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Ur 89 Zweites Blatt

Aichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffeiß

Dienstag, 3. April 1928

>u-

so homerisches Ge-

Die Fazit

Im

geteilt wurde zwischen den verbotenen Streichen und einem sporenllirreirden Leutnant, der er­staunlich oft bei uns zu sehen war und sich sehr rasch zu meinem anertannten Verlobten aus­wuchs. 2lber mein korrekter Vater schätzte bräut­liche Zärtlichkeit wenig, und so zogen wir uns denn recht häufig unter dem Vorwand, das Igele zu besuchen einer Mutter hätte man das ja kaum Weismachen können! in das dämmerige Gartenhaus zurück, wo ich, von den dunklen Qleuglein meines kleinen Kameraden freundlich bewacht, die ersten Küsse junger Liebe gab uni» empfing, lind diese Mitwisserschaft band mich nur nodj fester an meinen seltsamen, kleinen Vertrauten.

216er das Igele kam in die Jahre. Es lief nicht mehr so behende über die begrünten Wege seinen unerfindlichen Zielen nach, sein kleines, spitzes Gesicht wurde trübe und alt. lind eines Tages kam es nicht mehr zum Abendbrot. Ich suchte es mit schwerem Herzen und fand >es schließlich tief unter dem Stroh seines Winter­lagers vergraben. Es war schon starr und kalt. Mit der keuschen Scheu, welche die Tiere in der Stunde ihres Todes überfällt, hatte es sich verborgen, auch vor mir, und war einsam seinen letzten Weg' gegangen. Ich stand in bitteren Tränen neuen ihm und sann dieser fremden, kleinen Existenz nach, aus deren Qleuglein eine so freundliche Seele geglänzt hatte diesem grotesken kleinen Stachelball, der für viele eine Sache war, ein Vichts, und der es verstanden hatte, eine so große Leere zu hinterlassen.

Mit dem Igele endete auch die Kinderzeit. Es kam das vielgestaltige Leben, Ehe kam und Tod, Glück und Leid und Weite der Welt. Der alte Garten der Kindheit versank.

Olber so oft ich irgendwo einen Igel sehe, stehen die blauen Tage wieder auf: die heimat­lichen Däume rauschen im leichten Seewind, meine Taschen sind sehr schwer von Vachbars besten Olepseln, und in meinem Schoß, vertraulich mit mir speisend, sitzt das Igele.

Zeiiungsschau.

..Kölnische Zeitung" zieht folgendes der bisherigen Koalitionsarbeit:

Kamps um das Versailler Friedensdiktat

SM«

ftlel«?,!

dem Voden gewachsen, das Igele neben mir, ein kleiner, stachliger Gnom, und verlangte mit spitz emporgerecktem Schnäuzchen auf meinem Schoß zu sitzen. .

Für platonische Liebe habe ich noch nie etwas über gehabt, auch damals nicht, und daß das Igele jeden Versuch, zärtlich zu ihm zu werden, infolge seiner Stacheln nolens volens ablehnte, bereitete mir viel Kummer. Qlber wir fanden einen Olusweg: ich legte meine Hände flach auf den Voden, das Igele, mit gespreizten Pfötchen, kletterte darauf, während es mit freundlichen Qleuglein für die Unliebenswürdigkeit seiner Oberseite um Entschuldigung bat, es wurde auf den Schoß gehoben, und sa sahen wir Stunden und unterhielten uns aufs vortreffichste, sehr auf Kosten der widerwärtigen Handarbeit.

Die ganze Familie liebte das Igele, und ich beobachtete ost mit Freuden meinen Vater, wie er seine Staffelei verlieh und, die Palette^ in der Hand, andächtig in irgendeinem Gesträuch herumkroch, wo das Igele fein Wesen trieb. Es mußte auch bald überall dabei sein, und als einst anläßlich einer italienischen Vacht in unserem Garten Otto Julius Vierbaum in splendid Iso­lation in einem Rosenbeet stehend, mit viel

