Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 259 Zweites Blatt
Frankreichs afrikanische Sorgen.
Militär- oder Wirtschaftspolitik
in den Kolonien?
Don unserem — -Berichterstatter. Nachdruck. auch mH Quellenangabe, verboten!
Paris, Ende Oktober 1928.
Wenn man in Deutschland an Frankreichs kolonialen Besitz denkt, so meint man vor allem das Menschenreservoir, das Nordafrika für Uri c französische Armee darstellt. Obwohl diese Dorstellung etwas einseitig ist, trifft sie d^ch auch für das französische Empfinden zu, da die geschlossene große nordwesb- afrikanische Landmasse mit kriegerischen Dölker- fchaften, die noch dazu in der Nähe des Mutterlandes liegt, schlechthin in Frankreich als die Kolonie gilt. Die Werke Mangins und Lyauteys, die sich beide für eine besondere Pflege Afrikas eingesetzt haben, taten denn auch das ihrige, diese Vorstellung im Bewußtsein d-s französischen Volkes zu verankern. So recht eigentlich ist dies aber er st nach dem Kriege geglückt, nachdem 'Frankreich den ungeheuren Wert seiner Kolonien für seine Versorgung mit Rohstoffen kennengelernt hatte. Zeigte doch gerade der damals einsehende Mangel an Kautschuk, Getreide, Fetten, Hölzern und Fellen, daß in Zeiten des Ueberbedarfs die Angelsachsen nur mit Schwierigkeit dazu zu bewegen waren, auch Frankreich etwas abzugeben, so dah die Franzosen dazu gezwungen wurden, der wirtschaftlichen Entwicklnng ihrer Kolonien ein gröhcres Augenmerk zuzuwenden als vorher.
Dieser in der Weltwirtschaft wenig beobachtete Dorgang, der während des Krieges als Aus- nähm^ustand bewertet wurde, hat nun überraschenderweise zu einem Meinungsumschwung in Frankreich geführt, der neben die „alte“ militärische Kolonialschule eine ökonomisch-administrative Richtung zur Geltung kommen läßt. Diese, in der Hauptsache von Dolkswirtschaftlern und Geographen geschaffene „Schule“ sieht das Problem der kolonialen Betätigung und das Kriterium für ihre Bewertung nicht mehr in dem militärischen Gewicht eines Menschenreservoirs, sondern in den von der Handelsbilanz zu erfassenden Ueber- schüssen, die die einzelnen Kolonien abwerfen; also nach englischem Muster den Gewinn, den die koloniale Betätigung abwirft.
Das ist naturgemäh nur möglich, weil die Anschauungen über den Wert der Massenheere auch in Frankreich eine starke Wandlung erlitten haben und weil man nach den Erfahrungen des Weltkrieges nicht mehr allzu viel von farbigen Truppen hält. Zwar ist kein Kolonialer, d. h. kein in den höheren Stellen der Kolonialverwaltung erfahrener Offizier dazu zu bewegen, eine derartig ketzerische Ansicht in der Oeffenllrchkeit zu äußern, aber der Generalstäbler zuckt nur noch die Achseln, wenn man ihn nach Dem Wert schwarzer Truppen fragt. Für die Besatzung erschienen sie zweifellos gut genug; aber Tanks, Schnellfeuergeschühe und Flugzeuge lassen sich eben nicht von primitiven Dölkern bedienen. Dazu kommt ein anderes, in Deutschland bisher tauSi beachtetes Moment. Das ist die in Frankreich neuerdings mächtig wachsende Tendenz, auch das kleinbürgerliche und bäuerliche Frankreich zu einem Industrielande, wenn nicht zu dem Hegmonialstaat Europas auf wirtschaftlichem Gebiete zu machen; nicht zuletzt, um damit Deutschland auf einem Gebiete zu übertrumpfen, auf dem es bislang immer noch führend ist. Der „Rückerwerb“ Elsaß- Üothringens hatte ja schon eine gute Basis gegeben.
