Ausgabe 
4.2.1928
 
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Nr. 30 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 4 Februar 1928

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Intendant HemannSteingoetter Zn seinem 25jälirigen Direktionsjubilaum am Gießener Theater.

Em gutes Theater ist Qlbbilb des Lebens, ist Ausstrahlung bewußter grober Kultur. Ein Berufener, Heinrich Laube, tat einmal den Aus­spruch:Ein Theaterdirekior ist ein Stück Regent, er Hilst Geschichte machen." DieRegenten", die vor Hermann Steingoetter inGießen am Stadttheatcr das Szepter führten, stehen im Buch der Vergessenheit. Roch in den achtziger Jahren hatte das Theater in Giehen mit dem Liebel grober Gleichgültigleit zu kämpfen. Mittel­mäßiger Darstellung aus den Brettern, die die Welt bedeuten sollten, kam die Anspruchslosig­keit des Publikums entgegen. Ein Wandel trat ein. als während der Anwesenheit des Erb- grohherzogs Ernst Ludwig von Hessen, der an der Ludoviciana studierte, Intendant Emil C l a a r aus Frankfurt mit seinen Künstlern er­schien und eine Reihe mustergültiger Vor­stellungen veranstaltete. Manch einer, der d^n Theater abgewandt stand, lernte die feinen Lich­ter und Schatten, die von der Bühne ausgingen, schätzen. Unter dem Zwang der Verhältnisse stellten die Frankfurter Künstler ihre Gastspiele in Giehen wieder ein. Run war es eine glück­liche Fügung, dah Hermann Steingoetter im Jahre 1903 unter 64 Bewerbern ausersehen ward, die Leitung der Theatergemeinschaft Gie­hen. Marburg und Dad-Rauheim zu übernehmen. Entschlossen, beredt, gewandt, fest von Charakter, sicher in seinem Geschmack, verstand er es. junge bildsame Talente heranzuziehcn und erreichte, keine Mühe scheuend, in ernsthafter Arbeit ein künstlerisch abgerundetes Zusammenspiel.

Wir wollen einen Blick auf Hermann Stein- g 0 e t t e r s Lebensweg werfen. Geborener Schwabe, studierte er in Heidelberg. Leipzig und Berlin Rechtswissenschaft und Literatur­geschichte. Inmitten seiner Studienzeit ward der Drang zum Theater in ihm wach. Bald kannte er sich in der Schule des Schauspielers aus. Ein Engagement bei den Meiningern toar_ für ihn von eminenter Bedeutung. Wer die künst­lerischen Darbietungen der Meininger erlebt hat. wird ihre elementare Wirkung nie vergessen. Gewiß, daß sie zuweilen Pracht und Prunk auf der Bühne über die darstellerische Leistung setzten, aber das Grundlegende, Llrnwülzende ihrer Wirksamkeit war. dah sie das Virtuosentum auf der Bühne beschränkten und dem fähigsten

Schauspieler zur Pflicht machten, sich nicht indi­vidualistisch vorzudrängen, sondern sich in das Ensemble einzugliedern. Auf den Gastspielreisen der Meininger war Hermann Steingoetter Gelegenheit gegeben, nicht nur die deutschen Bühnen, sondern auch die großen Theater in Rußland. Schweden und Dänemark kennenzu- lernen. Zwei Jahre gehörte Steingoetter dem Meininger Ensemble an. Dann fand er nach kürzeren und längeren Engagements in Gera. Hanau, Würzburg, Frankfurt am Main. Dort­mund, Zwickau in Erfurt eine aussichtsreiche Stellung. Zuerst als Bonvivant tätig, wurde er bald zum Dramaturgen, Regisseur. Oberregisscur, schließlich zum stellvertretenden Direktor berufen.

