und kecke Schultern, schimpfte. dah die Augen wie Blitze flimmerten und zuckten Ihr Mrmdwcri hatte einen gutgeschmierten Gang. ES war schon eine üble Dlütenlese! Der Schuster sah auf feinem Schemel, einen Schuh zwischen den Knien, unschlüssig, etwas zu sagen Rur

Willy Wien t-

Ans München kommt die Trauernachricht, hast Geh. Rat Willy Wien, ber Professor ber Physik und Direktor des Physikalischen In­stituts der Univert.tät München, am 30. A-.gust nach kurzem Krankenlager an einem ®allen- (eiben gelt orben ist. Mit dem Hamen dieses Mannes ist die Geschichte unseres Siebener Physikalischen Instituts auf das engste verknüpft. Als W. Wien Ostern 1399 von Aachen wo er feit 1896 als auhervrdentlicher Professor angelt eilt war. auf das Ordinariat ber Physik an unserer Universität berufen wurde, ging her von seinem Dorgänger Otto Wiener begonnene große Reubau. ber das Physikalische und Physu<üi>ch-chemllchc Institut auinehmen sollte, ferner Vollendung entgegen. Wien konnte baS Werk fert gstellen, die innere Einrichtung durchführen und tonnte zufammen mit dem Leiter des Plw'kalisch-ebemichen Instituts, P.ofefsor K. Elbs. am 19. Februar 1900 den Reubau feierlich einweihen und keiner Bestimmung über- fc^ber leider versieh Dien schon wenige nach diesem Ak e bk neugeschasiene Stätte physikalischer Arbeit und folgte einem Rufe als Rachfolger Röntgens nach Würz- bürg.

W Wien war am 13. Januar 1864 In ©aff­ten bei Fsichbausen in Oftpteuhen geboren. Sr studierte in Göttingen. Heidelberg und Berlin und promovierte 138c an letzterer llntversuät als Schüler von Helmholtz Unter ihm wurde er 1891 Wsistent an der Phvsikalifch-technifchen Reichsanstalk. Er habilitierte sich 1892 an der Berliner ÄlniversUät und wurde von hier 1696 nach Aachen beruftn. bann 1899 nach Giehen. 1900 nach Würzburg und 19'20, wieder als Rach­folger des in den Ruhestand tretenden Röntgen, nach München.

W. Wien war ebenso ausgezeichnet als theo­retischer wie als erbcrimcntcllct Forscher. Gr war in ber ungewöbirsichen Ausgestaltung feiner Fähigkeiten nach diesen beiden Seiten fcin<5 Faches hin ein echter Schüler und wohl einer bet bedeutendsten Schüler seines Meisters Helm­holtz. Sein Welrruhm gründet sich auf feine theoretsichen Forschungen über bic Energie- Verteilung im Spektrum eines schwarzen Körpers. Hier ist sein Rame für immer mit dem sogenamsien Derschie-

bungsgcsetz verknüpft, da- -um Ausdruck bring:, wie sich die Stelle der gröhten Energie, der höchsten Wärmewirkung, im Spektrum mit steigender Temperatur nach immer kürzeren Wellenlängen verschiebt ein Gesetz, da- an­der meßbaren Verteilung der Energie im Spek­trum. unter gew.s en Doraussehungen über die Ratnr des strahlenden Körper-, unmittelbar auf die Temperatur ber StrahlungSquelle fchliehen läht. Don feinen erbe, im en teilen Ar­beiten mögen nur feine llnierfuchungen über Kanal strahlen hervorgehoben werden, die Um in den späteren Zähren vor allem beschäftigten, und die ihn in de: arohartigen Ausnutzung aller experimentellen HilfSmit.el als hervorragenden, seine Probleme unerschrocken anbackenden Es. berimentator zeigen. Die grohe Bedeutung, die die Arbeiten Wiens für die moderne Phnsik besitzen, 'and ihren höchsten Ausdruck in der Verleihung des Robelpreise-. mit dem er 1911 gekrönt wurde, und m der Einladung der Golumbia-Unihediiät in Reuyork, Dorträac über neuere Probleme der theor et sichen Physik zu halten, einer Einladung, der er Ostern 1913 Folge leistete

Seine vornehm-ruhiae Persönlichkeit mit dem feinen, interef'anten Äobfe wird auch hier in Sieben bei allen, die ihn in der kurzen Zeit seines Hierseins kennen lernten, unvergessen bleiben.