Und die französischen Kolonien sind für Wirt- schaftsexperimente besonders geeignet. Sie stellen nicht nur bei pfleglicher Behandlung einen geradezu Unwahrscheinlich ausbaufähigen Reservat- markt für französische Waren bar, sondern vermögen zugleich auch Rohstoffe und billige Arbeitskräfte für die französischen Industrien in Afrika und Europa zu stellen. Schon ijn Frieden spielten die Kolonien als Abnehmer stanzösischer Waren eine beträchtliche Rolle im französischen Außenhandel. Heute, nach dem Kriege, find die französischen Kolonien trotz der kapitalver- zehrenden Inflation mit rund einem S e ch - ste l am französischen Außenhandel beteiligt, wobei
Via del Mare.
Von Gustav W. Eberlein.
R o m, im Herbst.
In jenem Staate, wo tutto va benone, wo alles ausgezeichnet geht, in dem Lande, dessen Helle und Heiterkeit schon unsere Schulweisheit rühmt, im Italien der Schwarzhemden hat jetzt sogar Mussolini einen punto scuro entdeckt, einen schwarzen Punkt: die Straßen. Ein punto scurissimo, mit Derlaub zu sagen.
Rach einer englischen Statistik kann man bei gleicher Reifenabnützung in England 100 Kilometer fahren, in Frankreich 80, in Deutschland 70, rn Oesterreich 40, auf dem Balkan 30 ... ja, und dann kommt erst Italien. Kreuzfahrer, die den Weg südlich von Rom unter ihre Gummi nehmen, oder gar über Neapel hinaus abenteuern, werden ob ihrer Tollkühnheit nach Gebühr bestaunt.
Und dieses nämliche Italien hat dazwischen jene ,Autostraßen gebaut, die an Sicherheit — Einzäunung, Fuhrwerkverbot, lieber- oder Unter- fühmrna de? kreuzenden Straßen usw. — mit einem Ersenbahndamm konkurrieren können, die jedem Besucher Mailands als Sehenswürdigkeit vorgeführt werden, als Wunder der Technik. Was den Olorditaliener begreiflicherweise noch mehr aufblähte, wenn er auf den Süden zu sprechen kam: Was wollen Sie, es gibt eben zwei Italien — das unfrige liegt noch in Europa I
Wir in Rom, wir hatten voll schweigendem Reid unsere Sach auf nichts gestellt, in optimistischen Anfällen vielleicht noch auf die Straßen- unterhaltungssdeuer, zu der jeder Autobesitzer herangezogen wird und vertrauen im übrigen auf den Mann, der versprochen hat, diesen schwarzen Punkt wie eine feindliche Front in Angriff zu nehmen, auf Mussolini.
Das Vertrauen schien gerechtfertigt durch die verblüffende Einfachheit, mit der er eine Erbschaft von Ingenieursgenerationen liquidierte: die sagenhafte Dahn ans Meer, nach Ostia. Eines Tages berief er die Ingenieure zu sich und fragte, warm die Dahn endlich fertig werde. Achselzucken. Dielleicht in fünf, vielleicht in zehn
Französisch-Afrika allein (natürlich unter Einschluß von Marokko, Algerien und Tunis) wieder fast fünf Sechstel dieses gesamten kolonialen Handels stellte. Wieviel läßt sich da also noch in Zukunft herausholen, wenn erst die Eisen-, Kohlen-, Mangan-, Kupfer- und Zinkerze auggebeutet werden, und die geplanten Baumwoll-, Kakao- und Kaffee-Plan- tagen ihre Erträgnisse abwerfen und zu dem Holzreichtum und der Oelpalme hinzukommen!
