Ausgabe 
3.8.1928
 
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Rr.181 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 3. August 1928

Quer durch Albanien.

Von Tirana nach (Sfutori. - Siel und Auto. - Albanische Poesie. Hörige Bauern. - Oie Krau als Arbeitstier. - Ailitos Daffengeschäst.

Don unserem L. K.-Berichterstatter').

6f u tart. 3ult9 8

Di« Strafte von Tirana nach Skutari «Schlo- dral aus alban.sch, ift in gutem Zustande, man könnte also sehr schnell sahren. wenn di« ®]el. Ä ü b e und Schafe I ch nicht ausgerechnet die Strafte ali Promenaden- und Siefta-Platz aus­gesucht hätten 34 g bl in Albanien «in Ge'etz das bi« Chauffeure schwer für da» U«>ersabren von Vieh bcftrast. Ich weift nicht ob di« al- dänischen 3kl und Kühe iraende.ne Kenntnis von diesem Gesetz haben, aber me albanischen Ä'rten kennen es ganz genau und lassen ihre Herden ruhig aus der 3hau"ee spazieren gehen ^ch hab« in meiner Jugend in ..Brehms Tierleben «ine heftige Verteibigung der Oki gelesen. Brehm versichert daft d,e »kl keineswegs Io ttumps- 1-nmg sind wie man im allgemeinen fllaubl; -r findet sie 'm (Gegenteil intelligent und boshaft Ich kann nicht sagen, ob das aus all« Oki d«r Welt zutrisst. aber die albanischen Osei sind wenn auch nicht intelligent, so doch wenigstens dickköpfig und boshast! Die Kühe ent­fernen sich langsam bei der Annäherung des Automobil« und bewahren ihre Würde, während di« 0f«i ruhig stehen bleiben und aus die ver» ,we-.selten Hupentöne und Schreie der wütenden Chauffeur« mit Ironischen Blicken und Schwan», wedeln antworten. Manchmal legen sich di« Siel auch quer über die Chaussee, und es bleibt dann dem Chauffeur nicht« andere- übrig, als sie lang­sam. ohne ihnen wehe zu tun. vom Wege fotl- zutreiben Denn der Esel vom Auto angefahren wird, zieht er sich ein wenig zurück und drückt leine Unzufriedenheit und sein Miftvergnügen durch ein langes und lautes Gähnen aus Mich belustigte die« Derhalten der Esel. aber mein Chauffeur ereiferte sich und meinte, daft die Hirten aufhören würden, ihre Herden aus der Chaussee herumlaufen zu lassen, wenn die al­banische Regierung einige Ssel opserte ...

Die Straft« nach Skutari ist gut unterhalten und führt durch eine einförmige, aber recht hübsche Landschaft. Zur Rechten dehnt sich «ine Kette von trockenen und von der Sonne auSgedörrten Bergen bis ins Onblok; zur Linken bewaldete Hügel. Wo das Tal nicht sumpsig ist. wird es ivrgsältig bebaut. Leider sind aber die meisten Täler zwischen Tirana und Skutari über hun­derte von Quadratkilometern hinweg sumpsig. Di« kultivierten Strecken bilden eine Ausnahme Sine Wegstunde von Tirana zeigt« mir mein Chauff«ur mit Stolz zur Rechten in der Ferne «in« ganz kleine Stadt, an das Gebirge anae» schmiegt und aus einem schwer zugänglichen Pla­teau. 04 ift das berühmt« Kroja, jetzt in einem rnäftigen Zustand, aber in der ersten Hälst« des 15. Jahrhundert- war es die Residenz des albanischen Rationalhelden Kastrioto Skanderbeg. Also ein nationales Heiligtum! Don Kroja aus machte Skanderbeg seine Sin- säll«. beherrschte ganz Rordalbanien und hielt den Türken stand, bis ihn die Denezianer. denen er «in treuer Bundesgenosse war. verrieten. Trotz- dem ist er in Lesch lAlessio) am Drin als freier Aloanersürst und nicht als türkischer Ba- lall gestorben. Die Legenden und Lieder von den Kriegslagen Skanderbeg» sind die Grundlage der albanischen Volkspoesie. und man erzählt und singt sie noch heut« im ganzen Land.