Betriebe. Man hat von einem Zusammen- bruch des Bergbaues gesprochen: wir stehen mitten darin, ohne c8 zu merken, denn bieiec ou- sammenbruch vollzieht sich nicht als eine plötz­liche Katastrophe, nicht als ein elementarer Schlag, der die gesamte Kohleninduftrie mit einem Male zum Stillstand bringt, sondern als ein lang­samer Qlbsterbeprozeß. Die beteiligten Werke sind in ihrer wirtschaftlichen Struktur sehr verschieden, bei den einen braucht es längere, bei den anderen füttere Zeit, ehe ihnen der Ottern ausgeht, aber in ihrer Existenz bedroht sind sie alle. Der Süden des Ruhrgebiets, also alles was südlich von der Linie Bochum-Dortmund liegt, ist schon so gut wie tot, aber auch nördlich von diesem Trümmerfeld sind dem Qlbsterbeprozeß bereits einzelne Gruben verfallen, und nur ein durch die Tatsachen nicht begründeter Optimismus kann hoffen, daß sie die einzigen Opfer bleiben werden.

Mund schloß.

Des Qlbends, wenn wir alle auf der eben­erdigen Veranda beim Vachtmahl saßen, kam es trab, trab herein, und das Igele, mit spitzem Schnäuzchen witternd, setzte sich freundlich zwi­schen uns zu einem Schälchen Milch. Es kam stets pünktlich wie eine llfjr um 7.30 Hfjr, und hatten wir uns einmal auf einem Qlusflug ver­spätet, so wartete es, schlecht gelaunt, auf der Veranda, begrüßte uns nicht undmukschte".

Es wohnte in einer alten Laube, wo das ©artengerät aufbewahrt wurde: jeden Herbst, wenn wir die Villa verliehen und nachMünchen zogen, bekam es einen frischen Hausen Stroh, und unter diesem Berg vergraben, hielt es seinen Winterschlaf. Welche Sorgen die langen Monate hindurch, ob das Igele das nächste Jahr wohl noch erleben werde, welche Freude, wenn es im Frühjahr bei unserem Einzug klein und stachlich, seine Honneurs machte! Und bald wuchs es aus der Rolle eines beschützten Lieblings in die eines Beschützers und 'Vertrauten hinein. Denn die Zeit kam, wo ich Schleifen an meine wilden Zöpfe band und mein Interesse stark

'gioin;

Schwung eigene Strophen vortrug, sah plötzlich das Igele zu feinen Füßen, mit dunklen Qleuglein zu ihm emporhimmelnd, und in das feurige Liebeslied prasselte ein so homerisches Ge­lächter. daß der Dichter, der die Anwesenheit des stachligen Störers ignorierte, verletzt den

bestanden bctic". Von ihnen erwiesen H6 35 | mit einer Belegicyasi von ungefähr 48 OC. 2.'. v. nicht mehr als lebensfähig, darunter Werke, die au, eine lange ruhmreiche Vergange"heit zurück- blickten und teilweise noch vor wem,en Jahr- zehnten zu den besten ihrer Art gegärten.

Die Oesfentlichkeit pflegt über -diese Tatsachen mit ziemlicher Gleichgültigkeit hinwegzugehen, sie gibt sich leine Rechenschaft, was eine Stillegung ve deutet! Im ganzen ist über 91 Werke das Todesurteil gesprochen, mag auch bei vereinzelten noch ein Abbau von der benachbarten Schacht­anlage möglich sein. Der Fleiß von Jahrzehnten ist nutzlos vertan, Millionen Summen, die die Anlagen gekostet, sind völlig verloren, und an 80 000 Arbeiter sind brotlos geworden oder können wenigstens an ihrer bisherigen Arbeits­stelle ihren Erwerb nicht fortsetzen.

