Montag, 2. Juli 1928
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesseu)
Nr. 155 Drittes Blatt
Er stieg aus, Maria lehnte sich mit erleichtertem Aufatmen zurück. Die Beamten gingen schon nach hinten zum zweiten Zug — die Unterschrift würde ihr erspart bleiben.
,,3d) habe Blut geschwitzt," sagte Godesheim leise, neben sie tretend.
„Oh, aber warum? Ich hatte die Schrift gesehen. Klein und zierlich, ich hätte gekritzelt. So mit wun- den Fingern — das tonnte |a nicht ähnlich werden. Aber — besser isfs so."
„Ihr Kaffee ist über dem eiskalt geworden. Wir werden noch einmal bestellen. Bitte sehr —" Er hatte schon nach dem Ober gerufen. Als SoUmanu zurückkam, saßen die beiden in bestem Einvernehmen vor ihren frisch gefüllten Tassen, und Godes» heim strich sorgsam 'JOtarias Brötchen, damit sie die wunde Hand schonen konnte.
Zehn Minuten später war der Zug über die Grenze, und nach einer weiteren Viertelstunde erhob sich das Mädchen, stand schlank und vornehm vor ihrem Beschützer und sagte „Ich danke Ihnen auf« richtig, mein Herr, für Ihre Ritterlichkeit. Jetzt möchte ich in mein (feupe zurückgehen. Glückliche Reise!"
„Auf Wiedersehen," ein Stocken, nicht länger als eine Sekunde, „gnädiges Fräulein. Bielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen. Sie dürfen versichert jein, daß ich bann — wie hier — stets gern zu Rat und Tat bereit bin." Eine leichte Der* neigung auf ihrer Seite, eine ehrerbietige auf der seinen — sie ging, von Heinz Godesheim gefolgt, den Weg zur dritten Klasse zurück.
Und wieder sang es in ihr: „Elena! Elena! —• Run bin ich schon im Lande! Run bin ich vor Abend bei dir."
In Verona hatetn sie den Zug gewechselt, und wir selbstverständlich hatte Godesheim die Sachen Marias an den Venediger Zug getragen, war mit ihr in den gleichen Wagen gestiegen, blieb neben ihr im Gang stehen, als das überfüllte Abteil allzu abstoßend en schien, und so — an ihrer Seite hinausschauend irt die lombardische Ebene, die schon Im jungen Früh« llngsgrün prangte — erzählte er ihr von Den vielen Sn deutscher Heere, bk feit fast zwei Jahren über italienischen Boden gezogen waren.
1 _ (Fortsetzung folgt)
Die neue Verkehrsordnung für Gießen.
Konflikt zwischen Stadt und Ortskrankenkasse.
gegen
Schluß des Gtadtverordnetensitzungs- berichts vom 29. Juni.
Herkehrsordnung her Stadt Wiegen.
Der vom Polizeiamt Gießen den städtischen Körperschaften zur gutachtlichen Aeußerung vor- gelegten Verkehrsvrdnung Wirb unter Gel- tendmachung einiger Abänderungswunsche duge» stimmt Das Stadtparlament wünscht, daß auch der Marktplatz, die Marktstrabe und die MäuSburg als Einbahn st raße gelten und nicht wie die Dervrdnung es vorsieht, für den gesamten Fahrzeugverkehr gesperrt sein sollen. Den Anliegern des Selterswegs soll nach der Polizeiverordnung und mit Einverständnis der Stadtverordneten gestattet fein, von 7 bis IG/, Uhr. von 13'/» bis 16 Ahr und von 22 bis' 6 Uhr den Seltersweg auch in der -Richtung Kveuzplah mit Fahrzeugen zu bc- nuMn. wird jedoch zn der Aussprache all* leitig der Wunsch laut, die Polizeiverwaltung möge vor dem Erlaß der Bertehrsordnung erst noch einmal mit den Anwohnern des Selters- megs verhandeln und deren Wünschen soweit wie irgend möglich Rechnung tragen. Für den R a d - fahr - und Kraftradverkehr gesperrt werden soll auch der Weg von der Lahnbrücke über die Bleiche zur Schützenstrahe. Beim Ueberfahren des Bürgersteiges zwecks Sin- und Ausfahrt bei Gehöften soll nach dem Wunsche der Stadtverordneten di« Borschrift bestehen, daß Fahrräder gedrückt werden müssen. — Der Ausschuß der Seltersweger-Dereinigung hat zur Frage der Verkehrsordnung der Stadtvervx»ltung. den Stadtverordneten und der Presse eine Zuschrift zugehen lassen, die die Wünsche der Seltersweg- -Bewohner zum Ausdruck bringt und die wohl auch bei einer evtl, nochmaligen Besprechung mit dem Polizeiamt in Betracht kommen wird.
