Nr 252 Drittes Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Dienstag, 2. Oktober 1928
Goldenes polizei-MWum in Gießen.
Im festlich geschmückten und vollbesetzten Saale deS Cafe Leib beging unsere Gießener Polizei am Samstag abend die Feier ihres 50-jährigen Bestehens. Mit den Angehörigen der Polizei und ihren Familien vereinigten sich zahlreiche Vertreter von Staatsund KommunalbcHörden, sowie Abgesandte von behördlichen Reichsstellen und eine Anzahl weiterer Ehrengäste zu der goldenen Jubelfeier. Der in schlichter, aber doch abwechslungsreicher Weise ausgestaltete Abend nahm einen stimmungsvollen Verlauf und hinterließ allenthalben den besten Eindruck.
Rach einer feinen instrumentalen Darbietung dcS Orchestervereins unter der Leitung des Kapellmeisters Weller und einem mit reichen Stimmitteln zu G.här gebrachten Mannerchor der Polizei-Gesangs.-.bt ilung unter der Führung des Herrn Wigger hielt der Leiter des Polizeiamts Gießen
jRegierungtfraf Wolf
die erste Ansprache des Abends, in der er zunächst im Äamen der Schutzmannschaft von Gießen die Vertreter der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden, viele frühere Angehörige des hiesigen Polizeiamtes und anderer Polizeiämter, die Vertreter der Presse und weitere Gäste aus nah und fern begrüßte. Er sagte dann weiter: Och freue mich mit meinen Beamten, daß Sie alle so zahlreich unserer Einladung Folge geleistet haben, und ich danke mit herzlichem Willkommengruß für (Hr Erscheinen. Der Herr Minister des Innern hat sich, wie er mir mitgeteilt hat, bereits vor längerer Zeit für den 30. September zu einer anderen Veranstaltung verpflichtet, und er ist daher zu seinem großen Bedauern an der Teilnahme an unserem Feste verhindert: er sagt aber der Gießener Polizei herzliche Glückwünsche und Dank für die im Interesse des Landes geleisteten tr.uen Dienste. Er verbindet damit seine besten Wünsche für das fernere Wohlergehen der Gießener Polizei. Als Vertreter des Herrn Ministers heiße ich den Fachreserenten im Ministerium, Herrn Ministerialrat Dr. S i e g e r t. herzlich hier willkommen. Wer im Polizeiwesen arbeitet,, weih, daß das Ministerium stets bestrebt ist, die Polizei in Hessen weiter auszubauen und zu einer Behörde zu gestalten, die allen Anforderungen an eine moderne Polizei gerecht wird. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß auch das Polizeiamt Gießen, wenn wir in naher Zeit in unser neuerbautes Gebäude ziehen und uns dort erweitern und ausdehnen können, der Zahl seiner Beamten und der Ausrüstung nach weiter ausgebaut wird, damit die Gießener Polizei den Erfordernissen und Aufgaben der heutigen Zeit in vollem Ausmaße gerecht werden kann. An der nötigen Ar- beits- und Dienstfreudigkeit und an dem erforderlichen Eifer wird es bei uns Beamten nicht fehlen. Ich bitte aber auch die staatlichen und städtischen Behörden und die Vertreter der Presse, an ihrem Teil dabei mikuwirken, daß das schöne Einvernehmen und die gute Zusammenarbeit, di« seither zwischen Pvlizeiämt und Behörden und Presse- bestanden haben, weiter bestehen mögen. Herrn Bürgermeister Dr. Seid bitte ich, auch auf die Bevölkerung der Stadt Gießen dahin einzuwirken, daß die Bevölkerung Vertrauen zu uns hat und uns diejenige älnterstühung zuteil werden läßt, die notwendig ist, damit wir unsere Aufgaben reibungslos erfüllen können, ülnd nun wende ich mich an Sie, meine lieben Beamten. Ich danke zunächst den Herren, die für die gute Vorbereitung unseres Iubiläumsfestes gearbeitet haben. Dank gebührt auch dem Verfertiger unserer Festschrift, der mit viel Fleiß und Mühe aus alten Akten, die in liebenswürdiger Meise seitens der Stadt Gießen und der -Universitätsbibliothek zur Verfügung gestellt wurden, diese Festschrift gestaltet hat. Ferner danke ich allen Beamten, vom ältesten bis zum jüngsten, herzlich für die treue Mitarbeit und Uirterstützung, die sie mir immer geleistet habevr Ich bitte sie zugleich auch, daß sie weiterhin pflichtgemäß und freudig ihren Dienst verrichten und Vertrauen zu mir und ihren Vorletzten
