Mittwoch. 3. Oktober (928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhessen)
Ht.255 Zweites Blatt
allein
IjVlUlCieiU -tiUUJ UIW U.llVX.l.x-11 . mit löblichem Eifer bei der
Spieler waren Sache. —
hin zu sprechen. (Wer etwa den vor kurzer Seit erschienenen Renaissance-Roman „Borgia' gelesen hat, eine der letzten Dichtungen Klabunds, wird erschüttert empfunden haben, wieviel unbändige, glühende Lebenssehnsucht mit dem gebrechlichen, fi^ernden, tottranken Körper dieses Menschen bis zuletzt gekämpst hat.) Die Gedenkwvrte, die von Tannert gesprochen wurden, sind freie fliehende Rhythmen, von Melodie und Bildkraft getragen, der Weise des Toten gemäß und eine sinnvolle Deutung seines Ramens: Klabautermann und Vagabund Klabund.
Ruch die Besetzung steht und hat nur geringe Veränderungen erfahren. Ein neues Gesicht und eine neue Stimme unter den schon bekannten: Walter Ebert-Grassvw spielte den Wortführer der drei Greise. Es ist nur eine kleine Rolle, die wenig Enthaltung gestattet; aber in den paar knappen Szenen war ein sehr wohlgeformtes, volles, musikallsches Organ zu vernehmen, und man darf der ersten großen Aufgabe dieses neuen Schauspielers (im„Patrioten") mit besonderer Aufmerksamkeit entgegensehen.
Den Kanzler Matsuo gab diesmal Franz Arzdorf, der sich in die seltsam schillernde Gestalt des greisenhaften, schicksalbeladenen Tyrannendieners leidenschaftlich versenkt hatte. Im übrigen sei auf die lyrisch zarte und innige Zwiesprache des jungen Liebespaares (Ingeborg Scherer, Otto Knur) und auf den wuchttgen Schwerttanz des berserkerhaften Dorfschullehrers Genzo (Edelbert Gareis) abermals mit besonderer Anerkennung hingewiesen. Auch alle anderen
hing entrissen und die Führung der Politik unmöglich gemacht. Vor der Beantwortung der Rote Wilsons habe der Kaiser darauf gedrungen, daß man den Llnterseebootkrieg, die einzige wirksame Waffe, nicht ohne ein bindendes Versprechen der Entente aufgebe. Er reiste zu diesem Zweck am 20. Oktober zu einer Besprechung mit dem Prinzen Max von Baden von Potsdam nach Berlin. Die Antwort Graf Lerchcnfelds, daß das Ministerium die Forderung Wilsons auf Abdankung des Kaisers, welche jeden Augenblick einlaufen könnte, bedingungslos annehmen müßte, zeigte, daß jede Verbindung zwischen der Regierung und dem Kaiser zerrissen war. Der Kaiser sei zu jedem Opfer für Volk und Heer bereit gewesen, glaubte aber nicht, die eigene, ehrvolle Vergangenheit und die Zukunft der Dynastie den heuchlerischen Phrasen des Gegners opfern zu müssen. Auf Ersuchen Hindenburgs habe sich der Kaiser nach Spa begeben, wo er seine Anwesenheit für wichtiger hielt, als bei dem Ministerium in Berlin, das seine Ansichten in den Wind schlug. Auf die Einwände des Prinzen Max von Baden meinte der Kaiser, daß die Waffenstillstandsverhandlungen doch rein militärischer Ratur seien und daß man ihn stets telephonisch erreichen konnte. Jede andere Darstellung seiner Abreise sei Erfindung.
Möge der also wvhlgelungene erste Abend ein günstiges Vorzeichen sein für die kommenden Monate! Dr. Th.
Kameradschaft.
Don Frank F. Braun.