Konflikt
zwischen Stadt und Ortskrankenkasse.
Gegen die Abgabe von Baugelände im 6 r b b aurecht an die Allgemeine Ortskrankenkasse hat die Fraktion der M i 11 c 1- standsvereinigung Einspruch erhoben. Der Bau-Ausschuß hat sich mit dieser Angelegenheit bereits beschäftigt, er tonnte aber zu keinem entscheidenden Entschluß kommen uub hat btc Sache dem Plenum des Stadtparlaments
kcnkasse mittciltc, soll die geplante Zahnklinik nicht dazu bestimmt sein, die Zahnärzte zu schädigen, denn die Ortskrankenkasse stelle es »ach wie vor ihren Mitgliedern frei, zu den Zahnärzten oder Dentisten ihres Vertrauens zu gehen, kein Tlitglieb der Ortskrankenkasse werde gezwungen werden, die Zahnklinik der Ortskrankenkasse in Anspruch zu nehmen. Die Erledigung der Angelegenheit wird von der Ortskrankenkasse als dringend bezeichnet, da schon bald mit dem Bau begonnen und die Aus» schreiben hierzu ergehe» solle». Da der Bauane- schuß sich zu keinem Entschluß hat durchringen können, hat die Stadtverwaltung den Vermittlungsvor- schlag gemacht, die Ortskrankenkasse möge bas erforderliche Gelände zum vollen Preise kaufen und dann bauen. Daraufhin hat die Ortskrankenkasse erklärt, sie verfüge nicht über die zu diesem Grund stückskauf erforderlichen Mittel-, wenn die Stadt die Hergabe des Geländes im Erbbau ablehne, müsse sie auf den Bau verzichten.
In der Aussprache erklärt Stadtv. Mann (Soz.), es gehe zu weit, wenn die Stadtverordneten jedermanns Sonderwünschen Rechnung tragen sollten. Der Beschluß, das Gebäude in der geschilderten Art zu errichten, sei von den Der- tretern der Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Ortskranlenkassenausschuß einstimmig gefaßt. Es sei daher bedauerlich, daß in Gießen ein solcher Schritt wie der Antrag der Mittelstands- Vereinigung geschehen könne. Stadtv. R i c o - laus (Mittelstands-Vgg.) betont, die Stellungnahme seiner Fraktion sei von grundsätzlichen Erwägungen diktiert. Seine Fraktion habe zu- gestimmt, daß das Gelände zum Dau eines Ber- waltungsgebäudes und zu nichts anderem im Erbbau abgegeben werde: obwohl seine Fraktion dem Erbbaurecht ablehnend gegenüberstehe, habe sie diesen Beschluß mitgefaßt, um der Ortskrankenkasse entgegenzukommen. Als dann bekannt wurde, daß in dem Gebäude auch klinische Einrichtungen erstehen sollen, war eine neue Lage gegeben. Rach seiner und seiner politischen F^nnde Ansicht handle es sich hier um die Schaffung eines Betriebes mit sozialisertem Charakter, und da mache seine Fraktion nicht mit. Was sich jetzt hier zeige, werde dann späten bei gegebener Gelegenheit auch gegen andere Erwerk^grnppen angewandt. Derartige Bestrebungen noch durch kostenlose Vergabe von städtischem Gelände zu unterstützen, bestehe für die Stadt kein Anlaß. Aus dieser grundsätzli-'-en Einstellung heraus sei der Antrag der Mll.el- standsvereinigung gestellt. Stadtv. Fischer (Dem.) macht auf die vom Stadtv. Mann erwähnte Einstimmigkeit der Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Dertreter aufmerksam, bemerkt Welter, die Ortskrankenkasse betrachte die Errichtung der Zahnklinik als vordringendste Aufgabe und erklärt zum Schluß, seine politischen Freunde würden für die ^Übereignung