haben. Dienstfreudigkeit und Vertrauen gehören zusammen und müssen vorhanden sein, damit die enge Gemeinschaft zwischen Vorgesetzten und Untergebenen besteht, die die Polizei zu einem festen unp schlagkräftigen Körper macht. Wir wollen, wie seither, auch fernerhin unser« höchste Aufgabe darin sehen, für die Ordnung und Sicherheit in der Stadt Gießen zu sorgen, das Eigentum der Mitbürger und diese selbst zu schützen. Wir wollen Schutzmänner, d. h. Männer des Schuhes für jeden einzelnen in Gießen sein. Wir wollen unseren Dienst freundlich und zuvorkommend verrichten, und wir wollen H ute bekennen, daß wir das immer sein wollen, was wir sein müssen, nämlich eine zuverlässige, allezeit schlagfertige Polizei, die treu dem Staate Hessen di?nt und der Stadt Gießen ein treuer Freund undHelfer ist.
Ministerialrat Dr. Siegert
als Vertreter der Hessischen Staatsregierung überbrachte deren herzlichste Grüße und Wünsche, »insbesondere auch solche des obersten Vorgesetzten der Polizei, des Herrn Ministers des Innern, der zu seinem größten Bedauern heute verhindert ist, persönlich anwesend zu sein. Im Hinblick auf den verflossenen Zeitraum gedenkt die Regierung heute auch mit Dank und Anerkennung derer, die infolge der Jahre Last und Zahl sich von der ihnen lieb gewordenen beruflichen Arbeit trennen und in den verdienten Ruhestand treten muhten. Zu meiner großen Freude sind sie heute mit uns vereinigt, z. B. der ehemalige Schutzmann, jetzige Botenmeister L R., Göbel, der schon 1878 die Gründung des Amtes miterlebte, ich sehe aber auch manchen unter ihnen, den ich schon vor 20 und 25 Jahren in den Straßen der Stadt habe patrouillieren sehen — in der Vollkraft der Jahre, ernst, pflichtbewußt, geachtet von allen rechtschaffenen Bürgern, gefürchtet von denen, die das Tageslicht zu scheuen haben. Der bekannte Provinzialdirektor Frhr. von Gagern schrieb einmal in einem Bericht über das Polizeiamt Gießen: „Mehr noch wie auf die Organisation kommt es auf die Männer an." Ja, Manner brauchen wir auch heute, Männer, die von der Liebe zu ihrer Aufgabe durchdrungen sind, Männer, diS treu zu Staat und Volk stehen, Männer, die in Erfüllung ihres Berufs reder Gefahr kühn ins Auge sehen. Ohne sie taugt nichts die allerbeste Organisation. Mancherlei Wandlung hat das Pvlizeiwesen in Giehen und anderswo in den letzten 5 Jahrzehnten erfahren. Das ist kein Wunder. Die Polizei ist aufs engste verbunden mit dem Schicksal der Bevölkerung und dieses kennt keinen Stillstand, sondern nur ewigen Wechsel und Fortschritt. Freud und Leid der Bevölkerung, jede Aenderung in den Leben sanschauungen, jede Derschiebuny der wirtschaft- lichen oder politischen Verhältnisse, Jeber (Erfolg der Wissenschaft und Technik, alles bringt uns Arbeit und neue Aufgaben. Die Polizei muß mit der Zeit gehen, sie muß modern fein. Das ist in Gießen allerdings heute nicht der Fall. Die dumpfe Enge des alten Hauses in der Weidengasse, das absolut noch das 50jährige Jubiläum im Schmuck der Staatsflagge weiterleben wollte, stand jedem Fortschritt, der räumliche Ausdehnung bedingt, im Wege. Nun ist aber auch seine Stunde gekommen. Das Alte muß dem Neuen weichen. In wenigen Wochen vollzieht sich der Einzug in ein neues Haus, der den Anfang einer neuen Schaffensperiode der Gießener Polizei darstellt. Möge sich dort der Fesseln ledig ein moderner Polizeibetrieb entfalten, entsprechend den Bedürfnissen der heutigen Zeit. Mögen unsere Beamten, die sich seit vielen Jahren aus der Moderluft und dem Aktenstaub heraus- sehnen, nunmehr in reiner Luft und in hellen freundlichen Räumen mit Lust und Liebe ihres Amtes walten. Mögen sie aber aus dem allen Haus mit hinübernehmen in das neue den Geist treuer Pflichterfüllung gegenüber Volk und Vaterland. „Männer brauchen wir."