Der Westwind pfeift bon_ der See herein, Er bringt einen salzigen Sprühregen mit. Man merkt diesen Regen erst, wenn man durchnäßt ist. Die Laterne vor dem Kellerlokal schaukelt, aber sie ist so aufgehängt, daß sie auch im Sturm nicht mehr die Hausmauer erreicht. „Zum Blauen Engel" steht über dem Eingang, der ein Stollen ist und steil in die Tiefe führt.
Ein Orchesttion lärmt ohrbetäubend. Rur 3int ' Knuff erkennt den Walzer; er sitzt am blankgescheuerten Tisch und wiegt im Takt den Kopf. Ich nicke ihm zu. Wir kennen uns flüchtig; vor geramner Zeit haben wir einmal in Altona beim Grenzfah Sette an Seite gefochten. Heute ist er noch nicht betrunken; Messer und Gabel weisen auf seine Absicht, erst zu speisen. Bald kommt auch der Kellner im glänzenden Frack und weißer Schürze, türmt ein Beefsteak vor 3im auf; riesig den Teller fast bedeckend droht das Fleisch, ein schmaler, weißer Rand schimmert schüchtern. Den bepackt 3im Knuff mit Kartoffeln aus der Schüssel. Er fegt das Spiegelei von dem Fleischkloß, setzt an und ißt. . . mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Als das deutsche Beeffteak nur noch ein knappes Viertel seiner anfänglichen Große hat, spuckt 3im auf den Teller, schreit auf, schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Hallo! Kellner!" Der Kellner kommt herangeweht. 3ini weist ihm seinen Tellen. 3n dem zerdrückten Fleischreft steckt ein abgebrochener Hufnagel. Der Kellner ist erschüttert; er begreift nicht, beteuert. . . 3im winkt gnädig, schiebt nur den Teller zurück. Der Kellner enteilt Rach fünf Minuten sitzt 3im vor einem neuen, riesigen Beefsteak.
3ch beuge mich vor; ich habe Appettt; aber dies Erlebnis hält mich zurück. „War es ein Hufnagel?", frage ich leise.
3im Knuff sieht mich an. Er kneift ein Auge zu. Ich reagiere auf die Vertraulichkeit und tue das Gleiche. Da faßt Jim Knuff in die Lasche, sieht sich um, gewahrt den Kellner bi einer entfernten Ecke, — und drückt mir schweigend einen weiteren, abgebrochenen Hufnagel
I in die Hand. v-
So wurde die neue Ausführung nicht ein festlich klingender Prolog, sondern zugleich auch eine späte und würdige Totenfeier.
Ehe das Spiel anhob, teilte sich der drachen- besttckte schwarze Vorhang, und der Spielleiter Tannert trat hervor, Gedenkworte und Epilog über ein junges, reiches, früh vollendetes Leben
unentbehrlichsten waren zweifellos die 365 Einsätze in Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerken; ist doch die Fortführung dieser Werke in ihrer neuzeitlichen Entwicklung und bei der immer mehr fortschreitenden Konzentration der Kraftquellen für das Wohl und 'Wehe immer größerer Gebiete und Massen von Menschen eine unerläßliche Lebensnotwendigkeit. Roch im Herbst 1927 während des mitteldeutschen Braunkohlen- arbeiterstrci s mußte die Technische Rolh.l c Gruben und Großlra.t werke aufrechte halten, von denen die Versorgung eines dicht bevöl erten und wirtschaftlich bedeutsamen Geöittes abhing.
Was von der Technischen Rothilfe auf dem Gebiet der Katastrophenhilfe geleistet worden ist, zeigen am besten die umfangreichen Hilfeleistungen in den an LIeberschwemmun>en. Wald- und Moorbränden und ilngliidd, allen leider allzu reichen letzten Jahren. In dem Tätigleitsjahr 1925 allein mußten beinah: in 100 Einsatzstellen 3 350 Rothcher zur Hilfeleistung eingesetzt werden. Das markanteste Beispiel für die gro ,c Bedeutung der Technischen Rvthil e zur Abwe.;r von Elementarereignissen ist der achttägige Einsatz von 2 700 Rythelfern anläßlich der Llnwctter- tata'.ropheim s chischen Erzgebirge im Juli 1 27.