Wenn man sich diese verheerende Wirkung vorstellt, so muß man sich die Frage vorlegen, gab es für diese Werke in der Tat keine Rettung mehr? Mußte diese Schädigung zahl­loser Familien und dieser Verlust emtteten, der nicht nur die Dergwerkseigentümer, sondern mit ihnen daS gesamte Volk betrifft? Gewiß, in vielen Fällen war die Schließung unvermeidlich: da handelte es sich um Werke, die der veränderten Wirtschaftslage in keiner Weise gewachsen waren, um Anlagen, die nur auf die Fortdauer der Kohlennot spekulierten. In anderen Fällen da­gegen und das ist das schmerzliche. wird man zu der Antwort kommen, daß die Still­legung hätte vermieden werden können. Sie beruht auf keiner objektiven Votwendigkeit, son­dern vielfach hätte ein geringes Entgegenkommen der Gewerkschaften schon genügt, um das nun­mehr endgültig Verlorene zu erhalten. Aber diese wollten leinen Kompromiß, sie bestanden auf ihrem Entweder-Oder, und da das Entweder nicht möglich war, so blieb nur das Oder, d. h., es mußte ein großer Strich durch die Rechnung gemacht werden. 1

Die Werke sind an ihren Unkosten, an der Höhe der Steuern, der Lohne und der sozialen Qlbgaben zugrunde gegangen. Alle drei Posten haben sich seit der Vorkriegszelt wesentlich erhöht. Die Steuern auf die Tonne Vuhförderung betrugen vor dem Krieg 31 Pf., im Jahre 1926 dagegen 117,8 Pf., die Beiträge zur Sozialversicherung haben sich in derselben Zeit mehr als verdreifacht und stiegen von 79 Pf. aus 2.49 Mark auf je eine Tonne, und wenn auch die Erhöhung der Löhne nicht in dem­selben Ausmaß erfolgt ist, so hob sich doch der nominelle Schichtverdienst des Bergarbeiters von 5,73 Mark (1913) auf 9.35 -Mark (1926) und der reale auf 6,62 Mark. Eine Verminderung der Hn!often kann, wie die Verhältnisse zur Zeit liegen, nur durch eine Kürzung des Lohnes oder eineVerlängerungder Arbei t s- z e i l erfolgen. Die Arbeiter, die die Schwierig­keit des Bergbaues aus eigener Erfahrung kennen, waren für ein derartiges Opfer wohl zu haben, aber die Gewerkschaften lehnen grundsätzlich jedes Entgegenkommen ab. Sie sehen darin einen Bruch des Tarifvertrages und einen Vorstoß gegen die gesetzlichen Bestimmungen. Fiat Justitia, pereat mundus! Mag wieder ein Werk stillgelegt werden, wenn nur der Tarifvertrag in seiner ganzen Starrheit erhalten bleibt!

Die Frage ist neuerdings bei der Zeche Jo­han n D e i m e 1 s b e r g der Adler A.-G. aktuell geworden. Sie konnte durch ein Einvernehmen der Unternehmer und Arbeiter vor der beantrag­ten Stilleoung-bewahrt werden, indem die einen das erforderliche neue Kapital aufbrachten, die anderen durch ihre Mehrleistung seine Rentabcll- töt sicherten. Die Gewerkschaften traten dem ent­gegen, und damit ist auch dieses Werk dem Untergang geweiht. Cs wird leider nicht das letzte fein. Je großer die Belastung des Berg­baues durch Steuern und Löhne wird, um so mehr wächst die Zahl der nicht mehr lebenssählgen

Bei zahlreichen Gruben war das nicht der Fall, .'s lohnte nicht, neues Kapital in sie zu stecken. |ic waren rettungslos verloren und es blieb daher nichts übrig als ihre Stillegung. Man zog das Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vor.

Das Schicksal der Stillegung betraf natur­gemäß in erster Linie die wenigen gutfundierten Veugründungen aus der Kriegs- und Vach- sriegszeit. die ihren Betrieb nur unter dem Druck des zeitweiligen Kohlemnangels ausgenommen hatten. Zu dieser Klasse gehörten im ganzen 41 Lchachtanlagen mit einer Belegschaft von 29 000 Mann. Qlber der Qlbsterbeprozeß machte bei ihnen nicht Halt, sondern suchte sich auch Opfer unter den Zechen, die schon in der Vorkriegszeit

Das Igele.

Von Sofie von llhde.

Womit ein Igel, crinaceus curopacus, gemeint ist, ein ausgewachsener Igel. Denn dieses Dimi­nutiv bezieht sich nicht auf seine Körperlichkeit, cs will vielmehr geistige Beziehungen dokumen­tieren, zärtliche Wertschätzung einer illustren Persönlichkeit, die unserem Herzen nahesteht.