Der Redner brachte sodann auf Wunsch der anwesenden Vertreter der Provinzialdirektion, m j i iwnrnamnuiiinuwiinmTi w i' uw
Selb fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Sind Sie allein ... allein, Frau Zedlitz?"
Ein unterdrücktes Lachen flatterte herüber. „Aber gewiß doch. Ich stelle Ihnen das Frühstück vor die Tür, und ein Brief ist auch gekommen."
Schritte entfernten sich. Mit großer Krastanstren- flung bekam er es endlich fertig, den Schlüssel herumzudrehen und zu öffnen. Draußen stand nur ein Stuhl und darauf das „japanische" Frühstücksgeschirr.
Eine grenzenlose Erleichterung machte sich in einem schüttelnden Lachen Raum. Frau Zedlitz, diese gute Zedlitz war es gewesen, die ihn so in Schrecken versetzt batte! Ein Prachrstück, bfefe Mutter Zedlitz. Man sollte sie einzuckern und vergolden, ja, wahr- Ä, das sollte man. Und er würde es ihr auch dieser Krone aller Wirttnnen der Stadt.
Ein Blick auf die Uhr lehrte ihn, daß es zehn war.
Er entsann sich dunkel, daß er hatte wachbleiben wollen und daß er sich nur für einen Augenblick auf das Bett gesetzt hatte. Also war er doch umge- fünfen und in diesen bleiernen Schlaf verfallen, in seinen Kinderschlaf, wo man ihn in eine Kanone laden und abschießen konnte, ohne daß es ihn geweckt hätte? Und er hatte alle Morgengeräusche des erwachenden Hauses überhört und auch das Gurgeln und Gehüstel der armen Lehrerin, die in chre Zwangsarbeit ging.
lieber dem Waschtisch hing ein Paradehandtuch, auf dem matrosenblaue Buchstaben mahnten: „Ein gut Gewissen ist das beste Ruhekissen."
Er lachte auf, aber er verstummte rasch. Ein gut Gewißen? Schon glitten seine Blicke zum Bett hinüber, wo sich die Banknotenbündel deutlich genug unter dem Leinen abhoben. Ein gut Gewissen?
Natürlich hatte er es. Er würde ja alles zurückgeben. Wer dachte denn daran, es zu behalten? Aber erst mußte man doch wissen, wem der Schatz gehörte oder vielmehr, wer der rechtliche Besitzer war. Der es ihm so eilig in die Hande drückte
und unter so dramatischen Umständen verschwand, war es sicherlich nicht. Und der andre? 2ßarum hatte er dann nicht die Polizei oder das Publix tum zu Hilfe gerufen, das doch in erreichbarer Nähe war?
Die Morgenblatter würden Aufklärung bringen. Der immerhin nicht alltägliche Vorfall in Dem Mauergang mußte in der Notiz eines zeilenhungrigen Reporters schon einen Niederschlag gefunden haben. Vielleicht hatte Fährmann darüber berichtet. Oder Der Besitzer hatte durch das Telephon die Nachtredaktionen unterrichtet und das Inserat auf- gegeben, das mit ,Hohe Belohnung" begann.
Während er Den lauen Kaffee schlürfte und die Brötchen strich, sah er immerfort nach Den BünDeln Drüben. Sie lockten und warnten zugleich. Er fand nicht die Energie, sich zu überzeugen, ob der Schatz sich nicht — wie im Märchen — verflüchtigt uno verwandelt hatte.