So hat sich die Technische Rot Hilfe w äh. end ihres neunjährigen Bestehens immer als ein unentbehrliches, überparteiliches Instrument in der Hand des Staates erwiesen, mit dessen Hilfe Staat, Wirtschaft und Volksgemeinschaft in ihren elementaren Lebensbedingungen gesichert wurden. Cs ist deshalb schwer zu verstehen, wenn das gegenwärtige Richskabinctt nach Mitteilung d^s Reichsinnenministers Severing beabsichtigt, . ie bisher zur Verfügung gestellten Reichsmittel in Zukunft der Technischen Rothilfe zu entziei/m.
Der ehemalige Kaiser über die demsche KriegsührNng im Weltkrieg.
Aus Gesprächen Wilhelms II. mit feinem Adjutanten Alfred Niemann.
Rettung durch zwei Hühner, Butterbrot und Rotwein.
Dichter Walter v. Molo veröffentlicht im Oktvberheft von Velhagen & Klasings Monatsheften interessante Kindheitserinnerungen; insbesondere auch erzählt er von einer schweren Krankheit, in die er verfallen war. 0d>on war der Geistliche erschienen, um dem Jungen die letzte Wegzehrung zu geben. Molo beschreibt, wie er fast stolz gewesen sei, daß man so viel Umftänbe mit ihm machte. Dann verfiel er in Bewußtlosigkeit, und als er erwachte, hörte er den Arzt sagen: „Lassen Sie mich nicht noch einmal kommen, es ist schade ums Geld, das Kind ist morgen tot“ Da bekam Molo Milleid mit der Verzweiflung der Eltern und Wut auf den Professor, rappelte sich hoch und verlangte — zu essen: „Fleisch und Butter." Das war allerdings für einen Sterbenden ein kühnes Unterfangen, denn fein von vielen Medikamenten kaputter Magen vertrug seit Tagen überhaupt nichts mehr. Da gebar der Professor den Ausspruch: „Machen Sie ihm ruhig die letzte Freude, es schadet ihm ja doch nichts mehr," und ging. „Run kommt," fährt Molo fort, „eine sonderbare Sache: zum erstenmal wurde ich mir meiner Liebe bewußt, meiner Liebe zu den weinenden Meinen, denen ich den Schmerz nicht antun wollte, zu sterben. Ich bäumte auf, zum erstenmal erfuhr ich, daß die Liebe etwas Mächtiges ist, daß sie wahrhaft auch den Tod besiegen kann. Ich atz, nein, ich fraß in tragikomischem Eifer, mit ungeheurer Energie zwei Hühner und dazu dickaufgestrichene Butterbrote und trani viel Rotwein, dann verfiel ich, wie man meinte, in meinen letzten Schlaf, es war aber der Genesungsschlaf. Einige Wochen später begann ich wieder gehen zu lernen, denn ich hatte ebenso auf meinem Krankenlager das Gehen verlernt, wie ich mir im Fieber büschelweise auf dem Kopf wirbel die Haare ausgerissen hatte. Ich gesundete humpelnd und mit einer Kinderglatze ..."
