Ausgabe 
4.1.1928
 
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Mittwoch. 4- Januar 1928

Sießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)

Nr. 3 .Zweiter Blatt

3m Lande der ständigen Lebensangst.

Mazedoniens Kampf um die Autonomie im jugoslawischen Staat.

Dom Terbanblung<ott der gegenwärtig schwebend: i Mazedonier-Prozesse.

Skoplie. dem Mittelpunkt de- mace- dänischen Unruhegebietes. sendet uns unser Solioier XV. E V -Berichterstatter folgende» Stimmungsbild:

Skoplie. Ende Dezember 1927.

Wer von 6o(ia nach Disch führt, mutz sich mit Geduld wappnen. Sowohl in Drago- inan. al- auch in Zvribrod verursachen um- händliche 3olbormaHtätcn stundenlang« Auscnt- halte. Trübselige Grenzbahnhöfe. in da- Pfeifen der Rangierlokomotiven mischt slch unaufhörliches Gektä'f umherslreiiender Hunde Der Reisever­kehr aus Bulgarien nach Jugoslawien ist gering, frühem die Einreise für Bulgarien gesperrt ist und Transitreisende mit bulgarischen Pässen einer besonder-aufmerksamen" Behandlung ausgesetzt find.

3n Rifch zu M die Linie nach Saloniki ab. auf der man nach Skoplie gelangt. Da in der letzten Zeit an verschiedenen Stellen der füdferbischen Dahnen Sprcngattcntale versucht wurden, so war diese Rachtsayrt nicht von ange­nehmen Gefühlen begleitet. Wenn auch die 3ug« immer von Militär begleitet find und die Bahn­strecke hauernd bewacht ist. so verursacht doch jeder Halt de« Zuge» eine gewisse Spannung. Mitten in der Rocht wird die Tür zum Abteil ausgerissen. Sin Polizeisergeant verlangt die Le­gitimation. Dor dem deutschen Post erweist er eine stramme Ehrenbezeugung und tritt ab.

Denn Morgengrauen Einfahrt in Skoplie. Der Zug überquert den Wardarflust. Don weitem sieht man die alte Feste Dufchansgrad. so genannt nach dem mächtigen serbischen Zaren Duschan der Starke. Diel weihe Minarett­stechen wie Radeln in den Himmel und verraten da« Türkenviertel. das wohl die Hälfte der Stadt auSmocht. Ihre Einwohnerzahl ist in we­nigen Jahren von 40 000 auf über 85 000 Deelen angewech'en uub ein reger Handelsverkehr lästt eine weitere gedeihliche Entwicklung erhoffen. Reben der zahlreichen jüdischen Kolonie Skoplics ist die m a z e d o n i f ch e Bevölkerung in erster Linie an der kommerziellen Entwicklung betei­ligt. Während die heitere Ratur des Serben den LeitsatzLeben und leben lassen" besolgt. ist der Macedonier. nicht ander- als in Bulga­rien, arbeitsam, sparsam bi- zum Geiz: Dein Bestreben geht dahin. Hausbesitzer zu werden und seinen Rachkommen ein wertvolle- Erbe zu hinterlassen. Der Reichtum de- Landes liegt daher in den Händen der Mazedonier und der Vergleich von der Drohne und der Diene, den ich selbst au- serbischem Munde hörte, ist hier so recht am Platze.