Der Brief war von Inge Brodersen. Nur knappe Zeilen in einer steilen, klaren, beherrschten Schrift: „Wir sind in Sorge um Sie. Es ist doch wirklich nichts geschehen? Lassen Sie sich bei uns sehen. Oder haben Sie uns vergessen? Am Freitag finden Sie uns immer zu Hause."
Darunter ihr Name, den er küßte, wieder und wieder. Nein, ich habe dich nicht vergeßen. Wie könnte ich das wohl?
Kurt Grotteck empfand plötzlich den Sonnenschein, der das Zimmer durchflutete, und das Scheckern einer Amsel draußen im Vorgarten: der Frühling war im Land!
Er sprang auf, rannte ans Fenster, riß es auf und sog die queüfüble Luft in tiefen Zügen ein. Dann uef er ebenso schnell zurück, um die Tür aufzumachen. „Guten Morgen, Frau Zedlitz!"
Sie stand zum Ausgehen bereit, im Flur und sah ihren fröhlichen Mieter verdutzt an.
„Frau Zedlitz, ich wollte Ihnen bloß sagen, daß ich Sie am liebsten auf der Stelle abküssen möchte."
„Ach, Du liebes Herrgöttle von Biberach, mich alte Urschel? Da finDen Sie schon Jüngere." Sie quiekte vor Lachen.
Er wollte ihr eine faustdicke Artigkeit sagen, als es klingelte. An der Milchglasscheibe der Korridortür zeichnete sich deutlich eine Männergestalt ab.
Als Frau Zedlitz auf die Klinke druckte, wollte er dazwischen fahren. Aber seine Füße waren wie angenagelt. Waren sie schon da?
des Kreisamtes Gießen und der hiesigen Justizbehörden Deren herzliche Iubiläumsglückwünsche zum Ausdruck. Auch diese Behörden wünschen dem Poliz-eiamt für die Zukunft weiteres Blühen und Gedeihen und gu es Einvernehmen mit der gesamten Bevölkerung. Behörden und Bevölkerung, sie alle ziehen an einem Strang in der Arbeit für Volk und Vaterland. Das von dem Redner ausgebrachte Hoch auf das deutsche Vaterland fand begeisterte Aufnahme bei der Festversammlung, die stehend den ersten Vers des Deutschlandliedes sang.
Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität Prof. Or. Herzog beglückwünschle namens der Gießener Alma mater die Polizei zu ihrem goldenen Jubelfeste. Delror und Sena! der Landesuniversität seien, wie bisher, auch in Zukunft gerne bereit, in gemeinsamem Wirken mit Der Po.izei auch für die Disziplin der Musensöhne Sorge zu tragen. Der Redner betonte das bisherige vertrauensvolle Verhältnis zwischen der Leitung der Universität und der Polizei und gab in humorvoller Weise köstliche Episoden zum Besten aus dem Leben eines Bruder Studio und seinen Beziehungen zur Polizei. Er brachte weiterhin einige Wünsche der Landes- universi.ät an die Polizei zum Ausdruck und leerte zum Schlüsse sein Glas auf die Fortdauer der guten Beziehungen zwischen Polizei und Uniberfilät.
Bürgermeister Dr. Gerb überbrachte Die Glückwünsche Der StaDt Gießen, Dabei betonend. Daß Die Wünsche Der StaDt zu Diesem Polizeijubiläum von ganzem Herzen kämen. Die StaDtuerroaltung mcrDe nach wie vor Der Polizei stets regstes 9nte;cil? entgegenbringen. Dies um so mehr, als Die Tätigleit Der Polizei ja in erster Linie Der StaDt Gießen und ihren Bewohnern zum Vorteil gereiche. Vielleicht noch wichtiger als Die Abwehr asozialer Clemente sei für Die Polizei Die Aufgabe, FreunD, Berater unD Helfer Der Bürgerschaft zu sein. Gerade in Den letzten Jahren sei Diese Seite Des Po- lizeiDienstes immer stärker betont worden. Die Stadtverwaltung wünsche auch bei dieser Gelegenheit, daß alle Kreise der Gießener Bürgerschaft Verständnis zeigen möchten für Den schweren Dienst Der Polizei, und daß alle Bürger den Polizeiorganen immer volles Vertrauen entgegenbringen möchten. Erfreulicherweise seien die Beziehungen zwischen Polizei und Bürgerschaft in Gießen stets Die besten gewesen: man könne sie mit gutem ©runDe als freunDschastb h und herzlich bezeichnen. Daß Dies immer so bleiben möge, sei Der Wunsch Der Stadtverwaltung.