Qlls ich meine Bekanntschaft mit ihm anknupste, befand ich mich noch in dem einzig guten und be­rechtigten Stadium, in dem man mit ewig auf­gelösten Zöpfen, mit unergründlich schmutzigen Händen und einem allzeit schwer belasteten Ge­wissen sich fröhlich durchs Leben schlägt, lind ich war eben im Begriff, mich zwecks Bimen- fiauend bäuchlings unterm Gestrüpp in den Vach- fcargarten zu schieben, als ich auf den Igel stieß. Ich schrie erbost, er rollte sich zusammen, lind so waren zunächst die Auspizien für einen ireundschaftlichen Verkehr keineswegs günstig.

Qlber man war ja noch in dem interessierten Alter wo auch die kleinste Begebenheit von Wert ist. lind so wartete ich denn, Platt auf der Erde liegend, bis der Igel sich wieder aufrolicn wurde. (Sr tat es, und da mußte es ihm passieren, daß ct, vorsichtig sein spitzes Väschen tn die Luft steckend, direkt aus nächster Vähe m zwei Men« lchenaugen blickte, und das verblüffte ihn so. daß er ganz vergaß, sich wieder in sein Junges zurückzuziehen. Sv starrten wir uns em Weilchen an, und diese stumme Kritik fiel auf beiden ©eiten günstig aus: denn obgleich er bald in aher Ruhe seinen unterbrochenen "Weg fortsehte und auch ich weiter meinen anfechtbaren Zielen nachgmg, betrachteten wir uns fortab als Bekannte, be­gegneten uns auch alle Tage, wobei freilich weniger der Zufall als ein unermüdliche» Suchen von meiner Seite die Hand im Spiele hatte.

Sehr bald fing das Igele an, mich zweifellos zu schätzen, was zunächst nicht so sehr den Me­riten meiner Persönlichkeit als dem Umstand zu­zuschreiben war. daß ich ihm täglich die er­lesensten Leckerbissen verehrte^ die ich mit mei List in der Vorratskammer für ihn stahl. Vach wenigen Wochen schon kam das Igele, wo immer cs sich auch befand, eilends angerannt, wenn ich vfiff, und nahm sein Hehlergut in Empfang, und bald hatte ich es nicht mehr nötig, zu pfeifen: das Igele fand mich überall, lind wenn ich irgendwo mit einem Buche oder infolge höherer Gewalt auch mal mit einer bemerkens­wert schwarzen Handarbeit im ©arten versteckt saß. so hockte nach wenigen Minuten, wie aus

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höht hatten.

Unter diesen Umständen war es nur emo Frage der Zeit, wann eine der wichtigsten, ) vielleicht die wichtigste Industrie Deutschlands, dtzr Steinkohlenbergbau, zum Erliegen kommen würde. Ohne Gewinn raucht kein Schorn­stein, lautet das treffende Wort August Bebels. Der Staatsbetrieb kann darauf verzichten, benn hinter ihm steht die Steuerkrast des gesamten Landes, ein Privatunternehmen muß zusam- »len brech en. wenn es keinen Vuyen erübrigt. Sollte der westfälische Bergbau gerettet werden, so mußte man versuchen, einen Gewinnausgleich zwischen den Unkosten und dem Erlös herzu- stellen, und das konnte nur mit Hilse einer groß- angelegten Rationalisierung geschehen.

Die Bedingungen für eine solche waren im Bergbau günstig, da die gesamte Kohleninduftrie des Ruhrgebiets schon zu einem Syndikat zu- «ammengefaßt war. Ein einheitliches Vorgehen war daher möglich und es bedurfte nicht erst langwieriger Verhandlungen, um die toniurric- renden Interessen auszuglcichen. Das Ziel war eine Verbilligung der Unkosten. Cs sollte durch einen weitgehenden Ersatz der über­steuerten Menschenkrast durch die zwar nicht billigere, aber sparsamer und intensiver ar­beitende Maschine erreicht werden. Während 1913 durch Hand und Schießarbeit 97,3 Prozent der Kohle und nur 2,2 Prozent durch Maschinen gewonnen wurden, entfielen 1927 auf die erstere nur noch etwa 15 Prozent gegen 85 Prozent aus die letztere. Das Ruhrgebiet verfügte 1913 nur über 10 716 Bohrhämmer, dagegen über 36 481 im Jahre 1926, und die Zahl der Qlbbauhämmer stieg in derselben Zeit sogar von 230 auf 49 345!