des Geländes in der früher beschlossenen Form stimmen. Stadtv. vorn (Dt. Dp.) hebt hervor, die Ortskrankenkasse sei steuerfrei, die Zahnärzte und Dentisten aber steuerpflichtig. Run solle zu der bisherigen Dergünstlgung an die Ortskrankenkasse noch eine weitere hinzukvmmen. Gr stimme der Auffassung des Stadtv. R i c o l a u s zu, daß hier der Versuch zum Sozialisieren gemacht werde, llcbri- gens trage sich auch die ülniversität mit dem Gedanken der Errichtung einer Zahnklinik. Die Rotwendigkeit einer solchen Einrichtung der Ortskrankenkasse sei zu bestreiten. Seine Fraktion werde dem Antrag« der Mittelstandsvereinigung zustimmen. Stadtv. Beckmann (Soz.) betont den sozialen Charakter der Ortskrankenkasse, weist darauf hin, daß ja auch künftig jedem Mitglied die freie Wahl darüber zustehen solle, wem es sich in der Zahnbehandlung anvertrauen wolle, erwähnt die von der Ortskrankenkasse bereits geleisteten Vorarbeiten und Aufwendungen und ersucht um die Beibehaltung des Beschlusses, das notwendige Gelände im Erbbaurecht abzugeben. Stadtv. Schulz (Fr. Dg.) spricht sich gegen den Standpunkt der Ortskrankenlasse aus und erklärt, ein Rotstand, der zur Errichtung dieser Zahnklinik zwinge, bestehe in Gießen nicht.
überwiesen.
Beigeordneter Dr. Hamm berichtet über den Sachverhalt. Am 15. Dezember 1927 hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, Gelände im Erbbaurecht an die Ortskrankenkasse für den Bau eines Verwaltungsgebäudes abzugeben. Nachdem der Ortskrankenkasse dieser Beschluß mitgeteilt worden war hat sie ein Preisausschreiben zur Erlangung von Entwürfen erlassen. Nun kam die Behauptung, daß in dem Neubau auch eine Zahnklinik und Baderäumc eingerichtet werden sollten. Jetzt erhob die Fraktion der M i t t e l st a n d s v e r e i n i- gung Einspruch gegen die Hergabe von städti- schein Gelände im Erbbau (also kostenlos) an die Ortskrankenkasse, weil dadurch steuerzahlcnden Bürgern und dem städtischen Dolksbad von der Orts- krankenkasfe, die sich des kostenlosen Besitzes städtischen Geländes erfreuen könne, Konkurrenz gemacht werde. Es ist mittlerweile in einer Aussprache mit dem Geschäftsführer der Ortskrankenkasse, Fourier festgestellt worden, daß Baderäume in dem Neubau nicht aeschaffen werden sollem dagegen ist die Einrichtung einer Zahnklinik vorgesehen. Weiter kamen noch Einsprüche der Gießener Zahnärzte und der Dentisten, die wirtschaftliche Schädigung durch eine Zahnklinik der Ortskrankenkasse befürchten und geltend machen, cs könne nicht die Aufgabe der Stadt sein, durch die kostenlose Hergabe von Gelände an die von allen Steuern befreite Ortskrankenkasse zum Schaden der Zahnärzten und Dentisten beizutragen, die neben der bisherigen Einkommensbesteuerung seit einiger Seit auch zur Gewerbesteuer herangezogen werden. Wie Herr Fourier als Geschäftsführer der Ortskran-