Steingoetters Leitung des Stadttheaters in Giehen, die alsdann folgte, hat den weitblickenden Mann vor Aufgaben gestellt, die viele Eisen im Feuer verlangte. Richt nur, daß er den braven Roderich Benedix, die gute Birch-Pfeiffer und andere Lust- und Rührstücksabrikanten vom Spielplan verbannte und den Zeitgeist erfassend, wertvolle Rovitäten dem Repertoire einverleibte, er stand auch in der vordersten Reihe derer, die alle Hebel in Bewegung setzten, dah in Giehen der Schauspielkunst eine würdige Stätte bereitet ward. Im Sommer 1907 wurde das neue Stadttheater eingeweiht. Das Re­pertoire zeigte eine immer aufsteigende Linie, das Interesse für gute Werke wuchs, dem neuen Haus strömten Besucher nicht nur aus Giehen, sondern auch von den umliegenden Städten zu. Steingoetters Regie kannte keine Einseitigkeit, er vergaß nie. daß das Theater über eine Abend­unterhaltung hinaus den Charakter einer Kunst­anstalt wahren soll. Dah die Mitglieder des Gießener Stadttheaters eine ansehnliche Gage erhielten, trug nicht am wenigsten dazu bei, das Ansehen der Gießener Bühne in der Theater­welt zu erhöhen. Der Krieg brach aus, die Rachkriegszeit war zu überwinden, Epochen, in denen Steingoetter. von Schwierigkeiten bedrängt, das Theaterschisflein glücklich durch Schroffen und Klippen steuerte. Im Jahre 1924 ging der Betrieb des Theaters in die Hände der Stadt­verwaltung über, Hermann Steingoetter wurde zum Intendanten ernannt. Künstlerischer Geist hob das Repertoire. Gastspiele der Frank­furter, Darmstädter und Mainzer Oper ver­schafften den Gießenern Kunstgenüsse erlesener Art.

Es ist Steingoetters besonderes Verdienst, dah er erprobte Kräfte für sein Theater zu gewinnen wußte, ohne zu vergesseii, dah Wandel und

fallen. Hat doch Bergmann in einer Reihe von Briefen die naive Behauptung ausgestellt, daß Gerichte die ihm gegebenen Summen als mündelsichere Kapitalsanlage" be­zeichnet hätten und dieser Llnsinn wurde geglaubt! Man nehme nur einmal an, Berg­mann wäre keinBetrüger" gewesen, hätte also aus den ungeheuren Zmsen, die er für seine Darlehen verlangt hat, und aus dem Erlös der von ihm veranstalteten Versteigerungen, bei denen er selbst als Käufer auftrat, seinen Ver­bindlichkeiten nachkommen können, dann hätten seine Gläubiger kein Geld verloren, sondern un­geheure Summen bei . einem Geschäst ver­dient. das sie bei einiger ileberlegung wohl selbst als unfittlid) bezeichnen mußten. Dienten

doch die Erhebung voii monatlich zehn Prozent Lagergeld und die Art der Versteigerungen nur dazu. Bergmanns Kunden auszuplündern. Wie leichtsinnig übrigens die (Betrogenen mit ihrem Geld umgegangen sind, geht auch daraus her­vor. dah sich die meisten von ihnen keine Informationen bei dem größten deutschen Auskunftsbureau eingeholt haben. Einige aber nicht alle Auskunfteien wußten nämlich Be­scheid: so teilte eins dieser BureauS im Ro­vern ber vorigen Jahres mit, dah Bergmann wegen Llnterschlagungen vorbestraft ist. und dah gegen ihn im Jahre 1924 viermal ein Haftbefehl ^ur Ableistung des Offen- barungSeides erlasfen wurde.

Karl Gillbrück.

Dieser firmamenterschütternde Schrei schien sich in die Stämme gebrannt zu haben. Kein anderer Baum trägt diese Zerrissenheit in feinem Leib und Mark. Er fcheint, als der betende Christus feine von Schweiß und Blut überlaufene Wange an die Rinde stützte, von den teuflischen Qua­len des Gottessohnes eingeatmet zu haben.