Der Amsterdamer „Telegraaf" beginnt mit der Veröffentlichung einer Reihe von Gesprächen, die Wilhelm 11. mit seinem früheren Flügel- adjutanten Alfred Riemann in Doorn geführt bat. Das erste Gespräch beschäftigt sich mit den Beschuldigungen, die gegen die deutschen Staatsmänner und Heerführer wegen der Art ihrer Kriegführung erhoben werden. Hierbei warnte der Kaiser vor leichtsertiger Krittk. Selbst Bis- mord und Moltke hätten nie vergessen, daß die Entscheidungen über Sein oder Richt sein eines Staats an einem dünnen Faden hangen, obwohl sie über zahlenmäßig überlegene Truppen verfügt hätten. E r sei stolz, 25 Jahre an der Vervollkommnung des deutschen Heeres gearoeitet äu haben. Die deutschen Streitträfte seien nicht voll entwickelt worden und es wäre besser gewesen, wenn die Heeresmacht Deutschlands von Anfang an auf der Durchführung der allgemeinen Wehrp,licht aufgebaut gewesen wäre. Man hätte dann jährlich mit einem sicheren Prozentsatz der Devötterung rechnen können, der mttltärisch ausgebildet worden wäre. Weder Deutschland noch seine Gegner hätten sich zu Beginn des Krieges eine richtige Vorstellung von einem modernen Krieg machen können. Man habe geglaubt, daß ein moderner Krieg nicht lange dauern würde, und erst zu spät habe man das Gegenteil erfahren. Der glänzende deutsche Feldzugsplan sei in der Hand Moltkes zunichte geworden. Moltke sei ein glänzender Theoretiker im Frieden gewesen, dem es aber im Kriege an Geisteskraft und rascher Einsicht gefehlt habe. Gegen den Vorwurf, daß er Moltke aus Gesundheitsrücksichten habe entlassen müssen, führte der Kai,er die klassischen Beispiele von Cäsar und Rel'on an, die auch körperliche Fehler gehabt hätten Rein körperliche Schwäche könne für die Lei- stungssähigleit eines Generals nicht ausschlaggebend sein. Der Kaiser wandle sich dann dem Doppelgestirn Hindenburg-Ludendorff zu und führte dabei aus, daß Hindenburg trotz der vielen Dienstjahre, die er hinter sich hatte, eine verblüffende Leistungsfähigkeit gezeigt habe. Die Rede von Meinungsverschiedenheiten, die im Frieden z wischen dem Kaiser und Hindenburg bestanden hätten, seien absoluter Unfinn. Daß beide nicht schon im Jahre 1914 die Führung erhalten hätten, habe daran gelegen, daß das Hauptgewicht damals bei den Operationen im Osten gelegen habe. Eine Aenderung an dem Oberbefehl im Osten hätte den Untergang bringen können. General v. Fallenhayn, der Rachfolger Moltkes, habe die Entscheidung im Westen erwartet und dort versucht, dem Feinde möglichst große Verluste beizubringen. Er habe dadurch den Gegner für eine baldige Beendigung des Krieges be- ftimmen wollen. Lieber die vielumstrittene Frage, ob eine Entscheidung zur See möglich gewesen wäre, sagte der Kaiser, daß die deutsche Flotte dann zu einem Angriff an der flandrischen Küste hätte übergehen muffen. Trotz der glänzenden Leistung der deutschen Flotte bei Jütland hätte man kaum erwarten können, daß die deutsche Flotte fern von der deutschen Küste in fremden Gewässern einen Sieg hätte erringen können, zumal England von vornherein dabei im Vorteil gewesen wäre. .
Die deuffche Flotte sei nicht für eine entscheidende Seeschlacht bestimmt gewesen, sondern als Stütze für den il n t e r f e eb o® tf r i e g, zur Erleichterung der Rohstvsseinfuhr und als Gegengewicht gegenüber England bei den Friedensverhandlungen. Jede Wögllchkeit, die englische Flotte zu schwächen, mußte ausgenutzt werden, um das Machtverhältnis zugunsten Deittschlands zu beeinflussen. 3m Gegensatz zu den Führern in der Schlacht von Jütland habe es den beiden ersten Befehlshabern an Wagemut gefehlt.
Was die Aufführung angeht so ist sie ebenfalls seinerzeit besprochen worden. Sie ist, seit damals, geschmeidiger und runder geworden, sie hat, aus der engen Rauheimer Kammerbühne in das breitere und tiefere Spielfeld des heimischen Hauses gestellt, an Raumfülle und Bewegungsfreiheit wohltuend gewonnen. Lind endlich — wir stellen dies mit Befriedigung fest —: man hatte, unserem Vorschläge folgend, kurzerhand den schwächlichen Ausklang getilgt. Lind man sah (so hoffen wir), daß es gut war; das Spiel hat in dieser freieren Form an Kraft und Wirkung und Geschlossenheit entschieden zugenommen.