Dieser kostspielige Umstollungsprozeß konnte nur in solchen Fällen vorgenommen werden, wo eine mehr oder weniger sichere Aussicht bestand, die Werke wieder rentabel zu machen.

haben die Franzosen das Schlagwort von der unsichtbaren Besetzung, im Kampf um die deutsche Politik hat der Reichsminister des Innern das Schlagwort von der unsichtbaren Führung ge­prägt Beide Schlagworte zeichnen ein Trugbild, aber sie unterscheiden sich im Kern: die fran­zösische Besetzung am Rhein ist noch immer recht sichtbar, weil sie tatsächlich besteht: die inner- politische Führung durch Herrn v. K e u d e 11 ist unsichtbar gebileben, weil sie n i e m a l s vor­handen war. Wäre die These des Ministers, daß die Führung der Reichsgeschäfte unsichtbar bleiben müsse, zugleich ein Maßstab für den Wert der, Führung, dann hätten wir zu keiner Zeit eine bessere Führung gehabt als im letzten Jahr. Was der Minister in seinem Schwanen­gesang vor dem Reichstag über die Ergebnisse seiner Führung zu sagen wußte, widerlegt aber These und Schluß, denn er konnte nur nega­tive Erfolge nachweisen. Vor allem sind die beiden wichtigsten Probleme, die er zu lösen versuchte: Reichsschulgefeh und Reichs- reform, nicht gelöst worden, llebrig geblieben ist die peinliche Erinnerung an einen verun­glückten Gesetzentwurf und an eine fruchtlose Länderkonferenz. Das ist etwas wenig für eine Ministerlaufbahn, auf die doch wohl die Partei­freunde des Herrn v. Keudell einige Hoffnungen gesetzt hatten. Die Opposition des dritten Kabi­netts Marx hat jedoch keinen Grund, zu froh­locken, denn ihr hat der Reichskanzler einst ihr Wann und sogar ihr Kandidat für die Reichspräsidentschaft keine geringere Cnttäu- täuschung bereitet als Herr v. Keudell der Re­gierungsmehrheit. Bei beiden Marx und Keudell ist die Führung der Reichsgeschäfte unsichtbar geblieben, aber sichtbar ist ge­worden, daß sie selb st die Geführten waren. Von dem Augenblick an, wo der Reichs­kanzler auf dem Katholikentag zu Dortmund fein unvorsichtiges Bekenntnis zur Omnipotenz der Bischöfe ablegte, war eS Har, daß er sich im Dienst einer geistigen Macht fühlte, die in der Klerikalisierung bet Schule den entscheidenden Schritt zur Klerikalisierung des Staates tun möchte, lind von dem Augenblick an, wo der Reichsminister des Innern sich in seinem Kamps gegen die preußische Regierung ins Anrecht setzte, war es klar, daß er als Beauftragter einer sozialen Macht handelte, die in der Wieder­eroberung der Herrschast über Preußen ihr vor­nehmstes politisches Ziel erblickt. In einem andern Sinne, als es gemeint war, kann man also das Schlagwort des Herrn v. Keudell doch an- nehmen, insofern nämlich, als eineunsichtbare Führung" tatsächlich vorhanden war, aber eine Führung, die außerhalb von Regierung unb

Gtillgelegte Zechen.

Professor Or. M. J. Wolff, Serlin.