Aber, so wird man in Deutschland fragen, hat denn Frankreich nicht auch Schwierigkeiten, die dieses Programm hindern, oder gar aussichtslos erscheinen lassen? Gibt es keine Eingeborenen- frage, fein, um ein Schlagwort zu gebrauchen, „Afrika den Afrikanern?" Auf eine derartige Frage kann man, heute wenigstens, nur mit einem glatten Nein antworten. Irgendein Eingeborenenproblem, das mit der Unzufriedenheit mit der französischen Herrschaft zusammenhängt, gibt es in den französischen Kolonien Nordafrikas nicht, einfach aus dem Grunde, weil der kulturelle Abstand zwischen den Franzosen und Negern so groß ist, daß niemand darüber im Zweifel sein kann, wer der Ueberlegene. ist. Und in den Gebieten, wo es die Franzosen mit einer relativ höherstehenden Bevölkerung zu tun haben, wie in Tunis, Algerien und Marokko, da hat man von vornherein derartige Gefahren vermieden, indem man Eingeborene und Franzosen gleichstellte. Ja, um diese Frage ganz ungefährlich zu machen, ist man in Frankreich sogar noch weiter gegangen und hat — eine äußerst bedeutungs-
Iahren — die unzuverlässigen Arbeitskräfte, die Malaria, kein Geld vorhanden, Exzellenz wissen ja. ...
Ja, ich weist, antwortete Mussolini. Ich weist, daß am 1. August dieses Jahres die Dahn fährt, verstanden?! Am 1. August fuhr die Bahn.
Fehlte noch die Strasts nebenher. Besserer Saumweg das, auf und ab, weich wie Pudding, voll Schafherden, immer in undurchdringliche Staubwolken gehüllt. Dabei nahm der plötzlich entdeckte Lido in Ostia einen ungeahnt raschen Aufschwung. Weit mehr Menschen haben das Bedürfnis, im Meer zu baden, als durch das antike Ostia, das römische Pompeji zu schlendern. Das alte Travertirrpflaster wurde dort seit der Einstellung des Digaverkehrs kaum mehr abgenützt, für die einsamen Ruinen schien jeder Zugang gut genug. »
Nölens Polens fing man nun an, an der Landstraße hemunzumurtsen. Dort wurde ein Loch zugemacht, hier eines aufgemacht, links ein Baum gefällt, rechts ein Stacheldrccht gezogen. Die Leute von Ostia grollten, die Autofahrer platzten vor Wut wie chre Reifen. Die Amerikaner sagten: Wenn eine Hauptstadt bei uns zwanzig Kilometer in der Luftlinie vom Meeresstrand entfernt liegen würde, Dann wäre dazwischen längst kein malariaverseuchter Steppengürtel mehr, dann wäre — — nun, es ist ja bekannt, wie Amerikaner das ausdrücken.
Mussolini winkte sich die Herren Ingenieure heran.
Im notigen Sommer fuhr man mit der Dahn nach Ostia, in diesem Frühjahr wichen die Autofahrer der Straße noch in großem Dogen aus, heute sieht das Bild folgendermaßen aus:
Rom ist mit Dem Meer durch eine fast schnurgerade, überaus breite Straste verbunden, eine nur für Automobile freigegebene Straße. Links und rechts laufen andere Straßen für den übrigen Verkehr. Die Steigungen wurden nahezu ausgeglichen, wie die Kurven. Jede Geschwindigkeit ist erlaubt. In wenigen Minuten saust man von seiner Arbeitsstätte ans Meer. Nachts ist die Straße durch ein besonderes Deleuchtungs- shstem so erhellt, daß man nur mit Stadtlichtern
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volle Neuerung — für die primitiveren Gebiete eine Klasse von Eingeborenen geschaffen, „indigönes d’61ite", die mit diesem Titel auch das Recht auf Gleichstellung mit den Franzosen erhalten. Dagegen kennt die neue koloniale Richtung in Frankreich eine andere und wie es scheint sehr viel berechtigtere Sorge: das ist die Frage, ob denn Frankreich auch allein die Kapitalkraft und den kolonialen U n t e r n e h m e r m u t aufbringen wird, um seine Kolonien zu erschließen. Das ist allerdings ein Problem, das nicht so leicht zu lösen sein wird, da diese Art der Wirtschaft 'den Franzosen nicht übermäßig liegt. Er ist zu vorsichtig und mißtrauisch, um sein Geld für Unternehmen herzugeben, die erst in Jahren Gewinne abzuwerfen vermögen. Das bringt natürlich die Gefahr mit sich, daß andere Völker, also vor allen Dingen Angelsachsen und Amerikaner, sich für die französischen Kolonien und ihre Erschließung interessieren werden und so einen Einfluß gewinnen, der den politischen Plänen der Franzosen nicht paßt. Hiergegen gibt es allerdings ein Mittel, von dem Gebrauch zu machen die Franzosen sich auch nicht gescheut haben, nämlich Vorzugszölle und hohe Schutz, zolle für ihre Kolonien. Aber es ist eben doch die Frage, ob das auf die Dauer nützt. Denn die Tendenz der Weltwirtschaft wird zweifellos diesen Versuchen der Franzosen, sich eine Art eigenes Rohstoff- und Absatzmarkt-Reservoir in Nordafrika zu schaffen, auf die Dauer entgegenwirken.