Gießener GiaSitheater.
sgtzund: „Das Kirschblütenfest".
„An deine Bahre treten, Klabund, in langer Reih', die Rarren und Propheten, die Tiere und Proleten, und ich bin auch dabei..
Zuckmaher.
Die Spielzeit ist eröffnet. Das Theaterschiff fahrt mit vollen Segeln und bunten Wimpeln in die märchenhaften Länder eines neuen Winters hinein. Drei Premieren sind angesetzt in dieser ersten Woche. Große und geheimnisvolle Dinge ftef>en uns bevor. Ein farbenprächtiges, vieltönig klingendes Vorspiel war das „Kirschblütenfest". Gin guter Beginn.
Da2 Stück wurde im Frühjahr schon in Rau- Heim gespielt; wir haben es seinerzeit (Rr. 121 vom 24. Mai) ausführlich besprochen und wir haben heute zur Sache selbst kaum etwas hinzuzufügen. Aber damals hat auch von denen, welche wußten, wie krank der Dichter wcn^ wohl keiner geahnt, daß ein paar Monate spater Klabund gestorben sein würde. Lind jetzt nun, da wir seine zarte und Weiche Stimme von der Bühne herab wiederum zu uns sprechen und singen und jubeln und klagen hörten, ist er schon lange stumm unb beigesetzt mit einer stillen rührenden Feier in seiner Keinen Heimatstadt Krossen. Lind seine Freunde haben ihm den letzten Gruß nachgerufen:
„ ... Es kommen alle Vögel und zwitschern ohne Ruh.
" sie decken dich wie junge Brut mit flaumigen Federn zu.
Es kommt auf Beinen wie ein Reh ein dünner grauer Mann, der stellt zu deinen Füßen die Himmelsleiter an.“
Rem Jahre Technische Aothilfe.
Am 30. September 1928 konnte die Technische Rothllse auf neun Jahre erfolgreicher Tätigkeit zurückblicken. 3 n diesen neun Jahren, d. h. in der Zeit vom 1. Oktober 1919 bis 30. September 1928, ha t die Technische Rothilfe in 5 383 Einsatzstellen mit 103 695 Rothelfern 6031 702 Ar- beits stunden oder rund 750 000 Arbeitstage geleistet. D. von entfallen 3993 Ein» satzsttllen auf leb.ns vichtige Betriebe und 1385 aus Elementarercigniffe. wie Hochwasser^ und Lln- wettrr.'atastrophen, Wald- und Moorbrände u._ a.
Die Einsätze in lcbmswichtnen Bettie et lassen deutlich ertcnnen. wie oft Staat und Wirtschaft von schweren Krisen heimgesucht wo^dei sind und wie wichtig das Vorh n der. sein der Technischen Roihilfe für di se e wesen ist. Erinnert sei an d. I'gemeinen Generalstreik 1920, wo 13 000 Roth elfer gleichzeitig in 196 Betrieben der verschiedensten Art eingesetzt waren, an den politischen Steuer-Generalstreik in Württemberg. 1920, bei dem die Technische Rvthilfe 27 Gas-, Wasser- und Elek- ttizitätswerke aufrechterhalten mußte und an den Eisenbahnerstreik 1922, durch den über Rächt der gesamte Eisenbahnverkehr still gelegt worden war und wobei 15 000 Rothrlfer zur Durchführung eines Rotbetriebes zum Einsatz gelangten. Von ebenso großer staatspolittscher Bedeutung war der Einsatz in der Reichsdruckerei im Rovember 1923 mit 700 Rothelfern, die den Druck der aus schlimmster Inflation erlösenden Rentenmark bewerkstelligten. In diesem Zusammenhang sind ferner die Einsätze der Technischen Rothilfe während der Generalstreiks in Bremen, Oldenburg und 3nfterburg (Ostpreußen) und während des mitteldeutschen Kommunalarbeiterstreifs im Herbst 1924 noch besonders zu nennen.