Heute gewährt Skoplie noch den Eindruck einer werbenden, modernen Stadt. Mit Hilfe einer 220-Millionen-Dinar-Anlcihe französische Kapi­talisten soll In Skoplie eine moderne Kanali­sation geschossen werden, sollen Däder und Markt­hallen und eine Strastenbahn erbaut werden. Heute spielt sich der Verkehr noch aus dem holperigen türkischen Pslaster ab. Lin bunte- Gewühl von Dauern. Lastträgern. Zigeunern, verkrüppelten Bettlern, von Qchlenkarrcn. elend herabgewirt- schastelen Autos. Soldatentrupps füllt die oft engen und verwinkelten Gassen, die hinaus auf den Berg führen. Aus seiner Spitze befinden sich ausgedehnte Kasernen und die Mäuler der Geschütze bilden drohend hinab in die Stadt. Dicht daneben befindet sich die uralte Kirche Sw. Spast, in der Zar Duschan gekrönt wurde. Ein wundervoller hvlzgeschnitzter Altar bildet die Sehenswürdigkeit der Kirche, die unterirdisch angelegt ist. Interessant ist der Dorhof. Er ist eigentlich ein Friedhof, denn sein Boden wird ausschließlich von Grabplatten gebildet, die hundert und mehr Jahre alt sind. Diese Platten tragen oft bulgarische Inschriften und bulgarische Lettern, und sind so stumme Zeugen dafür, dast die bulgarische Sprache früher wohl ihren Platz

Gießener Gtadttheater.

Henrik Ibsen:Nora".

Es gibt Ehen so beginnt eine kleine, heute säst vergessene Rovelle von Thomas Mann, deren Zustandekommen sich die belletristisch ge­übteste Phantasie nicht vorstellen kann. Hm zu be­greifen. was hier in diesem Stück vorgcyt ge­hört gar keine Phantasie: nur ein wenig Lebens­erfahrung und ein wenig Menschenkenntnis: dann ist eine Che wie di: d-s Advokaten Helmer durch­aus verständlich und vorstellbar. Samt ihren DorauSsehungen und ihrem Zustandekommen. Und zwar vorstellbar nicht nur für damals, nicht allein aus Ibsens Umwelt und BlicRreis herauS .

Da- gibt eS auch heute noch: und nicht nur als Sinzelfall oder auffallende Besonderheit. Rach jedem Lesen, nach jeder Ausführung emp­findet man es auss neu?: diescS Stück ist in c.ncr sehr erstaunlichen Weise was von nur we­nigen Etüden Ibsens im gleichen Umgang ge­sagt werden kann unveraltet, ohne Staub­schicht und Deigeschmad. Es ist ein ganz mo­derne- Drama, für unS vielleicht von tieferer Geltung, als zu seiner Zeit, da es eine schlechthin verwegene Reuerung darstellte und so etwas wie eine gesinnungSmäßige Revolution ankün­digte. Kostümsrei. zeitlos, ohne geographi'ch- dialektische Bindung ist dieses Schauspiel immer noch zu geben. Das ist man seiner Bedeutung schuldig.

Denn Männer wie Helmer sind übernationale, sind alltägliche (nur heute minder beachtete uns festgenagelte) Erscheinungen. Und Frauen wie Qlora haben einen weiblichen Typus begründet, der zwar unter anderm ein wohlfeiles und ver­breitetes Ditzblattobjekt wurde, der aber zu­gleich als Dorläufer und selbstbewußter Reprä­sentant eines großen und ebenfalls übernationa­len Heerbanns von Geschlechtsgenossinnen gelten muß. die. wenn man von allerlei Auswüchsen. Einfei.igleiten und Drroohrih Hon absehen will, allerdings und mit Recht etwas vorzubringen, etwas zu verteidigen und sich gegen etwas auf- zulehnen hatten. Dorzubringen etwa: daß eine Frau auch ein vollwertiger Mensch fei; zu ver-

in Skoplie hatte, während man sie jetzt aus den Straßen nirgends mehr reden hört.

Dagegen hat man keinerlei Schwierigkeiten, mit der bulgarischen Sprache verstanden zu werden. Manch nal kann man damit auch jemandem eine Freude bereiten Sv erging cd mir, als ich. neben dem Staatsanwalt« stehend, die zwanzig angeflagtcn makedonischen Studenten auf bulgarisch über ihre Behandlung im Ge­fängnis befragte. Ein Aufleuchten ging über die jugendlichen Gesichter, als plötzlich ein Fremder in ihrer Muttersprache mit ihnen redete und in bulaari'cher Sprache Nagten sie mir ihre Leiden. Daß mir die Anwendung der bulgarischen Sprache bei den zahllosen serbischen Polizemgenten, die mir dauernd aus den Fersen waren, den* offen geäußerten Verdacht cintrvg. ich sei ein Spion des mazedonischen Komitees, ist be­zeichnend für die Furcht der Serben, vor allem, was irgendwie mit der macedonischen Organisa­tion zusammenhängen könnte.