Vach der Stabilisierung der Währung und noch der Umstellung aus Gold, die sich aus ihr nl- eine Votwendigkeit ergab, befand sich die deutsche Industrie in einer seht schwierigen Lage. Die Gefahr eines allgemeinen Zusammenbruchs btohte Die Steuern erreichten eine erdrückende .Höhe und die Ansprüche der Arbeiter und An­gestellten wuchsen beständig, die bei der Macht­stellung, die sich die Arbeiterschaft errungen bette trotz der Ungunst der Situation befriedigt werden mußten. Die Unkosten nahmen in er- 'Dreckender Weise zu. so daß viele "Werke mit cmer Unterbilanz arbeiteten. andere gerade be­stehen konnten und nur ganz wenige einen Vuhen cidwarsen. der aber selbst in den günstig.ten Fällen so gering war, daß er keinen Anreiz zl der dringend notwendigen Investierung und neuem Kapital bot. 3m Ruhrbergoau beispiels­weise war die Ausbeute auf die geforderte Tonne Kohle, die 1901 1,35 Mk. und 1913 noch ]£6 Mk. betragen hatte, im Jahre 1924 auf 0j07 Mk. zurückgegangen, während sich die Löhne iil derselben 3eit ungefähr um 30 Prozent er-

Brotfeier.

Von Gustav W. Eberlein.

Rom, Ende März.

Am Sonntag Estomihi, der noch nicht lange zurückliegt, hatten wir die Reisfeier. Es regnete Reishymnen. Reisbefehle, Reisrezepte, Rers- portionen. Zur irdischen Glückseligkeit, dachte man am Qlbend dieses patriotischen Vationalreistages. braucht es eigentlich nicht viel: nur Reis, italieni­schen Reis. Dabei bleibt man gesund unb vor

Parlament stand und feine gesetzliche 'Verant­wortung vor den: Volk trug. Daran ist die Ksa- lillcn g:sch:i'.:rt unb iruite sie scheitern. Sie war gebildet worden zu sachlicher Arbeit Tut die Volksgemeinschaft, aber nicht zur Aufrichtung llerikaler und sozialer Kastenherrschaften im Staat. Die unsichtbare Führung hat das Zentrum auf das ganze Schulgesetz verzichten lassen, als es einsehen mußte, daß cS sein Ziel nicht er­reichen würde. Und die altpreuhischen Konserva­tiven in der Deutschnationalen Partei gingen, als sie ihre Felle davonschwimmen laben, sogar so weit, daß sie die auswärtige Politik, die sie u m eines andern Zwecks willen gebil­ligt und ein Jahr lang mitgetragen Hatter, zum Schluß verleugnen ließen. Cs ist das große Verdienst der Deutschen Dolkspartei, daß sie durch ihre Hugo Haltung in der Schulfrage dieses Doppelsviel durchkreuzte unb dazu beitrug, die geheimen Kräfte blohzulegen. So ist flar ge­worden. daß mit dem Zentrum keine deutsche Kulturpolitik und mit ben Deutschnationalen keine deutsche Außenpolitik möglich ist, solange die Fraktionen der beiden Parteien sich nicht frei machen von ihren außerparlamentarischen Qlb- hängigkeiten. Die große Mehrzahl der Deutschen lehnt unsichtbare Führungen in jeder Form ab, gleichviel ob es sich um kirchliche Behörden ober ostelbische Standesgemeinschaften, um kapita­listische Kartelle oder gewerkschaftliche Organi­sationen handelt. Wir wollen überhaupt keine unsichtbare, wir wollen eine recht deutlich sichtbare Führung der Reichs- undStaats- geschäste, und wir verlangen nach einer Führung, die nicht rückwärts, sondern vorwärts weist. DaS zu erreichen, ist ein wichtiges Wahlziel.

Zur Wirkung der Todesstrafe.

Zu dem Aufsatz:Abschaffung der Todesstrafe" geht uns von sehr geschätzter Seite folgende intcr- essante Mitteilung zu:

Vor einigen Jahrzehnten wurde der Karlsruher Fabrikant Mathis in einem der Renchtalbäder das Opfer eines Raubmordes. Der Mörder war aus dem Elsaß herübergekommen. Er gestand, daß er den Mord in Baden verübt habe, weil dort die Todes­strafe niemals vollzogen wurde.

Oberhessen.

Lan-7-rick Gießen.