Der Erhaltung der ®runölagen der im Wiederaufbau sich befindlichen Volkswirffchast bzw. der Sicherung der Ernährungsgrundlage des Volkes dienten eine Reihe weiterer bedeutender Einsätze, wie die in der Landwirtschaft in 2 096 Einsahstellen, in der Binnenschiffahrt, in Hasen- betrieben, in 79 Zechen und Hüttenbetrieben, in 828 Einsahstellen im Transport» und Verkehrswesen und in 496 2bctrieben deS Rahrungs- mittelgewerbes. Wenn man beispielsweise darauf hinwcist, daß allein die Werterettung an Nahrungsmitteln die Ziffer von 100 Millionen Reichsmark übersteigt, so bekommt man ungefähr ein Bild der von der Technischen Rothilfe in schweren Rotzeiten geleisteten wertvollen Erhaltungsarbeit.
Für ben einzelnen am sichtbarsten und auch am empfindsamsten, für die Allgemeinheit am
Was mit der Flotte unmöglich war, sollten die ilnierfeeboote erreichen. Ihre uneingeschränkte, erste Anwendung hätte eine Aenderung gewisser Seerechtsbestimmungen gebracht. England hätte sich hieran wenig gestoßen, wie der berühmte Brief von Admiral Fisher an Admiral v. Tirpih zeige, vorin er sag', der deutsche Seemann verstehe, daß Krieg heiße, den Feind töten ohne selbst getötet zu werden. Er, Wilhelm II., lönne Tirpih wegen des Llnlerseebovt- krieges nicht tadeln. Aber Bethmann-Holl- w e g hätte den Unterseebootkrieg mit den bestehenden Vorschriften in Einl.ang bringen wollen, er habe hierdurch den Feldzug behindert und den Gegnern eine glänzende Gelegenheit gegen den Llnterseebo'tkrirg in die Hand gegeben. Der Hauptfehler sei gewesen, daß man mit dem Llnterseeboo krieg zu früh begonnen und nicht gewartet habe, bis man genügend Boote für einen entscheidenden Schlag besessen habe. Die Idee, England und Frankreich durch eine Operation lahmzulegen, scheine allerdings heute im Rachhinein kaum ausführbar.
3m Landkrieg sei es nach der resultatlosen Offensive in Frankreich vom Jahre 1914 deutlich geworden, daß der Krieg lange dauern würde. Mit Rücksicht auf die Lebensmittelversorgung und das obersch e ische Industrie Ke. wurde die Ostfront außerordcintlich wichtig. Eine entscheidende Schlacht gegen Rußland sei infolge der großen Ent errungen unmöglich gette en. Das russische Heer sei aber im Jahre 1915 so geschwächt gewesen, daß Aussicht für einen Sonderfrieden gegeben gewesen sei. Rasputin sei ein Verfechter deZ Friedens gewesen, er sei aber auf die Gegnerschaft der Ctt.ß- fürften gestoßen, des in der Duma organisierten Mittelstandes und Englands. Rasputin sei ermordet worden, und der Zarismus fiel durch die von England unterstützte demokratische Revolution.