Gs ist in Skoplie ungemein schwer, die Stim­mung zu erforschen, denn einer mißtraut dem anderen. Es wimmelt von ProvokotionS- agenten; auch mir näherten fich solche unter der Maske des unterbnidien Mazedonier-, der fich über den Besuch aus Sofia freut. Am red­seligsten sind noch die Serben und diese machen fein Hehl daraus, daß sie fich. sei e- nun als Offizier oder als DerwaltungSbeamter. in Sko« plie nicht gerade am wohlsten fühlen. Das Ge­fühl, jeden Augenblick mazedonischen Kugeln ausgesetzt zu fein, wirkt zermür­bend und verbitternd. Dor kurzem wurde das neue Skoplier Stadttheater eingeweiht. Zahlreich: offizielle Persönlichkeiten zogen es vor. dem Fest­akt sernzubleiien....!! Dem Theater gegenüber, auf der europäischen" Seite deS Wardarslufses, erhebt sich bei der Duschansbrücke das fünf» stückige Gebäude deS Oslizierskasinos, an dessen Dollendung eben gearbeitet wird. Ringsum pa­trouillieren Militärposten mit aufgepslanzlcrn Seitengewehr und schützen den Dau dieser serbi­schen Hochburg im besetzten Land. EinZwing LI r i" Mazedoniens. Man erzählte mir. Laß während der Arbeit einmal eine Prüfung der Legitimationen der Arbeiter borgenommen wurde und über fünfzig Arbeiter ohne Ausweise be­troffen wurden. Arn näch ten Morgen waren alle fünfzig verschwunden ... und man be­gann eilig, da- Mauerwerk nach Höllenmaschinen abzusuchen.

Die Furcht vor dem Attentat beherrscht das ganze Leben dieser Stadt. Es ist keine Alebertreibung. sondern Wirklichkeit, daß kein Funktionär, kein höherer Militär unbewacht über die Straße geht, des Abends muß die Leibwache aus der Straße warten, bis sein Schützling durch ein Lichtzeichen am Fenster zu erkennen gibt, daß er wohlbehalten in seiner Wohnung ange­langt ist. Hat doch saft jeder, der in serbischen Diensten steht, sein Todesurteil aus mazedoni­schen Händen erhalten, manchmal in ganz drama- liicher Form, etwa durch eine in einem Brief­umschlag zugesandte Revolverkugel.

Die Wette von politischen Prozessen, die jetzt durch Süd'erbien geht, die vielfachen Sanierenden, die in Belgrad wegen der Lage in Südserbien flattfanben und die ihren R^eder- schlag in 42 außerordentlichen administrativen und Polizeimaßnahmen gefunden haben, zeugen dafür, daß in diesem Teile des SHS-Siaates etwa- n i ch t i n O r d n u n g ist. Allen serbischen Behauptungen zum Trotz ist Südserbien von einer Bevölkerung besiedelt, die sich nicht ferbi- sieren lassen will, sondern zum mindesten als ein selbständiger Dolksleil innerhalb des südslawischen Staates betrachtet werden will. Da der SHS-Staat wohl Kroaten, Slowenen. Un­garn und Deutsche als Teile seines Staatswesens anerkennt, nicht aber die Mazedonier, so hat die außerhalb der jugoslawischen Landesgrenzen befindliche macedonifche Emigration den Guerilla­krieg gegen Serbien begonnen. Der Kampf spielt sich bald hier, bald dort in Südserbien ab und

leidigen: die weibliche Würde dieses Menschen in der Gemeinschaft der übrigen; fich aufzuleh­nen: gegen eine falsche Schätzung und miß­verstandene Bevormundung durch den männlichen Teil der menschlichen Gesellschaft.