Mein Chauffeur, der ein erfahrener Mann ist ler war während de» Krieges bei einem öster­reichischen General und einem französischen Ober ft), singt, wahrscheinlich, um mir Freud« zu

J) Dgl. Rr. 176 des ,.®. A." vom 28. Juli.

machen die Warselllaif«: doch di« Hymne der tranzöl.scheu Revolution wird in feinem Munde ein orientaliicher Schmachtgesang Es solgt eine Hymne zu Ehren de» jey.gen Diktator« Achmed Zogu. der mit Skanderbeg verglichen wird Auf mein Drängen läftt er sich bewegen auch einig« Dolk»li«der von Skanderbeg vvrzuftngen Ich hab« kein Dort verstanden es sollen Kriegs- gelänge sein aber die Motiv« hatten nichts Kriegerisches an sich, sie waren im Gegenteil traurig und erinnerten an orientalische Weilen.

Der Weg sührl durch wenige Felder und end­lose Sümpfe Don Zeit zu xjeit fahren wir an einem Dorf vorbei die Häuser oder vielmehr Hütten der Bauern sind schmutzig, unordentlich und zur Hälfte verfallen. Ringsum aus den "Bergen und Hügelntnb die Hauser und gut gebaut Sic gehören den albanischen Adeligen, denBegs". die heute noch den gröftten Teil von Rord- und Mittelalbanien besitzen

Der Bauer, der auf dem Land« des Beg wohnt, hat juristisch fein Eigentum. Wie der Hörige des Mittelalter» ift er an di« Scholle gebunden und zahlt dem Deg in Naturalien für alle»: für da» Feld, das er bebaut, für da» Haus in dem er wohnt und für das Dich, das er besitzt Alle Versuche dies« Verhältnisse abzuändern, sind an dem hartnäckigen Widerstand Der BegS gescheitert. Sine der wichtigsten Ursachen für den Sturz der früheren Regierung Fanoti war da» Bestreben Zanoiis, die Agrarreform vorwärtszubringen und die McberbleibM de» Feudalismus und der Sklaverei zu beseitigen. Die Regierung Achmed Zogu stützt sich haupt­sächlich auf bk Begs und wagt keine so tübne Reform, aber sie bereitet doch einig« Verbesserun­gen in den ländlichen Verhältnissen vor.

Wenn schon bk Lag« des albanischen Bauern nicht beneidenswert ist, die Sage bet albanischen Frau ist wahrhaft schrecklich. Die Frau besorgt nicht nur alle häuslichen, knbem auch alte Selbarbettcn; und überall sah ch auf den Feldern unter einer brennenden Sonne fast auSlchlieftlich Frauen arbeiten. Auf zehn arbeitende Frauen kam höchstens ein Wann und dieser üble noch meistens em Aufseheramk aus. Das ist auch eine der Erbschaften bc« Orient»: bet Mann ist der Herr, die Frau eine Sklavin, btc für ihren Herrn arbeiten unb ihn bebienen muh Die Arbeitslast, bi« auf den Frauen liegt, erklärt auch di« Tatsache, daft die albanischen Männer viel schöner als die Frauen sind und eine stolze unb unabhängige Haltung zur Schau tragen. Ich habe in biekn Dörfern viel entzückenbe unb hübsche Mädchen gesehen, aber nicht eine hübsche 5 rau. Sie altern zu schnell.

Alle Albanier, di« wir auf unterem Wege ge­troffen ober auf den Feldern gesehen haben, waren ohne AuSnahrnebewafsnet. Man muft zu Ehren der jetzigen Regierung anerkennen, daft heute vollständige Sicherheit im Lande herrscht. Wan kann ruh.g im gangen Lande bei Tag und Rächt auf den einsamen Straften reifen. 'Aber der Albanier ist an sein Gewehr gewöhnt und trennt sich niemals von ihm. Selbst roerm er sein Land bearbeitet ober das Heu mäht, träqt er bic Flinte auf bem Rücken Ich konnte mit gewissem Erstaunen fest stellen, baft bic Mehrzahl Der Gewehre, mit denen die Albanier in der Um­gegend von Skutari bewaffnet sind, russischen Ursprung» sind und aus der Fabrik von Tula stammen. Manche von chnen zeigen noch eben Fabrckstempel: den Adler und die Inschrift ..Kaiserlich« Wassensabrck in Tula". Die Herkunft der russischen Gewehr« ist einfach zu erklären.