Der Olivenpflücker weiß dies nicht: er weiß nur. dah seine Bäume ewig krank sind und immer mit dem scharfen Beil behandelt werden müssen. Mit wildem Hunger friht der Schwamm in ihnen: und der Vater muß oft mitten ins Herz der Bäume schlagen um den Zerstörer und Vampir am Safte zu zerschmettern.

Das ist das Geheimnis ihres gespenstischen Seins: gemartert zu werden von Schwamm und Beil. Kein Baum der Erde scheint so zäh und dekadent zugleich zu sein. Ausgehöhlt bis auf die klappernde Schale der Rinde, zerschlitzt zu klirrenden Spänen, verlöchert von gewal­tigen Wunden, durch die der Vogel fliegt und der diamantene Abendstern blitzt, abgeschabt, dünnbeinig und entschält, treibt in ihm der Strom des Saftes und des Oeles unentwegt und ungehemmt in die Perlen der grünen und blauen Früchte.

Durch Jahrhunderte hindurch hat sich der Wipfel niedergebeugt über die sonnenverbrannte Quadratur des römischen Aequadukts und wenn darin der zersplitterte und ausgelaugte Mund eines Merkurs oder einer Aphrodite ein jahr- tausend altes Lächeln hob, es war und blieb nur da» Rächt- und Herbstnest der Eidechsen und die Grube, in die der Wind die abge­storbenen Blätter zu einem raschelnden und ein­samen Spiel trieb.

Er ist der Daum der kriegerischen Minerva, die im Mond die Bergwege heraufreitet, als hätte sie einen Karthager zu begleiten, der durch die Steinbrandung der Pässe seine Schlacht­kolonnen treibt.

Aber davon weih der alte Olivenvater auf seiner schlanken, verwegenenScalino" nichts, die nur eine lange Stange ist, aus der auf beiden Seiten kleine, fußlange Sprossen ragen und die mit einer Gabelspitze in den dünnen Grasboden der Terrassen gerammt ist.

Hnbefannt sind ihm diese Geheimnisse. Die heidnische Göttin lebt nur im Dunkel der Phan­tasie. Merkur und Aphrodite liegen verschüttet im Geröll, und die Göttin wird nur lebendig, wenn int Abendschatten die Hirtin und der Hirte sich zur Liebe auf dem warmen Mauer­stein niederlassen. . .

DieBerge -es Mitleids".

Im Anschluß an den B e r l i n e r L 0 rn- bar d s k a n d a l, der immer weitere Kreise zieht, hat unser Mitarbeiter denReichs- verband der Pfandleihenbesitzer Deutsch­lands" über die Organisation der deutschen Leihhäuser befragt.

Die Betrogenen sind schuldl" Da­mit faßt der Geschäftsführer des Reichsverbandes der Psandleihenbesitzer Deutschlands E. D. feine Ansicht über den Fall Bergmann zusammen. Mit Recht meint er, daß die Gläubiger des be­trügerischen Berliner Lombardhauses bei einiger Lieberlegung eigentlich erkennen mußten, es handle sich um ein Schwindelunternehmen. Wer jährlich 48 Prozent Zinsen bietet, kann kein ehrliches Geschäst betreiben; denn auf ehrliche Weise ist eben, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum der sechste Teil zu verdienen. Das Gesetz schreibt den Pfandleihern vor, wel­chen Zinsfuß sie in Anrechnung bringen dürfen. In Preußen ist es ihnen gestattet, bei kleinen Darlehen monatlich 4 Prozent, also jährlich 48 Prozent zu fordern: dieser Zinsfuß ermäßigt sich jedoch bei größeren Summen bis auf 24 Prozent im Jahr, so daß man eine Durch- schnittsVerzinsung von 36 Prozent annehmen kann. Ratürlich wird diese Summe, die weit über das hinausgeht, was große in­dustrielle Unternehmungen, Banken ober Han­delshäuser erübrigen, nicht völlig verdient. Es muß vielmehr rund ein Drittel der Einnahmen für Unkosten und Propaganda angerechnet wer­den, und ein weiteres Drittel pflegt man in der üblichen Kalkulation als Bezahlung der Ar­beitskraft des Unternehmers anzusehen, so daß für die Derz insung des eigentlichen Kapitals nur noch 12 Prozent jährlich bleiben, ein Zinsfuß, der noch immer hoch genug ist, mit dem man aber unmöglich Kapitalien zu 48 Pro­zent Zinsen ausnehmen kann, wie es Bergmann getan hat.