Sicherlich ist das Heer derunverstandenen Frauen" heute zusammmg.schmolzen; aber wer wollte ernstlich behaupten, es gäo: keine Roras mehr, keine Helmers, keine in Puppenheimen oder anderen unfreien Asylen zusammengepferch- ten toi brr irm g en Gemein schäft n? Erich'nung-en wie diese beiden sind beliebig oft wiederholbar: untere ring ewurz l en sozialen, gesellschaftlichen und feelifdjen Dezi:Hungen zu einander sind in ein paar Jahrzehnten seit Ibsen noch keines­wegs so grundstürzend überrannt und umg estaltet worden, daß sie nicht heute wi.derum tagtäglich DorauSfeyung und Anlaß werden könnten für Katastrophen innerhalb engster äußerer Gemein­schaft, wie in derRora"; auch wenn sie ohne Revolverknall. ohne peinlich: Explosionen. Tränen- fzenen und wilddramatische Scheidungsprozesse vor sich gehen. Die schweritm Katastrophen, die wahren Tngödien des all ägttchen L bens wer­den meist innerlich. unblu'ig und ohne Heber» maß an Stimmaufwand, aus getragen.

Hab für baS. waS heute etwa geändert, ge­bessert. vernünftiger und freier geworden ist seit 3bfen. wo wir mehr gemeinschaftlich, ver­stehend und mi fühlend denken und leben gelernt haben da haben die großen, vor allem von außen her bestimmten Umschichtungen unseres Zusammenlebens Verhältnisse geschaffen, von denen Ibsen schlecht, rdings noch gar nichts ahnen konnte, und die schr wohl geeignet sind, die Kulissen für hundert und aberhundert Rora- Schaufpiele abzugeb.m... mit glichen oder ver­änderten Dorzeichen: mit ähnlichem ober anderem Solopersonal: bald laut, daß die Rachbarschaft zusammenläuft, bald leise und still, mit unter­drückten Seufzern und abg?toürgtcm Wnnen. Und auch ohne Wechlelfällchung. ohne Erpressung, ohne drohende Briritastenöffnung und ohne Ta- rantellatänze. die einem ähnlich: Schauer über den Rüden jagen, wie der Kolakenwirbel des Strindbergischen Festungskapi änS.

Wir sind deshalb auch heute weit davon ent­fernt, auf dem verlogenen, künstlich abgeänderten

sein Ende ist nicht abzusehen. Die Mentalität des stegreichen Serbenvolke- läßt Zugeständn.s'e an die bulgarisch-macedonische Minderheit nicht zu und über den Willen der Mazedonier, ihren Kampf bis zum äußersten durchzufechten, kann fein Zweifel bestehen.

Die Stadt Skoplie ist ruhig, aber es ist eine beängstigende Ruhe. Das Mißtrauen, die

Furcht vor dem Kommenden steht in den Zügen aller geschrieben. SS bedarf nur eine« kleinen Anlässe- um die aufs äußerste gespannten Her­oen der beiden Parteien zum Zerreißen zu brin­gen und den Sturm in Südferblen zu entfesseln, der sich über den ganzen Balkan verbreiten kann.

Llrspnmg und Machen des Weltkrieges.

Das Ergebnis der ncufroien Llntersuchungslommission.

Don E I. S n y d e r S. kgl. niederländischem Generalleutnant, ehemal. Lhef deS Generalstabs der niederländischen Armee und Oberstkominan- diercndem des niederländischen Feldheeres während deS Weltkrieges.

Als die Sieger des Weltkrieges nach dessen Beendigung einen Ausschuß zur Unter- suchung der Schuldfrage InS Leben riefen und das Grgebms der Untersuchungen dieses Ausschusses im § 231 deS Dersailler Frie­densvertrages seinen Riederschlag fand, wurde diese- Dorgehen in den verschiedenen Kultur­ländern als eine Derletzung der Grundsätze von Recht und Gerechiigkeit angesehen. Die fun­damentalsten Grundsätze des Rechts verbieten es, daß jemand zu gleicher Zeit als Anklä­ger und Richter auftritt oder daß über lemand ein Urteil gefällt wird, dem man keine Gelegenheit zu feiner Verteidigung gegeben hat.