Stadtv. L o e b c r (D. Dp.) ei wähnt das Dciipkl der Innungsklankcnkaffen. die nur wegen der hohen Beiträge Der Ortskrankenlasse gegründet worden seien und bemerkt, daN die Ortskrankenkasse so zahlreiche ®cqner hab«, fei nur auf die außerordentliche Höhe bei Beiträge zurückzu- fübten. Stadtv. Schinahl (Fr. Dg> bringt Bedenken rechtlicher Art vor und empfiehlt, vor einer neuen Beschlußfassung erst einmal die Rechtslage gründlich zu prüfen, damit die Stadt nach dem früher gefaßten und der Ortskrankenkasse niilgetcilten Beschluß nicht eventuell scha- dcnsersatzpslichtig werde. Stadtv. Mann (Soz.) kündigt an. daß die Ortskrankenkasse wohl edja- densersatzansprüche für die bisherigen Aufwendungen erheben werde, wenn die Entscheidung jetzt andere falle, denn der Stadtverwaltung fei bekannt gewesen, daß ein Raum für Zahnbehandlung in dem Gebäude geschaffen werden solle. Beigeordneter Dr. H a m m stellt fest, daß in dem Ersuchen der Oitskrankenkasse um Niederlassung von Gelände von einem Verwaltungsgebäude mit modernem Zubehör gesprochen wird, der Stadtverwaltung sei nichts davon Mannt gewesen, daß dort eine Zahnklinik eingerichtet werden solle. In dein obenerwähnten Stadtver- ordnetenbeschluß vom Dezember v. 3. sei Gelände zu einem Verwaltungsgebäude in der unbedingt notwendigen Größe zugesagt worden. Oberbürgermeister Dr. Keller wirst die Frage auf, wie die Stadt sich stellen solle, wenn demnächst die Universität komme und ebenfalls kostenlos Gelände zur Errichtung einer Universitäts- Zahnklinik fordere. Er meinte, man solle doch eine Konkurrenz nicht zu tragisch nehmen. Rach weiterer Debatte, an der sich iroch zahlreiche Redner beteiligen, stellt Stadtv. Goerz (Fr. Vg.) den Antrag, die Angelegenheit zur sorgfältigen Prüfung der Rechtsfrage dem Rechts- a u s s ch u ß zu überweisen. Rach einer Geschäfts- ordnungsMxttte wird über diesen Antrag abgestimmt, der mit 21 gegen 19 Stimmen angenommen wird.
Der öffentlichen Sitzung schließt sich, obwohl es mittlerweile aus 'All Uhc abends geht, noch eine nichtöffentliche Beratung an.
Städtischer Zuschuß an den ArbeiterSamariterbund. Ein Antrag des Finanzausschusses, der Ortsgruppe Gießen des Arbeiter-Samariter-Bundes vom 1. April 1928 ab einen städtischen Zuschuß von 500 Mk. zu gewähren, wird nach längerer Aussprache angenommen. Die Fraktion der Deuischcn T vl.spartei enthält sich der S'.imme. Vor dieser Abstimmung wird ein Antrag der Sozialdemokraten, diesen Zuschuß, ebenso wie beim Roten Kreuz, auf 1500 Mk. festzusetzen, gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Demokraten abgelehnt.
Friedensstraße.
Die neue Straße entlang der Eisenbahn - strecke Gießen — Fulda wird auf Antrag des Finanzausschusses Friedens st raße benannt.
Tarif für Autodroschken.
Auf Antrag des Polizeiamtes Gießen wird einem Tarif für Kraftdroschken in Gießen gutachtlich zugestimmt. Es wird der Wunsch ausgesprochen, daß in Kürze auch der Klein- kraftdroschkenbetrieb in der Stadt Gießen eingeführt wird.
Pollzeioerordnung über den Speiseeisverkaus.
Dem Entwurf einer Polizeiverordnung über bic Herstellung und den Verkauf von Speiseeis in der Stadt Gießen wird zugestimmt.
Der Gasversorgungvvcrtrog mit Rllescck.
Auf Antrag des Betriebs-Ausschusses werden für den Gaslieferungsvertrag mit der Gemeinde Wieseck einige Aenderungen bzw. Zusätze genehmigt. Da die Vorlage nur einige Bruchstücke aus dem ganzen Dertragswerk betrifft, kann über die Abmachungen zwischen den beiden Gemeinden hier nichts berichtet werden.
Beschaffung von Müllwagen.