Die als Stütze für eine entscheidende Operation im Westen gedachte Ausrufung des Königreichs Polen sei insofern ein Fehlschlag gewesen, als man nicht damit gerechnet hatte, daß sich der polnische Patriotismus, angefacht durch 6en geringen Widerstand in Rußland, auch gegen Deutschland wenden würde. Die Dolschewisierung des russischen Heeres sei von Deutschland auf Ersuchen des Oberkommandos gefördert worden, man habe aber die Rückwirkung auf die eigenen Leute unterschätzt, welche soviel wie möglich bekämpft wurde. Demoralisierung und die Konkurrenz der Parteien führten zur Disziplinlosigkeit. Die günstige Lage an der Westfront im Sommer 1917, wo man einer Entscheidung nahe war, sei durch die Veröffentlichung des Berichtes über die Lage In Oesterreich und die Friedensresolutivn des Reichstages zunichte geworden 3m Jahre 1918 wäre es vielleicht noch möglich gewesen, die Westmächte von ihrem Plan, Deutschland zu vernichten, durch eine entscheidende Operation abzubringen, wenn nicht Amerika eingegriffen hätte. Deutschland habe feine Gelegenheit versäumt, um die freundschaftlichen Beziehungen zu Amerika aufrechtzuerhalten. Wilson sei aber von Anfang an entschlossen gewesen, einen Sieg der Zentralmächte zu verhindern. 3m August 1918 habe der Kaiser dem Reichskanzler Auftrag gegeben, mit der Entente Friedens- unterhandlungen auf Der Basis des status quo anzulnüpfen. 3m September merkten die Gegner ein Schwächerwerden des deutschen Widerstandes und waren nun zu einem Durchhalten bis zum endgültigen Siege entschlossen. Der Lieber gang zum Parlamentarismus, welcher als Vorspiel zu einer letzten großen Anstrengung des ganzen deutschen Volles gedacht war, habe dem Kaiser die Lei»
Obrrheffen.
!t!c. Gicfien.
)( G rohen-Linden, 2. Ott. Die hiesige Feldbereinigung ist nunmehr, bis auf Cr- .ed'.guing der eingereichten Reklamationen, vollen- 'cet. Das Kullurw.rl wurde hier verspätet, zum Rachteil der Grundbesitzer, in Angriff genommen. 3m 3ahre 1005 beantragte eine Minderheit der Grundbesitzer das FeldbereinigungS- verfahren, sie konnte aber nicht soviel Eigentümer für die Sache gewinnen, daß die gesetzlich vorgeschriebene absolute Hälfte des Besitzes erreicht wurde. Erst im Jahre 1920 fand der Antrag die nötige Llnterstühung. Die verspätete Einsicht hat sich bitter gerächt, denn jetzt müssen die Eigentümer Raine, Gräben, Hohlwege usw. selbst planieren, während dies damals durch die Feldbereinigungsgesellschaft ausgeführt wurde. Der vierte Teil von 688 Grundbesitzern hat Reklamation eingereicht. 180 Morgen Land sind als Massengrundstücke ausgeschieden, durch Verkauf derselben hofft man die etwa 200 000 Mk. betragenden Kosten zu decken. Man klagt darüber, daß die neuen Grundstücke zu lang seien, was unwirtschaftlich ich, weil die Länge der Furchen zu groß wird. Berechtigte Klage wird auch Darüber geführt, daß man unregelmäßige Grundstücke zuteilte, während diese doch als Massen- grumdstücke hätten Verwendung finden sollen.
D L i ch, 2. Ott. Das Haus des Pianohändlers Wilhelm Förster von Gießen, in der Butzbacher Straße gelegen, ging für den Preis von 19 000 Mk. in den Besitz des Dentisten Herbert Küster'von hier über. Dieser hat seither schon seine Praxis in diesem Hause ausgeübt.
ch Lich, 2.Ott. Das Frankfurter Kunst- lertHeater für Rhein und Main (Hessisches Künstlertheater) beabsichfigt, im Einvernehmen mit der Bürgermeisterei und dem hiesigen Vollsbildungsverein, in diesem Winter in der Turnhalle eine Reihe von Vorstellungen S. geben. Der Spielplan verzichtet auf wert-
se Stücke. Cs sind Stücke von Fulda, Björn- son, Schiller, Lessing u. a. vorgesehen.
Kreis Büdingen.
nd. Ridda, 2. Oft Die Erneuerungsarbeiten an der hiesigen Stadtkirche haben in den letzten Wochen bedeutende Fort-


