Itr.252 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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Dienstag, 2. Oktober 1928
Selbstverwaltung und Reichsreform
Berlin, 29. September 1928.
Gießen.
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merk'
Diie englische Akademie scheint einem
Die Affenlammer - ein seltsamer Dichterbund.
zeuge und Trains ins Auge. Die krästrgen, schönen und gleichmäßigen Pferde sind, entsprechend wie die Menschen, Zivil- und Militär- amphibien. Sie tun gewöhnlich bei Dauern und in anderen Betrieben Dienst, müssen aber zur Verfügung der Militärbehörde gehalten werden. Zu den Wiederholungskursen, die sich ja zeitlich an niemanden anschließen und daher insgesamt über einen langen Zeitraum erstrecken, werden sie ausgehoben.
damit selbst in üb er militaristischen Heeren wie dem französischen, dem polnischen, tschechoslowa- kischen usw. in Anbetracht der auch dort recht kurzen Dienstzeiten wesentlich besser bestellt ist.
Was aber jeden Soldaten uneingeschränkt erfreuen müßte, war die Frische und Freudigkeit der sämtlichen Truppen ohne jede Ausnahme. Es ist keine Kleinigkeit vom Dureau- stuhl, vom Pfluge, aus der Fabrik fort plötzlich Soldat zu werden. Mit gepacktem Tornister, Gewehr Stahlhelm und sonstigen Annehmlichkeiten soldatischen Wesens durch den schweizerischen Jura bergauf und -ab in langen Marschkolonnen zu marschieren, zu kämpfen, draußen zu nächtigen usw. Schon die bloße älnterord- nung unter einen höheren Willen fällt ja den jungen Zeitgenossen recht schwer. Aun, dies alles wurde bei der Znf.-Brigade 6 spielend geleistet. Der beste Beweis dafür war die Haltung der Truppe beim „defilen" am Mittag des 13. September, das die Manöver abschloh.
Das Defilea, von Defilieren, vorbeimarschieren,
lebendigen und anschaulichen Vortrag durch eine Menge guter und großer Lichtbilder, die vor allem in das religiöse Leben der bereisten und erforschten Gebiete interessante Einblicke vermittelten: da sah man Lamas und Tempel, Gebetsmühlen und Gebetsmasten, Opfersteine, Tanzfeste und Prozessionen
abgeleitet, ist eine im schweizerischen Heer gern geübte Form dessen, was wir Parade nennen. Da Volk und Heer ja vollkommen eins sind, soll der Bevölkerung möglichst oft die Miliz in Waffen gezeigt werden. Die übenden Soldaten sollen ifne Vorgesetzte sehen, sie sollen sich in Reih und Glied großer Verbände ein gegliedert fühlen und die mitreißende Macht spüren, welche der von einem Sinne beseelten Masse innewohnt. Als im Taktschritt, mit flatternden roten, weißgekreuzten Fahnen die Bataillone an ihrem Oberst-Divisionär, einer vorbildlichen Eoldatenerscheinung, vorüberzogen, während ' ringsum Landvolk, Autoinsassen, die Schuljugend und die Schweizer Berge zuschauten, drängte sich dem deutschen Manövergast noch einmal zwingend der eingangs dieser Zeilen behandelte Gedanke auf, daß er einem Schauspiel beiwohne, bei dem sich Militär, Volk und Land restlos verschmolz, einer Einheit also, von der wir in Deutschland, ach noch so weit, entfernt sind.
3m Land der Miliz.
Eindrücke von einem schweizerischen Manöver.
Von Siegfried Boelcke, Oberstleutnant a. O.
würdigen Irrtum -um Opfer gefallen zu sein, der bei dieser angesehenen Gelchrtengesellschast besonders peinlich berührt. Sie hat nämlich den bekannten russischen Dichter Alexej R e m i s v f f
gessenheit geraten.