Die freihändige Beschaffung von 2 Kuka- Müllwagen von je 6 cbm Inhalt zum Preise von je 27 735 Mk. von der Firnra Keller & Knappich G. m. b. H. Maschinenfabrik, Augsburg, wird beschlossen. Die Lieferung soll über die
I Firma P. Jäger, Gießen, erfolgen.
Ftuchttinienplan für den llllesecker Weg.
Aus Antrag der Stadtverwaltung wird dem vorgc legten Fluchtlinienplan für den Wiekecker Weg zugestimmt.
Erhebung von Straßenkostenbeiträgen für Eckhäuser.
Der Beschluß der Stadtverordnetenveriamm- lung vom 21. September 1926 über die Befreiung von Wohnhäusern als Eckhäuser zweier Straßen von S t r a ße n k o st e n für die kürzere Straßenseite wird aufgehoben. Für Fälle, die eine besondere Härte für den Bauherrn bedeuten, wird tie Baudeputation ermädjtigt, einen Teil der Straßenkvsten niederzuschlagen.
3uv Richtigstellung.
Zu unserem Sitzungsbericht über öiefttat- bera tu na (Samstag-Ausqade) sei berichtigend bemerkt, daß auch die Fraktion der Mtttel- ft a n b 8 b c r c i n i g u n g gegen die Bi erst e u e r gestimmt bat.
Weiter ist berichtigend inihuleilen, daß die Mittelstand-Vereinigung (infolge eine- Schreibtchlers war im Bericht vom SamStrg „Wirtschaftliche Vereinigung" >u lesens gegen die Wassern:IM Höhung gestimmt bat Die Zurücknahme drs Antrages der Mit'.elstatrdSvereinigung auf weitere Verkürzung des Wohlsahrtsetats uni 50 000 Mk. erfolgte nur unter B e » u gnahm« auf einen anderen Antrag, der der Verwaltung, aber nicht der Presse zur Kenntnisnahme vorlag und in dem die erneute Rach- Prüfung des Voranschlags — tote am Samstag schon berichtet — zwecks eventueller Erschließung weiterer Sparmöglichkeiten gefordert wurde.
8. vertreterveisammlunü des hessischen Landgemeinde»««- in Groß-Gerau
In der vergangenen Woche sand die diesjährige Vertreterversammlung unter Beteiligung von citoa 300 Bürgermeistern und Gemeinde- Vertretern statt. Der Tagung ging ein Empfangsabend voraus, den die Stadt Groß-Gerau ihren Gästen im Hotel „Zur goldenen Krone" bot und welcher recht hübsche Darbietungen aufwies, die allgemeinen Beifall sanden. Die Tagung wurde von dem Vorsitzenden, Bürgermeister Alexander, Gonsenheim, geleitet. Unter den anwesenden Gästen bemerfte man Oberregierungsrat Dr. Schwamb als Vertreter des hessischen Ministeriums des Innern, ferner den stellvertretenden Geschäftsführer deS Deutschen Landgemeindetag« Ministerialrat a. D. Schellen, den Geschäftsführer des Canbge- meinLetags Preußen West Dr. Schmoll, den Vorsitzenden des badischen Landgemeinde tags. Bürgermeister Menges, Gernsbach. Als Vertreter des hessischen Städtetags war Oberbürgermeister Granzin, Offenbach, erschienen, für den Verband der hessischen Kreise imb Provinzen Kreisdirektvr Dr. Merck, Groß-Gerau. Rach den üblichen Begrüßungsansprachen erstattete der Vorsitzende den Geschäftsbericht für das abgelausene Geschäftsjahr, aus dem zu entnehmen war, daß die Zahl der Mitgliedsgemeinden jetzt 915 beträgt, in welchen 887 000 Einwohner in Hessen vertreten sind. Die Verbandstätigkeit wies im letzten Iahre eine erhöhte Leistung auf. Es wurden allein 200 Rechtsauskünfte erteilt. Die hauptsächlichsten Arbeitsgebiete für den geschäftsführenden Vorstand Im abgelaufenen Iahre erstreckten sich auf die Der- wallungsresorm, Auswertung. Versicherungsanstalt, Straßenwesen, Finanzausgleich, Begutachtung von neuen Gesetzentwürfen, Arbeitslosenfürsorge, Wohnungshwangswirtschäft, Haftpflichtversicherung, Gemetndebeamtenbesoldung. Dec Vorstand vertrat auf allen diesen für die Gemeinden wichtigen Gebieten mit Rachdruck die Interessen seiner Gemeinden, wobei der Vorsitzende nochmals ausdrücklich darauf hinwies, daß der hessische Landgemeindetag nicht eine Vereinigung der Bürgermeister sei, sondern die Vertretung der Gemeindeinteressen verkörpere. AlSdann folgte ein Vortrag des Referenten für Arbeitslosensürforge beim 2ant erarbeit «amt Frankfurt a.M, Dr. Schenck, über Arbeitslosenfürsorge, in welcher dieser die hauptsäch- lichsten^ Bestimmungen des Gesetzes über Arbeits-
Möwe im Sturm.