Erhöhung erfahren, b ergibt sich dah die ge- plantr Reform sür das reisende Pudtlkurn keine in Betracht kommende Berbilligung und mindestens für die Holzsiasie auch keine Berbef'erung der Reiscbequemlrchkrtt bedeutet. Dadurch wird vor allem auf nähere Entlrrnungeii das Reifen unter Bermeidunr der Eisenbahn sich noch Wetter ein- bürgern, während das anspruchsvollere Publi­

kum gewiß durch die 3tebqp auch nicht von dem Automobil aus he Eisenbahn zurüikgezogen wird Alles m allem kann auch der Perfonenverkehr durch die geplanten Dertnderungen eher teetn- trächtigt als gesörderi werden, b da- bann auch hier das Obsieg«' der Reichsbadnge<ell- fchast vor dem Reichsbahngerfcht voraussichtlich ein Pyrr hussteg sein wird

Entthronte Getdfürsten.

Don Hugo Stinnes zu Hugo Stinnes.

Don Herbert Kulant

Die Verhaftung von Hugo Stinnes jun ist nicht überraschend gelommen. sie be­leuchte: blitzanig den Rledergang eines Haukes, das vor uxnigen 3obren alS daS beftfunbiertc deutsche Unternehmen galt.

Schcn vor dem Kriege gehörte Hugo S t r n n e s zu jenen Multinn'lionären. die stets genannt wurden wenn man die deutschen Vertreter in­dustrieller Macht auszählte Aus 40 Millionen Mark schätzte man damals das Vermögen dieses Mannes, ter zusammen mit Frau Bertha Krupp von Dohlen und Halbach. August T h y s - s c n, dem Geheimen Kommerzienrat Henschel in Kassel, dem Geheimen Kommerzienrat Franz Ha niel in Düsseldorf, Fritz von Friedlän­de r - F u 1 b, Rudolph M 0 k s e. dem Fürsten Henckel-DonnerSmarck dem Fürsten Hohenlohe-Oehringen. dem Frciherrn Manmilian Goldschmidt-Rothschild, dem Fürsten Pietz, dem Grasen S ch a s s g 0 t s ch. der Freisrau Mathilde von Rothschild, dem Kommerzienrat Beit von Speyer, dem Be­sitzer der Schichau-Werft. Kommerzienrat Ziese, dem Geheimrat Arn hold, der Freisrau 3ba von Stumm-Halber g, Wilhelm von Sie­mens und Oskar H u l d s ch i n s k y zu den reich­sten Leuten Deutschlands gehörte. Aber erst im Krieg und vor allen Dingen In der daraussolgen- den Inflation konnte Hugo StinneS daS gewaltige Wirtschaft-reich schaffen, von dem er glaubte, dah es dauerhafter als der politische Staat sein würde. Zu seinem Konzern gehörte die Siemens- Schuckert-Rhein-Elbe-Union mit 72 deutschen und 80 ausländischen Unternehmungen und die Hugo Stinnes G. m.b. H. in der 12 Metallwerke und Maschinenfabriken. 12 Handels-, SchsifahrtS- und Transtortur.ternehmungen, 10 Oelgesellschaften, 9 Betriebe der Kohlenwirtschast. Holzunterneh­mungen. Zellstoffwerfe. Zeitungen und viele an­dere Dinge vereinigt waren. AlS Hugo Stinnes dann im April 1924 starb, zerfiel daS rasch er­richtete Gebäude mit einer Geschwindigkeit, die kein Pessimist zu prophezeien gewagt hätte. Seine Erben waren nicht imstande, sich auf die völlig veränderte wirtschaslisch« Situation nach der Wäh- rungsstabisisierung umzustellen. und sie muhten im Juli 1925 bekennen, dah sie b«i einer Schul­denlast von 190 Millionen Mark ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könnten. Die Grohbanken übernahmen hie Sanierung, die tatsächlich ein großer Ausverkaus der einzelnen Konzernteile wurde, und eS folgten unerquicklich« Ausei.landerfetzungen in der Familie Stinnes. Der allere Sohn Edmund wurde abgefunden, und Huao Stinnes jun. führte die Geschäft« weiter, wobei er sich m finanzielle Transaktionen ein- ließ, die ihn jetzt in Konflikt mit der Staats­anwaltschaft gebracht haben. Sollten die gegen i$r erhobenen Beschul! i ungen zulrefsen. so würde es sich zweifellos um einen Versuch handeln, einen Tell der Verluste auS früherer Zcrt wieder toelt- zwnachrn, und dieser Ver uch ist nicht nur miß­lungen. sondern beschleunigt den weiteren Derfarl.