Dr. Mulert hat in Breslau mit anerkennenswertem Mut gesagt, daß es nur ein Vorwärts in der Richtung aus ein einheitliches Reich gebe, und daß dies die wichtig st e staatspolitische Aufgabe der Gegenwart sei. Ra- türlich hat er das vor allem pro domo gesprochen, d. h. im Interesse einer stärkeren Stellung der großen Selbstverwalturigskörper innerhalb des Gesamtreichs. Aber auch der überzeugteste Föderalist wird anerkennen müssen, daß ohne eine Aktivierung der städtischen Verwaltungen zugunsten des Reiches eine wirkliche Ver- waltungsrefvm gar nicht durchgeführt werden kann. Ratürlich wird es dabei ohne eine Schwächung der Position, die die Länder jetzt noch innehaben, nicht abgehen, da ein Zurückdrängen der Reichsverwaltung sich aus den verschiedensten, vor allem außenpolittschen Gründen ganz von selbst verbietet. Durch die Rachkriegsgesehgebung, in erster Linie durch die Erzbergersche Steuerreform und den geltenden Finanzausgleich ist sicherlich die Stellung des Reiches bereits sehr wesentlich gestärkt worden. Man hat dabei aber übersehen, daß der andere tragende Pfeiler des deutschen Gesamtstaates, eben die Kommunen durch die Länder meist so weit geschwächt worden ist, | daß von der so oft gerühmten Selbstverwal-
zu ihrem Mitglied erwählt, und zwar wegen seiner „Affenforschungen". Wenn wir aber den Mitteilungen von Essad Dey in der .Literarischen Welt" glauben dürfen, dann liegt Remisoffs De- schäfttgung mit den Affen auf einem ganz andern Gebiet, das mit gelehrter Arbeit außerordentlich wenig zu tun hat. Remisoff ist nämlich der De- gründer der „Großen und freien Affenkammer', einer wunderlichen Dtchtergesellschaft, die die Zeremonien und Spähe deutscher Dichtergesell- schaften der Biedermeierzeit, wie der „Ludlams- höhle", wieder auf leben ließ und in der russischen Literatur eine große Rolle gespielt hat. Die
Wert daraus gelegt hat, seinen Magdeburger Ausführungen jede Schärfe gegen die Länder zu nehmen.
Gießener Vottrags-Beremigung.
Bort rag von Dr. Wilhelm Filchner.
Die große Aula war dichtbeseßt. Man saß in drangvoll fürchterlicher Enge. Eine erwartungsvolle Menge Kopf bei Kops. Und dieser über alles Erwarten starke Besuch des Vortrags — es sollen mehr als 1000 Personen anwesend gewesen sein — wirkte wie eine huldigende Kundgebung und gewahrte so etwas wie eine späte Genugtuung, wenn man angesichts der Menschenmenge, die Fit ch n er einen überaus herzlichen Empfang bereitete, sich des dürftigen und beschämenden Einzuges erinnerte, den der heimkehrende Forschungsreisende in der Hauptstadt des Reichs hat halten müssen.
Filchner erschien, von lebhaftem Händeklatschen begrüßt, er bestieg sogleich das Rednerpult, und hatte schon nach den ersten Worten, kraft seiner urwüchsigen und starken Persönlichkeit, die Herzen der Hörer gewonnen. Er sprach ganz einfach, schlicht, anschaulich, mit gutem Humor und einer oft rührenden Bescheidenheit. Er sagte zum Beispiel einmal: „Dann durchquerten wir die Wüste Gobi", und es hörte sich so an, als ob unsereiner berichtete, er sei gestern nach Rauheim oder nach Kassel gefahren. >21 her es wird kaum einer unter den Hunderten gewesen sein, dem nicht hinter so alltäglich hingewor- fcnen Worten das Große und manchmal lieber menschliche schon der rein physischen Leistung dieses Mannes auf seinem Expeditionszuge beklemmend aufgestiegen wäre.