Reisevorbereitung.

Von Max Brod.

Es hat zwar jedermann di« Derechtigung, in rin Aeisedureau zu gehen, sich dort das CooNche Reifeprogramm Aegypten, Ril, Palästina" ge­ben zu lassen und es zu studieren. Aber wenn man diele Reife wirklich vor sich hat, sei eS auch nur im entferntesten, der Realität noch ganz ent­rückten Entwurf, dann lieft man das Büchlein '»och mit einer ganz anderen Aufmerksamkeit. 3» handelt sich schon um di« eigene Sache unb Nment sprechend lebt man sich ein, nimmt Partei kür oder gegen bie Ratschläge be» Führers

Es gibt also «so erfährt man) eine zwanzig- tägige, vierzehntägige und siebentägige Rilreif«. lvohlorganlliert. kein Abenteuer mehr wie zur Zeit, ba 5 l a u b e 11 auf seiner ..Tanja ' ben Rll hinauffuhr. In ben Preis ist alle» miteinberech- net, sogar filtrierte» Dabewaller Rur das Trink­geld zu organisieren bas ist selbst bem Cook- schen ateifebureüu nicht gelungen. Kleinlaut ver­merkt es zum Schluh ber Preisliste: ..Di« Reisen» Nn wollen freundlichst zur Kenntnis nehmen, fraft das Schiftspersonal, bic Eseltreiber und die Führer, obwohl ftc einen festen Taglohn er- balten, dennoch ein übliche»Bakschisch" von dem Secfenben erwarten." Freilich nicht ohne in nntm besonderen, kleinen Essai unter dem Titel Wichtige Mitteilung' vor eben diesem Bakschisch ju Warnen. Da heiftt es:

Tatsächlich leben gegenwärtig eine groft« An­zahl von Bewohnern solcher Plätze am Ril, v^che eine grofte Fremdenfreguenz aufweifen, non dem Daftchisch, ben sie während des Wmters erhallen. Diele leichte Art des Verdienens hält fte davon ab. etwa» zu arbeiten. Schon die Kinder werden dazu erzogen, während der Fremdenfaifon durch lärmendes Betteln für sich unb die Eltern ein Faulenz erleben für das ganze übrige Jahr zu ermöglichen. Die ungesunde Ten­denz eine» solchen System» ist augenfällig"

Die Wahnahmen der Regierung, der fcmst so energischen englischen Regierung sind unwirksam geblieben. Run werden die Reisenden zur Selbsthilfe aufgefordert, wobei e» allerdings auf Sitten und Reizungen die'er Reisenden ein be­sondere» Licht wirft, daft sie ersucht werden müffen,vor allem kein «Geld vom Bord de» Dampfers auf den Landungsplatz oder an das Ufer zu werfen, um Zeuge be» Balgens um die Kupfermünzen zu fern, eine Schaustellung die ebenso verderblich als erniedrigend ist". Werk- vürdig, wie schon durch diese wenigen Recke-

nottzen da» Bild Aegyptens, wie man e» im Kopf trägt, verändert wird. In den Abbildungen der Schulbücher, der Kunstgeschichten, ftefct einem eine alte Kullur vor Augen, völlig in sich ge- schlossen und von allem andern wie durch den Ablauf und die Grabesruhe ber Iahrtaufenb« isoliert. Ss ist, al» ob zwischen diesen Säulen und Pvlonen noch dieselbe Luft stockte wie zur Zeit ber Pharaonen. Aber nur aus Bildern ist es so. Fährt man bin, in unmittelbare Gegen­wart dieser Wunderwerke. Io wird einen ber Lärm betäuben unb man wirb nichts sehen al» einheimische Bevölkerung von heute, bie sich um Kupfermünzen balgt, die einem das unlösbare P reck'em.Trinkgeld oder nicht", hart vor die Rase hall, während hinten, im wesenlosen Hinter­grund. eine Sphinx ober eine Pyramide ver­dämmert. der unmittelbaren Anschauung viel fer­ner gerückt als an phantastischen Traum.