Vornan von Sophie KloerH.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Der Name sagte der Oesterreicherln nichts. Sie ahnte nicht, daß in der deutschen Reichshauptstadt jeder Bankbeamte bei seinem Klang sofort Gold klingen und Scheine rascheln hörte.
Heinz Godesheim sah ihnen entgegen mit einem Blick, in dem etwas wie Eifersucht wachte. Warum hatte er es nicht sein können, der ihr half?
„Ich darf Sie bitten, sich an meinen Tisch zu setzen?" fragte Kollmann, doch die Frage war so I,erstellt, daß es keine Ablehnung gab. „Sind Sie jcher, daß Sie die Daten beherrschen? Lydia Marn- >old. Geboren zu Remscheid, zweiundzwanzig Jahre
alt."
„Wenigstens das Aller stimmt," lächelte Maria.
"Unb kein Wort mehr sagen, als unbedingt notwendig ist. Einer der Beamten spricht deutsch. Die übrigen verstehen es meistens nicht einmal. Aber da man nicht wissen kann — Vorsicht."
„Ich spreche Italienisch. Ich war als Kind ein ganzes Jahr in Italien.
„Lasten Sie es nicht merken. Deut>che Privatsekretärinnen sprechen es im allgemeinen nicht. Diese Damen sind meist nicht in der Lage gewesen, sich ein Jahr in Italten zu leisten."
Wieder lächelte sie. sah ihn aber dabei dankbar an und wußte nicht, wie leuchtend ihre Augen in dem Augenblick waren.
Und wieder spürte Godesheim die stechende Eifersucht, obgleich der Blonde wohl nicht als Mann in Betracht kommen konnte. Sie lächelle ihn aus Dankbarkeit an, aber er hätte viel darum gegeben, wenn diese Dankbarkeit ihm zutell geworden wäre.
Einfahrt in Station Brenner.
Brennera nannte es die neue Regierung.
Rechts und fints aufgereihte Soldaten, italienische Bersaglieri. Den Napoleonshut mit wehenden Federn auf dem Haupte, den dunklen nagelneuen Tuchmantel stolz um Brust und Schulter geschlagen, alles staMichc Leute mit kühnen, hübschen Gesichtern, so standen sie da und hüteten die Grenze in voller Ausrüstung gegen harmlose deutsche Reisende.
Es war ein glänzendes Theater, aber es gab viele spöttische und hie und da ein paar zornerfüllte Gesichter im Zuge.
Schon wurden die Türen geöffnet, zu dreien und dreien betraten zwei Paßrevistonen die Abteile und forderten höflich, aber doch mit großer Würde die Pässe.
Sorgfältig geprüft wurde einer nach dem andern zurückgereicht, Maria spürte die Entscheidung mit jedem Atemzug näher kommen. Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen, sie wußte, daß sie abwechselnd blaß und rot wurde. Aber keine Miene in ihrem Gesicht veränderte sich. Als ginge das ganze nicht sie, sondern nur ihren Chef an, der für ferne Begleiterin einstehen mußte, strich sie sich ein Brötchen, unb zwang sich, einen Bisten zu kauen und hin- unterzuschlucken.