Filchner erzählte gestern abend von seiner bisher letzten Expedition nach Zentralasien. Er begann damit an Hand einer großen Uebersichtskarte so etwas wie einen Situationsplan, ein Bild seines Kriegsschauplatzes gewissermaßen, zu entwerfen und aufzuzeichnen. (Man kann dies und alles Folgende nur stichwortartig und andeutungsweise wieder- qeben; zunächst aus räumlichen Gründen, auch vieler fremder, unverständlich klingender und ver- qejfcner Namen und Bezeichnungen wegen, vor allem, weil im verdunkelten Raum nur mit Muhe und Unterbrechung Notizen zu machen waren.)
FUchner beschrieb also zuerst die Marschroute seiner Ende 1925 begonnenen Reise. Er zeigte uns die Expeditionswege mit der Bahn, im Auto und Leiterwagen, die Karawanenstraßen und das gigantische „Dach der Welt", Himalaya geheißen.
Gegen Abend standen wir auf der Kalkhöhe, einem Paß mitten in der blauen Verteidigungsstellung. Weit schweifte das Auge nordwärts über die in immer tiefer sinkenden Wellen ab- 1 gestuften Iuvaberge. Gerade wurde der Befehl zur Besetzung und Verstärkung der (Stellung erteilt, die auch im Ernstfälle Bedeutung gewinnen kann. Ist sie doch ein Ausschnitt aus dem Grenzwall der Iuraketten, die selbst ein titanischer Defestigungsmeister nicht wirksamer für den Grenzschutz gestalten könnte, als die Ratur es tat. Von einer frontalen Verteidigung ist 1 dort wenig die Rede, aber viel wirksamer, flankierende imb sich nach der Angriffsseite hin kreuzende Feuergarben ergeben sich überall in den allerverschiedensten Abwandlungen. Die Rächt brach mit herbstlicher Kühle herein, aus den neuzeitigen Feldküchen, die in sehr richtiger Weise unentwegt die Kompagnien usw. überallhin begleiten, wurde „gefaßt" (das Gegenteil etwa von ^.gefastet"), und dann ging Blau an die Einrichtung der Stellung. Reben der Verteilung der schweren Waffen (Kanonen und Mitrail- leufen), der Ausgestaltung der Widerst andslinie und der Aufstellung rückwärtiger Reserven und Fahrzeuge handelte es sich wesentlich auch um Arbeiten am Fernsprechnetz. Das Legen und Instandhalten der Leitungen in jenem schwierigen Gelände stellte hohe Anforderungen an die Mannschaft. Ich glaube, daß die eingeleiteten Bestrebungen, Meldehunde in großem Llmfang enrzusühren, gerade in der Schweiz noch bessere Ergebnisse zeitigen werden, als sie bereits in der Reichswehr erreicht hoben.
Der rote Angreifer, äußerlich durch eine weiße Binde um den Stahlhelm kenntlich.
„Unfct WilMston ist keine Esporiwnie!" ; Diese Qleufierung eines bedeutenden schweizerischen Militärs wird unterschreiben, wer einmal einem Manöver im Mittel- oder Hochgebirge dieses einzigartigen Landes folgen durfte. Dann erscheint nämlich das ebenso einzig dastehende fchweizerische Milizwesen eng verbunden mit der herben, den Eindringling abschüttelnden Statur der Stell-Täler und -Hänge sowie mit der Ratur- Wtrbundenheit, Heimattreue, Freiheitsliebe und Geschichte des Schweizervolkes. Rur auf diesem Boden und in diesem Volk konnte eine Verteidigungssvrm erwachsen, die Den Unterschied zwischen Bürger und Soldat fast ausyLot, nahezu alle, ohne Rücksicht auf Stellung, Besitz und Gesinnung, mit dem Wehrgebanten erfüllt und trotz kürzester Dienstzeit wahrhaft glanzende Ergebnisse liefert.