Man kann Aegypten durchqueren unb ben Sudan noch bazunehmcn. Di» Chartum geht bie Dahn 370 Kilometer der Strecke führen durch bi« Wüste und Cook vergiftt nützt hinzuzufetzen. daft bte Züge ..speziell für eine Durchquerung der Wüste emgertrbiet sind", mit Speise-. Schlafwagen, elek­trischem Licht und elektrischer Ventilation. In Chartum gibt cs selbstverständlich europäisch em* gerichtete Hotels Doch die Vergnügungsreise muft da noch nicht enben. Regierung»dampfer fahren zweimal monatlich ben Weiften Ril auf­wärts. Und Cook rühmt, was man da alles zu sehen bekommt, durchaus noch im Schutze der Zivilisation, eines regelmäßigen Damp'erfahr- plans unb kulanten Tarifs Wan stehtbie das Wasser des Flusses fast überdeckenben Algen unb Schlingpflanzen. bie diverien Antilopen- arten, Fluftpferde unb Elefanten, hie und da auch einen Löwen". Wan kann nicht verlangen, daft noch mehr in ben Fahrpreis in begriffen ist Wir befinden un» mitten in der Wildnis. Rur alle fünfzig Kilometer eine Station der Regierung. ..Eine gleicht der anderen, jede nett und ordent­lich, mit ben öffentlichen Gebäuden. Steinhäusern, bienenkorbartigen Hütten der Eingeborenen". Statt der Araber sind nun Reger Anrainer des Flusses. Zuerst bie Shilluks, dann der Stamm Bari. In Rejaf wird di« Reif« beendet. Dieser Ort oder dieser geometrisch« PunktRe- jas^ verdient Beachtung. Hier endet offenbar bi« Sinfluftsphär« europäischer Oraanisarisn, reprä* sentiert durch bas allmächtige Reisebureau. Unb nur noch eine schüchterne Bemerkung beleuchtet ganz matt und verichwimmenb ben Weg in ben afrikanischen Urwald.Rejaf ist Ausgangspunft für Reifende nach Uganda unb in bte Kenya-

Dor dem Baltenknag liefert« Ruftland Gewehr« unb Munition umsonst an ben Fürsten Rikita von Montenegro, um d e Montenegriner zu bewaftnei. Da der Fürst «nach dem Tdllan- krieg König", Rckolau» von W.'nienegro. den Zar Ale,ander 111 fernen einzigen Freund ge­nannt hat, ein fehr guter Geschäft »mann war. der mit allem Handel trieb, fo machte Fürst Rckolaus nun auch einen heimlichen Waffenhandel unb verkaufte d« Gewehre die «r umknft au» Ruft'.and bekam, für gute ..Rapo.eons" als KontreNnN ar die Albanier. Daft bte Alban »er mit Mricn Gewehren den russischen Konsul in Sluiari getötet Haden und während bc» Krieges mit Nn'^.ixn Gewehren auf bie Montenegriner schollen. störte die Ruh« de» guten Kon.g» llcko.

war gut und gewinnbringend gctrc'en Der König Rikokaus ist tot. das unabhängige Montenegro ist auch verschwunden, aber die russischen Ge­wehre sind in Albanien geblieben, unb erinnern an e:ne merkwürdige Seite in der Geschichte der Dakkanhalbinsel.

Wir fahren über den Mati-,^uft auf eurer Zogu-Brücke aus Beton tmr passieren aus einer Brücke, die von den Oeftcrrekbem während des Krieges gebaut wurde den Drin unb sind in Lefch. dem venezianischen Aleftio wo Skanderbeg gestorben ist. Die Venezianer haben auf dem Gebirge, da» da» Driidal bebet richt, eine Festmrg erbaut Jetzt find nur noch bie Ruinen übrig unb Alessio. hn Mittelalter ein« recht wich­tig« Handelsstadt, ist eine Kleinstadt geworden die durch einen Schmutz gekennzeichnet wirb, bet selbst für Albanien auftergewöhnlich ist. unb deren Einwohner samt unb sonders matariakrank sind

Roch em« österreichisch« Kriegsbrücke und nur '.nd vor Nm Toren von Skutari. Cm albani­scher Pvlizeltemmillar betrachtet mich lang« und autmerftent wende: menen Paft von allen 6er.cn unb fraat mich au» mein Chauffeur, ber all« rnögl.chen europäischen Sprachen rade­brech:. macht ben Dolmei'cher. Sch! eftlich Werbe ich aufgcforden meinen Paft bei Nr Präfektur von vkuteri abzuholen.