Die Besitzer der privaten Pfandleihen wollen sich übrigens nicht nachsagen lassen, daß sie für die von ihnen gewährten Darlehen bis zu 48 ProzentZinsen^ nähmen. In dem Zinsbetrag, den sie ihren Kunden berechnen, steckt vielmehr die Vergütung für eine ganze Reihe anderer Leistungen. Herr Hof. der Ge­schäftsführer ihres Verbandes, versteht es, das an einigen Beispielen recht gut klarzumachen. Wenn jemand mit einem größeren Reifekorb auf einem Berliner Bahnhof eintrifft und das Gepäckstück bei der amtlichen Aufbewah­rungsstelle abgibt, so werden ihm dafür täg­lich 5) Pfennig berechnet: falls er feinen Korb erst nach zehn Tagen abholt. muß er also 4 Mark entrichten. Würde dieser Reisende fein Gepäck­stück dagegen auf eine Pfandleihe bringen und sich gegen Hinterlegung des KorbeS zehn Mark borgen", so müßte er auf diese Summe für zwei Monate Zinsen byahlen: die Pfandleihen haben nämlich daS Recht, auch bei ganz kurzfristig gewährten Darlehen für volle zwei Monate Zinsen zu nehmen. Abgesehen von dem Vorteil, daß der Reisende nun z^hn Mark geborgt erhält, braucht er aber nach zehn Tagen, während fern Korb kostenlos aufbewahrt wird, nur 80 Pfennig Zinsen zu bezahlen, also den fünften Teil der Summe, die baß amtliche Aufbewahrungs­bureau fordert Ein anderes Beispiel: In jeder Theatergarderobe werden mindesten- fünfzig Pfennig dafür verlangt, daß die Garde­robenfrau einen Mantel drei Stunden in Obhut nimmt; die Pfandleihe verwahrt dieses Klei­dungsstück. auf das sie ein Darlehen von zehn Mark gewährt hat. volle zwei Monate, ist ver­pflichtet, es sachverständlig zu behandeln, und erhält doch als Gegenleistung nur 80 Pfennig Zinsen. Da nun nach einer Statistik, die die Psandleihenbesitzer ausgestellt haben, das Durch­schnittsdarlehen in Deutschland zehn Mark be­trügt, also vorwiegend weniger wertvolle Gegen-

t u n g s s p e s e n für die ungeheure Zahl der aufbewahrten Waren verhältnismäßig hoch, und man kann nicht den ganzen Entgelt als Ver­zinsung des Leihkapitals betrachten.