3m Flachland, wo der Motor die Kriegsmaschinen schnell voranbringt, und der Flreger m 1 über er Höhe bleibt, wird eine Miliz vielleicht versagen. Es wäih aussichtslos, in knapp 14- togigen „Wiederholungskursen die Wehrpflichtigen in alle Feinheiten des mechanischen Kampfes einweihen zu wollen, 3m Gebirge aber nützen Maschinen wenig. Allzuoft bleibt auf den steilen gewundenen Straßen um. in den Engen der schwere Troß liegen. Die gefürchteten Kampfwagen vermögen jene jähen ober dichtbewaldeten Berge nicht zu erklimmen, und der Flieger muß erwarten, von irgend einem Gipfel aus unversehens eine Geschoßgarbe in den Motor zu erhalten. Die leichten, leicht zu versteckenden Waffen also, das Maschinengewehr und Gewehr, auch noch die Kanone, beherrschen dort das Feld. Sie im Stellungskampf an genau erkundeten, vielfach befestigten Orten zu verwenden, ist eine Ausgabe, die der Schweizer rasch und gern lernt, und hierin also gipfeln viele der „Wiederholungskurse".
älngewöhnlich ist bereits die Art, tote die aufgerufenen .llebungspflichtigen s i ch versammeln. Am ersten Tage, meist einem Montag, erscheinen mit samt ihrer Uniform und Waste, der Kavallerist auch mit Pferd, am Ausstellungsort. Sie haben eben ihre persönliche Ausrüstung auch daheim bei sich. Kein Wunder, daß die Bildung der Kompagnie, Batterie usw., in der säst alle sich von früher her kennen, überaus rasch vvnstatten geht. Schon am frühen Rachmittag marschiert oder fährt die Einheit dann ins Land hinaus, meist in ein Dorf, wo Quartier bezogen und im einzelnen geübt wird. Anfangs der zweiten Woche beginnen die drei bis vier Tage währenden Manöver. Seit einigen Jahren gingen sie nicht über den Rahmen der Brigade hinaus weil erst einmal die neueste Waffe des schweizerischen Heeres, das leichte Maschinengewehr, eingeführt werden mußte. Von 1929 ab jedoch werden wieder Divisionsmanöver ftattfinben.
Am 12. und 13. September d. I. war es mir vergönnt, im Jura bei Eptingen (unweit der belannten Bahnstation. Olten) den Feldübun- gen der 11. Infanterie-Brigade 6. beizuwohnen. Auf jeder Partei focht ein onf.- (oder Schützen-) Regiment mit einigen Batterien, Rot, der spätere Angreifer, hatte ferner eine Radfahrer abteilung erhalten. Kavallerie war nicht vertreten. Am Vormittage des 12. hatte sich ein Bewegungsgefecht abgespielt, Vach einer Pause trat folgende neue Lage in Kraft: Blau erhielt den Befehl, die ost-westwärts streichende Höhe des Schmutzberges in Anlehnung an rechts und links angenommene Rachbartruppen zu verteidigen, Rot hatte anzugreifen. Lfiirch die Strahenenge von Eptingen sahen wir die blauen Einheiten, das lebhaft gegliederte, durch Berg- und Waldkulissen unübersichtlich gestaltete Massiv des bis etwa 1000 Meter Höhe ansteigenden Schmutzberges erklimmen. Dabei fiel die Güte und Zweckmäßigkeit der Geschirre, Truppenfahr-