fährt und fahren darf. Keine Blendgesahr mehr. Kein Staub. Amerikanisch, diese Via del Mare. Am 28. Oktober, dem Jahrestag des Marsches auf Nom wurde sie elngeweiht. Dald wird ihr eine Via del Monte folgen, auf den Monte Eavo hinaus; tausend Meter über dem Meeresniveau Roms.
Oie Sekretärin.
Von Bernhard Zebrowski.
Sie weiß es besser. Aber sie sagt es nicht. Sie sagt es nun gerade rricht.
Und weil sie es nicht sagen will, ist sie beleidigt. Sie ist überhaupt immer beleidigt. Aber auch das sagt sie nicht. Sie gibt es nur zu verstehen.
• Sie hat eine Uhr. Die Uhr geht falsch. Bemerkt man beiläufig, die Uhr gehe wohl nicht ganz richttg, so ist die Sekretärin beleidigt. Aber sie sagt es nicht. Sie gibt es nur zu verstehen.
Sie führt einen zähen, stillen Krieg gegen, gewisse Worte. Sie haßt das Wort „unerbittlich". Sie schreibt: „unerbitterlich". Man belehrt sie, man bittet, man dwht. Die Sekretärin bleibt unerbitterlich. Sie weist es besser.
Sie haht das Semikolon. Dikttert man ein Semikolon, so ist sie beleidigt. Aber sie sagt es nicht, sie gibt es nur zu verstehen.
Die Sekretärin lacht, wenn es nichts zu lachen gibt. Will man ihr Veranlassung zum Lachen geben, so ist sie beleidigt, sie gibt zu verstehen, daß sie verlobt ist. Seit drei Jahren. Mit einem Ingenieurstudenten.
Bisweilen kauft sie sich ein neues Kleid. Sie tut so, als sei ihr das nicht wichtig. Tut man auch so, als sei einem das nicht wichtig, ja,_ als sähe man es gar nicht, so kündigt die Sekretärin. Wegen Mißhandlung.
Aber sie sagt es nicht. Sie gibt nur zu verstehen, daß sie beinahe gekündigt hätte.
Sie kocht einen bemerkenswert miserablen Tee. Aber sie sagt, ihve selige Mutter habe den Tee
Sie Kmstschätze der Zaren unter dem Hammer.
Berliner Ausverkauf der Leningrader Eremitage. — Als für einen Tizian noch 150 Taler gezahlt wurden.
Von Albert Müller.
Demnächst wird das Berliner Kunst- Haus Lepke das Jubiläum seiner 2000. Auktion feiern können. Bei dieser Gele- genhett werden Kunstwerke aus den Leningrader Museen und Schlössern, aus der Eremitage, dem Palais Michailow und vielen anderen öffentlichen russischen Sammlungen zur Versteigerung gelangen.