stände verpfändet werden, sind die Verwal- 2n früheren Zeiten sind zweifellos Wucher und erpresserische Ausbeutung fremder Rot bei den Pfandleihern an der Tagesordnung ge­wesen. Die Regierungen erkannten aber allmäh­lich, daß man gesehgeber is che Maßnah­men treffen muß, um die armen Kunden der Leihhäuser zu schützen. Es ist bezeichnend, daß im Italienischen das Leihhaus nach einer im Mittelalter von den Mönchen eingeführten Be­zeichnung noch heute den RainenMonte di pietä,Berg des Mitleids" führt; auch im Französischen bezeichnet man sie alsmont-de- pietä". Arme Leute, die ihren Hausratsver­sehen" müssen, sollen eben nicht ausgeplündert, sondern mitleidig behandelt werden. In Preußen wurde deshalb in demPfand- und Leihregle- ment von 1787 die Höhe der zulässigen Zinsen festgesetzt. Mit der Gewerbeordnung kam die Ge­werbefreiheit und die alte Bestimmung fiel fort. Da der Wucher überhand nahm, wurde dann am 17. März 1881 das preußische Pfand- l e i h e g e s e h erlassen, das die Ausgabe von Pfandbüchern und von Pfandscheinen sowie die Versteigerung von Pfändern genau regelt. Leider gibt es keine einheitlichen Bestimmungen für das Deutsche Reich, sondern jedes der neunzehn deutschen Länder hat ein eigenes Pfand- leihgeseh erlassen. Besonders merkwürdig ist es. daß die beiden mecklenburgischen Staaten sich nicht nehmen ließen, entsprechende Gesetze auf­zustellen obwohl sie keine Pfandleihen be­saßen. Run hat fick) inzwischen in einem mecklen­burgischen Staat doch eine Pfandleihe niederge­lassen; aber es gibt immerhin noch ein deutsches Land, das zwar ein Psandleihgesetz, aber keinen Pfandleiher besitzt. In ganz Deutschland zählt man rund 600 private und 60 öffentliche Pfand­leihen, von denen 260 private Leihhäuser ihren Sitz in Berlin haben. Diese Llnternehmungen sind zum Teil recht groß; die meisten Pfandleiher betreiben ihr Geschäft im großen Maßstab, und unter ihnen befinden sich viele Kaufleute, die in das Handelsregister eingetragen sind und der Handelskammer angehören. In den Groß­städten bestehen sogar mehrfach Pfandleihen in Form von Aktiengesellschaften.

Das betrügerische.Unternehmen Dergrnan ns, das soeben in Berlin aufgeflogen ist, gehörte nicht zu den 600 deutschen Pfandleihen, jonbern war einLornbardhau s". Mit Recht weist der Reichsverband der Psandleihenbesitzer Deutschlands darauf hin. daß auch diese Unter­nehmungen eigentlich konzessionspflich- 11 g sein sollten. Eine Pfandleihe darf nur er­öffnen, wer Im Besitz einer polizeilichen Kon­zession ist. und diese Betriebe stehen bann auch ständig unter polizeilicher Kontrolle. Die sog. .bankmäßigen Lombardhäuser" werden ebenfalls beaufsichtigt, da ihr Inhaber eine Konzession zum Betrieb eines Bankgeschäftes besitzen muß. ES gibt nun aber eine gewisse Zahl von Betrieben, die nur das Lombard- gefchäft zu betreiben vorgeben, tatsächlich aber auch Bankgeschäfte abwickeln oder kleinere Pfän­der beteilen, und die trotzdem als einfache Lornbardhäuser" nicht konzeffionSpflichtlg find. Cs muß gefordert werden, daß die Gesetzlücke, die hier besteht, bald geschlossen wird, damit alle Betriebe dieser Art unter die offenbar sehr notwendige Polizeiordnung gestellt werden können.

Run wäre es ganz falsch, wenn man sich der Hoffnung hingeben würde, durch irgendwelche Konzefsionspslicht oder polizeiliche Ueberwachung jede Schädigung des Publikums in Zukunft ver­hindern zu können. Es gibt immer wieder Dumme, die auf plumpen Schwindel herein-

Der Faszismus und die Krisis des modernen Gtaaisgedankens.

Einem aus staatswiffenfchaftlichen Greifen geäußerten Wunsche nachkommend, hat unser römischer L-Korrespon- öent über den faszistischen Staat im Zu­sammenhang mit der Krise des modernen Staatsgedankens, dem Thema, das heute an der Spitze der staatspolitischen Erörte­rungen steht, eine knappe Abhandlung von vier Artikeln geschrieben, deren ersten wir im folgenden unseren Lesern übermitteln.

Rom, 2. Februar 1928.