„ Affenkammer" ist vor 20 Jahren entstanden, und zwar soll folgendes der Anlaß gewesen sein: Remisoffs kleine Richte erkrankte, und der Phan- tasievolle Dichter, der so reizende Fabeln geschaffen hat, erzählte der Kleinen zur Pinterhaltung Märchen aus dem Leben des Affenkönigs Assyka-Walachtantararachlaranbärufä, die dann später in Buchform erschienen sind. Der Afsen- könig verteilt hier Affenorden und Affenwürden, und Remisost über trug diese Phantasie in die Wirklichkeit, indem er eigenhändig Affenorden herstellte und an bekannte Dichter versandte. So entstand die „Afsenkammer", der sich bald alle namhaften russischen Dichter und Künstler anschlossen. So war z. D. Rosanow der älteste Astenfürst, dem in der Stufenleiter Gorki als „Astenfürst und Kavalier 1. Grades mit dem Globus" folgte. Es war eine Spahgefellschaft, die — ebenso wie z.B. die „Schlaraffia" — die offiziellen Würden und Orden verulkte. Es gab eine Astenbureaukratie, Affenerlasse. Affenurkun- den in altslawischer und in der von Remisoff erdachten Affenschrift, die vom Dichter als „Kanzler" „eigenschwänzig" unterschrieben wur- den. In dem Manifest des Asfenfimigs Assyka heißt es il a., daß „die, welche ihre Schwanz- spitze ins Tintenfaß tauchetz, oder den kleinen Finger, wenn der Aste schwanzlos ist. sich erinnern sollen, daß alle Ränke der dickwanstigen Vergifter (der Menschen) im klar aufrichtigen und kühnen Affenreich nicht geduldet werden." Wegen eines Affenschwanzes kam es einmal zu einem grimmigen Streit zwischen den Dichtern Ssologub und Alexej Tolstoi. Tolstoi hatte sich nämlich für einen Maskenball von Ssologub ein Affenfell geborgt, und als er eis zurückbrachte, war der Schwanz abMschnitten. Remisoff hetzte daraufhin die beiden Poeten gegeneinander und redete so lange, bis die ganze Petersburger Literatur in zwei feindliche Lager, in die „für den Schwanz' und die „gegen den Schwanz", geteilt war. Schließlich stellte sich heraus, daß Remisoff selbst den Schwanz auf dem Maskenball abaefchnitten hatte, weil er ihn für seine Unterschriften in der Affenkammer brauchte. UebrigenS haben auch einige Deutsche der Affenkammer angehört, so der bekannte Literarhiftoriker Dr. Luther, der „Affenfürst und Kavalier 1. Grades mit dem
| Schnepfenflügelchen" war.
Das wissenschaftliche Ziel der Expedition: die drei großen magnetischen Vermessungsuetze — das europäisch-westasiatische, das chinesische und das indische — miteinander zu verbinden. 160 magnetische Stationen wurden unterwegs errichtet. Filchner erzählt, wie das vor sich ging, unter welchen Mühseligkeiten und Entbehrungen, und man spürt immer wieder: mit welcher unendlichen Liebe zur Sache, mit welchem Pflicht- und Verantwortungsgefühl, wie mit zusammengebissenen Zähnen oft hier Schritt um Schritt, Station für Station erkämpft, erlitten und erarbeitet worden ist. (Die zurückgelegte Strecke entspricht, beiläufig, einer Entfernung von hier nach Tokio.) Zweieinhalb Fahre dauerte die Expedllion, und das große, von Anfang an aufgestellte wissenschaftliche Programm ist planmäßig erledigt worden. Filchners neue Bücher und der demnächst erscheinende Expeditions- film werden die Ergebnisse seiner Reise gründlicher und umfassender ans Licht stellen, als es ein kurzer Ueberblick im Vortrag vermag.
Manches wäre noch zu erzählen von den gewissenhaften Vorbereitungen, den Meßskudien, der Film- ausbildung, von den Mißhelligkeiien und Widrigkeiten der'Expeditionszeit, von einer schweren Gallensteinerkrankung im Winter unterwegs, von den unglaublichen Schwierigkeiten, unter denen im Lager und auf dem Marsch, inmitten einer ost feindseligen und mißtrauischen Bevölkerung, mit Taschen- spielerkünsten wiffenschaftlich gearbeitet werden I mußte — und mit erfrorenen Händen und Füßen | und gebrochenen Rippen zuletzt. —
und manches andere mehr.