Ein anderer Marrn, dessen Stern wie ein Meteor aufging, um ebenso zu verlöschen, war Sigmund D 0 f e I, auf dessen VermögenSreste der Steuerejefutar im Rovember 1926 sein Siegel gedrückt hat. Auch Sigmund Dosel gehörte zu den Inflationsrittem. Zne den Staat in der Tasche

zu haben glaubten und der Ansicht waren, dah ihrer Macht feine Grenzen zu setzen kun. 3<n Zahre 1916 begann seine Lau'bahn als Stoff- lirferant, der fchlietzsich an die Heeresverwaltung verkaufte Bankier wurde und im Zahve 1921 die alte Umcmbanf in Dien eroberte, bereu Präsi­dent Minkus von ihm gestürzt worden ist. Sein Vermögen soll auf dem Höhepunkt feiner Macht 150 Millionen Goldmark betragen haben. Seine gröhtcn Erfolge erzielte er durch die Zufammen- arbeit mit der Diener Postsparkasse >>e bei seinem Zusammenbruch Millionen Verluste er­litt. Die gräbt« Sinbutz« erlitt BofelS Bernrögen wohl durch verfehlt« Frankenspekulatio- n e n; er hatte sich nämlrch dazu verleiten lassen. .Vertrauen" in den unaushamamen Riedergang der sranzösifchen Währung zu setzen, und der Fehlschlag dieser Spekulasion war für ihn um fo schlimmer, als er sich im Zufammenhana damit 8um Berkaus grober Aktienposten entfchliehen muht«. Bei feinem Sturz im November 1926 war der junge Mann, der .eine große Zukunft hinter sich hatte", erst 33 Jahre oft; an ihrer Zusammen­arbeit mit d'.escm Znflationsstern hat die Wicncr Pvftlparkasfe insgesamt 70 Millionen Schilllna verloren, von denen 31 Millionen auf unglücklich verlaufene Frankenfpekulationen entfallen.