Llebergangsstimmung hat Europa er­griffen. Wir* alle fühlen, daß etwas Reues im Werden begriffen ist, wir sehen einen Reiter mit verhängten Zügeln dahersprengen, Sturmwind im Haar, noch läßt sich in der Dämmerung fein Gesicht nicht erkennen. Ist es derselbe, der im Osten zu Pferde stieg? Wird er feinen Schar­lachmantel hinter sich herschleifen? Kommt er aus dem lichten S ü d e n, trägt aber, seltsam genug, ein schwarzes Hemd? Bringt er Er­lösung oder Tyrannei?

Die Hoffnung geht um, er sei der Geist der Völkerbejahung.

Lind ist er es, wird er sich stärker erweisen als der Geist der Rassenvemeinung?

So hofften, so fragten wir auf den Trüm­mern Europas, zwischen den Scherben des mo­dernen Staates, als wir noch fassungslos vor dem Geschehen standen und den Sinn der Zer­trümmerung nicht begreifen konnten. Heute wissen wir. daß eine Cnlwicklungsbahn abgelaufen ist und dieser natürliche Vorgang uns vor die Auf­gabe gestellt hat, einen neuen Kreislauf mit neuem Geben zu erfüllen. Zerbrach die Form, so wurden poch auch damit aebunbene und vielfach mißbrauchte, zu unnatürlichen Funk­tionen gepreßte Kräfte frei, die nach vernünf­tiger Anwendung schreien, neue Kraftfelder und Energieströme wurden erschlossen, (Baumaterial ist übergenug vorhanden, um auf dem europäi­schen Trümmerfeld etwas Besseres zu errichten.

Aber was? In wessen Händen sind die richtigen Pläne?

Wir stehen noch mitten in der Krise der Frage­stellung, schon erhebt sich ein Berg von Literatur über die heikelsten Probleme, von dessen Spitze aus man bis an die Quellen modernen staat­lichen Denken« schauen und unzählige Menschen beobachten kann, die in dem Schutt der Jahr­hunderte herumwühlen. Aber wie viele Spuren auch in die grandio e Sche.bengrube hineinführen, nur wenige führen heraus. Rur ver­einzelte schmale Wege sehen so aus, als könnte man auf ihnen zu einem Ziele kommen.

Dunkel liegt vor allem über ber Zukunft des Staatsgedankens. So viele Baumeister, so viele Ideen. Spricht der eine von derKrise des Staatsgedankens" (M. I. Bonn), so der andere schon bewußter von derKrise des mo­dernen Staatsgedankens in Europa" (Alfred

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Wechsel ihre Rechte fordern. Die Altersver­sicherung für bewährte Mitglieder auszu­bauen, war Hermann Steingoetters Herzenssache. Den Zusammenschluß mit dem Kurtheater in Bad-Rauheim mehr und mehr zu festigen, hat Steingoetter kein Opfer gescheut. Richt unerwähnt soll bleiben, daß Steingoetter um seiner sozialen Gesinnung willen in den Kreisen der Deutschen Bühnengenossenschast hohes Ansehen genießt, daß ihn das Frankfurter Bühnenschiedsgericht zum Sd)iedsrichter ernannte. Auch als dramatischer Sckiriststeller hat sich Steingoetter vielfach be­währt. Seine Stücke, insbesondere seine Märchen­dichtungen. sind nicht nur in Gießen, sondern auch an anderen Bühnen erfolgreich zur Auf­führung gelangt. Oft hat er es ausgesprochen, daß ihm in schwerer Berufsarbeit seine Ge­mahlin als treue Helferin und Beraterin zur Seite' stand. Heute, da der Jubilar aus dem ihm liebgewordenen Wirkungskreis scheidet, folgt ihm der Dank feiner Künstlerschar, der Dank der Gießener Bevölkerung. Auch in der länd­lichen Stille, die er jetzt aufsucht, wird er nur in begrenztem Maße das otium cum dignitate genießen, tätig, anteilnehmend wird er feinem innersten Gefühl nach immer der Kunst verbunden bleiben.