„Mein Herr, Ihr Paß."
„Bitte," sagte Kollmann. Mit einer Handbewe- gung nach Maria hin: „Meine Sekretärin."
Unwillkürlich hob sie ben Blick, unb in biefem Blick, ber ben Beamten traf, stand etwas, das ihn stutzig machte. War cs Haß? Empörung? Hochmut? — Es sahen ihn manche so an, die aus dem besiegten Oesterreich kamen, aus dem Lande des allen Erbfeindes, aber diese Dame war — dem Paß nach — eine Reichsdeutsche.
„Woher sind Sie, Signora?"
„Aus Remscheid." Wenn der Gestrenge nun fragen würde, wo Remscheid lag, bann war sie verloren. Geographie hatte sie nie geschätzt.
Doch ber Italiener wußte von Remschcld ebensowenig, er sah nur, daß ber Paß in Berlin ausgestellt war. Aber irgenb etwas in ihm witterte eine Unordnung. Man setzte sich gern in Respekt vor diesen Fremden. Die Anweisungen der Behörden waren in solchen Dingen sehr genau.
„Name? Alter?"
Wie gut, daß sie es sich eingepragt hatte!
„Sie werben hier einmal ihren Namen auf bies Papier schreiben. Wir werden vergleichen. — Und wir werden sehen."
Die Lage, in der sich Kollmann unb seine Begleiterin befanben, war kritisch. Auch die beiden Begleiter des italienischen Paßreoisors wurden unruhig, aber aus einem anderen Grund. Jeden Auaen- blick konnte der Münchner O-Zug signalisiert werden,
die unseligen Verspätungen dieses Morgens drängten zur Eile.
Aber ihr Vorgesetzter ließ sich nicht beirren.
Er nahm einen Tintenstift aus der Tasche unb hielt ihn Maria hin, der Verdacht sprach deutlich aus dem Blick, mit dem er ihren Verband betrachtete.
„Alles verloren," dachte Godesheim. Ihm brach ber kalte Schweiß aus. Sorgsam entfernte Maria ben Derbanb.
„Ein bißchen schnell, Signora." Selber griff «r zu, bas Tuch von ber Hand zerrenb. Nun würden die gesunden Finger zum Vorschein kommen. Maria spannte die Muskeln, das Blut mußte sofort zu rieseln beginnen, unb babei sagte sie: „Ich schnitt mich mit einem Glase, mein Herr. Etwas Rücksicht gegen eine Dame, wenn ich bitten barf."
Da quoll es schon rot aus bem Tuch unb lies bem erschrockenen Beamten aus die Hand.
„Diaoolo," er zuckte zurück. „Sie werden schreiben mit bem Tuch — es wirb gehen —"
Im gleichen Augenblick hörte man von brausten Lärm, Signale, Geschrei, Rennen, Pfeifen — alles stürzte an bk Fenster, die Beamten liefen zur Tür — eine Maschine fauchte und zischte, daß die Luft draußen in einem Augenblick mit Dampf wie mit Nebel erfüllt war — verschiedene Reisende sprangen aus ben Wagen unb wurden von ben Soldaten zu» rückckgcdrängt.
Der Münchner Zug auch schon verspätet, hatte das Signal „Strecke besetzt" überfahren — ober war es nicht gegeben? — Kaum zehn Meter hinter dem letzten Wagen des Wiener Zuges war er zum Stehen gebracht worden.
Lärm und Vorwürfe auf beiden Seiten. Die Jia- licner schrien unb gestikulierten. Die Deutschen sagten weniger, aber an Deutlichkeit ließen ihre Ausdrücke nichts zu wünschen übrig. Zornmütig nahmen sie ihre Kisten unb »Päckchen, fliegen aus, würben mit Geleit zum bereitstehenden Gegenzua geführt, unb italienische Eisenbahner besetzten bte beiden Züge. *
„Zur Zollrevision!"
Kollmann erhob sich. „Soll ich Ihren Koffer mit untersuchen lassen, Fräulein Mornhold? Wollen Sie ihn mir anvertrauen?"
„Ich habe noch Gepäck außerdem." v
„Geben Sie mir den Schein."