Immerhrn konnte sich Bose! noch länger halten als ein anderer Held der Wiener 3nflatiOrtzeit: Gamillo Tastig11 0 ni mutzte eS sich schon im September 1924 gesalienlassen, datz er vor den Wiener Untersuchungsrichter zitiert wurde, um sich wegen feiner zweiselhasten Geschäste zu recht- sersigen. Dlcichzeitig wurden damals Atoel Groh- dankdirektoren steckbrieflich verfolgt, die In East.g- lionis fragwürdige Geschäft« verstrickt waren. Lieber all sprach man damals vom Zusammenbruch des .Ocsterreichischen Stinne S". ohne tu wissen, wie recht man halt«. Der Mann, der so gewaltfcnn in die Wiener Finanzkreife eingedrun­gen war und einen etwas briaantenhaften Ramen führte, besah eine ungeheure ArbeitSkrasl. die im Einklang mit seinen getooIHqen Körperkrästen stand Er besah Berg« von Aktien, beherrscht? nicht einen, sondern viel« Zndustriekonzern«, sttsthte sich aus die von ihm gegründet« 8,frort- und Industriebank und hatte einen groben Rückhalt in der mächsigen Banca Commerciale Italiana. Zu­sammen mit Ssinnes besah er di« Aktienmajorität der Alpinen Montangesellschaft, des gröhten Ellcninduftrieunternehmens Oesterreichs, und mit S .i meS teilte er auch den Eins.utz b.i den Böhler- Werken. Der junge Gasttglioni. der aus Triest stammt, begann alS lleiner Geschäftsreisender im Orient In dieser Hochschul« kaufmännischer Ge­rissenheit verbracht« er feine Lehrjahre, widmete sich dann der Automobilfabrikation und dem Flugzeugwesen. gehörte zu den Orgaittfatoren deS österreichischen Flugwesen- während des Krieges, besah bei Kriegsende mahgebenden Sinsluh auf eine ganze Reih« von Motor-, Automobil- und Flugzeugwerkeir und lieh sich bemale alS Organi­sator in die Wiener Depositenbank be­rufen, die er unter heftigen Kämpfen zu einem der gröhten Bankinssitule Oesterreichs machte. Von der wirtschaft licken Plattform aus, die er sich damit erobert hatte, griff er in die versche- densten Gebiete hinüber, erwarb Zeitungen, stellte wichtige Beziehungen zu Italien her. rühmte sich

manchmal, wenn ihm ein recht faltige» Schimpf­wort an den struppigen Schädel flog, zuckle er etwa- zufammen und hob. ringlämpserhaft. seine sehnigen, nackten *2Innc. Ünd jedesmal, wenn er die Arme hob. trat die Frau zurück: aber wäh­rend sie zurücktrat, wurden chre Reden nicht etwa fanfter, nein, sie wurden faftiger. gemei­ner ... Ich wuhte erst gar nicht, wo- ich tun sollte. Ich stand da und hörte den häusl'.ckxn Holzhackerradau mit an llnb während ba» Schufterunwetler tobte, sah ich mir die Werkstatt an. Eine alte llhr war da. Aus dem Schuster- tisch. zwischen Glasscherben. Lederabsällen und Handwerkszeug, blühte, tm Hals einer Bierflasche, ein Weidenkätzchen. Eine verhängte Glastür sührte hinein in die Wohnräume der SchusterS- leute. Reben dem Schuhmacher sah aus einem Schemel, der sonst sicherlich dem Gesellen oder Lehrjungen gehörte, ein Mädchen, so von sieben Jahren viel^icht. Strohige ,J,öfrfe hatte Tie; ein furchtsames Lächeln im Gesicht und hellgraue Augen mit ganz weihen, langen Wimpern. Aus den Knien hatte sie ein Buch liegen. In da- sie ab und zu schnelle Blicke schickte. Sie war wohl die Tochter der beiden. Unb ohne aus die eiter- siche Schimpserei zu achten, trat ich zu dem Kind und lugte, so von oben herab, in da- Buch hinein. SS schien ein Lesebuch zu sein, ein bibli­sche- Geschichtsbuch, denn ich erhaschte eine Heber- schrist: .Der Jüngling zu Rain" ... Da sprang der Schuster auf. Wie von einem vergifteten Spietz geflohen, fo fuhr er in die Höhe Seine Augen, die erst ruhig waren, funkelten wütend. Er stürzte auf feine Frau zu. Die aber war kahensiink. Mtt einer Schnelligkeit die mich in Erstaunen setzte, rih sie die Glastür auf. war in der Stube und riegelte die Türe ab. Der Schuster kehrte wieder, bissig lächelnd, auf feinen Schemel zurück. Und ohne überhaupt nur mit einer Silbe auf diesen ehelichen Krieg zurückzu- lommen, fragte er nach meinem Begehr Ich zog die Schuhe aus. fetzte mich auf einen Stuhl uno wartete, in Strümpfen, fo lange, bis er meine zerfchundenen Rappen wieder in Gang gebracht hatte. Sr holte erst aus der Hosentasche eine Schnapsflasche und tat einen tüchtigen Schluck. Dann nahm er gleich meine Stiesel in die Kur. UnterdeS feuerte, hinter der Tür, seine Frau immer noch mit Schimpfwort en.