Die großen Sammler und mächtigen Händler, die sich in nächster Zeit in dem stattlichen Haus der Firma Lepke an der Potsdamer Straße in Berlin versammeln werden, heben nur einen Finger, wenn sie das vorliegende Gebot um 10 000 Mk. überbieten wollen, und sie begnügen sich, leicht mit dem Kopf zu nicken, wenn es sich um 1000 Mk. handelt. Bei den Gemälden alter Meister, den Italienern, Holländern und Franzosen, und wahrscheinlich auch bei den wundervollen Wandteppichen des 17. und 18. Jahrhunderts, wird es sich zweifellos niemals um geringere ileberbietungen als um 1000 Mk. handeln, obwohl es im Reglement nur heißt, daß bei Objekten bis zu 100 Mk. um eine Mark, und bei wertvolleren Gegenständen um 5 Mk. gesteigert wird! Aber mit Kleinigkeiten gibt man sich bei dieser 2000. Auktion nicht ab, die eigentlich schon eine höhere Ziffer tragen müßte, da inzwischen einige Versteigerungen mit der fortlaufenden Nummer 1999 A, 1999 B usw. statt- gefunden haben. Bei einer so großen Zahl von Auktionen gibt es natürlich nicht allein Höhepunkte; es ist ein erstaunlicher Weg von der zufälligen „Auktion antiker Spitzen aus Brüssel" und der Versteigerung von Kunstgegenständen aus der Konkursmasse des Sparkassenrendanten Voß aus Verden bis zum Kunsthandels- kauf von Weltruf zurückgelegt worden, bis zu einem Haus, das in seinen Ausstellungsräumen jetzt als Auktionator der russischen Regierung neben den erwähnten alten Gemälden kostbare französische Ziermöbel des 18. Jahrhunderts, Prunkgefäße, goldene Tabakdosen, Die mit Brillanten und Edelsteinen übersät sind, und hervorragende Plastiken zeigen kann.
Die zweitausend Auktionen, die das Haus Lepke während der sechs Jahrzehnte seines Bestehens veranstaltet hat, stellen ein bedeutendes Stück europäischer Kunst- und Sammlergefchichte Dar. Die' Firma, Der es heute gebührt, mit
Christie und Setheby in London und den weltbekannten Amsterdamer Auktionshäusern auf gleicher Stufe gestellt zu werden, hat sich aus sehr bescheidenen Anfängen enttoidett; sie hat ursprünglich Auktionen jeder Art veranstaltet, dabei aber zweifellos stets einen guten Griff gehabt — wie z. D. 1872 mit der Versteigerung des Nachlasses von Alexander von Humboldt in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit. Gerade dieser Nachlaß, der Humboldts Kainmerherren- uniformen, seine 17 Orden, die Arbeitslampe, ein Geschenk Friedrich Wilhelms IV., Sextanten. ein Mikroskop, Thermometer, Fernrohr und als Kuriosum seinen Reisepaß au^ Paris vom Jahre 1798 enthielt, lockte die Sammler mächtig; einige Stücke aus Der letzten Abteilung des Humboldtschen Nachlasses wanderten sogar in Die Hand eines Petersburger Liebhabers. Aus den Preisen, die für Den Nachlaß erzielt wurden, ersieht man, daß die Berliner Liebhaber, obwohl sie zum Tell aus den Kreisen des Hofes stammten, für ihre Passionen noch nicht sehr viel Geld anzulegen hatten; brachte doch die zweite Abteilung, obwohl sie auch einen Pokal, ein königliches Geschenk und wertvolle Stücke chinesischen Porzellans enthielt, nur 166 Taler uno 20 Groschen. Ueberhaupt die Preisnotizen der Kataloge! Auf der Versteigerung der Sammlung Costa im Jahre 1872 wurden für den „Juwelier" von Tizian 150 Taler bezahlt, und diesen Preis hat Lepke als besonders bemerkenswert in seinem Katalog dreifach unterstrichen; „Zwei Türken" von Tie- p o l o brachten zusammen 99 Taler, was gleichfalls ein Ereignis war, „Narciß" von van Dyck ergab 49, ein Pousfi n 24 und ein Canaletto ganze 34 Taler. Im Jahre 1912 dagegen brachten bei Lepke zwei Bilder von Tiepolo aus der Galerie Weber, die freilich künstlerisch Wertpoller waren, zusammen 130 000 Mark, unö ein Tizian 22 500 Mk. Typisch ist ferner, daß bei der ungefähr gleichzeitigen Betz-, fteigerung der Naumannschen Sammlung neben CBerfen von Dürer. Rembrandt, van der Meer, Murillo usw., die alle nicht anpriesen, sondern höchstens mit der Bemerkung „keck gemalt“ versehen werden, der Katalog sehr viele Bllder aufweist, deren Maler einfach als „Unbekannt" bezeichnet wird — eine schlichte Bezeichnung, die Den heutigen Leiter des Hauses, Herrn Krüger, dessen besonderes Verdienst die
Srtitag, 2. November 1928
wissenschaftliche Exaktheit Der Auktionskataloge ist, zu der etwas melancholischen Frage veranlaßt: „Was mag sich hinter jenem „Unbekannten" nicht alles verborgen haben?"