Diese Uebcrjeugung fand ihren Ausdruck in einem von führenden Körperschaften der neu­tralen Länder unterzeichneten Ausruf, in welchem maßgebende Persönlichkeiten verschiede­ner am Weltkriege mitbeteiligter Länder dem Wunsche AuSdrud gaben, die Veranttvortlich- keitssrage für den Weltkrieg unter Bedingungen zu untersuchen, die im Einklang mit den Grundsätzen wissenschaftlicher For­schung und den Erfordernissen objek­tiver Gerechtigkeit stünden. .Rur so," heißt es in dem Aufrufe,kann Klarheit über diese Dorgänge gewonnen und unanfechtbare Schlußfolgerungen aus ihnen gezogen werden. Eine solche Untersuchung muß von einer au - zuständigenBürgern neutraler Län­der zusammen gesetzten unpartei­ischen K o m m i Ff i o n vorgenommen werden."

Auf diesen Aufruf hin er wurde von pro­minenten Bürgern in vier neutralen Ländern unterzeichnet trat in Rorweg en ein Aus­schuß zusammen, welcher erörterte, wie man diese Gedankengänge am besten in die Tat urnsctzen könne. Zu gleicher Zeit wurde versucht. Der- binbungen mit Amerika anzuknüpfen, too im Januar 1921 in Reuyork eine Kommission zur Untersuchung der Ursachen deS Weltkrieges ge­bildet worden war. Rach weiteren Vorarbeiten trafen fich Vertreter Holland-, Rorwe- g ens und Schwedens in Christiania und bil­deten dasZentralkomitee für eine neutrale 1 Versuchung der Ursachen des Weltkrieges". Bei der zweiten Sitzung dieses ZentrallomiteeS, da- späterhin den (Hamen Zentralkommission erhielt, waren auch Vertreter der Schweiz zugegen. Während der dritten Sitzung zu Stodholm wurde dann die Organisation der Kommission und chr Programm endgültig feftgelegt

Zunächst wurde ein auf durchaus wissen­schaftlicher Grundlage ruhender Arbeitsplan auf- gestellt. Es wurde fernerhin auch dem ameri­kanischen Komitee gegenüber betont, »daß die Lösung der Frage nach dem Ursprung des Weltkrieges nie in der politischen Formel des Friedensvertrag s g:funbcn to:rbcn könne, eine solche Lösung vielmehr nur durch exakte wissenschaftliche Untersuchung mög­lich sei". Man war sich von vornherein darüber klar, daß diese Tatsache mit der größten Ent­schiedenheit zum Ausdrud gebracht werden müsse, um die durchaus kritische historische Grundlage der ganzen Untersuchungen von vornherein fest­zulegen.

Unglüdlichcrweise war die Zentralkommis­sion für die neutrale Untersuchung der Ursachen des Weltkrieges nicht in der Lage, ihre Ausgabe

Schluß, der .gemilderten"Rora'-Fassung zu bestehen, die den unorganisch und kompromiy- lerisch ausgevappten, angeblich guten Ausgang des ach so beliebten FamilienrührstückS in den dritten Akt brachte. Die ursprüngliche Tren­nung ist gut. ist richtig, notwendig und die einzige Möglichkeit: sie ist die Lösung, sie reinigt die vergiftete Atmosphäre und scheidet, was schon längst nicht mehr zueinander gehört.