Polizeidirektor Or. Llsinger überbrachte die Glückwünsche Des Polizeiamts Darm- ftaDt und verknüpfte Damit persönliche Erinnerungen an Die Stadt Gießen und seine Polizei.
Oer gesellige Teil der Feier brachte mit den ausgezeichneten Darbietungen des Orchesteroereins, Der sich kostenlos für die Feier zur Verfügung gestellt hatte, Den vortrefflichen Chorgesängen Der Polizei-Gesangsabtei- I u n g , Vorträgen in oberhessischer MunDart von Georg Heß (Leihgestern), Diejum Teil Die Polizei Aum Gegenstand hatten und allenthalben begeisterte Aufnahme fanden, sowie Liedervorträgen von Kurt Richter eine sehr abwechslungsreiche und gute Unterhaltung, die Die Besucher des Abends mit voller Befriedigung erfüllte. Den Abschluß der Veranstaltung bildete ein Ball.
In der offenen Tür stand Fährmann, schmunzelnd und selbstzufrieden wie immer. „Guten Abend — Verzeihung, edle Frauwe: guten Morgen! Ah! Da ist auch schon unser Baron." Er schritt in seinem eigentümlichen Wiegegang, Der immer an Schiffsfahrten erinnerte, auf Grotteck zu. „Schon angezogen? DDer solltest du noch nicht ausgezogen fein?"
„Wo kommst Du Denn eigentlich her?" fragte Grotteck unfreundlich. Er blieb, den Eingang versperrend, in der Zimmertür stehen.
„Ich habe die Pension nicht gefunden und im Garten genächtigt. Ein Schupo hat mich aus einem wirklich allerliebsten Traum geweckt und mich traft meiner Ausweiskarte laufen lassen. Es müßte verboten sein, alle Häuser gleichzubauen. Wie soll man da das richtige im Dunkeln finden?"
Es geschah sechsmal in der Woche, daß Fährmann nachts nicht nach Hause fand.
Die Wirtin ging lachend. Die Flurtür fiel hinter ihr zu. Grotteck stand noch immer an dem alten Platz.
„Na, willst du mich nicht reinlassen?"
Grotteck warf einen scheuen Blick in Das Zimmer. Aber Fährmann ließ ihm keine Zett zu einer Ausrede. Er Drängte ihn in einem gemimten Ringkampf fort. „Noch ein Widerstand, unD Du kriegst Die schönsten Kinnhaken, Die je auf diesem Kultur- gebiet ausgeteilt worden sind."
Grotteck trat langsam zurück. „Sieh mal an!" meinte Fährmann nach kurzer Prüfung. „Du hast mir nicht viel vorzuwerfen. Gewaschen trift du auch noch nicht. Die Schüssel ist leer unD Die Kanne noch gefüllt."
„Du bist wohl unter die Detektive gegangen, wie?" fragte Grotteck mürrisch, und er ärgerte sich im gleichen Augenblick über diese Wendung.
nrmann nahm gemütlich am Tisch Platz, füllte affee in die Tasse des Freundes und stippte Das letzte Brötchen ein. .Hast Du vielleicht noch ein paar Sardinen da. Es ist Das gesündeste Morgengericht, wie mir ein Medizinmann verraten hat. Der eine Leuchte Der Wissenschaft war."
Grotteck sah ein, Daß er sich in das Unvermeidliche fügen mußte. Er nahm seinen Mantel, der noch vom vorigen Abend über einen Stuhl hing, und warf ihn auf das Bett, scheu zu dem unbequemen Besucher schauend. „Gern. Was gibfs Neues in der Stadt? Du hast doch schon das Morgenblatt Da?"