„Die Ausstattung 4unb sorgfältige Durcharbeitung der Kataloge, wie sie kein anderes Land für seine Kunstaukttonen aufweilen kann" — wie Wilhelm von Bode einmal schrieb — hat dem Ansehen des Hauses außerordentlich genützt. Sie erleichtert den Liebhabern und Händlern den HebcrElid und die Bewertung der Objekte, und wer gezwungen ist, seine Sammlungen zu veräußern, erhält durch sie eine letzte Genugtuung, weil sein der Zerstreuung verfallenes Werk wissenschaftlich noch einmal zu einer Einheit zusammengefaßt wird. Wenn man Lepkes große Kataloge der Sammlung Lanna, der Sammlung von Gerhardt und der Galerie Weber mit ihren genauen Beschreibungen, ihrem ungeheuren Bil- Dermaterial heute durchsieht, dann kann man sie wirklich als Denkmäler jener nun nach allen Himmelsrichtungen zerstreuten Kollektionen betrachten.
Die Auktion, durch die eine mit vieler Mühe geschaffene Einheit zerrissen, wird, scheint eine besondere Härte zu fern. Dieses Gefühl schien selbst die Leiter des Hauses Lepke zu beschleichen, als der Freiherr von Lanna in Prag, einer der berühmtesten Sammler der Vorkriegszeit, im Jahre 1909 sich eines Teiles seiner Bilder und Porzellane entäußern mußte, während er den Rest, allerdings noch etwa 1700 „Nummern“ nicht aufgeben wollte, sondern bis zu seinem Tod, der wenige Monate nach der erften schmerzlichen Versteigerung eintrat, buchstäblich darin lebte. Als nun nach dem Tode des Freiherrn auch der Rest bei Lepke zur Auktion kam (1910). fand der Katalog in der Wehmut über den Zerfall nur ein Trostmittel: daß nämlich, seit amerikanische Sammler eine der berühmtesten Kunstsammlungen des Kontinents nach ter anderen als Ganzes über Den Ozean entführten, nur die Versteigerung die Möglichkeit zulasse, die wichtigsten Kunstdenkmäler in Europa zu behalten. Diese Klage über die amerikanische Kaufwut vier .Jahre vor dem Kriege ist sehr bemerkenswert; inzwischen ist es noch schlimmer geworden, da auch auf Auktionen nicht immer die Mittel vorhanden sind, um die wichtigsten Kunstwerke für Europa zu erhalten.