Filchner schloß seinen Vortrag mit einem dankbaren Lebewohl an seine guten Freunde im Herzen Asiens, mit herzlichem Dank an die unterstützungs- bereiten Regierungen der von ihm bereisten Länder und auch an manchen anhänglichen und hilfsreichen Freund und Landsmann in Deutschland. Er entließ seine Hörer mit dem Hinweis auf die großen weltpolitischen Zusammenhänge und Bindungen unserer Zeit und auf die Notwendigkeit des „Denkens in Kontinenten", wozu, wie er hoste, auch seine letzte Forschungsreise ein wenig beigetragen haben möge.
An den Vortrag schloß sich noch ein Begrüßungs- abend, Filchner zu Ehren, In kleinerem Kreise an. Professor Dr. Krausmüller, namens der Vortragsvereinigung, und Bürgermeister Dr. S e i b , im Namen der Stadt, richteten herzliche Worte des Willkommens und des Dankes an den Redner des Abends. Dr. Filchner erwiderte in kurzen, schlichten Worten und leerte sein Glas auf das Wohl der Stadt
tungsreform auch berücksichtigt werden müssen. Es ist denn auch wvhl der größte Mangel der von Reich und Ländern beschickten Reformkonferenz. daß in ihnen die berufenen Vertretungen der deutschen Gemeinden, vor allem also Städtetag und Städtebund, nicht ebenfalls Sih und Stimme haben. Wenn überhaupt, so ist eine großzügige Reichsreform, die zur Vereinfachung und durchsichfigeren Gestaltung der inner beut- chen Verwaltung führen soll, doch nur dadurch zu erzielen, daß ein großer Teil der Staatsaufgaben, namentlich, soweit sie nicht rein hoheitsrechtlicher Ratur sind, an die vorhandenen Selbstverwaltungskörper delegiert wird. In dieser Richtung bewegen sich ja auaj die Breslauer Wünsche des Städtetages und die Heidelberger Forderungen des Reichsstädtebundes, denen man um so weniger Berechtigung absprechen darf, als sie mehr als zwei Drittel der gesamten deuffchen Einwohnerschaft repräsentieren. Da die Kommunalorganifationen aber tu der Länderkonferenz nicht vertreten sind, ist leider anzunehmen, daß ihre Haltung in Den Arbeiten der Berichterstatter wie der Vollkonferenz überhaupt nicht berücksichtigt wird, so daß wir schon deshalb die Einrichtung einer kommunalpolitischen Abteilung im Reichsinnenministeriums begrüßen, da hierdurch wenigstens eine gewisse Gewähr dafür gegeben ist, daß die berechtigten Forderungen der Kommunen über dem Ringen der Hoheitsverwaltungen von Reich und Ländern um das Gesicht und die Gestaltung der Reichsreform nicht völlig in Der-
Die Mitteilung des Reichsinnenministers auf dem Deutschen Städtetag in Breslau, daß in fernem Ministerium eine kommunalpolitische Abteilung eingerichtet werden solle, hat in der breitesten Öffentlichkeit auffallend wenig Beachtung gefunden. Richt zuletzt liegt baS wvhl daran, daß zurzeit bas politische Interesse in Deutschland von wichtigeren. — oder auch nur scheinbar wichtigeren — Dingen in Anspruch genommen wird. Die besonderen Interessen der Städte, ihre wirtschaftlichen und sozialen Funktionen, vor allem auch die eigen- tümliche Stellung der Kommunen im Verwaltungsausbau Deutschlands sind eigentlich erst in den letzten Jahren wieder Gegenstand der Erörterung geworden. Lind es ist nicht zu leugnen, daß namentlich die vorjährige Veranstaltung des Deuffchen Städtetages als der Vertretung der deutschen Großstädte mit zusammen rund 26 Millionen Einwohnern zu teilweise recht bewegten Diskussionen Veranlassung gegeben hat. Damals trat nämlich zum ersten- mal ganz klar in Erscheinung, daß die deutschen Kommunen und Kommunalverbände ein besonders starkes Lebensinteresse an einem gründ- M-WKKVDZI EwkäS«:
unschwer zusammenschrehen. Tat^chlich kam es ££ ™ und auch diesmal kann die Bayrische der^MaNie! Voltspartei nicht umhin, den leitenden Elementen roten Datalllone. 3nOTaHre- ätschen Städtetages vorzuwerfen, daß sie rung jedoch, mber die Gelegenheit der Breslauer Hauptversamm-
sie im Krrege Legronen Tod^gewordm. ergriffen hätten, „die Städte als Sturm-
I sä«
und im System begründet liegt. Die taktische Erfahrung der Truppe im Gelände kann bei den überaus kurzen Lieblings- zeiten selbstverständlich nur gering sein. Dazu kommt, daß die langjährige Kriegsschulung fehlt, die den meisten europäischen Offizieren der älteren Jahrgänge im Uebermaß eingehämmert wurde. Beide Ursachen haben zur Folge, daß man, namentlich im Gefecht, Erscheinungsformen begegnet, die unter der Wirkung jetziger Feuerwaffen nicht lange bestehen können. Dies wird von bin Vorgesetzten vollkommen erkannt, ist aber höchstens bis zu einem gewissen Grade abzustellen, denn Milizen müssen eben Gruppen-, zug- und kompagnieweise ge- f ü h r t und können nicht, wie z. D. bei der Reichswehr einzeln losgelassen und sich als Einzelwesen lange Zeit selber anheimgegeben werden. Ich möchte übrigens bezweifeln, daß es
Schon aus dieser kurzen Skizzierung des inner- deuffchen Gesamtrahmens, in dem sich die kom- munalpolifischen Wünsche bewegen, ergibt sich schlüssig, daß es heute weniger beim je angeht, die Kommunalpoliffk als eine quantitö negigeable gegenüber den Sorgen des Reiches oder der Länder zu betrachten und demenffprechend zu behandeln. Im Gegenteil: Bei aller Reserve, die namentlich gegenüber der Frnanzwirtschaft verschiedener Städte in der Vergangenheit angebracht war und auch weiter angebracht ist, sind wir doch der äleberzeugung. daß die deutschen Gemeinden in ihrer Gesamtheit neben dem Reich der wichtigste Eckpfeiler des deutschen Staates sind, upd bah sie dementsprechend bei der Durchführung einer grundlegenden Verwal- I
Weite weiße Flächen dehnen sich auf der Karte I Filchner belebte lernen an sich schon überaus vor dem erstaunten Blick: die Wüste Gobi und das | »m»
Hochplateau von Tibet. Die riesigen Grenzen des Expeditionsgebietes, nach Rußland, nach China hin, werden abgesteckt. Der Bürgerkrieg im fernen Osten wirst bedrohlich seine flackernden Schatten über die einsamen, endlosen Karawanenstraßen der Expedi- tion, „dann durchquerten wir die Wüste Gobi" — wie einfach das klingt! —, sehr viele fremde, östliche Namen tauchen auf, verklingen wieder, bekannte dazwischen: Mandschu, Hoangho, Yangtsekiang, Bild reicht sich an Bild: ausgetrocknete Flüsse, schwere Tierverluste, moderne Truppen im Herzen von Tibet, hoher Schnee, Kälte, Hunger, Krankheit, kein Geld, kein Proviant ... Sven Hedins Name fallt (Filchner hat seinen früheren Weg gekreuzt), „dann überquerte ich den Himalaya im Winter unter stän- diger Lawinengefahr", und bann über Kalkutta und Bombay nach Hause.