L OB ief cd. 3. April. In der gestrigen G c - meinderatsihung wurde Friedr. Becker für den ausgeschiedenen Gemeinderat Heinrich Kümmel in den ©emeinberat eingeführt. Der Aufwertung von Darlehen der Hess. Lanbeshypothekenbanl Darmstadt und der Be­zirkssparkasse Gießen wurde entsprechend den gegebenen Unterlagen zugestimmt, da der Be­schluß des Gemeinderats vom 12. Mai 1927 auf Grund reichsgesetzlicher Regelung und Reichs­gerichtsentscheidung nicht aufrechtzuerhalten war. Demgemäß erhält die Landeshypothekenbank noch an Aufwertung 19 312,50 Mk., rückzahlbar in zehn Jahresraten nebst 5 Prozent Zinsen ab 1. Januar 1926 unb 11 760 Mk., rückzahlbar in zwölf Jahresraten nebst 5 Proz. Zinsen ab 1. Januar 1926. die BezirkSsparkafse ca. 19 000 Mark, rückzahlbar in 30 Jahresraten mit 5 Proz. Zinsen. Eine längere Debatte entspann sich über das Gesuch des Mehgermeisters Wilh. Haas betr. den Ankauf des Gemeindeback- Hauses neben seinem Anwesen in der Gießener Straße. Hier kam man nach langem Hin und Her zu der Auffassung, daß man dem nicht ent­gegen sein soll, nur sollen der Bauausschusi und der Finanzausschuß mit dem Gesuchsteller verhandeln und dem Gemeinderat das Ergebnis mitteilen, damit dann dieser endgültigen Beschluß fassen kann. Bemerkt sei noch, daß der gesamte Gemeindevorstan d zu dem Ergebnis

allem schlank. Estomihi, sangen wir: Sei mir ein starker Fels!

Für den Sonntag mit dem noch schöneren Ql amen Ouasimodogeniti hat der Duce nun aber doch etwas noch Schöneres entdeckt: das Brot. Seine Proklamation lautet:

Italiener!

Liebt das Brot, das Herz des Hauses, den Duft des Mahles, die Freude des Herdes!

Achtet das Brot, Schweiß der Stirne.

Ehrgeiz der Arbeit, Hymne des Opfers.

Ehrt das Brot, den Ruhm der Felder, Geruch der Erde, Fest des Lebens.

Verschwendet nicht das Brot, den Reichtum des Vaterlands, das süßeste Geschenk Gottes, den heiligsten Lohn für menschliche Mühe! Muß man nicht einfach Brot essen, wenn die Mauern erbeben unter solchen Lobgesängen? Wenn es Blüten und Karten schneit, die sowohl den symbolischen wie den materiellen Wert des Brotes preisen? r r ..... ,

Muß man nicht einfach biefe cartclh kaufen, zu 2 Lire das Stück, und dem lieben Nächsten in die Hand drücken, auf daß er der Poesie bewußt werde, die er mit jeder Krume zu Munde führt?

Kann man sich satt stellen, wenn süße Mädchen- Hande panini anbieten. patriotische Vationalfeier- tagsbrötchen. die sogar nur die Hälfte kosten?

O, es wird ein herrlicher Sonntag werden, der nach Ostern! Wir werden des edlen Brotes voll sein, wir werden uns verjüngt fühlen, fingen vor Seligkeit. Ouasimodogeniti! Ja, so werden wir singen, denn das heißt: Wie die Veugeborenen!

Die Dlumensprache des Orients abgezogen, bleibt überdies, aanö abgesehen von der ja auch in anderen Ländern längst erkannten Heiligkeit des Brotes, ein Vuhwert von sogar außenpoftti- scher Bedeutung zurück. Die Brotfeier dient nicht nur der Getreideschlacht, sondern der Politik der italienischen Balkandurchdringung, der Annähe­rung an Bulgarien. Dort soll intensivePene­tration und Expansion" getrieben, ein italienischer Lehrstuhl für Landwirtschaft errichtet werden. Der Sekretär der faszistischen Partei, Turati. hat be­reits alle Verbände mobil gemacht, Post und Eisenbahn, Industrie und Deamtenschast, damit die Brotfeier in den Dienst des Unternehmens Pro Oriente gestellt werde. Wer also am 14 und 15, April sein panino ißt, hat nicht nur das Recht, sich wie die neugeborenen, sondern auch gleich als aktiver Politiker zu fühlen, der den Flug der römischen Adler unterstützt.