Ein Höhepunkt in der Geschichte des Auktionshauses von Lepke war die Versteigerung Der berühmten Galerie Weber in Hamburg wenige Jahre vor dem Krieg. Der Konsul Weber hatte im Jahre 1864 das erste Bild, das „Pantheon" von Bernardo Bellotto, als Grundstock seiner späteren Sammlungen erworben. Schon in den achtziger Jahren waren sie umfangreich geworden. Daß Die große Villa des Konsuls an Der Alster nicht mehr ausreichte, und ein Nachbarhaus in eine Galerie umgewandelt werden mußte. Einige Jahre nach seinem Tode sah sich Die Witwe zur Aufgabe des wertvollsten Teiles der Galerie genötigt; so kam es 1912 zu der berühmten Auktion bei Lepke. Das Gesamtergebnis betrug 41/* Mill. Mark; das war ein Rekord für Lepke und den deutschen Kunsthandel überhaupt. Das Resultat vermag auch neben dem Erlös der vor wenigen Monaten bei Cassirer und Heldin g versteigerten Sammlung Huldschinsky zu bestehen. Der höchste bezahlte Preis auf der Auktion der Galerie Weber war 590 000 Mark für einen Mantegna, übertraf also sogar die 570 000 Mark für einen Rembrandt aus Der Sammlung Huldschinsky. Von den Rembrandts der Galerie Weder brachte im Jahre 1912 einer 117,000, ein äußerer 225 000 Mark. Die Galerie Weber und Die Erinnerung an ihren Gründer ist noch einmal lebendig geworden, als im Februar dieses Jahres nach Dem Tode der Witwe des Konsuls auch der Rest Der Sammlungen. Darunter jener Bellotto, bei Lepke versteigert wurde. Einen Höhepunkt konnte dieser Rest aber nicht mehr bedeuten. Wenn man die Kataloge der letzten zehn Jahre durchblättert, fällt es auf, wie sehr sie besonders in den Inllations- jähren zusammengeschrumpft sind, als es wenig Sinn hatte, wirklich wertvolle Kunstgegenstände in Deutschland zu versteigern.
stets auf diese ganz vorzügliche Weise zubereitet, und im übrigen..., und geht beleidigt hinaus.
Manchmal verliebt sie sich. Dann kann sie plötzlich „unerbittlich" schreiben. Dann liebt sie plötzlich das Semikolon. Dann wartet sie beim Diktat auf das Semikolon und bringt es mit wohl- lüftigen Demutsgefühlen zu Papier.
Dann war es auf einmal nicht so ernst mit dem Ingenieurstudenten.
Sie ist verliebt, aber sie sagt es nicht. Sie gibt es nur zu verstehen.
UnD dann muß man ihr kündigen.
Unerbift erließ.
Mediziner-Anekdoten.
Der berühmte Berliner Arzt und derzeitige Rektor der llniberfität Prof. Dr. W. H i s veröffentlicht im Novemberheft von V e l h a g e n & Kinsings Monatsheften Erinnerungen an Leipzigs medizinische Größen, u. a. an Carl Ludwig, der als bahnbrechender Physiologe ein wahrer Praeceptor mundi war. Groß, hager. Glattrasiert, flößte er schon durch sein QleußereeS iespekt ein. Seine Vorlesungen waren sachlich, klar und knapp. Auch über sarkastischen Witz verfügte er. Eines Tages zeigte er den Studenten einen Frosch. Dem das Großhirn entfernt war. Das hat beim Frosch geringe Folgen; das Tier hüpfte munter auf dem Tisch herum und siel schließlich zu Boden. Alles lachte. Ludwig sagte: „Sehen Sie, meine Herren, wie wenig Gehirn dazu gehört, eine Menschenmenge zum Lachen, zu bringen." — Auch von Carl Thier sch, dem großen Chirurgen, der die Antisepsis und den Darackenbau in Krankenhäusern einführte, erzählt His u, a. eine nette kleine Geschichte. Thier sch war verheiratet mit einer Tochter des Chemikers Justus von Liebig, einer Frau, Die ihre Schönheit und Jugendlichkeit bis ins höchste Alter bewahrt hat. Gelegentlich einer Feier stellte er sie Körrig Albert vor. Galant meinte dieser, man müsse fragen, welche die Mutter, welche die Tochter sei. „Majestät," erwiderte Thiersch, „die ältere ist die Mutter, Die jüngere die Tochter.“