Wir wenben und lacken da» mächtige Massiv bc» Berge» Tarabv'ch se-.wärts liegen, durch das Albanien von bem siühere.i Mon en gro unb Heu- l.gen Sübstawien geschieden wird Wir kommen über ben Mark: für die Bewohner von Skutart, Nr sich nicht in der Witte Nr Stadt befinNt, lonNrn zu>e. Kilometer von ihr entfernt. Die kluge?, Mönche von Skutan hal»en mir erzählt, daft Nr Markt für de LandNwodner auf Nm- felNn Platz geblteNn ist. wie zu den Zeiten Nr Denezianer. die es vorzogen den Handel tm Schutz ihrer Festung abzuwickeln. OeraN über un» erkennen wir denn auch in großer HöN bi« Ruinen, bte noch heute eine Festung von einem Ausmaft und von einer S.ärke anzetgen. wie ich sie sonst nie im Orient gesehen habe Die Kausleute. di« di« hochedle Republik von Dettedig deherrich:«n. verstanden Nch auf ba» Waisen Handwerk Don die'er unzuaäi, glichen unb uneinnehmbaren Stelle aus beherrschten sie Sku- tari unb Ns 'Tal be» Fluss«»llNofanadis nach San Giovanni di Medoa Die Denezianer sind verschwunNn. aber Nr Warft ist auf Nm,elfen Fleck geblieben: die Menschen sind fonkrva iv und man wechselt nicht so leicht die Gewohn- betten. Roch einige Minuten unb wir sind in Skutari.

BerlinHarbin in vier Tagen.

Wie man heute fährt und wie man bald wird fahren können. Don Hrithjof Melzer.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

A. d. Red Der Derlasser N» vorliegen­den Aufsatzes ist in diesen Tagen zur <5i- pedition de» Asiensorscher» Stötzner gc- stoften. an Nren weiteren Derlaus er teil- ncQrmen unb über bie er an biefer Stelle lausend berichten wird.

Manchuria, Juli 1928.

Eigentlich ist da» in Nr Ueberschrist falsch auSgedrückt Denn fahren kann man nach An­sicht Nr Fachleute nur auf Nr Erde und auf dem Wasser: jeder Flieger wirb einen schön zu- rechtweifen, wenn man vom , Fahren" im Flug­zeug spricht, und ich meine mit Nr Reise in vier Tagen natürlich die Flugverbin­dung. die im Werden ist. Dielleicht kann man bat dem Urnstanb zugute halten, daft ich ein etwa» rückständiger Mensch bin - oder vielmehr War. Ich hatte nämlich bisher warum. Weift ich aus Hochachtung vor mir selber nicht zu sagen noch nie im Flugzeug gesessen obwohl schliehlich die Luftdrvschke in Nr Verkehrssicher­heit heute schon lange mit den altvorderlichen Beförderungsmitteln konkurrieren kann. 0» ist halt doch iwch nicht ganz billig, unb auf» Schnor­ren verstehe ich mich nicht im ausreichenden Master auch NS ist wohl ein Zeichen von Rück­stände ateit... Jedenfalls NN ich es jetzt also gewagt und bin wenigstens al» bescheidenen Anfang die Strecke von Berlin nach Moskau geflogen. Weiter Nl man mir S leider nicht erlaubt: NS gibt» nur für besonders bevoll­mächtigte SoWfetbeamte. So muft ich Nn von Nn Wagon» lit» stammenden internationalen Wagen sieben Tage von Moskau bis Man­churia benutzen, Nrch ganz Ruftland unb Si­birien, über den Ural, den Baikalsee nach der russisch-mandschurischen Grenze. Bon ba bi» Harbin, dem Hauptort der Rord-Mandschu-