Kunst und Wissenschaft.
„Carl- Schünemann-Preis 1928.“
Vor Jahresfrist stifteten Die Inhaber des Carl- Schünemann-Verlages, Bremen, Den jährlich wieder- kehrenDen „Carl-Schünemann-Preis" in Höhe von 2000 Mark für ein wertvolles deutsches Romanwerk. Die Stiftung hat den Zweck, Das Deutsche Schrifttum im Kampf gegen Die UeberfremDung Des Büchermarktes mit Uebersetzungsliteratur zu unterstützen. Von Den MitglieDern Der ,^ogge", Norddeutsche Dichtervereinigung, Die Das Vorschlagsrecht ausübt, wurDen für Die erstmalige Verteilung folgende Werke empfohlen: Otto Brües, ,/Iupp Brand", Hermann
Eris Busse, „Tulipan und die Frauen", Friedrich Griese, „Winter", Friedrich -Schnack, „Das Zauberauto , Georg von der Bring, „Soldat Suhren". Die Wahl des diesjährigen Preisrichters, Wilhelm Sch arrelmann, fiel auf den Roman „Winter" von Friedrich Griese. In der Begrün- düng des Preisrichterurteils heißt es: „Wie in diesem Werke mit nordischer Kraft und unerschütterlicher Ruhe des echten Epikers ein Geschehen erzählt unD in den Bereich wahrer Dichtung hinaufgehoben, ja, durch die tiefe Naturverbundenheit Des Verfassers ms Mythische gesteigert ist, verdient unbedingt An- erfennung unD freuDige Erwartung auf Das, was uns von diesem jungen Dichter weiterhin kommen wird." — Das Buch wurde vor einiger Zeit im Büchertisch des „Gießener Anzeigers" besprochen.
Wer wird Präsident der Dichterakademie?
Mit Dem aus Gesundheitsrücksichten bevorstehenDen Rücktritt Wilhelm v. Schätzens vom Präsi - Dium Der 21 tat c m i e für D i ch t k u n st ist auch Die Frage seiner Nacksolgerschaft in Der Oesfeni- lichkeit wieDerholt angescynitten worden, ohne Daß bisher ein Name dafür genannt worden wäre. Jetzt wird nun bekannt, daß Der aussichtsreichste KandiDat Walter von Molo ist, unD seine Wahl Mitte Oktober als so gut wie sicher gilt. Walter von Molo gilt heute als einer Der repräsentativsten Schrift- steiler Der Zeit, Der gerade auch Das Zeug in sich hat, an so hervorragender Stelle wie im Präsidium, zu wirken.
Wirtschaft.
Bon den Schlachtviehmärkten.
Die Geschäftstätigkeit an Den Deutschen Schlacht- viehmärklen m Der verflossenen Woche hielt sich ungefähr im Rahmen Der Vorwoche. Die kühle Wetterlage begünstigte Das Geschäft unD regte Die Kauflust vereinzelt etwas an, Doch erwiesen sich Die Auftriebszahlen, Die in Den meisten Klassen eine Verringerung ersahrm haben, noch verschiedentlich als zu hoch. Es waren aus- getrieben: 24 600 RinDer gegen 25 100, 19 500 Kalber gegen 18 800, 11 400 Schale gegen 10 700 unD 82 000 Schweine gegen 86 800.