Daß der Kinder wegen noch ein Drama, ein neues Schauspiel unmittelbar hinter dem letzten Dorhanglall anheben kann, tut nicht- zur Sache. (Was hier zu sagen war, ist von Ibsen mit einer Unbestechlichkeit und einer Restlosig- keit gesagt worden, die den Meister erkennen läßt; unb übrigens mit einer szenischen Eleganz unb Präzision aufs Theater gebracht, die mir wenigen unb den allerbesten unter seinen Dramen eignet.) Rora, die rührendste Frauengestalt, die nächst der Solveig aus Ibsens Herzen hervorging unb in biefem seltenen S üd steht mit jedem Satz das Herz über dem durchbringend scharfen Derstande. der in feinen andern Dramen oft genug vorherrschend und deshalb störend empfunden wird Rora Helmer hat aus Liebe zu dem chr angetrauten Wanne, aus kindlich zarter Rücksicht auf ihren alten Vater, ohne Eigennutz eine Unterschrift gefälscht. Ihr Gatte bringt keinen Funken Verständnis für diese Handlungsweise auf. er begreift nur die moralische Anfechtbarkeit, malt sich auS, .was die Leute sagen" w.^rden, sieht das trügerische Auhenbild, nicht die inneren Antriebe, nur die spielenden Puppenhände. nicht das Herz dieser Frau, das allezeit gläubig auf .das Wunder­bare" gewartet hat. (Es gibt auch heute noch solche .Romantikerinnen".) Helmer sieht den Skandal nichts weiter. Und Rora findet statt des Wunderbaren die Seelenkleinhrit. das enge Philistertum, die Scheinliebe und die egoistische Gefühlsbrutalität ihres Eheherrn. Und geht. Sie kann nicht bleiben, nicht umkehren, nie zurück. Innerlich nicht. Kein anderer Schluß ist mög­lich. Wem dieser nicht genügt, der muß auf ein neues Drama warten des .Pu wenheims" zwei­ten Teil. Vielleicht heißt es dir .Die Hetrner- Kinder".

durchzuführen. Dies lag einmal an dem Mangel an Zusammenarbeit, zum anderen an den unzu­reichenden Mitteln. Die hoiländifche Kom­mission. die zwei Mitglieder mit entsprechen­den Stimmen in der Zentralkommission besaß, entschied sich daraufhin, die Arbeit allein durchzuführen. Die Kommifsion ist sich darüber klar, daß einer wirklichen Klärung der Ur- sprungSsrage des Weltkrieges schwerwiegende po- litifche Interessen entgegenstehen. Gerade des­halb aber erscheint ihr eine Untersuchung des Problem- auf rein wissenschaftlicher Grundlage höchst erstrebenswert. Sie ist fogar davon über­zeugt. daß eine solche Untersuchung nur unter völliger Außerachtlassung der an­gebeuteten politischen Momente durchgesührt werden kann.

Die Fixierung der Kriegsschuld hn Frie- densvertrage von Versailles ist. vom wissen­schaftlichen Standpuntte aus betrachtet, ein großer Fehler gewesen. Die Kommission beabsichtigte zwar niemals, eine Bewegung gegen den Frieoensvertrag von Versailles ins Leben zu rufen, glaubt aber doch darauf Hinweisen *u müssen, daß die Untersuchungen vor und wäh­rend der Pariser Konferenz, auf Grund deren die Alleinschuld der Mittelmächte formuliert und in den Friedensvertrag ausgenommen wurde, keineswegs die Garantie dafür bilden, daß die Festlegung der Schuld auf einwandfreier, wissenschaftlich-historischer Grundlage erfolgte. Rur deshalb und insoweit lehnt Die Kommis­sion die Arbeiten des Pariser Ausschusses und die Lchuldsormulieruny im Versailler FriedenS- vcrtrag ab und zwar einzig und allein im Ramen aber mit der ganzen Autorität exakter ®e- schichtSwissenschast. Die Kommission wlll nicht etwa die Schuldigen am Weltkriege herauf In- den dafür hält sie sich nicht zuständig son­dern sucht nur, dem Ursprung diese- größten aller Kriege nachzugehen.