rei, sind noch einmal eineinhalb Tage aus der chinesischen Cftbabn, bie gemeinsam von Ruf en und Chinesen betrieben wirb. Ich selbst steige sechs StunNn trüber au», in Tz i Vikar, um von dort aus über Ns trüber« M « rgen , das jetzige Rünkiangshien nach Rorden in Nn groben 21 murbogen zu gehen, wo ich Nn trotz feiner hervorragenden Verdienste in Deutschland immer noch verhältnismätzig wenig bekannten Asien- forscher Waltber Stötzner Ni seinen For­schungen unter den Solonen, CNngchuzen ufw. bei ber geographischen, geologischen. t>ölL riunb- lichen. sprachlichen unb zoologischen Erforschung und Festlegung dieser Fläche von rund 100Ö zu 400 Kilometer bie bisher auf allen Karten nur mit punktierten Linien eingetragen ist, also eigentlich als Weiher, unerforschter Fleck er­scheinen müftte unterstützen will, um bann gemeinsam mit ihm, Nr daS Lanb kennt und die in Betracht kornn,enden Sprachen Nherrscht Nn Vorgang der ständig sich steigernden Massen- urnsieblung aus Innerchina in die Rvrd-Mandschurei zu studieren.

Aus bie schnellst mögliche Weise, bie ich ge­wählt hab«, braucht man heute von Berlin nach Harbin 9'., Tage, d h einen Tag für den Flug Berlin Moskau, sieben Tage sibirische Bahn unb V/i Tage chinesische Lstbahn. Auch Berlin Moskau bn Zug dauert noch einen Tag länger. Unb 10 bis 11 Tage auf Nr Eisenbahn, auch wenn die Abteile noch so gut eingerichtet sind, wa» ja auch auf die Erschwinglichkeit N» Fahr­preises ankommt. unb selbst Wenn man mit Glück ein Abteil 1. Klass« ohne Nn eigentlich zuständigen zweiten Passagier erwischt hat. ist kein reine» Vergnügen. Ich habe Nbei jcden- sallS eine sonst in Europa unbekannte Krankheit entdeckt, die Gifenbahnkrankheit, unter der Wir wenigen Deutschen im Zug alle zu IciNn hatten: sie ist Wohl am eNften Nm An-

Kolonie." Fahrpläne unb Fahrpreise werden aber nicht mehr angegeben. Der Luxusbampfer fährt stromab zurück der Mensch ist einsam Nn Tropen ausgeliefert.

Ein« gute Aeisevorbereitung ist auch bie Lektüre be» Buche« von Lawrence,Aufstanb in der Wüste". Uebrigen« ein«» Buche» von unerträg­lichem Rassenhochmut. Einmal wunNrt unb är­gert sich Nr Autor, ein englischer Oberst, allen Ernstes Nrüber, daft er bieselben Organ« besitzt Wie ein Reger.Daft all« ihr« Gliebmaften NS getreue Ebenbild der unseren waren, darin lag etwa« Verletzendes " Der ein« Satz genügt Wcchl Aber davon unNrüfort bleibt, daft bet Verfasser ein tapferer Wann ist unb Nh man sich ihn als Reifekameraben wünschen möchte, wenn man jetzt schon vor Nn Heinen, aber sich massierenNn Un* bequem llchkeilen bet Reis«, vor ungewohnter Kost. Ungeziefer, hartem Boden, Hitze unb Seekrank­heit eine gelinde Angst veripürt Lawrence also kommt während Ns Weltkrieges von Aegypten nach Arabien, um Nn Angrift Faisals gegen bte Türken Dorjut ragen. Gleich NS Kapitel Ritt zu Faftal" ist bewunberur.gSwürdig. 6m Schetkh schickt Nn Engländer mit zwei Leuten inS Inner« Ns Lande» zu SaifaL Kein Lurus- Nmvfer for.Nm Kamele find Ns Transport­mittel. Der Ritt geht Nrch bi« Wüste. Wenn die beiden Fremden über ihn herfielen? Denn sie ihm wegritten, ihn alleinliehen? Daran Nntt offenbar Cawraue nicht. Er hat keine Angst. Gegessen wird f oi gen derma ftenTafas (Nr eine Nr Begleiter) trat in eine der zwanzig elenden Hütten, unb unter Geftüster. unterbrochen von langen Pausen be» Schweigen», erhandelte er Wehl, woraus er mtt Wasser einen Teigkuchen knetet, zwei Zoll bick und acht Zoll im Durch­messer Diesen vergrub er in di« Asch« eine» R eckig feuer», da» ihm eine Frau der Subh. bie ihn zu kennen schien, angefachl hatte. Als ber Kuchen durchwärmt war, zog er ihn vom Feuer fort und klopfte bie Asche ab, Wo teuf wir chn untereinander teilten. Und was NS Schlafen anbelangt, so genügt Nm Obersten Lawrenc« ganz einfach «ine Sandkuhle mitten in der Wüste, eint ..höchst konckvrtable Sandkuhle", wie er sie nennt. Wan begreift. Nft ihm nach anstrengenden Erped'.lionen in Zentralarabien jeneS Chartum, das wir alS eiotk<ches Ziel der Look-Reise ge­sichtet haben, als liebenswürdigster Erholungsort, als «in Stück Europa erscheint. Und überhaupt oafiert, mit den Augen NS mutigen Herrn Lawrence angesehen, nncht bloft ein« Aegypten- rrik, sondern noch so manches Schwierig« unb K 0UQL-3U- U cbemxnbexN im Leben tnd von