Am Rindermarkt waren Qualitätstiere und Bullen recht knapp. Die jüngeren Doll* fleischigen Dullen zogen unbedeutenD an. Im übrigen war Die Preisgestaltung nicht einheitlich, wobei sich die Verschiebungen nach un.en und oben Die Waage hielten. Das Kälber-- geschäft war wieder mittel, das Angebot machte keine großen Schwierigkeiten. Beste, sowie mittlere Mast- und Saugkälber zogen vereinzelt etwas an. Am Schaf markt waren prima Siallmaftlämmer sehr knapp. Gut genährte Schafe gaben etwas nach. Am Schweine^ markt bewegten sich Die PreisveränDerungen zumeist in abfteigenDer Richtung, betrugen jedoch selten mehr als 1 bis 2 Pfennig. Die Rachfrage nach schweren fetten Äh wein en hat etwas angenommen. — Nachstehende Preise in Pfennig per Pfund Lebendgewicht:
an
Rinder
Kälber
Schale <
Schweins
Berlin
18-58
53-87
22-70
63-74
Bremen
22-52
45-80
30-58
58-74
Breslau
16-55
45-71
48-63
63-77
Ehemnitz
20-63
55-84
41-62
61-77
Dortmund
23-51
50-92
—
62-74
Dresden
24-58
60-87
35-67
66-77
Düsseldorf
20-58
50-87
—
64-79
Elberfeld
20-51
50-85
—
—
Essen
25-58
60-92
30-58
62-75
Frankfurt M.
25-59
58-80
34-56
60-82
Hamburg
14-55
40-90
20-60
60-73
Hannover
20-60
45-90
45-60
60-74
Husum
18-55
—
44-55
—
Karlsruhe
22-56
50—79
—-
70-80
Kassel
20-58
54-78
--
65-77
Kiel
20-55
34-78
43-62
50-71
Köln
18-58
50-115
33-58
60-78
Leipzig
23-62
45-82
27-70
63-77
Magdeburg
20-53
40-80
20-56
60-77
Mannheim
16-58
44-79
42-46
64-78
München
17-60
60-78
—
57-77
Stettin
15-55
30-76
20-62
60-74
Stuttgart
15-57
53-78
—
55-82
Zwickau
15-55
65-83
50-63
68-79
„Hier, mein Sohn. Aber von deinem Auftreten im Rundfunk steht noch nichts Drinnen, so unwahrscheinlich es flinat"
Grotteck riß ihm die Zettung aus der Hand. „Und sonst nichts?"
„Dolen stänkert, und Frankreich krakeekt. In Tirol müssen die Hunde neuerdings italienisch bellen. Die Räteleute haben die glänzende Idee, vermittels einer Anleihe den Kapitalismus zu töten. Das wäre so ziemlich das Wichtigste."
„Und hier? Ist hier denn nichts passiert? Du bist doch sonst die lebendige Zeitung."
„Danke. Ader man ist Reporter, oder man ist es nicht — und ich bin es." Dieser bequeme, chwammige Bursche war der fixeste Berichterstatter )er Stadt. „Neues? Lieber Gott, was passiert hier chon Neues? Ein Planetarium ist angekauft, da der Himmel vor Rauchwolken doch nicht mehr zu sehen ist. Die Sparkassengläubiger hietten eine Versammlung ab, ohne andern &rfolg, als daß die Hundesteuer erhöht wird. Resultat: Protestversammlung sämtlicher Köter und Mißtrauensvotum am Eckstein des Finanzministeriums. Ja, und Baron Grotteck auf einem Bummel mit der kleinen Klavieristin vorn Alcazar."
„Das weißt du also doch schon?"
„Nimm dich in acht, o Jüngling! Das ist eine gefährliche Schönheit."
„Mir wird sie nicht gefährlich", unterbrach ihn Grotteck mürrisch, in der Zeitung blätternd. „Ist nichts Jntercssaittes passiert? Bankeinbruch? Raub? Verfolgung? Schüsse in der Nackt?"
„Du hättest Reporter in Indianapolis werden sollen. Du hast deinen Beruf verfehlt. Aber Phantasie allein macht es nicht. Die Nase muß man haben. Die Nase. Ich habe sie."
Ja — dachte Grotteck höhnisch —, aber diesmal hat die Nase versagt!
Fährmann erhob sich kauend. ,,3d) werde mal in der Küche nachsehen, ob Mutter Zedlitz nicht etwas Kaftee reserviert hat."
Grotteck riet eifrig zu. „Auf dem Herd ist sicher noch was. Du kannst ihn jo dort gleich auf- wärmen."
Er atmete tief auf, als Fährmann draußen war. Das Geld mußte versteckt werden. Aber wo? Als einziger Platz blieb die Kommode. Vielleicht unter der Wäsche in der untersten Schublade.
(Fortsetzung folgt)