In dem von unS herauSgegebenen Werke, in welchem die Ergebnisse unserer Untersuchungen niedergelegt sind, geben wir in der Einleitung eine Erklärung der verschiedenartigen Auslegung deS Worte- Mobilisierung In den einzelnen Ländern. Bei den meisten Großmächten bedeutete allgemeine Mobilisierung" bereits Krieg. Wir haben auch die Bündnisse und Ge> Helmverträge, die vor dem August 1914 abge­schlossen wurden, sowie deren militärische Be­deutung genau studiert und ins rechte Licht ge­setzt. Ferner geben wir eine eingehende Dar­stellung aller Vorgänge von militärischer Be­deutung in den kritischen Juli- und Augusttagen 1914 sowie Stärke und Ausmaß der einzelnen Streitkräfte nebst Datum und Stunde ihrer Mo­bilisierung. Wir zeigen auch z. B. inwieweit Rußland seine Mobilisierung im gehei­men betrieb. SS besteht eine weitgehende und durchaus bemerkenswerte Verschirdenyeit zwischen der Aufnahme der Rachricht von der Mobilisie­rung Rußlands in Frankreich und In England. In Frankreich wußte man ganz genau, daß diese Mobilisierung den Krieg bedeutete. Man wußte es gleicherweise auch in Deutschland.

Wir haben weiterhin den Einfluß deS General st abs auf die Politik Deutschland- und Rußland- eingehend erörtert. Es sind in dem Werke u. a. der Bericht v. MoltkeS an den Kaiser über seine Unterredungen mit dem österreichischen Generalstabschef v. Hoehen- dorss sowie seine Aufsasiung über Praeventiv- kri-ge enthalten. Weiter finden wir darin die Protokolle über die Verhandlungen zwischen den

An der Auffübrung, die T e l e k y inszenierte, konnte man zweierlei bestätigt finden: waS für ein ausgezeichnete- Theaterstück von allem andern einmal zu schweigen dieRora" ist; und wie ganz modern, ja wie aktuell oft viele- in diesen brillant gebauten Szenen auf un­wirkt, in denen kein Wort zu viel und kein- zu wenig fällt, wo jedes notwendig, bedacht und am rechten Ort gebrochen werden muß. Das erfordert Klarheit, Dlszlplin und Dichte im Tlalog; und die Regie scheint bemüht gewesen zu fein, solchen 2lnfori>erungen. die unS in einer modernen Inszenierung am wichtigsten fein müs­sen, gerecht zu werden. In den ersten beiden Akten gab es jedenfalls manche gute und bunbgearbettetc Szene: der Schlußakt, vom Gan­zen auS gesehen, fiel merklich ab.

Die Rora hatte man Sulanne Heym gegeben. Sie spielte aut. aber sie spielte wenigsten- in den ersten vriden Akten durchaus und mit jedem Wort, in jeder Bewegung eine Rolle, eine psychologisch 'zweifellos interessante Rolle, oft sogar sicherlich im Sinne des Dichters, obwohl aiub an manchen Stellen zu backsischhast. zu Hatterig und zu nervös aber sie stand jeder­zeit zwischen den Kulissen und vor einem, übri­gen- vollbesetzten Parkett. Und man verlor k inen Augenblick das Bewußt sein, im Theater zu sitzen. Erst im Schlußakt, nach der entscheidenden Szene, wuchs au- der Rolle der ganz t^eaterlerne Umriß einer Menschengestalt; dies waren die besten AugenZlic^. Umgekehrt ®effers, der den Helmer gab. Er brachte feine Auitritte in den ersten Akten mit Geschmack, auch mit leichtem Humor, wußte fast so etwa- tote schüchterne Sympathien zu erwecken unb endete mit ganz äußerlichem Theater, wo ein wilder Au-bruch und ein unhetliches Zu'ammenfallen kommen mußte. Sine feine, fefir sicher behandelte Eborge bot Vo l ck als Günther, der eS erfreulicherweise peinlich vermied, einen billigen Kulissenintrigan- ten zu mimen. Zwei brauchbare Rebenfigur en: T e l e k h S Dr. Rank, in dem schon dieGe­spenster" Dorf pulen, und die ThristiNe Linden (Maryela Baumann), die wie auS einem Bilde von Edvard Munch herausgeschnitten wirkte.

Die gestern zugrundegelegte Ueberiehung ist miserabel und ganz veraltet. Dr. Th.