Weber). Der Heidelberger Rationalökonom Ist in diesem Buche als Staatswissenschaftler und Historiker so bewundernswert über den Gesichts­kreis der bloß Inneren Politik hinausgewachsen, daß er wie ein Führer erscheint, dem man willig folgt. Wohl meint er skeptisch an einer Stelle, das einzig ganz Sichere am Europäischen sei das Problematische, er entfernt sich aber doch Schritt für Schritt von der Wirrnis und gelangt schließlich an einen Zukunftsland ausfchlleßenden Aussichtspunkt.

Reben den Theoretikern, die sich einen guten Grundriß etwas kosten lassen, bevor sie Hand anlegen, gibt es Führer und Bewegungen, denen die Trümmer noch nicht genug sind, die in den Lleberlebenden unter den Staats- und Ge­sellschaftseinrichtungen Hindernisse sehen, die weg- geräumt werden müssen, um eine völlig freie Dahn zu schaffen. Lind beide Glaubensbekennt­nisse, Bolschewismus wie Faszismus, haben sich aufs Einrelßen verstanden, aber nur Musso­lini hat ein wirklich Reues geschaf­fen. Es muß sich freilich erst noch bewähren, bevor wir es als Standardmodell cvnnehmen können.

An einem jener schmalen Wege, die aus dem Scherbenfeld der Staatsidee herausführen, steht ein Wegweiser, der nach Rom zeigt. Cs lohnt sich nicht nur, es ist unerläßlich geworden fütf jeden politischen Landsucher, diesen Weg einmal mit nüchternen Augen von Anfang bis zu Ende zu gehen. Die Wanderung wird zweifellos auch für den von Gewinn sein, der, am Kapitol an- gelangt, wieder umkehrt. Was können wir vom Faszismus lernen? Ist das Experiment positiv oder negativ auSgegangen? Sehen wir zu.

I.

Oie Entwicklung -esFaszismuszurGtaatsform

Don stellenlos gewordenen Frontsoldaten als Kri^Serfatz geschaffen, hat die saszistische Be­wegung Ihre Gegner mit Blut und Rizinus­öl überwältigt und schließlich eine Partei- Mltatur geschaffen so ungefähr sieht die landläufige Betrachtung die Vorgänge in Italien. Gin auS dem Materialismus unserer Epoche geborener Irrtum, das logische Ergebnis einer auf den Profit ausgerichteten Weltanschauung. In Wirklichkeit hat sich aber etwas abgespielt, was ich eine blitzschnelle Repetition der Geschichte der Staatsentwick­lung nennen möchte.

Legt man das oben genannte Buch von Al­fred Weber in seiner historisch-chronologischen Richtlinie an die Entwicklungslinie des Faszis­mus, so ergibt sich eine verblüffende Parallele: der Faszismus burd) läuft in einem Zeitraum von einigen Jahren die ganze Geschichte eben so vieler Jahrhunderte, er seht nach feinem

Garten der Oliven.

Don Anton Schnack.

Zwischen Rovernber und Februar ist die Ernte. In der einen Zeit nimmt die Sonne ab und stirbt in den frühen Schatten, in der anderen wird sie noch morgens von der metallenen Schneewand im Gebirge geblendet, aber wenn die Mittagsglocke schlägt, braust der Dampf im Winde über die Spitzen hinweg.

Hundertmal und aber hundertmal steigt der alte Vater in die Wipfel der Oelbäume hinauf, die lebendig sind in den heranflutenden Eil- berftrömen des Morgenlichts. Wie ein riefen- Hafter Vogel hat er sich in das schwankende Astwerk niedergelassen, niemals ruhig und stumm, seine wilde, verbrannte und am Ende der Strophe in Schwermut niedersinkende Stimme tönt die Stundet hindurch hoch und fremd in den Gär­ten des Berghangs.

Riedergesunken in die zerreißende Anrufung seines Gottes leuchtet das heilige und bleiche Antlitz des Gottessohnes aus bem kalkhaften Schein der Bäume.Vater lasse diesen Kelch an mir vorübergehen."