Da der Schuster kehr verschlossen tat, bat tch feine Tochter, mir doch die Geschichte vom Jüng­ling zu Rain zu erzählen. Unb ohne sich zu zieren,

fing sie an. Erst tastend, dann yanz herzlich und warm, al- ob sie von der heiligen Gegebenheit durchleuchtet würde. Ste erzählte, ohne in- Buch zu sehen Sie blickte mich an, die Ellbogen auf die Knie gestützt. daS Kinn in die Handflächen ge­beugt Jesus und feine Jünger kamen in eine Stadt, die hieh Rain AlS fie an daS Stadttor kamen, da trugen die Leute einen Sarg. Und im Sarg lag ein Jüngling.

Seine Mutter ging hinter dem Carae her. Der Jüngling war ihr einziger Sohn Und er ernährte feine Mutter; denn sie war eine Witwe. Alle Morgen, wenn er auf die Arbeit ging, machte fie ihm die Brote zurecht und die Flafch« mit dem Kaffee Und alle Sonnabende, wenn er von der Arbeit kam. gab er immer die ganze Tüte, wo er den Wochenlohn drin hatte. So Lebten sie sehr gut; aber da starb er. Und die arme Frau war nun ganz allein und muhte hungern Der Herr Jesu» wuhte daS. Sie tat ihm so leid. Da rührte er den Sarg an und sagte: .Jüng­ling. stehe auf!** Und der Jüngling zu Rain rich­tete sich auf. und seine Mutter war hocherfreut, dah ihr bic Tränen kamen vor Glück. Und fie gingen dann gleich nach Hause. Und am nächsten Tage ist der Jüngling schon wieder aus die Ar­beit gegangen, und da- Glück Var wieder da.

Mir war ganz wunderlich zumute, als ich die Erzählung so hörte: so im Uhdestil. Ich sieh mir da- Buch reichen Der biblisch« Text stand darin Allo stammte die Erzählung ganz auS dem AnschauungSkreiS de» Kinde».

Ab und zu. wie Diftgrcmaten. stoben hinter der Tür noch die Flüche der Schustersgattin Aber die alle Uhr fing einen Choral an zu fingen. Die Schusterkugel wurde ein silberner Stern. Durch die niedrige, muffige Werkstatt trieb die Schleppe eine» Engel-, hinter sich her eine flim­mernd goldene Furche ziehend. Da» flcine Mäd­chen la» weiter; fo vor sich hin Rachdenklich mit dem Zeigefinger verfolgte sie jede Zeile.

Rach einer halben Stunde waren meine Schuhe wieder taktfest Ich zahlte und gab dem kleinen Mädchen die Hand. Die mir die ihre hochrot und verlegen reichte. Wie ich an der Tür war, warf ich noch einen Blick zurück. Der Schuster trank, den Kops zurückgelehnt wieder einen groben Schluck au» seiner * bräunlich angelaufenen Schnapspulle. DaS Deine Mädchen hatte wieder den Kopf in ihr Buch sanft gesenkt. Und weiter ging ich. hinaus der seligen 6onne zu.