seinem Schrecken unb fast sein ganzes, burch europäische Verweichlichung ausgelchwemmtes PachoS.

Oer Ozeanoplan.

Di« Entwicklung ber modernen Verkehrs st atistik gestaltet sich nachgeraN stürmisch Abgesehen viel­leicht von Nr Chemie gibt es kein Gebiet, auf bem sich bie Erfindungen unb Neuerungen auch nur annähernd so jagen. Wie auf dem bc» Ver­kehr», und hier Wie Nr spvsiell des Flugverkehr». Run ift «Nn hn Lusftchifthafen zu Potsdam eine Erfindung vorgeführt worden, die. wenn sie sich bewähren lotite, auf schissbaulichem Gebiet« eine groft« Umwälzung bringen dürfte. Cs handelt sich um Nn sogenannten Ozeanoplan de» fran­zösischen SriinNr» beGasenkoein Zwischentnp zw^chen Wasserflugzeug unb Motorboot In ber Haupftach- liegt der örfinNng Ns Prinzip zugrunde, bie Widerstände, bie ein Schissskörper zu überwinden hat. nämlich den Widerstand be» Wallers, Nr Luft und Nr Irägbeit des eigenen Körper» auf ein WindestmaH Nrabzumindern. Die neue Konstruktion weicht von der herkömm­lichen Bauweite der Schiff« vollkommen ab. An di« Stelle der llnterwasserfchiffschrauben bat bet Erbauer bie Luftschraube, eine Art Flugzeug- Propeller ge<ebt. Der erste Fahrtveriuch mit ber neuen Erfindung, ber schon vor einigen Jahren vorgenommen wurde. War allerdings nur auf rutr.gem Wasser möglich Erst bie Orgätuung der neuen Erfindung Nrch Seitenträger brachte einen weiteren Schritt nach vorwärts. DaS Fahrzeug besteht heute aus einem Bootskörper, über dem zwei Flügel etwa wie Beine Flugzeugtragslächen angebracht sind. Der Dvotslörver bannt gewiller- maften in den Gelenken zweier seitlicher Bein­stützen. die ihrerseits im Schwimmtörper enden. In der ruhigen Lage befinNt sich allo ber eigent­liche B-oorskörper nur zum geringsten Teile im Waller Der lief gang ist barm nicht gröber als 20 bis 30 Zentimeter. Der Antrieb des Ozeano- plan» erfolgt durch motorckch angetriebene Pro­peller Die Steuerung ist bn wesentlichen die­selbe wie beim Flugzeug. Der Bootskörper ist flach unb kiellos gehalten unb Jo gut gebaut, daft er auch ber Luft einen möglichst geringen Wider­stand e ntgegensetzt. Der Ozeanoplan zeigt in voller Fahrt auf hoher See ein stetes Aus unb Ab feiner 6tabilifierung». beine je nach Richtung und Stärke Ns Wellenganges. Sin SchliT^ern oder Stoften und Stampfen. N» jedem groben Hvchseefayrzeug eigen ist, gibt es beim Ozeanp- Ptan nicht.